Fragment zur Heiligen Schrift

von P. Handke

Seiner Form, seinem Rhythmus, seinem Tonfall nach: ein Buch aus der Nacht der Zeiten. Das trifft zu, und zugleich kann der Leser unserer Tage, der von heute, in der Bibel, Buch für Buch, seine eigene Geschichte lesen, wie in keinem anderen Buch:

er kann sie da entdecken, dann sie verstehen, dann sich ihr stellen. Der Leser ist der tragikomische Held aller der biblischen Geschichten; nicht bloß der Geschichten, sondern auch der Liebesgedichte, wie im Hohenlied, und der Hilferufe, wie immer wieder in den Psalmen. Du, Leser, hast den ersten Farbenaugenblick gelebt in Eden, und du wirst jene schwarzen und schwärzeren letzten Momente erleben, dein Mund voll Essig (und Ärgerem), wo du aufschreien wirst mit der Frage, warum dein sozusagen allmächtiger Vater dich verlassen hat. Deswegen ist die Bibel für den Leser ein entsetzliches, gefährliches Buch: er ist gezwungen, zu sehen, wie es, in der Tiefe, mit ihm steht, dem Sterblichen. Verlorener Sohn, der sich in Sicherheit fühlt, weil ihm der Vater für einmal verziehen hat – ihm sogar ein Fest bereitet hat. Aber danach, auf dem Kreuz, wo ist er, mein Vater und sein versprochenes Fest? Die Bibel kann in ihrem Leser das äußerste Grauen erwecken: ah, dieser Verrückte, der sich für Gott hält, unsterblich; dieser Wehleidige, welcher in den Bedrängnissen sich vor seinen Widersachern brüstet mit der Allmacht seines Vaters, und dass der ihm gleich zu Hilfe kommen wird; dieser sogenannte Gottessohn, der krepiert unter Geheul wie ein herrenloser Hund – das alles, das bin ich selber, ich, der das liest. Du, der heutigen Tages die Bibel liest: Achtung, Todesgefahr! Oder Lebensgefahr? Beseelende Gefahr? Begeisternde Gefahr, seit jener Nacht der Zeiten? Heilsame Gefahr? Heilsgefahr?

 

Aus: Peter Handke, Langsam im Schatten (1992)

Vom Tod ohne Übertreibung

von W. Szymborska

 

Wer behauptet, der Tod sei allmächtig,
ist lebendiger Beweis dagegen.

 

Es gibt kein solches Leben,
das nicht wenigstens für einen Augenblick
unsterblich wäre.

 

Der Tod
kommt immer um diesen einen Augenblick zu spät.

Umsonst rüttelt er am Griff
der unsichtbaren Tür.

 

Er kann, was jemand erreicht hat,
nicht rückgängig machen.

 

Aus: Wisława Szymborska 1923–2012, Vom Tod ohne Übertreibung, in: Auf Wiedersehen. Bis morgen, Gedichte (1998)

Unterricht

von H. Domin

 

Jeder der geht

belehrt uns ein wenig

über uns selber.

Kostbarster Unterricht

an den Sterbebetten.

Alle Spiegel so klar

wie ein See nach großem Regen,

ehe der dunstige Tag

die Bilder wieder verwischt.

 

Nur einmal sterben sie für uns,

nie wieder.

Was wüssten wir je

ohne sie?

Ohne die sicheren Waagen

auf die wir gelegt sind

wenn wir verlassen werden.

Diese Waagen, ohne die nichts

sein Gewicht hat.

 

Wir, deren Worte sich verfehlen,

wir vergessen es.

Und sie?

Sie können die Lehre

nicht wiederholen.

 

Dein Tod oder meiner

der nächste Unterricht:

So hell, so deutlich,

dass es gleich dunkel wird.

 

Aus: Hilde Domin (1909–2006), Nur eine Rose als Stütze (1959)

Das Flehen von Zehn

von H. Gryberg

Als sie fort waren, schlug ich das Gebetbuch auf und versuchte ein Gebet herzusagen, aber es kam nichts heraus. Zehn mussten es sein.

