Programmierte Menschlichkeit

Digitale Assistenten in kleinen Lautsprecherboxen schmücken derzeit die Wohnzimmer technologieversierter Haushalte und erfüllen die ausgesprochenen Wünsche ihrer Besitzer. Emotionsroboter, die menschliche Zuneigung zeigen sollen, gelten als erfolgversprechendes Zukunftsprojekt der Pflegebranche, besonders für den Umgang mit dementen Patienten.

In dem amerikanischen Theaterstück Marjorie Prime, das im letzten Jahr verfilmt wurde, nehmen Hologramme den Platz verstorbener Familienmitglieder ein. So soll z.B. der an Alzheimer leidenden älteren Mutter geholfen werden, mit der Trauer um Ihren verstorbenen Ehemann besser fertig zu werden, indem sie nun immer in Gesellschaft ihres vierzigjährigen Mannes ist. Über freundliche Fragen wie “Erzähl mir mehr über mich” sammeln die Hologramme Informationen über ihre früheren Charaktereigenschaften, die sie sich dann anzueignen versuchen. Geschilderte gemeinsame Erinnerungen werden von ihnen später geschickt in Gespräche eingewebt. Um menschlich zu wirken, scheinen die Äußerungen der holographischen Gefährten auf zwei Grundaussagen programmiert zu sein: „Ich bin da um dir zu helfen, wenn du mich lässt“ und „Wie schön, dass ich jemanden lieben konnte“. In der skurrilen Schlussszene sitzen drei Hologramme der mittlerweile verstorbenen und ursprünglich zerrütteten Familie ganz friedlich beisammen, schwelgen in endlos wiederholten Erinnerungen zu den Klängen Mozarts, und freuen sich daran, dass sie einmal jemanden geliebt haben. So unmenschlich kann Harmonie sein. heg

Ein Zeichen

Treffen sich drei Bistümer, zwei Erzbistümer, ein Diözesanrat und zwei evangelische Landeskirchen. Sagen die drei Bistümer: „Wir sind so verlassen, die Kirchen so leer.“

Sagen die zwei Erzbistümer: „Wir sind so traurig, so erbärmlich“, sagt der Diözesanrat: „Ich habe auch Angst, mit uns geht’s zu Ende“. Daraufhin die evangelischen Kirchen erstaunt: „Schau an, schau an, euch geht’s ja wie uns – lasset uns ein gemeinsames Zeichen setzen!“ Anfangs noch skeptisch, waren die drei Bistümer, die zwei Erzbistümer und der Diözesanrat bald völlig aus dem Häuschen: „Au ja! Lasset uns ein gemeinsames Zeichen setzen!“ Alsbald brechen drei Bistümer, zwei Erzbistümer, ein Diözesanrat und zwei evangelische Landeskirchen gemeinsam auf: zum Autofasten. saw

24 Türchen zu einem besseren Leben

Zwischen den ratlos machenden Bücherbergen einer Großbuchhandlung entdecke ich ein großes Schild: BESSER LEBEN. Darunter eine wandvoll Handbücher, Ratgeber, Fibeln, Bibeln, Bekenntnisse, Erkenntnisse, die mir alle ein besseres Leben versprechen. Toll, denke ich, ein besseres Leben! Zwar ist mein jetziges gar nicht so übel, aber wenn man so darüber nachdenkt … Besser wäre schon besser als gar nicht so übel. Ich möchte also kaufen, aber welches? Die schier unbegrenzte Auswahl überfordert. Am besten wäre natürlich man kauft einfach alle, dann wäre ich auf allen Fronten abgesichert. Aber das geht nicht.

Vielleicht kaufe ich nur ein paar. Vielleicht kaufe ich ab jetzt jeden Monat zwei, dann habe ich nächstes Jahr im Dezember einen ganzen Adventskalender. saw

 

Im Neuen Jahr wird alles besser – 24 Türchen

Identitätsersinnung

Spätes Abendprogramm im europäischen Bildungsfernsehen. Eine Coming-Of-Age-Philosophiedoku, bemüht, unseren Zeitgeist aus Sicht einer mitte-zwanzig jährigen Autorin im hippen Berlin zu dechiffrieren. Das Thema: Identität.

