War das alles?

Zunächst einmal vorneweg: Ich bin kein Filmkritiker und lese auch keine Filmkritiken. Ich bin allgemein ein sparsamer und kein sehr ernsthafter Filmeschauer, meistens oberflächliches Zeug. Was Filme, Filmkunst, und die Kunst Filme zu deuten anbelangt, bin ich keine Leuchte, bestenfalls ein Glühwürmchen.

So saß ich also ganz unbedarft in der Premiere des neuen Terrence Malick-Films „Ein verborgendes Leben“. Er dreht sich um die reale Geschichte des Bauern Franz Jägerstätter, der zur Zeit des Nationalsozialismus in Österreich lebte. Ein Bauer, der 1943 in Berlin als „Wehrkraftzersetzer“ hingerichtet wurde, nachdem er den Dienst an der Waffe verweigert hatte.

Es beginnt mit dem vollkommenen harmonischen Leben der Familie Jägerstätter. Ein sich liebendes junges Ehepaar, drei fröhliche Kinder, die Arbeit auf den Feldern in den Bergen, im Hintergrund das Hochgebirge.

Dann ziehen buchstäblich dunkle Wolken auf. Das Dorf wendet sich geschlossen den Nazis zu. Die ersten werden eingezogen. Jägerstätter steht zusehends vor der Entscheidung: Mitmachen oder nicht? Er entscheidet sich dagegen. Von da an nimmt das Unheil seinen Lauf. Die Familie wird im Dorf geächtet. Der Druck wächst. Jägerstätter hält an seiner Überzeugung fest. Bis kurz vor seinem Tod hätte er sich anders entscheiden können. Er hat es nicht getan.

 

Haltung zeigen für eine bessere Welt

Diese Geschichte wird über drei Stunden hinweg erzählt. Sichtlich darauf abzielend den Zuschauer in die Rolle des kleinen österreichischen Bauers zu versetzen. Es drängt sich die Frage auf: Ist es das wert gewesen? Am Ausgang des Krieges hat diese Entscheidung nichts geändert. Trotzdem hat er seiner Familie den eigenen Tod zugemutet. Wofür ist Franz Jägerstätter eigentlich gestorben? Im Abspann des Films wird eine Antwort gegeben:

wenn die Welt immer besser wird, so ist das zum Teil auf Taten ohne historischen Rang zurückzuführen; und dass es um den Leser und mich nicht so schlecht steht, wie es sein könnte, das verdanken wir zur Hälfte den Menschen, die voll gläubigen Vertrauens ein Leben im Verborgenen geführt haben und in Gräbern ruhen, die kein Mensch kennt.“

Bezogen auf heute könnte man das übersetzen: Zivilcourage üben, Haltung zeigen, Aufstehen gegen rechts, das ist die Lehre dieses Films. Wenn es nur genügend Franz Jägerstätter gibt, wird die Welt eine bessere werden.

 

Historische Nebensächlichkeiten

Man kann, während man seinen wundgesessenen Hintern aus dem Kinostuhl hievt und sich benommen auf den Heimweg macht, ein solches Fazit ziehen. Doch schon beim Durchwanken des Kinofoyers wird einem flau im Magen, wenn man sich der Kurzsichtigkeit einer solchen Binsenweisheit bewusst wird.

Denn eines fällt an dem Film auf: Das spezifische Unrecht der Nationalsozialisten und des Holocausts wird keineswegs thematisiert. Der Film hätte genauso gut vor dem Hintergrund eines anderen diktatorischen Regimes spielen können, das bestimmte Volksgruppen unterdrückt und seine Nachbarstaaten überfällt. Jägerstätter würde dann einen anderen Namen tragen, aber vor die gleiche Gewissensfrage gestellt werden: Darf ich aufgrund eines Militärbefehls unschuldige Menschen töten? Und der Film würde genau den gleichen Gang gehen.

Das ist für sich genommen eigentlich nichts Schlechtes. Trotzdem halte ich es für bedenkenswert, dass ein Film, der in der Nazizeit spielt und die Geschichte eines real existierenden Menschen erzählt, die damals ebenso reale Wirklichkeit des Nationalsozialismus und des Holocausts ausklammert.

 

Der Holocaust als Variable

In meiner Generation, deren Großeltern allenfalls diese Zeit noch miterlebt haben, rücken die Verbrechen von damals in weite Ferne. Man lernt in der Schule die Zahlen auswendig: sechs Millionen tote Juden, fünfundsiebzig Millionen Kriegstote insgesamt. Das sind erschreckende Zahlen. Man lernt auch, wie es historisch dazu gekommen ist. Ein Verständnis für die zersetzende Wirkung dieser Unrechtsherrschaft jenseits von ermordeten Menschen, zerstörten Städten und politischen Folgen, lernt man dort nicht.

