Von Worten und Christen

Ein Hirtenbrief mag voller Wahrheit sein, eine Predigt erträglich. Letzten Endes beeindruckt das niemanden. Und wenn die Christen selbst die Weisheit des lieben Gottes besäßen, keinen Hund könnten sie damit hinter dem Ofen hervorlocken, wenn das, was sie sagen, nicht auch zu sehen ist.

Darum ist das Schlimmste, was der Kirche widerfahren kann, nicht nur eine Irrlehre, sondern das Fehlen des evangeliumsgemäßen Lebens. Die schlimmste Ketzerei ist es zu behaupten, die Wahrheit zu kennen, aber sie dann nicht zu tun. Was soll man von einer solchen Wahrheit halten, die es nur in Büchern gibt?

 

Günther Krasnitzky (1939–1987), zitiert in: Gerhard Lohfink, Rudolf Pesch, Ludwig Weimer (Hrsg.), Die Feier des Sonntags A

Mehr als Kalorien

Seit je lösen Menschen Konflikte beim Essen. Das gemeinsame Mahl vermag, was ein Gespräch allein oft nicht erreicht: Vertrauen schaffen, Frieden stiften.

Heute ergründen Historiker und Soziologen, Kulturwissenschaftler und Psychologen die Kraft des gemeinsamen Essens. Sie werten Menüfolgen aus und erforschen den Einfluss auf die Diplomatie, unterziehen Esser psychologischen Tests und belauschen Familien am Abendbrottisch. Die Ergebnisse der Forscher zeigen, wie wichtig diese uralte Kulturtechnik ist – und wie bewahrenswert. „Wenn wir nicht zusammen essen, geht uns Sicherheit verloren und Geborgenheit“, sagt der Psychologe Marshall Duke. „Gemeinsames Essen ist das Rückgrat des menschlichen Miteinanders.“

 

Aus: DIE ZEIT, Nr. 32 vom 1. August 2019

Was an der Welt nicht in Ordnung ist

von F. Ebner

Selbsterkenntnis ist Erkenntnis der Diskrepanz von Idee und Wirklichkeit in sich selbst, aber noch lange nicht Erkenntnis der Sünde. Denn in dieser handelt es sich nicht um diese Diskrepanz.

In der Selbsterkenntnis misst sich der Mensch nach einem menschlichen Maßstab, denn die Idee ist etwas Menschliches. In der Erkenntnis der Sünde sieht er seine Daseins- und Lebenswirklichkeit der Jesu gegenübergestellt und also an einem göttlichen Maßstab gemessen.

Je mehr sich die Erkenntnis, von der Oberfläche des Mathematischen hinweg vertieft, desto mehr wird sie zum Wissen darum, dass keineswegs alles in dieser Welt und diesem Leben in Ordnung ist, zum Wissen, ums verlorene Paradies; aber wahrlich nur zum Wissen des draußen vor den verschlossenen Toren Stehenden – Erkennende sind immer outsider des Lebens. Und gerade in dieser Vertiefung fordert sie ihre letzte Wendung: vom Objektiven, das auch im Wissen ums verlorene Paradies noch ist, zum Subjektiven, worin erkannt wird, warum das Paradies verlorenging. Der Erkennende steht wie Moses auf dem Berge und sieht das Land der Verheißung vor sich – aber der Eintritt ist ihm verwehrt. Erlösen aus seiner Icheinsamkeit kann den Menschen nur die Liebe und das Wort.

 

Aus: Ferdinand Ebner, Das Wort und die geistigen Realitäten (1919)

Jahrmarkt der Wunder

von W. Szymborska

 

Ein Alltagswunder:

dass es so viele Alltagswunder gibt.

 

Ein gewöhnliches Wunder:

das Bellen unsichtbarer Hunde in einer stillen Nacht.

 

Ein Wunder von vielen:

eine kleine und flüchtige Wolke,

aber sie kann den großen und harten Mond verschwinden lassen.

