Kirchliches Projektmanagement

Die Kirche müsse sich „neu erfinden“, lautet ein Ratschlag von prominenter Seite, eine Aufforderung angesichts der Turbulenzen.

Ich kann darauf nur sagen: Nein, die Kirche muss sich nicht neu erfinden, die Kirche kann sich gar nicht neu erfinden, weil sie sich auch schon „alt“ nicht selbst erfunden hat. Die Kirche ist keine Erfindung der Menschen, sondern das Projekt Gottes, das er – auch wegen unserer Sündhaftigkeit – begonnen hat und trotz dieser durchträgt durch die Zeiten!

 

Bischof Rudolf Voderholzer am 27. Januar 2019 im Regensburger Dom

Zum christlichen Europa

von J. Ratzinger

Dieses dem Namen nach christliche Europa ist seit rund vierhundert Jahren zur Geburtsstätte eines neuen Heidentums geworden, das im Herzen der Kirche selbst unaufhaltsam wächst und sie von innen her auszuhöhlen droht.

Das Erscheinungsbild der Kirche der Neuzeit ist wesentlich davon bestimmt, dass sie auf eine ganz neue Weise Kirche der Heiden geworden ist und noch immer mehr wird: nicht mehr wie einst Kirche aus den Heiden, die zu Christen geworden sind, sondern Kirche von Heiden, die sich noch Christen nennen, aber in Wahrheit zu Heiden wurden. Das Heidentum sitzt heute in der Kirche selbst. Es wird der Kirche auf die Dauer nicht erspart bleiben, Stück um Stück von dem Schein ihrer Deckung mit der Welt abbauen zu müssen und wieder das zu werden, was sie ist: Gemeinschaft der Glaubenden. Tatsächlich wird ihre missionarische Kraft durch solche äußere Verluste nur wachsen können: Nur wenn sie aufhört, eine billige Selbstverständlichkeit zu sein, nur wenn sie anfängt, sich selbst wieder als das darzustellen, was sie ist, wird sie das Ohr der neuen Heiden mit ihrer Botschaft wieder zu erreichen vermögen.

 

Aus: Joseph Ratzinger, Die neuen Heiden und die Kirche (1958)

Die Geschichte vom Findelkind

Jeden Sonntag hören wir in der Messe Texte aus der Bibel. Sie lesen uns jedes Mal ganz gehörig die Leviten. Und wir gehen trotzdem gerne hin, hören trotzdem immer gerne und immer neu neugierig und wach den alten Texten zu. Warum ist das so?

Sie erzählen einen Sehnsuchtsort, der uns verschlossen ist, wir hören eine Sehnsuchtswelt, wo „Schloss und Riegel für“.

Der Sehnsuchtsort kam in die Welt, „als Israel zog aus Ägypten“. Die Leute um Mose wollten raus aus dem Fleischtöpfeland der Fron und der Unfreiheit, sie flohen in die Wüste, mit dem Traum ihres Erzvaters Jakob, und in 40 Jahren Wüstenexistenz schwitzen sie eine neue Lebensordnung aus, und Mose brachte diese auf Tafeln vom Berg des Herrn, vom Gott des Vaters Jakob. In der Torah, ihrem neuen Lebensprinzip, und in ihrem Leben, erwies sich Gott als Retter. Und Israel schwört: „Wir wollen es tun!“

Über tausend Jahre üben sie dieses Leben mit ihrem neuen Gott, der rettet, und eifert. Denn die Religionen buhlen, Israel wird schwach, liegt am Boden, reut, steht auf, schwört, buhlt weiter. Und dann bauen sie ihm einen Tempel, mit der Torah im Allerheiligsten, und mit Hochpriester.

