Der Sabbat als feierliches Zusammenleben

von V. Flusser

Der Sinn des Lebens wird im feierlichen Zusammenleben ersichtlich, aber dieses feierliche Zusammenleben selbst ist von Regeln geordnet, die an sich vollkommen sinnlos erscheinen.

Das ist das Wesen der jüdischen Riten. Wo nämlich eine Gesellschaft nicht von scheinbar sinnlosen Regeln geordnet ist, wo diese Regeln vernünftig, effizient oder zweckhaft sind, dort ist die Gesellschaft nicht feierlich, und das Leben in ihr ist sinnlos. Riten müssen an sich sinnlos sein, um zu einer Feierlichkeit zu führen, in der sich der Sinn des Lebens ereignet. So sind die jüdischen Regeln das direkte Gegenteil der heidnischen: da sie sinnlos sind, sind sie antimagisch. Und jeder Versuch, diese Riten erklären zu wollen (sie etwa ethisch machen zu wollen), ist heidnisch. Samstags nicht Auto zu fahren, ist sinnlos, und zu sagen, dass es gut für die Verdauung ist, ist heidnisch. Aber weil es sinnlos ist, heiligt es den Sabbat. Zweifellos, nicht Auto zu fahren ist ein Opfer. Aber nicht ein düsteres, heidnisches Opfer, bei dem etwas aufgegeben wird, um etwas anderes zu erlangen, sondern es ist ein heiteres Opfer zum Ruhm des ganz Anderen.

 

Aus: Vilém Flusser, Jude sein (1995)

Die Suche im Chaos

von V. Flusser

Identität und Differenz können nicht getrennt in Frage gestellt werden. Es gibt ursprüngliche, chaotische Situationen, in denen alle Unterschiede verschwinden.

In solchen Situationen sucht man das Fremde, das Unheimliche, den Sündenbock, um einen Unterschied setzen zu können. Diese Suche macht jede Anomalie dienstbar: hinken, Haarfarbe, fremde Sprache. Haben wir einmal den Unterschied gesetzt, so können wir uns identifizieren.
Das Christentum weist die dialogische Funktion der Identifikation auf: Wir identifizieren uns immer als die Fremden des Fremden. Das Fremde ist nicht ein „Es“, ein Objekt, das sich von uns unterscheidet und darum erlaubt, dass wir uns identifizieren. Sondern das Fremde ist ein „Du“, das uns mit „du“ anspricht und dadurch erlaubt, dass wir uns selbst „ich“ nennen können. Das Christentum ersetzt die Verfolgung durch den Dialog, den Hass durch Liebe.

 

Aus: Vilém Flusser, Jude sein (1995)

Selbst-Wende

von Benedikt XVI.

Umkehren ist nicht ein Bemühen um Selbstverwirklichung, denn der Mensch ist nicht der »Architekt« seines eigenen ewigen Schicksals. 

Wir haben uns nicht selbst gemacht. Deshalb ist die Selbstverwirklichung ein Widerspruch und für uns auch zu wenig. Wir haben eine höhere Bestimmung. Wir könnten sagen, daß die Umkehr gerade darin besteht, sich nicht als »Schöpfer« seiner selbst zu betrachten und so die Wahrheit zu entdecken, denn wir sind nicht die Urheber von uns selbst.

 

Benedikt XVI., Generalaudienz vom 21. Februar 21, 2007; den vollen Text der Ansprache finden Sie hier.

Der erste Adressat

von L. Baeck

Wenn die Propheten in ihrem Worte vor allem und oft ausschließlich von Israel sprachen, so war es jedenfalls weise Beschränkung.

Sie wussten und fühlten es, dass die Religion erst hier begründet werden müsste, ehe sie der Welt verkündet und gebracht werden könnte. Es zeugt von der Kraft der Rede Jesu, nicht aber von einer Enge des Gesichtskreises, wenn er sein Wort nur an Israel ergehen lassen will und seinen Jüngern diesen Weg nur weist. Auch die Propheten sprechen von der Welt und ihrem Heile, aber sie sprechen zu Israel; nur die farblosen Epigonen fordern immer die ganze Menschheit zum Hören und Bewundern auf.

