Friede vom Mount Everest?

27. November 2016, 1. Adventssonntag Lesejahr A

Mit seinen 750 Metern war der Tempelberg nie der höchste Berg, nicht einmal in seiner unmittelbaren Umgebung. Und doch ‚sieht‘ der Prophet Jesaja, dass er die anderen Berge überragt. 

Nicht geographisch, sondern weil er Menschen aus allen Völkern anzieht. Sie versammeln sich dort, um ihre Konflikte beizulegen und ihre Waffen, ihr Kriegsgerät in Handwerkszeug umzuschmieden. Obwohl der Konflikt um den Tempelberg nicht gelöst ist, gilt schon heute: „Vom Zion kommt die Weisung des Herrn, aus Jerusalem sein Wort“. Vielleicht ist es gerade das, was stört. Jerusalem ist als Stadt des Friedens seit dreitausend Jahren eine Herausforderung in der Geschichte. mim 

Jes 2,1-5

Das Wort, das Jesaja, der Sohn des Amoz, in einer Vision über Juda und Jerusalem gehört hat. Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg mit dem Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen alle Völker. Viele Nationen machen sich auf den Weg. Sie sagen: Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs. Er zeige uns seine Wege, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn von Zion kommt die Weisung des Herrn, aus Jerusalem sein Wort. Er spricht Recht im Streit der Völker, er weist viele Nationen zurecht. Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht mehr für den Krieg. Ihr vom Haus Jakob, kommt, wir wollen unsere Wege gehen im Licht des Herrn. 

Er kann sich nicht helfen?

20. November 2016, Christkönigssonntag C

​Lukas schildert, wie in konzentrischen Kreisen von außen nach innen Jesus am Kreuz verspottet wird: Er könne sich nicht helfen – sprich: anderen erst recht nicht. 

Die Wellen des Spottes brechen plötzlich am zweiten Mit-Verurteilten. Er traut Jesus alles zu, bittet aber nicht um Hilfe, sondern um das Kommen des Gottesreiches. Seine Bitte und die Antwort Jesu entsprechen sich offensichtlich: Jesu Kommen in sein Reich und das Mit-Ihm-Sein im Paradies. Dadurch wird das „wenn“ zum „Heute noch“! So wächst vom Kreuz aus, von den Zuschauern unbemerkt, der Herrschaftsbereich des „Königs des Juden“. tac

Lk 23,35-43

Als Jesus am Kreuz hing verlachten die führenden Männer des Volkes ihn und sagten: Anderen hat er geholfen, nun soll er sich selbst helfen, wenn er der erwählte Messias Gottes ist. Auch die Soldaten verspotteten ihn; sie traten vor ihn hin, reichten ihm Essig und sagten: Wenn du der König der Juden bist, dann hilf dir selbst! Über ihm war eine Tafel angebracht; auf ihr stand: Das ist der König der Juden. Einer der Verbrecher, die neben ihm hingen, verhöhnte ihn: Bist du denn nicht der Messias? Dann hilf dir selbst und auch uns! Der andere aber wies ihn zurecht und sagte: Nicht einmal du fürchtest Gott? Dich hat doch das gleiche Urteil getroffen. Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Dann sagte er: Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst. Jesus antwortete ihm: Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.

Haarfeiner Unterschied

13. November 2016, 33. Sonntag im Jahreskreis C

Der morgendliche Blick in die Tageszeitung bestätigt den alten Text: Unruhen, Kriege, Schrecken.

Auch die Bedrängnisse, die Jesus denen ankündigt, die ihm folgen, sind bis heute erschreckende Realität. Überraschend daher, welche Zuversicht er ihnen mit auf den Weg gibt. Statt Erschrecken: Angstfreiheit. Sollen sie also über den Dingen stehen? Im Gegenteil: In den Erwiderungen auf die Anschuldigungen wird die Formulierung ihres Auftrages nur deutlicher werden, wird der Auftrag gerettet. Wenn schon die Zusage, nicht verloren zu gehen, für etwas so leicht Verlierbares wie ein Haar gilt, um wie viel weniger werden dann die Bedrängten selbst verloren gehen. hak

