‚Spricht‘ Gott?

von L. Weimer

Im Interview-Buch Joseph Ratzingers „Gott und die Welt“ heißt es an einer Stelle: „Die Sprache Gottes ist leise. Aber er gibt uns vielerlei Winke.“ (S. 14) Was meint der Theologe Ratzinger damit?

Eigentlich ‚spricht‘ Gott nicht, er zeigt dem aufmerkenden Menschen aber etwas durch Ereignisse, er spricht zum Herzen und bewegt das Gewissen von Menschen. In dieser Weise handelte Gott am Menschen und in der Geschichte. Die wachen und begabten Gläubigen verstanden sich darauf, sein Handeln so zu artikulieren, dass es sich zu einer mitteilbaren Anrede formte. Das Entscheidende war mithin, Gottes Wollen herauszuhören, das Verstehen seiner Gedanken, seines helfenden Rates, seiner Weisung. Die Sammlung der in weit über tausend Jahren erhorchten Reden Gottes haben wir in der Bibel vor uns. Die Kirche hat dies zum Kanon, d.h. zum bleibend gültigen Richtmaß für alles erklärt, was in den weiteren 2000 Jahren an Erfahrungen hinzugekommen ist.

Aus: Ludwig Weimer, „Und Gott war das Wort.“ Wie können wir ihn heute hören? Die Antwort Joseph Ratzingers, in: Theologica Nr. 2 (2016)

 

Neuer alter Name

von E. Guerriero

Die Namenswahl überraschte viele Kardinäle, die gewettet hätten, dass Ratzinger den Namen „Johannes Paul III.“ gewählt hätte, um die Kontinuität zu seinem Vorgänger zu betonen. Doch der neue Papst antwortete auf die im Ritual vorgesehene Frage fest entschlossen: „Benedikt“.

Nach Ansicht des neuen Papstes hatte das benediktinische Mönchtum mit seiner Ausgewogenheit zwischen Vernunft und Glaube, zwischen Recht und Liebe, Europa nicht nur feste Wurzeln gegeben, sondern ein Modell geboten, aus dem der Humanismus, die Demokratie sowie die Harmonie von Kunst und Musik hervorgegangen sind.
Papst Benedikt war kein naiver Nostalgiker und auch kein Träumer, der sich Illusionen machte, die Bedingungen wiederherstellen zu können, die zu jener Geistesströmung geführt hatten. Er wollte aber durch sein Leben jenes Gleichgewicht zwischen Vernunft und Glauben, das am Ursprung dessen stand, was die Kultur und das Denken Europas so einzigartig gemacht hatte, den Menschen erneut vor Augen führen. Das 20. Jahrhundert hatte bereits zur Genüge bewiesen, dass Europa, wenn es diesen Weg verließ, seine Strahlkraft in der Welt einbüßte. Es gab keinen Grund, nicht mit Liebe und Achtung auf die eigene Geschichte, auf die eigenen christlichen Wurzeln zu schauen – nicht um expansionistische Ziele zu verfolgen, sondern um das alte Gleichgewicht wiederzufinden, das am Ursprung von Erkenntnis und Lebensweisheit steht.

Aus: Elio Guerriero, Benedikt XVI. – Die Biografie (2018)        

Unbequemes

von N. G. Dávila

Wenn er sich der christlichen Tunika und der klassischen Toga entledigt, bleibt vom Europäer nichts übrig als ein bleichgesichtiger Barbar.

 

Es gibt keine Dummheiten, die der moderne Mensch nicht imstande wäre zu glauben, sofern er damit nur dem Glauben an Christus ausweicht.

 

Der größte Irrtum besteht nicht in der These vom toten Gott, sondern im Glauben, daß der Teufel tot sei.

 

Man braucht am Atheisten nicht zu verzweifeln, solange er nicht den Menschen vergöttert.

 

Die gefährlichste Idee ist nicht die falsche, sondern die halb richtige.

 

Die modernen Theologien sind zumeist Verrenkungen von Theologen, die sich selbst ihren Unglauben nicht eingestehen wollen.

 

Der progressive Christ macht seinen Gegnern schöne Augen, damit ihm sein Glaube verziehen werde.

 

Der moderne Kleriker vergißt in seinem apostolischen Eifer, daß man die Kampfesweise der Zeit anzupassen hat, nicht aber die Botschaft.

 

Aus: Nicolás Gómez Dávila, Scholien (2006)

Israel

von L. Baeck

Wenn Israel sicher unter den Völkern wird wohnen können,

dann hat sich die verheißene Zeit erfüllt,

denn dann und daran wird es sich erwiesen haben,

dass der Glaube an Gott eine lebendige Wirklichkeit geworden ist.

Aus: Leo Baeck, Das Wesen des Judentums (1921)

Zur Information

von N. Postman

Die Informationsschwemme führt auch zu einem wachsenden Gefühl von Ohnmacht. Die Nachrichtenmedien berichten uns über die Probleme im Nahen Osten, wir hören von der Zerstörung der Ozonschicht und der Vernichtung der Regenwälder. Wird nun von uns erwartet, dass wir selber etwas unternehmen?

