Herausforderung

von J. Sacks

Sinn erwächst nicht aus Denksystemen, sondern aus Geschichten, und die jüdische Geschichte ist die ungewöhnlichste von allen.

Sie sagt uns, dass Gott uns zu Seinen Partnern im Schöpfungswerk machen wollte, wir aber haben Ihn immer wieder enttäuscht. Doch Er gibt nie auf. Er verzeiht uns immer wieder. Für das Judentum ist das wahre religiöse Geheimnis nicht unser Glaube an Gott, sondern der Glaube Gottes an uns. Das ist keine tröstliche Fiktion, wie Atheisten und Skeptiker manchmal behaupten, sondern das genaue Gegenteil. Das Judentum ist der Appell Gottes an die menschliche Verantwortung, eine Welt zu erschaffen, die ein würdiges Zuhause für Seine Anwesenheit ist.

 

Aus: Jonathan Sacks, Vom Schicksal zum Glauben, Jüdische Allgemeine, 9. September 2018

Sternstunde

von Ch. Noll

Von Anfang an haben mich immer die Beziehungen der KIG zu Joseph Ratzinger interessiert, weil wir über die Jahre seine theologischen Bemühungen einer Aussöhnung, einer Wieder-Annäherung von Juden und Christentum verfolgt haben. Er ist, glaube ich, auf diesem Gebiet der radikalste Theologe, von dem ich überhaupt jemals gehört habe.

Er ist auch derjenige, der sich in der gesamten Papstgeschichte am weitesten vorgewagt hat bis zur Änderung des Katholischen Katechismus. Die gesamte Entwicklung seit Nostra Aetate haben wir mit großem Interesse miterlebt – z. T. aus den Quellen, teils auch persönlich in Rom in den Jahren, als wir dort lebten – und daran viel Anteil genommen. Ich gehöre zu den Leuten, die die Wahl Benedikts XVI. als große Sensation, als eine Sternstunde in einer ansonsten eher trübsinnigen Zeit empfunden haben. Ich bin nicht der einzige Jude, der das so gesehen hat. Die Wahl von Kardinal Ratzinger zum Papst wurde in Israel durchweg sehr positiv gesehen, auch vom Jüdischen Weltkongress. Man hatte das über Jahre miterlebt, wie weit seine Versuche gegangen waren, innerhalb der Kirche, auch im fundamentalen Schrifttum der Kirche, Judenhass für immer undenkbar zu machen.

 

Aus: Chaim Noll, Mein Judesein (HEUTE, 6/2008)

Eine Hilfe, die man nicht übersehen sollte.

Anmerkungen zur Diskussion um den Beitrag Joseph Ratzingers/Papst Benedikt XVI. „Gnade und Berufung ohne Reue“.

Nach der Welle reflexartiger Kritik, die über Joseph Ratzingers „Anmerkungen zu einem Traktat De Iudaeis“ hereingebrochen ist, fragt man sich, warum Kardinal Koch den emeritierten Papst Benedikt XVI. bewogen hat, diese Skizze zu publizieren. Der Kardinal hat – zurecht – den provokativen Zündstoff erkannt, der in diesem Beitrag liegt. ...

 

Lesen Sie hier die den vollständigen Text der Stellungnahme des Lehrstuhls für die Theologie des Volkes Gottes.

Homo sum

von F. Hölderlin

Die Besten unter den Deutschen meinen meist noch immer, wenn nur erst die Welt hübsch symmetrisch wäre, so wäre alles geschehen.

 

Ich glaube nämlich, dass sich die gewöhnlichsten Tugenden und Mängel der Deutschen auf eine ziemlich bornierte Häuslichkeit reduzieren.

 

Der Horizont der Menschen erweitert sich, und mit dem täglichen Blick in die Welt entsteht und wächst auch das Interesse für die Welt. So wächst überhaupt die Kraft und Regsamkeit der Menschen in eben dem Grade, in welchem sich der Kreis des Lebens erweitert, worin sie mitwirkend und mitleidend sich fühlen.