Was dieser Film bewusst oder unbewusst zum Ausdruck bringt, liegt daher gar nicht so fern: Der Holocaust wird zu einer bloßen Variablen. Er unterscheidet sich von anderen Massenermordungen nur noch durch die besonders hohe Zahl der Opfer und das besonders systematische Vorgehen der Vollstrecker. Er hat dann nicht mehr eine fundamental andere Qualität, sondern reiht sich nahtlos ein in eine lange Geschichte von Verbrechen, von denen allen man sagen kann, dass diese gegen die – wie auch immer verstandene – Menschlichkeit begangen wurden.

 

Gedankenloses Gedenken

Es ist vielleicht ein Zufall, dass dieser Film nur ein paar Tage nach den Gedenkfeiern zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz in die deutschen Kinos gekommen ist. Man wurde einmal mehr nicht müde zu sagen „Nie wieder!“. Die verschleißenden Beteuerungen, wie schlimm doch alles war und wie wichtig es sei daraus Lehren zu ziehen, geben keine Antwort auf die Frage, was denn nun genau nie wieder geschehen soll.

Worin liegt die tiefere Bedeutung der nationalsozialistischen Massenmorde? Mussten gerade die Juden zum ersten Ziel der Vernichtungsmaschinerie werden, oder war das ein Zufall? Ist es nur eine Ironie des Schicksals, dass dieser Massenwahn gerade im Zentrum Europas ausgebrochen ist, mit seiner Geschichte voller großer Philosophen, Theologen, Dichter, Künstler und Forscher? Wurde Europas geistiges Fundament damals in Stücke geschlagen, oder nicht? Wenn man annimmt, Jägerstätter habe recht gehandelt, indem er seinem Gewissen folgte: Woran müssen sich Gewissensentscheidungen heute messen lassen, oder ist sich das Gewissen selbst Maßstab genug?

Anstatt wirklich drängende Fragen zu stellen, die auch im Handeln des Franz Jägerstätter zu Tage treten, lädt der Film ein zu einem salonphilosophischen Gedankenspiel: Wie hätte sich der Zuschauer in der gleichen Situation verhalten? Das ist ein müder und viel zu lang erzählter Witz ohne Pointe.

Niemand kann es sich ernsthaft ausmalen, wie es ist in einer solchen Situation zu stecken.

 

Und am Ende die Erkenntnis

Franz Jägerstätters Leidensweg wird bis hin zum Schafott ununterbrochen in einer aufdringlichen Nähe dargestellt. Eine oberflächliche Nähe. Wer weiß schon, was letztlich seine Beweggründe waren? Auch quälend lange Kameraeinstellungen im Gefängnis und eine emotional aufwühlende Abschiedsszene bringen hier keinen Erkenntnisgewinn.

Am Ende bleibt nur der Nervenkitzel, während man ihn wartend im Gefängnishof sieht. Im Hintergrund hört man das Fallen der Klinge, die den Kopf des Letzten vor ihm abtrennt. Einmal noch gegruselt und dann die einsetzende Gewissheit: „Haltung zeigen!“ darauf kommt es an.

Inzwischen bin ich zu Hause angekommen und mir ist schlecht. Ich bin – wie gesagt – kein Filmkenner. Vielleicht will der Film etwas ganz anderes. Vielleicht habe ich die künstlerische Intention verkannt. Aber eines ist sicher: Drei Stunden hätte es nicht gebraucht, um der bahnbrechenden Erkenntnis Raum zu verschaffen, wie wichtig es doch sei Gutes zu tun. saw

Synodale Weggabelung

Das Findelkind

Seit wir zweibeinig sind und raus aus dem dickichten Urwald, seit wir in der Savanne die weiten Horizonte erkunden, und nachts der Sternenhimmel uns offensteht, seit wir uns selbst bewusst wurden und unsere Toten in der Savannenerde begraben, wahrscheinlich schon früh in unserer Sapiensgeschichte möchten wir nach dem Tod nicht tot sein.

So haben wir uns schon sehr früh Religion, und Götter, und einen Jenseitsort, eine ewig schöne Heimat nach unserem oft kurzen, mühseligen, gewaltbegleiteten Leben gesucht. Das Jenseits wurde unser Trost, Priester traten auf und übernahmen den Dienst an der Wegweisung zum ewigen Leben.

Ein Winzling auf der Erde, Israel, steigt aus diesem Religionszirkus aus. Der Himmel staunt. Gott gewinnt Israel lieb, er will bei den Menschen wohnen. „Er steigt herab.“ Israel empfängt die Tora. Sie macht die Erde zum Paradies, Menschen werden Nächste.

