„Das Christentum ist jeden Augenblick noch möglich.“ F. Nietzsche

 

 

 

Stellungnahme

Eigentlich handelt es sich um eine innerkirchliche Angelegenheit, aber auf Drängen von Freunden und Ratgebern soll nachfolgend nun doch zu einer Sache Stellung genommen werden, die sich derzeit in einer Diözese im südlichen Deutschland ereignet und gegen die örtliche Katholische Integrierte Gemeinde gerichtet ist:

Personen aus der dortigen Amtskirche haben völlig haltlose Anschuldigungen, unwahre Behauptungen und faktenfreie Vorurteile gegen die örtliche Katholische Integrierte Gemeinde zusammen gesammelt und als eigene Meinung und Ansicht in einem internen sog. ‚Zwischenbericht‘ zusammengestellt, der ihr letztlich ihre Katholizität absprechen will.
Nach der Fertigstellung dieses ‚Zwischenberichtes‘ Anfang Oktober 2019 wurde dieser der örtlichen Katholischen Integrierten Gemeinde zugestellt und nachweislich zeitgleich rechtswidrig an völlig unbeteiligte Dritte weitergegeben, worüber er dann auch seinen Weg in die Presse und in die sozialen Netzwerke fand und dort verbreitet wurde und wird.
Sinn und Zweck dieses gegen vielfältige Rechtsgrundsätze verstoßenden Vorgehens war und ist allein, eine massive Rufschädigung der örtlichen Katholischen Integrierten Gemeinde und die bewusste und gewollte Verhinderung ihrer Arbeit dort herbeizuführen.
Die Katholische Integrierte Gemeinde befindet sich insoweit in bester Gesellschaft, als auch andere Initiativen katholischer Gläubiger, die frei und unabhängig von den Strukturen der dortigen Amtskirche und deren Finanzmitteln entstanden sind und arbeiten, Vergleichbares erleben mussten.
Diese Kampagne führte nun aber auch dazu, dass aus aller Welt hunderte von Anschreiben eintrafen, die die Verbundenheit und Solidarität mit der Arbeit der Katholischen Integrierten Gemeinden ausdrückten und genau das Gegenteil dessen beschreiben und bezeugen, was in diesem ‚Zwischenbericht‘ wahrheitswidrig unterstellt wird.
Auch dadurch dankbar ermutigt werden die Katholischen Integrierten Gemeinden in enger Anbindung an die Gesamtkirche gemäß ihren Statuten ihre Arbeit weiterführen. kig

Was soll das Theater? – Mit Videoclip

Man könnte meinen, das Theater sei überflüssig geworden: Wieso die Bequemlichkeit der eigenen vier Wände eintauschen gegen einen harten Stuhl, eingezwickt im Theaterpublikum?

Warum sich auf eine Vorführung einlassen, wenn hinter den heimischen Bildschirmen tausende warten? Wozu überhaupt noch „Bretter, die die Welt bedeuten“, wenn Heerscharen an Denkern und Forschern über Jahrtausende hinweg ein kaum überschaubares Wissen angehäuft haben? Weiß man denn nicht spätestens heute, was nun die Welt bedeutet? Allen, die solchen Bedenken folgend des Theaterganges nicht mehr bedürfen: Glückwunsch, eine Mühsal weniger! Allen anderen sei Folgendes empfohlen: Der Prolog eines Theaterabends aus dem Sommer 2019 im Park des Günter-Stöhr-Gymnasiums – unter Mitwirkung vieler aus dem Umfeld der Schule und der Integrierten Gemeinde. Jederzeit anschaubar, ganz bequem, ganz bildschirmtauglich, wann immer, wo immer, ganz wie man möchte. saw

Videoclip „Prolog zum Sommernachtstraum“

Krönung des Lebens

24. November 2019, Christkönigssonntag C

Schon den Vorsokratikern ist der Vorwurf gegen die Religion bekannt: Die Menschen machen sich genau die Bilder vom Göttlichen, die ihnen entsprechen: Wenn Hunde Götter hätten, dann hätten sie die Gestalt von Hunden. Auch die biblische Aufklärung entlarvt diese Schwäche des Religiösen und geht einen anderen Weg.

Das Bild von Christus als König ist deswegen nicht als religiöse Spiegelung menschlicher Vorstellungen zu sehen. Im Gegensatz zu einem weltlichen König sitzt Jesus auf keinem Thron und regiert kein Staatswesen. Die Krönung seines Lebens ist es, den unteren Weg zu gehen. Bis heute ist er deswegen als Gekreuzigter dargestellt. In der Widersprüchlichkeit von Kreuz und Thron zeigt die Bibel ein Ebenbild des Unsichtbaren in dieser Welt. Es kann von allen, die es anschauen, nachgeahmt werden. ruk

Kol 1,12-20

Dankt dem Vater mit Freude! Er hat euch fähig gemacht, Anteil zu haben am Los der Heiligen, die im Licht sind. Er hat uns der Macht der Finsternis entrissen und aufgenommen in das Reich seines geliebten Sohnes. Durch ihn haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden. Er ist Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin erschaffen. Er ist vor aller Schöpfung und in ihm hat alles Bestand. Er ist das Haupt, der Leib aber ist die Kirche. Er ist der Ursprung, der Erstgeborene der Toten; so hat er in allem den Vorrang. Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen, um durch ihn alles auf ihn hin zu versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen, der Frieden gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut.

