Pimlico

von G.K. Chesterton

„Die Welt ist keine Mietskaserne in einem Elendsviertel, aus der wir ausziehen möchten, weil sie so heruntergekommen ist.

Es ist hier nicht die Frage, ob die Welt zu traurig ist, um geliebt, oder zu heiter, um nicht geliebt zu werden, sondern es geht um Folgendes: Wenn man eine Sache wirklich liebt, so ist ihre heitere Seite ein Grund, sie zu lieben, und ihre traurige Seite ein Grund, sie noch mehr zu lieben.

Angenommen, wir fänden uns etwas so Trostlosem gegenüber wie dem Londoner Viertel Pimlico. Es genügt nicht, dass jemand Pimlico einfach ablehnt: In diesem Falle wird er sich beispielsweise die Kehle durchschneiden oder nach Chelsea, dem vornehmen Viertel, umziehen. Andererseits genügt es nicht, wenn jemand die Existenz von Pimlico anerkennt, denn dann wird Pimlico bleiben, was es ist, und das würde schrecklich sein. Der einzige Ausweg scheint, dass jemand Pimlico liebte: dass er es liebte mit transzendenter Bindung und ohne jeden irdischen Beweggrund. Wenn ein Mensch aufstünde, der Pimlico lieben würde, dann stiege Pimlico empor und bekäme elfenbeinerne Türme und goldene Zinnen: Pimlico würde sich schmücken, wie eine Frau es tut, wenn sie geliebt wird. Denn der Schmuck dient nicht zum Verdecken hässlicher Dinge, sondern zur Zierde von Dingen, die an sich schon wunderbar sind. Eine Mutter gibt ihrem Kinde nicht darum eine blaue Schleife, weil es ohne eine solche so hässlich aussieht. Ein Liebhaber schenkt seiner Erwählten nicht ein Halsband, um ihren Hals zu verbergen. Wenn die Menschen Pimlico liebten wie Mütter ihre Kinder liebhaben, grundlos weil es ihr Pimlico ist, dann könnte es in ein, zwei Jahren Florenz an Schönheit übertreffen. Einige Zuhörer mögen das als Übertreibung bezeichnen. Ich gebe zur Antwort, dass dies die eigentliche Geschichte der Menschheit ist.“ 

Aus: G. K. Chesterton, Das Abenteuer des Glaubens in Orthodoxy (1908)

Entscheidungen

von A. Miller

„Ein Götze sagt den Menschen genau, was sie glauben sollen. Gott stellt sie vor Entscheidungen, die sie selbst treffen müssen.

Der Unterschied ist alles andere als unwichtig. Vor dem Götzen bleiben Menschen abhängige Kinder. Gott belastet sie damit, an den Entscheidungen einer ewigen Schöpfung mitzuwirken, aber gleichzeitig ist das auch eine Art Freiheit.“

Aus: A. Miller, Zeitkurven (1987)

Die Spieler

von M. Buber

„Ein Chassid verklagte einst vor Rabbi Wolf einige Leute, dass sie ihre Nächte beim Kartenspiel zu Tagen machten.

‚Das ist gut’, sagte der Zaddik (Meister). ‚Wie alle Menschen, wollen auch sie Gott dienen und wissen nicht wie. Aber nun lernen sie sich wach halten und bei einem Werk ausharren. Wenn sie darin die Vollendung erlangen, brauchen sie nur noch umzukehren – und was für Gottesdiener werden sie dann geben!’“

Aus: M. Buber, Die Erzählungen der Chassidim (1949)

Credo eines modernen Katholiken

von W. Percy

In seinem Roman „Liebe in Ruinen – Die Abenteuer eines schlechten Katholiken kurz vor dem Ende der Welt“ lässt Walker Percy seinen Helden, einen neurotischen Arzt und Alkoholiker, sagen:

„Ich zum Beispiel bin römischer Katholik, obschon ein schlechter. Ich glaube an die heilige katholische apostolische und römische Kirche, an Gott, den Vater, an die Auserwähltheit der Juden, an Jesus Christus, seinen Sohn, unseren Herrn, welcher die Kirche gegründet hat auf Petrus, seinen ersten Vikar, welche dauern wird bis ans Ende der Welt. Vor ein paar Jahren allerdings habe ich aufgehört, Christus zur Kommunion zu essen, aufgehört, zur Messe zu gehen, und führe seither ein liederliches Leben. Ich glaube an Gott und den ganzen Kram, aber Frauen liebe ich am meisten, dann Musik und Wissenschaft, dann Whiskey, Gott an vierter Stelle und meinen Nächsten fast überhaupt nicht. Im Allgemeinen mache ich, was ich will.“
Aus: W. Percy, Liebe in Ruinen (1998)

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