Wo steht die Kirche?

von D. Bonhoeffer

Gott ist, soweit wir ihn überhaupt denken können, an einem Ort in Christus, in der Kirche. Rationalismus und Mystik vererbten uns die Ortlosigkeit Gottes. Seine Ortlosigkeit ist Ausdruck moderner Religiosität. Die neue Situation ist einerseits gekennzeichnet durch die Ortlosigkeit unserer Kirche.

Sie will überall sein und ist darum nirgends. Sie ist nie und nirgends ganz sie selbst. Sie existiert nur in Verkleidungen. Sie wurde zur Welt, ohne dass die Welt Kirche wurde. Auf der Flucht vor sich selbst ist die Kirche heute einer tiefen Verachtung verfallen. Sekten werden ernster genommen als die Kirche, weil sie an einem bestimmten Orte stehen. Nur mit einem bestimmten Ort lässt sich eine Sache beschreiben. Wesen und Anspruch gewinnen dadurch Eindeutigkeit. Wie die Kirche, so ist ihr Gottesbegriff ohne Anspruch und Ort, überall und nirgends. Die Kirche vertrug das Gefühl der Einsamkeit an ihrem spezifischen Ort nicht mehr. Sie hat den Maßstab für den Ort verloren. Die heutige Kirche ist weithin feiernde Christenheit. Damit steht sie an der Peripherie und nicht im Zentrum des Lebens. Sie möchte aber gern im Zentrum stehen und redet darum von der Peripherie aus beurteilend und verurteilend zu zentralen Fragen des Lebens. So macht sie sich verächtlich und verhasst. Was ist der eigentliche Ort der Kirche in der Christenheit? Die ganze Alltagswirklichkeit der Welt. Die ganze Alltagswirklichkeit muss aber so gesehen werden, wie sie unter Gottes Urteil zu stehen kommt. Kirche, Gemeinde ist dort, wo das Wort Gottes über die ganze Wirklichkeit vernommen, geglaubt und wo ihm gehorcht wird. Diese Kirche ist die Mitte der Welt.

 

Aus: Dietrich Bonhoeffer, Das Wesen der Kirche (Vorlesung Sommersemester 1932)

Die gute Meinung

von F. Ebner

Was dem Menschen am meisten im Wege steht, zum Glauben und durch ihn zur Erkenntnis und zur Vergebung der Sünde zu kommen, ist die gute Meinung, die er von sich selbst hat –

tatsächlich jener „Glaube an sich selbst“ der am Ende nichts anders ist als die wahre Pervertierung des Glaubens. Wenn Rousseau meinte, der Mensch sei von Natur aus gut, so ist das einfach falsch. Die Natur ist weder gut noch böse (und sie gibt auch in keiner Weise einen Maßstab für das Gute und Böse ab, nur für das Nützliche und Schädliche, Angenehme und Unangenehme).

Aber das ist richtig: Jeder hat „von Natur aus“ eine gute Meinung von sich, von der er um keinen Preis lassen will und die auch die Ursache ist für das keinem Menschen unbekannt bleibende Gefühl, dass das Leben, das er lebe, doch nicht das rechte sei. Denn andererseits neigt jeder, eben weil er von Natur aus jene gute Meinung von sich hat, auch dazu, im Widerspruch zu jenem Gefühl sein Leben als etwas zu leben, in dem alles durchaus recht und in Ordnung sei. Und wenn es einmal nicht recht stimmt, dann kommt natürlich die Unordnung von außen.

 

Aus: Ferdinand Ebner, Das Wort und die geistigen Realitäten (1919)

Warum der Mensch bisweilen in Versuchung gerät

von F. Rosenzweig

Eine rabbinische Legende fabuliert von einem Fluss in fernem Lande, der so fromm sei, dass er am Sabbat sein Fließen einstelle.

