Gertraud Wallbrecher (1923–2016) mit Papst Benedikt XVI., 23. Februar 2006 (Fotografia Felici)

 

„Gott tut nichts als fügen“, war ein Lieblingssatz von Johannes Joachim Degenhardt, was so viel heißt wie: Er will nicht selbst in den Lauf der Dinge eingreifen; er schafft Konstellationen; es öffnen sich Zeitfenster; es ergeben sich Vorlagen, die darauf warten, als Steilvorlagen erkannt und genutzt zu werden. Einen ähnlichen Gedanken entfaltete der jüdische Philosoph Hans Jonas in seiner Rede zum „Gottesbegriff nach Auschwitz“: Gott begibt sich der Macht der Einmischung in die Dinge der Welt; er antwortet darauf nicht „mit starker Hand und ausgestrecktem Arm“, sondern „mit dem eindringlich-stummen Werben seines unerfüllten Zieles“.

Johannes Joachim Degenhardt war 1949 Trauzeuge bei der Eheschließung seines Jugendfreundes Dr. Herbert Wallbrecher mit Gertraud Weiß; später wurde er Erzbischof von Paderborn, 1978 war er der Bischof, der zusammen mit Kardinal Joseph Ratzinger die Integrierte Gemeinde kirchlich anerkannte.

Im Frühjahr 1968 wurde über die Intergierte Gemeinde, die sich wesentlich der Initiative von Herbert und Gertraud Wallbrecher verdankt, erstmals in der KNA, dem katholischen Nachrichten-Organ, berichtet unter dem Titel „Avantgarde oder Sekte?“. Was sich da in den zwanzig Jahren seit Kriegsende und der Katastrophe der Shoah entwickelt hatte, war nicht so leicht einzuordnen. Als Anfang der 70er Jahre der Humanist und Agnostiker Gerhard Szczesny näher mit der Gemeinde in Berührung kam und sich daraus ein freundschaftliches Interesse entwickelte, stellte er nach der ersten Begegnung erstaunt fest: „Es war das erste Mal, dass ich mich in einer Gemeinschaft von Menschen, die sich ausdrücklich als Christen verstanden wissen wollen, wirklich wohl, d. h. unbefangen und normal gefunden habe.“ Bei einer späteren Gelegenheit sagte er: „Bei euch ist alles so anders: Ich kann mir nicht vorstellen, dass die katholische Kirche euch als einen Teil von sich selbst anerkennen kann.“ In demselben Sinne äußerten sich die jüdischen Freunde, religiöse und säkulare Kibbuzniks, mit denen die Gemeinde seit Mitte der 80er Jahre und dann im Rahmen des Urfelder Kreises einen regen Austausch pflegte.

 

Das Jahr 1985 markiert eine Zäsur. Das Anliegen von Gertraud Wallbrecher kam in der Mitte der Kirche an: Zu Pfingsten reiste erstmals eine größere Gruppe der Gemeinde nach Rom. Anlass war die Erhebung von Erzbischof Friedrich Wetter zum Kardinal, dem Nachfolger Kardinal Ratzingers in München; vorausgegangen war die Berufung von Joseph Ratzinger 1981 nach Rom; das Pfingstfest dort 1985 war für alle wie das Ankommen in ‚Rom‘. Hedvig Fornander, konvertierte Protestantin aus Schweden und wort- und bildgewaltige Poetin der Gemeinde, präzisierte die bei vielen Gemeindeleuten eher diffuse Bewusstseinslage in ihrem Brief an die ewige Stadt so:

„Wir suchen die Mitte und das Herz der Welt,
die Anbindung an das Verbindliche, die Norm,
das Unerlässliche, was nicht von uns selbst ist,
die größere Gemeinschaft,
das Notwendige außerhalb unseres Befindens.“

 

