»…Eine entscheidende Wende im jüdisch-katholischen Dialog«

Dieser Satz steht auf der Banderole des Buches „Ebrei e Cristiani“, denn der Beitrag von Papst em. Benedikt in der Zeitschrift Communio im vergange­nen Jahr hat das jüdisch-christliche Gespräch unerwartet beflügelt.

Die Präsentation des Buches erfolgte bei einem Evento am 16. Mai 2019, ausgerichtet vom Lehrstuhl für die „Theologie des Volkes Gottes“, an der Päpstlichen Lateran-Universität in Rom. Es sprachen Rabbiner Arie Folger, Erzbischof Georg Gänswein, der Präfekt des Päpstlichen Hauses und Sekretär von Benedikt XVI., und Elio Guerriero, der Herausgeber des Buches.

Theologica Nr. 7 macht die Vorträge der Begegnung zugänglich.

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Wege aus der Bedrängnis

von S. Almekias-Siegl

Die klassische jüdische Reaktion auf Katastrophen ist Lebenserneuerung. Es gehört zur Wesensart des Volkes Israel, das Andenken an seine Erfolgs- wie seine Leidensgeschichte zu bewahren, um daraus Hoffnung für die Zukunft zu entwickeln.

Man könnte zugespitzt sagen: Israels Zurückdenken bringt es nach vorne. Erinnerung ist der Schlüssel für die Zukunft des Volkes Israel. Wie die Erprobung stattfand, so wird auch die Erlösung geschehen. Die vergangenen Katastrophen haben die jüdische Gemeinschaft zweifellos niedergeschmettert, aber auf paradoxe Weise auch gestärkt. Diese innere jüdische Bewegung und Dynamik bringt eine russische Volkserzählung gut zum Ausdruck:

Als Napoleon bei seinem Feldzug gegen Russland durch ein kleines jüdisches Schtetl zog, äußerte er den Wunsch, die Synagoge von innen zu sehen. Zufällig war dieser Tag der 9. Aw, und die Juden saßen in der Finsternis auf dem Boden, in Wehklagen und Gebet. Als man Napoleon erklärt hatte, dass der Grund ihrer Klage die Verwüstung des Tempels war, fragte er: „Wann ist das passiert?“ „Vor 2000 Jahren“, sagte man ihm. Als er das hörte, erklärte der Kaiser: „Ein Volk, das in der Lage ist, 2000 Jahre lang die Erinnerung an sein Land zu bewahren, wird sicher den Weg zur Heimkehr dorthin finden.“

Aber vergessen wir an dieser Stelle eines nicht: Es handelt sich hierbei um keinen Automatismus. Das Fasten und Gedenken des Vorherigen allein genügt nicht. Denn Hass und Unfrieden haben zum Verlust des Tempels geführt. Das Fasten muss von einem alltäglichen Umgang der Kinder Israels in der Wahrheit und im Frieden miteinander begleitet sein, wenn es denn tatsächlich zu einem Wandel von traurigen zu erneuerten fröhlichen Tagen kommen soll.

 

Aus: Jüdische Allgemeine, 18.07.2019, Artikel von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl

https://www.juedische-allgemeine.de/religion/wege-aus-der-bedraengnis/

„Ebrei e cristiani“

Begegnung an der Lateran-Universität

Am 16. Mai 2019 stellte der „Lehrstuhl für die Theologie des Volkes Gottes“ an der Päpstlichen Lateran-Universität in Rom vor vielen interessierten Zuhörern die italienische Übersetzung der Korrespondenz zwischen Benedikt XVI. und dem Wiener Oberrabbiner Arie Folger vor.

Die Veranstaltung wurde von Prof. Achim Buckenmaier, dem Direktor des Lehrstuhls, moderiert. Vorgestellt wurde das Buch vom Wiener Oberrabbiner Arie Folger, von Erzbischof Georg Gänswein, dem Präfekten des Päpstlichen Hauses und Sekretär von Benedikt XVI., von Elio Guerriero, dem Herausgeber des Buches, und vom Direktor des L‘Osservatore Romano, Andrea Monda.

Weitere Informationen und Fotos finden Sie auf der Homepage des Lehrstuhls www.popolodidio.org.

Aus Erfahrung geronnen

von J. Ratzinger

Zum Akt des Glaubens gehört von seiner Grundstruktur her die Einfügung in die Kirche, das Gemeinsame des miteinander Verbindenden und Verbindlichen.