Aber Gott tut solche Zeichen nicht. Es graut ihm offenbar vor dem unausbleiblichen Erfolg: dass dann grade die Unfreisten, die Ängstlichen und Kümmerlichen die „Frömmsten“ sein würden. Und Gott will offenbar nur die Freien zu den Seinen. Um so zwischen den Freien und den Knechtseelen zu scheiden, genügt aber kaum die Unsichtbarkeit seines Waltens; denn die Ängstlichen sind ängstlich genug, um im Zweifel sich lieber auf die Seite zu schlagen, zu der zu halten „in jedem Falle“ nicht schadet und möglichweise – mit 50 Prozent Wahrschein­lichkeit – sogar nützt. Gott muss also, um die Geister zu scheiden, nicht bloß nicht nützen, sondern geradezu schaden. Und es bleibt ihm gar nichts übrig: er muss den Menschen versuchen; er muss ihm nicht bloß sein Walten verbergen, nein er muss ihn darüber täuschen; er muss es dem Menschen schwer, ja unmöglich machen, es zu sehen, auf dass dieser Gelegenheit habe, ihm wahrhaft, also in Freiheit, zu glauben und vertrauen. Der Mensch muss also wissen, dass er bisweilen versucht wird um seiner Freiheit willen.

 

Aus: Franz Rosenzweig (1886–1929), Der Stern der Erlösung (1921)

Reform und Erneuerung

von W. Dirks

Einer der bezeichnendsten Unterschiede zwischen der echten Erneuerung und dem Reformertum. Der Reformer stellt Forderungen an andere, vor allem an Autoritäten;

man hört aus seinen eifervollen Argumentationen immer leise das Ultimatum heraus: wenn ihr die Kirche nicht endlich nach meinen Vorschlägen in Ordnung bringt, werdet ihr am Ende einmal auf mich verzichten müssen!

Auch die Mahnung dessen, der der Erneuerung dient, kann ernst und beschwörend sein, aber sie richtet sich eigentlich und hauptsächlich an ihn selbst; anderen gegenüber ist sie nicht eine Forderung, sondern ein Appell. Seine Hoffnung geht weder auf die anderen noch auf die eigene Kraft, sondern auf den Geist Gottes, der der Geist der Erneuerung ist. Von ihm erwartet er sie, nicht von den Menschen, ihren Einrichtungen und Methoden; ihm offenzustehen, sieht er als seinen eigentlichen Beitrag an. Ungeduldig harrt und betet er, denn das Himmelreich leidet Gewalt. Aber tiefer als seine Ungeduld ist seine Geduld, da er die Sache Gottes nicht an die eigene Leistung und damit an die eigene Lebensdauer geknüpft sieht.

 

Walter Dirks, Die geistige Aufgabe des deutschen Katholizismus, in: Frankfurter Hefte (Nr. 2, Mai 1946, 1. Jahrgang)

Zeitgeistig – 1930

von K. Tucholsky

Was an der Haltung beider Landeskirchen auffällt, ist ihre heraushängende Zunge. Atemlos jappend laufen sie hinter der Zeit her, auf dass ihnen niemand entwische. „Wir auch, wir auch!“, nicht mehr, wie vor Jahrhunderten: „Wir.“

Sozialismus? Wir auch. Jugendbewegung? Wir auch. Sport? Wir auch. Diese Kirchen schaffen nichts, sie wandeln das von andern Geschaffene, das bei andern Entwickelte in Elemente um, die ihnen nutzbar sein können. Die Kirche hat nachgegeben; sie hat sich nicht gewandelt, sie ist gewandelt worden.

 

Aus: Kurt Tucholsky, Braut- und Sport-Unterricht (1930)

Anfangen

von Papst Franziskus

Papst Franziskus warnte vor der Versuchung, die Kirche „aufräumen“ zu wollen. „Das würde bedeuten, die Dinge zu zähmen, die Jugendlichen zu zähmen, das Herz der Menschen zu zähmen“.

Es gehe heute nicht darum, „aufzuräumen“, sagte der Papst. „Wir sind heute dazu gerufen, das Ungleichgewicht zu ertragen. Wir können nichts Gutes, Evangeliengemäßes tun, wenn wir Angst vor dem Ungleichgewicht haben.“ Das Evangelium selbst sei „eine unausgeglichene Lehre“, so der Papst: „Nehmt nur die Seligpreisungen her, sie verdienen den Nobelpreis für Unausgeglichenheit“.