 

Aus: Leo Baeck (1873–1956), Das Wesen des Judentums (1905)

Verzweifeln verboten

von E. Fackenheim

Es ist uns geboten, erstens als Juden zu überleben, sonst geht das jüdische Volk unter.

Uns ist zweitens geboten, in unseren eigenen Eingeweiden und Knochen der Märtyrer des Holocaust zu gedenken, sonst geht ihr Gedenken unter.

Uns ist drittens verboten, Gott zu verleugnen oder an ihm zu verzweifeln, so viel wir auch mit ihm oder mit dem Glauben an ihn zu kämpfen haben, sonst geht das Judentum unter.

Schließlich ist uns verboten, an der Welt als dem Ort, der das Reich Gottes werden soll, zu verzweifeln, sonst helfen wir mit, sie zu einem bedeutungslosen Ort zu machen, wo Gott tot oder irrelevant ist und alles erlaubt ist.

 

Emil Fackenheim (1916–2003, jüdischer Religionsphilosoph und Reform-Rabbiner), übersetzt aus: To Mend the World. Foundation of Future Jewish Thought (1994)

atrophia – Auszehrung

von O. Marquard

Denn die Menschen: das sind ihre Geschichten. Geschichten aber muss man erzählen. Das tun die Geisteswissenschaften:

sie kompensieren Modernisierungsschäden, indem sie erzählen; und je mehr versachlicht wird, desto mehr – kompensatorisch – muss erzählt werden: sonst sterben die Menschen an narrativer Atrophie. Je moderner die moderne Welt wird, desto unvermeidlicher werden die Geisteswissenschaften, nämlich als erzählende Wissenschaften.

 

Aus: Odo Marquard, Über die Unvermeidlichkeit der Geisteswissenschaften. Vortrag vor der Westdeutschen Rektorenkonferenz; in: Apologie des Zufälligen (1986)

Schöner scheinen

von J. Ratzinger

Es liegt im Wesen des Mediums, dass es das Aufregende und das Spannende bevorzugt und dass damit die alltäglichen Dinge, die die Welt zusammenhalten, kaum in Erscheinung treten können. Damit werden die Gewichte zwischen dem Wesentlichen und Unwesentlichen verschoben.

Die Menschen sind ja selbst beim Ereignis nicht dabei, aber sie sehen den Bericht über das Ereignis, der notwendigerweise schon eine Interpretation und Auswahl des Ereignisses ist. Am Schluss wird der Bericht wichtiger als das Faktum selbst, das heißt wir fangen an, immer mehr vom Schein zu leben und von der Erscheinung, und damit auch für die Erscheinung zu produzieren. Auch Politiker und Kirchenleute sind in Gefahr, dass sie sich nicht mehr fragen, was ist das eigentlich Richtige, sondern: Was wird ankommen? Wie wird es berichtet werden? Wie wird es angenommen werden? Das heißt, man handelt gar nicht mehr für die Wirklichkeit und nach den Maßstäben, die einem dafür das Gewissen vorgäbe, sondern für die Erscheinung die man machen will. Diese Knechtschaft, in die Menschen des öffentlichen Lebens, Politiker wie Kirchenmänner sehr leicht geraten können, wäre verhängnisvoll: Wenn man nicht mehr nach dem handelt, was eigentlich als gut erkennbar ist, sondern nach der Frage, was erscheint gut, wie erscheine ich, und somit zum Knecht seiner eigenen Erscheinung wird.