Die meisten von uns können bei der Lösung solcher Probleme nicht aktiv werden, und so wächst bei den Menschen ein Gefühl der Passivität und Unfähigkeit, das unweigerlich in ein verstärktes Interesse an der eigenen Person mündet. Wenn man in der Welt nichts auszurichten vermag, kann man doch zumindest sich selbst verändern. Man kann abnehmen, man kann sich die Haare anders färben, man kann die Form der eigenen Nase oder die Größe der eigenen Brüste verändern. Daraus, dass man tausend Dinge kennt und weiß und nicht imstande ist, Einfluss auf sie zu nehmen, erwächst ein eigenartiger Egoismus. Schlimmer: Die meisten Menschen glauben immer noch, Information und immer mehr Information sei das, was die Menschen vor allem benötigten. Die Information bilde die Grundlage all unserer Bemühungen um die Lösung von Problemen. Aber unsere wirklich ernsten Probleme erwachsen nicht daraus, dass die Menschen über unzureichende Informationen verfügen. Wenn es zu einer Nuklearkatastrophe kommt, dann nicht wegen unzulänglicher Information. Wo Menschen verhungern, geschieht das nicht wegen unzureichender Information. Wenn Familien zerbrechen, wenn Kinder misshandelt werden, wenn zunehmende Kriminalität eine Stadt terrorisiert, wenn sich das Erziehungswesen als ohnmächtig erweist, so nicht wegen mangelnder Information, sondern weil wir kein zureichendes Bewusstsein davon entwickeln, was sinnvoll und bedeutsam ist.

Aus: Neil Postman, Wir informieren uns zu Tode (DIE ZEIT, 2.10.1992)

Kardinalfrage

von J. H. Newman

Es gibt keine Zeit, in welcher die Kirche so viele unwahre Glieder hatte, d. h. so viele Menschen, die sich als ihre Glieder erklären, wiewohl sie doch wenig oder nichts über den wirklichen Sinn dieser Gliedschaft kennen, und innerhalb ihrer Mauern bleiben, aus Gründen, die weder religiös noch richtig sind.

Um eine hierhergehörige Frage zu stellen: Was meint ihr, wie viele Verteidiger von Christi heiliger Kirche unter uns übrigbleiben, wenn es sich herausstellte, dass ihre Sache nicht die Sache der Ordnung sei, wie es heute der Fall ist, sondern die Sache der Unruhe und Störung der Ordnung, wie es war, als Christus kam und die Apostel predigten?

Aus: Kardinal John Henry Newman, Predigt in St. Mary in Oxford (31. Mai 1840)

Ostern

von R. Kunze

Die glocken läuteten,

als überschlügen sie sich vor freude

über das leere grab

 

Darüber, daß einmal

etwas so tröstliches gelang,

 

und daß das staunen währt

seit zweitausend jahren

 

Doch obwohl die glocken

so heftig gegen die mitternacht hämmerten –

nichts an finsternis sprang ab

 

Aus: Reiner Kunze, eines jeden einziges leben. gedichte (1986)

Annahme

von S. Kierkegaard

Erhält man ein Paket, so löst man die Hülle, um zum Inhalt zu gelangen. Das Christentum war eine Gabe von Gott.

Aber, anstatt die Gabe entgegenzunehmen, hat die Christenheit sich vorgenommen, diese einzuwickeln; jede Generation hat außen einen neuen Umschlag um die anderen herumgemacht – und auf diese Weise meinte man, dem Christentum näher und näher zu kommen.

Man lebt dahin, glückselig gemacht durch die Vorstellung, dass Gott den Abstand von achtzehnhundert Jahren entfernt ist und dass die Nähe Gottes eine historische Frage bleibt.

Aus: Sören Kierkegaard, Tagebuch XI 2A, Christentum und Christenheit (1854)

Von der Freiheit des Seins

von J. Ratzinger

Ein schönes Wort von Mahatma Gandhi: Im Meer leben die Fische, und sie schweigen. Die Tiere auf der Erde schreien; die Vögel aber, deren Lebensraum der Himmel ist – sie singen.

Dem Meer ist das Schweigen, der Erde das Schreien und dem Himmel das Singen zu Eigen. Der Mensch aber hat Anteil an allen dreien: Er trägt die Tiefe des Meeres, die Last der Erde und die Höhe des Himmels in sich, und deswegen gehören ihm auch alle drei Eigenschaften zu: das Schweigen, das Schreien und das Singen.
Heute – so möchte ich hinzufügen – sehen wir, wie dem transzendenzlosen Menschen nur das Geschrei übrig bleibt, weil er nur noch Erde sein will und auch den Himmel und die Tiefe des Meeres zu seiner Erde zu machen versucht. Die rechte Liturgie, die Liturgie der Gemeinschaft der Heiligen, gibt ihm seine Ganzheit zurück. Sie lehrt ihn wieder das Schweigen und das Singen, indem sie ihm die Tiefe des Meeres auftut und indem sie ihn fliegen lehrt, das Sein des Engels. Rechte Liturgie singt mit den Engeln. Sie schweigt mit der wartenden Tiefe des Alls. Und so erlöst sie die Erde.

Aus: Joseph Ratzinger, Das Welt- und Menschbild der Liturgie und sein Ausdruck in der Kirchenmusik (1985)

Manifest über die große Tat

von L. Hohl

Das menschliche Arbeiten, das weltverändernde Wirken, vollzieht sich in drei Stufen. Diese sind:

1. die große Idee

2. die Applizierung der großen Idee, ihre Auflösung in kleine Ideen

3. die Einzelausführungen.

Kurz gesagt: Die große Idee, die kleinen Ideen, die kleinen Taten. Diese drei Stufen sollen das Ganze bilden? Sie bilden das Ganze, sind alles. – Wo bleibt denn die große Tat? Folgt dann die große Tat etwa von selber? Nein. Sie ist schon geschehen.

Aus: Ludwig Hohl, Die Notizen oder Von der voreiligen Versöhnung (1981)

Seiten