Cave canem – Vorsicht bissig!

Die unverzichtbare Wachheit vor dem Feind, die sich in der katholischen Kirche konsequent auch nach Innen richtet, trifft manchmal die Richtigen falsch und manchmal die Falschen richtig. Der am 13. Oktober 2019 heiliggesprochene John Henry Newman wurde von wohlmeinenden Dienern der katholischen Sache für hoch gefährlich gehalten.

Monsignore Talbot, der Sekretär von Papst Pius IX., warnte Kardinal Manning, den Erzbischof von Westminster, in einem Brief: „Dr. Newman ist der gefährlichste Mann in England.“ Vielleicht hat Talbot noch mehr an Bedrohung gespürt als die geistige Unabhängigkeit Newmans. Die aktuelle Heiligsprechung hat Newman einigermaßen rehabilitiert, doch die Einschätzung des päpstlichen Sekretärs adelt ihn bis heute. Wer Newman ernst nimmt, versteht die Sorge des Sekretärs, wenn Newman beispielsweise sagt, dass der Glaube „nicht die Sache der Ordnung sei, sondern die Sache der Unruhe und Störung der Ordnung, wie es war, als Christus kam und die Apostel predigten“. ses

485 Jahre nach dem Brexit

Es ist eine makrohistorische Sensation, dass nach knapp einem halben Jahrtausend der Trennung Englands von der römischen Kirche ein Thronfolger des englischen Königshauses, Prinz Charles, die katholische Heiligsprechung seines Landmanns in Rom ehrt: John Henry Newman.

Immerhin ist Newman seit einem halben Jahrtausend der erste Heilige Englands, der nicht auch das Martyrium erlitten hat. Und zum Martyrium katholischer Heiliger hat das englische Königshaus über die Jahrhunderte keinen unerheblichen Beitrag geleistet.

Im Hinblick auf die Wiederannäherung der Insel an den Kontinent ist die Kirchengeschichte der politischen ein halbes Jahrtausend-Stückchen voraus, wie schon in der Geschichte der Trennung. ses

Euthanasie

Das süße Gift der NS-Ideologie vom lebensunwerten Leben durchzieht wieder die ethischen Diskurse. Und es verschont auch die frommen Kreise nicht. Sofern sie vom Christentum vor allem verstanden haben, dass es um die ganz persönliche ewige Seelen-Wellness geht, hat das Leben ein Wohlfühlbad zu sein.

Da kommt die alte pagane Einflüsterung recht, dass man auch jederzeit den Stöpsel ziehen kann, bevor man zu frösteln beginnt. Unser liberales Nachbarland Holland spiegelt die selbstverständlich gewordene Kultur des schönen Todes ungeschminkt wider. Das deutsche Ärzteblatt berichtet davon, dass man sich im Parlament der Niederlande Sorgen um einen leichten Rückgang der Euthanasiezahlen im Jahr 2018 machte. Die Zahlen der staatlichen „Regionalen Toetsingscommissies Euthanasie“ hatten gezeigt, dass 2018 erstmals seit 2006 ein Rückgang auf nur noch 6.126 getötete Menschen zu verzeichnen sei. Das sind immerhin 17 pro Tag. Holländische Medien vermuten, dass Ärzte offenbar öfter Anfragen von Personen mit Tötungswunsch ablehnen, nachdem zum ersten Mal ein Arzt deswegen strafrechtlich belangt wurde. Doch der Vorsitzende der staatlichen Kommission beruhigt: Er sehe keine Gefahr für einen Gesinnungswandel bei niederländischen Ärzten. Denn immerhin sei im ersten Quartal 2019 die Zahl der Fälle schon wieder um 9 % über die des ersten Quartals 2018 gestiegen. Sein Eindruck sei daher, die Sterbehilfe werde „ordnungsgemäß durchgeführt“. Beunruhigt war und ist offenbar auch niemand darüber, dass laut offizieller Statistik bereits im Jahr 2015 viele hundert, nämlich genau 431 demente Personen ohne ausdrücklichen Tötungswunsch getötet wurden. Dem offenen Umgang mit dem Thema in Holland verdanken wir die genauen Zahlen. Die Dunkelziffer ist bei uns sicherlich höher, wenn man bedenkt, wie weit verbreitet die wohlmeinende Ideologie vom nicht mehr lebenswerten Leben ist. anm, ses

Klimax des Unmöglichen

Glaubst du ans Paradies?

Ja.

Warum?

Weil ich daran glauben will.

