Gedanken aus dem Zellhaufen

 

Die zoologische Theologie kommt: Keine Religion habe die absolute Wahrheit, das Ebenbild Gottes ist nur ein Zellhaufen.

 

Wäre Adam mit einem der Tiere als Gehilfin zufrieden gewesen, – die Weltgeschichte wäre sofort da gelandet, wo sie heute angekommen ist.

 

Der historische Jesus wurde den Heiden ausgeliefert; der Christus des Glaubens den Gelehrten.

 

Freiheit ist, dass ich mir schaden darf. Erlösung ist, dass ich so lebe, dass der andere sich nicht schaden will.

 

Der Glaube ist immer der Dank eines Entronnenen.

luw

Gedanken aus der Hängematte

Die Bibelausleger konstatieren zwischen den Erwartungen der jüdischen Propheten und der Wirklichkeit im Christentum einen „Verheißungsüberschuss“. Sie finden tolle Wörter. Aber sie umgehen durch Unterlassung die Frage, an wem es liegt, ob an Gottes oder an unserer Faulheit.

 

Heute werden alle Aussagen und Lösungen aus der Vergangenheit relativiert: Sie seien alle zeitbedingt und subjektiv, – als könne der menschgewordene Affe erst seit 2019 seinen Verstand benutzen und erst durch Greta seine Verantwortung ernstnehmen.

 

Wir entdecken, wie Menschenverächter, die Selbst- und Ruhmsucht in und hinter den Taten unserer Zeitgenossen. Auch Jesus hat die Menschen durchschaut und ihre Herzen gelesen. Aber er hat sie trotzdem geliebt.

 

luw

In Nacht und Dunkel …

Ende November 2019 wurde im Stadtrat von Triest eine öffentliche Debatte darüber geführt, ob man der verdienten jüdischen Holocaust-Überlebenden Liliana Segre, zugleich „Senatorin auf Lebenszeit“ in Rom, die Ehrenbürgerschaft zuerkennen soll. Ein Abgeordneter sprach sich energisch dagegen aus, denn „die Segre hat gesagt, dass Jesus Jude war und da fühle ich mich als Katholik beleidigt.“ Jesus sei doch der Sohn Gottes, fügte er hinzu.

Weihnachten ist nicht die richtige Zeit, beleidigt zu sein. Vielleicht sickert dann die Erkenntnis des Paulus mit all ihren Konsequenzen durch, dass Gott seinen Sohn sandte, „geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt“ (Gal 4,4). ruk

Alle Jahre wieder

Kürzlich musste meine Tochter in einer Prüfung im katholischen Religionsunterricht die Frage beantworten, unter welchen Umständen Jesus heute auf die Welt kommen würde.

Ich vermutete, dass eine Geburt in einem Flüchtlingslager suggeriert wurde mit späterem erfolgreichem Auftreten als Anwalt der Entrechteten und Enterbten. Wie anderen Schülern, die einigermaßen regelmäßig den Gottesdienst besuchen, fehlte meiner Tochter für eine ausführliche Antwort die Fantasie, die Note fiel schlecht aus und auch ich wusste es nicht besser. Vielleicht hätte ich den Lehrer einfach fragen sollen, was er meinte. Jedenfalls verfolgte mich die Frage. Später kam mir die Geschichte vom Auftreten Jesu vor dem Großinquisitor in den Sinn, wie sie von Dostojewski erzählt wird: Jesus tritt überraschend im Sevilla des 15. Jahrhunderts auf, zu Zeiten der Inquisition. Er wird erkannt und der Großinquisitor setzt ihn fest. In einer langen Rede erklärt er Jesus, wieso dessen abermaliges Kommen das Wirken der Kirche stört. fls

Cave canem – Vorsicht bissig!

Die unverzichtbare Wachheit vor dem Feind, die sich in der katholischen Kirche konsequent auch nach Innen richtet, trifft manchmal die Richtigen falsch und manchmal die Falschen richtig. Der am 13. Oktober 2019 heiliggesprochene John Henry Newman wurde von wohlmeinenden Dienern der katholischen Sache für hoch gefährlich gehalten.