Anlässlich der endgültigen kirchlichen Anerkennung, die Kardinal Friedrich Wetter einige Monate später in einem Gottesdienst in Rom in St. Paul vor den Mauern aussprach, drückte Joseph Ratzinger seine Freude darüber aus, „dass Ihnen die Integration in die Kirche aller Orte und aller Zeiten nun so sichtbar geschenkt ist.“ Gertraud Wallbrecher sagte dazu, als sie einige Monate später von ihrer zweiten Israel-Reise zurückkam: „Wir haben das Fest in Rom gefeiert als Feier der Anerkennung des Willens Gottes. Wir sind jetzt nach der Realität dieser Anerkennung gefragt und darauf gestoßen worden, dass es um das eine, einzige Gottesvolk geht. Ich habe bei diesem Besuch in Israel die leidvolle Geschichte der Juden bis zum Holocaust als unsere Geschichte erlebt. Es ist furchtbar, wenn das nur die Geschichte der Juden ist und nicht auch der Christen.“

„Gott tut nichts als fügen“ und er hört nicht auf, „eindringlich-stumm um sein unerfülltes Ziel zu werben“; vielleicht hat manchmal der Himmel doch ein Einsehen.

 

Zu ihrem 80. Geburtstag schrieb Kardinal Joseph Ratzinger, rückblickend auf die turbulente Geschichte, an Gertraud Wallbrecher:

„Sie haben in der schwierigen Zeit des Dritten Reiches den Weg des Glaubens gesucht und nach dem Krieg erkannt, dass neue Wege nötig waren, um auf die Herausforderungen zu antworten, die aus unserer Welt auf den Glauben zukommen. So ist langsam in mancherlei Leiden, Brüchen und Umbrüchen die Integrierte Gemeinde gewachsen, in der Sie mit Ihren Weggefährten eine zukunftsfähige Form christlicher und kirchlicher Existenz zu verwirklichen versuchen. … Als das Wesentliche an Ihrem Mühen sehe ich es an, dass Sie immer an der Katholizität als entscheidender Grundbedingung für das Wesen der Gemeinde festgehalten und damit immer auch die Einordnung in die bischöfliche Verfasstheit der Kirche als unverzichtbar erkannt haben. Dafür möchte ich Ihnen heute ausdrücklich danken.“

Wie sagte Papst Benedikt XVI. in der Ansprache am Fest Mariä Himmelfahrt in Castel Gandolfo, 2011:
„Die Dinge Gottes verdienen Eile. Mehr noch: Die einzigen Dinge auf der Welt, die Eile verdienen, sind jene Gottes, weil sie dringend für unser Leben sind.“

Die letzten Jahre der durch Alter und Krankheit bedingten „abwesenden Anwesenheit“ von Gertraud Wallbrecher waren eine Einladung an alle, die das Privileg ihrer Zeitgenossenschaft hatten, sich des Vermächtnisses zu vergewissern und seinem eindringlich-stummen Werben demütig, klug, beherzt und mit großer Zuversicht zu antworten.

 

Lesen Sie mehr in Theologica 3: ‚Teologa‘ del popolo di Dio. Gertraud Wallbrecher (1923–2016)

Dr. Herbert Wallbrecher (rechts im Bild) mit Kardinal Johannes Joachim Degenhardt

 

Was ist ein Laie? Nach allgemeinem Sprachgebrauch und Verständnis jemand, der auf Experten angewiesen ist. Will er sein Vermögen anlegen, sucht er einen Anlagenberater; will er ein Haus bauen, engagiert er einen Architekten. Die überwiegende Mehrzahl der Kirchenmitglieder sind Laien. Gilt das oben Gesagte auch für sie, als Laien in der Kirche?
Als ein Experte in Sachen Theologie nahm der damals 36-jährige Professor Joseph Ratzinger am II. Vatikanischen Konzil teil und berichtete, was da zum Thema ‚Laien‘ verhandelt wurde: „Was auffiel war, dass unbeschadet aller Bemühung niemand eine positive Definition des Laien zu geben imstande war. Man hat sich angewöhnt, den Laien in Antithese zum Priester und Ordensmann zu verstehen, als den, der keines von beiden ist.“ In der Forderung nach Amt und Weihe ist dieses Verständnis bis heute das vorherrschende geblieben.
Karl Barth, einer der renommiertesten protestantischen Theologen, war als Gast zum Konzil nach Rom eingeladen, konnte aber erst 1967, wie er es nannte, Ad limina apostolorum kommen – an die Türschwelle der Apostel, zu Petrus und Paulus. Im Gepäck brachte er kritische Fragen mit, auch zum Dekret über den Auftrag der Laien: „Warum wird der Laienapostolat nicht – statt mit dem Hinweis auf seine zeitgemäße Notwendigkeit – mit der Definition der Kirche als populus (laos) Dei [Volk Gottes] begründet?“