 

Vor allen Dingen wollen wir das große Wort, das homo sum, nihil humani a me alienum puto [„Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches, denk ich, ist mir fremd“, ein geflügeltes Wort bei Terenz, Cicero, Seneca, Augustinus] mit aller Liebe und allem Ernste aufnehmen; es soll uns nicht leichtsinnig, es soll uns nur wahr gegen uns selbst, und hellsehend und duldsam gegen die Welt machen.

 

Aus: Friedrich Hölderlin (1770–1843), Sämtliche Werke und Briefe (1921)

Religionslos-weltlich

von D. Bonhoeffer

Die zu beantwortenden Fragen wären doch: was bedeutete eine Kirche, eine Gemeinde, eine Predigt, eine Liturgie, ein christliches Leben in einer religionslosen Welt?

Wie sprechen wir von Gott – ohne Religion, das heißt eben ohne die zeitbedingten Voraussetzungen der Metaphysik, der Innerlichkeit etc. etc.? Wie sprechen – oder vielleicht kann man eben nicht einmal mehr davon ‚sprechen‘ wie bisher – wir ‚weltlich‘ von ‚Gott‘, wie sind wir ‚religionslos-weltlich‘ Christen, wie sind wir Herausgerufene, ohne uns religiös als Bevorzugte zu verstehen, sondern vielmehr als ganz zur Welt Gehörige? Christus ist dann nicht mehr Gegenstand der Religion, sondern etwas ganz anderes, wirklich Herr der Welt.

 

Aus: Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung. Briefe aus der Haft (1944)

‚Spricht‘ Gott?

von L. Weimer

Im Interview-Buch Joseph Ratzingers „Gott und die Welt“ heißt es an einer Stelle: „Die Sprache Gottes ist leise. Aber er gibt uns vielerlei Winke.“ (S. 14) Was meint der Theologe Ratzinger damit?

Eigentlich ‚spricht‘ Gott nicht, er zeigt dem aufmerkenden Menschen aber etwas durch Ereignisse, er spricht zum Herzen und bewegt das Gewissen von Menschen. In dieser Weise handelte Gott am Menschen und in der Geschichte. Die wachen und begabten Gläubigen verstanden sich darauf, sein Handeln so zu artikulieren, dass es sich zu einer mitteilbaren Anrede formte. Das Entscheidende war mithin, Gottes Wollen herauszuhören, das Verstehen seiner Gedanken, seines helfenden Rates, seiner Weisung. Die Sammlung der in weit über tausend Jahren erhorchten Reden Gottes haben wir in der Bibel vor uns. Die Kirche hat dies zum Kanon, d.h. zum bleibend gültigen Richtmaß für alles erklärt, was in den weiteren 2000 Jahren an Erfahrungen hinzugekommen ist.

 

Aus: Ludwig Weimer, „Und Gott war das Wort.“ Wie können wir ihn heute hören? Die Antwort Joseph Ratzingers, in: Theologica Nr. 2 (2016)

 

Neuer alter Name

von E. Guerriero

Die Namenswahl überraschte viele Kardinäle, die gewettet hätten, dass Ratzinger den Namen „Johannes Paul III.“ gewählt hätte, um die Kontinuität zu seinem Vorgänger zu betonen. Doch der neue Papst antwortete auf die im Ritual vorgesehene Frage fest entschlossen: „Benedikt“.

Nach Ansicht des neuen Papstes hatte das benediktinische Mönchtum mit seiner Ausgewogenheit zwischen Vernunft und Glaube, zwischen Recht und Liebe, Europa nicht nur feste Wurzeln gegeben, sondern ein Modell geboten, aus dem der Humanismus, die Demokratie sowie die Harmonie von Kunst und Musik hervorgegangen sind.
Papst Benedikt war kein naiver Nostalgiker und auch kein Träumer, der sich Illusionen machte, die Bedingungen wiederherstellen zu können, die zu jener Geistesströmung geführt hatten. Er wollte aber durch sein Leben jenes Gleichgewicht zwischen Vernunft und Glauben, das am Ursprung dessen stand, was die Kultur und das Denken Europas so einzigartig gemacht hatte, den Menschen erneut vor Augen führen. Das 20. Jahrhundert hatte bereits zur Genüge bewiesen, dass Europa, wenn es diesen Weg verließ, seine Strahlkraft in der Welt einbüßte. Es gab keinen Grund, nicht mit Liebe und Achtung auf die eigene Geschichte, auf die eigenen christlichen Wurzeln zu schauen – nicht um expansionistische Ziele zu verfolgen, sondern um das alte Gleichgewicht wiederzufinden, das am Ursprung von Erkenntnis und Lebensweisheit steht.