Über tausend Jahre übt Israel das Leben in der Tora. Und über tausend Jahre murrt Israel: „Es ist zu schwer.“ „Wir wollen sein wie alle Völker.“ Und sie bauen ihrem Gott die schönste aller Wohnungen, den Tempel.

Gottes Volk lebt in Gefangenschaft, in Besatzung. Israel betet, schreit, hofft einen Messias, der befreit.

Ja, und noch einmal steigt Gott herab, wird Mensch, wird Jude. Das Israel der Zwölf kommt. „Flamme auf Flamme … auf jeden einzelnen von ihnen.“ Gottes Geist steigt herab, bleibt bei den Zwölf.

Die Kirche wächst, wird groß, bringt Frucht, wird mächtig. Die Christenmacht erobert die Welt der Religionen. Priester übernehmen die Wegweisung zum ewigen Leben. So haben wir wie früher Jenseits-Religion.

Die Jahrhunderte der europäischen Aufklärung klären dann auch unsere Christenreligion. Wir sind wieder Gott los geworden. Die Rede von Gott ist tot. Stumm, taub, blind überlebt sie die Ermordung von Gottes Diesseitsvolk der Juden nicht.

„Alles war aus für immer.“

Die Testamente liegen noch am Boden. Und die moderne Bibelwissenschaft hilft. Man hört neue Rede vom Gottesvolk säkularer Gemeinden: „Mädchen, ich sage dir, steh auf.“ rus

Was soll das Theater? – Mit Videoclip

Man könnte meinen, das Theater sei überflüssig geworden: Wieso die Bequemlichkeit der eigenen vier Wände eintauschen gegen einen harten Stuhl, eingezwickt im Theaterpublikum?

Warum sich auf eine Vorführung einlassen, wenn hinter den heimischen Bildschirmen tausende warten? Wozu überhaupt noch „Bretter, die die Welt bedeuten“, wenn Heerscharen an Denkern und Forschern über Jahrtausende hinweg ein kaum überschaubares Wissen angehäuft haben? Weiß man denn nicht spätestens heute, was nun die Welt bedeutet? Allen, die solchen Bedenken folgend des Theaterganges nicht mehr bedürfen: Glückwunsch, eine Mühsal weniger! Allen anderen sei Folgendes empfohlen: Der Prolog eines Theaterabends aus dem Sommer 2019 im Park des Günter-Stöhr-Gymnasiums – unter Mitwirkung vieler aus dem Umfeld der Schule und der Integrierten Gemeinde. Jederzeit anschaubar, ganz bequem, ganz bildschirmtauglich, wann immer, wo immer, ganz wie man möchte. saw

Videoclip „Prolog zum Sommernachtstraum“

Die Worte

 

Die Worte

wurden wegen Betrugs angeklagt

 

Eine geringe Anzahl

erhielt untergeordnete Anstellungen

als Zuträger und Laufburschen

 

„ab heute

muss es im Leben geschehen“

 

Hedvig Fornander

Zum Leben in Gemeinschaft

 

Der Apfelbaum wills dem Birnbaum abgucken

 

die Kartoffelstaude schielt auf die Wassermelone

 

aber was machen wir mit einer Melonenschwemme?

 

verdankt doch unsere Küche ihren Ruhm

unseren schmackhaften Kartoffelgerichten.

 

Hedvig Fornander

Unverhoffter Augenblick

Der andere sieht etwas anderes als ich.

Schaue ich mich an, sehe ich ,von innen nach außen‘,

kann nicht absehen von mir.

Der andere schaut mich von außen nach innen an,

sieht, was ist und was war.

Und was mich Jahre bedrückt hat,
wo ich immer noch dachte „hätte ich doch“,
„wäre ich doch“ heißt dann:
Es war die notwendige Reibungsfläche,
an der alle Möglichkeiten des Heute sich entzünden konnten.

Der andere sieht mehr als ich.

anm

Leise

Mit Grüßen aus einem verschneiten Berghäuschen nach Bautagen in Urfeld am Walchensee

 

Leise rieselt der Schnee,

still und starr – „Moment!“

es brodelt und wogt der See,

weihnachtlich? Lichter, Schmuck – ja.

Sonst altes, graues Gemäuer – unwirtlich.

 

In den Herzen ... – ja, was eigentlich?

 

Unscheinbar, unspektakulär profan

wie bei den Hirten auf den Feldern – Verwandlung.

Wand, für Schrank, für Lampe, für Nadelstich,

kehrt Leben ein – in Haus und Herz.

hat

Wir Helden – Nr. 5

... nur noch schnell den Weg freihacken

daw/bra

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