»…Eine entscheidende Wende im jüdisch-katholischen Dialog«

Dieser Satz steht auf der Banderole des Buches „Ebrei e Cristiani“, denn der Beitrag von Papst em. Benedikt in der Zeitschrift Communio im vergange­nen Jahr hat das jüdisch-christliche Gespräch unerwartet beflügelt.

Die Präsentation des Buches erfolgte bei einem Evento am 16. Mai 2019, ausgerichtet vom Lehrstuhl für die „Theologie des Volkes Gottes“, an der Päpstlichen Lateran-Universität in Rom. Es sprachen Rabbiner Arie Folger, Erzbischof Georg Gänswein, der Präfekt des Päpstlichen Hauses und Sekretär von Benedikt XVI., und Elio Guerriero, der Herausgeber des Buches.

Theologica Nr. 7 macht die Vorträge der Begegnung zugänglich, jetzt auch in Englisch und in Italienisch erhältlich.

Näheres zum Inhalt und Hinweise zur Bestellung finden Sie hier.

Leben im Zwischen

17. November 2019, 33. Sonntag im Jahreskreis C

Das Lese- und Kirchenjahr geht zu Ende. Die liturgischen Texte nehmen diese Stimmung auf, aber ganz anders als gegenwärtige Endzeitprediger.

„Lasst euch nicht irreführen, erschreckt nicht“, heißt es im Evangelium. Zutiefst beunruhigend war damals die Zerstörung des Jerusalemer Tempels; Schreckensszenarien wie Erdbeben, Seuchen, Hungernöte und Kriege begleiten die Geschichte bis heute. Die angesagte Klimakatastrophe fügt dieser Liste eine Nuance hinzu. Aber das alles ist nicht das Ende. Wir leben im Zwischen. Was sind feste Koordinaten? Für den Propheten: der „Tag“, wenn der Herr kommt und über Israel die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen wird. Für uns: der „Tag des Herrn“, wenn wir sein Kommen in die Versammlung der Kirche begrüßen. Für Paulus: arbeiten, auch mit der Hand, zum eigenen Lebensunterhalt. Und dabei möglichst viele Juden und Heiden, Männer und Frauen ­sammeln. „Lasst euch nicht irreführen“ – „Das Ende kommt nicht sofort.“ Die Dranbleiber (ὑπομονή) sollen trotz Bedrängnis und Anfeindung kein einziges Härchen verlieren. ars

Mal 3,19–20b

Seht, der Tag kommt, er brennt wie ein Ofen: Da werden alle Überheblichen und alle Frevler zu Spreu und der Tag, der kommt, wird sie verbrennen, spricht der Herr der Heerscharen. Weder Wurzel noch Zweig wird ihnen dann bleiben. Für euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen und ihre Flügel bringen Heilung.

2 Thess 3,7–12

Ihr selbst wisst, wie man uns nachahmen soll. Wir haben bei euch kein unordentliches Leben geführt und bei niemandem unser Brot umsonst gegessen; wir haben uns gemüht und geplagt, Tag und Nacht haben wir gearbeitet, um keinem von euch zur Last zu fallen. Nicht als hätten wir keinen Anspruch auf Unterhalt; wir wollten euch aber ein Beispiel geben, damit ihr uns nachahmen könnt. Denn als wir bei euch waren, haben wir euch geboten: Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen. Wir hören aber, dass einige von euch ein unordentliches Leben führen und alles Mögliche treiben, nur nicht arbeiten. Diesen gebieten wir und wir ermahnen sie in Jesus Christus, dem Herrn, in Ruhe ihrer Arbeit nachzugehen und ihr eigenes Brot zu essen.

Lk 21, 5–19

In jener Zeit, als einige darüber sprachen, dass der Tempel mit schön bearbeiteten Steinen und Weihegeschenken geschmückt sei, sagte Jesus: Es werden Tage kommen, an denen von allem, was ihr hier seht, kein Stein auf dem andern bleibt, der nicht niedergerissen wird. Sie fragten ihn: Meister, wann wird das geschehen und was ist das Zeichen, dass dies geschehen soll? Er antwortete: Gebt Acht, dass man euch nicht irreführt! Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin es! und: Die Zeit ist da. – Lauft ihnen nicht nach! Wenn ihr von Kriegen und Unruhen hört, lasst euch nicht erschrecken! Denn das muss als Erstes geschehen; aber das Ende kommt noch nicht sofort. Dann sagte er zu ihnen: Volk wird sich gegen Volk und Reich gegen Reich erheben. Es wird gewaltige Erdbeben und an vielen Orten Seuchen und Hungersnöte geben; schreckliche Dinge werden geschehen und am Himmel wird man gewaltige Zeichen sehen. Aber bevor das alles geschieht, wird man Hand an euch legen und euch verfolgen. Man wird euch den Synagogen und den Gefängnissen ausliefern, vor Könige und Statthalter bringen um meines Namens willen. Dann werdet ihr Zeugnis ablegen können. Nehmt euch also zu Herzen, nicht schon im Voraus für eure Verteidigung zu sorgen; denn ich werde euch die Worte und die Weisheit eingeben, sodass alle eure Gegner nicht dagegen ankommen und nichts dagegen sagen können. Sogar eure Eltern und Geschwister, eure Verwandten und Freunde werden euch ausliefern und manche von euch wird man töten. Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden. Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden. Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen.

