Gertraud Wallbrecher (* 18. Mai 1923, † 29. Juli 2016) war eine Vertreterin der katholischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts. Geprägt von der Jugendbewegung suchte sie angesichts der Shoah im Nachkriegs-Deutschland die Erneuerung von den Wurzeln her. Viele kamen ihr dabei zu Hilfe: kirchliche Zeitgenossen wie die späteren Kardinäle Johannes Joachim Degenhardt und Joseph Ratzinger, Agnostiker wie Gerhard Szczesny und Künstler wie Alexander von Branca. Seit der ersten Stunde half ihr Ehemann Dr. Herbert Wallbrecher († 1997), Wirtschaftsjurist, dem Gebilde „integrierte Gemeinde“ dazu, „ganz weltlich und ganz gottgehörig“ zugleich zu sein. Er schuf die Voraussetzungen dafür, in finanzieller Unabhängigkeit der Kirche zu dienen. Dieser Neuansatz erregte auch Unverständnis und Widerstände. Inspiriert von der Gemeinde-Form des Neuen Testamentes, sah Traudl Wallbrecher den heute notwendigen christlichen Auftrag darin, Bedingungen herzustellen, unter denen es jedem, der will, möglich ist, als säkular lebender und denkender Mensch ein Interesse am christlichen Glauben zu finden und aus seinem Impetus zu leben. In Vielen hat sie die Liebe zu Gott erweckt und im Mitgehen derer, die das Anliegen sahen und teilten, wuchsen Orte, an denen die Ahnung eines „neuen Himmels und einer neuen Erde“ nicht nur als Utopie erscheint. Vielen jüdischen Freunden gab sie die Hoffnung, dass eine tiefgreifende Aussöhnung zwischen Kirche und Juden möglich ist.

Als Zeitgenosse diesem Weg und solchem Gestaltungswillen begegnet zu sein, lässt die Dimensionen des noch Ungetanen, aber Möglichen erahnen und macht Mut.

 

Katholische Integrierte Gemeinde

 

 

Requiem als Dankgottesdienst

Am Samstag, dem 6. August 2016, um 17:00 Uhr

feierte die Katholische Integrierte Gemeinde

in der Basilika St. Benedikt in Benediktbeuern

mit Kardinal Friedrich Wetter

das Requiem für Traudl Wallbrecher als Dankgottesdienst.

Aus der Begrüßung von Dr. Peter Zitta

Aus der Homilie von Prof. Ludwig Weimer

 

Weichenstellungen: Sammeln, nicht zerstreuen – von Ludwig Weimer

Englische Übersetzung: Setting the course: Assembling instead of dissipating – by Ludwig Weimer

Italienische Übersetzung: Obiettivi: Raccogliere, non disperdere – di Ludwig Weimer

 

Traueranzeige des Lehrstuhls für die Theologie des Volkes Gottes und der Priestergemeinschaft der KIG (Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 3.8.2016)

Dr. Herbert Wallbrecher (rechts im Bild) mit Kardinal Johannes Joachim Degenhardt

 

Was ist ein Laie? Nach allgemeinem Sprachgebrauch und Verständnis jemand, der auf Experten angewiesen ist. Will er sein Vermögen anlegen, sucht er einen Anlagenberater; will er ein Haus bauen, engagiert er einen Architekten. Die überwiegende Mehrzahl der Kirchenmitglieder sind Laien. Gilt das oben Gesagte auch für sie, als Laien in der Kirche?
Als ein Experte in Sachen Theologie nahm der damals 36-jährige Professor Joseph Ratzinger am II. Vatikanischen Konzil teil und berichtete, was da zum Thema ‚Laien‘ verhandelt wurde: „Was auffiel war, dass unbeschadet aller Bemühung niemand eine positive Definition des Laien zu geben imstande war. Man hat sich angewöhnt, den Laien in Antithese zum Priester und Ordensmann zu verstehen, als den, der keines von beiden ist.“ In der Forderung nach Amt und Weihe ist dieses Verständnis bis heute das vorherrschende geblieben.
Karl Barth, einer der renommiertesten protestantischen Theologen, war als Gast zum Konzil nach Rom eingeladen, konnte aber erst 1967, wie er es nannte, Ad limina apostolorum kommen – an die Türschwelle der Apostel, zu Petrus und Paulus. Im Gepäck brachte er kritische Fragen mit, auch zum Dekret über den Auftrag der Laien: „Warum wird der Laienapostolat nicht – statt mit dem Hinweis auf seine zeitgemäße Notwendigkeit – mit der Definition der Kirche als populus (laos) Dei [Volk Gottes] begründet?“

