„Mehr“ – der verflixte Komparativ

10. April 2016, 3. Sonntag der Osterzeit

Nicht nur Adjektive können gesteigert werden, auch Tätigkeitswörter. Gleich zweimal begegnen heute Verben im Komparativ: „Gott mehr gehorchen als den Menschen.“

„Liebst du mich mehr als diese?“ Das eine als programmatische Aussage, das andere als bange Frage an Petrus.

Mehr gehorchen? mehr lieben? – ist das Positiv nicht schon ausreichend?

Der jüdische Philosoph und Literaturwissenschaftler George Steiner hat viel über den Antisemitismus nachgedacht und geschrieben. Er denkt: Mit dieser Haltung reagieren die Menschen, weil sie das Gefühl haben, es sei von ihnen mehr erwartet, als sie von sich aus zu geben und zu tun bereit sind.

In der jüdischen Tradition ist die Vorstellung beheimatet: Sechsunddreißig ungekannte Gerechte halten die Welt im Lot, vielleicht, weil sie zu mehr bereit sind. ars

Apg 5,27b-32.40b-41

In jenen Tagen verhörte der Hohepriester die Apostel und sagte: Wir haben euch streng verboten, in diesem Namen zu lehren; ihr aber habt Jerusalem mit eurer Lehre erfüllt; ihr wollt das Blut dieses Menschen über uns bringen. Petrus und die Apostel antworteten: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Der Gott unserer Väter hat Jesus auferweckt, den ihr ans Holz gehängt und ermordet habt. Ihn hat Gott als Herrscher und Retter an seine rechte Seite erhoben, um Israel die Umkehr und Vergebung der Sünden zu schenken. Zeugen dieser Ereignisse sind wir und der Heilige Geist, den Gott allen verliehen hat, die ihm gehorchen. Dann verboten sie den Aposteln, im Namen Jesu zu predigen, und ließen sie frei. Sie aber gingen weg vom Hohen Rat und freuten sich, dass sie gewürdigt worden waren, für seinen Namen Schmach zu erleiden.

Joh 21,1-19

In jener Zeit offenbarte Jesus sich den Jüngern noch einmal. Es war am See von Tiberias, und er offenbarte sich in folgender Weise. Simon Petrus, Thomas, genannt Didymus – Zwilling –, Natanaël aus Kana in Galiläa, die Söhne des Zebedäus und zwei andere von seinen Jüngern waren zusammen. Simon Petrus sagte zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sagten zu ihm: Wir kommen auch mit. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot. Aber in dieser Nacht fingen sie nichts. Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Jesus sagte zu ihnen: Meine Kinder, habt ihr nicht etwas zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sagte zu ihnen: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus, und ihr werdet etwas fangen. Sie warfen das Netz aus und konnten es nicht wieder einholen, so voller Fische war es. Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr sei, gürtete er sich das Obergewand um, weil er nackt war, und sprang in den See. Dann kamen die anderen Jünger mit dem Boot – sie waren nämlich nicht weit vom Land entfernt, nur etwa zweihundert Ellen – und zogen das Netz mit den Fischen hinter sich her. Als sie an Land gingen, sahen sie am Boden ein Kohlenfeuer und darauf Fisch und Brot. Jesus sagte zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt. Da ging Simon Petrus und zog das Netz an Land. Es war mit hundertdreiundfünfzig großen Fischen gefüllt, und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht. Jesus sagte zu ihnen: Kommt her und esst! Keiner von den Jüngern wagte ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war. Jesus trat heran, nahm das Brot und gab es ihnen, ebenso den Fisch. Dies war schon das dritte Mal, dass Jesus sich den Jüngern offenbarte, seit er von den Toten auferstanden war. Als sie gegessen hatten, sagte Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine  Lämmer! Zum zweiten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe! Zum dritten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Da wurde Petrus traurig, weil Jesus ihn zum dritten Mal gefragt hatte: Hast du mich lieb? Er gab ihm zu Antwort: Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich lieb habe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe! Amen, amen, das sage ich dir: Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst. Das sagte Jesus, um anzudeuten, durch welchen Tod er Gott verherrlichen würde. Nach diesen Worten sagte er zu ihm: Folge mir nach!

