Schöner scheinen

von J. Ratzinger

Es liegt im Wesen des Mediums, dass es das Aufregende und das Spannende bevorzugt und dass damit die alltäglichen Dinge, die die Welt zusammenhalten, kaum in Erscheinung treten können. Damit werden die Gewichte zwischen dem Wesentlichen und Unwesentlichen verschoben.

Die Menschen sind ja selbst beim Ereignis nicht dabei, aber sie sehen den Bericht über das Ereignis, der notwendigerweise schon eine Interpretation und Auswahl des Ereignisses ist. Am Schluss wird der Bericht wichtiger als das Faktum selbst, das heißt wir fangen an, immer mehr vom Schein zu leben und von der Erscheinung, und damit auch für die Erscheinung zu produzieren. Auch Politiker und Kirchenleute sind in Gefahr, dass sie sich nicht mehr fragen, was ist das eigentlich Richtige, sondern: Was wird ankommen? Wie wird es berichtet werden? Wie wird es angenommen werden? Das heißt, man handelt gar nicht mehr für die Wirklichkeit und nach den Maßstäben, die einem dafür das Gewissen vorgäbe, sondern für die Erscheinung die man machen will. Diese Knechtschaft, in die Menschen des öffentlichen Lebens, Politiker wie Kirchenmänner sehr leicht geraten können, wäre verhängnisvoll: Wenn man nicht mehr nach dem handelt, was eigentlich als gut erkennbar ist, sondern nach der Frage, was erscheint gut, wie erscheine ich, und somit zum Knecht seiner eigenen Erscheinung wird.

 

Joseph Ratzinger im Gespräch mit August Everding (1998), transkribiert aus: https://www.youtube.com/watch?v=G7RH0ZyqCZQ

Anmerkungen zum Verständnis der Gegenwart

von G. Steiner

Kunst, intellektuelles Streben, die Entwicklung der Naturwissenschaften und viele andere Zweige der Gelehrsamkeit – sie gediehen, sowohl im örtlichen als auch im zeitlichen Sinn, auf engstem Raum mit dem Massaker und den Todeslagern. Struktur und Bedeutung solcher Nachbarschaft sind es, denen wir unser Augenmerk zuwenden müssen. Hitlers höhnische Bemerkung „das Gewissen ist eine jüdische Erfindung“ gibt uns einen Schlüssel an die Hand.

Am tiefsten hassen wir jene, die uns ein Ziel vor Augen halten, ein Ideal, eine visionäre Verheißung, also etwas, das wir niemals erreichen können, ob wir auch unsre Muskeln bis zum Zerreißen angespannt haben. Schon zum Greifen nah, entschlüpft solches Ziel wieder und wieder den gekrümmten Fingern, doch es bleibt – und das ist das Entscheidende – weiterhin zutiefst begehrenswert für uns, und wir können es niemals verwerfen, weil wir seinen überragenden Wert im vollen Ausmaß erkannt haben.

In der Metaphorik der Theologie – und weshalb sollte man sich für deren Gebrauch innerhalb eines kulturkritischen Essays zu entschuldigen haben – lässt sich sagen, dass der Massenmord einem zweiten Sündenfall gleichkommt. Wir können ihn interpretieren als ein freiwilliges Verlassen des Gartens Eden und als einen programmatischen Versuch, diesen Garten hinter uns zu verbrennen: auf dass die Erinnerung nicht weiterhin fortfahre, alle barbarische Gesundheit mit entkräftenden Träumen oder gar Reuegedanken zu verseuchen.

 

Aus: George Steiner (1929–2020) In Blaubarts Burg. Anmerkungen zur Neubestimmung der Kultur (1971)

Kirchlicher Fortschritt – aus den „Hymnen an die Kirche“

von G. v. le Fort

Sie tönen aus der Ferne wie Posaunen, aber wenn sie nahe kommen, tragen sie nur Schellen.

Sie drängen sich hervor mit Fahnen und Wimpeln, aber wenn der Wind aufsteht, zerflattert ihr Gepränge.

Höret, ihr Lauten und Vermessnen, ihr Wetterflücht‘gen des Geistes und ihr Kinder eurer Willkür:

Wir sind verdurstet bei euren Quellen, wir sind verhungert bei eurer Speise,

wir sind blind geworden bei euren Lampen!

Ihr seid wie eine Strasse, die nie ankommt, ihr seid wie lauter kleine Schritte um euch selber!

Ihr seid wie ein treibendes Gewässer, immer ist in eurem Munde euer eignes Rauschen!

