Die Welt und die Maske

Die Gesichtszüge einer Frau, die im öffentlichen Raum eingeschlafen war, erschienen im milden Abendlicht plötzlich wunderschön. Aber es war nicht das Licht.

Der Unterkiefer war nicht mehr vorgeschoben, die vielen widerstrebenden Gefühle um die Mundpartie verschwunden, der allzu gezwungen forsche Blick geschlossen. Die ganze Anspannung, der Welt eine Grimasse schneiden zu müssen, hatte für einen paradiesischen Moment nachgelassen.

Der Schlaf, ein letztes Refugium vor der Multi-Perspektivität der Torschuss-Szenen im Leben des selbstoptimierten Individuums – spendet Ruhe selbst im Standort des Betrachters. ses

Petersschiffchen

Es gibt im Mittelmeer eine leuchtend blaue Quallen-Art, die an der Wasseroberfläche treibt und mit einer kleinen nach oben gerichteten silbrigen Haut segelt. Da sie keine andere Fortbewegungsmöglichkeit hat, als sich vom Wind treiben zu lassen, wird sie bei entsprechenden Windverhältnissen massenhaft an den Strand gespült, wo sie dann vertrocknet.

Wer dieses Phänomen nicht kennt, denkt beim Anblick eines dadurch blau gefärbten Strandes erst mal an Verschmutzung durch Plastikmüll. In einer Zeit, in der man solche Assoziationen noch nicht hatte und die kleine Naturkatastrophe einfach nur wunderbar erschien, bekam die Segelqualle den Namen „Petersschiffchen“. Aber den Namensgebern damals muss bewusst gewesen sein, dass das menschliche Schifflein Petri einen Vorteil hat: Es muss nicht schicksalhaft stranden und vertrocknen; dieses Schifflein kann gegen den Wind kreuzen. ses

Was weh tut

„Mein Kampf“ im Münchner Volkstheater. Der junge Hitler wird in Wien zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom fürsorglichen Schlomo Herzl im Männerwohnheim unter die Fittiche genommen.

Erschreckend ist nicht, dass man in George Taboris Stück lacht. Erschreckend sind nicht die Anspielungen wie der glühende Ofen im anfänglich dunklen Szenenbild. Erschreckend ist zu sehen, wie machtlos vernünftige, zivilisierte Menschlichkeit und sogar gläubige Wahrheitssuche gegenüber Dummheit und Verfälschung der Wirklichkeit sein können. Zumindest wenn sie einsam sind.

Tabori endet mit einem Witz: Zwei Schächer hängen am Kreuz. Fragt der eine den andern: „Tut’s weh?“ – „Nur wenn ich lache.“ jup

Gleichgemeinte Aussagen?

2018, Workshop für Spiritualität: „Mitzubringen bequeme Kleidung und die Bereitschaft sein Leben zu ändern.“

Einige Jahre früher: „Interesse am Klosterleben? Unser Kloster liegt in schöner Gegend …“

Oder auch vor einiger Zeit: „Willst du, dass Menschen ein Licht aufgeht, werde Elektriker oder Priester.“

Vor etwa 1900 Jahren: Ein Dialog im Lukasevangelium. Jesus: „Folge mir nach!“ Der Eingeladene: „Lass mich zuerst weggehen und meinen Vater begraben!“ Jesus: „Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes!“ pez

Programmierte Menschlichkeit

Digitale Assistenten in kleinen Lautsprecherboxen schmücken derzeit die Wohnzimmer technologieversierter Haushalte und erfüllen die ausgesprochenen Wünsche ihrer Besitzer. Emotionsroboter, die menschliche Zuneigung zeigen sollen, gelten als erfolgversprechendes Zukunftsprojekt der Pflegebranche, besonders für den Umgang mit dementen Patienten.

In dem amerikanischen Theaterstück Marjorie Prime, das im letzten Jahr verfilmt wurde, nehmen Hologramme den Platz verstorbener Familienmitglieder ein. So soll z.B. der an Alzheimer leidenden älteren Mutter geholfen werden, mit der Trauer um Ihren verstorbenen Ehemann besser fertig zu werden, indem sie nun immer in Gesellschaft ihres vierzigjährigen Mannes ist. Über freundliche Fragen wie “Erzähl mir mehr über mich” sammeln die Hologramme Informationen über ihre früheren Charaktereigenschaften, die sie sich dann anzueignen versuchen. Geschilderte gemeinsame Erinnerungen werden von ihnen später geschickt in Gespräche eingewebt. Um menschlich zu wirken, scheinen die Äußerungen der holographischen Gefährten auf zwei Grundaussagen programmiert zu sein: „Ich bin da um dir zu helfen, wenn du mich lässt“ und „Wie schön, dass ich jemanden lieben konnte“. In der skurrilen Schlussszene sitzen drei Hologramme der mittlerweile verstorbenen und ursprünglich zerrütteten Familie ganz friedlich beisammen, schwelgen in endlos wiederholten Erinnerungen zu den Klängen Mozarts, und freuen sich daran, dass sie einmal jemanden geliebt haben. So unmenschlich kann Harmonie sein. heg

Ein Zeichen

Treffen sich drei Bistümer, zwei Erzbistümer, ein Diözesanrat und zwei evangelische Landeskirchen. Sagen die drei Bistümer: „Wir sind so verlassen, die Kirchen so leer.“