 

Mehrere Wunder in einem:

eine Erle, die sich im Wasser spiegelt,

und dass sie von links nach rechts gewendet ist

und dass sie mit der Krone nach unten wächst

und überhaupt nicht bis auf den Grund reicht,

obwohl das Wasser seicht ist.

 

Ein Wunder an der Tagesordnung:

recht schwache und milde Winde, doch in der Sturmzeit böig.

 

Ein erstbestes Wunder:

Kühe sind Kühe.

 

Ein zweites, nicht geringeres:

dieser und kein anderer Garten

in diesem und keinem anderen Obstkern.

 

Ein Wunder ohne schwarzen Frack und Zylinder:

ausschwärmende weiße Tauben.

 

Ein Wunder, denn was sonst:

die Sonne ging heute um drei Uhr vierzehn auf

und sie wird untergehen null Uhr eins. .

 

Ein Wunder, das nicht so verwundert, wie es sollte:

die Hand hat zwar weniger Finger als sechs,

dafür mehr als vier.

 

Ein Wunder, so weit man schauen kann:

die allgegenwärtige Welt.

 

Ein beiläufiges Wunder, beiläufig wie alles:

was undenkbar ist – ist denkbar.

 

Aus: Wisława Szymborska (1923–2012), Hundert Freuden (1996)

An das pilgernde Volk Gottes in Deutschland

von Papst Franziskus

„Ohne neues Leben und echten, vom Evangelium inspirierten Geist, ohne Treue der Kirche gegenüber ihrer eigenen Berufung wird jegliche neue Struktur in kurzer Zeit verderben“ (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 26).

Deshalb kann der bevorstehende Wandlungsprozess nicht ausschließlich reagierend auf äußere Fakten und Notwendigkeiten antworten, wie es zum Beispiel der starke Rückgang der Geburtenzahl und die Überalterung der Gemeinden sind, die nicht erlauben, einen normalen Generationenwechsel ins Auge zu fassen. Objektive und gültige Ursachen würden jedoch, werden sie isoliert vom Geheimnis der Kirche betrachtet, eine lediglich reaktive Haltung – sowohl positiv wie negativ – begünstigen und anregen. Ein wahrer Wandlungs­prozess beantwortet, stellt aber zugleich auch Anforderungen, die unserem Christ-Sein und der ureigenen Dynamik der Evangelisie­rung der Kirche entspringen; ein solcher Prozess verlangt eine pastorale Bekehrung. Wir werden aufgefordert, eine Haltung einzunehmen, die darauf abzielt, das Evangelium zu leben und transparent zu machen, indem sie mit „dem grauen Prag­matismus des täglichen Lebens der Kirche bricht, in dem anscheinend alles normal abläuft, aber in Wirklichkeit der Glaube nachlässt und ins Schäbige absinkt“ (Evangelii gaudium, 83). Pastorale Bekehrung ruft uns in Erinnerung, dass die Evangelisierung unser Leit­kriterium schlechthin sein muss. Die so gelebte Evangelisierung ist keine Taktik kirchlicher Neupositionierung in der Welt heute, oder kein Akt der Eroberung, der Dominanz oder territorialen Erweiterung; sie ist keine „Retusche“, die die Kirche an den Zeitgeist anpasst, sie aber ihre Origina­lität und ihre prophetische Sendung verlieren lässt. Auch bedeutet Evangelisierung nicht den Versuch, Gewohnheiten und Praktiken zurück­zugewinnen, die in anderen kulturellen Zusammenhängen einen Sinn ergaben. Nein, die Evangeli­sierung ist ein Weg der Jüngerschaft in Antwort auf die Liebe zu Dem, der uns zuerst geliebt hat (vgl. 1 Joh 4,19).