Es beginnt mit dem Besuch bei einer Wahrsagerin, von der sich die Journalistin die Zukunft anhand des Kaffeesatzes mehr oder minder vorhersagen lässt. Fazit: „Du kannst jeden Tag deine Zukunft mit Ja und Nein öffnen oder schließen.“ Der nächste Gesprächspartner, ein Philosoph: „Wenn die Welt ein Buch wäre und wir Menschen ein Wort darin, dann können wir für uns selbst nur Sinn finden, wenn das Buch als Ganzes Sinn ergibt.“ Das erinnert mich an ein Interview mit einem ausgestiegenen Manager, der um die Welt zog mit der Absicht, die Weisheiten aller Kulturen aufzuspüren um dann daraus ein Buch über den Sinn unseres Daseins zu verfassen. Bei einem Besuch eines entlegenen alten Klosters in Tibet, stellt er dem Ältesten die Sinnfrage. Dieser nüchtern: Geh und kehre den Hof. heg

Was bleibt, wenn nichts mehr bleibt?

In einer engen Holzbox stehen im Wiener Akademietheater die vier Überreste einer Familie als letzte Überlebende im Nichts, in einer Welt, die „vielleicht zu Ende geht“.

Die gegenseitige Abhängigkeit der Familienmitglieder ist ihre einzige Beziehungsgrundlage. So sind in Samuel Becketts „Endspiel“ die offenbar wichtigsten Themen, wer den Schlüssel zum Nahrungsmittelschrank besitzt, wer intakte Beine hat, sich dort zu bedienen; wann es Zeit für ein ebenso schwer erreichbares Beruhigungsmittel ist, das, wie sich später herausstellt, längst aufgebraucht ist; und was passiert, wenn einer das Abhängigkeitsgeflecht verlässt, um gleichgültig zu sterben. „Ein Augenblick kommt zum anderen, Bluff, Bluff, und das ganze Leben wartet man darauf, dass ein Leben daraus werde.“ Die einmalig vorkommende, kurze Anstrengung der Protagonisten, mit geschlossenen Augen nach Gott zu suchen, wird schnell abgelenkt von der Suche nach einer vermeintlichen Ratte und der vehementen Einforderung einer versprochenen, aber nicht vorhandenen Praline. Der einzige Funke Hoffnung, dass aus dem „Endspiel“ vielleicht doch noch ein „Anfangsspiel“ werden könnte, ist die beiläufige Erwähnung, dass Gott hier nicht „nicht mehr“ existiert, sondern „noch nicht“. heg

Optimismus

Ein Mann in Kalifornien steht vor den Überresten seines Hauses, das in den großen Waldbränden vom Feuer erfasst wurde und völlig niedergebrannt ist.

Er hat fünfundzwanzig Jahre darin gewohnt, und nun ist es mit all seinem Besitz, der sich darin befand, verbrannt. Im Interview sagt er: “Well, we‘re gonna put that all up again ... it’s only stuff!” Dabei klingt er sogar recht fröhlich. mas

Menschliche Wahrheit

Oriana Fallaci, italienische Journalistin und Schriftstellerin, schrieb wenige Wochen vor ihrer Privataudienz bei Papst Benedikt XVI. und kurz vor ihrem Tod:

„Ich fühle mich weniger allein, wenn ich die Bücher von Ratzinger lese. Ich bin Atheistin; und wenn eine Atheistin und ein Papst dasselbe denken, dann muss daran etwas wahr sein. So einfach ist das! Es muss menschliche Wahrheit geben, die über die Religion hinausgeht!“

Polizeistaat?

Ein katholischer Sonntagsgottesdienst in Jerusalem: Es ist heiß, die Türe steht weit offen. Plötzlich kommt mit großen, schnellen Schritten ein israelischer Polizist in den Raum, ein zweiter bleibt vor der Tür im Freien. Der erste Polizist geht auf einen Betenden in der ersten Sitzreihe zu, tippt ihn an und fordert ihn mit Gesten auf, er möge seine Hosentaschen leeren.

