Zuversicht

Ein fröhliches Grillfest mit ehemaligen Kollegen über den Dächern von München. Mit dabei ist auch ein dreißigjähriger Syrer, der als Reinigungskraft in der Firma arbeitet und seit vier Jahren in Deutschland lebt.

Er erzählt stolz, dass er als aramäischer Christ die Sprache spricht, die Jesus damals gesprochen hat. Als der IS seiner Familie die Häuser und Geschäfte wegnahm, floh er aus Damaskus. Wir unterhalten uns über die Schwierigkeiten der Flüchtlinge, die verschiedenen religiösen Hintergründe und die politischen Probleme. Ich frage ihn nach seiner Meinung, wie es bei den vielen Herausforderungen weiter gehen könnte. Darauf er gelassen: „Weißt du, solange zwei oder drei in Seinem Namen beisammen sind, mache ich mir keine Sorgen.“ heg

Elfenbeauftragte

Mit Datum vom 6. August 2018 konnte man bei der Rheinischen Post online lesen: „Elfenbeauftragte will mit ‚energetischer Versiegelung‘ Unfälle auf A2 verhindern“.

Die Elfenbeauftragte, unklar blieb von wem beauftragt, war mit einer Tierkommunikatorin auf der A2 tätig.  Auf der Autobahn hätten sie sofort „sehr traurige Energien“ gespürt. „In einigen Fällen waren es aufgebrachte Naturwesen, die rebellierten und sich ihr Stück Natur zurückholen wollten.“ Wildschweine verursachten viele Unfälle, weil ihnen ihr Revier genommen worden sei, „Halbstarke, die auf Krawall gebürstet sind“.

Was bedeutet es in diesem Kontext, wenn Geistliche Autos, Motorräder, Hunde und anderes segnen? Wie sollen kritische Zeitgenossen das unterscheiden können? anm

Da sitz ich, aus München

Da sitz ich, aus München, in Bad Wörishofen, ein ungarisches Orchester spielt auf, im Kurpavillon.

Wunschkonzert: Franz v. Suppé, geboren in Dalmatien, Mozart, der Vater aus Augsburg, Boccerini, aus Lucca, Italien, aus Norwegen Edvard Grieg, Solveigs Lied, Jaques Offenbach, deutsch-französischer Komponist,  Franz Lehar, eigentlich ungarischer Herkunft, es geht um die Wolga, wo einer einsam steht. Und auf einmal summen alle mit „Hast du da oben vergessen auf mich“ – letzte metaphysische Sehnsucht? Nachsinnen über ein vielleicht versäumtes Leben? Aber jetzt wird’s fröhlich, jetzt singen alle, die zwischen 70 und 95, die aus dem Norden, Preußen hieß es früher, die aus dem Westen, Norden, Nordosten, ach, eine Schweizer Stimme, und da, Franzosen, nebenan hört man die Italiener im Eisgeschäft: „Wir sind vom k. und k. Infanterieregiment.“ Ich dachte, ich träume, da ist sie ja, die EU, aber halt nur auf der Kur, zur Reha, wegen schwerer Verrenkungen? An Kultur erinnert gerade noch das versucht-schöne Kleid in Gold der Solo-Geigerin, passend für einen Abend an der Scala in Mailand. Da und dort ging einer schon früher, wahrscheinlich war sein Wunsch schon gespielt worden. Dann kam auch noch einer hinzu und redete laut mit seiner Partnerin, wo noch der beste Platz für sie sei. Kur-iose Impression: Europa im Kur-Konzert. pez

Beim Barte des Feministen!

Das Gerüst des Innsbrucker Doms ziert derzeit eine 56 Quadratmeter große politische Botschaft: „Solange Gott einen Bart hat, bin ich Feminist“. Den Spruch am Dom zu St. Jakob wählte eine Innsbrucker Künstlerin zusammen mit dem Bischof und dem Generalvikar aus.

Der Jude und Philosoph Baruch Spinoza erkannte und schrieb, dass Gott, wenn er Gott ist, überhaupt in keinem Fall von Worten nach menschlichen Maßstäben zu beschreiben ist. Wir Menschen haben menschliche Vorstellungen, daher könne jeder Begriff nur eine nicht zutreffende Vorstellung von Gottes unendlicher Größe und Andersheit geben. Freilich hat ein Jude überhaupt kein Bild von Gott erlaubt und selbst seinen Namen nicht genannt. Diese Aufklärung wird schon Mose zugesprochen. luw

Die Welt und die Maske

Die Gesichtszüge einer Frau, die im öffentlichen Raum eingeschlafen war, erschienen im milden Abendlicht plötzlich wunderschön. Aber es war nicht das Licht.

Der Unterkiefer war nicht mehr vorgeschoben, die vielen widerstrebenden Gefühle um die Mundpartie verschwunden, der allzu gezwungen forsche Blick geschlossen. Die ganze Anspannung, der Welt eine Grimasse schneiden zu müssen, hatte für einen paradiesischen Moment nachgelassen.