Herbert Wallbrecher (* 21. Juni 1922, † 5. Januar 1997) trug sich wie seine beiden älteren Brüder und Johannes Joachim Degenhardt, mit dem er in der katholischen Jugendbewegung eng verbunden war, mit dem Gedanken, bei den Jesuiten einzutreten. Als seine Brüder aus dem Krieg nicht zurückkehrten und ihm die elterliche Versicherungs- und Steuerkanzlei zufiel, war es auch für ihn nach dem Ende der Nazi-Diktatur und der Katastrophe der Shoah unmöglich, was viele versuchten, in das bis 1933 Gewohnte einfach wieder einzutreten, als wäre nichts geschehen. Aber wie jetzt ein Christ sein? In dieser ihn wie viele seiner Altersgenossen umtreibenden Frage-Zeit begegnete er, inzwischen Jurist und unternehmerisch tätig, Gertraud Weiß aus München, Psychologiestudentin und Bundesführerin des Heliand, die dieselbe Frage mitbrachte. Sie trafen sich, in München besuchten sie an den gerade wiedereröffneten Kammerspielen eine Aufführung von Paul Claudels Der seidene Schuh; in dem Nachwort, das Hans Urs von Balthasar seiner Übersetzung des Stücks anfügte, fanden sie klarer formuliert, was ihre eigene Frage war: „Wie ist es möglich, ganz weltlich und ganz gottgehörig zu leben?“

Zwanzig Jahre später stellte sich als Frucht dieser Anfangs-Konstellation die Integrierte Gemeinde der Öffentlichkeit vor; nochmals zehn Jahre später wurde sie von den Erzbischöfen von Paderborn und München und Freising, den Kardinälen Johannes Joachim Degenhardt und Joseph Ratzinger anerkannt als „Apostolische Gemeinschaft im Sinn des Dekrets Apostolicam actuositatem Nr. 18 und 19 des II. Vatikanischen Konzils“. In dem Dekret heißt es u. a.: „Unter Wahrung der erforderlichen Verbundenheit mit der kirchlichen Autorität haben die Laien das Recht, Vereinigungen zu gründen, zu leiten und den gegründeten beizutreten. Das in Gemeinschaft geübte Apostolat der Gläubigen entspricht in glücklicher Weise ebenso einem menschlichen wie einem christlichen Bedürfnis. Unter diesen Vereinigungen sind vor allem jene beachtenswert, die eine innigere Einheit zwischen dem praktischen Leben ihrer Mitglieder und ihrem Glauben fördern und betonen.“

Dr. Herbert Wallbrecher mit seiner Ehefrau Gertraud ­– vielleicht Vertreter des modernen Laien in der Kirche, die sich die Väter des II. Vatikanischen Konzils erhofften?

Erzbischof Dr. Josef Stimpfle (1916–1996), Foto 1989 in St. Ulrich Walchensee

 

Zur Predigt ließ er sich gerne einen Sitz vor den Altar stellen, so auch bei dem festlichen Gottesdienst, den er am Ostermontag 1995 in St. Ulrich in Walchensee mit der Pfarrgemeinde und der Katholischen Integrierten Gemeinde feierte. Unvergessen seine Worte:
„Am Dritten Tage ist der Herr auferstanden von den Toten. Wir feiern jetzt dieses Ostern unmittelbar vor dem Anbruch des Dritten Tages. Das 1. Jahrtausend war das Jahrtausend der Verkündigung des Gekreuzigten und Auferstandenen. Dann kam das 2. Jahrtausend; da begannen das Auseinanderlaufen und die Spaltung. Jetzt stehen wir am Ende dieses 2. Jahrtausends. Es ist ein Kairos, eine atemberaubende Stunde, wo trotz aller Dunkelheit und aller Leiden der Menschheit und auch vieler Zerrissenheit in der Kirche selber der Dritte Tag kommt. Es ist der Tag des Sieges des Auferstandenen. Es ist der Tag, der die Menschheit erneut verwandeln und eine Wende herbeiführen will, wie es vor zweitausend Jahren in der Osternacht geschehen ist.“

