Unterricht

von H. Domin

 

Jeder der geht

belehrt uns ein wenig

über uns selber.

Kostbarster Unterricht

an den Sterbebetten.

Alle Spiegel so klar

wie ein See nach großem Regen,

ehe der dunstige Tag

die Bilder wieder verwischt.

 

Nur einmal sterben sie für uns,

nie wieder.

Was wüssten wir je

ohne sie?

Ohne die sicheren Waagen

auf die wir gelegt sind

wenn wir verlassen werden.

Diese Waagen, ohne die nichts

sein Gewicht hat.

 

Wir, deren Worte sich verfehlen,

wir vergessen es.

Und sie?

Sie können die Lehre

nicht wiederholen.

 

Dein Tod oder meiner

der nächste Unterricht:

So hell, so deutlich,

dass es gleich dunkel wird.

 

Aus: Hilde Domin (1909–2006), Nur eine Rose als Stütze (1959)

Das Flehen von Zehn

von H. Gryberg

Als sie fort waren, schlug ich das Gebetbuch auf und versuchte ein Gebet herzusagen, aber es kam nichts heraus. Zehn mussten es sein.

Die Stimme von Zehn, das Flehen von Zehn, die Eintracht von Zehn, denn es ging in der Hauptsache darum, dass die, die da beteten, sich einander erbarmten. Aber mindestens zehn müssen es sein, damit uns die Andacht der Worte vereint, das gegenseitige Verstehen, damit wir die Gemeinsamkeit unseres Schicksals fühlen, unserer Schwäche, unserer Hinfälligkeit – unserer Einsamkeit.

 

Aus: Henryk Gryberg, Kalifornisches Kaddisch (1993)

Zum 27. Januar

von H. Gryberg

Nur die Namen also waren mir geblieben. Ich trug sie in die Fragebögen ein und schrieb dazu, was ich von ihnen ungefähr wußte.

Jeschije, in der Verkleinerung Schije, von Jehoschua, das heißt Josue oder Jesus. Geburtsort und -datum unbekannt. Den grössten Teil seines Lebens verbrachte er im östlichen Masowien, auf einem Vorwerk in Nowa Wies. Er war über sechzig, als er in den Märtyrertod ging, ohne Widerstand, in der Überzeugung, gerade so erwarte es von ihm unser aller Vater. Ans unsichtbarbare Kreuz geschlagen durch unsichtbares Gas in einer mit Märtyrern überfüllten Kammer im September oder Oktober auf dem Golgotha namens Treblinka im denkwürdigen Jahr des Martyriums 1942 oder 5702/3.

Raschkje, von Raschi oder Rasche, Geburtsdatum unbekannt, aus Makowiec. Sie verbrachte die längste Zeit ihres gottesfürchtigen Lebens, das um die sechzig Jahre währte, mit Jeschije-Jesus in Nowa Wies, wenige Kilometer von Makowiec (die Entfernungen waren genauso gering wie in Galiläa und Judäa). Sie ging mit ihm durch alle Stationen des Leidensweges, den Viehwagen, die Gaskammer, sie waren unzertrennlich – im Leben, im Sterben und nach dem Tod –, und niemand nahm sie jemals vom Kreuz.

 

Aus: Henryk Gryberg, Kalifornisches Kaddisch (1993)

Unpassend

von N. G. Dávila

Die Kirche hat nicht das Christentum der Welt anzupassen, sie hat nicht einmal die Welt dem Christentum anzupassen; sie muss vielmehr in der Welt eine Gegenwelt bewahren.

 

Vom Christentum bleibt nichts übrig, wenn der Christ sich anstrengt, der Welt nicht töricht zu erscheinen.

 

Wenn sie an eine Wahrheit glaubt, hört die große Menge auf, eine große Menge zu sein.

 

Aus: Nicolás Gómez Dávila (1913–1994), Aufzeichnungen des Besiegten (1994)

Wahrnehmungsvermögen

von N. G. Dávila

Der Glaube ist nicht irrationale Zustimmung zu einer Behauptung; er ist Wahrnehmung einer besonderen Ordnung der Wirklichkeit.

