Einzeldemo

Glaube ist nicht demonstrierbar, schrieb Joseph Ratzinger einmal. Was geschieht, wenn der amerikanische Regisseur Terrence Malick mit seinem neuen Film “A Hidden Life” dennoch den Versuch unternimmt zu zeigen, wie ein einfacher katholischer Bauer seinem Gewissen folgt und dafür von den Nazis umgebracht wird?

Beim Restaurieren der Fresken der Dorfkirche sagt ein Handwerker zu diesem Bauern: „Wir erzeugen nur Bewunderer, aber keine Nachfolger. Die Menschen wollen nicht um die Wahrheit ringen, daher ignorieren sie sie. Ich male ihren angenehmen Christus, mit einem Heiligenschein auf seinem Kopf. Wie kann ich zeigen, was ich nicht gelebt habe?“ Es kommt einem wie ins Heute übersetzt vor, wenn die Leiterin des „Kompetenzzentrums für Demokratie und Menschenwürde der Erzdiözese München“ in ihrer Einführung vor dem Kinopublikum als Essenz des Films Zivilcourage anmahnt. Mit diesem Schalldämpfer bleibt der Bauer Franz Jägerstätter, den Papst Benedikt 2007 selig gesprochen hat, damals wie heute ein stummer Einzelkämpfer. Für ein wohlfeiles Lippenbekenntnis gegen Rassismus und für Toleranz braucht es nicht die Kirche. Mir wird klarer: Die Wende des Seins, wie Ratzinger den Glauben nennt, ist kaum alleine möglich. heg

Mauern in Köpfen

Wenn ein deutscher Bischof in den Nahen Osten reist und ihm angesichts der Schutzmauer zwischen palästinensischen und israelischen Gebieten ein Vergleich mit der Berliner Mauer einfällt und dazu gleich der missionarische Gedanke, man habe in Deutschland Erfahrung mit dem Überwinden von Mauern, dann wirft das Fragen auf.

Wie kommt man als deutscher Bischof zu einem solchen Hochgefühl moralischer Überlegenheit? Wie geschichtsvergessen und politisch blind darf ein deutscher Bischof sein? Man erwartet ja von Bischöfen, dass sie Theologie studiert haben und nicht Geschichte oder Politik. Darf es einem studierten Kirchenmann aus Deutschland denn noch verborgen bleiben, dass der Satz „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!“ nicht in die Moraltheologie gehört, sondern in die Geschichte und dort in die dunkleren Kapitel. Auch die Berliner Mauer gehört zu den dunkleren Kapiteln unserer Geschichte. Wer die Berliner Mauer mit der israelischen Schutzmauer vergleicht, hat historisch und politisch keine Ahnung, wovon er redet: Die Berliner Mauer trennte eine Nation mit einer Sprache und einer gemeinsamen Geschichte. Die israelische Schutzmauer ist damit nicht zu vergleichen. Palästinenser, die in Israel Anschläge verüben wollen, sind so ideologisch verblendet, dass sie das Existenzrecht Israels nicht akzeptieren wollen, wie übrigens ein Großteil der arabischen Welt, gegen den sich Israel genauso schützen muss. Diese Schutzmauer ist nicht schön, sie ist vielleicht sogar eine Kriegswaffe, aber eine sehr friedliche. Denn sie hat den palästinensischen Terror in Israel weitgehend beendet und damit Leben gerettet. Wenn es um Deutschland geht, ist viel von der Mauer in den Köpfen die Rede. Vielleicht wäre ein erster Schritt die Abrüstung im Hochgefühl der moralischen Überlegenheit. Das war es doch, was die Ostdeutschen an uns „Besserwessis“ so gefressen hatten. ses

Gedanken aus dem Zellhaufen

 

Die zoologische Theologie kommt: Keine Religion habe die absolute Wahrheit, das Ebenbild Gottes ist nur ein Zellhaufen.

 

Wäre Adam mit einem der Tiere als Gehilfin zufrieden gewesen, – die Weltgeschichte wäre sofort da gelandet, wo sie heute angekommen ist.

 

Der historische Jesus wurde den Heiden ausgeliefert; der Christus des Glaubens den Gelehrten.

 

Freiheit ist, dass ich mir schaden darf. Erlösung ist, dass ich so lebe, dass der andere sich nicht schaden will.