Ihr seid heute eurer Wahrheit Wiege, und morgen seid ihr auch ihr Grab!

 

Aus: Gertrud von le Fort, Hymnen an die Kirche (1924)

Einheit von Jenseits und Diesseits

von L. Baeck

Das Judentum hat seine Freiheit von dem Zwiespalt, den die verschiedenen Begriffe von Gott bringen. Dem Widerstreit zwischen Transzendenz und Immanenz fehlt hier der Boden. Die Frömmigkeit lebt hier in der Paradoxie, in der Polarität, mit all ihrer Spannung und Geschlossenheit.  

Für sie gibt es kein Diesseits ohne das Jenseits und kein Jenseits, das nicht sein Diesseits hätte, keine kommende Welt ohne diese Welt und keine Menschenwelt ohne das, was über sie hinausreicht. Alles Diesseits ist im Jenseits verwurzelt, und alles Jenseits verlangt im Menschen sein Diesseits. Das Unendliche tritt im Endlichen hervor, und alles Endliche soll sein Unendliches erweisen. Des Menschen Leben führt von Gott zum Menschen und vom Menschen zu Gott.

 

Aus: Leo Baeck, Geheimnis und Gebot, in: Der Leuchter – Weltanschauung und Lebensgestaltung (1921/1922)

Ruhe als Renaissance

von L. Baeck

Die ganze Liebe des „Gesetzes“ hat hegend und pflegend einem gegolten, dem Sabbat. Er gibt, als der Tag der Ruhe, dem Leben sein Gleichgewicht, seinen Rhythmus; er trägt die Woche. Ruhe ist ein ganz anderes als Rast, als Arbeitsunterbrechung, ein ganz anderes als Nichtarbeiten.

Die bloße Rast gehört wesentlich in das Physische, in das Irdische und Alltägliche. Die Ruhe ist ein wesentlich Religiöses, sie ist in der Atmosphäre des Göttlichen, sie führt zum Geheimnis hin, zu dem Grunde, von dem auch alles Gebot kommt. Sie ist das Wiederschaffende und Versöhnende, die Erholung, in der die Seele sich zurückholt, das Atemholen der Seele – das Sabbatliche des Lebens. Der Sabbat ist das Bild des Messianischen, er spricht von der Schöpfung und der Zukunft, er ist das große Symbol, wie die Bibel sagt: „ein Zeichen zwischen Gott und Israel“, oder wie ein Wort des Talmud sagt: „das Gleichnis der Ewigkeit“. In ihm hat das Leben den großen Widerspruch gegen das Ende, die stete Renaissance.

 

Aus: Leo Baeck, Geheimnis und Gebot, in: Der Leuchter – Weltanschauung und Lebensgestaltung (1921/1922)

Wer versteht Jesus wirklich?

von L. Baeck

Jesus und sein Evangelium können ganz nur aus dem jüdischen Denken und Fühlen heraus, vielleicht ganz darum nur von einem Juden verstanden werden, ähnlich wie seine Worte in ihrem ganzen Inhalt und Klang gehört werden, nur wenn man sie in die Sprache, in der er sprach, zurückführt.

Ein Gebot, das ganz erfüllt wäre, wäre eine Menschensatzung nur. Gottesgebot ist ein Gebot, das zur Zukunft hinausführt, das seine Sendung, wie die Bibel sagt, „von Geschlecht zu Geschlecht“ hat. Es hat seine Verheißung, sein Leben, welches Leben wird, es hat sein Messianisches. Alle Schöpfung hat ihre Zukunft, wie ein altes jüdisches Gleichnis sagt: „In der Schöpfung der Welt schon lag die Idee vom Messias.“

 

Aus: Leo Baeck, Geheimnis und Gebot, in: Der Leuchter – Weltanschauung und Lebensgestaltung (1921/1922)

Begabung zur Freiheit

„Die moderne Gesellschaft ist eine abstrakte Gesellschaft, die dauernd von uns verlangt vernünftig zu handeln“. Das geht auf Kosten emotionaler Urbedürfnisse. Doch das ist der Preis für die Humanität.

