„Das Christentum ist jeden Augenblick noch möglich.“ F. Nietzsche

 

 

 

Zum Leben in Gemeinschaft

 

Der Apfelbaum wills dem Birnbaum abgucken

 

die Kartoffelstaude schielt auf die Wassermelone

 

aber was machen wir mit einer Melonenschwemme?

 

verdankt doch unsere Küche ihren Ruhm

unseren schmackhaften Kartoffelgerichten.

 

Hedvig Fornander

Perspektive

31. März 2019, Vierter Fastensonntag C

Es kommt auf die Perspektive an. Deswegen spielt das Evangelium dieses Sonntags mit Verwandtschaftsbezeichnungen und Lebensbeschreibungen.

Den Ausreißer legen Vater und Knecht dem Älteren, Daheimgebliebenen als „deinen Bruder“ ans Herz. Der aber lässt sie abblitzen. Für ihn ist der gescheiterte Lebemann nur noch „dein Sohn“. Distanzierter geht es nicht. Auch der Knecht stellt nüchtern fest, dass der Verlorene wieder heil und gesund heimgekommen ist. Der Vater aber nennt ihn tot und wieder lebendig geworden. Die kleine Novelle ist eine Lektion über das Leben in Gemeinschaft. Es kommt auf die Perspektive an, auf den Ort, von dem ich schaue: Bleibe ich auf Distanz zur gemeinsamen Geschichte, weil sie voller Fehler und Versagen ist, dann wird alles fremd und fern, selbst der Nächste. Weiß ich mich selber als einen, der nicht taugt und doch gebraucht ist, wird aus „deinem Sohn“ wieder „mein Bruder“. acb

Lk 15,1-3.11-32

Alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm, um ihn zu hören.

Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Dieser nimmt Sünder auf und isst mit ihnen.

Da erzählte er ihnen dieses Gleichnis und sagte:

Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht! Da teilte der Vater das Vermögen unter sie auf. Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen. Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er begann Not zu leiden. Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon. Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Brot im Überfluss, ich aber komme hier vor Hunger um. Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner! Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von Weitem kommen und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Da sagte der Sohn zu ihm: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein. Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand und zieht es ihm an, steckt einen Ring an seine Hand und gebt ihm Sandalen an die Füße! Bringt das Mastkalb her und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. Denn dieser, mein Sohn, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein Fest zu feiern. Sein älterer Sohn aber war auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz. Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle. Der Knecht antwortete ihm: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn gesund wiederbekommen hat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu. Doch er erwiderte seinem Vater: Siehe, so viele Jahre schon diene ich dir und nie habe ich dein Gebot übertreten; mir aber hast du nie einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte. Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet. Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber man muss doch ein Fest feiern und sich freuen; denn dieser, dein Bruder, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.

Fragment zur Heiligen Schrift

von P. Handke

Seiner Form, seinem Rhythmus, seinem Tonfall nach: ein Buch aus der Nacht der Zeiten. Das trifft zu, und zugleich kann der Leser unserer Tage, der von heute, in der Bibel, Buch für Buch, seine eigene Geschichte lesen, wie in keinem anderen Buch:

er kann sie da entdecken, dann sie verstehen, dann sich ihr stellen. Der Leser ist der tragikomische Held aller der biblischen Geschichten; nicht bloß der Geschichten, sondern auch der Liebesgedichte, wie im Hohenlied, und der Hilferufe, wie immer wieder in den Psalmen. Du, Leser, hast den ersten Farbenaugenblick gelebt in Eden, und du wirst jene schwarzen und schwärzeren letzten Momente erleben, dein Mund voll Essig (und Ärgerem), wo du aufschreien wirst mit der Frage, warum dein sozusagen allmächtiger Vater dich verlassen hat. Deswegen ist die Bibel für den Leser ein entsetzliches, gefährliches Buch: er ist gezwungen, zu sehen, wie es, in der Tiefe, mit ihm steht, dem Sterblichen. Verlorener Sohn, der sich in Sicherheit fühlt, weil ihm der Vater für einmal verziehen hat – ihm sogar ein Fest bereitet hat. Aber danach, auf dem Kreuz, wo ist er, mein Vater und sein versprochenes Fest? Die Bibel kann in ihrem Leser das äußerste Grauen erwecken: ah, dieser Verrückte, der sich für Gott hält, unsterblich; dieser Wehleidige, welcher in den Bedrängnissen sich vor seinen Widersachern brüstet mit der Allmacht seines Vaters, und dass der ihm gleich zu Hilfe kommen wird; dieser sogenannte Gottessohn, der krepiert unter Geheul wie ein herrenloser Hund – das alles, das bin ich selber, ich, der das liest. Du, der heutigen Tages die Bibel liest: Achtung, Todesgefahr! Oder Lebensgefahr? Beseelende Gefahr? Begeisternde Gefahr, seit jener Nacht der Zeiten? Heilsame Gefahr? Heilsgefahr?

 

Aus: Peter Handke, Langsam im Schatten (1992)

„Ich habe gesehen“

24. März 2019, Dritter Fastensonntag C

Heute werden Zukunftsvisionen von Kirche gesucht – diskutiert wird dabei aber vor allem über die klassischen Streitthemen.

Der Ansatz Israels ist anders. Es kennt die Vision Gottes und weiß: er setzt alles daran, dass sie Wirklichkeit wird. In Mose ist das Volk als Gegenüber, als Du Gottes verdichtet. Seine Augen halten Ausschau und so hört er: Gott ist im Bild über das Elend der Seinen und er will Abhilfe schaffen. Darum ist er „herabgestiegen“. Mit anderen Worten: Er braucht solche, die seinen Blick teilen und sich schicken lassen zu tun, was getan werden muss: einen Ausweg suchen und bahnen aus der Verknechtung an fremde Mächte. Es geht um eine gemeinsame Lebensmöglichkeit in Freiheit vor dem Angesicht Gottes, dem Land wo Milch und Honig fließen. hak

Ex 3,1-8a.13-15

Mose weidete die Schafe und Ziegen seines Schwiegervaters Jitro, des Priesters von Midian. Eines Tages trieb er das Vieh über die Steppe hinaus und kam zum Gottesberg Horeb. Dort erschien ihm der Engel des HERRN in einer Feuerflamme mitten aus dem Dornbusch. Er schaute hin: Der Dornbusch brannte im Feuer, aber der Dornbusch wurde nicht verzehrt. Mose sagte: Ich will dorthin gehen und mir die außergewöhnliche Erscheinung ansehen. Warum verbrennt denn der Dornbusch nicht? Als der HERR sah, dass Mose näher kam, um sich das anzusehen, rief Gott ihm mitten aus dem Dornbusch zu: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Er sagte: Komm nicht näher heran! Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden. Dann fuhr er fort: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Da verhüllte Mose sein Gesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen. Der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne sein Leid. Ich bin herabgestiegen, um es der Hand der Ägypter zu entreißen und aus jenem Land hinaufzuführen in ein schönes, weites Land, in ein Land, in dem Milch und Honig fließen. Da sagte Mose zu Gott: Gut, ich werde also zu den Israeliten kommen und ihnen sagen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt. Da werden sie mich fragen: Wie heißt er? Was soll ich ihnen sagen? Da antwortete Gott dem Mose: Ich bin, der ich bin. Und er fuhr fort: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der Ich-bin hat mich zu euch gesandt. Weiter sprach Gott zu Mose: So sag zu den Israeliten: Der HERR, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name für immer und so wird man mich anrufen von Geschlecht zu Geschlecht.

