Paulus an der Garderobe

8. Mai 2016, 7. Sonntag der Osterzeit

Erst nach dem ersten Viertel der Apostelgeschichte wird Saulus aus Tarsus wie nebenbei in die Geschichte der frühen Kirche eingeführt: „Die Zeugen legten ihre Kleider zu Füßen eines jungen Mannes nieder, der Saulus hieß.“

Er fungiert als Garderobiere, eine Randfigur. Was er da erlebt – die Steinigung des Hellenisten Stephanus, der zum Abfall von Mose und der Tora verführt –, wird für ihn Programm: Diese neue jüdische Sekte um Jesus muss bekämpft und erstickt werden.

Wahrscheinlich hat Paulus später selbst die ‚Damaskus-Legende‘ in Umlauf gebracht. Er war ein Niemand. Er erfüllte nicht die Kriterien für einen richtigen Jünger Jesu. Er war Jesus nie begegnet. Ein skeptisch beäugter, chancenloser Quereinsteiger. Vierzehn Jahre verbrachte er in seiner Heimat, bis Barnabas ihn ausfindig machte und zurückholte.

Die hellenistisch inspirierte Ausweitung des Judentums, die Stephanus noch mit dem Leben bezahlen musste, wird für Paulus zur unerwarteten Chance: Vom Garderobiere avanciert er zum authentischen Interpreten Jesu. ars

Apg 7,55-60

In jenen Tagen blickte Stephanus, erfüllt vom Heiligen Geist, zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen und rief: Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen. Da erhoben sie ein lautes Geschrei, hielten sich die Ohren zu, stürmten gemeinsam auf ihn los, trieben ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn. Die Zeugen legten ihre Kleider zu Füßen eines jungen Mannes nieder, der Saulus hieß. So steinigten sie Stephanus; er aber betete und rief: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf! Dann sank er in die Knie und schrie laut: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an! Nach diesen Worten starb er.

Der Heilige Geist und wir

1. Mai 2016, 6. Sonntag der Osterzeit

„Jesus verkündete die basileia Gottes, und gekommen ist die Kirche.“ Diesem (heute als resignativ wahrgenommenen) Satz von Alfred Loisy muss sich stellen, wer erklären will, wann, warum und wie es zur Gründung der Kirche kam.

War sie schon durch den historischen Jesus grundgelegt, als er die Zwölf schuf? Oder in Cäsarea-Philippi, wenn Petrus zum Fels erhoben wird, „auf dem ich meine Kirche bauen werde“? Oder beim Letzten Mahl Jesu oder an Pfingsten?

Der zweiten Lesung zum sogenannten Apostelkonzil ist zu entnehmen, dass die da Versammelten eine so nie gestellte Frage entscheiden sollten: Können Heiden in die christliche Gemeinde aufgenommen werden, ohne die Tora mit ihren Konsequenzen zu übernehmen? In ihrem Brief begründen sie ihre Entscheidung: „Der Heilige Geist und wir haben beschlossen“. Sie überschreiten damit eine rote Linie. Sie deuten, was Jesus lehrte, neu. Sie verharren nicht beim Anfang. Sie schreiben den Anfang fort im Geist Jesu. Die Kirche – und ihre Gründung – wird verstehbar als ein Prozess, der andauert. ars

Apg 15,1-2.22-29

In jenen Tagen kamen einige Leute von Judäa herab und lehrten die Brüder: Wenn ihr euch nicht nach dem Brauch des Mose beschneiden lasst, könnt ihr nicht gerettet werden. Nach großer Aufregung und heftigen Auseinandersetzungen zwischen ihnen und Paulus und Barnabas beschloss man, Paulus und Barnabas und einige andere von ihnen sollten wegen dieser Streitfrage zu den Aposteln und den Ältesten nach Jerusalem hinaufgehen. Da beschlossen die Apostel und die Ältesten zusammen mit der ganzen Gemeinde, Männer aus ihrer Mitte auszuwählen und sie zusammen mit Paulus und Barnabas nach Antiochia zu senden, nämlich Judas, genannt Barsabbas, und Silas, führende Männer unter den Brüdern. Sie gaben ihnen folgendes Schreiben mit: Die Apostel und die Ältesten, eure Brüder, grüßen die Brüder aus dem Heidentum in Antiochia, in Syrien und Zilizien. Wir haben gehört, dass einige von uns, denen wir keinen Auftrag erteilt haben, euch mit ihren Reden beunruhigt und eure Gemüter erregt haben. Deshalb haben wir uns geeinigt und beschlossen, Männer auszuwählen und zusammen mit unseren lieben Brüdern Barnabas und Paulus zu euch zu schicken, die beide für den Namen Jesu Christi, unseres Herrn, ihr Leben eingesetzt haben. Wir haben Judas und Silas abgesandt, die euch das Gleiche auch mündlich mitteilen sollen. Denn der Heilige Geist und wir haben beschlossen, euch keine weitere Last aufzuerlegen als diese notwendigen Dinge: Götzenopferfleisch, Blut, Ersticktes und Unzucht zu meiden. Wenn ihr euch davor hütet, handelt ihr richtig. Lebt wohl!

