Was bleibt, wenn nichts mehr bleibt?

In einer engen Holzbox stehen im Wiener Akademietheater die vier Überreste einer Familie als letzte Überlebende im Nichts, in einer Welt, die „vielleicht zu Ende geht“.

Die gegenseitige Abhängigkeit der Familienmitglieder ist ihre einzige Beziehungsgrundlage. So sind in Samuel Becketts „Endspiel“ die offenbar wichtigsten Themen, wer den Schlüssel zum Nahrungsmittelschrank besitzt, wer intakte Beine hat, sich dort zu bedienen; wann es Zeit für ein ebenso schwer erreichbares Beruhigungsmittel ist, das, wie sich später herausstellt, längst aufgebraucht ist; und was passiert, wenn einer das Abhängigkeitsgeflecht verlässt, um gleichgültig zu sterben. „Ein Augenblick kommt zum anderen, Bluff, Bluff, und das ganze Leben wartet man darauf, dass ein Leben daraus werde.“ Die einmalig vorkommende, kurze Anstrengung der Protagonisten, mit geschlossenen Augen nach Gott zu suchen, wird schnell abgelenkt von der Suche nach einer vermeintlichen Ratte und der vehementen Einforderung einer versprochenen, aber nicht vorhandenen Praline. Der einzige Funke Hoffnung, dass aus dem „Endspiel“ vielleicht doch noch ein „Anfangsspiel“ werden könnte, ist die beiläufige Erwähnung, dass Gott hier nicht „nicht mehr“ existiert, sondern „noch nicht“. heg

Optimismus

Ein Mann in Kalifornien steht vor den Überresten seines Hauses, das in den großen Waldbränden vom Feuer erfasst wurde und völlig niedergebrannt ist.

Er hat fünfundzwanzig Jahre darin gewohnt, und nun ist es mit all seinem Besitz, der sich darin befand, verbrannt. Im Interview sagt er: “Well, we‘re gonna put that all up again ... it’s only stuff!” Dabei klingt er sogar recht fröhlich. mas

Menschliche Wahrheit

Oriana Fallaci, italienische Journalistin und Schriftstellerin, schrieb wenige Wochen vor ihrer Privataudienz bei Papst Benedikt XVI. und kurz vor ihrem Tod:

„Ich fühle mich weniger allein, wenn ich die Bücher von Ratzinger lese. Ich bin Atheistin; und wenn eine Atheistin und ein Papst dasselbe denken, dann muss daran etwas wahr sein. So einfach ist das! Es muss menschliche Wahrheit geben, die über die Religion hinausgeht!“

Polizeistaat?

Ein katholischer Sonntagsgottesdienst in Jerusalem: Es ist heiß, die Türe steht weit offen. Plötzlich kommt mit großen, schnellen Schritten ein israelischer Polizist in den Raum, ein zweiter bleibt vor der Tür im Freien. Der erste Polizist geht auf einen Betenden in der ersten Sitzreihe zu, tippt ihn an und fordert ihn mit Gesten auf, er möge seine Hosentaschen leeren.

Der Mann wehrt sich, der Polizist winkt seinen Kollegen herein. Da unterbricht der Priester sein Gebet, tritt hinzu und verweist den Polizisten lautstark des Raumes. Dieser geht, ratlos die Achseln hebend, gefolgt von einem der Patres. Der Priester beginnt seine Predigt spontan mit einem Kommentar, in dem er aus dem Vorfall einen religiösen Konflikt macht: So sei es, wenn man als Christ in Israel leben wolle. Man werde beschimpft, bespuckt, beim Gottesdienst behindert. Der Pater, der mit dem Polizisten hinausgegangen war, kommt wieder herein, beugt sich zu dem Mann in der ersten Reihe und redet leise auf ihn ein. Der Priester maßregelt seinen Mitbruder vom Altar aus: „Daniel, lass den Mann in Ruhe“. Pater Daniel spricht leise weiter mit dem Mann. Dann steht dieser auf und verlässt den Raum. „Und wieder hat der Polizeistaat gesiegt“, kommentiert der Priester am Altar. Nach dem Gottesdienst entschuldigt sich Pater Daniel: „Naja, er hat jemanden ausgeraubt, die Polizei hat dafür gesorgt, dass der Bestohlene sein Portemonnaie wiederbekommen hat.“ mas

Cur Deus homo? Warum ist Gott Mensch geworden? – oder: Warum geht der Mensch auf Kur?

