Gesegnet

Unwillig blickt der Mensch der Mehrheit auf den Störer seiner behaglichen Ruhe, und seiner natürlichen Neigung entspricht es nur, wenn er ihn steinigt.

Wehe aber dem Leibe Christi, wenn das seinen Alltagsgliedern gelingt! Es ist der Segen der Kirche, dass immer wieder selbständige, hochstrebende Geister das stagnierende Leben ihrer Alltagskinder aufreizen und aufrütteln.
Aus: Erich Przywara, Frühe religiöse Schriften (1917)

Dem Fußball gleich?

Über den ersten Präsidenten des FC Bayern, Kurt Landauer, schreibt eine hebräischsprachige Zeitschrift: „Landauer gab dem Club seinen besonderen Charakter; er machte ihn international, er stellte ausländische Ma’aminim an und organisierte den Kauf des Anwesens in der Säbenerstraße.“

„Ma’aminim?“, fragt sich der übersetzende Leser – „Was ist das? Eine Ableitung von ‚Emuna‘ – Glaube? ‚Emun‘  – Vertrauen? – ‚Leha’amin‘ – Glauben? Wen hat Kurt Landauer also angestellt? Ausländische Vertrauende? Treue Anhänger des Clubs vielleicht? Das Wörterbuch hilft weiter: „leha’amin“ – „glauben“ – „le’emon“ – „aufziehen, erziehen“ – „le’amen“ – „lehren, trainieren, ausbilden“ – „lehit’amen“ – „üben, trainieren“. Aha, da haben wir’s: Er hat ausländische Trainer angestellt, wie es später die anderen auch machten. … – „Omanut“ – „Kunst“ – „Umanut“ – „Handwerk“. Ein und dieselbe Wortwurzel. Die ungeahnte Bedeutungsvielfalt verführt zu etymologischen Gedankenspielen: Heißt das: Der Fußballspieler ein säkular Glaubender? Oder: Glaube ein Mannschaftssport? Und: Glauben heißt einfach am Ball bleiben? Oder viel schlichter: Der Glaubende ist ein immer Lernender? mas

Sonntag, Gänserich, Flügel

Stell dir vor, die Gänse hätten auch ihren Gottesdienst. Jeden Sonntag kämen sie zusammen, und ein Gänserich predigte.

Der wesentliche Inhalt der Predigt wäre: welch hohe Bestimmung die Gans habe, zu welch hohem Ziel der Schöpfer – und jedes Mal, da dies Wort genannt würde, knicksten alle Gänse und alle Gänseriche dienerten – die Gans bestimmt habe; mit Hilfe der Flügel könnten sie fortfliegen zu fernen Gegenden, seligen Gefilden. So jeden Sonntag. Und darauf trennte die Versammlung sich, jede watschelte heim zum eigenen Herd. Und dann wieder am nächsten Sonntag zum Gottesdienst und dann wieder heim – dabei bliebe es, sie gediehen und würden fett, drall und delikat – und dann würden sie zum Martinstag verspeist – dabei bliebe es. Denn während die Predigt am Sonntag so feierlich lautete, wussten die Gänse am Montag einander zu erzählen, wie es einer Gans ergangen sei, die Ernst habe machen wollen mit Hilfe der Flügel, die der Schöpfer ihr gegeben habe, bestimmt zu dem hohen Ziel, das ihr gesetzt sei, wie es ihr ergangen sei, welche Schrecknisse sie habe erdulden müssen. Auch fanden sich unter den Gänsen einige einzelne, die leidend aussahen, mager wurden. Von ihnen hieß es unter den Gänsen: da sieht man, wohin es führt, wenn man mit dem Fliegen-Wollen Ernst macht. Denn weil sie sich in ihrem stillen Sinn mit dem Gedanken, fliegen zu wollen, beschäftigen, deshalb werden sie mager, gedeihen nicht, haben Gottes Gnade nicht, wie wir sie haben und deshalb drall, fett und delikat werden, denn von Gottes Gnade wird man drall, fett, delikat. Und am nächsten Sonntag gingen sie dann wieder zum Gottesdienst, und der alte Gänserich predigte von dem hohen Ziel, wozu der Schöpfer (hier knicksten die Gänse, und die Gänseriche dienerten) die Gans bestimmt habe, wozu die Flügel bestimmt seien.

Aus: S. Kierkegaard, Tagebuch, 3.-12.12.1854 (1854)

Reformvorstellungen

Bei einer ökumenischen Veranstaltung zu Martin Luther ging der Bischof einer Alpendiözese mit gegenwärtigen Reformvorstellungen ins Gericht:

„Wer heute von Reform redet, fragt zuallererst: Wie kann durch eine Strukturreform möglichst viel Geld und Personal eingespart werden bei möglichst steigender Produktion und Output? Noch vor 40 bis 50 Jahren hingegen verstand man unter Reform: Du kannst etwas Neues in die Welt setzen, ein Projekt initiieren und bekommst dafür viel Geld und Personal.“

Im Unterschied dazu Hans Urs von Balthasar: „Reform geschieht nie durch Zusammenkleben zerbrochener Stücke. Sondern: ‚Aus Isais Stumpf sprosst ein Reis und ein Schössling dringt aus seinem Wurzelstock.‘“ mim

Der Christo-Effekt

Die „Floating Piers“ von Christo waren schon vor über vierzig Jahren geplant worden, noch zusammen mit seiner inzwischen verstorbenen Frau Jeanne-Claude.