Lk 21,5-19

Als einige darüber sprachen, dass der Tempel mit schönen Steinen und Weihegeschenken geschmückt sei, sagte Jesus: Es wird eine Zeit kommen, da wird von allem, was ihr hier seht, kein Stein auf dem andern bleiben; alles wird niedergerissen werden. Sie fragten ihn: Meister, wann wird das geschehen, und an welchem Zeichen wird man erkennen, dass es beginnt? Er antwortete: Gebt Acht, dass man euch nicht irreführt! Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin es!, und: Die Zeit ist da. – Lauft ihnen nicht nach! Und wenn ihr von Kriegen und Unruhen hört, lasst euch dadurch nicht erschrecken! Denn das muss als erstes geschehen; aber das Ende kommt noch nicht sofort. Dann sagte er zu ihnen: Ein Volk wird sich gegen das andere erheben und ein Reich gegen das andere. Es wird gewaltige Erdbeben und an vielen Orten Seuchen und Hungersnöte geben; schreckliche Dinge werden geschehen, und am Himmel wird man gewaltige Zeichen sehen. Aber bevor das alles geschieht, wird man euch festnehmen und euch verfolgen. Man wird euch um meines Namens willen den Gerichten der Synagogen übergeben, ins Gefängnis werfen und vor Könige und Statthalter bringen. Dann werdet ihr Zeugnis ablegen können. Nehmt euch fest vor, nicht im Voraus für eure Verteidigung zu sorgen; denn ich werde euch die Worte und die Weisheit eingeben, so dass alle eure Gegner nicht dagegen ankommen und nichts dagegen sagen können. Sogar eure Eltern und Geschwister, eure Verwandten und Freunde werden euch ausliefern, und manche von euch wird man töten. Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden. Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden. Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen.

Freude am Gesetz?

6. November 2016, 32. Sonntag im Jahreskreis C

Es ist leicht, anlässlich einer Weltmeisterschaft mit schwarz-rot-goldenen Autofähnchen patriotisch zu werden.

Schwieriger fällt den Deutschen die in der Nachkriegszeit entwickelte Idee des „Verfassungspatriotismus“, der Stolz auf das Grundgesetz. Es ist nicht so leicht, Paragraphen und Bestimmungen zu lieben. Ein Vorbild dafür ist das Volk der Juden, das jedes Jahr seine Tora feiert: Simchat Tora – ein Fest allein, um sich über das Gesetz zu freuen. Die dramatische Geschichte der sieben Brüder und ihrer Mutter erzählt von Treue zum Gesetz und von der Zuversicht, ein unverlierbares Leben bei Gott zu haben. Was die Todesangst nimmt, ist die Sicherheit, das Beste auf der Welt gefunden zu haben: ein Leben mit ihm. Ein Leben nach der Sozialordnung Gottes für sein Volk. acb

2 Makk 7,1-2.7a.9-14

In jenen Tagen geschah es, dass man sieben Brüder mit ihrer Mutter festnahm. Der König wollte sie zwingen, entgegen dem göttlichen Gesetz Schweinefleisch zu essen, und ließ sie darum mit Geißeln und Riemen peitschen. Einer von ihnen ergriff für die andern das Wort und sagte: Was willst du uns fragen und von uns wissen? Eher sterben wir, als dass wir die Gesetze unserer Väter übertreten. Als der erste der Brüder auf diese Weise gestorben war, führten sie den zweiten zur Folterung. Als er in den letzten Zügen lag, sagte er: Du Unmensch! Du nimmst uns dieses Leben; aber der König der Welt wird uns zu einem neuen, ewigen Leben auferwecken, weil wir für seine Gesetze gestorben sind. Nach ihm folterten sie den dritten. Als sie seine Zunge forderten, streckte er sie sofort heraus und hielt mutig die Hände hin. Dabei sagte er gefasst: Vom Himmel habe ich sie bekommen, und wegen seiner Gesetze achte ich nicht auf sie. Von ihm hoffe ich sie wiederzuerlangen. Sogar der König und seine Leute staunten über den Mut des jungen Mannes, dem die Schmerzen nichts bedeuteten. Als er tot war, quälten und misshandelten sie den vierten genauso. Dieser sagte, als er dem Ende nahe war: Gott hat uns die Hoffnung gegeben, dass er uns wieder auferweckt. Darauf warten wir gern, wenn wir von Menschenhand sterben. Für dich aber gibt es keine Auferstehung zum Leben.

Optimismus pur

30. Oktober 2016, 31. Sonntag im Jahreskreis C

In den Jahren vor der Zeitenwende wusste man noch nichts von Space-Shuttles, nichts von schier unendlichen Räumen der Milchstraßen. Oder doch? 