In Gemeinschaft leben – Briefe an das Oratorium

von J. H. Newman

Überlegen wir, was das Wort „Gemeinschaft“ impliziert. In Gemeinschaft leben heißt nicht einfach, sich in einem Haus befinden. Denn dann würden ja die Gäste in einem Hotel eine Gemeinschaft bilden.

Auch bedeutet es nicht, gemeinsame Verpflegung und Unterkunft zu haben. Sonst wäre eine Pension auch eine Gemeinschaft. Priester, die in einem Priesterhaus oder Pfarrhaus leben und alle ihr eigenes Zimmer haben, wohl einen gemeinsamen Tisch und gemeinsame Pflichten in Kirche und Pfarrei, leben deshalb noch nicht in Gemeinschaft. In Gemeinschaft leben heißt einen Leib bilden, und zwar so, dass man als einer handelt und als einer behandelt wird. Ein Oratorium (Name der Gemeinschaft, über die Newman nachdenkt) ist ein Einzelwesen (individuality). Es hat einen Willen und ein Handeln, und in diesem Sinn ist es eine Gemeinschaft. Aber es ist klar, dass eine solche Gemeinschaft des Wollens, Denkens, Meinens und Verhaltens nur zustande kommen kann durch beträchtliche Zugeständnisse an eigenem Urteil von seiten jedes einzelnen der so Verbundenen. Es ist mithin keine Übereinstimmung des Zufalls oder der Natur, sondern eine des übernatürlichen Zieles.
Es ist nicht jedermanns Gabe, mit anderen zusammenzuleben. Nicht jede heiligmäßige Seele und nicht jeder gute Weltpriester kann in Gemeinschaft leben. Vielleicht können dies nur sehr wenige Menschen.

 

Aus: John Henry Kardinal Newman, Briefe an das Oratorium über die Berufung zum Oratorium des hl. Philipp Neri (1856)

Bildverlust und Beschreibungslust

von L. Weimer

Platons Höhlengleichnis kritisierte die Verwechslung der Dinge, die unsere Sinne wahrnehmen, mit der Wirklichkeit: Wir seien in unserer Höhle gefesselt und sähen nicht das echte Leben, sondern nur dessen Schatten an der Wand.

Peter Handke bemerkte das Rätsel so: „Für viele heißt nur das Wirklichkeit, was nicht in Ordnung ist“ (Das Gewicht der Welt, Journal 1977). Er beschrieb unablässig den universalen Bildverlust, den modernen: das Vergessen und Vertauschen der Maßstäbe, Überflutung statt Anschauen. Die Dinge und Traditionen sprächen dadurch nicht mehr. Ihm ging es um eine Rettung und er nannte sie in „Der Bildverlust“ eine „Weltbestandsschleppe, über die ganze Erde streifend.“ Die Sprache der Welt-Bilder ist mehr als eine Moralreligion, sie ist die Antwort der Schöpfung auf die Frage, was uns retten kann. „Auch Theologie ist physisch“, sagte Handke einmal in einem Interview.

 

Aus: https://zettelsraum.blogspot.com/2019/10/peter-handkes-beschreibungslust.html

Cave canem – Vorsicht bissig!

Die unverzichtbare Wachheit vor dem Feind, die sich in der katholischen Kirche konsequent auch nach Innen richtet, trifft manchmal die Richtigen falsch und manchmal die Falschen richtig. Der am 13. Oktober 2019 heiliggesprochene John Henry Newman wurde von wohlmeinenden Dienern der katholischen Sache für hoch gefährlich gehalten.

