Israel

von L. Baeck

Wenn Israel sicher unter den Völkern wird wohnen können,

dann hat sich die verheißene Zeit erfüllt,

denn dann und daran wird es sich erwiesen haben,

dass der Glaube an Gott eine lebendige Wirklichkeit geworden ist.

Aus: Leo Baeck, Das Wesen des Judentums (1921)

Zur Information

von N. Postman

Die Informationsschwemme führt auch zu einem wachsenden Gefühl von Ohnmacht. Die Nachrichtenmedien berichten uns über die Probleme im Nahen Osten, wir hören von der Zerstörung der Ozonschicht und der Vernichtung der Regenwälder. Wird nun von uns erwartet, dass wir selber etwas unternehmen?

Die meisten von uns können bei der Lösung solcher Probleme nicht aktiv werden, und so wächst bei den Menschen ein Gefühl der Passivität und Unfähigkeit, das unweigerlich in ein verstärktes Interesse an der eigenen Person mündet. Wenn man in der Welt nichts auszurichten vermag, kann man doch zumindest sich selbst verändern. Man kann abnehmen, man kann sich die Haare anders färben, man kann die Form der eigenen Nase oder die Größe der eigenen Brüste verändern. Daraus, dass man tausend Dinge kennt und weiß und nicht imstande ist, Einfluss auf sie zu nehmen, erwächst ein eigenartiger Egoismus. Schlimmer: Die meisten Menschen glauben immer noch, Information und immer mehr Information sei das, was die Menschen vor allem benötigten. Die Information bilde die Grundlage all unserer Bemühungen um die Lösung von Problemen. Aber unsere wirklich ernsten Probleme erwachsen nicht daraus, dass die Menschen über unzureichende Informationen verfügen. Wenn es zu einer Nuklearkatastrophe kommt, dann nicht wegen unzulänglicher Information. Wo Menschen verhungern, geschieht das nicht wegen unzureichender Information. Wenn Familien zerbrechen, wenn Kinder misshandelt werden, wenn zunehmende Kriminalität eine Stadt terrorisiert, wenn sich das Erziehungswesen als ohnmächtig erweist, so nicht wegen mangelnder Information, sondern weil wir kein zureichendes Bewusstsein davon entwickeln, was sinnvoll und bedeutsam ist.

Aus: Neil Postman, Wir informieren uns zu Tode (DIE ZEIT, 2.10.1992)

Kardinalfrage

von J. H. Newman

Es gibt keine Zeit, in welcher die Kirche so viele unwahre Glieder hatte, d. h. so viele Menschen, die sich als ihre Glieder erklären, wiewohl sie doch wenig oder nichts über den wirklichen Sinn dieser Gliedschaft kennen, und innerhalb ihrer Mauern bleiben, aus Gründen, die weder religiös noch richtig sind.

Um eine hierhergehörige Frage zu stellen: Was meint ihr, wie viele Verteidiger von Christi heiliger Kirche unter uns übrigbleiben, wenn es sich herausstellte, dass ihre Sache nicht die Sache der Ordnung sei, wie es heute der Fall ist, sondern die Sache der Unruhe und Störung der Ordnung, wie es war, als Christus kam und die Apostel predigten?

Aus: Kardinal John Henry Newman, Predigt in St. Mary in Oxford (31. Mai 1840)

Ostern

von R. Kunze

Die glocken läuteten,

als überschlügen sie sich vor freude

über das leere grab

 

Darüber, daß einmal

etwas so tröstliches gelang,

 

und daß das staunen währt

seit zweitausend jahren

 

Doch obwohl die glocken

so heftig gegen die mitternacht hämmerten –

nichts an finsternis sprang ab

 

Aus: Reiner Kunze, eines jeden einziges leben. gedichte (1986)

Annahme

von S. Kierkegaard

Erhält man ein Paket, so löst man die Hülle, um zum Inhalt zu gelangen. Das Christentum war eine Gabe von Gott.

Aber, anstatt die Gabe entgegenzunehmen, hat die Christenheit sich vorgenommen, diese einzuwickeln; jede Generation hat außen einen neuen Umschlag um die anderen herumgemacht – und auf diese Weise meinte man, dem Christentum näher und näher zu kommen.

Man lebt dahin, glückselig gemacht durch die Vorstellung, dass Gott den Abstand von achtzehnhundert Jahren entfernt ist und dass die Nähe Gottes eine historische Frage bleibt.

Aus: Sören Kierkegaard, Tagebuch XI 2A, Christentum und Christenheit (1854)

Von der Freiheit des Seins

von J. Ratzinger

Ein schönes Wort von Mahatma Gandhi: Im Meer leben die Fische, und sie schweigen. Die Tiere auf der Erde schreien; die Vögel aber, deren Lebensraum der Himmel ist – sie singen.

Dem Meer ist das Schweigen, der Erde das Schreien und dem Himmel das Singen zu Eigen. Der Mensch aber hat Anteil an allen dreien: Er trägt die Tiefe des Meeres, die Last der Erde und die Höhe des Himmels in sich, und deswegen gehören ihm auch alle drei Eigenschaften zu: das Schweigen, das Schreien und das Singen.
Heute – so möchte ich hinzufügen – sehen wir, wie dem transzendenzlosen Menschen nur das Geschrei übrig bleibt, weil er nur noch Erde sein will und auch den Himmel und die Tiefe des Meeres zu seiner Erde zu machen versucht. Die rechte Liturgie, die Liturgie der Gemeinschaft der Heiligen, gibt ihm seine Ganzheit zurück. Sie lehrt ihn wieder das Schweigen und das Singen, indem sie ihm die Tiefe des Meeres auftut und indem sie ihn fliegen lehrt, das Sein des Engels. Rechte Liturgie singt mit den Engeln. Sie schweigt mit der wartenden Tiefe des Alls. Und so erlöst sie die Erde.

