Das vermeintlich Selbstverständliche

von P. Kirchhof

Ein Fest ist vor allem Begegnung, das gemeinsame Erleben von Festmahl, Festspielen, Festbeleuchtung und Feuerwerk. In allen Kulturen sind die Feste selbstverständlicher Bestandteil menschlicher Gemeinschaft.

Wir vergewissern uns, dass unser Leben nicht nur eine Aufeinanderfolge von Schlafen und Wachen, Arbeit und Freizeit, Bewegung und Beharren ist, sondern dem Dasein des Einzelnen und der Gemeinschaft Sinn und Ziel geben soll. Der Mensch entwickelt eine hoffnungsvolle Gesamtidee für sein zukünftiges Tun und Wollen. Die ständige Vergewisserung über das vermeintlich Selbstverständliche ist unerlässlich. Aristoteles erwartet das „gute Leben“ von der Einsicht des gebildeten und kultivierten Menschen. Mit dem Gesetz ist der Mensch das edelste Wesen, ohne Gesetz das wildeste Tier. Das Anliegen ist entschieden: Der freie Mensch arbeitet um der Muße willen, führt Krieg um des Friedens willen. Moderne Verfassungen garantieren dem Menschen, sein Glück zu suchen. Dieses Recht zur Hoffnung, zur eigenverantwortlichen Definition seiner Ziele und Wege, benennt die wichtigste Aufgabe des Rechtsstaates. Die Verfassung gibt dem Menschen die Freiheit, seine individuellen Hoffnungen zu träumen, zu verfolgen und zu erreichen. Ein Staat, der dem Menschen seine Hoffnung nähme, wäre kein Staat des Rechts. Und das Recht braucht den hoffenden Menschen. Feiertage sind ein Fest der Hoffnung.

Aus: Paul Kirchhof, Recht braucht Feiertage, in: F.A.Z. Einspruch, Magazin, 10. Januar 2018

Grundsätzliches

von G. K. Chesteron

Als das Mittelalter in den letzten Zügen lag, wurde häufig so verfahren, dass man den, der andere Ansichten hatte, verbrannt hat, ohne dass damit das Geringste erreicht worden wäre.

Aber es gibt noch etwas unendlich Absurderes und Untauglicheres als den Brauch, einen anderen wegen seiner Grundsätze zu verbrennen: nämlich davon auszugehen, dass Grundsätze überhaupt keine Rolle spielen. Allgemeine Theorien werden allenthalben verächtlich gemacht; der Lehre von den Menschenrechten begegnet man mit der gleichen Geringschätzung wie der Lehre vom Sündenfall. Sogar Atheismus ist heutzutage schon zu theologisch. Selbst Revolution hat zuviel System, selbst Freiheit ist zuviel Zwang. Grundsätzliches dulden wir nicht.

Aus: Gilbert Keith Chesterton, Ketzer. Eine Verteidigung der Orthodoxie gegen ihre Verächter (1905)

Alles gleich

von J. B. Peterson

Und einer der wirklich entsetzlichen Aspekte unserer modernen Welt ist, glaube ich, dass wir die Idee der qualitativen Unterscheidung ablehnen. Wir sagen: „Wir wollen niemandes Gefühle dadurch verletzen, dass wir sagen, eine Sache sei besser als die andere.“

Aber wenn Menschen in ihrem gegenwärtigen Zustand tatsächlich unzureichend sind, was der Fall zu sein scheint – versuchen Sie mal jemanden zu finden, der es nicht ist – wenn man die Möglichkeit der qualitativen Unterscheidung ablehnt, weil man einen radikalen Egalitarismus fördern möchte, dann schafft man die Möglichkeit der Erlösung ab, weil es keine Bewegung zum Guten gibt. Und es scheint mir, dass es eine Katastrophe ist, das Gute für das Gleiche zu opfern. Denn wären wir gleich, würde das, soweit ich es sagen kann, bedeuten, dass wir alle gleich unerlöst und unglücklich wären.