Sie ermöglichten, umsichtig realisiert und frei finanziert, in diesem Sommer für sechzehn Tage kilometerweit auf goldorangen Stoffbahnen zu spazieren, über einen norditalienischen See, den Lago D`Iseo, und durch die alte Stadt auf seiner Insel. „Erstmals seit Menschen hier leben ist die Insel im See nicht nur mit dem Boot sondern auch zu Fuß erreichbar“ – so beschrieb der Künstler seine Projektidee. Die Spaziergänger zogen sich über dem Wasser die Schuhe aus und freuten sich über das Gefühl, unter den Füßen durch den Stoff und die Schwimmkörper die Wellenbewegung des Wassers zu spüren. Hier zeigte sich, welche alte Grundidee sich durch das Lebenswerk des Künstlers zieht: Die Verwandlung eines Ortes, die überrascht, ihn neu erfahrbar macht und würdigt. Mit Hilfe vieler wird der Ort zur Attraktion im ursprünglichen Wortsinn: anziehend. Deswegen machen sich viele auf, weil sie wissen, dass die Zeit um solcher Momente willen kostbar ist. ses

27. Juni – Weltdufttag

Nach dem neuen „Festkalender“ – der wohl so langsam den alten Heiligenkalender ablöst – ist der 27. Juni Weltdufttag.

Dazu fiel mir ein, dass Paulus bald nach dem Tod Jesu an seine Leute in Korinth geschrieben hat: „Wir sind Christi Wohlgeruch für Gott unter denen, die gerettet werden, wie unter denen, die verloren gehen.“

Damit sagt Paulus das gleiche wie ein jüdischer Midrasch, der das in alle Welt zerstreute Volk Israel mit einem Parfümfläschchen vergleicht, das umgestürzt und zerbrochen ist, so dass sich der Duft überall hin verbreitete. ang

Deklarierte Mätresse

„»Sind die Berliner denn Christen?« rief Signora voller Verwundrung. »Es hat eine eigne Bewandtnis, mit ihrem Christentum.

Dieses fehlt ihnen im Grunde ganz und gar, und sie sind auch viel zu vernünftig, um es ernstlich auszuüben. Aber da sie wissen, dass das Christentum im Staate nötig ist, damit die Untertanen hübsch demütig gehorchen, und auch außerdem nicht zu viel gestohlen und gemordet wird, so suchen sie mit großer Beredtsamkeit wenigstens ihre Nebenmenschen zum Christentume zu bekehren.«

Eben weil ich ein Freund des Staats und der Religion bin, hasse ich jene Missgeburt, die man Staatsreligion nennt, jenes Spottgeschöpf, das aus der Buhlschaft der weltlichen und der geistlichen Macht entstanden, jenes Maultier, das der Schimmel des Antichrists mit der Eselin Christi gezeugt hat. Während wir über den Himmel streiten, gehen wir auf Erden zugrunde. Ein Indifferentismus in religiösen Dingen wäre vielleicht allein imstande uns zu retten.

Die Religion kann nie schlimmer sinken, als wenn sie solchermaßen zur Staatsreligion erhoben wird, es geht dann gleichsam ihre innere Unschuld verloren, und sie wird so öffentlich stolz wie eine deklarierte Mätresse. Wie schön, wie heilig lieblich, wie heimlich süß, war das Christentum der ersten Jahrhunderte, als es selbst noch seinem göttlichen Stifter glich im Heldentum des Leidens.

Wie den Gewerben ist auch den Religionen das Monopolsystem schädlich, durch freie Konkurrenz bleiben sie kräftig, und sie werden erst dann zu ihrer ursprünglichen Herrlichkeit wieder erblühen, sobald die politische Gleichheit der Gottesdienste, sozusagen die Gewerbefreiheit der Götter eingeführt wird.“

Aus: H. Heine, Reisebilder. Vierter Teil. Die Stadt Lucca (1831)

Sedes sapientiae

„Was der Mensch ist inmitten der unvernünftigen Geschöpfe, das ist die Kirche inmitten der Schulen der Welt;

und wie Adam den Tieren ihren Namen gab, so hat die Kirche vom ersten Augenblick an auf der Erde rundum geblickt und die Lehren, die sie vorfand, zur Kenntnis genommen und visitiert.