Selig

3. April 2016, 2. Sonntag der Osterzeit

Dieses Adjektiv assoziiert man zuerst mit den Seligpreisungen, die Matthäus der Bergpredigt Jesu voranstellt. Am 8. Tag nach Ostern wird die Liste erweitert: „Selig, die nicht sehen, und doch glauben.“

 

Eine lange Tradition zusammenfassend, beschreibt Thomas von Aquin das Sehnsuchtsziel eines gläubigen Lebens seiner Zeit als visio beatifica, als beseligende Schau Gottes. Seligmachendes Sehen – seliges Glauben trotz Nicht-Sehens.

Die Spannung ist nicht zeitlich auflösbar, wie das Jahrhunderte lang versucht wurde. So als ob erst nach dem Tod die Sicht frei würde – bis dahin sei Nicht-Sehen. „Er ging ihnen auf“ ist das urtümlichste Wort für das, was am dritten Tag erst einigen Frauen und dann auch den Jüngern passiert. Wir alle gehören zu den Nicht-Sehenden, können zu Mit-Glaubenden werden. ars

Joh 20,19-31

Am Abend des ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert. Thomas, genannt Didymus – Zwilling –, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht. Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt, und Thomas war dabei. Die Türen waren verschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.

Wozu Petrus?

27. März 2016, Ostersonntag

An seiner Person finden die Evangelisten kaum ein gutes Haar. Schon vor einer harmlosen Magd knickt er ein. Oft liegt er einfach falsch.

„Mir aus den Augen, Satan!“ muss er sich von seinem Meister anhören. Er ist nicht der Schnelle – nicht im Verstehen, auch nicht an Ostern. Die Frauen sind ihm voraus, beim Wettlauf zum Grab wird er nur Zweiter. Sein Konkurrent lässt ihm an der Ziellinie den Vortritt. Nur so kommt er auf der Liste der Osterzeugen doch auf Platz 1.

Als Simon tritt er in unseren Gesichtskreis; was er unter dem neuen Namen Petrus-Fels vollführt, ist wie dessen ständige Widerlegung. Vielleicht ist es ja so gedacht: Nur indem er sich hergibt, so sichtbar der ‚Unmögliche‘ zu sein, kann der unsichtbare Fels Abrahams, Israels und der Kirche seine treue Präsenz zeigen. ars

Joh 20,1-9

Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war. Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem Jünger, den Jesus liebte, und sagte zu ihnen: Man hat den Herrn aus dem Grab weggenommen, und wir wissen nicht, wohin man ihn gelegt hat. Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grab; sie liefen beide zusammen dorthin, aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus, kam er als Erster ans Grab.

Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen, ging aber nicht hinein. Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sah die Leinenbinden liegen und das Schweißtuch, das auf dem Kopf Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle. Da ging auch der andere Jünger, der zuerst an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte. Denn sie wussten noch nicht aus der Schrift, dass er von den Toten auferstehen musste.

Jesus, schweigend

20. März 2016, Palmsonntag

Ganz ungewöhnlich für die liturgische Praxis, die längere Lesungen vermeidet, wird heute die ganze Passionsgeschichte nach Lukas erzählt.

Ein Detail, das nur er überliefert:

Im Prozessverlauf wird Jesus dem König Herodes vorgeführt. Der hat sich eine Meinung über den Mann aus Galiläa gebildet und erwartet einen öffentlichkeitswirksamen Auftritt. Er wird gründlich enttäuscht. Kein Wort, keine spektakuläre Aktion. Schweigen. Dabei verstand sich Jesus aufs Reden. Wenn viele um ihn waren, die ihn hören wollten, verbarg er in Gleichnissen, was er zu sagen hatte; und es heißt: Sie hörten und verstanden nicht. War er mit den Zwölf allein –  und das war oft –, redete er offen, aber auch sie waren meist schwerhörig. Vor Herodes hüllt er sich in Schweigen – die einzig verbleibende Beredtheit gegenüber dem angeblichen Interesse. Ist es da verwunderlich, dass Sören Kierkegaard mutmaßte: Was Jesus sagen wollte, ist noch gar nicht richtig angekommen? ars

