Annahme

von S. Kierkegaard

Erhält man ein Paket, so löst man die Hülle, um zum Inhalt zu gelangen. Das Christentum war eine Gabe von Gott.

Aber, anstatt die Gabe entgegenzunehmen, hat die Christenheit sich vorgenommen, diese einzuwickeln; jede Generation hat außen einen neuen Umschlag um die anderen herumgemacht – und auf diese Weise meinte man, dem Christentum näher und näher zu kommen.

Man lebt dahin, glückselig gemacht durch die Vorstellung, dass Gott den Abstand von achtzehnhundert Jahren entfernt ist und dass die Nähe Gottes eine historische Frage bleibt.

Aus: Sören Kierkegaard, Tagebuch XI 2A, Christentum und Christenheit (1854)

Von der Freiheit des Seins

von J. Ratzinger

Ein schönes Wort von Mahatma Gandhi: Im Meer leben die Fische, und sie schweigen. Die Tiere auf der Erde schreien; die Vögel aber, deren Lebensraum der Himmel ist – sie singen.

Dem Meer ist das Schweigen, der Erde das Schreien und dem Himmel das Singen zu Eigen. Der Mensch aber hat Anteil an allen dreien: Er trägt die Tiefe des Meeres, die Last der Erde und die Höhe des Himmels in sich, und deswegen gehören ihm auch alle drei Eigenschaften zu: das Schweigen, das Schreien und das Singen.
Heute – so möchte ich hinzufügen – sehen wir, wie dem transzendenzlosen Menschen nur das Geschrei übrig bleibt, weil er nur noch Erde sein will und auch den Himmel und die Tiefe des Meeres zu seiner Erde zu machen versucht. Die rechte Liturgie, die Liturgie der Gemeinschaft der Heiligen, gibt ihm seine Ganzheit zurück. Sie lehrt ihn wieder das Schweigen und das Singen, indem sie ihm die Tiefe des Meeres auftut und indem sie ihn fliegen lehrt, das Sein des Engels. Rechte Liturgie singt mit den Engeln. Sie schweigt mit der wartenden Tiefe des Alls. Und so erlöst sie die Erde.

Aus: Joseph Ratzinger, Das Welt- und Menschbild der Liturgie und sein Ausdruck in der Kirchenmusik (1985)

Ostern

von R. Kunze

Die glocken läuteten,

als überschlügen sie sich vor freude

über das leere grab

 

Darüber, daß einmal

etwas so tröstliches gelang,

 

und daß das staunen währt

seit zweitausend jahren

 

Doch obwohl die glocken

so heftig gegen die mitternacht hämmerten –

nichts an finsternis sprang ab

 

Aus: Reiner Kunze, eines jeden einziges leben. gedichte (1986)

Manifest über die große Tat

von L. Hohl

Das menschliche Arbeiten, das weltverändernde Wirken, vollzieht sich in drei Stufen. Diese sind:

1. die große Idee

2. die Applizierung der großen Idee, ihre Auflösung in kleine Ideen

3. die Einzelausführungen.

Kurz gesagt: Die große Idee, die kleinen Ideen, die kleinen Taten. Diese drei Stufen sollen das Ganze bilden? Sie bilden das Ganze, sind alles. – Wo bleibt denn die große Tat? Folgt dann die große Tat etwa von selber? Nein. Sie ist schon geschehen.

Aus: Ludwig Hohl, Die Notizen oder Von der voreiligen Versöhnung (1981)

Das vermeintlich Selbstverständliche

von P. Kirchhof

Ein Fest ist vor allem Begegnung, das gemeinsame Erleben von Festmahl, Festspielen, Festbeleuchtung und Feuerwerk. In allen Kulturen sind die Feste selbstverständlicher Bestandteil menschlicher Gemeinschaft.