Die Stimme von Zehn, das Flehen von Zehn, die Eintracht von Zehn, denn es ging in der Hauptsache darum, dass die, die da beteten, sich einander erbarmten. Aber mindestens zehn müssen es sein, damit uns die Andacht der Worte vereint, das gegenseitige Verstehen, damit wir die Gemeinsamkeit unseres Schicksals fühlen, unserer Schwäche, unserer Hinfälligkeit – unserer Einsamkeit.

 

Aus: Henryk Gryberg, Kalifornisches Kaddisch (1993)

Zum 27. Januar

von H. Gryberg

Nur die Namen also waren mir geblieben. Ich trug sie in die Fragebögen ein und schrieb dazu, was ich von ihnen ungefähr wußte.

Jeschije, in der Verkleinerung Schije, von Jehoschua, das heißt Josue oder Jesus. Geburtsort und -datum unbekannt. Den grössten Teil seines Lebens verbrachte er im östlichen Masowien, auf einem Vorwerk in Nowa Wies. Er war über sechzig, als er in den Märtyrertod ging, ohne Widerstand, in der Überzeugung, gerade so erwarte es von ihm unser aller Vater. Ans unsichtbarbare Kreuz geschlagen durch unsichtbares Gas in einer mit Märtyrern überfüllten Kammer im September oder Oktober auf dem Golgotha namens Treblinka im denkwürdigen Jahr des Martyriums 1942 oder 5702/3.

Raschkje, von Raschi oder Rasche, Geburtsdatum unbekannt, aus Makowiec. Sie verbrachte die längste Zeit ihres gottesfürchtigen Lebens, das um die sechzig Jahre währte, mit Jeschije-Jesus in Nowa Wies, wenige Kilometer von Makowiec (die Entfernungen waren genauso gering wie in Galiläa und Judäa). Sie ging mit ihm durch alle Stationen des Leidensweges, den Viehwagen, die Gaskammer, sie waren unzertrennlich – im Leben, im Sterben und nach dem Tod –, und niemand nahm sie jemals vom Kreuz.

 

Aus: Henryk Gryberg, Kalifornisches Kaddisch (1993)

Unpassend

von N. G. Dávila

Die Kirche hat nicht das Christentum der Welt anzupassen, sie hat nicht einmal die Welt dem Christentum anzupassen; sie muss vielmehr in der Welt eine Gegenwelt bewahren.

 

Vom Christentum bleibt nichts übrig, wenn der Christ sich anstrengt, der Welt nicht töricht zu erscheinen.

 

Wenn sie an eine Wahrheit glaubt, hört die große Menge auf, eine große Menge zu sein.

 

Aus: Nicolás Gómez Dávila (1913–1994), Aufzeichnungen des Besiegten (1994)

Wahrnehmungsvermögen

von N. G. Dávila

Der Glaube ist nicht irrationale Zustimmung zu einer Behauptung; er ist Wahrnehmung einer besonderen Ordnung der Wirklichkeit.

 

Zwischen Skeptizismus und Glauben bestehen gewisse Übereinstimmungen: beide unterminieren die menschliche Anmaßung.

 

Eine Gesellschaft ist säkularisiert, wenn sie das Bewusstsein ihrer Abhängigkeit verloren hat.

 

Aus: Nicolás Gómez Dávila (1913–1994), Aufzeichnungen des Besiegten (1994)

Beitrag zur Statistik

von W. Szymborska

 

Auf hundert Menschen

 

zweiundfünfzig,
die alles besser wissen,

 

dem fast ganzen Rest
ist jeder Schritt vage,

 

Hilfsbereite,
wenn’s nicht zu lange dauert,
gar neunundvierzig,

 

beständig Gute,
weil sie’s nicht anders können,
vier, na sagen wir fünf,

 

die zur Bewunderung ohne Neid neigen,
achtzehn,

 

die durch die Jugend, die vergängliche,
Irregeführten
plus minus sechzig,

 

die keine Scherze dulden,
vierundvierzig,

 

die ständig in Angst leben
vor jemand oder vor etwas,
siebenundsiebzig,

 

die das Talent haben, glücklich zu sein,
kaum mehr als zwanzig, höchstens,

 

die einzeln harmlos sind
und in der Masse verwildern,
über die Hälfte, sicher,

 

