Kardinalfrage

von J. H. Newman

Es gibt keine Zeit, in welcher die Kirche so viele unwahre Glieder hatte, d. h. so viele Menschen, die sich als ihre Glieder erklären, wiewohl sie doch wenig oder nichts über den wirklichen Sinn dieser Gliedschaft kennen, und innerhalb ihrer Mauern bleiben, aus Gründen, die weder religiös noch richtig sind.

Um eine hierhergehörige Frage zu stellen: Was meint ihr, wie viele Verteidiger von Christi heiliger Kirche unter uns übrigbleiben, wenn es sich herausstellte, dass ihre Sache nicht die Sache der Ordnung sei, wie es heute der Fall ist, sondern die Sache der Unruhe und Störung der Ordnung, wie es war, als Christus kam und die Apostel predigten?

 

Aus: Kardinal John Henry Newman, Predigt in St. Mary in Oxford (31. Mai 1840)

Die Begegnung von Juden und Christen

von M. Maier

Jede Begegnung, die nicht nur rein sachlich und zweckgebunden verläuft, sondern eine Brücke des Verstehens zwischen zwei Menschen schlägt, ist ein Wunder. 

Ein solches Wunder ist es auch, wenn Juden und Christen einander begegnen, auf dem Hintergrund einer langen, komplizierten und oft leidvollen Geschichte! Wir können diese Begegnung nicht erwarten oder verlangen, wir können sie eigentlich nur ersehnen und erbitten. Was wir aber tun können und auch sollten, ist, uns selbst darauf vorbereiten, damit der andere uns im entscheidenden Moment bereit und ihm zugewandt vorfindet.

 

Link zum Vortrag „Die Begegnung von Juden und Christen im Licht der Heiligen Schriften – Teil 1“ von Michael Maier: https://www.popolodidio.org/die-begegnung-von-juden-und-christen

In Gemeinschaft leben – Briefe an das Oratorium

von J. H. Newman

Überlegen wir, was das Wort „Gemeinschaft“ impliziert. In Gemeinschaft leben heißt nicht einfach, sich in einem Haus befinden. Denn dann würden ja die Gäste in einem Hotel eine Gemeinschaft bilden.

Auch bedeutet es nicht, gemeinsame Verpflegung und Unterkunft zu haben. Sonst wäre eine Pension auch eine Gemeinschaft. Priester, die in einem Priesterhaus oder Pfarrhaus leben und alle ihr eigenes Zimmer haben, wohl einen gemeinsamen Tisch und gemeinsame Pflichten in Kirche und Pfarrei, leben deshalb noch nicht in Gemeinschaft. In Gemeinschaft leben heißt einen Leib bilden, und zwar so, dass man als einer handelt und als einer behandelt wird. Ein Oratorium (Name der Gemeinschaft, über die Newman nachdenkt) ist ein Einzelwesen (individuality). Es hat einen Willen und ein Handeln, und in diesem Sinn ist es eine Gemeinschaft. Aber es ist klar, dass eine solche Gemeinschaft des Wollens, Denkens, Meinens und Verhaltens nur zustande kommen kann durch beträchtliche Zugeständnisse an eigenem Urteil von seiten jedes einzelnen der so Verbundenen. Es ist mithin keine Übereinstimmung des Zufalls oder der Natur, sondern eine des übernatürlichen Zieles.
Es ist nicht jedermanns Gabe, mit anderen zusammenzuleben. Nicht jede heiligmäßige Seele und nicht jeder gute Weltpriester kann in Gemeinschaft leben. Vielleicht können dies nur sehr wenige Menschen.

 

Aus: John Henry Kardinal Newman, Briefe an das Oratorium über die Berufung zum Oratorium des hl. Philipp Neri (1856)

»…Eine entscheidende Wende im jüdisch-katholischen Dialog«

Dieser Satz steht auf der Banderole des Buches „Ebrei e Cristiani“, denn der Beitrag von Papst em. Benedikt in der Zeitschrift Communio im vergange­nen Jahr hat das jüdisch-christliche Gespräch unerwartet beflügelt.

Die Präsentation des Buches erfolgte bei einem Evento am 16. Mai 2019, ausgerichtet vom Lehrstuhl für die „Theologie des Volkes Gottes“, an der Päpstlichen Lateran-Universität in Rom. Es sprachen Rabbiner Arie Folger, Erzbischof Georg Gänswein, der Präfekt des Päpstlichen Hauses und Sekretär von Benedikt XVI., und Elio Guerriero, der Herausgeber des Buches.

Theologica Nr. 7 macht die Vorträge der Begegnung zugänglich, jetzt auch in Englisch und in Italienisch erhältlich.

Näheres zum Inhalt und Hinweise zur Bestellung finden Sie hier.

Wege aus der Bedrängnis

von S. Almekias-Siegl

Die klassische jüdische Reaktion auf Katastrophen ist Lebenserneuerung. Es gehört zur Wesensart des Volkes Israel, das Andenken an seine Erfolgs- wie seine Leidensgeschichte zu bewahren, um daraus Hoffnung für die Zukunft zu entwickeln.