 

Joseph Ratzinger im Gespräch mit August Everding (1998), transkribiert aus: https://www.youtube.com/watch?v=G7RH0ZyqCZQ

Anmerkungen zum Verständnis der Gegenwart

von G. Steiner

Kunst, intellektuelles Streben, die Entwicklung der Naturwissenschaften und viele andere Zweige der Gelehrsamkeit – sie gediehen, sowohl im örtlichen als auch im zeitlichen Sinn, auf engstem Raum mit dem Massaker und den Todeslagern. Struktur und Bedeutung solcher Nachbarschaft sind es, denen wir unser Augenmerk zuwenden müssen. Hitlers höhnische Bemerkung „das Gewissen ist eine jüdische Erfindung“ gibt uns einen Schlüssel an die Hand.

Am tiefsten hassen wir jene, die uns ein Ziel vor Augen halten, ein Ideal, eine visionäre Verheißung, also etwas, das wir niemals erreichen können, ob wir auch unsre Muskeln bis zum Zerreißen angespannt haben. Schon zum Greifen nah, entschlüpft solches Ziel wieder und wieder den gekrümmten Fingern, doch es bleibt – und das ist das Entscheidende – weiterhin zutiefst begehrenswert für uns, und wir können es niemals verwerfen, weil wir seinen überragenden Wert im vollen Ausmaß erkannt haben.

In der Metaphorik der Theologie – und weshalb sollte man sich für deren Gebrauch innerhalb eines kulturkritischen Essays zu entschuldigen haben – lässt sich sagen, dass der Massenmord einem zweiten Sündenfall gleichkommt. Wir können ihn interpretieren als ein freiwilliges Verlassen des Gartens Eden und als einen programmatischen Versuch, diesen Garten hinter uns zu verbrennen: auf dass die Erinnerung nicht weiterhin fortfahre, alle barbarische Gesundheit mit entkräftenden Träumen oder gar Reuegedanken zu verseuchen.

 

Aus: George Steiner (1929–2020) In Blaubarts Burg. Anmerkungen zur Neubestimmung der Kultur (1971)

Kirchlicher Fortschritt – aus den „Hymnen an die Kirche“

von G. v. le Fort

Sie tönen aus der Ferne wie Posaunen, aber wenn sie nahe kommen, tragen sie nur Schellen.

Sie drängen sich hervor mit Fahnen und Wimpeln, aber wenn der Wind aufsteht, zerflattert ihr Gepränge.

Höret, ihr Lauten und Vermessnen, ihr Wetterflücht‘gen des Geistes und ihr Kinder eurer Willkür:

Wir sind verdurstet bei euren Quellen, wir sind verhungert bei eurer Speise,

wir sind blind geworden bei euren Lampen!

Ihr seid wie eine Strasse, die nie ankommt, ihr seid wie lauter kleine Schritte um euch selber!

Ihr seid wie ein treibendes Gewässer, immer ist in eurem Munde euer eignes Rauschen!

Ihr seid heute eurer Wahrheit Wiege, und morgen seid ihr auch ihr Grab!

 

Aus: Gertrud von le Fort, Hymnen an die Kirche, 1924

Einheit von Jenseits und Diesseits

von L. Baeck

Das Judentum hat seine Freiheit von dem Zwiespalt, den die verschiedenen Begriffe von Gott bringen. Dem Widerstreit zwischen Transzendenz und Immanenz fehlt hier der Boden. Die Frömmigkeit lebt hier in der Paradoxie, in der Polarität, mit all ihrer Spannung und Geschlossenheit.  

Für sie gibt es kein Diesseits ohne das Jenseits und kein Jenseits, das nicht sein Diesseits hätte, keine kommende Welt ohne diese Welt und keine Menschenwelt ohne das, was über sie hinausreicht. Alles Diesseits ist im Jenseits verwurzelt, und alles Jenseits verlangt im Menschen sein Diesseits. Das Unendliche tritt im Endlichen hervor, und alles Endliche soll sein Unendliches erweisen. Des Menschen Leben führt von Gott zum Menschen und vom Menschen zu Gott.

 

Aus: Leo Baeck, Geheimnis und Gebot, in: Der Leuchter – Weltanschauung und Lebensgestaltung (1921/1922)

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