Aus: Joseph Ratzinger, Das Welt- und Menschbild der Liturgie und sein Ausdruck in der Kirchenmusik (1985)

Manifest über die große Tat

von L. Hohl

Das menschliche Arbeiten, das weltverändernde Wirken, vollzieht sich in drei Stufen. Diese sind:

1. die große Idee

2. die Applizierung der großen Idee, ihre Auflösung in kleine Ideen

3. die Einzelausführungen.

Kurz gesagt: Die große Idee, die kleinen Ideen, die kleinen Taten. Diese drei Stufen sollen das Ganze bilden? Sie bilden das Ganze, sind alles. – Wo bleibt denn die große Tat? Folgt dann die große Tat etwa von selber? Nein. Sie ist schon geschehen.

Aus: Ludwig Hohl, Die Notizen oder Von der voreiligen Versöhnung (1981)

Das vermeintlich Selbstverständliche

von P. Kirchhof

Ein Fest ist vor allem Begegnung, das gemeinsame Erleben von Festmahl, Festspielen, Festbeleuchtung und Feuerwerk. In allen Kulturen sind die Feste selbstverständlicher Bestandteil menschlicher Gemeinschaft.

Wir vergewissern uns, dass unser Leben nicht nur eine Aufeinanderfolge von Schlafen und Wachen, Arbeit und Freizeit, Bewegung und Beharren ist, sondern dem Dasein des Einzelnen und der Gemeinschaft Sinn und Ziel geben soll. Der Mensch entwickelt eine hoffnungsvolle Gesamtidee für sein zukünftiges Tun und Wollen. Die ständige Vergewisserung über das vermeintlich Selbstverständliche ist unerlässlich. Aristoteles erwartet das „gute Leben“ von der Einsicht des gebildeten und kultivierten Menschen. Mit dem Gesetz ist der Mensch das edelste Wesen, ohne Gesetz das wildeste Tier. Das Anliegen ist entschieden: Der freie Mensch arbeitet um der Muße willen, führt Krieg um des Friedens willen. Moderne Verfassungen garantieren dem Menschen, sein Glück zu suchen. Dieses Recht zur Hoffnung, zur eigenverantwortlichen Definition seiner Ziele und Wege, benennt die wichtigste Aufgabe des Rechtsstaates. Die Verfassung gibt dem Menschen die Freiheit, seine individuellen Hoffnungen zu träumen, zu verfolgen und zu erreichen. Ein Staat, der dem Menschen seine Hoffnung nähme, wäre kein Staat des Rechts. Und das Recht braucht den hoffenden Menschen. Feiertage sind ein Fest der Hoffnung.

Aus: Paul Kirchhof, Recht braucht Feiertage, in: F.A.Z. Einspruch, Magazin, 10. Januar 2018

Grundsätzliches

von G. K. Chesteron

Als das Mittelalter in den letzten Zügen lag, wurde häufig so verfahren, dass man den, der andere Ansichten hatte, verbrannt hat, ohne dass damit das Geringste erreicht worden wäre.

Aber es gibt noch etwas unendlich Absurderes und Untauglicheres als den Brauch, einen anderen wegen seiner Grundsätze zu verbrennen: nämlich davon auszugehen, dass Grundsätze überhaupt keine Rolle spielen. Allgemeine Theorien werden allenthalben verächtlich gemacht; der Lehre von den Menschenrechten begegnet man mit der gleichen Geringschätzung wie der Lehre vom Sündenfall. Sogar Atheismus ist heutzutage schon zu theologisch. Selbst Revolution hat zuviel System, selbst Freiheit ist zuviel Zwang. Grundsätzliches dulden wir nicht.

Aus: Gilbert Keith Chesterton, Ketzer. Eine Verteidigung der Orthodoxie gegen ihre Verächter (1905)

Alles gleich

von J. B. Peterson

Und einer der wirklich entsetzlichen Aspekte unserer modernen Welt ist, glaube ich, dass wir die Idee der qualitativen Unterscheidung ablehnen. Wir sagen: „Wir wollen niemandes Gefühle dadurch verletzen, dass wir sagen, eine Sache sei besser als die andere.“

Aber wenn Menschen in ihrem gegenwärtigen Zustand tatsächlich unzureichend sind, was der Fall zu sein scheint – versuchen Sie mal jemanden zu finden, der es nicht ist – wenn man die Möglichkeit der qualitativen Unterscheidung ablehnt, weil man einen radikalen Egalitarismus fördern möchte, dann schafft man die Möglichkeit der Erlösung ab, weil es keine Bewegung zum Guten gibt. Und es scheint mir, dass es eine Katastrophe ist, das Gute für das Gleiche zu opfern. Denn wären wir gleich, würde das, soweit ich es sagen kann, bedeuten, dass wir alle gleich unerlöst und unglücklich wären.

Übersetzt aus einem Vortrag von Jordan B. Peterson (2017), Link zum Vortrag auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=UoQdp2prfmM&feature=youtu.be&t=2h24m01s

 

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