Man könnte zugespitzt sagen: Israels Zurückdenken bringt es nach vorne. Erinnerung ist der Schlüssel für die Zukunft des Volkes Israel. Wie die Erprobung stattfand, so wird auch die Erlösung geschehen. Die vergangenen Katastrophen haben die jüdische Gemeinschaft zweifellos niedergeschmettert, aber auf paradoxe Weise auch gestärkt. Diese innere jüdische Bewegung und Dynamik bringt eine russische Volkserzählung gut zum Ausdruck:

Als Napoleon bei seinem Feldzug gegen Russland durch ein kleines jüdisches Schtetl zog, äußerte er den Wunsch, die Synagoge von innen zu sehen. Zufällig war dieser Tag der 9. Aw, und die Juden saßen in der Finsternis auf dem Boden, in Wehklagen und Gebet. Als man Napoleon erklärt hatte, dass der Grund ihrer Klage die Verwüstung des Tempels war, fragte er: „Wann ist das passiert?“ „Vor 2000 Jahren“, sagte man ihm. Als er das hörte, erklärte der Kaiser: „Ein Volk, das in der Lage ist, 2000 Jahre lang die Erinnerung an sein Land zu bewahren, wird sicher den Weg zur Heimkehr dorthin finden.“

Aber vergessen wir an dieser Stelle eines nicht: Es handelt sich hierbei um keinen Automatismus. Das Fasten und Gedenken des Vorherigen allein genügt nicht. Denn Hass und Unfrieden haben zum Verlust des Tempels geführt. Das Fasten muss von einem alltäglichen Umgang der Kinder Israels in der Wahrheit und im Frieden miteinander begleitet sein, wenn es denn tatsächlich zu einem Wandel von traurigen zu erneuerten fröhlichen Tagen kommen soll.

 

Aus: Jüdische Allgemeine, 18.07.2019, Artikel von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl

https://www.juedische-allgemeine.de/religion/wege-aus-der-bedraengnis/

„Ebrei e cristiani“

Begegnung an der Lateran-Universität

Am 16. Mai 2019 stellte der „Lehrstuhl für die Theologie des Volkes Gottes“ an der Päpstlichen Lateran-Universität in Rom vor vielen interessierten Zuhörern die italienische Übersetzung der Korrespondenz zwischen Benedikt XVI. und dem Wiener Oberrabbiner Arie Folger vor.

Die Veranstaltung wurde von Prof. Achim Buckenmaier, dem Direktor des Lehrstuhls, moderiert. Vorgestellt wurde das Buch vom Wiener Oberrabbiner Arie Folger, von Erzbischof Georg Gänswein, dem Präfekten des Päpstlichen Hauses und Sekretär von Benedikt XVI., von Elio Guerriero, dem Herausgeber des Buches, und vom Direktor des L‘Osservatore Romano, Andrea Monda.

Weitere Informationen und Fotos finden Sie auf der Homepage des Lehrstuhls www.popolodidio.org.

Aus Erfahrung geronnen

von J. Ratzinger

Zum Akt des Glaubens gehört von seiner Grundstruktur her die Einfügung in die Kirche, das Gemeinsame des miteinander Verbindenden und Verbindlichen.

In die Glaubens­gemeinschaft eintreten heißt in die Lebensgemeinschaft eintreten und umgekehrt. Der Realitätsgehalt der Kirche reicht über das literarisch Fixierbare hinaus. Zwar kann, was sie glaubt und lebt, im Buch bezeugt werden und wird es auch. Aber es geht damit nicht im Buch auf, sondern das Buch bleibt selbst nur in seiner Funktion, wenn es auf die Gemeinschaft verweist, in der das Wort seinen Lebensraum hat. Diese Lebensgemeinschaft ist nicht durch historische Auslegung ersetzbar oder überholbar; sie geht in ihrer inneren Rangordnung dem Buch voraus. Das Wort des Glaubens setzt von sich aus die Gemeinschaft voraus, die es lebt, die sich daran bindet und es selbst in seiner Verbindlichkeit für den Menschen festhält. In dem Maß, in dem Offenbarung einen Überhang über Literatur hat, hat sie auch einen Überhang über die Grenze der bloßen Wissenschaftlichkeit der historischen Vernunft hinaus.

 

Aus: Joseph Ratzinger, Theologische Prinzipienlehre (1982)

Vom irdischen Schoß Christi

von J. Roth

Also begann ich, die Juden zu besuchen. Und ich sah vor allem, dass man sie deshalb als ein ganz besonderes Volk betrachtete, weil in ihrem Schoß zuerst der Gedanke geboren ward, dass die Völker der Erde, der ganzen Erde, gleiche Kinder Gottes seien.