Monsignore Talbot, der Sekretär von Papst Pius IX., warnte Kardinal Manning, den Erzbischof von Westminster, in einem Brief: „Dr. Newman ist der gefährlichste Mann in England.“ Vielleicht hat Talbot noch mehr an Bedrohung gespürt als die geistige Unabhängigkeit Newmans. Die aktuelle Heiligsprechung hat Newman einigermaßen rehabilitiert, doch die Einschätzung des päpstlichen Sekretärs adelt ihn bis heute. Wer Newman ernst nimmt, versteht die Sorge des Sekretärs, wenn Newman beispielsweise sagt, dass der Glaube „nicht die Sache der Ordnung sei, sondern die Sache der Unruhe und Störung der Ordnung, wie es war, als Christus kam und die Apostel predigten“. ses

Fragment zur Heiligen Schrift

von P. Handke

Seiner Form, seinem Rhythmus, seinem Tonfall nach: ein Buch aus der Nacht der Zeiten. Das trifft zu, und zugleich kann der Leser unserer Tage, der von heute, in der Bibel, Buch für Buch, seine eigene Geschichte lesen, wie in keinem anderen Buch:

er kann sie da entdecken, dann sie verstehen, dann sich ihr stellen. Der Leser ist der tragikomische Held aller der biblischen Geschichten; nicht bloß der Geschichten, sondern auch der Liebesgedichte, wie im Hohenlied, und der Hilferufe, wie immer wieder in den Psalmen. Du, Leser, hast den ersten Farbenaugenblick gelebt in Eden, und du wirst jene schwarzen und schwärzeren letzten Momente erleben, dein Mund voll Essig (und Ärgerem), wo du aufschreien wirst mit der Frage, warum dein sozusagen allmächtiger Vater dich verlassen hat. Deswegen ist die Bibel für den Leser ein entsetzliches, gefährliches Buch: er ist gezwungen, zu sehen, wie es, in der Tiefe, mit ihm steht, dem Sterblichen. Verlorener Sohn, der sich in Sicherheit fühlt, weil ihm der Vater für einmal verziehen hat – ihm sogar ein Fest bereitet hat. Aber danach, auf dem Kreuz, wo ist er, mein Vater und sein versprochenes Fest? Die Bibel kann in ihrem Leser das äußerste Grauen erwecken: ah, dieser Verrückte, der sich für Gott hält, unsterblich; dieser Wehleidige, welcher in den Bedrängnissen sich vor seinen Widersachern brüstet mit der Allmacht seines Vaters, und dass der ihm gleich zu Hilfe kommen wird; dieser sogenannte Gottessohn, der krepiert unter Geheul wie ein herrenloser Hund – das alles, das bin ich selber, ich, der das liest. Du, der heutigen Tages die Bibel liest: Achtung, Todesgefahr! Oder Lebensgefahr? Beseelende Gefahr? Begeisternde Gefahr, seit jener Nacht der Zeiten? Heilsame Gefahr? Heilsgefahr?

 

Aus: Peter Handke, Langsam im Schatten (1992)

Prosaisches Priestertum

von L. Baeck

Gedankenlosigkeit ist die eigentliche Gottlosigkeit, die Heimatlosigkeit der Seele. Vor ihr, vor dieser Geheimnislosigkeit und Gebotlosigkeit, will das Gesetz bewahren; es will aller Oberfläche immer wieder ihr Symbolisches, aller Prosa ihr Gleichnis geben. Jeder Mensch soll zum Priester seines Lebens gemacht werden.

Daher die Fülle dieser Bräuche, dieser Einrichtungen und Ordnungen, von denen alles umgezogen wird, „wenn du in deinem Hause sitzest und wenn du auf deinem Wege gehest, wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst“, bis hin zu der weiten Prosa des Essens und Trinkens. Im Judentum ist der Versuch gemacht worden, dem Leben seinen Stil dadurch zu schaffen, dass die Religion in jeden Alltag und in den ganzen Alltag hineingestellt wird. Alles erhält sein Gottesdienstliches.

 

Aus: Leo Baeck, Geheimnis und Gebot, in: Der Leuchter – Weltanschauung und Lebensgestaltung (1921/1922)

485 Jahre nach dem Brexit

Es ist eine makrohistorische Sensation, dass nach knapp einem halben Jahrtausend der Trennung Englands von der römischen Kirche ein Thronfolger des englischen Königshauses, Prinz Charles, die katholische Heiligsprechung seines Landmanns in Rom ehrt: John Henry Newman.

Immerhin ist Newman seit einem halben Jahrtausend der erste Heilige Englands, der nicht auch das Martyrium erlitten hat. Und zum Martyrium katholischer Heiliger hat das englische Königshaus über die Jahrhunderte keinen unerheblichen Beitrag geleistet.

Im Hinblick auf die Wiederannäherung der Insel an den Kontinent ist die Kirchengeschichte der politischen ein halbes Jahrtausend-Stückchen voraus, wie schon in der Geschichte der Trennung. ses

Kardinalfrage

von J. H. Newman

Es gibt keine Zeit, in welcher die Kirche so viele unwahre Glieder hatte, d. h. so viele Menschen, die sich als ihre Glieder erklären, wiewohl sie doch wenig oder nichts über den wirklichen Sinn dieser Gliedschaft kennen, und innerhalb ihrer Mauern bleiben, aus Gründen, die weder religiös noch richtig sind.

Um eine hierhergehörige Frage zu stellen: Was meint ihr, wie viele Verteidiger von Christi heiliger Kirche unter uns übrigbleiben, wenn es sich herausstellte, dass ihre Sache nicht die Sache der Ordnung sei, wie es heute der Fall ist, sondern die Sache der Unruhe und Störung der Ordnung, wie es war, als Christus kam und die Apostel predigten?