In die Glaubens­gemeinschaft eintreten heißt in die Lebensgemeinschaft eintreten und umgekehrt. Der Realitätsgehalt der Kirche reicht über das literarisch Fixierbare hinaus. Zwar kann, was sie glaubt und lebt, im Buch bezeugt werden und wird es auch. Aber es geht damit nicht im Buch auf, sondern das Buch bleibt selbst nur in seiner Funktion, wenn es auf die Gemeinschaft verweist, in der das Wort seinen Lebensraum hat. Diese Lebensgemeinschaft ist nicht durch historische Auslegung ersetzbar oder überholbar; sie geht in ihrer inneren Rangordnung dem Buch voraus. Das Wort des Glaubens setzt von sich aus die Gemeinschaft voraus, die es lebt, die sich daran bindet und es selbst in seiner Verbindlichkeit für den Menschen festhält. In dem Maß, in dem Offenbarung einen Überhang über Literatur hat, hat sie auch einen Überhang über die Grenze der bloßen Wissenschaftlichkeit der historischen Vernunft hinaus.

 

Aus: Joseph Ratzinger, Theologische Prinzipienlehre (1982)

Vom irdischen Schoß Christi

von J. Roth

Also begann ich, die Juden zu besuchen. Und ich sah vor allem, dass man sie deshalb als ein ganz besonderes Volk betrachtete, weil in ihrem Schoß zuerst der Gedanke geboren ward, dass die Völker der Erde, der ganzen Erde, gleiche Kinder Gottes seien.

Eben weil sie zuerst gesagt hatten, alle Menschen aller Völker seien die gleichen Kinder Gottes, sagte man jetzt, sie, die Juden, hielten sich für besondere Kinder Gottes. Denn also ist es in dieser Welt, in der der Antichrist vorläufig herrscht: dass die Menschen, die da sagen, sie wollten das Gute, des Schlechten bezichtigt werden. Die alten Juden sagten, sie seien das von Gott auserwählte Volk. Aber zu welchem Zweck sagten sie es? Zu dem Zweck, den Erlöser zu gebären, den Jesus Christus. Der Hochmut der Juden war also in Wahrheit eine Demut. Sie waren nicht nur in der Tat auserwählt, weil – wie wir ja wissen – aus dem Schoße der Juden der Erlöser der Welt kam, sondern auch, weil sie den einzigen Sohn der Menschen hervorgebracht haben, auf den stolz zu sein kein Hochmut ist. Sie gebaren nicht nur den Erlöser: sie leugneten ihn auch. Sie waren wirklich das auserwählte Volk Gottes. Sie sind doppelt auserwählt: und zwar nicht nur deshalb, weil sie ihre Herzen verstockten. Sie sind also, die Juden, doppelt auserwählt: erstens, weil sie Jesus Christus hervorgebracht haben; zweitens, weil sie ihn verleugnet haben. Durch ihre Tugend wie durch ihre Sünde haben sie die Erlösung der Welt vorbereitet. Deshalb ist, wer an Jesus Christus glaubt und die Juden, seinen irdischen Schoss, hasst, verachtet oder auch nur geringschätzt, der Bruder des Antichrist. Die Heiden ehren selbst noch alle jene Orte, an denen sich ihre Heiligen und Propheten in ihren menschlichen Schwächen gezeigt haben. Wer über die Juden gering denkt, der denkt auch über Jesus Christus gering. Wer ein Christ ist, der achtet die Juden. Wenn nämlich die Juden auserwählt waren, den irdischen Tod Jesu Christi herbeizuführen, so haben sie dadurch den Bund Gottes mit Abraham bestätigt, den Bund, mit dem die Erlösung dieser Welt begonnen hatte. Und wenn Gott die Juden auserwählt hat, Jesum Christum nicht nur hervorzubringen, sondern auch ihn zu verleugnen, so geschah es deshalb; weil Er selbst die Kinder Israels mit Blindheit schlug. Und Er selbst ist es auch, der sie ferner schlagen darf, Er allein. Wer die Juden hasst, ist ein Heide und kein Christ. Wer überhaupt hassen kann, und sei es, wen immer, ist ein Heide und nicht ein Christ. Und wer glaubt, er sei nur deshalb ein Christ, weil er nicht ein Jude sei, der ist doppelt und dreifach ein Heide. Ausgestoßen sei er aus der Gemeinschaft der Christen! Und stößt ihn die Kirche nicht aus, so stößt Gott selbst ihn aus.

