Zum 27. Januar

von H. Gryberg

Nur die Namen also waren mir geblieben. Ich trug sie in die Fragebögen ein und schrieb dazu, was ich von ihnen ungefähr wußte.

Jeschije, in der Verkleinerung Schije, von Jehoschua, das heißt Josue oder Jesus. Geburtsort und -datum unbekannt. Den grössten Teil seines Lebens verbrachte er im östlichen Masowien, auf einem Vorwerk in Nowa Wies. Er war über sechzig, als er in den Märtyrertod ging, ohne Widerstand, in der Überzeugung, gerade so erwarte es von ihm unser aller Vater. Ans unsichtbarbare Kreuz geschlagen durch unsichtbares Gas in einer mit Märtyrern überfüllten Kammer im September oder Oktober auf dem Golgotha namens Treblinka im denkwürdigen Jahr des Martyriums 1942 oder 5702/3.

Raschkje, von Raschi oder Rasche, Geburtsdatum unbekannt, aus Makowiec. Sie verbrachte die längste Zeit ihres gottesfürchtigen Lebens, das um die sechzig Jahre währte, mit Jeschije-Jesus in Nowa Wies, wenige Kilometer von Makowiec (die Entfernungen waren genauso gering wie in Galiläa und Judäa). Sie ging mit ihm durch alle Stationen des Leidensweges, den Viehwagen, die Gaskammer, sie waren unzertrennlich – im Leben, im Sterben und nach dem Tod –, und niemand nahm sie jemals vom Kreuz.

 

Aus: Henryk Gryberg, Kalifornisches Kaddisch (1993)

Wahrnehmungsvermögen

von N. G. Dávila

Der Glaube ist nicht irrationale Zustimmung zu einer Behauptung; er ist Wahrnehmung einer besonderen Ordnung der Wirklichkeit.

 

Zwischen Skeptizismus und Glauben bestehen gewisse Übereinstimmungen: beide unterminieren die menschliche Anmaßung.

 

Eine Gesellschaft ist säkularisiert, wenn sie das Bewusstsein ihrer Abhängigkeit verloren hat.

 

Aus: Nicolás Gómez Dávila (1913–1994), Aufzeichnungen des Besiegten (1994)

Beitrag zur Statistik

von Wisława Szymborska

 

Auf hundert Menschen

 

zweiundfünfzig,
die alles besser wissen,

 

dem fast ganzen Rest
ist jeder Schritt vage,

 

Hilfsbereite,
wenn’s nicht zu lange dauert,
gar neunundvierzig,

 

beständig Gute,
weil sie’s nicht anders können,
vier, na sagen wir fünf,

 

die zur Bewunderung ohne Neid neigen,
achtzehn,

 

die durch die Jugend, die vergängliche,
Irregeführten
plus minus sechzig,

 

die keine Scherze dulden,
vierundvierzig,

 

die ständig in Angst leben
vor jemand oder vor etwas,
siebenundsiebzig,

 

die das Talent haben, glücklich zu sein,
kaum mehr als zwanzig, höchstens,

 

die einzeln harmlos sind
und in der Masse verwildern,
über die Hälfte, sicher,

 

Grausame,
von den Umständen dazu gezwungen,
das sollte man lieber nicht wissen,
nicht einmal annäherungsweise,

 

die nach dem Schaden klug sind,
nicht viel mehr
als die vor dem Schaden klug sind,

 

die sich vom Leben nichts als Gegenstände nehmen,
dreißig,
obwohl ich mich gerne irren würde,

 

Gebrochene, Leidgeprüfte,
ohne ein Licht im Dunkel,
dreiundachtzig,
früher oder später,

 

Gerechte
recht viel, denn fünfunddreißig,

 

sollte es die Mühe des Verstehens kosten,
drei,

 

Bemitleidenswerte
neunundneunzig,

 

Sterbliche
hundert auf hundert.
Eine Zahl, die sich vorerst nicht ändert.

 

Aus: Wisława Szymborska 1923–2012, Der Augenblick (2005)

Alle Achtung

von F. Nietzsche

Im jüdischen „Alten Testament“, dem Buche von der göttlichen Gerechtigkeit, gibt es Menschen, Dinge und Reden in einem so großen Stile, dass das griechische und indische Schrifttum ihm nichts zur Seite zu stellen hat. Man steht mit Schrecken und Ehrfurcht vor diesen ungeheuren Überbleibseln dessen, was der Mensch einmal war.