 

Aus: Kardinal John Henry Newman, Predigt in St. Mary in Oxford (31. Mai 1840)

Wenn der Mensch über seinen Tag hinausblickt ...

von L. Baeck

In zwiefacher seelischer Erfahrung wird dem Menschen der Sinn seines Lebens lebendig, in der Erfahrung vom Geheimnis und in der vom Gebot. Man kann sie auch nennen das Wissen um das, was wirklich ist, und um das, was verwirklicht werden soll.

Wenn der Mensch zu seinem Leben hingelangen will, wenn er nach der Bedeutung seines und alles Lebens hinhorcht, wenn unter der Oberfläche das Wirkliche ihm nahetritt, so erlebt er immer das Geheimnis; er erfährt, dass er geworden ist, er erfährt, um das Verborgene und das Bergende seines Daseins, um das, was ihn und alles umfasst und umfängt, er erfährt, mit dem alten Gleichnis im „Segen des Moses“ zu sprechen, um „die Arme der Ewigkeit“. Und wenn der Mensch über den Tag hinausblickt, wenn er seinem Leben eine Richtung geben, es zu einem Ziele hinführen will, wenn er so das bestimmende, das Deutliche seines Lebens erfasst, so wird es immer zum Gebote, zur Aufgabe, zu dem, was er verwirklichen soll. Der Grund des Lebens ist das Lebensgeheimnis, der Weg des Lebens ist das Lebensoffenbare.

 

Aus: Leo Baeck, Geheimnis und Gebot, in: Der Leuchter – Weltanschauung und Lebensgestaltung (1921/1922)

Von Worten und Christen

von G. Krasnitzky

Ein Hirtenbrief mag voller Wahrheit sein, eine Predigt erträglich. Letzten Endes beeindruckt das niemanden. Und wenn die Christen selbst die Weisheit des lieben Gottes besäßen, keinen Hund könnten sie damit hinter dem Ofen hervorlocken, wenn das, was sie sagen, nicht auch zu sehen ist.

Darum ist das Schlimmste, was der Kirche widerfahren kann, nicht nur eine Irrlehre, sondern das Fehlen des evangeliumsgemäßen Lebens. Die schlimmste Ketzerei ist es zu behaupten, die Wahrheit zu kennen, aber sie dann nicht zu tun. Was soll man von einer solchen Wahrheit halten, die es nur in Büchern gibt?

 

Günther Krasnitzky (1939–1987), zitiert in: Gerhard Lohfink, Rudolf Pesch, Ludwig Weimer (Hrsg.), Die Feier des Sonntags A

Euthanasie

Das süße Gift der NS-Ideologie vom lebensunwerten Leben durchzieht wieder die ethischen Diskurse. Und es verschont auch die frommen Kreise nicht. Sofern sie vom Christentum vor allem verstanden haben, dass es um die ganz persönliche ewige Seelen-Wellness geht, hat das Leben ein Wohlfühlbad zu sein.

Da kommt die alte pagane Einflüsterung recht, dass man auch jederzeit den Stöpsel ziehen kann, bevor man zu frösteln beginnt. Unser liberales Nachbarland Holland spiegelt die selbstverständlich gewordene Kultur des schönen Todes ungeschminkt wider. Das deutsche Ärzteblatt berichtet davon, dass man sich im Parlament der Niederlande Sorgen um einen leichten Rückgang der Euthanasiezahlen im Jahr 2018 machte. Die Zahlen der staatlichen „Regionalen Toetsingscommissies Euthanasie“ hatten gezeigt, dass 2018 erstmals seit 2006 ein Rückgang auf nur noch 6.126 getötete Menschen zu verzeichnen sei. Das sind immerhin 17 pro Tag. Holländische Medien vermuten, dass Ärzte offenbar öfter Anfragen von Personen mit Tötungswunsch ablehnen, nachdem zum ersten Mal ein Arzt deswegen strafrechtlich belangt wurde. Doch der Vorsitzende der staatlichen Kommission beruhigt: Er sehe keine Gefahr für einen Gesinnungswandel bei niederländischen Ärzten. Denn immerhin sei im ersten Quartal 2019 die Zahl der Fälle schon wieder um 9 % über die des ersten Quartals 2018 gestiegen. Sein Eindruck sei daher, die Sterbehilfe werde „ordnungsgemäß durchgeführt“. Beunruhigt war und ist offenbar auch niemand darüber, dass laut offizieller Statistik bereits im Jahr 2015 viele hundert, nämlich genau 431 demente Personen ohne ausdrücklichen Tötungswunsch getötet wurden. Dem offenen Umgang mit dem Thema in Holland verdanken wir die genauen Zahlen. Die Dunkelziffer ist bei uns sicherlich höher, wenn man bedenkt, wie weit verbreitet die wohlmeinende Ideologie vom nicht mehr lebenswerten Leben ist. anm, ses

Gerhard Szczesny

„... so anders“

Foto: Dr. Gerhard Szczesny (1918–2002) im Juli 1976

 