Einmal fuhren zwei von der KIG nach Fulda. Dort tagte die Bischofskonferenz, und wir wollten ihm ein Anliegen vortragen. Im Kreuzgang suchten wir eine Nische. Vorbei zog der Pulk von Bischöfen und Weihbischöfen. Kurze Stille. Dann war ein Schritt zu hören wie von einem Bauern, der über den gepflasterten Hof geht, schwer, bedächtig, nicht eilig, sicher. Er war es. So war er. Ein Erwartender, dem Erwarteten zugewandt und tätig, ihm Lust zum Ankommen zu machen, nicht nur in seiner Diözese.

1963, am Anfang des Vaticanum II von Paul VI. zum Bischof ernannt, bekundete er schon mit seinem Wahlspruch „Dem Volk Gottes auf dem Weg“ (Plebi Dei peregrinanti) sein Verstehen der sich anbahnenden erneuerten Sicht der Kirche, auch seines Amtes. Seine Sorge um die ganze Kirche wurde weltweit bekannt. Er reiste in die Dritte Welt, auch in Länder unter kommunistischer Herrschaft. Mit dem Werk „Kirche in Not“ brachte er Bischöfen, Priestern und Gläubigen nicht nur materielle Hilfe, sondern vor allem Ermutigung und starke Zeichen der Solidarität.

1968 reiste er mit dem Vorsitzenden der Augsburger jüdischen Gemeinde, Julius Spokojny, nach Israel. 1963 hatte er ihm anlässlich der Einweihung der kleinen Synagoge in Augsburg zugesichert: „Innerhalb des katholischen Raums werde ich für die Annahme des auf dem II. Vatikanischen Konzil vorbereiteten Schemas über die Beziehungen der Katholischen Kirche zum jüdischen Volk sowie über die Gewissensfreiheit eintreten.“ Er hieß neue Initiativen und Charismen willkommen.

Lange wurde nicht realisiert, was für einen Bischof die Katholische Integrierte Gemeinde in ihm hatte. Schon seit 1953 war die KIG, zumeist Münchner Diözesane, mit ihrem Festhaus in Urfeld in der Diözese Augsburg ansässig; das war ein Privileg und gewährte Schutz und Schirm. Als er 1987 erstmals dorthin zu Besuch kam, überraschte er beim Trinkspruch mit einem abgewandelten Wort aus dem 1. Buch Samuel: „Wir sind nicht ausgezogen, Eselinnen zu suchen, und haben doch ein Königreich gefunden!“ Er vertraute der Priestergemeinschaft der KIG zwei Pfarreien an. Er zeigte, was einem Bischof möglich ist, als er einen Bauingenieur, Mitglied der KIG, im Blick auf dessen Engagement für Tansania zum Priester weihte.

Wie haben die Leute in seiner Heimat Maihingen über ihren großen Sohn geredet? „Er ist einer von uns – und doch ganz anders“, so überliefert es sein Neffe. „He had a lot of faith and went beyond boundaries“ („Er hatte eine Menge Glauben und übersprang Grenzen“) sagte ein ugandischer Priester, in dessen Diözese der Bischof eine Kathedrale bauen ließ.

Dr. Annemarie Berkenheier (1919–2010), Foto Oktober 2008

 

Auffällige Indizien für ihre Herkunft aus großbürgerlich-katholischem Milieu waren Möbel von Ausmaßen, die in keine normale Wohnung gepasst hätten; eine metergroße barocke Skulptur der Frau aus der Apokalypse; speziell: das Porträt ihres Vaters, eines in München auch als Armenarzt bekannten Mediziners – bärtig und ernst aus dem schweren Rahmen blickend, das sie in ihre erste Praxis in die Schillerstraße nahe am Hauptbahnhof mitnahm. Dort setzte sie die von ihrem Vater gelernte Behandlung von Bruchleiden fort: ohne Operation. Viele Patienten kamen deswegen zu ihr, vor allem aus dem ländlichen Raum. Manche übernachteten bei ihr, bezahlten in Naturalien. Einer überließ ihr ein Auto, das nicht fuhr, was sie nicht merkte, weil sie nie einen Führerschein besaß.

