Nicht Mission, sondern Dialog

Mission in allen Völkern und Kulturen ist der Auftrag, den Christus den Seinigen hinterlassen hat. Es geht dabei darum, den Menschen den „unbekannten Gott“ (Apg 17,23) bekanntzumachen. Der Mensch hat ein Recht, Gott kennenzulernen, weil nur, wer Gott kennt, das Menschsein recht leben kann. Deswegen ist der Missionsauftrag universal – mit einer Ausnahme:

Eine Mission der Juden war einfach deshalb nicht vorgesehen und nicht nötig, weil sie allein unter allen Völkern den „unbekannten Gott“ kannten. Für Israel galt und gilt daher nicht Mission, sondern der Dialog darüber, ob Jesus von Nazareth „der Sohn Gottes, der Logos“ ist, auf den gemäß den an sein Volk ergangenen Verheißungen Israel und, ohne es zu wissen, die Menschheit wartet. Diesen Dialog neu aufzunehmen, ist der Auftrag, den uns diese Stunde stellt.

 

Aus: Joseph Ratzinger/Benedikt XVI., Nicht Mission, sondern Dialog, Herder Korrespondenz 12/2018

Noble Zurückhaltung

„Die Kirchen treten dafür ein, dass …“ 

– andere etwas tun.

 

„Warten auf Gott“, die vornehmste Art der Unterlassung des Guten.

 

Das Sich-auf-Gott-Verlassen, oft ein Verlassen Gottes.

luw

 

Sicherheitsabstand

Die Bibel konnte zum Bestseller werden,
weil man eine Methode fand, sie zu
lesen und auszulegen, ohne sie zu tun.

Richtig: Der Amtsträger muss zurücktreten
hinter der Sache. Als Zeuge stellt er sie dar,
nicht her. – Aber heute treten sie so weit
zurück, dass die Sache allein steht. luw

Heutiges Credo:

Ich glaube an die Harmonie im Universum und

dass der Jude Jesus ein Vorbild des neuen

sanften Mannes war und

dass der Geist überall weht (außer in Rom)

und wir daher keine Kirche brauchen. Amen.

luw

Mühen des Anfangs

Wie sehr Mose von vorn anfangen und ihnen das Früheste beibringen musste, das merkt man den notdürftigen Vorschriften an, mit denen er daran herumzuwerken, zu meißeln und zu sprengen begann – nicht zu ihrem Behagen; der Klotz ist nicht auf des Meisters Seite, sondern gegen ihn, und gleich das Früheste, was zu seiner Formung geschieht, kommt ihm am allerunnatürlichsten vor.

Immer war Mose unter ihnen, bald hier, bald da, bald in diesem und bald in jenem Dorflager, schüttelte die Fäuste an breiten Handgelenken und rüttelte, mäkelte, krittelte und regelte an ihrem Dasein, rügte, richtete und säuberte daran herum, indem er die Unsichtbarkeit Gottes dabei zum Prüfstein nahm, JHWH‘s, der sie aus Ägypten geführt hatte, um sie sich zum Volk zu nehmen.

Aus: Thomas Mann, Das Gesetz (Stockholm 1944)

Die Kirche sucht …

nach einer neuen Sprache. Zum Beispiel in einem aktuellen Konferenzprogramm:

„Spielarten diskursiver Repräsentierung des Absoluten“

„Entgrenzung des Sinns – zur auto-dekonstruktiven Dynamik im Christentum und (Nicht-)Repräsentierbarkeit des Absoluten“

„Zeigendes Sprechen. Perspektiven eines reflexiven Umgangs der Kunstgeschichte mit dem Absoluten“

„Konkreativität und ‚Analogical Imagination‘ – die Produktion von Wirklichkeit in Kunst und Theologie“

„Negativität und Transgression. Zur Produktivität des Unverfügbaren“

“Wittgenstein and the Mystical: Can Nonsense Make Sense?”

“Theologische Reflexion und narrativer Sinn. Zur Kritik der religiösen Lebensform“

Liebe miss universum, hinter solchen akademischen Nebeln verschwindest Du. Und wenn sich die Nebel einmal heben sollten – ob Du dann noch zu finden bist? pez

Verflochten bis ans Ende der Zeit

„Ich glaube, dass Gott selbst in die Geschichte dieses unbedeutenden Planeten eingriff: durch einen Bund mit einem noch bedeutungsloseren Stamm, den Juden, durch seinen Sohn, einen Juden, der tatsächlich als Mensch auf dieser Erde lebte, er und kein anderer, durch die Gründung einer Kirche, der katholischen Kirche, gebaut auf einen sehr mittelmäßigen, unbeherrschten Katholiken, Petrus, auch ein Jude; dass er, Gott, irgendwie unauflösbar und bleibend, hoffnungslos geradezu, mit den beiden, den Juden und der katholischen Kirche, verflochten ist, bis ans Ende irdischer Zeiten.

