Sehr ernst

von S. Kierkegaard

„Als Kind muss man Christ werden, das muss von der Kindheit auf empfangen werden“, das will heißen: Die Eltern wollen davon befreit sein, Christen zu werden; aber man will einen Deckmantel haben und deshalb dies: seine Kinder zu wahren Christen zu erziehen.

Es steht mit den Eltern im Verhältnis zu den Kindern ebenso wie mit den Pfarrern im Verhältnis zur Gemeinde. Die Pfarrer haben auch nicht gerade Lust, selber Christen zu werden – aber ihre Gemeinde, die soll zu wahren Christen werden. Der Witz liegt immer darin, den Ernst (selber Christ zu werden) wegzubekommen und stattdessen den tiefen Ernst (!) anzubringen, dass man andere zu Christen machen wolle.

Von Geschlecht zu Geschlecht ist die „Christenheit“ eine Gesellschaft von Nichtchristen, und die Formel, nach der das zugeht ist folgende: Der Einzelne will nicht selbst Christ sein, er übernimmt es aber, Kinder zu zeugen, die Christen werden sollen; und diese Kinder halten es wieder genauso. Gott sitzt als Narr im Himmel.

Aus: Søren Kierkegaard, Der Augenblick (1855)

Scheunengleichnis

von V. E. Frankl

Wie steht der durchschnittliche Mensch zur ‚Zeit‘? 

Er sieht nur das Stoppelfeld der Vergänglichkeit – aber er sieht nicht die vollen Scheunen der Vergangenheit. Er will, daß die Zeit stillestehe, auf daß nicht alles vergänglich sei; aber er gleicht darin einem Manne, der da wollte, daß eine Mäh- und Dreschmaschine stille steht und am Platz arbeitet und nicht im Fahren; denn während die Maschine übers Feld rollt, sieht er – mit Schaudern – immer nur das sich vergrößernde Stoppelfeld, aber nicht die gleichzeitig sich mehrende Menge des Korns im Innern der Maschine. 

So ist der Mensch geneigt, an den vergangenen Dingen nur zu sehen, daß sie nicht mehr da sind; aber er sieht nicht, in welche Speicher sie gekommen. Er sagt dann: sie sind vergangen, weil sie vergänglich sind – aber er sollte sagen, vergangen sind sie; denn ‚einmal‘ gezeitigt, sind sie ‚für immer‘ verewigt.

Aus: Victor E. Frankl, Ausgewählte Vorträge über Logotherapie (2. Auflage 1964)

Streit um das Erbe

von J.-M. Lustiger

Man findet in der patristischen Überlieferung auch Texte, die in einer so starken theologischen und geistlichen Kontinuität stehen, dass man heute nicht einmal mehr weiß, ob sie christlichen oder jüdischen Ursprungs sind.

Die traditionelle Polemik gegen die Synagoge war ein Streit um das Erbe, und nicht – wie der moderne Antisemitismus – eine Zurückweisung des Erbes.

Es ist falsch zu sagen, Israel habe den Messias nicht anerkannt, denn die Urkirche war eine jüdische Kirche.

Aus: Jean-Marie Kardinal Lustiger, Gotteswahl (1992)

Shimon Peres, gestorben am 28. September 2016

Ich bin überzeugt davon, dass es im Leben nicht entscheidend ist, was man ist, sondern was man tut.

Titel oder Ähnliches haben mich nie beeindruckt. Ich habe, glaube ich, zu einem recht frühen Zeitpunkt begriffen, dass man als öffentliche Person den Menschen zu dienen hat – und nicht zu herrschen. Ich finde, dienen ist besser als herrschen.

Mir wurde früh bewusst, dass wir nichts haben. Israel ist ein sehr armes Land. Klein, trocken, eher ein karges als ein gelobtes Land. Doch dann wurde mir klar, dass wir über einen großen Schatz verfügen – die Menschen.

Mein ganzes Leben lang habe ich versucht, anderen behilflich zu sein. Wenn ich anderen helfe, helfe ich mir selbst.

