„Das Christentum ist jeden Augenblick noch möglich.“ F. Nietzsche

 

 

 

Herausforderung

von J. Sacks

Sinn erwächst nicht aus Denksystemen, sondern aus Geschichten, und die jüdische Geschichte ist die ungewöhnlichste von allen.

Sie sagt uns, dass Gott uns zu Seinen Partnern im Schöpfungswerk machen wollte, wir aber haben Ihn immer wieder enttäuscht. Doch Er gibt nie auf. Er verzeiht uns immer wieder. Für das Judentum ist das wahre religiöse Geheimnis nicht unser Glaube an Gott, sondern der Glaube Gottes an uns. Das ist keine tröstliche Fiktion, wie Atheisten und Skeptiker manchmal behaupten, sondern das genaue Gegenteil. Das Judentum ist der Appell Gottes an die menschliche Verantwortung, eine Welt zu erschaffen, die ein würdiges Zuhause für Seine Anwesenheit ist.

 

Aus: Jonathan Sacks, Vom Schicksal zum Glauben, Jüdische Allgemeine, 9. September 2018

Unerhörte Propheten

23. September 2018, 25. Sonntag im Jahreskreis B

Zum täglichen Ritual wie die Zeitung zum Frühstück gehört für viele die Feststellung, wie schlecht doch die Zeiten seien. Hat dieses Stereotyp vielleicht etwas übersehen?

Nämlich dass jede Epoche Personen hat, mit klarem, unbestechlichem Blick, die auf die wirklichen Gefahren und nötigen Weichenstellungen hinweisen – aber beiseitegeschoben werden? Israels Weisheitsliteratur beschreibt diesen Reflex gegenüber den Personen, die kritisch und quer denken: „Lasst uns dem Gerechten auflauern! Er ist uns unbequem und steht unserem Tun im Weg.“ In bedrohlichen Zeiten, 1927, sagte Theodor Haecker: Es haben Zeiten gemeint, dass das westliche Erbe bewahrt werden könne auch trotz oder gar wegen der Emanzipation von dem einen Glauben. „Ohne den christlichen Glauben ist Europa nur ein Sandkorn im Wirbel der Meinungen, Ideen und Religionen.“ Ob diese bewahrheiteten Worte eines hellsichtigen Mahners heute Gehör finden? bek

Weish 2,1a.12.17-20

Die Gottlosen tauschen ihre verkehrten Gedanken aus und sagen: Lasst uns dem Gerechten auflauern! Er ist uns unbequem und steht unserem Tun im Weg. Er wirft uns Vergehen gegen das Gesetz vor und beschuldigt uns des Verrats an unserer Erziehung. Wir wollen sehen, ob seine Worte wahr sind, und prüfen, wie es mit ihm ausgeht. Ist der Gerechte wirklich Sohn Gottes, dann nimmt sich Gott seiner an und entreißt ihn der Hand seiner Gegner. Durch Erniedrigung und Folter wollen wir ihn prüfen, um seinen Gleichmut kennenzulernen und seine Widerstandskraft auf die Probe zu stellen. Zu einem ehrlosen Tod wollen wir ihn verurteilen; er behauptet ja, es werde ihm Hilfe gewährt.

Interview

Die Katholische Integrierte Gemeinde

Am 27. August 2018 sendete Radio Horeb ein Interview mit Dr. Peter Zitta, Mitglied der Katholischen Integrierten Gemeinde und ihrer Priestergemeinschaft.

Hören Sie hier einen Ausschnitt.

Aus dem Interview mit Dr. Peter Zitta

Mühen des Anfangs

Wie sehr musste Mose von vorn anfangen und ihnen das Früheste beibringen musste, das merkt man den notdürftigen Vorschriften an, mit denen er daran herumzuwerken, zu meißeln und zu sprengen begann – nicht zu ihrem Behagen; der Klotz ist nicht auf des Meisters Seite, sondern gegen ihn, und gleich das Früheste, was zu seiner Formung geschieht, kommt ihm am allerunnatürlichsten vor.

Immer war Mose unter ihnen, bald hier, bald da, bald in diesem und bald in jenem Dorflager, schüttelte die Fäuste an breiten Handgelenken und rüttelte, mäkelte, krittelte und regelte an ihrem Dasein, rügte, richtete und säuberte daran herum, indem er die Unsichtbarkeit Gottes dabei zum Prüfstein nahm, JHWH‘s, der sie aus Ägypten geführt hatte, um sie sich zum Volk zu nehmen.

 

Aus: Thomas Mann, Das Gesetz (Stockholm 1944)

„Geht in Frieden“

16. September 2018, 24. Sonntag im Jahreskreis B

Der Jakobusbrief nimmt mit beißender Kritik die Einstellung aufs Korn, der Glaube könnte vom Tun getrennt sein.