Übersetzt aus einem Vortrag von Jordan B. Peterson (2017), Link zum Vortrag auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=UoQdp2prfmM&feature=youtu.be&t=2h24m01s

 

Die Ruhe des Menschentiers

von F. Werfel

Israel hat der Welt einen Gott geschenkt, ohne es selbst zu wollen. Es ist ein merkwürdiger Gott, ein Gott, der im aufreizendsten Widerspruch steht zu allen anderen Göttern vor ihm. Diese babylonischen, ägyptischen, griechischen Gottheiten gaben sich zufrieden mit den ihnen gewidmeten Opferdiensten und Mysterien, sie griffen sozusagen nicht über ihr Fach als Götter hinaus. Israels Gott hingegen greift unablässig über sein theologisches Fach hinaus.

Er stellt das Menschentier auf den Kopf. Er ist ein ewiger Forderer. Da fordert er z. B. ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!‘ ‚Warum soll ich meinen Nächsten lieben‘, fragt das Menschentier im Naturzustand, ‚ich muss mich ja vor diesem bösen Kerl verteidigen und auf meiner Hut sein?‘
In seiner evangelischen Ausweitung wird Israels Gott noch paradoxer: ‚Liebe deine Feinde!‘, befiehlt er, ‚Verzeihe denen, die dich hassen! Wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, so reiche ihm die linke dar!‘ Das Menschentier blinzelt hilflos.
Zweitausend Jahre schon seufzt der natürliche Mensch, ‚der Mensch der Völker‘, der Goi unter diesem ihm aufgezwungenen Paradox des ewig unerfüllbaren ‚Du sollst – du sollst – du sollst‘.  Er sehnt sich danach, das zu sein, was er ist, Natur, jenseits von Gut und Böse, spielend-schöpferische Kraft wie Meer und Wolken, Fluss und Gebirg. Die Wissenschaft kommt seiner dumpfen Rebellion zu Hilfe. Sie hat ihm die metaphysischen und theologischen Hemmungen aus dem Weg geräumt.
Es ist der gewaltigste Religionskrieg aller Zeiten, den die Menschheit gegen das zweitausendjährige Paradox führt, gegen den Geist, den biblischen Geist in all seinen Ausprägungen.

Aus: Franz Werfel, Zwischen oben und unten. Aus dem Nachlass hrsg. von Adolf Klarmann (1975)

Der Unruhestifter

von G. Anders

Park Schönbrunn 1950. Auf zwei Bänken mit drei katholischen Lehrern meines Alters. „Dass wir Juden ihn umgebracht hätten, sprach ich, ist reine Ausrede für euren Judenhass. Was ihr uns niemals vergessen könnt, ist umgekehrt, dass wir ihn euch gebracht haben.“ Sie blickten mich an wie einen Irren.

„Jawohl. Dass es einen jüdischen Mann namens Jesus gegeben hat, der, aller unserer menschlichen Natur zuwider, Liebe und Vergeben gelehrt hat. Den Vergeber könnt ihr uns nicht vergeben. Nicht, dass ihr durch ,uns‘ seiner beraubt worden seid, tragt ihr uns nach, sondern dass er von uns zu euch gekommen war. Hitler hat das sehr genau gewusst und auf diesen euren Hass auf Jesus spekuliert. In jedem Juden, den ihr erschlagt, schlagt ihr ihn. Nicht deshalb, weil wir nicht ‚euereins‘ sind, seid ihr uns gram. Sondern deshalb, weil ihr fürchtet, irgendwie ‚unsereins‘ geworden zu sein oder werden zu können. Euer Christlichsein oder -seinmüssen empfindet ihr nicht nur als unerträglich, sondern als unverzeihlich, als etwas, das Rache erfordert. Aus diesem Grund habt ihr seit zweitausend Jahren Millionen von uns ans Kreuz geschlagen. Und oft sogar angeblich im Namen des Gekreuzigten.“ Nach diesen meinen Worten blieben zwei von ihnen stumm, weil sie diese Wahrheit nicht wahrhaben durften, also aus zusätzlicher Feindseligkeit. Der Dritte aber war mutiger und spie mir ins Gesicht.