Lk 23,1-12 (Auszug aus der Passion)

Daraufhin erhob sich die ganze Versammlung, und man führte Jesus zu Pilatus. Dort brachten sie ihre Anklage gegen ihn vor; sie sagten: Wir haben festgestellt, dass dieser Mensch unser Volk verführt, es davon abhält, dem Kaiser Steuer zu zahlen, und behauptet, er sei der Messias und König. Pilatus fragte ihn: Bist du der König der Juden? Er antwortete ihm: Du sagst es. Da sagte Pilatus zu den Hohenpriestern und zum Volk: Ich finde nicht, dass dieser Mensch eines Verbrechens schuldig ist. Sie aber blieben hartnäckig und sagten: Er wiegelt das Volk auf und verbreitet seine Lehre im ganzen jüdischen Land von Galiläa bis hierher.

Als Pilatus das hörte, fragte er, ob der Mann ein Galiläer sei. Und als er erfuhr, dass Jesus aus dem Gebiet des Herodes komme, ließ er ihn zu Herodes bringen, der in jenen Tagen ebenfalls in Jerusalem war. Herodes freute sich sehr, als er Jesus sah; schon lange hatte er sich gewünscht, mit ihm zusammenzutreffen, denn er hatte von ihm gehört. Nun hoffte er, ein Wunder von ihm zu sehen. Er stellte ihm viele Fragen, doch Jesus gab ihm keine Antwort. Die Hohenpriester und die Schriftgelehrten, die dabeistanden, erhoben schwere Beschuldigungen gegen ihn. Herodes und seine Soldaten zeigten ihm offen ihre Verachtung. Er trieb seinen Spott mit Jesus, ließ ihm ein Prunkgewand umhängen und schickte ihn so zu Pilatus zurück. An diesem Tag wurden Herodes und Pilatus Freunde; vorher waren sie Feinde gewesen.

Breaking news

13. März 2016, 5. Fastensonntag

Mit viel Lärm überfällt uns jeden Augenblick das Neue, Aktuelle, Sensationelle. Ganz anders das Neue, das Jesaja prophezeit.

Es ist leicht zu überhören und zu übersehen. Für die meisten hat es überhaupt keinen Nachrichtenwert. Denn es wird – abgesehen von den wilden Tieren, den Schakalen und Straußen – nur von denen bemerkt, die wissen: Er, der sein Volk aus der Sklaverei Ägyptens befreite, will es auch aus dem babylonischen Exil heimführen. So ist ihnen das Alte eine Hilfe, um das Neue zu verstehen. Weil sie in dem unbekannten Neuen dieselbe Handschrift wiedererkennen. mim

Jes 43,16-21

So spricht der Herr, der einen Weg durchs Meer bahnt, einen Pfad durch das gewaltige Wasser, der Wagen und Rosse ausziehen lässt, zusammen mit einem mächtigen Heer; doch sie liegen am Boden und stehen nicht mehr auf, sie sind erloschen und verglüht wie ein Docht. Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, sollt ihr nicht achten. Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht? Ja, ich lege einen Weg an durch die Steppe und Straßen durch die Wüste. Die wilden Tiere werden mich preisen, die Schakale und Strauße, denn ich lasse in der Steppe Wasser fließen und Ströme in der Wüste, um mein Volk, mein erwähltes, zu tränken. Das Volk, das ich mir erschaffen habe, wird meinen Ruhm verkünden.

Neues?

6. März 2016, 4. Fastensonntag

Paulus bedient sich in der 2. Lesung des Gegensatzes alt-neu, um zu beschreiben, was es heißt, „in Christus“ zu sein: eine neue Schöpfung.

Muss die bestehende Welt erst untergehen, um einer neuen Platz zu machen? Bezogen auf den Einzelnen: Muss das gegenwärtige Leben erst beendet sein, bis ein neues, gar ewiges Leben anfängt?