Irgendwo tagt …

eine kirchliche Versammlung. Sie beginnt, sachrichtig, nicht mit einem Parteiprogramm, sondern einem Gottesdienst. Erstaunlich, aber es ist noch immer so:

Es gibt Menschen, die hoffen auf die Kirche. Sie ist ja immer freie Initiative, schon von ihrem Ursprung her. Und dass die drinnen sich anstecken lassen von dieser Hoffnung – sammeln sich auch draußen Leute und fordern: Neues Licht in der Kirche. Und um die Forderung an die drinnen zu unterstreichen, zünden sie ihre Taschenlampen an. Diese Diskrepanz, zwischen der Hoffnung und der realen Verwirklichung, kann jedenfalls nur von uns selbst überbrückt werden. Heißt es doch „Ihr seid das Licht der Welt“. Jedenfalls steht es so in der Bibel. pez

In guter Gesellschaft

17. März 2019, Zweiter Fastensonntag C

Die drei Jünger, die mit Jesus auf dem Berg Tabor waren, erkannten etwas, was den Weg der Kirche bis heute bestimmt: Jesus war kein Einzelgänger.

Er ist nicht wie ein Meteorit vom Himmel gefallen, sondern er steht in der Tradition Israels. Sie hat ihn und damit auch die Kirche geprägt. Zwei Gestalten werden bei Jesus sichtbar, mit allem wofür sie stehen: Mose, dessen Weisungen bis heute die Grundlage unseres Zusammenlebens sind. Elija, der sich nicht dem übermächtigen Zeitgeist seiner Tage beugte und damit den Maßstab für alle weiteren Propheten setzte. In dieser Gesellschaft erkennen die Jünger, wer Jesus eigentlich ist. Jesus und seine Botschaft stehen ein für alle Mal in dieser Gefährtenschaft. ruk

Lk 9,28-36

Es geschah aber: Etwa acht Tage nach diesen Worten nahm Jesus Petrus, Johannes und Jakobus mit sich und stieg auf einen Berg, um zu beten. Und während er betete, veränderte sich das Aussehen seines Gesichtes und sein Gewand wurde leuchtend weiß. Und siehe, es redeten zwei Männer mit ihm. Es waren Mose und Elija; sie erschienen in Herrlichkeit und sprachen von seinem Ende, das er in Jerusalem erfüllen sollte. Petrus und seine Begleiter aber waren eingeschlafen, wurden jedoch wach und sahen Jesus in strahlendem Licht und die zwei Männer, die bei ihm standen. Und es geschah, als diese sich von ihm trennen wollten, sagte Petrus zu Jesus: Meister, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija. Er wusste aber nicht, was er sagte. Während er noch redete, kam eine Wolke und überschattete sie. Sie aber fürchteten sich, als sie in die Wolke hineingerieten. Da erscholl eine Stimme aus der Wolke: Dieser ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören. Während die Stimme erscholl, fanden sie Jesus allein. Und sie schwiegen und erzählten in jenen Tagen niemandem von dem, was sie gesehen hatten.

Vom Tod ohne Übertreibung

von W. Szymborska

 

Wer behauptet, der Tod sei allmächtig,
ist lebendiger Beweis dagegen.

 

Es gibt kein solches Leben,
das nicht wenigstens für einen Augenblick
unsterblich wäre.

 

Der Tod
kommt immer um diesen einen Augenblick zu spät.

Umsonst rüttelt er am Griff
der unsichtbaren Tür.

 

Er kann, was jemand erreicht hat,
nicht rückgängig machen.

 

Aus: Wisława Szymborska 1923–2012, Vom Tod ohne Übertreibung, in: Auf Wiedersehen. Bis morgen, Gedichte (1998)

Eine Frage der Macht

10. März 2019, Erster Fastensonntag C

Jesus kann nicht zaubern? Nicht von der Tempelzinne springen, ohne sich zu verletzen? Nein, kann er nicht.