Mitte der 80er Jahre erschien an einem Wochenende die Süddeutsche Zeitung wegen Streiks nur als Notausgabe. Darin war eine längere Erklärung des Publizisten, bekannten Humanisten und Agnostikers Dr. Gerhard Szczesny zu seinem Austritt aus der SPD abgedruckt, der er lange angehört hatte. Aufgrund der besonderen Umstände fand dieser Schritt wenig Beachtung.
Das war dreißig Jahre vorher ganz anders. 1958­ in der Zeit der Restauration der Adenauer-Ära­ veröffentlichte er eine Streitschrift Die Zukunft des Unglaubens. Zeitgemäße Betrachtungen eines Nichtchristen. Er protestierte gegen die beengende und aufgezwungene Minoritätenrolle der Nichtchristen in einer christlich dominierten Gesellschaft, gegen die Monopol- und Machtansprüche des Christentums auf die Wahrheit: „Es erscheint uns unerträglich, dass sich in einer Zivilisation, die die Heimat wahrer geistiger Freiheit zu sein beansprucht, der Nichtchrist wie ein Dieb in der Nacht verhalten muss“ (Zukunft des Unglaubens). Scharfsichtig diagnostizierte er die unhaltbaren Monopol- und Machtansprüche des Christentums. Er verlor seine Stelle beim Bayrischen Rundfunk. Er begründete 1961 u.a. zusammen mit Fritz Bauer und Alexander Mitscherlich die „Humanistische Union“ und ein Jahr später seinen Verlag „Club Voltaire – Jahrbuch für kritische Aufklärung“. 1968 schrieb er das Vorwort zu Joachim Kahls Das Elend des Christentums oder Plädoyer – eine Humanität ohne Gott.

 

Im selben Jahr 1958, als er seine Position eines post-christlichen Agnostikers öffentlich machte, der auf dem Boden der Errungenschaften der Aufklärung einen Humanismus etablieren wollte, schrieb Joseph Ratzinger in der katholischen Zeitschrift Hochland: „Die Kirche deckt sich seit dem Mittelalter im Abendland mit der Welt“ – ein Zustand, den Sczszeny noch als alles beherrschend vorfand – „Heute ist diese Deckung nur noch Schein, der das wahre Wesen der Kirche und der Welt verdeckt“ (Die neuen Heiden und die Kirche). Diesen Schein kritisierte Szczesny, und darin stimmten sie beide überein. Welche Folgerung zog Joseph Ratzinger aus dieser Analyse? 1968 veröffentlichte er seine Vorlesungsreihe über das Apostolische Glaubensbekenntnis, die er in Tübingen vor Hörern aller Fakultäten gehalten hatte, unter dem Titel Einführung in das Christentum.

 

Anfang der 70er Jahre kam die Integrierte Gemeinde in Kontakt mit Gerhard Szczesny. Er war auf sie von Peter M. Bode hingewiesen worden; der hatte über eine Ausstellung der Gemeinde in München berichtet und am Ende Leute wie Gerhard Szczesny und Heinrich Böll aufgefordert, sich mit diesen offenbar ungewöhnlichen Katholiken auseinander zu setzen. Er nahm an. Nach der ersten Begegnung schrieb er: „Es war das erste Mal, dass ich mich in einer Gemeinschaft von Menschen, die sich ausdrücklich als Christen verstanden wissen wollen, wirklich wohl, d. h. unbefangen und normal gefühlt habe.“ Einmal bemerkte er: „Ich weiß, wie der Kaffee in kirchlichen Häusern schmeckt – bei euch ist alles so anders.“

 

1977 fassten einige Leute der Gemeinde – es war darunter eine ganze Reihe von Gymnasiallehrern – den Entschluss, ein privates Gymnasium zu eröffnen. Sie suchten Ermutigung, weil das Kultusministerium von der Idee unter den damaligen Bedingungen in München nicht gerade begeistert war. Beide stimmten gerne und aus Überzeugung zu, sich im vorbereitenden Werbeprospekt nebeneinander als Freunde der Integrierten Gemeinde nennen zu lassen. Von diesen beiden so verschiedenen Personen inspiriert, formulierten die Leute der Gemeinde als Leitlinie des Schulprojekts und der Gemeinde: „Zwei Traditionen haben sich in der Integrierten Gemeinde zu einer Lebensform verknüpft, die sich gegenseitig auszuschließen scheinen: die christliche Tradition und die neuzeitliche Religions- und Gesellschaftskritik.“

 

Bei der Trauerfeier für Gerhard Szczesny auf dem Grünwalder Friedhof – die Angehörigen hatten die Gemeinde gebeten sie zu gestalten – sagte Gertraud Wallbrecher: „Gerhard Szczesny war für uns ein Lehrer, weil er uns unaufhaltsam herausgefordert hat, das zu sein, was wir immer sein wollten: eine Gemeinde, die sich so verhält und miteinander umgeht wie diejenigen, die einmal vor 1900 Jahren das Neue Testament geschrieben haben.“

 

Mehr als Kalorien

Seit je lösen Menschen Konflikte beim Essen. Das gemeinsame Mahl vermag, was ein Gespräch allein oft nicht erreicht: Vertrauen schaffen, Frieden stiften.

