Der feine Unterschied

von J. Pelikan

„Tradition ist der lebendige Glaube der Toten;

Traditionalismus ist der tote Glaube der Lebendigen.“

Aus: Jaroslav Pelikan, The Christian Tradition (1975)

Lob des Dilettanten

von E. Friedell

„Was den Dilettantismus anlangt, so muss man sich klarmachen, dass allen menschlichen Betätigungen nur so lange eine wirkliche Lebenskraft innewohnt, als sie von Dilettanten ausgeübt werden.

Nur der Dilettant, der mit Recht auch Liebhaber, Amateur genannt wird, hat eine wirklich menschliche Beziehung zu seinen Gegenständen, nur beim Dilettanten decken sich Mensch und Beruf, während umgekehrt allen Dingen, die berufsmäßig betrieben werden, etwas im übeln Sinne Dilettantisches anhaftet: irgendeine Einseitigkeit, Beschränktheit, Subjektivität, ein zu enger Gesichtswinkel. Der Fachmann steht immer zu sehr in seinem Berufskreise, er ist daher fast nie in der Lage, eine wirkliche Revolution hervorzurufen: er kennt die Tradition zu genau und hat daher, ob er will oder nicht, zu viel Respekt vor ihr. Auch weiß er zu viel Einzelheiten, um die Dinge noch einfach genug sehen zu können, und gerade damit fehlt ihm die erste Bedingung fruchtbaren Denkens.“

Aus: E. Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit (1927)

Der Ort, an dem wir Recht haben

von J. Amichai

An dem Ort, an dem wir recht haben,

werden niemals Blumen wachsen

im Frühjahr.

Der Ort, an dem wir recht haben,

ist zertrampelt und hart wie ein Hof.

Zweifel und Liebe aber

lockern die Welt auf

wie ein Maulwurf, wie ein Pflug.

Und ein Flüstern wird hörbar

an dem Ort, wo das Haus stand,

das zerstört wurde.

Aus: J. Amichai, Zeit. Gedichte (1998) 

Der sagenhafte Ausweg – Eine Parabel

von S. Beckett

„Das Innere eines Zylinders mit einem Umfang von fünfzig Metern und einer Höhe von sechzehn. Einzige Gegenstände etwa fünfzehn einfache Leitern, von denen mehrere ausziehbare in unregelmäßigen Abständen an der Wand aufgestellt sind. Seit jeher geht das Gerücht, dass es einen Ausweg gibt.

Diejenigen, die nicht mehr daran glauben, sind nicht dagegen gefeit, von neuem daran zu glauben. Über die Art des Auswegs und über seinen Ort gibt es zwei Hauptmeinungen, die alle diejenigen veruneinigen, ohne sie jedoch in einen Gegensatz zueinander zu bringen, die diesem alten Glauben treu bleiben.

Oben auf der großen, im Höchstmaß ausgezogenen und an die Wand gelehnten Leiter stehend, können die Größten mit den Fingerspitzen den Rand der Decke berühren. Denselben Körpern würde dieselbe senkrecht in der Mitte des Bodens aufgestellte Leiter, da sie sie einen halben Meter gewinnen ließe, die beliebige Erforschung des sagenhaften Bereichs gestatten, der unzugänglich genannt wird und es demnach eigentlich gar nicht ist. Denn ein solches Zurückgreifen auf die Leiter ist denkbar.

Es bedürfte nur etwa zwanzig entschlossener Freiwilliger, die ihre Kräfte vereinen müssten, um die Leiter im Gleichgewicht zu halten, notfalls mittels anderer Leitern, die als Streben dienen würden.

Ein Augenblick der Brüderlichkeit. Aber diese ist ihnen außerhalb der Gewaltsamkeitsausbrüche ebenso fremd wie den Schmetterlingen. Und zwar nicht so sehr mangels Mut oder Einsicht, als wegen des Ideals, dem jeder zum Opfer gefallen ist.

Voilà, das war’s über jenes unantastbare Oben, wo sich in den Augen der Mythosverehrer ein Ausweg zu Erde und Himmel verbirgt.“

Aus: S. Beckett, Der Verwaiser/Le dépeupleur (1972)

In

von M. Buber

„Mendel sagte nach einer Weile: »Ich verstehe jetzt etwas, was ich vorher nicht verstanden habe.«

»Und was ist das?«, fragte der Lehrer. »Es sind«, antwortete Mendel, »die Worte Bileams: Der Herr, sein Gott, ist bei ihm, Königsjubel in ihm.« »Und wie verstehst du sie?« »Gott«, sagte Mendel, »ist bei uns, wo immer wir sind und wie immer wir sind. Aber der Aufbruch seines Königtums kann nur mitten unter uns geschehen, nur in Israel, – nicht eher als bis es dieses in, diesen Ort gibt.«“

Aus: M. Buber, Zwischen Zeit und Ewigkeit, Gog und Magog (1978)

Pimlico

von G.K. Chesterton

„Die Welt ist keine Mietskaserne in einem Elendsviertel, aus der wir ausziehen möchten, weil sie so heruntergekommen ist.