Weil er kein mythischer Halbgott ist. Er ist ganz und gar Mensch wie jeder von uns. Und dazu Jude, der haargenau weiß, wem allein Anbetung gebührt. Aber er ist auch ein freier Mensch und muss selbst die Entscheidung treffen, eine Glaubensentscheidung. Die schärfste der drei Herausforderungen des Widersachers an Jesus steht in der Mitte: Bete mich an! Es geht um die Machtfrage: wer hat letztlich das Sagen? Es reicht dem Bösen nicht, dass er über die Macht und Herrlichkeit der Reiche der Erde verfügt, sondern er möchte angebetet werden. Sein Ziel wäre gewesen, mit Hilfe Jesu in die Position aufzusteigen: er als der Höchste. Bis heute zeigt die Geschichte auch Spuren der Herrschaft des Widersachers mit Hass und Zerstörung. Jesus weiß sich als Sohn des jüdischen Volkes und seines Gottes, dessen Macht Liebe und Dienst heißt. Deshalb kann er die Welt im Gleichgewicht der Mächte halten. Und jeder Glaubende hilft ihm dabei. bek

Lk 4,1-13

Erfüllt vom Heiligen Geist, kehrte Jesus vom Jordan zurück. Er wurde vom Geist in der Wüste umhergeführt, vierzig Tage lang, und er wurde vom Teufel versucht. In jenen Tagen aß er nichts; als sie aber vorüber waren, hungerte ihn. Da sagte der Teufel zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl diesem Stein, zu Brot zu werden. Jesus antwortete ihm: Es steht geschrieben: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Da führte ihn der Teufel hinauf und zeigte ihm in einem Augenblick alle Reiche des Erdkreises. Und er sagte zu ihm: All die Macht und Herrlichkeit dieser Reiche will ich dir geben; denn sie sind mir überlassen und ich gebe sie, wem ich will. Wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest, wird dir alles gehören. Jesus antwortete ihm: Es steht geschrieben: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen. Darauf führte ihn der Teufel nach Jerusalem, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich von hier hinab; denn es steht geschrieben: Seinen Engeln befiehlt er deinetwegen, dich zu behüten; und: Sie werden dich auf ihren Händen tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt. Da antwortete ihm Jesus: Es ist gesagt: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen. Nach diesen Versuchungen ließ der Teufel bis zur bestimmten Zeit von ihm ab.

Chaim Seeligmann

„Freie Antwort auf gegebene Situationen“

Foto: Dr. Chaim Seeligmann (1912–2009) im Kibbuz Givat Brenner (1987)

 

Das offenbare Zerbrechen des sozialistischen Modells in der Sowjetunion reflektierte der Zeithistoriker und Hitler-Biograph Joachim Fest (1926–2006) als Der zerstörte Traum. Vom Ende des utopischen Zeitalters, zugespitzt in der Aussage, „dass ein Leben ohne Utopie zum Preis der Modernität gehört“. Zum 90. Geburtstag von Chaim Seeligmann erschienen seine autobiographischen und kibbuzgeschichtlichen Notizen unter dem Titel Es war nicht nur ein Traum. War er einer der letzten Utopisten?

 

Als er 2009 in seinem Kibbuz Givat Brenner starb, wurde sein Tod von der deutschen Presse nicht wahrgenommen. Zum ersten Todestag widmete ihm haGalil.com. Jüdisches Leben online einen Nachruf: und schilderte seine ungewöhnliche ‚Karriere‘ vom reichen Sohn zum Kibbuznik: 1912 in Karlsruhe als Heinz Alfred geboren, Sohn einer assimilierten Bankiersfamilie, schloss er sich als 15-jähriger Gymnasiast der zionistisch orientierten Jugendbewegung Kadima an. Mit 23 Jahren verließ er Nazi-Deutschland und fuhr mit einem Schiff namens Galiläa nach Palästina, wo er sich dem Kibbuz Givat Brenner anschloss. Seine Eltern hat er nie wiedergesehen.

