Prosaisches Priestertum

von L. Baeck

Gedankenlosigkeit ist die eigentliche Gottlosigkeit, die Heimatlosigkeit der Seele. Vor ihr, vor dieser Geheimnislosigkeit und Gebotlosigkeit, will das Gesetz bewahren; es will aller Oberfläche immer wieder ihr Symbolisches, aller Prosa ihr Gleichnis geben. Jeder Mensch soll zum Priester seines Lebens gemacht werden.

Daher die Fülle dieser Bräuche, dieser Einrichtungen und Ordnungen, von denen alles umgezogen wird, „wenn du in deinem Hause sitzest und wenn du auf deinem Wege gehest, wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst“, bis hin zu der weiten Prosa des Essens und Trinkens. Im Judentum ist der Versuch gemacht worden, dem Leben seinen Stil dadurch zu schaffen, dass die Religion in jeden Alltag und in den ganzen Alltag hineingestellt wird. Alles erhält sein Gottesdienstliches.

 

Aus: Leo Baeck, Geheimnis und Gebot, in: Der Leuchter – Weltanschauung und Lebensgestaltung (1921/1922)

Fragment zur Heiligen Schrift

von P. Handke

Seiner Form, seinem Rhythmus, seinem Tonfall nach: ein Buch aus der Nacht der Zeiten. Das trifft zu, und zugleich kann der Leser unserer Tage, der von heute, in der Bibel, Buch für Buch, seine eigene Geschichte lesen, wie in keinem anderen Buch:

er kann sie da entdecken, dann sie verstehen, dann sich ihr stellen. Der Leser ist der tragikomische Held aller der biblischen Geschichten; nicht bloß der Geschichten, sondern auch der Liebesgedichte, wie im Hohenlied, und der Hilferufe, wie immer wieder in den Psalmen. Du, Leser, hast den ersten Farbenaugenblick gelebt in Eden, und du wirst jene schwarzen und schwärzeren letzten Momente erleben, dein Mund voll Essig (und Ärgerem), wo du aufschreien wirst mit der Frage, warum dein sozusagen allmächtiger Vater dich verlassen hat. Deswegen ist die Bibel für den Leser ein entsetzliches, gefährliches Buch: er ist gezwungen, zu sehen, wie es, in der Tiefe, mit ihm steht, dem Sterblichen. Verlorener Sohn, der sich in Sicherheit fühlt, weil ihm der Vater für einmal verziehen hat – ihm sogar ein Fest bereitet hat. Aber danach, auf dem Kreuz, wo ist er, mein Vater und sein versprochenes Fest? Die Bibel kann in ihrem Leser das äußerste Grauen erwecken: ah, dieser Verrückte, der sich für Gott hält, unsterblich; dieser Wehleidige, welcher in den Bedrängnissen sich vor seinen Widersachern brüstet mit der Allmacht seines Vaters, und dass der ihm gleich zu Hilfe kommen wird; dieser sogenannte Gottessohn, der krepiert unter Geheul wie ein herrenloser Hund – das alles, das bin ich selber, ich, der das liest. Du, der heutigen Tages die Bibel liest: Achtung, Todesgefahr! Oder Lebensgefahr? Beseelende Gefahr? Begeisternde Gefahr, seit jener Nacht der Zeiten? Heilsame Gefahr? Heilsgefahr?

 

Aus: Peter Handke, Langsam im Schatten (1992)

Laien

von J. H. Newman

Ich wünsche mir Laien,

nicht arrogant, nicht vorlaut, nicht streitsüchtig, sondern Menschen, die ihre Religion kennen, die sich auf sie einlassen, die ihren eigenen Standpunkt kennen, die wissen, woran sie festhalten und was sie unterlassen, die ihr Glaubensbekenntnis so gut kennen, daß sie darüber Rechenschaft ablegen können, die über so viel geschichtliches Wissen verfügen, daß sie ihre Religion zu verteidigen wissen.

 

Aus: John Henry Newman, Reden über die Position von Katholiken in England, 1872

Kardinalfrage

von J. H. Newman

Es gibt keine Zeit, in welcher die Kirche so viele unwahre Glieder hatte, d. h. so viele Menschen, die sich als ihre Glieder erklären, wiewohl sie doch wenig oder nichts über den wirklichen Sinn dieser Gliedschaft kennen, und innerhalb ihrer Mauern bleiben, aus Gründen, die weder religiös noch richtig sind.

Um eine hierhergehörige Frage zu stellen: Was meint ihr, wie viele Verteidiger von Christi heiliger Kirche unter uns übrigbleiben, wenn es sich herausstellte, dass ihre Sache nicht die Sache der Ordnung sei, wie es heute der Fall ist, sondern die Sache der Unruhe und Störung der Ordnung, wie es war, als Christus kam und die Apostel predigten?