Heute ergründen Historiker und Soziologen, Kulturwissenschaftler und Psychologen die Kraft des gemeinsamen Essens. Sie werten Menüfolgen aus und erforschen den Einfluss auf die Diplomatie, unterziehen Esser psychologischen Tests und belauschen Familien am Abendbrottisch. Die Ergebnisse der Forscher zeigen, wie wichtig diese uralte Kulturtechnik ist – und wie bewahrenswert. „Wenn wir nicht zusammen essen, geht uns Sicherheit verloren und Geborgenheit“, sagt der Psychologe Marshall Duke. „Gemeinsames Essen ist das Rückgrat des menschlichen Miteinanders.“

 

Aus: DIE ZEIT, Nr. 32 vom 1. August 2019

Klimax des Unmöglichen

Glaubst du ans Paradies?

Ja.

Warum?

Weil ich daran glauben will.

Mit ähnlich weltanschaulichen Interviewausschnitten beginnt der neue kontroverse Film „Climax“ des argentinischen Skandalregisseurs Gaspar Noé, in dem eine Gruppe junger Leute die Hauptrolle spielen, denen Tanzen alles im Leben bedeutet. Wenn sie nach ihrer letzten gemeinsamen Probe zusammen ausgelassen feiern und tanzen, jeder für sich allein, im Wechsel umringt von den anderen, kommt ein Phänomen zum Ausdruck, das der Regisseur in der gesellschaftlichen Entwicklung seit Einführung der Pille beobachtet hat: „Wie Leute ermutigt wurden, Lust zu empfinden und nicht mehr von anderen abhängig zu sein. Aber eben auch, wie Leute immer einsamer werden. Sie sind nicht mehr Teil einer Gruppe, sondern konkurrieren mit dem Rest der Welt.“ Ohne jeden Halt mündet die Feier der Tänzer, denen ein Unbekannter LSD in ihr Getränk gemischt hat, ins Chaos. Jede Form von Angst und Unsicherheit der Einzelnen wird um ein Vielfaches potenziert zu gegenseitiger Brutalität. In Großbuchstaben schließt der Film mit den Worten „Leben ist kollektive Unmöglichkeit“. Das Undenkbare denkbar, was wäre das Leben als kollektive Möglichkeit? heg

Interview

Die Katholische Integrierte Gemeinde

Am 27. August 2018 sendete Radio Horeb ein Interview mit Dr. Peter Zitta, Mitglied der Katholischen Integrierten Gemeinde und ihrer Priestergemeinschaft. Das Interview wurde am 7.8.2019 erneut gesendet.

Hören Sie hier zwei Ausschnitte.

Teil I: „Was ist die Katholische Integrierte Gemeinde?“
Teil II: „Was hat Sie an der Integrierten Gemeinde angesprochen?“

Was an der Welt nicht in Ordnung ist

von F. Ebner

Selbsterkenntnis ist Erkenntnis der Diskrepanz von Idee und Wirklichkeit in sich selbst, aber noch lange nicht Erkenntnis der Sünde. Denn in dieser handelt es sich nicht um diese Diskrepanz.

In der Selbsterkenntnis misst sich der Mensch nach einem menschlichen Maßstab, denn die Idee ist etwas Menschliches. In der Erkenntnis der Sünde sieht er seine Daseins- und Lebenswirklichkeit der Jesu gegenübergestellt und also an einem göttlichen Maßstab gemessen.

Je mehr sich die Erkenntnis, von der Oberfläche des Mathematischen hinweg vertieft, desto mehr wird sie zum Wissen darum, dass keineswegs alles in dieser Welt und diesem Leben in Ordnung ist, zum Wissen, ums verlorene Paradies; aber wahrlich nur zum Wissen des draußen vor den verschlossenen Toren Stehenden – Erkennende sind immer outsider des Lebens. Und gerade in dieser Vertiefung fordert sie ihre letzte Wendung: vom Objektiven, das auch im Wissen ums verlorene Paradies noch ist, zum Subjektiven, worin erkannt wird, warum das Paradies verlorenging. Der Erkennende steht wie Moses auf dem Berge und sieht das Land der Verheißung vor sich – aber der Eintritt ist ihm verwehrt. Erlösen aus seiner Icheinsamkeit kann den Menschen nur die Liebe und das Wort.

 

Aus: Ferdinand Ebner, Das Wort und die geistigen Realitäten (1919)

An das pilgernde Volk Gottes in Deutschland

von Papst Franziskus

„Ohne neues Leben und echten, vom Evangelium inspirierten Geist, ohne Treue der Kirche gegenüber ihrer eigenen Berufung wird jegliche neue Struktur in kurzer Zeit verderben“ (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 26).