 

Aus: Joseph Roth, Der Antichrist (1934) 

Wer singt das Neue Lied

Israel sang es mit Mirjam

am Ufer des Roten Meeres am Rande der Wüste

Mose sang es am Berg Nebo

das Land sehend aber nicht betretend

David sang es vor der Bundeslade

peinlich tanzend

Daniel sang es mit seinen Freunden

im überheizten Feuerofen

 

Jesaja sang es

bei der Rückkehr der Entronnenen

Die Weisheitslehrer sangen es

in der Begegnung mit der Vernunft der Griechen

Die Makkabäer sangen es

angesichts des unversiegten Öls der Tempelleuchte

 

Zacharias der Verstummte sang es

Maria die reine von Gott besuchte sang es

Simeon der Greis sang es

 

Jesus sang es über die Kleinen und Armen die sahen

Paulus sang es über seinen Fund der Zukunft Israels

 

Die Wüstenväter sangen es

als sie den korrupten Städten den Rücken kehrten

Die Klöster des Benedikt sangen es

als sie die Urwälder und Sümpfe kultivierten

Franziskus sang es

als er alles zurückließ um Papst und Sultan zu bewegen

 

Es vagabundierte und verlieh seine Töne

den Aufklärern und Kirchenkritikern

Hat nicht Nietzsche seine Melodie gesucht

Hat nicht Marx seine Noten

verkehrt in der Hand gehalten

 

Warum wurden seine Strophen nach Luther zerspalten

Warum verließ seine Schönheit in der Moderne die Kirchen

Warum musste es als Totenlied in Auschwitz erklingen

Und warum unter Bergen von Konzepten und Papieren

fast ersterben

 

Wer singt heute das Neue Lied

das nicht nur klingt nicht nur stimmt

Das weitererzählt

 

tac

Kirchliches Projektmanagement

Die Kirche müsse sich „neu erfinden“, lautet ein Ratschlag von prominenter Seite, eine Aufforderung angesichts der Turbulenzen.

Ich kann darauf nur sagen: Nein, die Kirche muss sich nicht neu erfinden, die Kirche kann sich gar nicht neu erfinden, weil sie sich auch schon „alt“ nicht selbst erfunden hat. Die Kirche ist keine Erfindung der Menschen, sondern das Projekt Gottes, das er – auch wegen unserer Sündhaftigkeit – begonnen hat und trotz dieser durchträgt durch die Zeiten!

 

Bischof Rudolf Voderholzer am 27. Januar 2019 im Regensburger Dom

Zum christlichen Europa

von J. Ratzinger

Dieses dem Namen nach christliche Europa ist seit rund vierhundert Jahren zur Geburtsstätte eines neuen Heidentums geworden, das im Herzen der Kirche selbst unaufhaltsam wächst und sie von innen her auszuhöhlen droht.

Das Erscheinungsbild der Kirche der Neuzeit ist wesentlich davon bestimmt, dass sie auf eine ganz neue Weise Kirche der Heiden geworden ist und noch immer mehr wird: nicht mehr wie einst Kirche aus den Heiden, die zu Christen geworden sind, sondern Kirche von Heiden, die sich noch Christen nennen, aber in Wahrheit zu Heiden wurden. Das Heidentum sitzt heute in der Kirche selbst. Es wird der Kirche auf die Dauer nicht erspart bleiben, Stück um Stück von dem Schein ihrer Deckung mit der Welt abbauen zu müssen und wieder das zu werden, was sie ist: Gemeinschaft der Glaubenden. Tatsächlich wird ihre missionarische Kraft durch solche äußere Verluste nur wachsen können: Nur wenn sie aufhört, eine billige Selbstverständlichkeit zu sein, nur wenn sie anfängt, sich selbst wieder als das darzustellen, was sie ist, wird sie das Ohr der neuen Heiden mit ihrer Botschaft wieder zu erreichen vermögen.

 

Aus: Joseph Ratzinger, Die neuen Heiden und die Kirche (1958)

Die Geschichte vom Findelkind

Jeden Sonntag hören wir in der Messe Texte aus der Bibel. Sie lesen uns jedes Mal ganz gehörig die Leviten. Und wir gehen trotzdem gerne hin, hören trotzdem immer gerne und immer neu neugierig und wach den alten Texten zu. Warum ist das so?

Sie erzählen einen Sehnsuchtsort, der uns verschlossen ist, wir hören eine Sehnsuchtswelt, wo „Schloss und Riegel für“.

Der Sehnsuchtsort kam in die Welt, „als Israel zog aus Ägypten“. Die Leute um Mose wollten raus aus dem Fleischtöpfeland der Fron und der Unfreiheit, sie flohen in die Wüste, mit dem Traum ihres Erzvaters Jakob, und in 40 Jahren Wüstenexistenz schwitzen sie eine neue Lebensordnung aus, und Mose brachte diese auf Tafeln vom Berg des Herrn, vom Gott des Vaters Jakob. In der Torah, ihrem neuen Lebensprinzip, und in ihrem Leben, erwies sich Gott als Retter. Und Israel schwört: „Wir wollen es tun!“

Über tausend Jahre üben sie dieses Leben mit ihrem neuen Gott, der rettet, und eifert. Denn die Religionen buhlen, Israel wird schwach, liegt am Boden, reut, steht auf, schwört, buhlt weiter. Und dann bauen sie ihm einen Tempel, mit der Torah im Allerheiligsten, und mit Hochpriester.