 

Zwischen Skeptizismus und Glauben bestehen gewisse Übereinstimmungen: beide unterminieren die menschliche Anmaßung.

 

Eine Gesellschaft ist säkularisiert, wenn sie das Bewusstsein ihrer Abhängigkeit verloren hat.

 

Aus: Nicolás Gómez Dávila (1913–1994), Aufzeichnungen des Besiegten (1994)

Beitrag zur Statistik

von W. Szymborska

 

Auf hundert Menschen

 

zweiundfünfzig,
die alles besser wissen,

 

dem fast ganzen Rest
ist jeder Schritt vage,

 

Hilfsbereite,
wenn’s nicht zu lange dauert,
gar neunundvierzig,

 

beständig Gute,
weil sie’s nicht anders können,
vier, na sagen wir fünf,

 

die zur Bewunderung ohne Neid neigen,
achtzehn,

 

die durch die Jugend, die vergängliche,
Irregeführten
plus minus sechzig,

 

die keine Scherze dulden,
vierundvierzig,

 

die ständig in Angst leben
vor jemand oder vor etwas,
siebenundsiebzig,

 

die das Talent haben, glücklich zu sein,
kaum mehr als zwanzig, höchstens,

 

die einzeln harmlos sind
und in der Masse verwildern,
über die Hälfte, sicher,

 

Grausame,
von den Umständen dazu gezwungen,
das sollte man lieber nicht wissen,
nicht einmal annäherungsweise,

 

die nach dem Schaden klug sind,
nicht viel mehr
als die vor dem Schaden klug sind,

 

die sich vom Leben nichts als Gegenstände nehmen,
dreißig,
obwohl ich mich gerne irren würde,

 

Gebrochene, Leidgeprüfte,
ohne ein Licht im Dunkel,
dreiundachtzig,
früher oder später,

 

Gerechte
recht viel, denn fünfunddreißig,

 

sollte es die Mühe des Verstehens kosten,
drei,

 

Bemitleidenswerte
neunundneunzig,

 

Sterbliche
hundert auf hundert.
Eine Zahl, die sich vorerst nicht ändert.

 

Aus: Wisława Szymborska 1923–2012, Der Augenblick (2005)

Alle Achtung

von F. Nietzsche

Im jüdischen „Alten Testament“, dem Buche von der göttlichen Gerechtigkeit, gibt es Menschen, Dinge und Reden in einem so großen Stile, dass das griechische und indische Schrifttum ihm nichts zur Seite zu stellen hat. Man steht mit Schrecken und Ehrfurcht vor diesen ungeheuren Überbleibseln dessen, was der Mensch einmal war.

 

Alle Achtung vor dem Alten Testament! In ihm finde ich große Menschen, eine heroische Landschaft und Etwas vom Allerseltensten auf Erden, die unvergleichliche Naivität des starken Herzens; mehr noch, ich finde ein Volk.

 

Aus: Friedrich Nietzsche (1844–1900), Jenseits von Gut und Böse 3 (1886) und aus: Zur Genealogie der Moral 3 (1887)

Die Wissenschaft von Gott

von F. Rosenzweig

Kind: „Es gibt‘n aber doch“.

Was sagt die Mutter? Sie glaubt nur, was sie sehen kann.

Was sagt das Kind? Es gibt‘n aber doch. 

Was sagen wir?

Wir geben beiden recht, der Mutter wie dem Kind. Auch der Mutter?

Das Kind hat wohl recht mit seinem Glauben, aber die Mutter hat auch recht mit ihrem Unglauben. Wenn wir es nicht fertig bringen, sie Gott sehen zu machen, so dürfen wir jenes „doch“ des Kindes nicht bejahen.