Mit ähnlich weltanschaulichen Interviewausschnitten beginnt der neue kontroverse Film „Climax“ des argentinischen Skandalregisseurs Gaspar Noé, in dem eine Gruppe junger Leute die Hauptrolle spielen, denen Tanzen alles im Leben bedeutet. Wenn sie nach ihrer letzten gemeinsamen Probe zusammen ausgelassen feiern und tanzen, jeder für sich allein, im Wechsel umringt von den anderen, kommt ein Phänomen zum Ausdruck, das der Regisseur in der gesellschaftlichen Entwicklung seit Einführung der Pille beobachtet hat: „Wie Leute ermutigt wurden, Lust zu empfinden und nicht mehr von anderen abhängig zu sein. Aber eben auch, wie Leute immer einsamer werden. Sie sind nicht mehr Teil einer Gruppe, sondern konkurrieren mit dem Rest der Welt.“ Ohne jeden Halt mündet die Feier der Tänzer, denen ein Unbekannter LSD in ihr Getränk gemischt hat, ins Chaos. Jede Form von Angst und Unsicherheit der Einzelnen wird um ein Vielfaches potenziert zu gegenseitiger Brutalität. In Großbuchstaben schließt der Film mit den Worten „Leben ist kollektive Unmöglichkeit“. Das Undenkbare denkbar, was wäre das Leben als kollektive Möglichkeit? heg

Synapsen der Geschichte

Zwischen: „Seht ich mache alles neu“ und: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich“ liegt das revolutionäre Potential des Denkens in der Tradition der Schrift.

Ein Taubenschlag des Geistes, in dem sich seit jeher die besten Denker und Gedanken versammelten und in ihrem stummen Gespräch über die Jahrhunderte, im Augenblick ihrer Vergegenwärtigung, die sonst so relevanten Fragen plötzlich verschwanden: wer war orthodox, wer kommunistisch, wer dekonstruktivistisch, wer Künstler, Naturwissenschaftler, Rabbiner, Philosoph, Theologe oder auch nur Journalist.
Dass wir geistige Zwerge sind, ist gar nicht so schlimm, wenn wir uns bewusst werden, auf den Schultern welcher Riesen wir stehen können. ses

Weckmittel von 1983/84

Ein ‚wanderndes Gottesvolk?‘ – Ja, ein aus der Kirche auswanderndes Volk.

 

Unser Konkordat gibt beiden Seiten die Freiheit: dem Staat die Freiheit,
die Kirche einzuspannen, und der Kirche die Freiheit, vom Evangelium auszuspannen.

 

Die Kirchen werden aus Schwäche eines Tages konfusionieren. Einzige Hoffnung auf die Ökumene.

 

Man schüttelt sich auf die Aufforderung hin „Gebt einander ein Zeichen des Friedens“ gegenseitig freundlich ab.

 

Die Sonntagspredigt ist ein kostenloser Abenteuerurlaub: Wie der durch den Wildbach des Evangeliums steuert, ohne jemanden und sich zu verletzen!

 

Heute fehlen in der Kirche hierzulande von den Wundern der Apostelgeschichte die zwei: wir sind weder einmütig noch freimütig. Hingegen ist ein neues Wunder aufgetreten: Dennoch hat sie überlebt.

 

Tsgna heißt der Gott unserer Zeit. Er verkehrt alles. Deshalb ist sein Name von hinten nach vorn geschrieben.

 

Wer nichts macht, macht auch etwas falsch: alles.

 

Die Aphorismen sind einseitig, übertrieben, und überschlagen das Gute in der Christenheit? Richtig, was sollen sie denn sonst sein als ärgerliche Weckmittel?

luw

Zeitnot in Hülle und Fülle

In einer entwicklungsgeschichtlich lächerlich kurzen aber hoch dynamischen Zeitspanne von nicht einmal zehn Generationen ist es uns gelungen, unsere Lebenszeit nahezu zu verdoppeln und die Arbeitszeit weit unter ein Viertel zu drücken.

Trotzdem steigt die Zahl der Zeitgenossen in Zeitnot. Vielleicht liegt es daran, dass wir im Dienst an gesteigerter Effizienz unsere freie Zeit je mit höchsten Ansprüchen in alle Richtungen fragmentiert haben in Zeit für die Familie, für Freunde, für Bildung, für Gesundheit, Kultur, Sport und vieles mehr. Von einem offenbar wirklich viel zu viel beschäftigten Menschen hörte ich, sein Coach habe ihm einen genialen Tipp gegeben und es gehe ihm viel besser, seit er „das konsequent durchzieht: jeden siebten Tag Pause!“ ses

Irgendwo tagt …

eine kirchliche Versammlung. Sie beginnt, sachrichtig, nicht mit einem Parteiprogramm, sondern einem Gottesdienst. Erstaunlich, aber es ist noch immer so:

Es gibt Menschen, die hoffen auf die Kirche. Sie ist ja immer freie Initiative, schon von ihrem Ursprung her. Und dass die drinnen sich anstecken lassen von dieser Hoffnung – sammeln sich auch draußen Leute und fordern: Neues Licht in der Kirche. Und um die Forderung an die drinnen zu unterstreichen, zünden sie ihre Taschenlampen an. Diese Diskrepanz, zwischen der Hoffnung und der realen Verwirklichung, kann jedenfalls nur von uns selbst überbrückt werden. Heißt es doch „Ihr seid das Licht der Welt“. Jedenfalls steht es so in der Bibel. pez

Serotonin

Man kann es sich in seinem Oberstübchen einrichten wie man möchte. Das geht heute noch besser als früher. Man kann da oben Traumwelten errichten, oder Albtraumwelten, je nach persönlicher Präferenz.

Wenn man groß sein möchte und über allem stehen, dann wird man auf Bergspitzen stehen und auf alles hinabblicken. Wenn man klein sein möchte und verloren, werden sich Untiefen um einen herum auftun, die keinen Boden haben. Wenn man in die Zukunft oder in die Vergangenheit hineinruft, wird ein Echo zurückrufen, das entweder hoffnungsvoll oder verzweifelt ist, ganz wie man möchte. Wenn man allen anderen die Schuld an allem geben möchte, werden alle Anzeichen dafürsprechen. Wenn man sich selbst an allem die Schuld geben will, wird es nicht anders sein. Man kann träumen was man möchte, solange man möchte. Das ist im Ganzen ziemlich angenehm.

Dann veröffentlicht Michel Houellebecq ein neues Buch. „Serotonin“ heißt es diesmal. Und es weht auf einmal ein eisiger Wind. Houellebecq interessiert sich nicht für Traumwelten in Oberstübchen. Er entrümpelt das Oberstübchen, schmeißt die Traumwelten hinaus. Es ist danach ein sehr kahles Oberstübchen. Und wenn man meint es sei überstanden, weist einem Houellebecq die Türe und schmeißt einen selbst aus seinem eigenen Oberstübchen hinaus. Man schlägt dann irgendwo auf. Es ist ein sehr harter Aufschlag. Es könnte sein, dass es die Wirklichkeit ist, in der man aufgeschlagen ist. Es könnte sein, dass es Houellebecq nur darum geht, um das was er Tag für Tag an sich und allen anderen beobachtet: Eine erbärmliche, niederschmetternde, scheinbar aussichtslose Wirklichkeit. Die Sehnsucht nach dem eigenen Oberstübchen wird dann groß. Dort wieder hochzuklettern, zu den eigenen Traumwelten, das wäre naheliegend. saw

Neujahrswunsch

Wenn der Mensch ein Tier wäre, würde alles besser und einfacher.

Besser würde es, weil Tiere keine Kriege führen. Weil Tiere kein Unrecht tun. Weil Tiere insbesondere nicht die Umwelt schädigen – mit Ausnahme vielleicht des Borkenkäfers, aber der ist halt ein schwarzes Schaf. Einfacher würde alles, weil ein Tierleben so ideal, so schlicht und klar ist. Ein Tier muss nicht im Voraus planen. Es muss sich nicht seiner Triebe schämen. Es stellt sich auch keine Fragen über Sinn und Unsinn der Welt und was diese nun eigentlich im Innersten zusammenhält. Im Grund spricht alles dafür, dass der Mensch aufhören sollte Mensch zu sein und tunlichst beginnen Tier zu sein. Dass dazu Gegenansichten existieren, braucht uns Europäer nicht weiter zu bekümmern. Das Judentum zum Beispiel gibt es in Europa fast nicht mehr. Es fällt daher leicht dessen Ansichten zu ignorieren. Überhaupt stünde eine Auseinandersetzung mit einem solchen Weltbild in unauflösbarem Widerspruch zu dem angestrebten harmonischen, klaren, schlichten, ideal-instinktiven Lebenswandel. Aus diesem Grund verbietet sich die Auseinandersetzung. Stattdessen sollten wir uns alle zum neuen Jahr ein Tier aussuchen (vorzugsweise ein pflanzenfressendes), uns dessen Lebenswandel aneignen und in diesem Sinne den Rest unserer Tage dahinwandeln. Ganz harmonisch, ganz schlicht, ganz klar. Die Welt würde ein besserer Ort sein und ich habe mich schon entschieden: Das Nilpferd soll es sein. saw

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