In der Präfation beim Requiem heißt es: „Das Leben wird nicht vernichtet, sondern verwandelt.“ Und in einer alten Oration wird als Bitte ausgesprochen, „dass wir von der Veraltetheit (lat. vetustas im Sinn von engl. oldness) übergehen in die Neuheit des Lebens.“ Immer ist dieses Leben gemeint. Eine andere Welt als die unsere ist nicht bekannt. Irenäus von Lyon (2. Jh.) war überzeugt: Christus brachte alle Neuheit. Und Jean-Marie Kardinal Lustiger: Das Christentum steckt noch in den Kinderschuhen. ars

2 Kor 5,17-21

Brüder! Wenn jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden. Aber das alles kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen hat. Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat, indem er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und uns das Wort von der Versöhnung zur Verkündigung anvertraute.

Wir sind also Gesandte an Christi statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen! Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden.

Wartendes Wort – Der Ich-bin-da

28. Februar 2016, 3. Fastensonntag

Das Nachdenken über den Gott, von dem heute erzählt wird, dass er Mose seinen Namen bekannt gibt, war vor allem an seinem Wesen interessiert.

Das wurde an bestimmten Eigenschaften wie allmächtig, ewig, unveränderlich, barmherzig festgemacht. In diese Richtung zeigt auch die Übersetzung des hebräischen Jhwh im Griechischen: Der Seiende. Anders die Rabbinen. Auch sie interpretieren: Der Ich-bin-da ist zu verstehen als Der Ich-bin-da-für-uns. Sie sagen: Wer dieser Gott ist, können wir nur ablesen an den erkennbaren geschichtlichen Äußerungen seines Wollens und seines Handelns in der Welt und an Israel. – Ein in sich ruhender, transzendenter Er oder ein Ich-für-uns?

Die Unklarheit über die Bedeutung des Jhwh-Namens liegt wie ein Nebel über der Neuzeit, bis heute. Ist in seinen Konsequenzen für das Gottesbild bedacht, dass „der Name über alle Namen“ auch einem Menschen, dem Juden Jesus aus Nazareth, zuerkannt wurde? ars

Ex 3,1-8a.13-15

In jenen Tagen weidete Mose die Schafe und Ziegen seines Schwiegervaters Jitro, des Priesters von Midian. Eines Tages trieb er das Vieh über die Steppe hinaus und kam zum Gottesberg Horeb. Dort erschien ihm der Engel des Herrn in einer Flamme, die aus einem Dornbusch emporschlug. Er schaute hin: Da brannte der Dornbusch und verbrannte doch nicht. Mose sagte: Ich will dorthin gehen und mir die außergewöhnliche Erscheinung ansehen. Warum verbrennt denn der Dornbusch nicht? Als der Herr sah, dass Mose näher kam, um sich das anzusehen, rief Gott ihm aus dem Dornbusch zu: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Der Herr sagte: Komm nicht näher heran! Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden. Dann fuhr er fort: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Da verhüllte Mose sein Gesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen. Der Herr sprach: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen, und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid. Ich bin herabgestiegen, um sie der Hand der Ägypter zu entreißen und aus jenem Land hinaufzuführen in ein schönes, weites Land, in ein Land, in dem Milch und Honig fließen. Da sagte Mose zu Gott: Gut, ich werde also zu den Israeliten kommen und ihnen sagen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt. Da werden sie mich fragen: Wie heißt er? Was soll ich ihnen darauf sagen? Da antwortete Gott dem Mose: Ich bin der „Ich-bin-da“. Und er fuhr fort: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der „Ich-bin-da“ hat mich zu euch gesandt. Weiter sprach Gott zu Mose: So sag zu den Israeliten: Jahwe, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name für immer, und so wird man mich nennen in allen Generationen.

Den ewigen Bund schneiden

21. Februar 2016, 2. Fastensonntag

Wenn irgendwo im Land eine neue Brücke oder das Teilstück einer Autobahn für den Verkehr freigegeben wird, gehört es zum Ritual, dass ein Prominenter das rote Band durchschneidet – ein Signal: Der Weg ist jetzt offen.