Grausame,
von den Umständen dazu gezwungen,
das sollte man lieber nicht wissen,
nicht einmal annäherungsweise,

 

die nach dem Schaden klug sind,
nicht viel mehr
als die vor dem Schaden klug sind,

 

die sich vom Leben nichts als Gegenstände nehmen,
dreißig,
obwohl ich mich gerne irren würde,

 

Gebrochene, Leidgeprüfte,
ohne ein Licht im Dunkel,
dreiundachtzig,
früher oder später,

 

Gerechte
recht viel, denn fünfunddreißig,

 

sollte es die Mühe des Verstehens kosten,
drei,

 

Bemitleidenswerte
neunundneunzig,

 

Sterbliche
hundert auf hundert.
Eine Zahl, die sich vorerst nicht ändert.

 

Aus: Wisława Szymborska 1923–2012, Der Augenblick (2005)

Alle Achtung

von F. Nietzsche

Im jüdischen „Alten Testament“, dem Buche von der göttlichen Gerechtigkeit, gibt es Menschen, Dinge und Reden in einem so großen Stile, dass das griechische und indische Schrifttum ihm nichts zur Seite zu stellen hat. Man steht mit Schrecken und Ehrfurcht vor diesen ungeheuren Überbleibseln dessen, was der Mensch einmal war.

 

Alle Achtung vor dem Alten Testament! In ihm finde ich große Menschen, eine heroische Landschaft und Etwas vom Allerseltensten auf Erden, die unvergleichliche Naivität des starken Herzens; mehr noch, ich finde ein Volk.

 

Aus: Friedrich Nietzsche (1844–1900), Jenseits von Gut und Böse 3 (1886) und aus: Zur Genealogie der Moral 3 (1887)

Die Wissenschaft von Gott

von F. Rosenzweig

Kind: „Es gibt‘n aber doch“.

Was sagt die Mutter? Sie glaubt nur, was sie sehen kann.

Was sagt das Kind? Es gibt‘n aber doch. 

Was sagen wir?

Wir geben beiden recht, der Mutter wie dem Kind. Auch der Mutter?

Das Kind hat wohl recht mit seinem Glauben, aber die Mutter hat auch recht mit ihrem Unglauben. Wenn wir es nicht fertig bringen, sie Gott sehen zu machen, so dürfen wir jenes „doch“ des Kindes nicht bejahen.

Der Atheismus kann gar nicht ernst genug genommen werden. Natur- und Geistvergötterung führen nur auf Holzwege. Gott ist nichts andres, auch nicht der Sinn von etwas anderm, Gott ist Gott oder – nichts. Nur am Abgrund des Atheismus müssen wir das Fliegen lernen. Weshalb aber muss Gottes Dasein so zweifelhaft sein? Weil es Ursprung alles anderen Daseins sein muss. Wir fühlen, dass jedenfalls Gottes Dasein auf einer anderen Ebene liegen muss als unser, als der Welt Dasein.
Wir wollen nur glauben, was wir sehen können. Aber die äußeren Augen mit denen wir die Welt, das innere Auge mit dem wir die Menschen sehen, sie beide tragen nicht in die Ferne Gottes.

Mit welchem Auge mögen wir ihn sehen?

Doch mit dem äußeren, antwortet der Pantheist … 

Doch mit dem inneren, antwortet der Spiritualist ...

Nur wenn wir beide, äußeres wie inneres Auge zudrücken, –  meint der Mystiker.

Aber wen sieht der Pantheist? Immer doch nur wieder die Natur. 

Und wen sieht der Spiritualist? Immer doch nur wieder den Geist.

Und was sieht der Mystiker? Immer doch nur wieder – das Nichts.

Was bleibt also für ein Organ? Keins, wenn wir wirklich bloß aus Sinnen und Geist zusammengesetzt wären? Aber – Sinne und Geist eint die Seele. Gibt es ein Organ dieses ganzen geeinigten Menschen? Ja. Das Leben.

 

Aus: Franz Rosenzweig (1886–1929), Zweistromland, Gesammelte Schriften Bd. III (1984)

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