Deshalb kann der bevorstehende Wandlungsprozess nicht ausschließlich reagierend auf äußere Fakten und Notwendigkeiten antworten, wie es zum Beispiel der starke Rückgang der Geburtenzahl und die Überalterung der Gemeinden sind, die nicht erlauben, einen normalen Generationenwechsel ins Auge zu fassen. Objektive und gültige Ursachen würden jedoch, werden sie isoliert vom Geheimnis der Kirche betrachtet, eine lediglich reaktive Haltung – sowohl positiv wie negativ – begünstigen und anregen. Ein wahrer Wandlungs­prozess beantwortet, stellt aber zugleich auch Anforderungen, die unserem Christ-Sein und der ureigenen Dynamik der Evangelisie­rung der Kirche entspringen; ein solcher Prozess verlangt eine pastorale Bekehrung. Wir werden aufgefordert, eine Haltung einzunehmen, die darauf abzielt, das Evangelium zu leben und transparent zu machen, indem sie mit „dem grauen Prag­matismus des täglichen Lebens der Kirche bricht, in dem anscheinend alles normal abläuft, aber in Wirklichkeit der Glaube nachlässt und ins Schäbige absinkt“ (Evangelii gaudium, 83). Pastorale Bekehrung ruft uns in Erinnerung, dass die Evangelisierung unser Leit­kriterium schlechthin sein muss. Die so gelebte Evangelisierung ist keine Taktik kirchlicher Neupositionierung in der Welt heute, oder kein Akt der Eroberung, der Dominanz oder territorialen Erweiterung; sie ist keine „Retusche“, die die Kirche an den Zeitgeist anpasst, sie aber ihre Origina­lität und ihre prophetische Sendung verlieren lässt. Auch bedeutet Evangelisierung nicht den Versuch, Gewohnheiten und Praktiken zurück­zugewinnen, die in anderen kulturellen Zusammenhängen einen Sinn ergaben. Nein, die Evangeli­sierung ist ein Weg der Jüngerschaft in Antwort auf die Liebe zu Dem, der uns zuerst geliebt hat (vgl. 1 Joh 4,19).

Ich möchte euch zur Seite stehen und euch begleiten in der Gewissheit, dass, wenn der Herr uns für würdig hält, diese Stunde zu leben, Er das nicht getan hat, um uns angesichts der Herausforderungen zu beschämen oder zu lähmen. Vielmehr will er, dass Sein Wort einmal mehr unser Herz herausfordert und entzündet, wie Er es bei euren Vätern getan hat, damit eure Söhne und Töchter Visionen und eure Alten wieder prophetische Träume empfangen (vgl. Joel 3,1).

 

Aus dem Schreiben von Papst Franziskus an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland, 29. Juni 2019

Hier finden Sie das vollständige Dokument.

Wege aus der Bedrängnis

von S. Almekias-Siegl

Die klassische jüdische Reaktion auf Katastrophen ist Lebenserneuerung. Es gehört zur Wesensart des Volkes Israel, das Andenken an seine Erfolgs- wie seine Leidensgeschichte zu bewahren, um daraus Hoffnung für die Zukunft zu entwickeln.

Man könnte zugespitzt sagen: Israels Zurückdenken bringt es nach vorne. Erinnerung ist der Schlüssel für die Zukunft des Volkes Israel. Wie die Erprobung stattfand, so wird auch die Erlösung geschehen. Die vergangenen Katastrophen haben die jüdische Gemeinschaft zweifellos niedergeschmettert, aber auf paradoxe Weise auch gestärkt. Diese innere jüdische Bewegung und Dynamik bringt eine russische Volkserzählung gut zum Ausdruck:

Als Napoleon bei seinem Feldzug gegen Russland durch ein kleines jüdisches Schtetl zog, äußerte er den Wunsch, die Synagoge von innen zu sehen. Zufällig war dieser Tag der 9. Aw, und die Juden saßen in der Finsternis auf dem Boden, in Wehklagen und Gebet. Als man Napoleon erklärt hatte, dass der Grund ihrer Klage die Verwüstung des Tempels war, fragte er: „Wann ist das passiert?“ „Vor 2000 Jahren“, sagte man ihm. Als er das hörte, erklärte der Kaiser: „Ein Volk, das in der Lage ist, 2000 Jahre lang die Erinnerung an sein Land zu bewahren, wird sicher den Weg zur Heimkehr dorthin finden.“

Aber vergessen wir an dieser Stelle eines nicht: Es handelt sich hierbei um keinen Automatismus. Das Fasten und Gedenken des Vorherigen allein genügt nicht. Denn Hass und Unfrieden haben zum Verlust des Tempels geführt. Das Fasten muss von einem alltäglichen Umgang der Kinder Israels in der Wahrheit und im Frieden miteinander begleitet sein, wenn es denn tatsächlich zu einem Wandel von traurigen zu erneuerten fröhlichen Tagen kommen soll.

 

Aus: Jüdische Allgemeine, 18.07.2019, Artikel von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl

https://www.juedische-allgemeine.de/religion/wege-aus-der-bedraengnis/