Dieses Durchschneiden enthält noch eine weit entfernte Erinnerung an die Szene im Buch Genesis, die heute gelesen wird. Auch hier wird ein Weg geöffnet: Abraham soll zu einem großen Volk werden und Land besitzen. Gilt die Verheißung? fragt er. Abraham soll Tiere zerschneiden, aus den Hälften eine Gasse bauen – archaische Requisiten für das Zustandekommen einer verbindlichen Abmachung. Der mitten hindurchfahrende „rauchende Ofen und eine lodernde Fackel“ (im Evangelium steht die Wolke für die Gegenwart Gottes) signalisieren: Die Abmachung gilt für Gott unverbrüchlich – „deinen Nachkommen“, auch uns, den späten Bundes-Genossen aus den Heiden. ars

Gen 15,5-12.17-18

In jenen Tagen führte der Herr Abram hinaus und sprach: Sieh zum Himmel hinauf, und zähl die Sterne, wenn du sie zählen kannst. Und er sprach zu ihm: So zahlreich werden deine Nachkommen sein. Abram glaubte dem Herrn, und der Herr rechnete es ihm als Gerechtigkeit an. Er sprach zu ihm: Ich bin der Herr, der dich aus Ur in Chaldäa herausgeführt hat, um dir dieses Land zu Eigen zu geben. Da sagte Abram: Herr, mein Herr, woran soll ich erkennen, dass ich es zu Eigen bekomme? Der Herr antwortete ihm: Hol mir ein dreijähriges Rind, eine dreijährige Ziege, einen dreijährigen Widder, eine Turteltaube und eine Haustaube! Abram brachte ihm alle diese Tiere, zerteilte sie und legte je eine Hälfte der andern gegenüber; die Vögel aber zerteilte er nicht. Da stießen Raubvögel auf die Fleischstücke herab, doch Abram verscheuchte sie.

Bei Sonnenuntergang fiel auf Abram ein tiefer Schlaf; große, unheimliche Angst überfiel ihn. Die Sonne war untergegangen, und es war dunkel geworden. Auf einmal waren ein rauchender Ofen und eine lodernde Fackel da; sie fuhren zwischen jenen Fleischstücken hindurch. An diesem Tag schloss der Herr mit Abram folgenden Bund: Deinen Nachkommen gebe ich dieses Land vom Grenzbach Ägyptens bis zum großen Strom, dem Eufrat.

Bei den Flüchtlingen in die Lehre gehen

14. Februar 2016, 1. Fastensonntag

„Mein Vater, ein umherirrender Aramäer,“ sagt Israel in seinem Credo.

Jakob lebte dann in Ägypten als Fremder. – Spontan denkt man an die Millionen Flüchtlinge und Asylanten, die in einer ähnlichen Lage sind, nicht an die Christen, die das Bekenntnis Israels nachsprechen, weil es zu ihrem Gedächtnis gehört.

„Mein Vater“? Die das Credo aufschrieben und sprachen, hatten erfahren: Jakob war ein Land zugesagt, „in dem Milch und Honig fließen“, und sie hatten es wenigstens zeitweise erreicht. Erst diese Erfahrung von etwas Besserem machte Ägypten in der Rückschau zur Fremde und das dort heranwachsende Volk Gottes zu Fremden darin.

Die Flüchtlinge aus Nordafrika und der Levante dokumentieren auf ihre Weise die Hoffnung auf etwas Besseres, indem sie in Europa Zuflucht suchen – und etwas von den späten Früchten des ‚Gelobten Landes‘ vorzufinden hoffen, auch wenn sie dafür den „Herrn, deinen Gott“ nicht preisen. Aber sie können eine Erinnerung wachrufen: Es gibt die biblische Verheißung des Landes. Sie ist nicht das Paradies des IS, nicht das Regime der Potentaten in Russland und China, nicht der deutsche Wohlfahrtstaat, auch nicht die Jenseitsnische. Die vordringliche Frage kann nicht sein: Wo ist das Land? Sondern: Wer wohnt in seinem Land als Fremder wie Jakob? ars

