Serotonin

Man kann es sich in seinem Oberstübchen einrichten wie man möchte. Das geht heute noch besser als früher. Man kann da oben Traumwelten errichten, oder Albtraumwelten, je nach persönlicher Präferenz.

Wenn man groß sein möchte und über allem stehen, dann wird man auf Bergspitzen stehen und auf alles hinabblicken. Wenn man klein sein möchte und verloren, werden sich Untiefen um einen herum auftun, die keinen Boden haben. Wenn man in die Zukunft oder in die Vergangenheit hineinruft, wird ein Echo zurückrufen, das entweder hoffnungsvoll oder verzweifelt ist, ganz wie man möchte. Wenn man allen anderen die Schuld an allem geben möchte, werden alle Anzeichen dafürsprechen. Wenn man sich selbst an allem die Schuld geben will, wird es nicht anders sein. Man kann träumen was man möchte, solange man möchte. Das ist im Ganzen ziemlich angenehm.

Dann veröffentlicht Michel Houellebecq ein neues Buch. „Serotonin“ heißt es diesmal. Und es weht auf einmal ein eisiger Wind. Houellebecq interessiert sich nicht für Traumwelten in Oberstübchen. Er entrümpelt das Oberstübchen, schmeißt die Traumwelten hinaus. Es ist danach ein sehr kahles Oberstübchen. Und wenn man meint es sei überstanden, weist einem Houellebecq die Türe und schmeißt einen selbst aus seinem eigenen Oberstübchen hinaus. Man schlägt dann irgendwo auf. Es ist ein sehr harter Aufschlag. Es könnte sein, dass es die Wirklichkeit ist, in der man aufgeschlagen ist. Es könnte sein, dass es Houellebecq nur darum geht, um das was er Tag für Tag an sich und allen anderen beobachtet: Eine erbärmliche, niederschmetternde, scheinbar aussichtslose Wirklichkeit. Die Sehnsucht nach dem eigenen Oberstübchen wird dann groß. Dort wieder hochzuklettern, zu den eigenen Traumwelten, das wäre naheliegend. saw

Neujahrswunsch

Wenn der Mensch ein Tier wäre, würde alles besser und einfacher.

Besser würde es, weil Tiere keine Kriege führen. Weil Tiere kein Unrecht tun. Weil Tiere insbesondere nicht die Umwelt schädigen – mit Ausnahme vielleicht des Borkenkäfers, aber der ist halt ein schwarzes Schaf. Einfacher würde alles, weil ein Tierleben so ideal, so schlicht und klar ist. Ein Tier muss nicht im Voraus planen. Es muss sich nicht seiner Triebe schämen. Es stellt sich auch keine Fragen über Sinn und Unsinn der Welt und was diese nun eigentlich im Innersten zusammenhält. Im Grund spricht alles dafür, dass der Mensch aufhören sollte Mensch zu sein und tunlichst beginnen Tier zu sein. Dass dazu Gegenansichten existieren, braucht uns Europäer nicht weiter zu bekümmern. Das Judentum zum Beispiel gibt es in Europa fast nicht mehr. Es fällt daher leicht dessen Ansichten zu ignorieren. Überhaupt stünde eine Auseinandersetzung mit einem solchen Weltbild in unauflösbarem Widerspruch zu dem angestrebten harmonischen, klaren, schlichten, ideal-instinktiven Lebenswandel. Aus diesem Grund verbietet sich die Auseinandersetzung. Stattdessen sollten wir uns alle zum neuen Jahr ein Tier aussuchen (vorzugsweise ein pflanzenfressendes), uns dessen Lebenswandel aneignen und in diesem Sinne den Rest unserer Tage dahinwandeln. Ganz harmonisch, ganz schlicht, ganz klar. Die Welt würde ein besserer Ort sein und ich habe mich schon entschieden: Das Nilpferd soll es sein. saw

Das neu belebte jüdisch-christliche Gespräch

Papst em. Benedikt XVI. lud mit einem Artikel in der Zeitschrift „Communio“ (4/2018) zu einem vertieften Nachdenken über Juden und Christen ein. Sein Beitrag stieß auf Zustimmung und Unverständnis, bis hin zu grotesken Unterstellungen.

Seine unter dem Titel „Gnade und Berufung ohne Reue. Anmerkungen zum Traktat De Iudaeis‘“ veröffentlichten Gedanken lösten aber auch einen weiterführenden Dialog zwischen Juden und Christen aus.

Die in Theologica Nr. 6 veröffentlichen Aufsätze und Beiträge von Theologen aus der Katholischen Integrierten Gemeinde greifen einige Aspekte dieses neuen Gesprächs auf und führen es weiter.

Bestellmöglichkeit und weitere Ausgaben von Theologica

Wie bitte?

Nach zweitausend Jahren: Auf allen Bergen

Gipfelkreuze, aber in den Tälern keine

österlichen Gemeinden?

 

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Gilt nach zwei Jahrtausenden seit der Fleischwerdung des Wortes:

Das Fleisch ist wieder Wort geworden?

luw

Woher – wohin?

Früher einmal gab es ein gelebtes Christentum.

Ein so starkes, dass wir davon heute immer noch leben.