Aus: Elio Guerriero, Benedikt XVI. – Die Biografie (2018)        

Unbequemes

von N. G. Dávila

Wenn er sich der christlichen Tunika und der klassischen Toga entledigt, bleibt vom Europäer nichts übrig als ein bleichgesichtiger Barbar.

 

Es gibt keine Dummheiten, die der moderne Mensch nicht imstande wäre zu glauben, sofern er damit nur dem Glauben an Christus ausweicht.

 

Der größte Irrtum besteht nicht in der These vom toten Gott, sondern im Glauben, daß der Teufel tot sei.

 

Man braucht am Atheisten nicht zu verzweifeln, solange er nicht den Menschen vergöttert.

 

Die gefährlichste Idee ist nicht die falsche, sondern die halb richtige.

 

Die modernen Theologien sind zumeist Verrenkungen von Theologen, die sich selbst ihren Unglauben nicht eingestehen wollen.

 

Der progressive Christ macht seinen Gegnern schöne Augen, damit ihm sein Glaube verziehen werde.

 

Der moderne Kleriker vergißt in seinem apostolischen Eifer, daß man die Kampfesweise der Zeit anzupassen hat, nicht aber die Botschaft.

 

Aus: Nicolás Gómez Dávila, Scholien (2006)

Israel

von L. Baeck

Wenn Israel sicher unter den Völkern wird wohnen können,

dann hat sich die verheißene Zeit erfüllt,

denn dann und daran wird es sich erwiesen haben,

dass der Glaube an Gott eine lebendige Wirklichkeit geworden ist.

Aus: Leo Baeck, Das Wesen des Judentums (1921)

Zur Information

von N. Postman

Die Informationsschwemme führt auch zu einem wachsenden Gefühl von Ohnmacht. Die Nachrichtenmedien berichten uns über die Probleme im Nahen Osten, wir hören von der Zerstörung der Ozonschicht und der Vernichtung der Regenwälder. Wird nun von uns erwartet, dass wir selber etwas unternehmen?

Die meisten von uns können bei der Lösung solcher Probleme nicht aktiv werden, und so wächst bei den Menschen ein Gefühl der Passivität und Unfähigkeit, das unweigerlich in ein verstärktes Interesse an der eigenen Person mündet. Wenn man in der Welt nichts auszurichten vermag, kann man doch zumindest sich selbst verändern. Man kann abnehmen, man kann sich die Haare anders färben, man kann die Form der eigenen Nase oder die Größe der eigenen Brüste verändern. Daraus, dass man tausend Dinge kennt und weiß und nicht imstande ist, Einfluss auf sie zu nehmen, erwächst ein eigenartiger Egoismus. Schlimmer: Die meisten Menschen glauben immer noch, Information und immer mehr Information sei das, was die Menschen vor allem benötigten. Die Information bilde die Grundlage all unserer Bemühungen um die Lösung von Problemen. Aber unsere wirklich ernsten Probleme erwachsen nicht daraus, dass die Menschen über unzureichende Informationen verfügen. Wenn es zu einer Nuklearkatastrophe kommt, dann nicht wegen unzulänglicher Information. Wo Menschen verhungern, geschieht das nicht wegen unzureichender Information. Wenn Familien zerbrechen, wenn Kinder misshandelt werden, wenn zunehmende Kriminalität eine Stadt terrorisiert, wenn sich das Erziehungswesen als ohnmächtig erweist, so nicht wegen mangelnder Information, sondern weil wir kein zureichendes Bewusstsein davon entwickeln, was sinnvoll und bedeutsam ist.

Aus: Neil Postman, Wir informieren uns zu Tode (DIE ZEIT, 2.10.1992)

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