Israel geht es schlecht. Fremdherrschaften wechseln die Fronmacht im Land. Während der Römerherrschaft steht einer der Söhne Israels auf: Reißt den Tempel ein, ich baue ihn in drei Tagen neu! „Er meinte aber den Tempel seines Leibes“, die Gemeinde seiner Nachfolge, den Rest Israel, der auf Gottes Wort im Fleisch ganz hört, dem ganzen Ganz des Lebens, dem ganzen Heute des Lebens, und dem ganzen Denkvermögen, und ganz aus lauter Freud. Die Evangelien erzählen uns diese Revolution aus Juden und Heiden. „Das Himmelreich ist mitten unter Euch.“

Es wächst die Kirche, wächst, wuchert, wird Tempel, wird die Weltreligion. Mit der Tempelkirchenreligion wächst in tausend Jahren und mehr auch ihre hochdifferenzierte Theologie, sie wächst auch mit einer Theologie vom Himmelreich, dem Sehnsuchtsort im Jenseits und unserem gottergebenen irdischen Jammertal.

Die Götter kehren zurück in anderen, gewaltigen Diesseitssehnsuchtsorten. Die kommunistische Heilsreligion breitet sich brutal in der halben Welt aus, über Deutschland spannt sich das braune Himmelszelt, und in diesem Reich war „das Heil der Juden“ dem Heil Hitler unerträglich. Die Welt erlebt den unvorstellbaren Genozid am Gottesvolk, inmitten der Christenheit.

Heute, „als alles war aus für immer“, heute leben wir in einem materialen, kapitalen, globalen Saus und Braus, süchtig nach Sehnsuchtsorten, mit dem kleinen Lüstchen für den Tag, und dem kleinen Lüstchen für die Nacht. Wir wollen tanzen, in einer maßlosen Sehnsuchtsortgenusswelt, und wir tanzen auf einem Vulkan. Denn unsere exakte Wissenschaftswelt weist uns die Folgen solchen Tanztreibens. Einen Augenblick materialer, kapitaler globaler Brüderlichkeit? Ein möglicher solidarer Blick über den Zylinderrand unseres Treibens hinaus? Uns geht es im Erdenrund wie kleinen Bakterien in einer runden Petrischale in einer Supernährlösung. Die Bakterien gedeihen darin prächtig, vermehren sich, vermehren sich immer weiter, bis die ganze Schale gefüllt ist. „Macht Euch die Petrischale untertan!“ Dann ist die Nährlösung alle, und alle Bakterien gehen ein. So läuft das, auch bei großen Tieren. Leere Kirchen, leere Welt. Woher kann Hilfe kommen? Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn! Herr? Adresse unbekannt? rus

Anspruch und Wirklichkeit

Die Juden haben gelernt, die Welt ganz anders zu sehen. Das Buch Genesis, das erste Buch Mose, beginnt mit Gott, der den Menschen „nach Seinem Bild und Gleichnis“ erschafft.

Dieser Satz ist uns dermaßen vertraut geworden, dass wir vergessen, wie paradox er im Grunde ist – für die Hebräische Bibel hat Gott kein Bild oder Gleichnis. Doch in der folgenden Erzählung wird schnell klar, was die Menschen mit Gott gemein haben: Freiheit und Verantwortung. Das wirft ein schwieriges theologisches Dilemma auf. Wie können wir die großen Hoffnungen, die Gott in die Menschheit setzt, mit der schäbigen und dünnen Akte unserer Moralgeschichte in Einklang bringen? Die Antwort lautet: Vergebung. Gott schrieb Vergebung in das Drehbuch. Er gibt uns immer eine zweite Chance, und dann noch eine und noch eine. Alles, was wir tun müssen, ist, unser Unrecht anzuerkennen, um Entschuldigung zu bitten, wiedergutzumachen und zu beschließen, uns zu bessern – und Gott vergibt. Wir können an den höchsten Ansprüchen festhalten, wenn wir zur gleichen Zeit unsere verborgensten Schwächen ehrlich zugeben.