Ich möchte euch zur Seite stehen und euch begleiten in der Gewissheit, dass, wenn der Herr uns für würdig hält, diese Stunde zu leben, Er das nicht getan hat, um uns angesichts der Herausforderungen zu beschämen oder zu lähmen. Vielmehr will er, dass Sein Wort einmal mehr unser Herz herausfordert und entzündet, wie Er es bei euren Vätern getan hat, damit eure Söhne und Töchter Visionen und eure Alten wieder prophetische Träume empfangen (vgl. Joel 3,1).

 

Aus dem Schreiben von Papst Franziskus an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland, 29. Juni 2019

Hier finden Sie das vollständige Dokument.

Wo steht die Kirche?

von D. Bonhoeffer

Gott ist, soweit wir ihn überhaupt denken können, an einem Ort in Christus, in der Kirche. Rationalismus und Mystik vererbten uns die Ortlosigkeit Gottes. Seine Ortlosigkeit ist Ausdruck moderner Religiosität. Die neue Situation ist einerseits gekennzeichnet durch die Ortlosigkeit unserer Kirche.

Sie will überall sein und ist darum nirgends. Sie ist nie und nirgends ganz sie selbst. Sie existiert nur in Verkleidungen. Sie wurde zur Welt, ohne dass die Welt Kirche wurde. Auf der Flucht vor sich selbst ist die Kirche heute einer tiefen Verachtung verfallen. Sekten werden ernster genommen als die Kirche, weil sie an einem bestimmten Orte stehen. Nur mit einem bestimmten Ort lässt sich eine Sache beschreiben. Wesen und Anspruch gewinnen dadurch Eindeutigkeit. Wie die Kirche, so ist ihr Gottesbegriff ohne Anspruch und Ort, überall und nirgends. Die Kirche vertrug das Gefühl der Einsamkeit an ihrem spezifischen Ort nicht mehr. Sie hat den Maßstab für den Ort verloren. Die heutige Kirche ist weithin feiernde Christenheit. Damit steht sie an der Peripherie und nicht im Zentrum des Lebens. Sie möchte aber gern im Zentrum stehen und redet darum von der Peripherie aus beurteilend und verurteilend zu zentralen Fragen des Lebens. So macht sie sich verächtlich und verhasst. Was ist der eigentliche Ort der Kirche in der Christenheit? Die ganze Alltagswirklichkeit der Welt. Die ganze Alltagswirklichkeit muss aber so gesehen werden, wie sie unter Gottes Urteil zu stehen kommt. Kirche, Gemeinde ist dort, wo das Wort Gottes über die ganze Wirklichkeit vernommen, geglaubt und wo ihm gehorcht wird. Diese Kirche ist die Mitte der Welt.

 

Aus: Dietrich Bonhoeffer, Das Wesen der Kirche (Vorlesung Sommersemester 1932)

Die gute Meinung

von F. Ebner

Was dem Menschen am meisten im Wege steht, zum Glauben und durch ihn zur Erkenntnis und zur Vergebung der Sünde zu kommen, ist die gute Meinung, die er von sich selbst hat –

tatsächlich jener „Glaube an sich selbst“ der am Ende nichts anders ist als die wahre Pervertierung des Glaubens. Wenn Rousseau meinte, der Mensch sei von Natur aus gut, so ist das einfach falsch. Die Natur ist weder gut noch böse (und sie gibt auch in keiner Weise einen Maßstab für das Gute und Böse ab, nur für das Nützliche und Schädliche, Angenehme und Unangenehme).

Aber das ist richtig: Jeder hat „von Natur aus“ eine gute Meinung von sich, von der er um keinen Preis lassen will und die auch die Ursache ist für das keinem Menschen unbekannt bleibende Gefühl, dass das Leben, das er lebe, doch nicht das rechte sei. Denn andererseits neigt jeder, eben weil er von Natur aus jene gute Meinung von sich hat, auch dazu, im Widerspruch zu jenem Gefühl sein Leben als etwas zu leben, in dem alles durchaus recht und in Ordnung sei. Und wenn es einmal nicht recht stimmt, dann kommt natürlich die Unordnung von außen.