Monsignore Talbot, der Sekretär von Papst Pius IX., warnte Kardinal Manning, den Erzbischof von Westminster, in einem Brief: „Dr. Newman ist der gefährlichste Mann in England.“ Vielleicht hat Talbot noch mehr an Bedrohung gespürt als die geistige Unabhängigkeit Newmans. Die aktuelle Heiligsprechung hat Newman einigermaßen rehabilitiert, doch die Einschätzung des päpstlichen Sekretärs adelt ihn bis heute. Wer Newman ernst nimmt, versteht die Sorge des Sekretärs, wenn Newman beispielsweise sagt, dass der Glaube „nicht die Sache der Ordnung sei, sondern die Sache der Unruhe und Störung der Ordnung, wie es war, als Christus kam und die Apostel predigten“. ses

485 Jahre nach dem Brexit

Es ist eine makrohistorische Sensation, dass nach knapp einem halben Jahrtausend der Trennung Englands von der römischen Kirche ein Thronfolger des englischen Königshauses, Prinz Charles, die katholische Heiligsprechung seines Landmanns in Rom ehrt: John Henry Newman.

Immerhin ist Newman seit einem halben Jahrtausend der erste Heilige Englands, der nicht auch das Martyrium erlitten hat. Und zum Martyrium katholischer Heiliger hat das englische Königshaus über die Jahrhunderte keinen unerheblichen Beitrag geleistet.

Im Hinblick auf die Wiederannäherung der Insel an den Kontinent ist die Kirchengeschichte der politischen ein halbes Jahrtausend-Stückchen voraus, wie schon in der Geschichte der Trennung. ses

Euthanasie

Das süße Gift der NS-Ideologie vom lebensunwerten Leben durchzieht wieder die ethischen Diskurse. Und es verschont auch die frommen Kreise nicht. Sofern sie vom Christentum vor allem verstanden haben, dass es um die ganz persönliche ewige Seelen-Wellness geht, hat das Leben ein Wohlfühlbad zu sein.

Da kommt die alte pagane Einflüsterung recht, dass man auch jederzeit den Stöpsel ziehen kann, bevor man zu frösteln beginnt. Unser liberales Nachbarland Holland spiegelt die selbstverständlich gewordene Kultur des schönen Todes ungeschminkt wider. Das deutsche Ärzteblatt berichtet davon, dass man sich im Parlament der Niederlande Sorgen um einen leichten Rückgang der Euthanasiezahlen im Jahr 2018 machte. Die Zahlen der staatlichen „Regionalen Toetsingscommissies Euthanasie“ hatten gezeigt, dass 2018 erstmals seit 2006 ein Rückgang auf nur noch 6.126 getötete Menschen zu verzeichnen sei. Das sind immerhin 17 pro Tag. Holländische Medien vermuten, dass Ärzte offenbar öfter Anfragen von Personen mit Tötungswunsch ablehnen, nachdem zum ersten Mal ein Arzt deswegen strafrechtlich belangt wurde. Doch der Vorsitzende der staatlichen Kommission beruhigt: Er sehe keine Gefahr für einen Gesinnungswandel bei niederländischen Ärzten. Denn immerhin sei im ersten Quartal 2019 die Zahl der Fälle schon wieder um 9 % über die des ersten Quartals 2018 gestiegen. Sein Eindruck sei daher, die Sterbehilfe werde „ordnungsgemäß durchgeführt“. Beunruhigt war und ist offenbar auch niemand darüber, dass laut offizieller Statistik bereits im Jahr 2015 viele hundert, nämlich genau 431 demente Personen ohne ausdrücklichen Tötungswunsch getötet wurden. Dem offenen Umgang mit dem Thema in Holland verdanken wir die genauen Zahlen. Die Dunkelziffer ist bei uns sicherlich höher, wenn man bedenkt, wie weit verbreitet die wohlmeinende Ideologie vom nicht mehr lebenswerten Leben ist. anm, ses

Klimax des Unmöglichen

Glaubst du ans Paradies?