Als 1962 die Ruhr-Universität Bochum gegründet wurde, fuhr ich hin sie anzusehen. Von der Autobahn, nahm ich die „Ausfahrt Geisteswissenschaften“ – es wartete alles auf die Jugend, war aber eine leere Geister-Betonstadt. Ganz belebt hingegen war in diesem Sommer mein Aufenthalt in einer Kur-Stadt:

nur einige Prozent Jüngere, sonst war das Publikum geschätzt zwischen 70 und 85. Noch immer auf der Suche nach dem Geist lande ich in der Kurbuchhandlung.
Eine Auswahl der Titel:
„Das kleine Übungsheft: Lebensträume verwirklichen“
„Die 5 magischen Momente des Lebens – wie wir Chancen ergreifen, die uns das Schicksal schenkt“
„Frauenkörper – Frauenweisheit: Wie Frauen ihre ursprüngliche Fähigkeit zur Selbstheilung wiederentdecken können“
„Lebe dein Momentum – wie wir Schöpfer unseres Schicksals werden“
„Warum französische Frauen jünger aussehen – attraktiv in jedem Alter“
„Die Meditation der fünf schamanischen Elemente – Erfülle deine Wünsche und finde Harmonie“
Alles zu spät, dachte ich mir, das Geschäft mit dem Geist appelliert an die Reste von Jugendträumen. Dabei können alte Menschen so schön sein, ihre Lebensalter widerspiegeln, ihre in Freude und im Ertragen gewonnene Gestalt. pez

Bibelinterpretation im Lutherjahr

Eine Bischöfin wurde im Rahmen der Gender-Diskussion auf dem evangelischen Kirchentag mit dem Satz zitiert: „Es wird eine Menge theologischer Arbeit erfordern, das biblische Menschenbild von Mann und Frau auszurotten“.

Auf weltlicher Ebene ist diese Arbeit schon recht gut voran geschritten, nachdem das Gesetz zur „Ehe für alle“ die Institutionen widerstandslos passiert hat. Wo sich Ehe und Familie nach staatlicher Umdefinition beliebig begründen lässt, wird es auch einen Anspruch auf ein Kind ohne Vater und Mutter geben. Schließlich ist alles machbar und Adoption nur eines der Mittel, einen solchen Anspruch durchzusetzen. Die Organisation von Wunschkindern durch Leihmutterschaft, Samenbanken bis hin zum Kinderhandel ist bereits weltweit zum Milliardengeschäft geworden. Diese Konsequenzen aus ihren Ausrottungsfantasien scheinen der Bischöfin nicht bewusst zu sein. Auch wenn sie im Lutherjahr die evangelische Theologie weiterentwickelt, kann sie Luthers „Sola Scriptura“ nicht überspringen und die Bibel umschreiben. Dort steht in Genesis 1,27 weiterhin: „Gott schuf den Menschen als sein Abbild. Als Mann und Frau schuf er sie.“ mah

„Treffen ohne zu zielen“

Untertitel: Meditatives Bogenschießen.
So sinn-los geht es zu im katholischen Broschürenwald, auch in Anregungen zum Gebet:

„Vor dir, Herr,
darf ich
taten-los,
sprach-los,
gedanken-los,
sein.
Denn du, Herr,
bist bereits
vor der Tat,
vor dem Wort,
vor dem Gedanken
in mir.“

Mir fiel, ich weiß nicht warum, das Wort „problem-los“ dazu ein.
Es kam nicht vor, etwa so:

problem-los,
denn vor meinen
Problemen,
hattest du schon
deine
mit uns.
pez

„Die Unterwerfung“ am G20-Wochenende in Hamburg

Während Zehntausende Leinenbanner durch eine sirenendurchzogene Geisterstadt tragen, einige tausend vermummte Gestalten der Stadt gewaltsam ihren Aufstand aufzwingen, steht im Deutschen Schauspielhaus Hamburg eine schwarze Wand.