Herbert Wallbrecher (* 21. Juni 1922, † 5. Januar 1997) trug sich wie seine beiden älteren Brüder und Johannes Joachim Degenhardt, mit dem er in der katholischen Jugendbewegung eng verbunden war, mit dem Gedanken, bei den Jesuiten einzutreten. Als seine Brüder aus dem Krieg nicht zurückkehrten und ihm die elterliche Versicherungs- und Steuerkanzlei zufiel, war es auch für ihn nach dem Ende der Nazi-Diktatur und der Katastrophe der Shoah unmöglich, was viele versuchten, in das bis 1933 Gewohnte einfach wieder einzutreten, als wäre nichts geschehen. Aber wie jetzt ein Christ sein? In dieser ihn wie viele seiner Altersgenossen umtreibenden Frage-Zeit begegnete er, inzwischen Jurist und unternehmerisch tätig, Gertraud Weiß aus München, Psychologiestudentin und Bundesführerin des Heliand, die dieselbe Frage mitbrachte. Sie trafen sich, in München besuchten sie an den gerade wiedereröffneten Kammerspielen eine Aufführung von Paul Claudels Der seidene Schuh; in dem Nachwort, das Hans Urs von Balthasar seiner Übersetzung des Stücks anfügte, fanden sie klarer formuliert, was ihre eigene Frage war: „Wie ist es möglich, ganz weltlich und ganz gottgehörig zu leben?“

Zwanzig Jahre später stellte sich als Frucht dieser Anfangs-Konstellation die Integrierte Gemeinde der Öffentlichkeit vor; nochmals zehn Jahre später wurde sie von den Erzbischöfen von Paderborn und München und Freising, den Kardinälen Johannes Joachim Degenhardt und Joseph Ratzinger anerkannt als „Apostolische Gemeinschaft im Sinn des Dekrets Apostolicam actuositatem Nr. 18 und 19 des II. Vatikanischen Konzils“. In dem Dekret heißt es u. a.: „Unter Wahrung der erforderlichen Verbundenheit mit der kirchlichen Autorität haben die Laien das Recht, Vereinigungen zu gründen, zu leiten und den gegründeten beizutreten. Das in Gemeinschaft geübte Apostolat der Gläubigen entspricht in glücklicher Weise ebenso einem menschlichen wie einem christlichen Bedürfnis. Unter diesen Vereinigungen sind vor allem jene beachtenswert, die eine innigere Einheit zwischen dem praktischen Leben ihrer Mitglieder und ihrem Glauben fördern und betonen.“

Dr. Herbert Wallbrecher mit seiner Ehefrau Gertraud ­– vielleicht Vertreter des modernen Laien in der Kirche, die sich die Väter des II. Vatikanischen Konzils erhofften?