 

Was hat ihn veranlasst, „alles zu verkaufen und zu verlassen“, seine Bücher, sein Eigentum, seine persönlichen Lebensträume? Manès Sperber (1905–1984), sein jüdischer Zeitgenosse, hat es einmal so gesagt: „Ich bin nie einer Idee begegnet, die mich so überwältigt hat und die Wahl meines Weges so beeinflusst hat wie der Idee, dass diese Welt nicht so bleiben kann, wie sie ist, dass sie ganz anders werden kann und es werden wird.“ Das war auch die alles bestimmende Idee für Chaim Seeligmann. Den Realisierungsort fand er im Kibbuz, nach Sperber „die einzige Gemeinschaftsform, die in diesem Jahrhundert des pseudo-kommunistischen Despotismus die Idee des Sozialismus mit der Praxis der Lebensgemeinschaft vereint hat. Der Kibbuz erbringt den klaren Beweis, dass man, ohne an Gott und an den von ihm gesandten Messias zu glauben, gemäß den fundamentalen Lebensregeln des prophetischen Judentums sich zu einem dauernden Bunde vereinigen kann, in dem niemand ein Objekt der anderen ist, sondern stets der Gefährte aller bleibt“ (Mein Jude-Sein 42.44).

Er nahm wie alle askenasischen und sephardischen Juden, die ins Land kamen, einen neuen Namen an: Chaim. Das kennen wir auch. Wenn ein Kardinal Papst wird, heißt er Johannes XXIII. Wenn einer ins Kloster geht, hört er auf Bruder Rafael oder Schwester Marta. Änderte er seine Identität? Er erklärte sich bereit, eine Aufgabe zu übernehmen. Chaim Seeligmann verstand sich wie die meisten Zionisten als säkular. Dabei ist er ganz nahe bei dem Selbstverständnis orthodoxer Rabbiner, die erst jüngst den überkommenen Auftrag Gottes an Israel darin sehen, eine gerechte Gesellschaft aufzubauen mit den Worten von Emmanuel Levinas: „das Land zu heiligen“.

 

Im Jahr 1985 kam er in Kontakt mit der Katholischen Integriertenn Gemeinde und es entwickelte sich eine respektvolle Freundschaft. Von der für beide Seiten unerwarteten Begegnung und wachsenden Verbindung nur zwei Details:

Einmal formulierte er vor Jugendlichen aus der KIG: „Ich kann ganze Kompendien voll Ideen verfassen, so viel Sie wollen. Von Hegel und von Schopenhauer, von Nietzsche und von Marx und auch von unseren jüdischen Denkern. Aber die Frage ist: Wie und in welcher Weise kann man gewisse Ideen verwirklichen und ihnen Gestalt geben? Das ist nicht einfach, es hängt von Menschen ab, die bereit sind, sich mit einer bestimmten Idee zu identifizieren. Identifizierung ist keine theoretische, sondern eine praktische Sache.“

1993 nahm er an einer Priesterweihe von Gemeindemitgliedern teil, die der damalige Kardinal Joseph Ratzinger in der Basilika in St. Paul vor den Mauern in Rom feierte. Bei der Vorstellung der Kandidaten hörte er sie entsprechend der Weiheliturgie sagen „Adsum“ – „Hier bin ich“. Beim anschließenden Festmahl ergriff er das Wort: „Dies brachte mir die Worte Abrahams aus dem 22. Kapitel bereschit (Genesis) – der Opferung seines Sohnes Isaak – in Erinnerung, wo geschrieben ist: Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: ‚Abraham!‘ Er antwortete: ‚Hier bin ich‘. Die Antwort aller, die gemeinsam tun und denken, ist: Hier bin ich – hier sind wir!“

Nach einer Talmud-Tradition sind es sechsunddreißig Gerechte, die die Welt zusammenhalten; vielleicht war er einer von ihnen.