Was Karl Marx kategorisch bestreitet, verteidigt Karl Popper mit Leidenschaft: Politik ist möglich. Das Verfahren kann nur die endlose Kette von trial and error, von Versuch und Fehler und erneutem Versuch sein. Er hatte – auch seiner jüdischen Herkunft wegen – ein überwaches Gespür für die gefährlichen politischen Tendenzen der Zeit. Schon 1927, sechs Jahre vor Hitlers erfolgreichem Griff nach der Macht, ist er überzeugt, „dass die demokratischen Bastionen in Mitteleuropa fallen werden und dass ein totalitäres Deutschland einen neuen Weltkrieg beginnen wird.“ Eine glasklare Einsicht. Drei Jahre vor seinem Tod beendete Karl Popper seinen Vortrag über „Freiheit und intellektuelle Verantwortung“ mit diesen Worten: „Wir müssen kritisch tastend, ähnlich wie es Käfer tun, in aller Bescheidenheit die objektive Wahrheit suchen. Wir dürfen nicht länger die allwissenden Propheten zu spielen versuchen. Aber das heißt: Wir müssen uns ändern.“

 

Aus: DIE WELT vom 17. September 2019, Thomas Schmid, Der Mensch hat die Begabung zur Freiheit, zum 25. Todestag von Karl Popper

Wie antijüdisch ist der Koran?

Dr. Rudolf Kutschera, Lehrstuhl für die Theologie des Volkes Gottes an der Päpstlichen Lateranuniversität, beginnt mit zwei aktuellen Schlaglichtern und untersucht, in welcher Weise der real existierende muslimische Antijudaismus auch mit dem zentralen Text des Islam, dem Koran, zu tun hat.

Lesen Sie den Beitrag „Antijudaismus im Koran?“ auf der Homepage des Lehrstuhls www.popolodidio.org unter „Theologie im Gespräch“ und klicken Sie hier.

Wende der Existenz

von J. Ratzinger

Glauben bedeutet die Entscheidung dafür, dass im Innersten der menschlichen Existenz ein Punkt ist, der nicht aus dem Sichtbaren und Greifbaren gespeist und getragen werden kann, sondern an das nicht zu Sehende stößt, so dass es ihm berührbar wird und sich als eine Notwendigkeit für seine Existenz erweist.

Solche Haltung ist freilich nur zu erreichen durch das, was die Sprache der Bibel 'Umkehr', 'Bekehrung' nennt. Das natürliche Schwergewicht des Menschen treibt ihn zum Sichtbaren, zu dem, was er in die Hand nehmen und als sein eigen greifen kann. Er muss sich innerlich herumwenden, um zu sehen, wie sehr er sein Eigentliches versäumt, indem er sich solchermaßen von seinem natürlichen Schwergewicht ziehen lässt. Er muss sich herumwenden, um zu erkennen, wie blind er ist, wenn er nur dem traut, was seine Augen sehen. Ohne diese Wende der Existenz, ohne die Durchkreuzung des natürlichen Schwergewichts gibt es keinen Glauben. Ja, der Glaube ist die Be-kehrung, in der der Mensch entdeckt, dass er einer Illusion folgt, wenn er sich dem Greifbaren allein verschreibt. Dies ist zugleich, der tiefste Grund, warum Glaube nicht demonstrierbar ist: Er ist eine Wende des Seins, und nur wer sich wendet, empfängt ihn. Und weil unser Schwergewicht nicht aufhört, uns in eine andere Richtung zu weisen, deshalb bleibt er als Wende täglich neu, und nur in einer lebenslangen Bekehrung können wir innewerden, was es heißt, zu sagen: Ich glaube.

 

Aus: Joseph Ratzinger, Einführung in das Christentum (1968)

Bildverlust und Beschreibungslust

von L. Weimer

Platons Höhlengleichnis kritisierte die Verwechslung der Dinge, die unsere Sinne wahrnehmen, mit der Wirklichkeit: Wir seien in unserer Höhle gefesselt und sähen nicht das echte Leben, sondern nur dessen Schatten an der Wand.

Peter Handke bemerkte das Rätsel so: „Für viele heißt nur das Wirklichkeit, was nicht in Ordnung ist“ (Das Gewicht der Welt, Journal 1977). Er beschrieb unablässig den universalen Bildverlust, den modernen: das Vergessen und Vertauschen der Maßstäbe, Überflutung statt Anschauen. Die Dinge und Traditionen sprächen dadurch nicht mehr. Ihm ging es um eine Rettung und er nannte sie in „Der Bildverlust“ eine „Weltbestandsschleppe, über die ganze Erde streifend.“ Die Sprache der Welt-Bilder ist mehr als eine Moralreligion, sie ist die Antwort der Schöpfung auf die Frage, was uns retten kann. „Auch Theologie ist physisch“, sagte Handke einmal in einem Interview.

 

Aus: https://zettelsraum.blogspot.com/2019/10/peter-handkes-beschreibungslust.html

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