Dtn 26,4-10

 

In jenen Tagen sprach Mose zum Volk: Wenn du die ersten Erträge von den Früchten des Landes darbringst, dann soll der Priester den Korb aus deiner Hand entgegennehmen und ihn vor den Altar des Herrn, deines Gottes, stellen. Du aber sollst vor dem Herrn, deinem Gott, folgendes Bekenntnis ablegen: Mein Vater war ein heimatloser Aramäer. Er zog nach Ägypten, lebte dort als Fremder mit wenigen Leuten und wurde dort zu einem großen, mächtigen und zahlreichen Volk. Die Ägypter behandelten uns schlecht, machten uns rechtlos und legten uns harte Fronarbeit auf. Wir schrien zum Herrn, dem Gott unserer Väter, und der Herr hörte unser Schreien und sah unsere Rechtlosigkeit, unsere Arbeitslast und unsere Bedrängnis. Der Herr führte uns mit starker Hand und hoch erhobenem Arm, unter großem Schrecken, unter Zeichen und Wundern aus Ägypten, er brachte uns an diese Stätte und gab uns dieses Land, ein Land, in dem Milch und Honig fließen. Und siehe, nun bringe ich hier die ersten Erträge von den Früchten des Landes, das du mir gegeben hast, Herr. Wenn du den Korb vor den Herrn, deinen Gott, gestellt hast, sollst du dich vor dem Herrn, deinem Gott, niederwerfen.

Theologie – eine eigene Art von Erfahrungswissenschaft

7. Februar 2016

Theologen tun sich nachweislich schwer, vor allem im Vergleich zu den Naturwissenschaftlern ihre Erkenntnisse als gleich sichere zu erweisen.

Das hat seinen Grund darin, dass die Kausalität, mit der sie irgendwie rechnen müssen, nicht beliebig oft experimentell nachweisbar und für jeden einsichtig gemacht werden kann. Wie im Evangelium, wenn Petrus sagt: „Auf dein Wort hin“ und er daraufhin einen wundersamen Fang macht; oder wie in der Geschichte von der Hochzeit zu Kana, wenn Maria sagt: „Was er euch sagt, das tut“ und daraufhin aus dem Wasser zum Erstaunen des Speisemeisters Wein wird.

Die Verfasser beider Szenen, die Evangelisten Lukas und Johannes, wollen offenbar signalisieren, dass da ein Zusammenhang besteht: Traut einer dem Wort Jesu, geschieht Unerwartetes. Ist dieses Trauen vielleicht eine andere Kausalität? ars

Lk 5,1-11

Als Jesus am Ufer des Sees Gennesaret stand, drängte sich das Volk um ihn und wollte das Wort Gottes hören. Da sah er zwei Boote am Ufer liegen. Die Fischer waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. Jesus stieg in das Boot, das dem Simon gehörte, und bat ihn, ein Stück weit vom Land wegzufahren. Dann setzte er sich und lehrte das Volk vom Boot aus.

Als er seine Rede beendet hatte, sagte er zu Simon: Fahr hinaus auf den See! Dort werft eure Netze zum Fang aus! Simon antwortete ihm: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Doch wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen. Das taten sie, und sie fingen eine so große Menge Fische, dass ihre Netze zu reißen drohten. Deshalb winkten sie ihren Gefährten im anderen Boot, sie sollten kommen und ihnen helfen. Sie kamen und gemeinsam füllten sie beide Boote bis zum Rand, sodass sie fast untergingen.

Als Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sagte: Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder. Denn er und alle seine Begleiter waren erstaunt und erschrocken, weil sie so viele Fische gefangen hatten;

ebenso ging es Jakobus und Johannes, den Söhnen des Zebedäus, die mit Simon zusammenarbeiteten. Da sagte Jesus zu Simon: Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen. Und sie zogen die Boote an Land, ließen alles zurück und folgten ihm nach.

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