 

Nachruf Chaim Seeligmann: haGalil.com. Jüdisches Leben online

 

 

Wer singt das Neue Lied

Israel sang es mit Mirjam

am Ufer des Roten Meeres am Rande der Wüste

Mose sang es am Berg Nebo

das Land sehend aber nicht betretend

David sang es vor der Bundeslade

peinlich tanzend

Daniel sang es mit seinen Freunden

im überheizten Feuerofen

 

Jesaja sang es

bei der Rückkehr der Entronnenen

Die Weisheitslehrer sangen es

in der Begegnung mit der Vernunft der Griechen

Die Makkabäer sangen es

angesichts des unversiegten Öls der Tempelleuchte

 

Zacharias der Verstummte sang es

Maria die reine von Gott besuchte sang es

Simeon der Greis sang es

 

Jesus sang es über die Kleinen und Armen die sahen

Paulus sang es über seinen Fund der Zukunft Israels

 

Die Wüstenväter sangen es

als sie den korrupten Städten den Rücken kehrten

Die Klöster des Benedikt sangen es

als sie die Urwälder und Sümpfe kultivierten

Franziskus sang es

als er alles zurückließ um Papst und Sultan zu bewegen

 

Es vagabundierte und verlieh seine Töne

den Aufklärern und Kirchenkritikern

Hat nicht Nietzsche seine Melodie gesucht

Hat nicht Marx seine Noten

verkehrt in der Hand gehalten

 

Warum wurden seine Strophen nach Luther zerspalten

Warum verließ seine Schönheit in der Moderne die Kirchen

Warum musste es als Totenlied in Auschwitz erklingen

Und warum unter Bergen von Konzepten und Papieren

fast ersterben

 

Wer singt heute das Neue Lied

das nicht nur klingt nicht nur stimmt

Das weitererzählt

 

tac

Unterricht

von H. Domin

 

Jeder der geht

belehrt uns ein wenig

über uns selber.

Kostbarster Unterricht

an den Sterbebetten.

Alle Spiegel so klar

wie ein See nach großem Regen,

ehe der dunstige Tag

die Bilder wieder verwischt.

 

Nur einmal sterben sie für uns,

nie wieder.

Was wüssten wir je

ohne sie?

Ohne die sicheren Waagen

auf die wir gelegt sind

wenn wir verlassen werden.

Diese Waagen, ohne die nichts

sein Gewicht hat.

 

Wir, deren Worte sich verfehlen,

wir vergessen es.

Und sie?

Sie können die Lehre

nicht wiederholen.

 

Dein Tod oder meiner

der nächste Unterricht:

So hell, so deutlich,

dass es gleich dunkel wird.

 

Aus: Hilde Domin (1909–2006), Nur eine Rose als Stütze (1959)

Das Flehen von Zehn

von H. Gryberg

Als sie fort waren, schlug ich das Gebetbuch auf und versuchte ein Gebet herzusagen, aber es kam nichts heraus. Zehn mussten es sein.

Die Stimme von Zehn, das Flehen von Zehn, die Eintracht von Zehn, denn es ging in der Hauptsache darum, dass die, die da beteten, sich einander erbarmten. Aber mindestens zehn müssen es sein, damit uns die Andacht der Worte vereint, das gegenseitige Verstehen, damit wir die Gemeinsamkeit unseres Schicksals fühlen, unserer Schwäche, unserer Hinfälligkeit – unserer Einsamkeit.

 

Aus: Henryk Gryberg, Kalifornisches Kaddisch (1993)

Unverhoffter Augenblick

Der andere sieht etwas anderes als ich.

Schaue ich mich an, sehe ich ,von innen nach außen‘,

kann nicht absehen von mir.

Der andere schaut mich von außen nach innen an,

sieht, was ist und was war.

Und was mich Jahre bedrückt hat,
wo ich immer noch dachte „hätte ich doch“,
„wäre ich doch“ heißt dann:
Es war die notwendige Reibungsfläche,
an der alle Möglichkeiten des Heute sich entzünden konnten.