Es ist hier nicht die Frage, ob die Welt zu traurig ist, um geliebt, oder zu heiter, um nicht geliebt zu werden, sondern es geht um Folgendes: Wenn man eine Sache wirklich liebt, so ist ihre heitere Seite ein Grund, sie zu lieben, und ihre traurige Seite ein Grund, sie noch mehr zu lieben.

Angenommen, wir fänden uns etwas so Trostlosem gegenüber wie dem Londoner Viertel Pimlico. Es genügt nicht, dass jemand Pimlico einfach ablehnt: In diesem Falle wird er sich beispielsweise die Kehle durchschneiden oder nach Chelsea, dem vornehmen Viertel, umziehen. Andererseits genügt es nicht, wenn jemand die Existenz von Pimlico anerkennt, denn dann wird Pimlico bleiben, was es ist, und das würde schrecklich sein. Der einzige Ausweg scheint, dass jemand Pimlico liebte: dass er es liebte mit transzendenter Bindung und ohne jeden irdischen Beweggrund. Wenn ein Mensch aufstünde, der Pimlico lieben würde, dann stiege Pimlico empor und bekäme elfenbeinerne Türme und goldene Zinnen: Pimlico würde sich schmücken, wie eine Frau es tut, wenn sie geliebt wird. Denn der Schmuck dient nicht zum Verdecken hässlicher Dinge, sondern zur Zierde von Dingen, die an sich schon wunderbar sind. Eine Mutter gibt ihrem Kinde nicht darum eine blaue Schleife, weil es ohne eine solche so hässlich aussieht. Ein Liebhaber schenkt seiner Erwählten nicht ein Halsband, um ihren Hals zu verbergen. Wenn die Menschen Pimlico liebten wie Mütter ihre Kinder liebhaben, grundlos weil es ihr Pimlico ist, dann könnte es in ein, zwei Jahren Florenz an Schönheit übertreffen. Einige Zuhörer mögen das als Übertreibung bezeichnen. Ich gebe zur Antwort, dass dies die eigentliche Geschichte der Menschheit ist.“ 

Aus: G. K. Chesterton, Das Abenteuer des Glaubens in Orthodoxy (1908)

Entscheidungen

von A. Miller

„Ein Götze sagt den Menschen genau, was sie glauben sollen. Gott stellt sie vor Entscheidungen, die sie selbst treffen müssen.

Der Unterschied ist alles andere als unwichtig. Vor dem Götzen bleiben Menschen abhängige Kinder. Gott belastet sie damit, an den Entscheidungen einer ewigen Schöpfung mitzuwirken, aber gleichzeitig ist das auch eine Art Freiheit.“

Aus: A. Miller, Zeitkurven (1987)

Die Spieler

von M. Buber

„Ein Chassid verklagte einst vor Rabbi Wolf einige Leute, dass sie ihre Nächte beim Kartenspiel zu Tagen machten.

‚Das ist gut’, sagte der Zaddik (Meister). ‚Wie alle Menschen, wollen auch sie Gott dienen und wissen nicht wie. Aber nun lernen sie sich wach halten und bei einem Werk ausharren. Wenn sie darin die Vollendung erlangen, brauchen sie nur noch umzukehren – und was für Gottesdiener werden sie dann geben!’“

Aus: M. Buber, Die Erzählungen der Chassidim (1949)

Credo eines modernen Katholiken

von W. Percy

In seinem Roman „Liebe in Ruinen – Die Abenteuer eines schlechten Katholiken kurz vor dem Ende der Welt“ lässt Walker Percy seinen Helden, einen neurotischen Arzt und Alkoholiker, sagen:

„Ich zum Beispiel bin römischer Katholik, obschon ein schlechter. Ich glaube an die heilige katholische apostolische und römische Kirche, an Gott, den Vater, an die Auserwähltheit der Juden, an Jesus Christus, seinen Sohn, unseren Herrn, welcher die Kirche gegründet hat auf Petrus, seinen ersten Vikar, welche dauern wird bis ans Ende der Welt. Vor ein paar Jahren allerdings habe ich aufgehört, Christus zur Kommunion zu essen, aufgehört, zur Messe zu gehen, und führe seither ein liederliches Leben. Ich glaube an Gott und den ganzen Kram, aber Frauen liebe ich am meisten, dann Musik und Wissenschaft, dann Whiskey, Gott an vierter Stelle und meinen Nächsten fast überhaupt nicht. Im Allgemeinen mache ich, was ich will.“
Aus: W. Percy, Liebe in Ruinen (1998)

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