Wir vergewissern uns, dass unser Leben nicht nur eine Aufeinanderfolge von Schlafen und Wachen, Arbeit und Freizeit, Bewegung und Beharren ist, sondern dem Dasein des Einzelnen und der Gemeinschaft Sinn und Ziel geben soll. Der Mensch entwickelt eine hoffnungsvolle Gesamtidee für sein zukünftiges Tun und Wollen. Die ständige Vergewisserung über das vermeintlich Selbstverständliche ist unerlässlich. Aristoteles erwartet das „gute Leben“ von der Einsicht des gebildeten und kultivierten Menschen. Mit dem Gesetz ist der Mensch das edelste Wesen, ohne Gesetz das wildeste Tier. Das Anliegen ist entschieden: Der freie Mensch arbeitet um der Muße willen, führt Krieg um des Friedens willen. Moderne Verfassungen garantieren dem Menschen, sein Glück zu suchen. Dieses Recht zur Hoffnung, zur eigenverantwortlichen Definition seiner Ziele und Wege, benennt die wichtigste Aufgabe des Rechtsstaates. Die Verfassung gibt dem Menschen die Freiheit, seine individuellen Hoffnungen zu träumen, zu verfolgen und zu erreichen. Ein Staat, der dem Menschen seine Hoffnung nähme, wäre kein Staat des Rechts. Und das Recht braucht den hoffenden Menschen. Feiertage sind ein Fest der Hoffnung.

Aus: Paul Kirchhof, Recht braucht Feiertage, in: F.A.Z. Einspruch, Magazin, 10. Januar 2018

Grundsätzliches

von G. K. Chesteron

Als das Mittelalter in den letzten Zügen lag, wurde häufig so verfahren, dass man den, der andere Ansichten hatte, verbrannt hat, ohne dass damit das Geringste erreicht worden wäre.

Aber es gibt noch etwas unendlich Absurderes und Untauglicheres als den Brauch, einen anderen wegen seiner Grundsätze zu verbrennen: nämlich davon auszugehen, dass Grundsätze überhaupt keine Rolle spielen. Allgemeine Theorien werden allenthalben verächtlich gemacht; der Lehre von den Menschenrechten begegnet man mit der gleichen Geringschätzung wie der Lehre vom Sündenfall. Sogar Atheismus ist heutzutage schon zu theologisch. Selbst Revolution hat zuviel System, selbst Freiheit ist zuviel Zwang. Grundsätzliches dulden wir nicht.

Aus: Gilbert Keith Chesterton, Ketzer. Eine Verteidigung der Orthodoxie gegen ihre Verächter (1905)

Alles gleich

von J. B. Peterson

Und einer der wirklich entsetzlichen Aspekte unserer modernen Welt ist, glaube ich, dass wir die Idee der qualitativen Unterscheidung ablehnen. Wir sagen: „Wir wollen niemandes Gefühle dadurch verletzen, dass wir sagen, eine Sache sei besser als die andere.“

Aber wenn Menschen in ihrem gegenwärtigen Zustand tatsächlich unzureichend sind, was der Fall zu sein scheint – versuchen Sie mal jemanden zu finden, der es nicht ist – wenn man die Möglichkeit der qualitativen Unterscheidung ablehnt, weil man einen radikalen Egalitarismus fördern möchte, dann schafft man die Möglichkeit der Erlösung ab, weil es keine Bewegung zum Guten gibt. Und es scheint mir, dass es eine Katastrophe ist, das Gute für das Gleiche zu opfern. Denn wären wir gleich, würde das, soweit ich es sagen kann, bedeuten, dass wir alle gleich unerlöst und unglücklich wären.

Übersetzt aus einem Vortrag von Jordan B. Peterson (2017), Link zum Vortrag auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=UoQdp2prfmM&feature=youtu.be&t=2h24m01s

 

Die Ruhe des Menschentiers

von F. Werfel

Israel hat der Welt einen Gott geschenkt, ohne es selbst zu wollen. Es ist ein merkwürdiger Gott, ein Gott, der im aufreizendsten Widerspruch steht zu allen anderen Göttern vor ihm. Diese babylonischen, ägyptischen, griechischen Gottheiten gaben sich zufrieden mit den ihnen gewidmeten Opferdiensten und Mysterien, sie griffen sozusagen nicht über ihr Fach als Götter hinaus. Israels Gott hingegen greift unablässig über sein theologisches Fach hinaus.