Der Schlaf, ein letztes Refugium vor der Multi-Perspektivität der Torschuss-Szenen im Leben des selbstoptimierten Individuums – spendet Ruhe selbst im Standort des Betrachters. ses

Petersschiffchen

Es gibt im Mittelmeer eine leuchtend blaue Quallen-Art, die an der Wasseroberfläche treibt und mit einer kleinen nach oben gerichteten silbrigen Haut segelt. Da sie keine andere Fortbewegungsmöglichkeit hat, als sich vom Wind treiben zu lassen, wird sie bei entsprechenden Windverhältnissen massenhaft an den Strand gespült, wo sie dann vertrocknet.

Wer dieses Phänomen nicht kennt, denkt beim Anblick eines dadurch blau gefärbten Strandes erst mal an Verschmutzung durch Plastikmüll. In einer Zeit, in der man solche Assoziationen noch nicht hatte und die kleine Naturkatastrophe einfach nur wunderbar erschien, bekam die Segelqualle den Namen „Petersschiffchen“. Aber den Namensgebern damals muss bewusst gewesen sein, dass das menschliche Schifflein Petri einen Vorteil hat: Es muss nicht schicksalhaft stranden und vertrocknen; dieses Schifflein kann gegen den Wind kreuzen. ses

Was weh tut

„Mein Kampf“ im Münchner Volkstheater. Der junge Hitler wird in Wien zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom fürsorglichen Schlomo Herzl im Männerwohnheim unter die Fittiche genommen.

Erschreckend ist nicht, dass man in George Taboris Stück lacht. Erschreckend sind nicht die Anspielungen wie der glühende Ofen im anfänglich dunklen Szenenbild. Erschreckend ist zu sehen, wie machtlos vernünftige, zivilisierte Menschlichkeit und sogar gläubige Wahrheitssuche gegenüber Dummheit und Verfälschung der Wirklichkeit sein können. Zumindest wenn sie einsam sind.

Tabori endet mit einem Witz: Zwei Schächer hängen am Kreuz. Fragt der eine den andern: „Tut’s weh?“ – „Nur wenn ich lache.“ jup

Gleichgemeinte Aussagen?

2018, Workshop für Spiritualität: „Mitzubringen bequeme Kleidung und die Bereitschaft sein Leben zu ändern.“

Einige Jahre früher: „Interesse am Klosterleben? Unser Kloster liegt in schöner Gegend …“

Oder auch vor einiger Zeit: „Willst du, dass Menschen ein Licht aufgeht, werde Elektriker oder Priester.“

Vor etwa 1900 Jahren: Ein Dialog im Lukasevangelium. Jesus: „Folge mir nach!“ Der Eingeladene: „Lass mich zuerst weggehen und meinen Vater begraben!“ Jesus: „Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes!“ pez

Programmierte Menschlichkeit

Digitale Assistenten in kleinen Lautsprecherboxen schmücken derzeit die Wohnzimmer technologieversierter Haushalte und erfüllen die ausgesprochenen Wünsche ihrer Besitzer. Emotionsroboter, die menschliche Zuneigung zeigen sollen, gelten als erfolgversprechendes Zukunftsprojekt der Pflegebranche, besonders für den Umgang mit dementen Patienten.

In dem amerikanischen Theaterstück Marjorie Prime, das im letzten Jahr verfilmt wurde, nehmen Hologramme den Platz verstorbener Familienmitglieder ein. So soll z.B. der an Alzheimer leidenden älteren Mutter geholfen werden, mit der Trauer um Ihren verstorbenen Ehemann besser fertig zu werden, indem sie nun immer in Gesellschaft ihres vierzigjährigen Mannes ist. Über freundliche Fragen wie “Erzähl mir mehr über mich” sammeln die Hologramme Informationen über ihre früheren Charaktereigenschaften, die sie sich dann anzueignen versuchen. Geschilderte gemeinsame Erinnerungen werden von ihnen später geschickt in Gespräche eingewebt. Um menschlich zu wirken, scheinen die Äußerungen der holographischen Gefährten auf zwei Grundaussagen programmiert zu sein: „Ich bin da um dir zu helfen, wenn du mich lässt“ und „Wie schön, dass ich jemanden lieben konnte“. In der skurrilen Schlussszene sitzen drei Hologramme der mittlerweile verstorbenen und ursprünglich zerrütteten Familie ganz friedlich beisammen, schwelgen in endlos wiederholten Erinnerungen zu den Klängen Mozarts, und freuen sich daran, dass sie einmal jemanden geliebt haben. So unmenschlich kann Harmonie sein. heg

Ein Zeichen

Treffen sich drei Bistümer, zwei Erzbistümer, ein Diözesanrat und zwei evangelische Landeskirchen. Sagen die drei Bistümer: „Wir sind so verlassen, die Kirchen so leer.“

Sagen die zwei Erzbistümer: „Wir sind so traurig, so erbärmlich“, sagt der Diözesanrat: „Ich habe auch Angst, mit uns geht’s zu Ende“. Daraufhin die evangelischen Kirchen erstaunt: „Schau an, schau an, euch geht’s ja wie uns – lasset uns ein gemeinsames Zeichen setzen!“ Anfangs noch skeptisch, waren die drei Bistümer, die zwei Erzbistümer und der Diözesanrat bald völlig aus dem Häuschen: „Au ja! Lasset uns ein gemeinsames Zeichen setzen!“ Alsbald brechen drei Bistümer, zwei Erzbistümer, ein Diözesanrat und zwei evangelische Landeskirchen gemeinsam auf: zum Autofasten. saw

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