Der andere sieht mehr als ich.

anm

Serotonin

Man kann es sich in seinem Oberstübchen einrichten wie man möchte. Das geht heute noch besser als früher. Man kann da oben Traumwelten errichten, oder Albtraumwelten, je nach persönlicher Präferenz.

Wenn man groß sein möchte und über allem stehen, dann wird man auf Bergspitzen stehen und auf alles hinabblicken. Wenn man klein sein möchte und verloren, werden sich Untiefen um einen herum auftun, die keinen Boden haben. Wenn man in die Zukunft oder in die Vergangenheit hineinruft, wird ein Echo zurückrufen, das entweder hoffnungsvoll oder verzweifelt ist, ganz wie man möchte. Wenn man allen anderen die Schuld an allem geben möchte, werden alle Anzeichen dafürsprechen. Wenn man sich selbst an allem die Schuld geben will, wird es nicht anders sein. Man kann träumen was man möchte, solange man möchte. Das ist im Ganzen ziemlich angenehm.

Dann veröffentlicht Michel Houellebecq ein neues Buch. „Serotonin“ heißt es diesmal. Und es weht auf einmal ein eisiger Wind. Houellebecq interessiert sich nicht für Traumwelten in Oberstübchen. Er entrümpelt das Oberstübchen, schmeißt die Traumwelten hinaus. Es ist danach ein sehr kahles Oberstübchen. Und wenn man meint es sei überstanden, weist einem Houellebecq die Türe und schmeißt einen selbst aus seinem eigenen Oberstübchen hinaus. Man schlägt dann irgendwo auf. Es ist ein sehr harter Aufschlag. Es könnte sein, dass es die Wirklichkeit ist, in der man aufgeschlagen ist. Es könnte sein, dass es Houellebecq nur darum geht, um das was er Tag für Tag an sich und allen anderen beobachtet: Eine erbärmliche, niederschmetternde, scheinbar aussichtslose Wirklichkeit. Die Sehnsucht nach dem eigenen Oberstübchen wird dann groß. Dort wieder hochzuklettern, zu den eigenen Traumwelten, das wäre naheliegend. saw

Zum christlichen Europa

von J. Ratzinger

Dieses dem Namen nach christliche Europa ist seit rund vierhundert Jahren zur Geburtsstätte eines neuen Heidentums geworden, das im Herzen der Kirche selbst unaufhaltsam wächst und sie von innen her auszuhöhlen droht.

Das Erscheinungsbild der Kirche der Neuzeit ist wesentlich davon bestimmt, dass sie auf eine ganz neue Weise Kirche der Heiden geworden ist und noch immer mehr wird: nicht mehr wie einst Kirche aus den Heiden, die zu Christen geworden sind, sondern Kirche von Heiden, die sich noch Christen nennen, aber in Wahrheit zu Heiden wurden. Das Heidentum sitzt heute in der Kirche selbst. Es wird der Kirche auf die Dauer nicht erspart bleiben, Stück um Stück von dem Schein ihrer Deckung mit der Welt abbauen zu müssen und wieder das zu werden, was sie ist: Gemeinschaft der Glaubenden. Tatsächlich wird ihre missionarische Kraft durch solche äußere Verluste nur wachsen können: Nur wenn sie aufhört, eine billige Selbstverständlichkeit zu sein, nur wenn sie anfängt, sich selbst wieder als das darzustellen, was sie ist, wird sie das Ohr der neuen Heiden mit ihrer Botschaft wieder zu erreichen vermögen.

 

Aus: Joseph Ratzinger, Die neuen Heiden und die Kirche (1958)

Die Geschichte vom Findelkind

Jeden Sonntag hören wir in der Messe Texte aus der Bibel. Sie lesen uns jedes Mal ganz gehörig die Leviten. Und wir gehen trotzdem gerne hin, hören trotzdem immer gerne und immer neu neugierig und wach den alten Texten zu. Warum ist das so?