Eine bewusste und treue Mitgeherin seit der ersten Stunde. Sie nahm in ihre Praxis junge Ärzte auf und führte sie mit ihnen als Gemeinschaftspraxis weiter. Großtaten von ihr sind nicht bekannt, außer dass sie morgens einen gesunden Schlaf hatte. Ihre letzten Jahre verbrachte sie in Urfeld am Walchensee, zusammen mit ihrer Freundin Helene von Ungern-Sternberg. Von einem Nachtgespräch mit ihr erzählte sie später:

 

Eines Abends, als ich mit Helene in ihrem Zimmer vor dem Schlafengehen saß, da kamen wir auf die Zukunft und auch auf das Sterben zu sprechen. Und Helene sagte: Weißt du, Ich habe schon ein bisschen Angst vor dem Sterben; ich denke mir: Wenn ich alles verantworten soll und muss, was ich getan habe, dann weiß ich nicht … Ich habe nicht immer alles so gemacht, wie ich es machen sollte. Ich weiß nicht, was ich dann sagen und denken soll.
Und dann habe ich gesagt: Weißt du, ich denke auch an den Tod. Aber ich denke dann immer an die ewige Stadt, die vom Himmel kommt, geschmückt wie eine Braut. Wenn Gott die ewige Stadt erbaut, dann wird er am Ende der Tage da sitzen und sich einen riesigen Berg von Steinen ansehen, alle die Menschen, die dazu gehören; und dann wird er die Steine erst einmal sortieren. Er sucht sich die Edelsteine, die Halbedelsteine, dann auch solche, die leichte Kratzer haben, Spuren von Beschädigungen. Er sagt sich: Das macht nichts, die kann man einbauen. Dann sucht er sich die anderen, die vielleicht mehr beschädigt sind und sagt sich: Es gibt so viele Stellen in meiner Stadt, wo man nicht alles sehen kann, da passen sie auch noch hin und sind schön und leuchten. Und dann wird er sich die Marmorblöcke heraussuchen, die schönen, gemaserten und solche, die kleine Fehler haben, dann die Ziegelsteine, alles wird er sortieren. Und wenn er fertig ist, wird er einen großen Haufen von Steinen haben. Er wird sich sagen: Schade drum, es sind zwar lebendige Steine, aber ich muss sie wegwerfen. Auf einmal fällt ihm ein: Ich muss noch das Fundament machen; eine Stadt, wie ich sie baue, braucht ein starkes, kräftiges Fundament. Gut, wird er sagen, dass ich die Steine noch habe, die kommen alle ins Fundament, und dann gebe ich viel Mörtel dazu, das bindet sie aneinander, dass keiner allein ist. Das gibt ein starkes Fundament, und darauf baue ich meine Stadt.
Als ich von den Steinen und dem Sortieren erzählte, saß Helene mit großen, ängstlichen Augen da; als ich zu dem Fundament kam, blitzten ihre Augen und sie sagte: Ja, da hast du Recht; fürs Fundament reicht´s. Und wenn ich dann mal im Fundament sitze, werde ich rufen: Annemarie, bist du auch da? Und dann sagst du: Ja, ich bin auch da und sitze im Fundament, ganz nahe bei dir. Und dann klönen wir die ganze Ewigkeit.

 

Bevor ihr letzter Wunsch in Erfüllung ging, wollte sie noch mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Wladiwostok fahren. Ein Prozess zur Seligsprechung ist nicht eingeleitet.