Er stellt das Menschentier auf den Kopf. Er ist ein ewiger Forderer. Da fordert er z. B. ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!‘ ‚Warum soll ich meinen Nächsten lieben‘, fragt das Menschentier im Naturzustand, ‚ich muss mich ja vor diesem bösen Kerl verteidigen und auf meiner Hut sein?‘
In seiner evangelischen Ausweitung wird Israels Gott noch paradoxer: ‚Liebe deine Feinde!‘, befiehlt er, ‚Verzeihe denen, die dich hassen! Wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, so reiche ihm die linke dar!‘ Das Menschentier blinzelt hilflos.
Zweitausend Jahre schon seufzt der natürliche Mensch, ‚der Mensch der Völker‘, der Goi unter diesem ihm aufgezwungenen Paradox des ewig unerfüllbaren ‚Du sollst – du sollst – du sollst‘.  Er sehnt sich danach, das zu sein, was er ist, Natur, jenseits von Gut und Böse, spielend-schöpferische Kraft wie Meer und Wolken, Fluss und Gebirg. Die Wissenschaft kommt seiner dumpfen Rebellion zu Hilfe. Sie hat ihm die metaphysischen und theologischen Hemmungen aus dem Weg geräumt.
Es ist der gewaltigste Religionskrieg aller Zeiten, den die Menschheit gegen das zweitausendjährige Paradox führt, gegen den Geist, den biblischen Geist in all seinen Ausprägungen.

Aus: Franz Werfel, Zwischen oben und unten. Aus dem Nachlass hrsg. von Adolf Klarmann (1975)

Der Unruhestifter

von G. Anders

Park Schönbrunn 1950. Auf zwei Bänken mit drei katholischen Lehrern meines Alters. „Dass wir Juden ihn umgebracht hätten, sprach ich, ist reine Ausrede für euren Judenhass. Was ihr uns niemals vergessen könnt, ist umgekehrt, dass wir ihn euch gebracht haben.“ Sie blickten mich an wie einen Irren.

„Jawohl. Dass es einen jüdischen Mann namens Jesus gegeben hat, der, aller unserer menschlichen Natur zuwider, Liebe und Vergeben gelehrt hat. Den Vergeber könnt ihr uns nicht vergeben. Nicht, dass ihr durch ,uns‘ seiner beraubt worden seid, tragt ihr uns nach, sondern dass er von uns zu euch gekommen war. Hitler hat das sehr genau gewusst und auf diesen euren Hass auf Jesus spekuliert. In jedem Juden, den ihr erschlagt, schlagt ihr ihn. Nicht deshalb, weil wir nicht ‚euereins‘ sind, seid ihr uns gram. Sondern deshalb, weil ihr fürchtet, irgendwie ‚unsereins‘ geworden zu sein oder werden zu können. Euer Christlichsein oder -seinmüssen empfindet ihr nicht nur als unerträglich, sondern als unverzeihlich, als etwas, das Rache erfordert. Aus diesem Grund habt ihr seit zweitausend Jahren Millionen von uns ans Kreuz geschlagen. Und oft sogar angeblich im Namen des Gekreuzigten.“ Nach diesen meinen Worten blieben zwei von ihnen stumm, weil sie diese Wahrheit nicht wahrhaben durften, also aus zusätzlicher Feindseligkeit. Der Dritte aber war mutiger und spie mir ins Gesicht.

Aus: Günter Anders, Philosophische Stenogramme (1965)

Geschichtslosigkeit

von G. Steiner

Es heißt, die Zeit der „großen Geschichten“ sei vorüber; wir könnten solche Geschichten nichtmehr erzählen und erst recht nicht erfinden. Stellen wir zumindest die Frage: Was für eine Geschichte wäre unserer gegenwärtigen Lage gemäß?

Eine solche Geschichte würde glaube ich, die Wirklichkeit der Naturwissenschaften in sich fassen müssen. Sie wird der Herausforderung der Renaissance begegnen müssen: das bedeutet die Verschmelzung von Jüdisch-Christlichem und Griechisch-Römischem, von Athen und Jerusalem. Doch zu allererst wird eine „Geschichte für Europa“ der Shoah ins Auge sehen müssen. Sie wird die planmäßige Errichtung der Hölle auf Erden, die zu einer Zeit geschah, in der die alte Hölle in der Tiefe ihre Überzeugungskraft verloren hatte, für unser Herz und unseren Geist – und sei es auch nur zum Teil – begreifbar machen müssen. Sie könnte von einer Frau gesungen werden oder sogar von einem Kind …
Aus: George Steiner, Der Europa-Mythos, Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele (1994)

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