Wie kommt denn ein pfiffiger Schriftsteller in Israel ein paar Jahrzehnte vor Jesus auf die Idee, „die ganze Welt“ mit einem „Stäubchen auf der Waage“, einem „Tautropfen … am Morgen“ zu vergleichen? Tatsächlich waren die Vorfahren im Glauben nicht naiv. Sie waren Globalplayer ohne Airports, aufgeklärter als viele Jetsetter heute. Warum? Weil sie außer dem Winzling Erde und seiner Verlorenheit im All noch etwas anderes kannten: Dieser winzige Stern ist in eine Liebesgeschichte verwickelt. „Du liebst alles, was ist“, sagt das Weisheitsbuch. Der Glaubende kennt den „Freund des Lebens“. Optimismus pur. bek

Weish 11,22 – 12,2

Herr, die ganze Welt ist vor dir wie ein Stäubchen auf der Waage, wie ein Tautropfen, der am Morgen zur Erde fällt. Du hast mit allen Erbarmen, weil du alles vermagst, und siehst über die Sünden der Menschen hinweg, damit sie sich bekehren. Du liebst alles, was ist, und verabscheust nichts von allem, was du gemacht hast; denn hättest du etwas gehasst, so hättest du es nicht geschaffen. Wie könnte etwas ohne deinen Willen Bestand haben, oder wie könnte etwas erhalten bleiben, das nicht von dir ins Dasein gerufen wäre? Du schonst alles, weil es dein Eigentum ist, Herr, du Freund des Lebens. Denn in allem ist dein unvergänglicher Geist. Darum bestrafst du die Sünder nur nach und nach; du mahnst sie und erinnerst sie an ihre Sünden, damit sie sich von der Schlechtigkeit abwenden und an dich glauben, Herr.

Neue Sicht

23. Oktober 2016, 30. Sonntag im Jahreskreis C

Zwei Weisen, die Welt zu sehen. Der eine vergleicht, selbstgefällig, wortreich, abschätzig: und er ist sicher, Zustimmung zu finden.

Der andere weiß um seine Ferne zum Willen Gottes und bittet um die Überbrückung der Distanz. Der Erzähler des Gleichnisses zeigt den Selbstgerechten ihre eigene Gottferne auf. Damit eröffnet er ihnen die Erkenntnis einer anderen Art der Verlorenheit – ähnlich wie mit der Figur des älteren Bruders im Gleichnis vom verlorenen Sohn. Nur so wird die Gemeinschaft der wiedergefundenen Verlorenen möglich. hak

Lk 18,9-14

Einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, erzählte Jesus dieses Beispiel: Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten; der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stellte sich hin und sprach leise dieses Gebet: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort. Ich faste zweimal in der Woche und gebe dem Tempel den zehnten Teil meines ganzen Einkommens. Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wagte nicht einmal, seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser kehrte als Gerechter nach Hause zurück, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

Mit erhobenen Armen

16. Oktober 2016, 29. Sonntag im Jahreskreis C

Die zahlreichen zum Kampf erhobenen Arme erringen keinen Sieg ohne die erhobenen Arme des Mose auf dem Berg – das Vorbild der bis heute geübten „Orante-Haltung“ im Gebet.

Nach Augustinus ist das Gebet die Einstimmung darauf, was Gott uns zu geben beabsichtigt. Das ist hier das Gelobte Land, das von Gott entworfene Lebensmodell. Die Beschäftigung mit der Verheißung, das Gebet, kann die Erringung und Verwirklichung des Verheißenen nicht ersetzen. tac

Ex 17,8-13

In jenen Tagen kam Amalek und suchte in Refidim den Kampf mit Israel. Da sagte Mose zu Josua: Wähl uns Männer aus, und zieh in den Kampf gegen Amalek! Ich selbst werde mich morgen auf den Gipfel des Hügels stellen und den Gottesstab mitnehmen. Josua tat, was ihm Mose aufgetragen hatte, und kämpfte gegen Amalek, während Mose, Aaron und Hur auf den Gipfel des Hügels stiegen. Solange Mose seine Hand erhoben hielt, war Israel stärker; sooft er aber die Hand sinken ließ, war Amalek stärker. Als dem Mose die Hände schwer wurden, holten sie einen Steinbrocken, schoben ihn unter Mose, und er setzte sich darauf. Aaron und Hur stützten seine Arme, der eine rechts, der andere links, so dass seine Hände erhoben blieben, bis die Sonne unterging. So besiegte Josua mit scharfem Schwert Amalek und sein Heer.   

Wo Gott ehren?

9. Oktober 2016, 28. Sonntag im Jahreskreis C

Zehn sind gesund geworden; zehn werden wieder aufgenommen in die Gemeinschaft, aber nur einer hat verstanden und reagiert anders.