 

Der Glaube ist immer der Dank eines Entronnenen.

luw

Ein Leserbrief aus Rom an eine große deutsche Tageszeitung

Mit Gewinn und Vergnügen lese ich in dieser Zeitung die Sportseiten, die Wirtschaftsnachrichten, die Sparte Technik und Motor. Allein das, was ich in Kommentaren, aber auch ‚Berichten‘ über die katholische Kirche lese, vergällt mir jede Freude an der Lektüre und nicht nur das: es ramponiert mein Vertrauen in einen seriösen Journalismus. Der Feldzug, der innerkirchlich gegen den emeritierten Papst geführt wird, findet hier seinen propagandistischen Lautsprecher.

Er hat nicht nur wenig mit der Wahrheit zu tun, sondern unterscheidet sich auch von der Sicht vieler wacherer Geister weltweit, Katholiken wie Nichtkatholiken, und ist vielleicht eine Art kleindeutsche Quittung für die Unbestechlichkeit und Weitsicht Ratzingers seit über 60 Jahren. Die Fakten sprechen eine andere Sprache als diese Kampagnen, ob es um den effektiven Beitrag Joseph Ratzingers seit den 90er Jahren als Kardinal und Papst gegen die Verbrechen sexuellen Missbrauchs oder um die Gestaltung seines ‚Ruhestandes‘ bis heute in absolut intellektueller Wachheit und im Gehorsam gegenüber dem amtierenden Papst geht. Sicher merkt man, dass im Zeitalter rasanter Kommunikation etliche Fallstricke lauern und schnell Pannen produziert werden. Aber hier scheint das Motto zu herrschen: Don’t touch me with the facts. Nicht der Geist der Kirchenspaltung, sondern jener persönlicher Abrechnungen der Autoren mit der eigenen Kirche wird immer neu aus der Flasche entlassen. Auch wenn die einen Benedikt reflexartig in die Pfanne hauen und andere ihn unter dem Deckmantel der Verehrung vor ihren Karren spannen wollen, bleibt diese Konstellation eines amtierenden Papstes und eines Papa emeritus, mit allen Brüchen und Schwächen, ein präzedenzloser Glücksfall für die Kirche.

 

Prof. Dr. Achim Buckenmaier, Rom

Gedanken aus der Hängematte

Die Bibelausleger konstatieren zwischen den Erwartungen der jüdischen Propheten und der Wirklichkeit im Christentum einen „Verheißungsüberschuss“. Sie finden tolle Wörter. Aber sie umgehen durch Unterlassung die Frage, an wem es liegt, ob an Gottes oder an unserer Faulheit.

 

Heute werden alle Aussagen und Lösungen aus der Vergangenheit relativiert: Sie seien alle zeitbedingt und subjektiv, – als könne der menschgewordene Affe erst seit 2019 seinen Verstand benutzen und erst durch Greta seine Verantwortung ernstnehmen.

 

Wir entdecken, wie Menschenverächter, die Selbst- und Ruhmsucht in und hinter den Taten unserer Zeitgenossen. Auch Jesus hat die Menschen durchschaut und ihre Herzen gelesen. Aber er hat sie trotzdem geliebt.

 

luw

In Nacht und Dunkel …

Ende November 2019 wurde im Stadtrat von Triest eine öffentliche Debatte darüber geführt, ob man der verdienten jüdischen Holocaust-Überlebenden Liliana Segre, zugleich „Senatorin auf Lebenszeit“ in Rom, die Ehrenbürgerschaft zuerkennen soll. Ein Abgeordneter sprach sich energisch dagegen aus, denn „die Segre hat gesagt, dass Jesus Jude war und da fühle ich mich als Katholik beleidigt.“ Jesus sei doch der Sohn Gottes, fügte er hinzu.

Weihnachten ist nicht die richtige Zeit, beleidigt zu sein. Vielleicht sickert dann die Erkenntnis des Paulus mit all ihren Konsequenzen durch, dass Gott seinen Sohn sandte, „geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt“ (Gal 4,4). ruk

Alle Jahre wieder

Kürzlich musste meine Tochter in einer Prüfung im katholischen Religionsunterricht die Frage beantworten, unter welchen Umständen Jesus heute auf die Welt kommen würde.

Ich vermutete, dass eine Geburt in einem Flüchtlingslager suggeriert wurde mit späterem erfolgreichem Auftreten als Anwalt der Entrechteten und Enterbten. Wie anderen Schülern, die einigermaßen regelmäßig den Gottesdienst besuchen, fehlte meiner Tochter für eine ausführliche Antwort die Fantasie, die Note fiel schlecht aus und auch ich wusste es nicht besser. Vielleicht hätte ich den Lehrer einfach fragen sollen, was er meinte. Jedenfalls verfolgte mich die Frage. Später kam mir die Geschichte vom Auftreten Jesu vor dem Großinquisitor in den Sinn, wie sie von Dostojewski erzählt wird: Jesus tritt überraschend im Sevilla des 15. Jahrhunderts auf, zu Zeiten der Inquisition. Er wird erkannt und der Großinquisitor setzt ihn fest. In einer langen Rede erklärt er Jesus, wieso dessen abermaliges Kommen das Wirken der Kirche stört. fls

Cave canem – Vorsicht bissig!