Erzbischof Dr. Josef Stimpfle (1916–1996) in St. Ulrich Walchensee, 1989

 

Zur Predigt ließ er sich gerne einen Sitz vor den Altar stellen, so auch bei dem festlichen Gottesdienst, den er am Ostermontag 1995 in St. Ulrich in Walchensee mit der Pfarrgemeinde und der Katholischen Integrierten Gemeinde feierte. Unvergessen seine Worte:
„Am Dritten Tage ist der Herr auferstanden von den Toten. Wir feiern jetzt dieses Ostern unmittelbar vor dem Anbruch des Dritten Tages. Das 1. Jahrtausend war das Jahrtausend der Verkündigung des Gekreuzigten und Auferstandenen. Dann kam das 2. Jahrtausend; da begannen das Auseinanderlaufen und die Spaltung. Jetzt stehen wir am Ende dieses 2. Jahrtausends. Es ist ein Kairos, eine atemberaubende Stunde, wo trotz aller Dunkelheit und aller Leiden der Menschheit und auch vieler Zerrissenheit in der Kirche selber der Dritte Tag kommt. Es ist der Tag des Sieges des Auferstandenen. Es ist der Tag, der die Menschheit erneut verwandeln und eine Wende herbeiführen will, wie es vor zweitausend Jahren in der Osternacht geschehen ist.“

Einmal fuhren zwei von der KIG nach Fulda. Dort tagte die Bischofskonferenz, und wir wollten ihm ein Anliegen vortragen. Im Kreuzgang suchten wir eine Nische. Vorbei zog der Pulk von Bischöfen und Weihbischöfen. Kurze Stille. Dann war ein Schritt zu hören wie von einem Bauern, der über den gepflasterten Hof geht, schwer, bedächtig, nicht eilig, sicher. Er war es. So war er. Ein Erwartender, dem Erwarteten zugewandt und tätig, ihm Lust zum Ankommen zu machen, nicht nur in seiner Diözese.

1963, am Anfang des Vaticanum II von Paul VI. zum Bischof ernannt, bekundete er schon mit seinem Wahlspruch „Dem Volk Gottes auf dem Weg“ (Plebi Dei peregrinanti) sein Verstehen der sich anbahnenden erneuerten Sicht der Kirche, auch seines Amtes. Seine Sorge um die ganze Kirche wurde weltweit bekannt. Er reiste in die Dritte Welt, auch in Länder unter kommunistischer Herrschaft. Mit dem Werk „Kirche in Not“ brachte er Bischöfen, Priestern und Gläubigen nicht nur materielle Hilfe, sondern vor allem Ermutigung und starke Zeichen der Solidarität.

1968 reiste er mit dem Vorsitzenden der Augsburger jüdischen Gemeinde, Julius Spokojny, nach Israel. 1963 hatte er ihm anlässlich der Einweihung der kleinen Synagoge in Augsburg zugesichert: „Innerhalb des katholischen Raums werde ich für die Annahme des auf dem II. Vatikanischen Konzil vorbereiteten Schemas über die Beziehungen der Katholischen Kirche zum jüdischen Volk sowie über die Gewissensfreiheit eintreten.“ Er hieß neue Initiativen und Charismen willkommen.

Lange wurde nicht realisiert, was für einen Bischof die Katholische Integrierte Gemeinde in ihm hatte. Schon seit 1953 war die KIG, zumeist Münchner Diözesane, mit ihrem Festhaus in Urfeld in der Diözese Augsburg ansässig; das war ein Privileg und gewährte Schutz und Schirm. Als er 1987 erstmals dorthin zu Besuch kam, überraschte er beim Trinkspruch mit einem abgewandelten Wort aus dem 1. Buch Samuel: „Wir sind nicht ausgezogen, Eselinnen zu suchen, und haben doch ein Königreich gefunden!“ Er vertraute der Priestergemeinschaft der KIG zwei Pfarreien an. Er zeigte, was einem Bischof möglich ist, als er einen Bauingenieur, Mitglied der KIG, im Blick auf dessen Engagement für Tansania zum Priester weihte.

Wie haben die Leute in seiner Heimat Maihingen über ihren großen Sohn geredet? „Er ist einer von uns – und doch ganz anders“, so überliefert es sein Neffe. „He had a lot of faith and went beyond boundaries“ („Er hatte eine Menge Glauben und übersprang Grenzen“) sagte ein ugandischer Priester, in dessen Diözese der Bischof eine Kathedrale bauen ließ. ars