Ganz schwarz ist sie nicht, in der Mitte schimmert eine Auslassung, ein ausgehöhltes Kreuz. Francois, aus Houllebeques „Unterwerfung“, kommt vor die Wand gelaufen, unter das Kreuz. Mit der Zeit beginnt es sich zu drehen, Francois steigt hinein, in den Uhrzeiger, der sich wandelt, in eine Chaiselongue, in einen Betonmischer, in ein Hamsterrad. Es hält inne, Francois klettert hinaus aus seinem Sarg, er läuft auf und ab vor der Wand, er entledigt sich seiner Kleidung, er klettert wieder hinein, in das Schlüsselloch, immer wenn die Längsseite herabsinkt. Bald ist er entkräftet, er braucht einen Tisch, um sich wieder hinauf hieven zu können, ein Zuschauer springt ihm zur Seite. Am Ende bricht das Kreuz weg, die Wand hebt sich vor einem gänzlich schwarzen Raum, Francois, weiß bekleidet, erleuchtet, formt Glaubenslaute einer fremden Sprache. „Es wäre die Chance auf ein zweites Leben. Ich hätte nichts zu bereuen.“ Nach dem Theaterstück, am Bahnhof, treffen sich alle, die Leinenbanner, die Aufstanderzwinger, die Theatereuphoriker und die Zurseitespringer, und zwängen sich in den Sonderzug. saw

Ehe für … Freiwillige?

Viel ist schon geschrieben worden zur „Ehe für alle“ seit dem Blitz-Beschluss des Bundestages – von zornigen Katholiken, die den Staat auffordern, dann doch gleich die zivilrechtliche Ehe ganz abzuschaffen, wenn er sie nicht mehr unter seinen besonderen Schutz stellen wolle wie Art. 6 des Grundgesetzes es vorschreibt, über atheistische Biologen, die den Politikern Unkenntnis der biologischen Voraussetzungen bescheinigen, bis hin zu erstaunten Alt-Kommunisten, die sich nur wundern über so viel Spießigkeit und sich fragen, warum denn ausgerechnet Schwule und Lesben jetzt unbedingt dieses reaktionäre Zwangsinstrument auf sich angewandt wissen wollen.

Wäre das nicht ein idealer Zeitpunkt für die Kirche, sich an ein Alleinstellungsmerkmal zu erinnern, das dem Staat gar keine Konkurrenz machen will: die Ehe als Sakrament? Die Sache hat nur einen Haken: sie ist nicht für alle – sondern nur für die, die wissen, was das ist und es mit allen Folgen unbedingt wollen. mah

Ein Bischof setzt ein Zeichen

Am 2. Juni 2017 veröffentlichte Pax Christi eine Presseerklärung: „Pax Christi International für Beendigung der Besatzung Palästinas“ anlässlich des 50. Jahrestages des Sechstagekriegs.

Die in der Erklärung aufgelisteten Schuldzuweisungen bedienen die bekannten israelfeindlichen Stereotype. Schon zuvor war auf einer Veranstaltung von Pax Christi Österreich mit dem palästinensischen Botschafter Salah Abdel Shafi die Schriftstellerin und Vertreterin der Israelitischen Kultusgemeinde Linz, Anna Mitgutsch, sowie zwei weitere Mitglieder der IKG beschimpft worden. Den Bericht darüber und die Presseerklärung von Pax Christi vom 2. Juni nahm der Diözesanbischof Manfred Scheuer zum Anlass, ein Zeichen zu setzen. Er teile die Sorgen der jüdischen Gemeinden über einen wachsenden Antisemitismus in Europa, so Scheuer in seinem Statement vom 7. Juni 2017: „Aufgrund der jüngsten Erklärungen von Pax Christi Österreich sowie der Ereignisse im Zusammenhang mit der Veranstaltung am 26. Mai 2017, die ich aus der KirchenZeitung am 7. Juni 2017 mitbekommen habe, erkläre ich mit Wirkung vom 07. Juni 2017 meinen Rücktritt als Präsident von Pax Christi Österreich.“ anm

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