 „Come to Africa!“

Foto: Bischof Christopher Mwoleka 1978 im Gemeindezentrum der KIG: „Come to Africa!“

 

Christopher Mwoleka, 1927–2002, Bischof der Diözese Rulenge, Tansania, 1969–1996

 

„Jahrhundertelang war das Leben der Christen geteilt zwischen dieser Welt und der kommenden Welt nach dem Tod. Jetzt ist die Zeit gekommen, das eine einzige Leben zu leben, das Neue Leben des Menschen in Christus, das jetzt beginnt und nach dem Tod weitergeht; wir beginnen das ewige Leben hier und jetzt.“
„Jahrhundertelang stand das Salz neben dem Teller. Jetzt ist die Zeit gekommen, das Salz auf den Teller zu streuen, damit das Gericht Geschmack bekommt.“

Als Christopher Mwoleka Anfang der 70er Jahre solche programmatischen Thesen verbreitete – von zehn ähnlichen sind hier nur zwei zitiert –, war er in Tansania und darüber hinaus bekannt als der „barfüßige Bischof“ und als „Ujamaa-Bischof“ – viel bewundert und auch belächelt. In der rhetorischen Zuspitzung „jahrhundertelang – jetzt“ ist eine Spannung abgebildet, die seine Biographie bestimmte, sie charakterisierte auch das politische Umfeld seines Landes, das gerade erst (1961) unter dem katholisch sozialisierten Präsidenten Julius Nyerere die Unabhängigkeit erreicht hatte.

In jenen Jahren stand der Marxismus/Sozialismus hoch im Kurs und war unangefochten. Es begannen die Pilgerfahrten – auch deutscher Theologen – nach Südamerika zu den Basisgemeinden, nach Nicaragua; Che Guevara, Mao und Ho Chi Minh waren weltweit verehrte Ikonen. Noch die Männer des „Prager Frühlings“ (1968) erstrebten einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“. Erst 1974, als Alexander Solschenizyns Archipel Gulag publik wurde, setzte langsam eine kritische Wertung ein.

Julius Nyerere war ganz auf der Höhe der Zeit, als er drei Jahre nach dem Zusammenschluss von Tanganjika und Sansibar zur Vereinigten Republik Tansania in der Arusha Deklaration (1967) eine Art afrikanischen, auch christlich inspirierten Sozialismus auf der Basis afrikanischer Traditionen (Gemeinschaft) als Weg zum Aufbau eines Staatswesens (building of the nation) festschrieb: Ujamaa. Den über hundert Stämmen mit ihren je eigenen Sprachen verordnete er Kiswahili als gemeinsame Sprache, suchte den herkömmlichen Tribalismus zu entschärfen; es gelang ihm eine Befriedung des Landes. Lateinamerikanische Missionare waren ihm lieber als europäische. Dom Helder Camaras Manifest Gospel and Revolution ließ er verbreiten.
Christopher Mwoleka, seit 1969 Bischof von Rulenge, sah in der Ujamaa-Idee eine ideelle und praktische Anknüpfung (christian ideas realized by tanzanian way: work together, live together). Als Bischof arbeitete er regelmäßig in dem Ujamaa-Dorf Nyabihanga mit, ging barfuß aufs Feld und teilte das Leben der Dorfbewohner.

„Ujamaa-Bischof“ und „barfüßiger Bischof“ ist nur die halbe Wahrheit. Personen, die mit ihm nach Nyabihanga gingen, berichteten, er habe noch einen anderen Namen für dieses Ujamaa-Dorf: Rivo Torto, der Name für einen verlassenen Schuppen in der Ebene nahe Assisi, wo Franziskus und seine Gefährten zuerst Unterschlupf fanden. Ujamaa war für ihn Antrieb, über den sozialistischen Ansatz hinaus die Frage nach dem genuinen Fundament und der Form christlichen Lebens wach zu halten. Franz von Assisi bot einen Anhalt, auch die Theologie. Oft wiederholte er: God´s nature is sharing. Er war wesentlich daran beteiligt, das pastorale Konzept der Small Christian Communities zu entwickeln, das heute in Tansania als Unterteilung der Pfarreien in allen Diözesen verwirklicht ist. Mit diesem Erfahrungs- und Frage-Horizont traf er 1977 auf die Katholische Integrierte Gemeinde. Die Begegnung führte zu einer gemeinsamen Geschichte, schließlich zu einer Catholic Integrated Community in Tansania – ein Ort mehr, in seinem Geist über die Grenzen der Kontinente und Kulturen hinweg um die Gestalt des Christlichen zu ringen und sich darin gegenseitig zu ermutigen.