Statt weiterzugehen, ein Dankopfer zu bringen und seine rituelle Rehabilitierung zu betreiben, macht er kehrt. Allein er realisiert, wo Gott jetzt zu ehren ist. Durch seine Rückkehr dokumentiert er: Der Gott Israels handelt in Jesus. Zehn werden durch Jesus geheilt, neun durch den Tempel wieder aufgenommen – und einer hat den neuen Ort gefunden. hak

Lk 17,11-19

Auf dem Weg nach Jerusalem zog Jesus durch das Grenzgebiet von Samarien und Galiläa. Als er in ein Dorf hineingehen wollte, kamen ihm zehn Aussätzige entgegen. Sie blieben in der Ferne stehen und riefen: Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns! Als er sie sah, sagte er zu ihnen: Geht, zeigt euch den Priestern! Und während sie zu den Priestern gingen, wurden sie rein. Einer von ihnen aber kehrte um, als er sah, dass er geheilt war; und er lobte Gott mit lauter Stimme. Er warf sich vor den Füßen Jesu zu Boden und dankte ihm. Dieser Mann war aus Samarien. Da sagte Jesus: Es sind doch alle zehn rein geworden. Wo sind die übrigen neun? Ist denn keiner umgekehrt, um Gott zu ehren, außer diesem Fremden? Und er sagte zu ihm: Steh auf und geh! Dein Glaube hat dich gerettet.

Stellenbeschreibung

2. Oktober 2016, 27. Sonntag im Jahreskreis C

„Schau nicht auf unsere Sünden, sondern auf den Glauben deiner Kirche“, betet der Katholik in jeder Messe.

Insgeheim möchte man es umdrehen: „Schau nicht auf die Fehler deiner Kirche, sondern auf das, was ich alles Gutes für dich tue.“ Die realistischere Sicht auf seine Nachfolger hatte Jesus: „unnütze Knechte“, ist sein provozierendes Resümee. Wenn sie alle ihre Aufgaben abgearbeitet haben, folgen nicht Schulterklopfen oder goldene Verdienstnadel, sondern: Wir haben nur das getan, was notwendig war. Christsein nicht als Pflege der Seele, sondern als Reparatur der Welt. acb

Lk 17,5-10

In jener Zeit baten die Apostel den Herrn: Stärke unseren Glauben! Der Herr erwiderte: Wenn euer Glaube auch nur so groß wäre wie ein Senfkorn, würdet ihr zu dem Maulbeerbaum hier sagen: Heb dich samt deinen Wurzeln aus dem Boden, und verpflanz dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen. Wenn einer von euch einen Sklaven hat, der pflügt oder das Vieh hütet, wird er etwa zu ihm, wenn er vom Feld kommt, sagen: Nimm gleich Platz zum Essen? Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Mach mir etwas zu essen, gürte dich, und bediene mich; wenn ich gegessen und getrunken habe, kannst auch du essen und trinken. Bedankt er sich etwa bei dem Sklaven, weil er getan hat, was ihm befohlen wurde? So soll es auch bei euch sein: Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Sklaven; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan.

Das Vergessene

25. September 2016, 26. Sonntag im Jahreskreis C

Die Kluft in der Gesellschaft ist schier unüberwindlich. Aber es gibt Abhilfe: Mose und die Propheten.

Es gibt die Lebensordnung vom Sinai und die prophetische Kritik. Das Rettende ist nicht jenseitig. Das Außergewöhnliche schon passiert: Abraham, Mose und die Propheten waren da. Aber sie sind nicht anders als in der Erzählung auch heute bedeutungslos, vergessen. Doch die Erfahrungsgeschichte Israels, die Jesus hier verkörpert, gibt es. Und sie kann heute wieder entdeckt werden. hak

Lk 16,19-31

Jesus sprach: Es war einmal ein reicher Mann, der sich in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag herrlich und in Freuden lebte. Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lazarus, dessen Leib voller Geschwüre war. Er hätte gern seinen Hunger mit dem gestillt, was vom Tisch des Reichen herunterfiel. Stattdessen kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren. Als nun der Arme starb, wurde er von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben. In der Unterwelt, wo er qualvolle Schmerzen litt, blickte er auf und sah von weitem Abraham, und Lazarus in seinem Schoß. Da rief er: Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir, und schick Lazarus zu mir; er soll wenigstens die Spitze seines Fingers ins Wasser tauchen und mir die Zunge kühlen, denn ich leide große Qual in diesem Feuer. Abraham erwiderte: Mein Kind, denk daran, dass du schon zu Lebzeiten deinen Anteil am Guten erhalten hast, Lazarus aber nur Schlechtes. Jetzt wird er dafür getröstet, du aber musst leiden. Außerdem ist zwischen uns und euch ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund, so dass niemand von hier zu euch oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wollte. Da sagte der Reiche: Dann bitte ich dich, Vater, schick ihn in das Haus meines Vaters! Denn ich habe noch fünf Brüder. Er soll sie warnen, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen. Abraham aber sagte: Sie haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören. Er erwiderte: Nein, Vater Abraham, nur wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie umkehren. Darauf sagte Abraham: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.

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