Die unverzichtbare Wachheit vor dem Feind, die sich in der katholischen Kirche konsequent auch nach Innen richtet, trifft manchmal die Richtigen falsch und manchmal die Falschen richtig. Der am 13. Oktober 2019 heiliggesprochene John Henry Newman wurde von wohlmeinenden Dienern der katholischen Sache für hoch gefährlich gehalten.

Monsignore Talbot, der Sekretär von Papst Pius IX., warnte Kardinal Manning, den Erzbischof von Westminster, in einem Brief: „Dr. Newman ist der gefährlichste Mann in England.“ Vielleicht hat Talbot noch mehr an Bedrohung gespürt als die geistige Unabhängigkeit Newmans. Die aktuelle Heiligsprechung hat Newman einigermaßen rehabilitiert, doch die Einschätzung des päpstlichen Sekretärs adelt ihn bis heute. Wer Newman ernst nimmt, versteht die Sorge des Sekretärs, wenn Newman beispielsweise sagt, dass der Glaube „nicht die Sache der Ordnung sei, sondern die Sache der Unruhe und Störung der Ordnung, wie es war, als Christus kam und die Apostel predigten“. ses

485 Jahre nach dem Brexit

Es ist eine makrohistorische Sensation, dass nach knapp einem halben Jahrtausend der Trennung Englands von der römischen Kirche ein Thronfolger des englischen Königshauses, Prinz Charles, die katholische Heiligsprechung seines Landmanns in Rom ehrt: John Henry Newman.

Immerhin ist Newman seit einem halben Jahrtausend der erste Heilige Englands, der nicht auch das Martyrium erlitten hat. Und zum Martyrium katholischer Heiliger hat das englische Königshaus über die Jahrhunderte keinen unerheblichen Beitrag geleistet.

Im Hinblick auf die Wiederannäherung der Insel an den Kontinent ist die Kirchengeschichte der politischen ein halbes Jahrtausend-Stückchen voraus, wie schon in der Geschichte der Trennung. ses

Euthanasie

Das süße Gift der NS-Ideologie vom lebensunwerten Leben durchzieht wieder die ethischen Diskurse. Und es verschont auch die frommen Kreise nicht. Sofern sie vom Christentum vor allem verstanden haben, dass es um die ganz persönliche ewige Seelen-Wellness geht, hat das Leben ein Wohlfühlbad zu sein.

Da kommt die alte pagane Einflüsterung recht, dass man auch jederzeit den Stöpsel ziehen kann, bevor man zu frösteln beginnt. Unser liberales Nachbarland Holland spiegelt die selbstverständlich gewordene Kultur des schönen Todes ungeschminkt wider. Das deutsche Ärzteblatt berichtet davon, dass man sich im Parlament der Niederlande Sorgen um einen leichten Rückgang der Euthanasiezahlen im Jahr 2018 machte. Die Zahlen der staatlichen „Regionalen Toetsingscommissies Euthanasie“ hatten gezeigt, dass 2018 erstmals seit 2006 ein Rückgang auf nur noch 6.126 getötete Menschen zu verzeichnen sei. Das sind immerhin 17 pro Tag. Holländische Medien vermuten, dass Ärzte offenbar öfter Anfragen von Personen mit Tötungswunsch ablehnen, nachdem zum ersten Mal ein Arzt deswegen strafrechtlich belangt wurde. Doch der Vorsitzende der staatlichen Kommission beruhigt: Er sehe keine Gefahr für einen Gesinnungswandel bei niederländischen Ärzten. Denn immerhin sei im ersten Quartal 2019 die Zahl der Fälle schon wieder um 9 % über die des ersten Quartals 2018 gestiegen. Sein Eindruck sei daher, die Sterbehilfe werde „ordnungsgemäß durchgeführt“. Beunruhigt war und ist offenbar auch niemand darüber, dass laut offizieller Statistik bereits im Jahr 2015 viele hundert, nämlich genau 431 demente Personen ohne ausdrücklichen Tötungswunsch getötet wurden. Dem offenen Umgang mit dem Thema in Holland verdanken wir die genauen Zahlen. Die Dunkelziffer ist bei uns sicherlich höher, wenn man bedenkt, wie weit verbreitet die wohlmeinende Ideologie vom nicht mehr lebenswerten Leben ist. anm, ses

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