Der Atheismus kann gar nicht ernst genug genommen werden. Natur- und Geistvergötterung führen nur auf Holzwege. Gott ist nichts andres, auch nicht der Sinn von etwas anderm, Gott ist Gott oder – nichts. Nur am Abgrund des Atheismus müssen wir das Fliegen lernen. Weshalb aber muss Gottes Dasein so zweifelhaft sein? Weil es Ursprung alles anderen Daseins sein muss. Wir fühlen, dass jedenfalls Gottes Dasein auf einer anderen Ebene liegen muss als unser, als der Welt Dasein.
Wir wollen nur glauben, was wir sehen können. Aber die äußeren Augen mit denen wir die Welt, das innere Auge mit dem wir die Menschen sehen, sie beide tragen nicht in die Ferne Gottes.

Mit welchem Auge mögen wir ihn sehen?

Doch mit dem äußeren, antwortet der Pantheist … 

Doch mit dem inneren, antwortet der Spiritualist ...

Nur wenn wir beide, äußeres wie inneres Auge zudrücken, –  meint der Mystiker.

Aber wen sieht der Pantheist? Immer doch nur wieder die Natur. 

Und wen sieht der Spiritualist? Immer doch nur wieder den Geist.

Und was sieht der Mystiker? Immer doch nur wieder – das Nichts.

Was bleibt also für ein Organ? Keins, wenn wir wirklich bloß aus Sinnen und Geist zusammengesetzt wären? Aber – Sinne und Geist eint die Seele. Gibt es ein Organ dieses ganzen geeinigten Menschen? Ja. Das Leben.

 

Aus: Franz Rosenzweig (1886–1929), Zweistromland, Gesammelte Schriften Bd. III (1984)

Herausforderung

von J. Sacks

Sinn erwächst nicht aus Denksystemen, sondern aus Geschichten, und die jüdische Geschichte ist die ungewöhnlichste von allen.

Sie sagt uns, dass Gott uns zu Seinen Partnern im Schöpfungswerk machen wollte, wir aber haben Ihn immer wieder enttäuscht. Doch Er gibt nie auf. Er verzeiht uns immer wieder. Für das Judentum ist das wahre religiöse Geheimnis nicht unser Glaube an Gott, sondern der Glaube Gottes an uns. Das ist keine tröstliche Fiktion, wie Atheisten und Skeptiker manchmal behaupten, sondern das genaue Gegenteil. Das Judentum ist der Appell Gottes an die menschliche Verantwortung, eine Welt zu erschaffen, die ein würdiges Zuhause für Seine Anwesenheit ist.

 

Aus: Jonathan Sacks, Vom Schicksal zum Glauben, Jüdische Allgemeine, 9. September 2018

Sternstunde

von Ch. Noll

Von Anfang an haben mich immer die Beziehungen der KIG zu Joseph Ratzinger interessiert, weil wir über die Jahre seine theologischen Bemühungen einer Aussöhnung, einer Wieder-Annäherung von Juden und Christentum verfolgt haben. Er ist, glaube ich, auf diesem Gebiet der radikalste Theologe, von dem ich überhaupt jemals gehört habe.

Er ist auch derjenige, der sich in der gesamten Papstgeschichte am weitesten vorgewagt hat bis zur Änderung des Katholischen Katechismus. Die gesamte Entwicklung seit Nostra Aetate haben wir mit großem Interesse miterlebt – z. T. aus den Quellen, teils auch persönlich in Rom in den Jahren, als wir dort lebten – und daran viel Anteil genommen. Ich gehöre zu den Leuten, die die Wahl Benedikts XVI. als große Sensation, als eine Sternstunde in einer ansonsten eher trübsinnigen Zeit empfunden haben. Ich bin nicht der einzige Jude, der das so gesehen hat. Die Wahl von Kardinal Ratzinger zum Papst wurde in Israel durchweg sehr positiv gesehen, auch vom Jüdischen Weltkongress. Man hatte das über Jahre miterlebt, wie weit seine Versuche gegangen waren, innerhalb der Kirche, auch im fundamentalen Schrifttum der Kirche, Judenhass für immer undenkbar zu machen.

 

Aus: Chaim Noll, Mein Judesein (HEUTE, 6/2008)

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