Sie begann in Chaldäa und weilte dann unter den Kanaanitern, stieg von da herab nach Ägypten und ging weiter nach Arabien, bis sie in ihrem eigenen Land verblieb. Demnächst traf sie zusammen mit den Kaufleuten von Tyrus und der Weisheit der Länder des Ostens und der Üppigkeit von Saba. Dann wurde sie weggeführt nach Babylon und wanderte an die Schulen Griechenlands.

Und wohin immer sie kam in Bedrängnis oder in Triumph – sie war dort immer ein lebendiger Odem, der Geist und die Stimme des Allerhöchsten, sitzend mitten unter den Lehrern, ihnen zuhörend und die fragend, für sich beanspruchend, was sie richtig sagten, ihre Irrtümer korrigierend, ihre Mängel ersetzend, ihre Anfänge zu Ende führend, ihre Mutmaßungen erweiternd, und so stufenweise mittels derselben den Bereich ihres eigenen Lehrunterrichts ausdehnend und dessen Sinn erläuternd.

Wir halten dafür, dass eines der speziellen Mittel, durch welche die Vorsehung uns göttliche Erkenntnis zuteil werden lässt, dieses ist, dass sie die Kirche instand setzt, Erkenntnis aus der Welt zu ziehen und zusammenzulesen und in diesem Sinne wie in anderem ‚die Milch der Heiden zu saugen und zu saugen an der Brust der Könige‘.“ 

Aus: J. H. Newman, Essays (1843)

Unnötig und entbehrlich

Eine Gemeinde gehört sich nicht. Nicht einmal das Vergnügen kann sie sich leisten, Elite zu sein; denn sie hat nichts von sich und schon gar nichts für sich – höchstens Leute gegen sich.

Sie weiß, dass sie weder ihr Dasein noch ihren Bestand eigenem Bemühen verdankt und sieht sich in ständiger Gefahr aufzugeben.
Losgelöst aus dem Gewohnten, hängend zwischen allen Fronten und genötigt zum Gang über das Wasser, kann sie sich nur an dem festhalten, der sie trägt. Eine Gemeinde ist ein Werkzeug in der Hand Gottes, seine Funktion in der Sichtbarkeit der Welt, weil er so verschieden von ihr ist, dass es keine andere Vermittlung geben kann.

Eine Gemeinde soll das Zeichen dafür sein, dass ein Gott ist, der den Namen als einziger verdient, weil er es sich leisten kann, verschwenderisch zu sein – etwas in der Welt zu wirken, auf das niemand gewartet hat, das niemand erhoffte und braucht: das Zeichen, dass er unnötig ist, entbehrlich wie ein Parfüm in der Mülltonne.

Solch Verschwenderisches an seiner Stelle zu tun, kann niemandem zugemutet werden – wer sollte sich dafür hergeben? Deshalb wirbt Gott, frei wie er ist, wen er will und wer will. Und verspricht ihnen nichts als seinen Auftrag: etwas zu tun, was bestenfalls unklug ist, wenn nicht verrückt.
Ist die Gemeinde nicht wie das verführte Mädchen, das dem Liebhaber an den einsamen Ort gefolgt ist, gelockt vom Versprechen unermesslichen Glücks? Mit ihrer Schöpfung setzte Gott seine Ehre aufs Spiel und trat in Konkurrenz mit den anderen Göttern, die ihre Knechte mit Zucker und Jenseits und Paradiesen voll Harems locken.

Der Gott des Jesus von Nazareth verspricht nichts als seine Nähe und dann ist er am Ziel, wenn er Partner seiner Freiheit findet – und keine Knechte um Geld. ars

Wer seid ihr? – Eine Antwort aus dem 2. Jahrhundert

Aus dem Antwortbrief eines Christen auf die Frage des Heiden Diognet, was das Christentum sei:

„Die Christen sind weder durch Heimat noch durch Sprache und Sitten von den übrigen Menschen verschieden. Sie bewohnen nirgendwo eigene Städte, bedienen sich keiner abweichenden Sprache und führen auch kein absonderliches Leben. Sie fügen sich der Landessitte in Kleidung, Nahrung und in der sonstigen Lebensart, legen aber dabei einen wunderbaren und anerkanntermaßen überraschenden Wandel in ihrem bürgerlichen Leben an den Tag.

Sie bewohnen jeder sein Vaterland, aber nur wie Beisassen; sie beteiligen sich an allem wie Bürger und lassen sich alles gefallen wie Fremde. Sie heiraten wie alle anderen und zeugen Kinder, setzen aber die geborenen nicht aus. Sie haben gemeinsamen Tisch, aber kein gemeinsames Lager. Sie gehorchen den bestehenden Gesetzen und überbieten in ihrem Lebenswandel die Gesetze. Sie lieben alle und werden von allen verfolgt. Man kennt sie nicht und verurteilt sie doch. Sie sind arm und machen viele reich; sie leiden Mangel an allem und haben doch auch wieder an allem Überfluss.“ um 180 n.Chr.

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