 

Wir sind weit fortgeschritten. Fort geschritten von was?

luw

Zuversicht

Ein fröhliches Grillfest mit ehemaligen Kollegen über den Dächern von München. Mit dabei ist auch ein dreißigjähriger Syrer, der als Reinigungskraft in der Firma arbeitet und seit vier Jahren in Deutschland lebt.

Er erzählt stolz, dass er als aramäischer Christ die Sprache spricht, die Jesus damals gesprochen hat. Als der IS seiner Familie die Häuser und Geschäfte wegnahm, floh er aus Damaskus. Wir unterhalten uns über die Schwierigkeiten der Flüchtlinge, die verschiedenen religiösen Hintergründe und die politischen Probleme. Ich frage ihn nach seiner Meinung, wie es bei den vielen Herausforderungen weiter gehen könnte. Darauf er gelassen: „Weißt du, solange zwei oder drei in Seinem Namen beisammen sind, mache ich mir keine Sorgen.“ heg

Elfenbeauftragte

Mit Datum vom 6. August 2018 konnte man bei der Rheinischen Post online lesen: „Elfenbeauftragte will mit ‚energetischer Versiegelung‘ Unfälle auf A2 verhindern“.

Die Elfenbeauftragte, unklar blieb von wem beauftragt, war mit einer Tierkommunikatorin auf der A2 tätig.  Auf der Autobahn hätten sie sofort „sehr traurige Energien“ gespürt. „In einigen Fällen waren es aufgebrachte Naturwesen, die rebellierten und sich ihr Stück Natur zurückholen wollten.“ Wildschweine verursachten viele Unfälle, weil ihnen ihr Revier genommen worden sei, „Halbstarke, die auf Krawall gebürstet sind“.

Was bedeutet es in diesem Kontext, wenn Geistliche Autos, Motorräder, Hunde und anderes segnen? Wie sollen kritische Zeitgenossen das unterscheiden können? anm

Da sitz ich, aus München

Da sitz ich, aus München, in Bad Wörishofen, ein ungarisches Orchester spielt auf, im Kurpavillon.

Wunschkonzert: Franz v. Suppé, geboren in Dalmatien, Mozart, der Vater aus Augsburg, Boccerini, aus Lucca, Italien, aus Norwegen Edvard Grieg, Solveigs Lied, Jaques Offenbach, deutsch-französischer Komponist,  Franz Lehar, eigentlich ungarischer Herkunft, es geht um die Wolga, wo einer einsam steht. Und auf einmal summen alle mit „Hast du da oben vergessen auf mich“ – letzte metaphysische Sehnsucht? Nachsinnen über ein vielleicht versäumtes Leben? Aber jetzt wird’s fröhlich, jetzt singen alle, die zwischen 70 und 95, die aus dem Norden, Preußen hieß es früher, die aus dem Westen, Norden, Nordosten, ach, eine Schweizer Stimme, und da, Franzosen, nebenan hört man die Italiener im Eisgeschäft: „Wir sind vom k. und k. Infanterieregiment.“ Ich dachte, ich träume, da ist sie ja, die EU, aber halt nur auf der Kur, zur Reha, wegen schwerer Verrenkungen? An Kultur erinnert gerade noch das versucht-schöne Kleid in Gold der Solo-Geigerin, passend für einen Abend an der Scala in Mailand. Da und dort ging einer schon früher, wahrscheinlich war sein Wunsch schon gespielt worden. Dann kam auch noch einer hinzu und redete laut mit seiner Partnerin, wo noch der beste Platz für sie sei. Kur-iose Impression: Europa im Kur-Konzert. pez

Beim Barte des Feministen!

Das Gerüst des Innsbrucker Doms ziert derzeit eine 56 Quadratmeter große politische Botschaft: „Solange Gott einen Bart hat, bin ich Feminist“. Den Spruch am Dom zu St. Jakob wählte eine Innsbrucker Künstlerin zusammen mit dem Bischof und dem Generalvikar aus.

Der Jude und Philosoph Baruch Spinoza erkannte und schrieb, dass Gott, wenn er Gott ist, überhaupt in keinem Fall von Worten nach menschlichen Maßstäben zu beschreiben ist. Wir Menschen haben menschliche Vorstellungen, daher könne jeder Begriff nur eine nicht zutreffende Vorstellung von Gottes unendlicher Größe und Andersheit geben. Freilich hat ein Jude überhaupt kein Bild von Gott erlaubt und selbst seinen Namen nicht genannt. Diese Aufklärung wird schon Mose zugesprochen. luw

Die Welt und die Maske

Die Gesichtszüge einer Frau, die im öffentlichen Raum eingeschlafen war, erschienen im milden Abendlicht plötzlich wunderschön. Aber es war nicht das Licht.

Der Unterkiefer war nicht mehr vorgeschoben, die vielen widerstrebenden Gefühle um die Mundpartie verschwunden, der allzu gezwungen forsche Blick geschlossen. Die ganze Anspannung, der Welt eine Grimasse schneiden zu müssen, hatte für einen paradiesischen Moment nachgelassen.

Der Schlaf, ein letztes Refugium vor der Multi-Perspektivität der Torschuss-Szenen im Leben des selbstoptimierten Individuums – spendet Ruhe selbst im Standort des Betrachters. ses

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