Eben weil sie zuerst gesagt hatten, alle Menschen aller Völker seien die gleichen Kinder Gottes, sagte man jetzt, sie, die Juden, hielten sich für besondere Kinder Gottes. Denn also ist es in dieser Welt, in der der Antichrist vorläufig herrscht: dass die Menschen, die da sagen, sie wollten das Gute, des Schlechten bezichtigt werden. Die alten Juden sagten, sie seien das von Gott auserwählte Volk. Aber zu welchem Zweck sagten sie es? Zu dem Zweck, den Erlöser zu gebären, den Jesus Christus. Der Hochmut der Juden war also in Wahrheit eine Demut. Sie waren nicht nur in der Tat auserwählt, weil – wie wir ja wissen – aus dem Schoße der Juden der Erlöser der Welt kam, sondern auch, weil sie den einzigen Sohn der Menschen hervorgebracht haben, auf den stolz zu sein kein Hochmut ist. Sie gebaren nicht nur den Erlöser: sie leugneten ihn auch. Sie waren wirklich das auserwählte Volk Gottes. Sie sind doppelt auserwählt: und zwar nicht nur deshalb, weil sie ihre Herzen verstockten. Sie sind also, die Juden, doppelt auserwählt: erstens, weil sie Jesus Christus hervorgebracht haben; zweitens, weil sie ihn verleugnet haben. Durch ihre Tugend wie durch ihre Sünde haben sie die Erlösung der Welt vorbereitet. Deshalb ist, wer an Jesus Christus glaubt und die Juden, seinen irdischen Schoss, hasst, verachtet oder auch nur geringschätzt, der Bruder des Antichrist. Die Heiden ehren selbst noch alle jene Orte, an denen sich ihre Heiligen und Propheten in ihren menschlichen Schwächen gezeigt haben. Wer über die Juden gering denkt, der denkt auch über Jesus Christus gering. Wer ein Christ ist, der achtet die Juden. Wenn nämlich die Juden auserwählt waren, den irdischen Tod Jesu Christi herbeizuführen, so haben sie dadurch den Bund Gottes mit Abraham bestätigt, den Bund, mit dem die Erlösung dieser Welt begonnen hatte. Und wenn Gott die Juden auserwählt hat, Jesum Christum nicht nur hervorzubringen, sondern auch ihn zu verleugnen, so geschah es deshalb; weil Er selbst die Kinder Israels mit Blindheit schlug. Und Er selbst ist es auch, der sie ferner schlagen darf, Er allein. Wer die Juden hasst, ist ein Heide und kein Christ. Wer überhaupt hassen kann, und sei es, wen immer, ist ein Heide und nicht ein Christ. Und wer glaubt, er sei nur deshalb ein Christ, weil er nicht ein Jude sei, der ist doppelt und dreifach ein Heide. Ausgestoßen sei er aus der Gemeinschaft der Christen! Und stößt ihn die Kirche nicht aus, so stößt Gott selbst ihn aus.

 

Aus: Joseph Roth, Der Antichrist (1934) 

Wer singt das Neue Lied

Israel sang es mit Mirjam

am Ufer des Roten Meeres am Rande der Wüste

Mose sang es am Berg Nebo

das Land sehend aber nicht betretend

David sang es vor der Bundeslade

peinlich tanzend

Daniel sang es mit seinen Freunden

im überheizten Feuerofen

 

Jesaja sang es

bei der Rückkehr der Entronnenen

Die Weisheitslehrer sangen es

in der Begegnung mit der Vernunft der Griechen

Die Makkabäer sangen es

angesichts des unversiegten Öls der Tempelleuchte

 

Zacharias der Verstummte sang es

Maria die reine von Gott besuchte sang es

Simeon der Greis sang es

 

Jesus sang es über die Kleinen und Armen die sahen

Paulus sang es über seinen Fund der Zukunft Israels

 

Die Wüstenväter sangen es

als sie den korrupten Städten den Rücken kehrten

Die Klöster des Benedikt sangen es

als sie die Urwälder und Sümpfe kultivierten

Franziskus sang es

als er alles zurückließ um Papst und Sultan zu bewegen

 

Es vagabundierte und verlieh seine Töne

den Aufklärern und Kirchenkritikern

Hat nicht Nietzsche seine Melodie gesucht

Hat nicht Marx seine Noten

verkehrt in der Hand gehalten

 

Warum wurden seine Strophen nach Luther zerspalten

Warum verließ seine Schönheit in der Moderne die Kirchen

Warum musste es als Totenlied in Auschwitz erklingen

Und warum unter Bergen von Konzepten und Papieren

fast ersterben

 

Wer singt heute das Neue Lied

das nicht nur klingt nicht nur stimmt

Das weitererzählt

 

tac

Kirchliches Projektmanagement

Die Kirche müsse sich „neu erfinden“, lautet ein Ratschlag von prominenter Seite, eine Aufforderung angesichts der Turbulenzen.

Ich kann darauf nur sagen: Nein, die Kirche muss sich nicht neu erfinden, die Kirche kann sich gar nicht neu erfinden, weil sie sich auch schon „alt“ nicht selbst erfunden hat. Die Kirche ist keine Erfindung der Menschen, sondern das Projekt Gottes, das er – auch wegen unserer Sündhaftigkeit – begonnen hat und trotz dieser durchträgt durch die Zeiten!

 

Bischof Rudolf Voderholzer am 27. Januar 2019 im Regensburger Dom

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