Franziskus verdeutlichte seinen Gedankengang am Beispiel eines hoch funktionell ausgestatteten Bistums, in dem geordnet in Büros viele Spezialisten an Problemen arbeiteten. Die betreffende Diözese, Franziskus nannte ihren Namen nicht, habe „mehr Angestellte als der Vatikan“, aber sie entferne sich „jeden Tag weiter von Jesus Christus, weil sie die Harmonie zum Kult erhebt, die Harmonie der funktionalistischen Weltlichkeit. Wir sind in diesen Fällen in die Diktatur des Funktionalismus gefallen“. Das Problem dabei ist aus der Sicht des Papstes, dass das Evangelium dabei „zur Weisheit, zur Lehre“ werde, aber nicht zur Verkündigung. Eine Abkehr von der Verkündigung zeige sich auch im Erfinden von „Synoden und Gegensynoden“, das seien Versuche, Dinge „aufzuräumen“. Bei wirklichen Synoden brauche es den Heiligen Geist. „Der Heilige Geist gibt dem Tisch einen Fußtritt, wirft ihn um und fängt von vorne an.“

Franziskus rief die Priester, Ordensleute und Laien auch zum Überwinden von Eigeninteressen auf. Der gute Hirte im Evangelium, der das eine verlorene Schaf sucht, habe nur ein einziges Interesse: dass keines verloren geht. „Wir sind oft besessen vom Gedanken an die wenigen Schafe, die noch im Gehege sind. Und viele geben es auf, Hirten für Schafe zu sein, und werden Friseure exquisiter Schafe.“

 

Aus den Worten von Papst Franziskus an Priester, Ordensleute und Laien des Bistums Rom, am 9. Mai 2019 in der Lateranbasilika (Vatican News)

 

 

Zur Ökologie des Menschen

von Benedikt XVI.

Die Bedeutung der Ökologie ist inzwischen unbestritten. Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten.

Ich möchte aber nachdrücklich einen Punkt noch ansprechen, der nach wie vor weitgehend ausgeklammert wird: Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muß und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.

 

Aus der Rede von Papst Benedikt XVI. am 22. September 2011 im Deutschen Bundestag in Berlin; den vollen Wortlaut der Rede finden Sie hier.

Ein Kommentar zur Lage des Christentums in Deutschland

von H. Heine

Das Christentum – und das ist sein schönstes Verdienst – hat jene brutale germanische Kampflust einigermaßen besänftigt, konnte sie jedoch nicht zerstören,

und wenn einst der zähmende Talisman, das Kreuz, zerbricht, dann rasselt wieder empor die Wildheit der alten Kämpfer, die unsinnige Berserkerwut, wovon die nordischen Dichter so viel singen und sagen. Jener Talisman ist morsch, und kommen wird der Tag, wo er kläglich zusammenbricht; die alten steinernen Götter erheben sich dann aus dem verschollenen Schutt, und reiben sich den tausendjährigen Staub aus den Augen, und Thor mit dem Riesenhammer springt endlich empor und zerschlägt die gotischen Dome. … wenn Ihr es einst krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat, so wißt, der deutsche Donner hat endlich sein Ziel erreicht. … Es wird ein Stück aufgeführt werden in Deutschland, wogegen die französische Revolution nur wie eine harmlose Idylle erscheinen möchte.

 

Aus: Heinrich Heine, Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland (1835)

Was dem Tod standhält

von J. Ratzinger

Dem Menschen ist die Welt zu klein, auch dann immer noch, wenn er zum Mond oder vielleicht eines Tages zum Mars fliegen kann.

Er sehnt sich nach dem Anderen, dem Ganz-Anderen, das er sich selbst nicht geben kann. Dahinter steht die Sehnsucht nach der Überwindung des Todes. In allen ihren Festen haben die Menschen immer nach dem Leben gesucht, das größer ist als der Tod. Die Ermächtigung zur Freude, die der Mensch im Letzten sucht, nach der er irrend von einem Ort zum anderen tastet, die ist nur wahr, wenn sie der Todesfrage standhält. Eucharistie bedeutet, dass die Auferstehung des Herrn uns diese von niemand sonst zu gebende Ermächtigung schenkt. Sie hat den Tod des Herrn gekostet, und nur darum kann sie Gabe der Auferstehung sein.

 

Aus: Joseph Ratzinger, Das Fest des Glaubens (1981)

Vom Tod ohne Übertreibung

von W. Szymborska

 

Wer behauptet, der Tod sei allmächtig,
ist lebendiger Beweis dagegen.

 

Es gibt kein solches Leben,
das nicht wenigstens für einen Augenblick
unsterblich wäre.

 

Der Tod
kommt immer um diesen einen Augenblick zu spät.

Umsonst rüttelt er am Griff
der unsichtbaren Tür.

 

Er kann, was jemand erreicht hat,
nicht rückgängig machen.

 

Aus: Wisława Szymborska 1923–2012, Vom Tod ohne Übertreibung, in: Auf Wiedersehen. Bis morgen, Gedichte (1998)

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