 

Alle Achtung vor dem Alten Testament! In ihm finde ich große Menschen, eine heroische Landschaft und Etwas vom Allerseltensten auf Erden, die unvergleichliche Naivität des starken Herzens; mehr noch, ich finde ein Volk.

 

Aus: Friedrich Nietzsche (1844–1900), Jenseits von Gut und Böse 3 (1886) und aus: Zur Genealogie der Moral 3 (1887)

Die Wissenschaft von Gott

von F. Rosenzweig

Kind: „Es gibt‘n aber doch“.

Was sagt die Mutter? Sie glaubt nur, was sie sehen kann.

Was sagt das Kind? Es gibt‘n aber doch. 

Was sagen wir?

Wir geben beiden recht, der Mutter wie dem Kind. Auch der Mutter?

Das Kind hat wohl recht mit seinem Glauben, aber die Mutter hat auch recht mit ihrem Unglauben. Wenn wir es nicht fertig bringen, sie Gott sehen zu machen, so dürfen wir jenes „doch“ des Kindes nicht bejahen.

Der Atheismus kann gar nicht ernst genug genommen werden. Natur- und Geistvergötterung führen nur auf Holzwege. Gott ist nichts andres, auch nicht der Sinn von etwas anderm, Gott ist Gott oder – nichts. Nur am Abgrund des Atheismus müssen wir das Fliegen lernen. Weshalb aber muss Gottes Dasein so zweifelhaft sein? Weil es Ursprung alles anderen Daseins sein muss. Wir fühlen, dass jedenfalls Gottes Dasein auf einer anderen Ebene liegen muss als unser, als der Welt Dasein.
Wir wollen nur glauben, was wir sehen können. Aber die äußeren Augen mit denen wir die Welt, das innere Auge mit dem wir die Menschen sehen, sie beide tragen nicht in die Ferne Gottes.

Mit welchem Auge mögen wir ihn sehen?

Doch mit dem äußeren, antwortet der Pantheist … 

Doch mit dem inneren, antwortet der Spiritualist ...

Nur wenn wir beide, äußeres wie inneres Auge zudrücken, –  meint der Mystiker.

Aber wen sieht der Pantheist? Immer doch nur wieder die Natur. 

Und wen sieht der Spiritualist? Immer doch nur wieder den Geist.

Und was sieht der Mystiker? Immer doch nur wieder – das Nichts.

Was bleibt also für ein Organ? Keins, wenn wir wirklich bloß aus Sinnen und Geist zusammengesetzt wären? Aber – Sinne und Geist eint die Seele. Gibt es ein Organ dieses ganzen geeinigten Menschen? Ja. Das Leben.

 

Aus: Franz Rosenzweig (1886–1929), Zweistromland, Gesammelte Schriften Bd. III (1984)

Herausforderung

von J. Sacks

Sinn erwächst nicht aus Denksystemen, sondern aus Geschichten, und die jüdische Geschichte ist die ungewöhnlichste von allen.

Sie sagt uns, dass Gott uns zu Seinen Partnern im Schöpfungswerk machen wollte, wir aber haben Ihn immer wieder enttäuscht. Doch Er gibt nie auf. Er verzeiht uns immer wieder. Für das Judentum ist das wahre religiöse Geheimnis nicht unser Glaube an Gott, sondern der Glaube Gottes an uns. Das ist keine tröstliche Fiktion, wie Atheisten und Skeptiker manchmal behaupten, sondern das genaue Gegenteil. Das Judentum ist der Appell Gottes an die menschliche Verantwortung, eine Welt zu erschaffen, die ein würdiges Zuhause für Seine Anwesenheit ist.

 

Aus: Jonathan Sacks, Vom Schicksal zum Glauben, Jüdische Allgemeine, 9. September 2018

Sternstunde

von Ch. Noll

Von Anfang an haben mich immer die Beziehungen der KIG zu Joseph Ratzinger interessiert, weil wir über die Jahre seine theologischen Bemühungen einer Aussöhnung, einer Wieder-Annäherung von Juden und Christentum verfolgt haben. Er ist, glaube ich, auf diesem Gebiet der radikalste Theologe, von dem ich überhaupt jemals gehört habe.

