Sedes sapientiae

„Was der Mensch ist inmitten der unvernünftigen Geschöpfe, das ist die Kirche inmitten der Schulen der Welt;

und wie Adam den Tieren ihren Namen gab, so hat die Kirche vom ersten Augenblick an auf der Erde rundum geblickt und die Lehren, die sie vorfand, zur Kenntnis genommen und visitiert.

Sie begann in Chaldäa und weilte dann unter den Kanaanitern, stieg von da herab nach Ägypten und ging weiter nach Arabien, bis sie in ihrem eigenen Land verblieb. Demnächst traf sie zusammen mit den Kaufleuten von Tyrus und der Weisheit der Länder des Ostens und der Üppigkeit von Saba. Dann wurde sie weggeführt nach Babylon und wanderte an die Schulen Griechenlands.

Und wohin immer sie kam in Bedrängnis oder in Triumph – sie war dort immer ein lebendiger Odem, der Geist und die Stimme des Allerhöchsten, sitzend mitten unter den Lehrern, ihnen zuhörend und die fragend, für sich beanspruchend, was sie richtig sagten, ihre Irrtümer korrigierend, ihre Mängel ersetzend, ihre Anfänge zu Ende führend, ihre Mutmaßungen erweiternd, und so stufenweise mittels derselben den Bereich ihres eigenen Lehrunterrichts ausdehnend und dessen Sinn erläuternd.

Wir halten dafür, dass eines der speziellen Mittel, durch welche die Vorsehung uns göttliche Erkenntnis zuteil werden lässt, dieses ist, dass sie die Kirche instand setzt, Erkenntnis aus der Welt zu ziehen und zusammenzulesen und in diesem Sinne wie in anderem ‚die Milch der Heiden zu saugen und zu saugen an der Brust der Könige‘.“ 

Aus: J. H. Newman, Essays (1843)

Unnötig und entbehrlich

Eine Gemeinde gehört sich nicht. Nicht einmal das Vergnügen kann sie sich leisten, Elite zu sein; denn sie hat nichts von sich und schon gar nichts für sich – höchstens Leute gegen sich.

Sie weiß, dass sie weder ihr Dasein noch ihren Bestand eigenem Bemühen verdankt und sieht sich in ständiger Gefahr aufzugeben.
Losgelöst aus dem Gewohnten, hängend zwischen allen Fronten und genötigt zum Gang über das Wasser, kann sie sich nur an dem festhalten, der sie trägt. Eine Gemeinde ist ein Werkzeug in der Hand Gottes, seine Funktion in der Sichtbarkeit der Welt, weil er so verschieden von ihr ist, dass es keine andere Vermittlung geben kann.

Eine Gemeinde soll das Zeichen dafür sein, dass ein Gott ist, der den Namen als einziger verdient, weil er es sich leisten kann, verschwenderisch zu sein – etwas in der Welt zu wirken, auf das niemand gewartet hat, das niemand erhoffte und braucht: das Zeichen, dass er unnötig ist, entbehrlich wie ein Parfüm in der Mülltonne.

Solch Verschwenderisches an seiner Stelle zu tun, kann niemandem zugemutet werden – wer sollte sich dafür hergeben? Deshalb wirbt Gott, frei wie er ist, wen er will und wer will. Und verspricht ihnen nichts als seinen Auftrag: etwas zu tun, was bestenfalls unklug ist, wenn nicht verrückt.
Ist die Gemeinde nicht wie das verführte Mädchen, das dem Liebhaber an den einsamen Ort gefolgt ist, gelockt vom Versprechen unermesslichen Glücks? Mit ihrer Schöpfung setzte Gott seine Ehre aufs Spiel und trat in Konkurrenz mit den anderen Göttern, die ihre Knechte mit Zucker und Jenseits und Paradiesen voll Harems locken.

Der Gott des Jesus von Nazareth verspricht nichts als seine Nähe und dann ist er am Ziel, wenn er Partner seiner Freiheit findet – und keine Knechte um Geld. ars

Wer seid ihr? – Eine Antwort aus dem 2. Jahrhundert

Aus dem Antwortbrief eines Christen auf die Frage des Heiden Diognet, was das Christentum sei:

„Die Christen sind weder durch Heimat noch durch Sprache und Sitten von den übrigen Menschen verschieden. Sie bewohnen nirgendwo eigene Städte, bedienen sich keiner abweichenden Sprache und führen auch kein absonderliches Leben. Sie fügen sich der Landessitte in Kleidung, Nahrung und in der sonstigen Lebensart, legen aber dabei einen wunderbaren und anerkanntermaßen überraschenden Wandel in ihrem bürgerlichen Leben an den Tag.

Sie bewohnen jeder sein Vaterland, aber nur wie Beisassen; sie beteiligen sich an allem wie Bürger und lassen sich alles gefallen wie Fremde. Sie heiraten wie alle anderen und zeugen Kinder, setzen aber die geborenen nicht aus. Sie haben gemeinsamen Tisch, aber kein gemeinsames Lager. Sie gehorchen den bestehenden Gesetzen und überbieten in ihrem Lebenswandel die Gesetze. Sie lieben alle und werden von allen verfolgt. Man kennt sie nicht und verurteilt sie doch. Sie sind arm und machen viele reich; sie leiden Mangel an allem und haben doch auch wieder an allem Überfluss.“ um 180 n.Chr.

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