Sie erzählen einen Sehnsuchtsort, der uns verschlossen ist, wir hören eine Sehnsuchtswelt, wo „Schloss und Riegel für“.

Der Sehnsuchtsort kam in die Welt, „als Israel zog aus Ägypten“. Die Leute um Mose wollten raus aus dem Fleischtöpfeland der Fron und der Unfreiheit, sie flohen in die Wüste, mit dem Traum ihres Erzvaters Jakob, und in 40 Jahren Wüstenexistenz schwitzen sie eine neue Lebensordnung aus, und Mose brachte diese auf Tafeln vom Berg des Herrn, vom Gott des Vaters Jakob. In der Torah, ihrem neuen Lebensprinzip, und in ihrem Leben, erwies sich Gott als Retter. Und Israel schwört: „Wir wollen es tun!“

Über tausend Jahre üben sie dieses Leben mit ihrem neuen Gott, der rettet, und eifert. Denn die Religionen buhlen, Israel wird schwach, liegt am Boden, reut, steht auf, schwört, buhlt weiter. Und dann bauen sie ihm einen Tempel, mit der Torah im Allerheiligsten, und mit Hochpriester.

Israel geht es schlecht. Fremdherrschaften wechseln die Fronmacht im Land. Während der Römerherrschaft steht einer der Söhne Israels auf: Reißt den Tempel ein, ich baue ihn in drei Tagen neu! „Er meinte aber den Tempel seines Leibes“, die Gemeinde seiner Nachfolge, den Rest Israel, der auf Gottes Wort im Fleisch ganz hört, dem ganzen Ganz des Lebens, dem ganzen Heute des Lebens, und dem ganzen Denkvermögen, und ganz aus lauter Freud. Die Evangelien erzählen uns diese Revolution aus Juden und Heiden. „Das Himmelreich ist mitten unter Euch.“

Es wächst die Kirche, wächst, wuchert, wird Tempel, wird die Weltreligion. Mit der Tempelkirchenreligion wächst in tausend Jahren und mehr auch ihre hochdifferenzierte Theologie, sie wächst auch mit einer Theologie vom Himmelreich, dem Sehnsuchtsort im Jenseits und unserem gottergebenen irdischen Jammertal.

Die Götter kehren zurück in anderen, gewaltigen Diesseitssehnsuchtsorten. Die kommunistische Heilsreligion breitet sich brutal in der halben Welt aus, über Deutschland spannt sich das braune Himmelszelt, und in diesem Reich war „das Heil der Juden“ dem Heil Hitler unerträglich. Die Welt erlebt den unvorstellbaren Genozid am Gottesvolk, inmitten der Christenheit.

Heute, „als alles war aus für immer“, heute leben wir in einem materialen, kapitalen, globalen Saus und Braus, süchtig nach Sehnsuchtsorten, mit dem kleinen Lüstchen für den Tag, und dem kleinen Lüstchen für die Nacht. Wir wollen tanzen, in einer maßlosen Sehnsuchtsortgenusswelt, und wir tanzen auf einem Vulkan. Denn unsere exakte Wissenschaftswelt weist uns die Folgen solchen Tanztreibens. Einen Augenblick materialer, kapitaler globaler Brüderlichkeit? Ein möglicher solidarer Blick über den Zylinderrand unseres Treibens hinaus? Uns geht es im Erdenrund wie kleinen Bakterien in einer runden Petrischale in einer Supernährlösung. Die Bakterien gedeihen darin prächtig, vermehren sich, vermehren sich immer weiter, bis die ganze Schale gefüllt ist. „Macht Euch die Petrischale untertan!“ Dann ist die Nährlösung alle, und alle Bakterien gehen ein. So läuft das, auch bei großen Tieren. Leere Kirchen, leere Welt. Woher kann Hilfe kommen? Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn! Herr? Adresse unbekannt? rus