 

Aus: Jonathan Sacks, Vom Schicksal zum Glauben, Jüdische Allgemeine, 9. September 2018

Nicht Mission, sondern Dialog

Mission in allen Völkern und Kulturen ist der Auftrag, den Christus den Seinigen hinterlassen hat. Es geht dabei darum, den Menschen den „unbekannten Gott“ (Apg 17,23) bekanntzumachen. Der Mensch hat ein Recht, Gott kennenzulernen, weil nur, wer Gott kennt, das Menschsein recht leben kann. Deswegen ist der Missionsauftrag universal – mit einer Ausnahme:

Eine Mission der Juden war einfach deshalb nicht vorgesehen und nicht nötig, weil sie allein unter allen Völkern den „unbekannten Gott“ kannten. Für Israel galt und gilt daher nicht Mission, sondern der Dialog darüber, ob Jesus von Nazareth „der Sohn Gottes, der Logos“ ist, auf den gemäß den an sein Volk ergangenen Verheißungen Israel und, ohne es zu wissen, die Menschheit wartet. Diesen Dialog neu aufzunehmen, ist der Auftrag, den uns diese Stunde stellt.

 

Aus: Joseph Ratzinger/Benedikt XVI., Nicht Mission, sondern Dialog, Herder Korrespondenz 12/2018

Noble Zurückhaltung

„Die Kirchen treten dafür ein, dass …“ 

– andere etwas tun.

 

„Warten auf Gott“, die vornehmste Art der Unterlassung des Guten.

 

Das Sich-auf-Gott-Verlassen, oft ein Verlassen Gottes.

luw

 

Sicherheitsabstand

Die Bibel konnte zum Bestseller werden,
weil man eine Methode fand, sie zu
lesen und auszulegen, ohne sie zu tun.

Richtig: Der Amtsträger muss zurücktreten
hinter der Sache. Als Zeuge stellt er sie dar,
nicht her. – Aber heute treten sie so weit
zurück, dass die Sache allein steht. luw

Heutiges Credo:

Ich glaube an die Harmonie im Universum und

dass der Jude Jesus ein Vorbild des neuen

sanften Mannes war und

dass der Geist überall weht (außer in Rom)

und wir daher keine Kirche brauchen. Amen.

luw

Mühen des Anfangs

Wie sehr Mose von vorn anfangen und ihnen das Früheste beibringen musste, das merkt man den notdürftigen Vorschriften an, mit denen er daran herumzuwerken, zu meißeln und zu sprengen begann – nicht zu ihrem Behagen; der Klotz ist nicht auf des Meisters Seite, sondern gegen ihn, und gleich das Früheste, was zu seiner Formung geschieht, kommt ihm am allerunnatürlichsten vor.

Immer war Mose unter ihnen, bald hier, bald da, bald in diesem und bald in jenem Dorflager, schüttelte die Fäuste an breiten Handgelenken und rüttelte, mäkelte, krittelte und regelte an ihrem Dasein, rügte, richtete und säuberte daran herum, indem er die Unsichtbarkeit Gottes dabei zum Prüfstein nahm, JHWH‘s, der sie aus Ägypten geführt hatte, um sie sich zum Volk zu nehmen.

Aus: Thomas Mann, Das Gesetz (Stockholm 1944)

Die Kirche sucht …

nach einer neuen Sprache. Zum Beispiel in einem aktuellen Konferenzprogramm:

„Spielarten diskursiver Repräsentierung des Absoluten“

„Entgrenzung des Sinns – zur auto-dekonstruktiven Dynamik im Christentum und (Nicht-)Repräsentierbarkeit des Absoluten“

„Zeigendes Sprechen. Perspektiven eines reflexiven Umgangs der Kunstgeschichte mit dem Absoluten“

„Konkreativität und ‚Analogical Imagination‘ – die Produktion von Wirklichkeit in Kunst und Theologie“

„Negativität und Transgression. Zur Produktivität des Unverfügbaren“

“Wittgenstein and the Mystical: Can Nonsense Make Sense?”

“Theologische Reflexion und narrativer Sinn. Zur Kritik der religiösen Lebensform“

Liebe miss universum, hinter solchen akademischen Nebeln verschwindest Du. Und wenn sich die Nebel einmal heben sollten – ob Du dann noch zu finden bist? pez

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