Aus: Günter Anders, Philosophische Stenogramme (1965)

Geschichtslosigkeit

von G. Steiner

Es heißt, die Zeit der „großen Geschichten“ sei vorüber; wir könnten solche Geschichten nichtmehr erzählen und erst recht nicht erfinden. Stellen wir zumindest die Frage: Was für eine Geschichte wäre unserer gegenwärtigen Lage gemäß?

Eine solche Geschichte würde glaube ich, die Wirklichkeit der Naturwissenschaften in sich fassen müssen. Sie wird der Herausforderung der Renaissance begegnen müssen: das bedeutet die Verschmelzung von Jüdisch-Christlichem und Griechisch-Römischem, von Athen und Jerusalem. Doch zu allererst wird eine „Geschichte für Europa“ der Shoah ins Auge sehen müssen. Sie wird die planmäßige Errichtung der Hölle auf Erden, die zu einer Zeit geschah, in der die alte Hölle in der Tiefe ihre Überzeugungskraft verloren hatte, für unser Herz und unseren Geist – und sei es auch nur zum Teil – begreifbar machen müssen. Sie könnte von einer Frau gesungen werden oder sogar von einem Kind …
Aus: George Steiner, Der Europa-Mythos, Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele (1994)

Projekt Weltverbesserung

von S. J. Lec

„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!“ Aber wie gelangen wir zu den Tätigkeitswörtern?  –   

Die Welt schreitet zum Besseren. Aber wohin schreitet das Bessere?  –  

Ein gutes Beispiel erkennt man daran, dass es nicht ansteckend ist.  –

Aus: Stanislaw Jerzy Lec, Sämtliche unfrisierte Gedanken (1982)

Ein Weckruf vor 70 Jahren

von I. F. Görres

Herausgetreten in die Trümmer einer Welt, die nicht im Wasser, sondern in Feuer und Blut und Tränen untergegangen ist, in einem Strafgericht, das jener sühnenden Flut aus der Menschheitsfrühe wohl an die Seite gestellt werden darf.

Niemals dürfen wir dem Gedanken Einlass gewähren, als sei unsere Verschonung ein Zeichen für unseren besonderen Wert. Wir wissen nur eines: Da wir übrig geblieben sind, will Gott noch etwas mit uns. Dass wir noch leben, bedeutet ‚Berufung‘.

Aus: Ida Friederike Görres, Was wir wollen, in: Kristall, Bild und Ebenbild (1947)

Zeit oder Unzeit Schlafwandler zu wecken

von A. Döblin

Zahllose Menschen leben hin im Nichtwissen, entspannt, von Tag zu Tag, wie junge Tiere. Sie leben, als gäbe es nicht Schuld und Erkenntnis. Sie schweifen durch die Existenz. Sie schlafen. Soll man sie aufwecken?

Nehmen wir an, sie ließen sich aufwecken, – wozu? Damit sie beginnen, was die andern schon treiben? Nein, nicht dazu. Aber es wäre für die Welt ein Gewinn, wenn sie erhellt, geklärt und zum Leben geführt würden, wenn sie aufgeklärt und zum Licht geführt würden. Es gab schon eine Aufklärungsperiode. Eine neue bessere muss kommen.
Aus: Alfred Döblin, Schicksalsreise, 1948, in: Autobiographische Schriften und Aufzeichnungen (1977)

Meier Meier

von G. K. Chesterton

Von allen vorstellbaren Formen der Aufgeklärtheit ist die des sogenannten „inneren Lichtes“ die schlimmste.

Von allen schrecklichen Religionen ist die schrecklichste der Kult um den „Gott im Innern“. Dass Meier den Gott in seinem eigenen Innern anbeten soll, läuft letztlich darauf hinaus, dass Meier Meier anbetet.
Aus: Gilbert Keith Chesterton, Orthodoxie (1908)

Seiten