Er ist auch derjenige, der sich in der gesamten Papstgeschichte am weitesten vorgewagt hat bis zur Änderung des Katholischen Katechismus. Die gesamte Entwicklung seit Nostra Aetate haben wir mit großem Interesse miterlebt – z. T. aus den Quellen, teils auch persönlich in Rom in den Jahren, als wir dort lebten – und daran viel Anteil genommen. Ich gehöre zu den Leuten, die die Wahl Benedikts XVI. als große Sensation, als eine Sternstunde in einer ansonsten eher trübsinnigen Zeit empfunden haben. Ich bin nicht der einzige Jude, der das so gesehen hat. Die Wahl von Kardinal Ratzinger zum Papst wurde in Israel durchweg sehr positiv gesehen, auch vom Jüdischen Weltkongress. Man hatte das über Jahre miterlebt, wie weit seine Versuche gegangen waren, innerhalb der Kirche, auch im fundamentalen Schrifttum der Kirche, Judenhass für immer undenkbar zu machen.

 

Aus: Chaim Noll, Mein Judesein (HEUTE, 6/2008)

Eine Hilfe, die man nicht übersehen sollte.

Anmerkungen zur Diskussion um den Beitrag Joseph Ratzingers/Papst Benedikt XVI. „Gnade und Berufung ohne Reue“.

Nach der Welle reflexartiger Kritik, die über Joseph Ratzingers „Anmerkungen zu einem Traktat De Iudaeis“ hereingebrochen ist, fragt man sich, warum Kardinal Koch den emeritierten Papst Benedikt XVI. bewogen hat, diese Skizze zu publizieren. Der Kardinal hat – zurecht – den provokativen Zündstoff erkannt, der in diesem Beitrag liegt. ...

 

Lesen Sie hier die den vollständigen Text der Stellungnahme des Lehrstuhls für die Theologie des Volkes Gottes.

Homo sum

von F. Hölderlin

Die Besten unter den Deutschen meinen meist noch immer, wenn nur erst die Welt hübsch symmetrisch wäre, so wäre alles geschehen.

 

Ich glaube nämlich, dass sich die gewöhnlichsten Tugenden und Mängel der Deutschen auf eine ziemlich bornierte Häuslichkeit reduzieren.

 

Der Horizont der Menschen erweitert sich, und mit dem täglichen Blick in die Welt entsteht und wächst auch das Interesse für die Welt. So wächst überhaupt die Kraft und Regsamkeit der Menschen in eben dem Grade, in welchem sich der Kreis des Lebens erweitert, worin sie mitwirkend und mitleidend sich fühlen.

 

Vor allen Dingen wollen wir das große Wort, das homo sum, nihil humani a me alienum puto [„Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches, denk ich, ist mir fremd“, ein geflügeltes Wort bei Terenz, Cicero, Seneca, Augustinus] mit aller Liebe und allem Ernste aufnehmen; es soll uns nicht leichtsinnig, es soll uns nur wahr gegen uns selbst, und hellsehend und duldsam gegen die Welt machen.

 

Aus: Friedrich Hölderlin (1770–1843), Sämtliche Werke und Briefe (1921)

Religionslos-weltlich

von D. Bonhoeffer

Die zu beantwortenden Fragen wären doch: was bedeutete eine Kirche, eine Gemeinde, eine Predigt, eine Liturgie, ein christliches Leben in einer religionslosen Welt?

Wie sprechen wir von Gott – ohne Religion, das heißt eben ohne die zeitbedingten Voraussetzungen der Metaphysik, der Innerlichkeit etc. etc.? Wie sprechen – oder vielleicht kann man eben nicht einmal mehr davon ‚sprechen‘ wie bisher – wir ‚weltlich‘ von ‚Gott‘, wie sind wir ‚religionslos-weltlich‘ Christen, wie sind wir Herausgerufene, ohne uns religiös als Bevorzugte zu verstehen, sondern vielmehr als ganz zur Welt Gehörige? Christus ist dann nicht mehr Gegenstand der Religion, sondern etwas ganz anderes, wirklich Herr der Welt.

 

Aus: Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung. Briefe aus der Haft (1944)

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