Eine Tür zum Osterglauben

24. April 2016, 5. Sonntag der Osterzeit

Paulus und Barnabas, die nach der Erfahrung von Jesu Tod und Auferstehung in Kleinasien unterwegs sind, finden in jeder Stadt, die sie bereisen, eine Synagoge.

Den Ort für das Erziehen der Kinder, das Studieren, das Beten und Streitschlichten, die Unterstützung der Armen und das Beherbergen von Gästen. Sie finden in jeder Stadt eine Gemeinde, die jede Woche die Schriften liest und darüber diskutiert. Und sie finden Menschen, die vom Judentum fasziniert sind, sich aber vor einem Übertritt scheuen. Diesen sogenannten ‚Gottesfürchtigen‘ genügen wenige Worte der beiden Apostel über Jesus. Den biblischen Glauben kennen sie ja. Ihnen fehlte nur diese ‚Tür‘, um hineinzugehen. mim

Apg 14,21b-27

In jenen Tagen kehrten Paulus und Barnabas nach Lystra, Ikonion und Antiochia zurück. Sie sprachen den Jüngern Mut zu und ermahnten sie, treu am Glauben festzuhalten; sie sagten: Durch viele Drangsale müssen wir in das Reich Gottes gelangen. In jeder Gemeinde bestellten sie durch Handauflegung Älteste und empfahlen sie mit Gebet und Fasten dem Herrn, an den sie nun glaubten. Nachdem sie durch Pisidien gezogen waren, kamen sie nach Pamphylien, verkündeten in Perge das Wort und gingen dann nach Attalia hinab. Von dort fuhren sie mit dem Schiff nach Antiochia, wo man sie für das Werk, das sie nun vollbracht hatten, der Gnade Gottes empfohlen hatte. Als sie dort angekommen waren, riefen sie die Gemeinde zusammen und berichteten alles, was Gott mit ihnen zusammen getan und dass er den Heiden die Tür zum Glauben geöffnet hatte.

Am Rande der Sprache

17. April 2016, 4. Sonntag der Osterzeit

In der himmlischen Versammlung aus der Johannes-Offenbarung taucht eine weißgewandete Schar auf: „die aus der großen Bedrängnis kommen“. Woher das weiße Gewand, der Ursprung des Taufkleids?

 

Der Text gibt eine Erklärung: „Sie haben ihre Gewänder weiß gewaschen im Blut des Lammes.“ Die unreinen Kleider werden durch Blut gewaschen, damit sie weiß werden – chemisch nicht möglich. Offenbar Andeutungen am Rande der Sprache, über das Unvorstellbare, das Wunder, das schon der Prophet geheimnisvoll ahnt: „…durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jes 53,5) Das Wunder Erlösung als Reinigung.

Das ist eine singuläre Formulierung über die Gewaltlosigkeit als Schlüssel für das biblische Gottesbild. Für Christen bekommt der seit Abraham altbekannte Gott eine neue Definition: Jesus. Ein Gott, der nie durch Gewalt eingreift – aber durch das Erdulden von Gewalt, durch das Kreuz Jesu und den Tod der Märtyrer, in die Welt eingegriffen hat. tac

Offb 7, 9.14b-17

Danach sah ich: eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen. Sie standen in weißen Gewändern vor dem Thron und vor dem Lamm und trugen Palmzweige in den Händen. Und er sagte zu mir: Es sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen; sie haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht. Deshalb stehen sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm bei Tag und Nacht in seinem Tempel; und der, der auf dem Thron sitzt, wird sein Zelt über ihnen aufschlagen. Sie werden keinen Hunger und keinen Durst mehr leiden, und weder Sonnenglut noch irgendeine sengende Hitze wird auf ihnen lasten. Denn das Lamm in der Mitte vor dem Thron wird sie weiden und zu den Quellen führen, aus denen das Wasser des Lebens strömt, und Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen.