 

Aus: Kardinal John Henry Newman, Predigt in St. Mary in Oxford (31. Mai 1840)

Wenn der Mensch über seinen Tag hinausblickt ...

von L. Baeck

In zwiefacher seelischer Erfahrung wird dem Menschen der Sinn seines Lebens lebendig, in der Erfahrung vom Geheimnis und in der vom Gebot. Man kann sie auch nennen das Wissen um das, was wirklich ist, und um das, was verwirklicht werden soll.

Wenn der Mensch zu seinem Leben hingelangen will, wenn er nach der Bedeutung seines und alles Lebens hinhorcht, wenn unter der Oberfläche das Wirkliche ihm nahetritt, so erlebt er immer das Geheimnis; er erfährt, dass er geworden ist, er erfährt, um das Verborgene und das Bergende seines Daseins, um das, was ihn und alles umfasst und umfängt, er erfährt, mit dem alten Gleichnis im „Segen des Moses“ zu sprechen, um „die Arme der Ewigkeit“. Und wenn der Mensch über den Tag hinausblickt, wenn er seinem Leben eine Richtung geben, es zu einem Ziele hinführen will, wenn er so das bestimmende, das Deutliche seine Lebens erfasst, so wird es immer zum Gebote, zur Aufgabe, zu dem, was er verwirklichen soll. Der Grund des Lebens ist das Lebensgeheimnis, der Weg des Lebens ist das Lebensoffenbare.

 

Aus: Leo Baeck, Geheimnis und Gebot, in: Der Leuchter – Weltanschauung und Lebensgestaltung (1921/1922)

Von Worten und Christen

von G. Krasnitzky

Ein Hirtenbrief mag voller Wahrheit sein, eine Predigt erträglich. Letzten Endes beeindruckt das niemanden. Und wenn die Christen selbst die Weisheit des lieben Gottes besäßen, keinen Hund könnten sie damit hinter dem Ofen hervorlocken, wenn das, was sie sagen, nicht auch zu sehen ist.

Darum ist das Schlimmste, was der Kirche widerfahren kann, nicht nur eine Irrlehre, sondern das Fehlen des evangeliumsgemäßen Lebens. Die schlimmste Ketzerei ist es zu behaupten, die Wahrheit zu kennen, aber sie dann nicht zu tun. Was soll man von einer solchen Wahrheit halten, die es nur in Büchern gibt?

 

Günther Krasnitzky (1939–1987), zitiert in: Gerhard Lohfink, Rudolf Pesch, Ludwig Weimer (Hrsg.), Die Feier des Sonntags A

Mehr als Kalorien

Seit je lösen Menschen Konflikte beim Essen. Das gemeinsame Mahl vermag, was ein Gespräch allein oft nicht erreicht: Vertrauen schaffen, Frieden stiften.

Heute ergründen Historiker und Soziologen, Kulturwissenschaftler und Psychologen die Kraft des gemeinsamen Essens. Sie werten Menüfolgen aus und erforschen den Einfluss auf die Diplomatie, unterziehen Esser psychologischen Tests und belauschen Familien am Abendbrottisch. Die Ergebnisse der Forscher zeigen, wie wichtig diese uralte Kulturtechnik ist – und wie bewahrenswert. „Wenn wir nicht zusammen essen, geht uns Sicherheit verloren und Geborgenheit“, sagt der Psychologe Marshall Duke. „Gemeinsames Essen ist das Rückgrat des menschlichen Miteinanders.“

 

Aus: DIE ZEIT, Nr. 32 vom 1. August 2019

Was an der Welt nicht in Ordnung ist

von F. Ebner

Selbsterkenntnis ist Erkenntnis der Diskrepanz von Idee und Wirklichkeit in sich selbst, aber noch lange nicht Erkenntnis der Sünde. Denn in dieser handelt es sich nicht um diese Diskrepanz.

In der Selbsterkenntnis misst sich der Mensch nach einem menschlichen Maßstab, denn die Idee ist etwas Menschliches. In der Erkenntnis der Sünde sieht er seine Daseins- und Lebenswirklichkeit der Jesu gegenübergestellt und also an einem göttlichen Maßstab gemessen.

Je mehr sich die Erkenntnis, von der Oberfläche des Mathematischen hinweg vertieft, desto mehr wird sie zum Wissen darum, dass keineswegs alles in dieser Welt und diesem Leben in Ordnung ist, zum Wissen, ums verlorene Paradies; aber wahrlich nur zum Wissen des draußen vor den verschlossenen Toren Stehenden – Erkennende sind immer outsider des Lebens. Und gerade in dieser Vertiefung fordert sie ihre letzte Wendung: vom Objektiven, das auch im Wissen ums verlorene Paradies noch ist, zum Subjektiven, worin erkannt wird, warum das Paradies verlorenging. Der Erkennende steht wie Moses auf dem Berge und sieht das Land der Verheißung vor sich – aber der Eintritt ist ihm verwehrt. Erlösen aus seiner Icheinsamkeit kann den Menschen nur die Liebe und das Wort.