Israel geht es schlecht. Fremdherrschaften wechseln die Fronmacht im Land. Während der Römerherrschaft steht einer der Söhne Israels auf: Reißt den Tempel ein, ich baue ihn in drei Tagen neu! „Er meinte aber den Tempel seines Leibes“, die Gemeinde seiner Nachfolge, den Rest Israel, der auf Gottes Wort im Fleisch ganz hört, dem ganzen Ganz des Lebens, dem ganzen Heute des Lebens, und dem ganzen Denkvermögen, und ganz aus lauter Freud. Die Evangelien erzählen uns diese Revolution aus Juden und Heiden. „Das Himmelreich ist mitten unter Euch.“

Es wächst die Kirche, wächst, wuchert, wird Tempel, wird die Weltreligion. Mit der Tempelkirchenreligion wächst in tausend Jahren und mehr auch ihre hochdifferenzierte Theologie, sie wächst auch mit einer Theologie vom Himmelreich, dem Sehnsuchtsort im Jenseits und unserem gottergebenen irdischen Jammertal.

Die Götter kehren zurück in anderen, gewaltigen Diesseitssehnsuchtsorten. Die kommunistische Heilsreligion breitet sich brutal in der halben Welt aus, über Deutschland spannt sich das braune Himmelszelt, und in diesem Reich war „das Heil der Juden“ dem Heil Hitler unerträglich. Die Welt erlebt den unvorstellbaren Genozid am Gottesvolk, inmitten der Christenheit.

Heute, „als alles war aus für immer“, heute leben wir in einem materialen, kapitalen, globalen Saus und Braus, süchtig nach Sehnsuchtsorten, mit dem kleinen Lüstchen für den Tag, und dem kleinen Lüstchen für die Nacht. Wir wollen tanzen, in einer maßlosen Sehnsuchtsortgenusswelt, und wir tanzen auf einem Vulkan. Denn unsere exakte Wissenschaftswelt weist uns die Folgen solchen Tanztreibens. Einen Augenblick materialer, kapitaler globaler Brüderlichkeit? Ein möglicher solidarer Blick über den Zylinderrand unseres Treibens hinaus? Uns geht es im Erdenrund wie kleinen Bakterien in einer runden Petrischale in einer Supernährlösung. Die Bakterien gedeihen darin prächtig, vermehren sich, vermehren sich immer weiter, bis die ganze Schale gefüllt ist. „Macht Euch die Petrischale untertan!“ Dann ist die Nährlösung alle, und alle Bakterien gehen ein. So läuft das, auch bei großen Tieren. Leere Kirchen, leere Welt. Woher kann Hilfe kommen? Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn! Herr? Adresse unbekannt? rus

Anspruch und Wirklichkeit

Die Juden haben gelernt, die Welt ganz anders zu sehen. Das Buch Genesis, das erste Buch Mose, beginnt mit Gott, der den Menschen „nach Seinem Bild und Gleichnis“ erschafft.

Dieser Satz ist uns dermaßen vertraut geworden, dass wir vergessen, wie paradox er im Grunde ist – für die Hebräische Bibel hat Gott kein Bild oder Gleichnis. Doch in der folgenden Erzählung wird schnell klar, was die Menschen mit Gott gemein haben: Freiheit und Verantwortung. Das wirft ein schwieriges theologisches Dilemma auf. Wie können wir die großen Hoffnungen, die Gott in die Menschheit setzt, mit der schäbigen und dünnen Akte unserer Moralgeschichte in Einklang bringen? Die Antwort lautet: Vergebung. Gott schrieb Vergebung in das Drehbuch. Er gibt uns immer eine zweite Chance, und dann noch eine und noch eine. Alles, was wir tun müssen, ist, unser Unrecht anzuerkennen, um Entschuldigung zu bitten, wiedergutzumachen und zu beschließen, uns zu bessern – und Gott vergibt. Wir können an den höchsten Ansprüchen festhalten, wenn wir zur gleichen Zeit unsere verborgensten Schwächen ehrlich zugeben.

 

Aus: Jonathan Sacks, Vom Schicksal zum Glauben, Jüdische Allgemeine, 9. September 2018

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