Foto: Walther Cohen (1928–1959)

 

Der Rabbiner Leo Baeck veröffentlichte 1905 eine Schrift „Das Wesen des Judentums“ – eine Antwort auf „Das Wesen des Christentums“ (1901) des damals prominentesten protestantischen Theologen Adolf von Harnack; darin schrieb er: „So sollte der Jude als Jude sein: der große Nonkonformist in der Geschichte“ (292).

Dass der Vater von Walther Cohen Leo Baeck gelesen hatte, ist unwahrscheinlich. Auf seinem Schreibtisch im großbürgerlichen Haus stand eine Totenmaske von Goethe neben einer Statue von Voltaire. Rudolf, Walthers jüngerem Bruder, der die Bibel lesen wollte, empfahl der Vater die Ilias. Durch den Nachnamen Cohen war die Familie positioniert, auch wenn sie vom Schlimmsten bewahrt wurde. Der Vater war Halbjude, wie man damals sagte, und verheiratet mit einer Quäkerin; 1933 schloss er sich den Quäkern an, um mit ihrem effektiven Netzwerk Häftlinge in Dachau zu versorgen und, wenn möglich, freizukaufen. Die Emigration in die Schweiz lehnte er ab.

Juden, die 1940 im Auffanglager in Berg am Laim zusammengetrieben waren, wollte Walther, damals zwölf, mit seinem Bruder eine Freude machen. Sie sammelten Laubfrösche und brachten sie ihnen. Zu Hause in der Garderobe hingen nebeneinander die HJ-Uniform seines Bruders Rudolf und seine Jacke mit dem Judenstern. Im Frühjahr 1945 sammelte Walther mit dem Bollerwagen befreite KZ-Häftlinge auf und brachte sie zur Mutter, die Ärztin war. Später wird er ein stadt- und polizeibekannter Fassadenkletterer, bricht in Villen ein, nimmt Pelzmäntel und andere nützliche Dinge mit, um sie an seine Clochards weiterzugeben. Einmal hinterlässt er einen Zettel: „Hier war ein sehr interessierter Mensch, der sich erlaubt hat, einen Keks zu nehmen.“ Zu seinem Gartenzimmer hatten Obdachlose tags und nachts Zutritt und fanden immer eine heiße Suppe und Brot. Er arbeitete als Buchbinder, Buchrestaurator, zuletzt begann er auf Drängen seiner Frau, die er kurz vor seinem Tod heiratete, eine Ausbildung zum Katecheten.

Mit 16 Jahren lässt er sich taufen, der Priester und Theologe Dr. Aloys Goergen, sein Religionslehrer, hatte ihn dazu angeregt. Später schließt er sich der Gruppe um Dr. Goergen an, als „Goergen-Kreis“ in München bekannt. Nach den Worten seines Bruders sah Walther hier erstmals „eine Chance zum Leben“, in einer Gruppe, „die auf eine fast jungfräuliche Reinheit in allem zielt. Sein Hass, Verachtung, Spott wandelten sich in Verehrung für das Christentum und speziell für Herrn Goergen.“ Aber sein Drang, alle und jeden auf die Probe zu stellen und zu unterscheiden, was an ihnen echt ist, ob ihr Leben mit ihren Worten – auch mit der schönsten Theologie – übereinstimmt, brachte ihm neue Enttäuschungen. Er starb mit 31 Jahren, Joseph Roth in manchem nicht unähnlich.

In die Gruppe brachte er Unerhörtes ein: die chassidischen Geschichten von Martin Buber, vor allem „Jesus war ein Jude und kein Christ.“ 1954, zehn Jahre, bevor vom Vaticanum II in Nostra Aetate das Verhältnis von Christentum und Judentum neu formuliert wurde, legte er eine Art Israel-zuerst-Manifest vor, beginnend mit dem Satz:
                „Da es Gott gefiel, sich vor den Juden zu zeigen,
                nicht aber vor Griechen, Römern oder einem anderen Volk …“
Seine kurze Anwesenheit war wie das Aufleuchten eines Kometen, der ein ‚Land‘ zum Vorschein brachte, das für viele eine terra incognita war: das Christentum als Lehre der Unterscheidung in der Schule Israels und des Alten Testamentes.

 

Lesen Sie hier den vollständigen Text von Walther Cohen.