Ja.

Warum?

Weil ich daran glauben will.

Mit ähnlich weltanschaulichen Interviewausschnitten beginnt der neue kontroverse Film „Climax“ des argentinischen Skandalregisseurs Gaspar Noé, in dem eine Gruppe junger Leute die Hauptrolle spielen, denen Tanzen alles im Leben bedeutet. Wenn sie nach ihrer letzten gemeinsamen Probe zusammen ausgelassen feiern und tanzen, jeder für sich allein, im Wechsel umringt von den anderen, kommt ein Phänomen zum Ausdruck, das der Regisseur in der gesellschaftlichen Entwicklung seit Einführung der Pille beobachtet hat: „Wie Leute ermutigt wurden, Lust zu empfinden und nicht mehr von anderen abhängig zu sein. Aber eben auch, wie Leute immer einsamer werden. Sie sind nicht mehr Teil einer Gruppe, sondern konkurrieren mit dem Rest der Welt.“ Ohne jeden Halt mündet die Feier der Tänzer, denen ein Unbekannter LSD in ihr Getränk gemischt hat, ins Chaos. Jede Form von Angst und Unsicherheit der Einzelnen wird um ein Vielfaches potenziert zu gegenseitiger Brutalität. In Großbuchstaben schließt der Film mit den Worten „Leben ist kollektive Unmöglichkeit“. Das Undenkbare denkbar, was wäre das Leben als kollektive Möglichkeit? heg

Synapsen der Geschichte

Zwischen: „Seht ich mache alles neu“ und: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich“ liegt das revolutionäre Potential des Denkens in der Tradition der Schrift.

Ein Taubenschlag des Geistes, in dem sich seit jeher die besten Denker und Gedanken versammelten und in ihrem stummen Gespräch über die Jahrhunderte, im Augenblick ihrer Vergegenwärtigung, die sonst so relevanten Fragen plötzlich verschwanden: wer war orthodox, wer kommunistisch, wer dekonstruktivistisch, wer Künstler, Naturwissenschaftler, Rabbiner, Philosoph, Theologe oder auch nur Journalist.
Dass wir geistige Zwerge sind, ist gar nicht so schlimm, wenn wir uns bewusst werden, auf den Schultern welcher Riesen wir stehen können. ses

Weckmittel von 1983/84

Ein ‚wanderndes Gottesvolk?‘ – Ja, ein aus der Kirche auswanderndes Volk.

 

Unser Konkordat gibt beiden Seiten die Freiheit: dem Staat die Freiheit,
die Kirche einzuspannen, und der Kirche die Freiheit, vom Evangelium auszuspannen.

 

Die Kirchen werden aus Schwäche eines Tages konfusionieren. Einzige Hoffnung auf die Ökumene.

 

Man schüttelt sich auf die Aufforderung hin „Gebt einander ein Zeichen des Friedens“ gegenseitig freundlich ab.

 

Die Sonntagspredigt ist ein kostenloser Abenteuerurlaub: Wie der durch den Wildbach des Evangeliums steuert, ohne jemanden und sich zu verletzen!

 

Heute fehlen in der Kirche hierzulande von den Wundern der Apostelgeschichte die zwei: wir sind weder einmütig noch freimütig. Hingegen ist ein neues Wunder aufgetreten: Dennoch hat sie überlebt.

 

Tsgna heißt der Gott unserer Zeit. Er verkehrt alles. Deshalb ist sein Name von hinten nach vorn geschrieben.

 

Wer nichts macht, macht auch etwas falsch: alles.

 

Die Aphorismen sind einseitig, übertrieben, und überschlagen das Gute in der Christenheit? Richtig, was sollen sie denn sonst sein als ärgerliche Weckmittel?

luw

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