 

Aus: Ferdinand Ebner, Das Wort und die geistigen Realitäten (1919)

Warum der Mensch bisweilen in Versuchung gerät

von F. Rosenzweig

Eine rabbinische Legende fabuliert von einem Fluss in fernem Lande, der so fromm sei, dass er am Sabbat sein Fließen einstelle.

Aber Gott tut solche Zeichen nicht. Es graut ihm offenbar vor dem unausbleiblichen Erfolg: dass dann grade die Unfreisten, die Ängstlichen und Kümmerlichen die „Frömmsten“ sein würden. Und Gott will offenbar nur die Freien zu den Seinen. Um so zwischen den Freien und den Knechtseelen zu scheiden, genügt aber kaum die Unsichtbarkeit seines Waltens; denn die Ängstlichen sind ängstlich genug, um im Zweifel sich lieber auf die Seite zu schlagen, zu der zu halten „in jedem Falle“ nicht schadet und möglichweise – mit 50 Prozent Wahrschein­lichkeit – sogar nützt. Gott muss also, um die Geister zu scheiden, nicht bloß nicht nützen, sondern geradezu schaden. Und es bleibt ihm gar nichts übrig: er muss den Menschen versuchen; er muss ihm nicht bloß sein Walten verbergen, nein er muss ihn darüber täuschen; er muss es dem Menschen schwer, ja unmöglich machen, es zu sehen, auf dass dieser Gelegenheit habe, ihm wahrhaft, also in Freiheit, zu glauben und vertrauen. Der Mensch muss also wissen, dass er bisweilen versucht wird um seiner Freiheit willen.

 

Aus: Franz Rosenzweig (1886–1929), Der Stern der Erlösung (1921)

Reform und Erneuerung

von W. Dirks

Einer der bezeichnendsten Unterschiede zwischen der echten Erneuerung und dem Reformertum. Der Reformer stellt Forderungen an andere, vor allem an Autoritäten;

man hört aus seinen eifervollen Argumentationen immer leise das Ultimatum heraus: wenn ihr die Kirche nicht endlich nach meinen Vorschlägen in Ordnung bringt, werdet ihr am Ende einmal auf mich verzichten müssen!

Auch die Mahnung dessen, der der Erneuerung dient, kann ernst und beschwörend sein, aber sie richtet sich eigentlich und hauptsächlich an ihn selbst; anderen gegenüber ist sie nicht eine Forderung, sondern ein Appell. Seine Hoffnung geht weder auf die anderen noch auf die eigene Kraft, sondern auf den Geist Gottes, der der Geist der Erneuerung ist. Von ihm erwartet er sie, nicht von den Menschen, ihren Einrichtungen und Methoden; ihm offenzustehen, sieht er als seinen eigentlichen Beitrag an. Ungeduldig harrt und betet er, denn das Himmelreich leidet Gewalt. Aber tiefer als seine Ungeduld ist seine Geduld, da er die Sache Gottes nicht an die eigene Leistung und damit an die eigene Lebensdauer geknüpft sieht.

 

Walter Dirks, Die geistige Aufgabe des deutschen Katholizismus, in: Frankfurter Hefte (Nr. 2, Mai 1946, 1. Jahrgang)

Zeitgeistig – 1930

von K. Tucholsky

Was an der Haltung beider Landeskirchen auffällt, ist ihre heraushängende Zunge. Atemlos jappend laufen sie hinter der Zeit her, auf dass ihnen niemand entwische. „Wir auch, wir auch!“, nicht mehr, wie vor Jahrhunderten: „Wir.“

Sozialismus? Wir auch. Jugendbewegung? Wir auch. Sport? Wir auch. Diese Kirchen schaffen nichts, sie wandeln das von andern Geschaffene, das bei andern Entwickelte in Elemente um, die ihnen nutzbar sein können. Die Kirche hat nachgegeben; sie hat sich nicht gewandelt, sie ist gewandelt worden.

 

Aus: Kurt Tucholsky, Braut- und Sport-Unterricht (1930)

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