„Mehr“ – der verflixte Komparativ

10. April 2016, 3. Sonntag der Osterzeit

Nicht nur Adjektive können gesteigert werden, auch Tätigkeitswörter. Gleich zweimal begegnen heute Verben im Komparativ: „Gott mehr gehorchen als den Menschen.“

„Liebst du mich mehr als diese?“ Das eine als programmatische Aussage, das andere als bange Frage an Petrus.

Mehr gehorchen? mehr lieben? – ist das Positiv nicht schon ausreichend?

Der jüdische Philosoph und Literaturwissenschaftler George Steiner hat viel über den Antisemitismus nachgedacht und geschrieben. Er denkt: Mit dieser Haltung reagieren die Menschen, weil sie das Gefühl haben, es sei von ihnen mehr erwartet, als sie von sich aus zu geben und zu tun bereit sind.

In der jüdischen Tradition ist die Vorstellung beheimatet: Sechsunddreißig ungekannte Gerechte halten die Welt im Lot, vielleicht, weil sie zu mehr bereit sind. ars

Apg 5,27b-32.40b-41

In jenen Tagen verhörte der Hohepriester die Apostel und sagte: Wir haben euch streng verboten, in diesem Namen zu lehren; ihr aber habt Jerusalem mit eurer Lehre erfüllt; ihr wollt das Blut dieses Menschen über uns bringen. Petrus und die Apostel antworteten: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Der Gott unserer Väter hat Jesus auferweckt, den ihr ans Holz gehängt und ermordet habt. Ihn hat Gott als Herrscher und Retter an seine rechte Seite erhoben, um Israel die Umkehr und Vergebung der Sünden zu schenken. Zeugen dieser Ereignisse sind wir und der Heilige Geist, den Gott allen verliehen hat, die ihm gehorchen. Dann verboten sie den Aposteln, im Namen Jesu zu predigen, und ließen sie frei. Sie aber gingen weg vom Hohen Rat und freuten sich, dass sie gewürdigt worden waren, für seinen Namen Schmach zu erleiden.

Joh 21,1-19

In jener Zeit offenbarte Jesus sich den Jüngern noch einmal. Es war am See von Tiberias, und er offenbarte sich in folgender Weise. Simon Petrus, Thomas, genannt Didymus – Zwilling –, Natanaël aus Kana in Galiläa, die Söhne des Zebedäus und zwei andere von seinen Jüngern waren zusammen. Simon Petrus sagte zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sagten zu ihm: Wir kommen auch mit. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot. Aber in dieser Nacht fingen sie nichts. Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Jesus sagte zu ihnen: Meine Kinder, habt ihr nicht etwas zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sagte zu ihnen: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus, und ihr werdet etwas fangen. Sie warfen das Netz aus und konnten es nicht wieder einholen, so voller Fische war es. Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr sei, gürtete er sich das Obergewand um, weil er nackt war, und sprang in den See. Dann kamen die anderen Jünger mit dem Boot – sie waren nämlich nicht weit vom Land entfernt, nur etwa zweihundert Ellen – und zogen das Netz mit den Fischen hinter sich her. Als sie an Land gingen, sahen sie am Boden ein Kohlenfeuer und darauf Fisch und Brot. Jesus sagte zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt. Da ging Simon Petrus und zog das Netz an Land. Es war mit hundertdreiundfünfzig großen Fischen gefüllt, und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht. Jesus sagte zu ihnen: Kommt her und esst! Keiner von den Jüngern wagte ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war. Jesus trat heran, nahm das Brot und gab es ihnen, ebenso den Fisch. Dies war schon das dritte Mal, dass Jesus sich den Jüngern offenbarte, seit er von den Toten auferstanden war. Als sie gegessen hatten, sagte Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine  Lämmer! Zum zweiten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe! Zum dritten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Da wurde Petrus traurig, weil Jesus ihn zum dritten Mal gefragt hatte: Hast du mich lieb? Er gab ihm zu Antwort: Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich lieb habe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe! Amen, amen, das sage ich dir: Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst. Das sagte Jesus, um anzudeuten, durch welchen Tod er Gott verherrlichen würde. Nach diesen Worten sagte er zu ihm: Folge mir nach!