Der Mann wehrt sich, der Polizist winkt seinen Kollegen herein. Da unterbricht der Priester sein Gebet, tritt hinzu und verweist den Polizisten lautstark des Raumes. Dieser geht, ratlos die Achseln hebend, gefolgt von einem der Patres. Der Priester beginnt seine Predigt spontan mit einem Kommentar, in dem er aus dem Vorfall einen religiösen Konflikt macht: So sei es, wenn man als Christ in Israel leben wolle. Man werde beschimpft, bespuckt, beim Gottesdienst behindert. Der Pater, der mit dem Polizisten hinausgegangen war, kommt wieder herein, beugt sich zu dem Mann in der ersten Reihe und redet leise auf ihn ein. Der Priester maßregelt seinen Mitbruder vom Altar aus: „Daniel, lass den Mann in Ruhe“. Pater Daniel spricht leise weiter mit dem Mann. Dann steht dieser auf und verlässt den Raum. „Und wieder hat der Polizeistaat gesiegt“, kommentiert der Priester am Altar. Nach dem Gottesdienst entschuldigt sich Pater Daniel: „Naja, er hat jemanden ausgeraubt, die Polizei hat dafür gesorgt, dass der Bestohlene sein Portemonnaie wiederbekommen hat.“ mas

Cur Deus homo? Warum ist Gott Mensch geworden? – oder: Warum geht der Mensch auf Kur?

Als 1962 die Ruhr-Universität Bochum gegründet wurde, fuhr ich hin sie anzusehen. Von der Autobahn, nahm ich die „Ausfahrt Geisteswissenschaften“ – es wartete alles auf die Jugend, war aber eine leere Geister-Betonstadt. Ganz belebt hingegen war in diesem Sommer mein Aufenthalt in einer Kur-Stadt:

nur einige Prozent Jüngere, sonst war das Publikum geschätzt zwischen 70 und 85. Noch immer auf der Suche nach dem Geist lande ich in der Kurbuchhandlung.
Eine Auswahl der Titel:
„Das kleine Übungsheft: Lebensträume verwirklichen“
„Die 5 magischen Momente des Lebens – wie wir Chancen ergreifen, die uns das Schicksal schenkt“
„Frauenkörper – Frauenweisheit: Wie Frauen ihre ursprüngliche Fähigkeit zur Selbstheilung wiederentdecken können“
„Lebe dein Momentum – wie wir Schöpfer unseres Schicksals werden“
„Warum französische Frauen jünger aussehen – attraktiv in jedem Alter“
„Die Meditation der fünf schamanischen Elemente – Erfülle deine Wünsche und finde Harmonie“
Alles zu spät, dachte ich mir, das Geschäft mit dem Geist appelliert an die Reste von Jugendträumen. Dabei können alte Menschen so schön sein, ihre Lebensalter widerspiegeln, ihre in Freude und im Ertragen gewonnene Gestalt. pez

Bibelinterpretation im Lutherjahr

Eine Bischöfin wurde im Rahmen der Gender-Diskussion auf dem evangelischen Kirchentag mit dem Satz zitiert: „Es wird eine Menge theologischer Arbeit erfordern, das biblische Menschenbild von Mann und Frau auszurotten“.

Auf weltlicher Ebene ist diese Arbeit schon recht gut voran geschritten, nachdem das Gesetz zur „Ehe für alle“ die Institutionen widerstandslos passiert hat. Wo sich Ehe und Familie nach staatlicher Umdefinition beliebig begründen lässt, wird es auch einen Anspruch auf ein Kind ohne Vater und Mutter geben. Schließlich ist alles machbar und Adoption nur eines der Mittel, einen solchen Anspruch durchzusetzen. Die Organisation von Wunschkindern durch Leihmutterschaft, Samenbanken bis hin zum Kinderhandel ist bereits weltweit zum Milliardengeschäft geworden. Diese Konsequenzen aus ihren Ausrottungsfantasien scheinen der Bischöfin nicht bewusst zu sein. Auch wenn sie im Lutherjahr die evangelische Theologie weiterentwickelt, kann sie Luthers „Sola Scriptura“ nicht überspringen und die Bibel umschreiben. Dort steht in Genesis 1,27 weiterhin: „Gott schuf den Menschen als sein Abbild. Als Mann und Frau schuf er sie.“ mah

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