Sagen die zwei Erzbistümer: „Wir sind so traurig, so erbärmlich“, sagt der Diözesanrat: „Ich habe auch Angst, mit uns geht’s zu Ende“. Daraufhin die evangelischen Kirchen erstaunt: „Schau an, schau an, euch geht’s ja wie uns – lasset uns ein gemeinsames Zeichen setzen!“ Anfangs noch skeptisch, waren die drei Bistümer, die zwei Erzbistümer und der Diözesanrat bald völlig aus dem Häuschen: „Au ja! Lasset uns ein gemeinsames Zeichen setzen!“ Alsbald brechen drei Bistümer, zwei Erzbistümer, ein Diözesanrat und zwei evangelische Landeskirchen gemeinsam auf: zum Autofasten. saw

24 Türchen zu einem besseren Leben

Zwischen den ratlos machenden Bücherbergen einer Großbuchhandlung entdecke ich ein großes Schild: BESSER LEBEN. Darunter eine wandvoll Handbücher, Ratgeber, Fibeln, Bibeln, Bekenntnisse, Erkenntnisse, die mir alle ein besseres Leben versprechen. Toll, denke ich, ein besseres Leben! Zwar ist mein jetziges gar nicht so übel, aber wenn man so darüber nachdenkt … Besser wäre schon besser als gar nicht so übel. Ich möchte also kaufen, aber welches? Die schier unbegrenzte Auswahl überfordert. Am besten wäre natürlich man kauft einfach alle, dann wäre ich auf allen Fronten abgesichert. Aber das geht nicht.

Vielleicht kaufe ich nur ein paar. Vielleicht kaufe ich ab jetzt jeden Monat zwei, dann habe ich nächstes Jahr im Dezember einen ganzen Adventskalender. saw

 

Im Neuen Jahr wird alles besser – 24 Türchen

Identitätsersinnung

Spätes Abendprogramm im europäischen Bildungsfernsehen. Eine Coming-Of-Age-Philosophiedoku, bemüht, unseren Zeitgeist aus Sicht einer mitte-zwanzig jährigen Autorin im hippen Berlin zu dechiffrieren. Das Thema: Identität.

Es beginnt mit dem Besuch bei einer Wahrsagerin, von der sich die Journalistin die Zukunft anhand des Kaffeesatzes mehr oder minder vorhersagen lässt. Fazit: „Du kannst jeden Tag deine Zukunft mit Ja und Nein öffnen oder schließen.“ Der nächste Gesprächspartner, ein Philosoph: „Wenn die Welt ein Buch wäre und wir Menschen ein Wort darin, dann können wir für uns selbst nur Sinn finden, wenn das Buch als Ganzes Sinn ergibt.“ Das erinnert mich an ein Interview mit einem ausgestiegenen Manager, der um die Welt zog mit der Absicht, die Weisheiten aller Kulturen aufzuspüren um dann daraus ein Buch über den Sinn unseres Daseins zu verfassen. Bei einem Besuch eines entlegenen alten Klosters in Tibet, stellt er dem Ältesten die Sinnfrage. Dieser nüchtern: Geh und kehre den Hof. heg

Was bleibt, wenn nichts mehr bleibt?

In einer engen Holzbox stehen im Wiener Akademietheater die vier Überreste einer Familie als letzte Überlebende im Nichts, in einer Welt, die „vielleicht zu Ende geht“.

Die gegenseitige Abhängigkeit der Familienmitglieder ist ihre einzige Beziehungsgrundlage. So sind in Samuel Becketts „Endspiel“ die offenbar wichtigsten Themen, wer den Schlüssel zum Nahrungsmittelschrank besitzt, wer intakte Beine hat, sich dort zu bedienen; wann es Zeit für ein ebenso schwer erreichbares Beruhigungsmittel ist, das, wie sich später herausstellt, längst aufgebraucht ist; und was passiert, wenn einer das Abhängigkeitsgeflecht verlässt, um gleichgültig zu sterben. „Ein Augenblick kommt zum anderen, Bluff, Bluff, und das ganze Leben wartet man darauf, dass ein Leben daraus werde.“ Die einmalig vorkommende, kurze Anstrengung der Protagonisten, mit geschlossenen Augen nach Gott zu suchen, wird schnell abgelenkt von der Suche nach einer vermeintlichen Ratte und der vehementen Einforderung einer versprochenen, aber nicht vorhandenen Praline. Der einzige Funke Hoffnung, dass aus dem „Endspiel“ vielleicht doch noch ein „Anfangsspiel“ werden könnte, ist die beiläufige Erwähnung, dass Gott hier nicht „nicht mehr“ existiert, sondern „noch nicht“. heg

Optimismus

Ein Mann in Kalifornien steht vor den Überresten seines Hauses, das in den großen Waldbränden vom Feuer erfasst wurde und völlig niedergebrannt ist.

Er hat fünfundzwanzig Jahre darin gewohnt, und nun ist es mit all seinem Besitz, der sich darin befand, verbrannt. Im Interview sagt er: “Well, we‘re gonna put that all up again ... it’s only stuff!” Dabei klingt er sogar recht fröhlich. mas

Seiten