Selig

3. April 2016, 2. Sonntag der Osterzeit

Dieses Adjektiv assoziiert man zuerst mit den Seligpreisungen, die Matthäus der Bergpredigt Jesu voranstellt. Am 8. Tag nach Ostern wird die Liste erweitert: „Selig, die nicht sehen, und doch glauben.“

 

Eine lange Tradition zusammenfassend, beschreibt Thomas von Aquin das Sehnsuchtsziel eines gläubigen Lebens seiner Zeit als visio beatifica, als beseligende Schau Gottes. Seligmachendes Sehen – seliges Glauben trotz Nicht-Sehens.

Die Spannung ist nicht zeitlich auflösbar, wie das Jahrhunderte lang versucht wurde. So als ob erst nach dem Tod die Sicht frei würde – bis dahin sei Nicht-Sehen. „Er ging ihnen auf“ ist das urtümlichste Wort für das, was am dritten Tag erst einigen Frauen und dann auch den Jüngern passiert. Wir alle gehören zu den Nicht-Sehenden, können zu Mit-Glaubenden werden. ars

Joh 20,19-31

Am Abend des ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert. Thomas, genannt Didymus – Zwilling –, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht. Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt, und Thomas war dabei. Die Türen waren verschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.

Wozu Petrus?

27. März 2016, Ostersonntag

An seiner Person finden die Evangelisten kaum ein gutes Haar. Schon vor einer harmlosen Magd knickt er ein. Oft liegt er einfach falsch.

„Mir aus den Augen, Satan!“ muss er sich von seinem Meister anhören. Er ist nicht der Schnelle – nicht im Verstehen, auch nicht an Ostern. Die Frauen sind ihm voraus, beim Wettlauf zum Grab wird er nur Zweiter. Sein Konkurrent lässt ihm an der Ziellinie den Vortritt. Nur so kommt er auf der Liste der Osterzeugen doch auf Platz 1.

Als Simon tritt er in unseren Gesichtskreis; was er unter dem neuen Namen Petrus-Fels vollführt, ist wie dessen ständige Widerlegung. Vielleicht ist es ja so gedacht: Nur indem er sich hergibt, so sichtbar der ‚Unmögliche‘ zu sein, kann der unsichtbare Fels Abrahams, Israels und der Kirche seine treue Präsenz zeigen. ars

Joh 20,1-9

Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war. Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem Jünger, den Jesus liebte, und sagte zu ihnen: Man hat den Herrn aus dem Grab weggenommen, und wir wissen nicht, wohin man ihn gelegt hat. Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grab; sie liefen beide zusammen dorthin, aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus, kam er als Erster ans Grab.

Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen, ging aber nicht hinein. Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sah die Leinenbinden liegen und das Schweißtuch, das auf dem Kopf Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle. Da ging auch der andere Jünger, der zuerst an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte. Denn sie wussten noch nicht aus der Schrift, dass er von den Toten auferstehen musste.

Jesus, schweigend

20. März 2016, Palmsonntag

Ganz ungewöhnlich für die liturgische Praxis, die längere Lesungen vermeidet, wird heute die ganze Passionsgeschichte nach Lukas erzählt.

Ein Detail, das nur er überliefert:

Im Prozessverlauf wird Jesus dem König Herodes vorgeführt. Der hat sich eine Meinung über den Mann aus Galiläa gebildet und erwartet einen öffentlichkeitswirksamen Auftritt. Er wird gründlich enttäuscht. Kein Wort, keine spektakuläre Aktion. Schweigen. Dabei verstand sich Jesus aufs Reden. Wenn viele um ihn waren, die ihn hören wollten, verbarg er in Gleichnissen, was er zu sagen hatte; und es heißt: Sie hörten und verstanden nicht. War er mit den Zwölf allein –  und das war oft –, redete er offen, aber auch sie waren meist schwerhörig. Vor Herodes hüllt er sich in Schweigen – die einzig verbleibende Beredtheit gegenüber dem angeblichen Interesse. Ist es da verwunderlich, dass Sören Kierkegaard mutmaßte: Was Jesus sagen wollte, ist noch gar nicht richtig angekommen? ars

Lk 23,1-12 (Auszug aus der Passion)

Daraufhin erhob sich die ganze Versammlung, und man führte Jesus zu Pilatus. Dort brachten sie ihre Anklage gegen ihn vor; sie sagten: Wir haben festgestellt, dass dieser Mensch unser Volk verführt, es davon abhält, dem Kaiser Steuer zu zahlen, und behauptet, er sei der Messias und König. Pilatus fragte ihn: Bist du der König der Juden? Er antwortete ihm: Du sagst es. Da sagte Pilatus zu den Hohenpriestern und zum Volk: Ich finde nicht, dass dieser Mensch eines Verbrechens schuldig ist. Sie aber blieben hartnäckig und sagten: Er wiegelt das Volk auf und verbreitet seine Lehre im ganzen jüdischen Land von Galiläa bis hierher.