Ich bin beides. Ich bin sowohl Jude als auch Katholik, ob es den Juden oder den Katholiken nun passt oder nicht, im Allgemeinen nicht, meistens können sie in Wirklichkeit nichts miteinander anfangen und mit mir noch weniger. Die Juden halten mich für einen Abtrünnigen, und die Katholiken halten mich für einen Juden. Sie sehen Jesus und Maria nicht als Juden. Aber ich? Ich bin nach wie vor Jude. Und sie haben Recht. Ich bin einer. Die Katholiken sind ein komisches Volk – ich bin nie wirklich mit ihnen warm geworden. Aber die beiden, Juden und Katholiken, sind unauflösbar miteinander verwachsen, so wie siamesische Zwillinge am Nabel, ob es ihnen passt oder nicht, und es ist und bleibt beiden ein Gräuel bis ans Ende irdischer Zeiten.“

Aus: Walker Percy, Loch im Kosmos. Das letzte Hilf-dir-selbst-Buch (1991)

Irrwege – vor 500 Jahren – und heute?

Was für die Kirche zur Zeit Luthers galt, gilt für sie auch heute: sie ist reformbedürftig. Papst Hadrian VI. gab am 25. November 1522 dem päpstlichen Diplomaten Francesco Chieregati folgende Botschaft, ein Schuldbekenntnis über die Missstände in der Kirche, mit auf den Weg zum Nürnberger Reichstag:

„Daneben sollst Du aber auch sagen, daß wir von ganzem Herzen bekennen, daß der Grund dafür, daß Gott diese Verfolgung seiner Kirche zuläßt, in der Sünde der Menschen liegt, besonders der Priester und der Oberen [prelati] der Kirche … Wir wissen, daß es an diesem Heiligen Stuhl schon seit einigen Jahren viele greuliche Mißbräuche in geistlichen Dingen und Vergehen gegen die göttlichen Gebote gegeben hat, ja, daß eigentlich alles pervertiert worden ist. So ist es kein Wunder, wenn sich die Krankheit vom Haupt auf die Glieder, d.h. von den Päpsten auf die unteren Kirchenführer ausgebreitet hat. Wir alle, d.h. wir Kirchenführer und Priester [prelati et ecclesiastici], sind abgewichen; ein jeder sah auf seinen Weg [Jes 53,6], und da ist schon lange keiner mehr, der Gutes tut, auch nicht einer [Ps 14,3]. Deshalb müssen wir alle Gott die Ehre geben und uns vor ihm demütigen; ein jeder von uns muß seinen Fall erkennen und sich selbst richten, bevor er von Gott mit der Rute seines Zorns gerichtet wird [1Kor 11,31]. Soweit wir selbst betroffen sind, darfst Du versprechen, daß wir jede Anstrengung unternehmen werden, daß als erstes diese Kurie, von der wohl das ganze Übel ausgegangen ist, reformiert wird [reformetur], so daß sie in der gleichen Weise, wie sie zum Verderben aller Untergebenen Anlaß gegeben hat, nun auch ihre Genesung und Reform [reformacio] bewirkt. Dazu fühlen wir uns um so mehr verpflichtet, als wir sehen, daß die ganze Welt eine solche Reform sehnlichst begehrt.“

Aus: Heiko A. Oberman, Die Kirche im Zeitalter der Reformation (2004) 

dies- oder jenseits

Nur die Theologie als Rede von Gott konnte der Welt und den Menschen sagen, was Wirklichkeit ist. Die Theologie bewahrte das Andenken. Die Welt vergaß, dass sie nur durch Gott Welt war und freute sich, nur Welt zu sein.

Die Kirche und die Theologie wussten zwar viel von ihrem Gott, versäumten aber bald, ihn mit einer Wirklichkeit zu verbinden: sie versteckten ihn ins Jenseits. ars

In den Kinderschuhen

„Ich bin tief davon überzeugt, dass die Offenbarung des Alten und Neuen Bundes und damit die Kirche selbst das allergrößte Ereignis der gesamten bisherigen Menschheitsgeschichte bedeuten.

Dann aber muss ich mir sagen: Diese Geschichte steckt doch noch in den Kinderschuhen.“
Aus: Franz Werfel, Der veruntreute Himmel (1939)

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