 

Aus: Ferdinand Ebner, Das Wort und die geistigen Realitäten (1919)

Jahrmarkt der Wunder

von W. Szymborska

 

Ein Alltagswunder:

dass es so viele Alltagswunder gibt.

 

Ein gewöhnliches Wunder:

das Bellen unsichtbarer Hunde in einer stillen Nacht.

 

Ein Wunder von vielen:

eine kleine und flüchtige Wolke,

aber sie kann den großen und harten Mond verschwinden lassen.

 

Mehrere Wunder in einem:

eine Erle, die sich im Wasser spiegelt,

und dass sie von links nach rechts gewendet ist

und dass sie mit der Krone nach unten wächst

und überhaupt nicht bis auf den Grund reicht,

obwohl das Wasser seicht ist.

 

Ein Wunder an der Tagesordnung:

recht schwache und milde Winde, doch in der Sturmzeit böig.

 

Ein erstbestes Wunder:

Kühe sind Kühe.

 

Ein zweites, nicht geringeres:

dieser und kein anderer Garten

in diesem und keinem anderen Obstkern.

 

Ein Wunder ohne schwarzen Frack und Zylinder:

ausschwärmende weiße Tauben.

 

Ein Wunder, denn was sonst:

die Sonne ging heute um drei Uhr vierzehn auf

und sie wird untergehen null Uhr eins. .

 

Ein Wunder, das nicht so verwundert, wie es sollte:

die Hand hat zwar weniger Finger als sechs,

dafür mehr als vier.

 

Ein Wunder, so weit man schauen kann:

die allgegenwärtige Welt.

 

Ein beiläufiges Wunder, beiläufig wie alles:

was undenkbar ist – ist denkbar.

 

Aus: Wisława Szymborska (1923–2012), Hundert Freuden (1996)

An das pilgernde Volk Gottes in Deutschland

von Papst Franziskus

„Ohne neues Leben und echten, vom Evangelium inspirierten Geist, ohne Treue der Kirche gegenüber ihrer eigenen Berufung wird jegliche neue Struktur in kurzer Zeit verderben“ (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 26).

Deshalb kann der bevorstehende Wandlungsprozess nicht ausschließlich reagierend auf äußere Fakten und Notwendigkeiten antworten, wie es zum Beispiel der starke Rückgang der Geburtenzahl und die Überalterung der Gemeinden sind, die nicht erlauben, einen normalen Generationenwechsel ins Auge zu fassen. Objektive und gültige Ursachen würden jedoch, werden sie isoliert vom Geheimnis der Kirche betrachtet, eine lediglich reaktive Haltung – sowohl positiv wie negativ – begünstigen und anregen. Ein wahrer Wandlungs­prozess beantwortet, stellt aber zugleich auch Anforderungen, die unserem Christ-Sein und der ureigenen Dynamik der Evangelisie­rung der Kirche entspringen; ein solcher Prozess verlangt eine pastorale Bekehrung. Wir werden aufgefordert, eine Haltung einzunehmen, die darauf abzielt, das Evangelium zu leben und transparent zu machen, indem sie mit „dem grauen Prag­matismus des täglichen Lebens der Kirche bricht, in dem anscheinend alles normal abläuft, aber in Wirklichkeit der Glaube nachlässt und ins Schäbige absinkt“ (Evangelii gaudium, 83). Pastorale Bekehrung ruft uns in Erinnerung, dass die Evangelisierung unser Leit­kriterium schlechthin sein muss. Die so gelebte Evangelisierung ist keine Taktik kirchlicher Neupositionierung in der Welt heute, oder kein Akt der Eroberung, der Dominanz oder territorialen Erweiterung; sie ist keine „Retusche“, die die Kirche an den Zeitgeist anpasst, sie aber ihre Origina­lität und ihre prophetische Sendung verlieren lässt. Auch bedeutet Evangelisierung nicht den Versuch, Gewohnheiten und Praktiken zurück­zugewinnen, die in anderen kulturellen Zusammenhängen einen Sinn ergaben. Nein, die Evangeli­sierung ist ein Weg der Jüngerschaft in Antwort auf die Liebe zu Dem, der uns zuerst geliebt hat (vgl. 1 Joh 4,19).

Ich möchte euch zur Seite stehen und euch begleiten in der Gewissheit, dass, wenn der Herr uns für würdig hält, diese Stunde zu leben, Er das nicht getan hat, um uns angesichts der Herausforderungen zu beschämen oder zu lähmen. Vielmehr will er, dass Sein Wort einmal mehr unser Herz herausfordert und entzündet, wie Er es bei euren Vätern getan hat, damit eure Söhne und Töchter Visionen und eure Alten wieder prophetische Träume empfangen (vgl. Joel 3,1).

 

Aus dem Schreiben von Papst Franziskus an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland, 29. Juni 2019

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