Als Pilatus das hörte, fragte er, ob der Mann ein Galiläer sei. Und als er erfuhr, dass Jesus aus dem Gebiet des Herodes komme, ließ er ihn zu Herodes bringen, der in jenen Tagen ebenfalls in Jerusalem war. Herodes freute sich sehr, als er Jesus sah; schon lange hatte er sich gewünscht, mit ihm zusammenzutreffen, denn er hatte von ihm gehört. Nun hoffte er, ein Wunder von ihm zu sehen. Er stellte ihm viele Fragen, doch Jesus gab ihm keine Antwort. Die Hohenpriester und die Schriftgelehrten, die dabeistanden, erhoben schwere Beschuldigungen gegen ihn. Herodes und seine Soldaten zeigten ihm offen ihre Verachtung. Er trieb seinen Spott mit Jesus, ließ ihm ein Prunkgewand umhängen und schickte ihn so zu Pilatus zurück. An diesem Tag wurden Herodes und Pilatus Freunde; vorher waren sie Feinde gewesen.

Breaking news

13. März 2016, 5. Fastensonntag

Mit viel Lärm überfällt uns jeden Augenblick das Neue, Aktuelle, Sensationelle. Ganz anders das Neue, das Jesaja prophezeit.

Es ist leicht zu überhören und zu übersehen. Für die meisten hat es überhaupt keinen Nachrichtenwert. Denn es wird – abgesehen von den wilden Tieren, den Schakalen und Straußen – nur von denen bemerkt, die wissen: Er, der sein Volk aus der Sklaverei Ägyptens befreite, will es auch aus dem babylonischen Exil heimführen. So ist ihnen das Alte eine Hilfe, um das Neue zu verstehen. Weil sie in dem unbekannten Neuen dieselbe Handschrift wiedererkennen. mim

Jes 43,16-21

So spricht der Herr, der einen Weg durchs Meer bahnt, einen Pfad durch das gewaltige Wasser, der Wagen und Rosse ausziehen lässt, zusammen mit einem mächtigen Heer; doch sie liegen am Boden und stehen nicht mehr auf, sie sind erloschen und verglüht wie ein Docht. Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, sollt ihr nicht achten. Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht? Ja, ich lege einen Weg an durch die Steppe und Straßen durch die Wüste. Die wilden Tiere werden mich preisen, die Schakale und Strauße, denn ich lasse in der Steppe Wasser fließen und Ströme in der Wüste, um mein Volk, mein erwähltes, zu tränken. Das Volk, das ich mir erschaffen habe, wird meinen Ruhm verkünden.

Neues?

6. März 2016, 4. Fastensonntag

Paulus bedient sich in der 2. Lesung des Gegensatzes alt-neu, um zu beschreiben, was es heißt, „in Christus“ zu sein: eine neue Schöpfung.

Muss die bestehende Welt erst untergehen, um einer neuen Platz zu machen? Bezogen auf den Einzelnen: Muss das gegenwärtige Leben erst beendet sein, bis ein neues, gar ewiges Leben anfängt?

In der Präfation beim Requiem heißt es: „Das Leben wird nicht vernichtet, sondern verwandelt.“ Und in einer alten Oration wird als Bitte ausgesprochen, „dass wir von der Veraltetheit (lat. vetustas im Sinn von engl. oldness) übergehen in die Neuheit des Lebens.“ Immer ist dieses Leben gemeint. Eine andere Welt als die unsere ist nicht bekannt. Irenäus von Lyon (2. Jh.) war überzeugt: Christus brachte alle Neuheit. Und Jean-Marie Kardinal Lustiger: Das Christentum steckt noch in den Kinderschuhen. ars

2 Kor 5,17-21

Brüder! Wenn jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden. Aber das alles kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen hat. Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat, indem er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und uns das Wort von der Versöhnung zur Verkündigung anvertraute.

Wir sind also Gesandte an Christi statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen! Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden.

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