Bevor ich zu Bett gehe, notiere ich eine Liste aller Fehler, die ich im Laufe des Tages gemacht habe.

aus einem Interview der Bild-Zeitung vom 6. Juni 2013, kurz vor seinem 90. Geburtstag

Shear Yashuv Cohen, Rabbiner von Haifa, gestorben am 5. September 2016

Er war der erste Rabbiner in der Geschichte, der gebeten wurde, vor der Versammlung der Bischöfe im Vatikan zu sprechen; eingeladen von Benedikt XVI. In seiner Rede am 6. Oktober 2008 sagte Rabbiner Cohen:

„Zwischen unserem Volk und unserem Glauben und der Katholischen Kirche steht eine lange, schwierige und schmerzvolle, von Blut und Tränen getränkte Geschichte. Meine Anwesenheit, dessen bin ich mir zutiefst bewusst, ist ein Zeichen der Hoffnung, eine Botschaft der Liebe, der Koexistenz und des Friedens, für uns und die kommenden Generationen.
Ihre Einladung ist auch eine Bestätigung, dass Sie Ihrerseits jene Richtung und Lehre weiterzuführen gedenken, die uns ‚unsere älteren Brüder‘  nannte und ‚Gottes erwähltes Volk‘, mit dem Er einen ewigen Bund geschlossen hat – eine Aussage, die wir zutiefst zu schätzen wissen. Ich danke Gott, der uns diesen Tag gemeinsam erleben lässt.“

Hier geht es zum vollständigen Text der Ansprache

Peter Esterhazy, gestorben am 14. Juli 2016

„Ich lebe nicht radikal genug.

Ich lebe, als erwarte mich ewiges Dasein, und nicht völlige Vernichtung. Das heißt, ich lebe in der Knechtschaft meiner Zukunft und nicht in der unendlichen Freiheit meiner Sterblichkeit.“

http://www.deutschlandradiokultur.de/zum-tod-von-peter-esterhazy-ich-lebe-als-erwarte-mich.2165.de.html?dram:article_id=360182: Letzter Abruf: 22.07.2016

Elie Wiesel, gestorben am 2. Juli 2016

„Der nachdenkliche Christ weiß,

dass in Auschwitz nicht das jüdische Volk, sondern das Christentum gestorben ist.“

Aus: Responses to Elie Wiesel, Harry James Cargas (ed.), (1978)

Gegenwart

von C. S. Lewis

„Am besten ist es, die Menschen in der Zukunft leben zu lassen.

Da sie ihnen unbekannt ist, hängen sie unwirklichen Dingen nach, wenn sie ihren Gedanken an die Zukunft fesseln. Fast alle Laster wurzeln in der Zukunft. Die Dankbarkeit schaut in die Vergangenheit und die Liebe auf die Gegenwart; Furcht, Habsucht, Lust und Gier blicken auf die Zukunft. Unser Werk [gemeint ist das Werk des Teufels] geht darauf aus, die Menschen von der Gegenwart und von der Ewigkeit wegzulotsen, denn die Gegenwart ist der Punkt, an dem die Ewigkeit die Zeit berührt.“

Aus: C. S. Lewis, Dienstanweisungen an einen Unterteufel / The Screwtape Letters (1942)

Der feine Unterschied

von J. Pelikan

„Tradition ist der lebendige Glaube der Toten;

Traditionalismus ist der tote Glaube der Lebendigen.“

Aus: Jaroslav Pelikan, The Christian Tradition (1975)

Lob des Dilettanten

von E. Friedell

„Was den Dilettantismus anlangt, so muss man sich klarmachen, dass allen menschlichen Betätigungen nur so lange eine wirkliche Lebenskraft innewohnt, als sie von Dilettanten ausgeübt werden.

Nur der Dilettant, der mit Recht auch Liebhaber, Amateur genannt wird, hat eine wirklich menschliche Beziehung zu seinen Gegenständen, nur beim Dilettanten decken sich Mensch und Beruf, während umgekehrt allen Dingen, die berufsmäßig betrieben werden, etwas im übeln Sinne Dilettantisches anhaftet: irgendeine Einseitigkeit, Beschränktheit, Subjektivität, ein zu enger Gesichtswinkel. Der Fachmann steht immer zu sehr in seinem Berufskreise, er ist daher fast nie in der Lage, eine wirkliche Revolution hervorzurufen: er kennt die Tradition zu genau und hat daher, ob er will oder nicht, zu viel Respekt vor ihr. Auch weiß er zu viel Einzelheiten, um die Dinge noch einfach genug sehen zu können, und gerade damit fehlt ihm die erste Bedingung fruchtbaren Denkens.“

Aus: E. Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit (1927)

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