Eine Auffassung, die schon in der Auseinandersetzung der frühen Kirche mit der griechischen Weltanschauung auftauchte. Glaube nur als innere Haltung oder Meinung ist jüdisch kaum denkbar, wo eine bestimmte Art des Tuns, Treue zur Tora, die Weise des Glaubens selber ist. Deshalb kann es hier keine Arbeitsteilung geben: einige glauben, andere handeln. Den biblischen Glauben gibt es nur mit Werken. Den Zusammenhang erklärt Jakobus am Beispiel Abrahams, dem ersten Glaubenden und kommt zum Schluss: „Du siehst, dass der Glaube mit seinen Werken zusammenwirkte und dass der Glaube aus den Werken zur Vollendung kam.“ Also weder auf den Glauben allein noch auf die Werke allein, sondern auf ihr Zusammenwirken kommt es an. tac

Jak 2,14-22

Meine Brüder, was nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten? Wenn ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleidung ist und ohne das tägliche Brot und einer von euch zu ihnen sagt: Geht in Frieden, wärmt und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was sie zum Leben brauchen – was nützt das? So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat. Nun könnte einer sagen: Du hast Glauben und ich kann Werke vorweisen; zeige mir deinen Glauben ohne die Werke und ich zeige dir aus meinen Werken den Glauben. Du glaubst: Es gibt nur einen Gott. Damit hast du Recht; das glauben auch die Dämonen und sie zittern. Willst du also einsehen, du törichter Mensch, dass der Glaube ohne Werke nutzlos ist? Abraham, unser Vater, wurde er nicht aus den Werken als gerecht anerkannt, als er seinen Sohn Isaak auf den Opferaltar legte? Du siehst, dass der Glaube mit seinen Werken zusammenwirkte und dass der Glaube aus den Werken zur Vollendung kam.

Sternstunde

von Ch. Noll

Von Anfang an haben mich immer die Beziehungen der KIG zu Joseph Ratzinger interessiert, weil wir über die Jahre seine theologischen Bemühungen einer Aussöhnung, einer Wieder-Annäherung von Juden und Christentum verfolgt haben. Er ist, glaube ich, auf diesem Gebiet der radikalste Theologe, von dem ich überhaupt jemals gehört habe.

Er ist auch derjenige, der sich in der gesamten Papstgeschichte am weitesten vorgewagt hat bis zur Änderung des Katholischen Katechismus. Die gesamte Entwicklung seit Nostra Aetate haben wir mit großem Interesse miterlebt – z. T. aus den Quellen, teils auch persönlich in Rom in den Jahren, als wir dort lebten – und daran viel Anteil genommen. Ich gehöre zu den Leuten, die die Wahl Benedikts XVI. als große Sensation, als eine Sternstunde in einer ansonsten eher trübsinnigen Zeit empfunden haben. Ich bin nicht der einzige Jude, der das so gesehen hat. Die Wahl von Kardinal Ratzinger zum Papst wurde in Israel durchweg sehr positiv gesehen, auch vom Jüdischen Weltkongress. Man hatte das über Jahre miterlebt, wie weit seine Versuche gegangen waren, innerhalb der Kirche, auch im fundamentalen Schrifttum der Kirche, Judenhass für immer undenkbar zu machen.

 

Aus: Chaim Noll, Mein Judesein (HEUTE, 6/2008)

Eine Hilfe, die man nicht übersehen sollte.

Anmerkungen zur Diskussion um den Beitrag Joseph Ratzingers/Papst Benedikt XVI. „Gnade und Berufung ohne Reue“.

Nach der Welle reflexartiger Kritik, die über Joseph Ratzingers „Anmerkungen zu einem Traktat De Iudaeis“ hereingebrochen ist, fragt man sich, warum Kardinal Koch den emeritierten Papst Benedikt XVI. bewogen hat, diese Skizze zu publizieren. Der Kardinal hat – zurecht – den provokativen Zündstoff erkannt, der in diesem Beitrag liegt. ...

 

Lesen Sie hier die den vollständigen Text der Stellungnahme des Lehrstuhls für die Theologie des Volkes Gottes.

Walther Cohen

„Da es Gott gefiel, sich vor den Juden zu zeigen ...“

Foto: Walther Cohen (1928–1959)

 

Der Rabbiner Leo Baeck veröffentlichte 1905 eine Schrift „Das Wesen des Judentums“ – eine Antwort auf „Das Wesen des Christentums“ (1901) des damals prominentesten protestantischen Theologen Adolf von Harnack; darin schrieb er: „So sollte der Jude als Jude sein: der große Nonkonformist in der Geschichte“ (292).

Dass der Vater von Walther Cohen Leo Baeck gelesen hatte, ist unwahrscheinlich. Auf seinem Schreibtisch im großbürgerlichen Haus stand eine Totenmaske von Goethe neben einer Statue von Voltaire. Rudolf, Walthers jüngerem Bruder, der die Bibel lesen wollte, empfahl der Vater die Ilias. Durch den Nachnamen Cohen war die Familie positioniert, auch wenn sie vom Schlimmsten bewahrt wurde. Der Vater war Halbjude, wie man damals sagte, und verheiratet mit einer Quäkerin; 1933 schloss er sich den Quäkern an, um mit ihrem effektiven Netzwerk Häftlinge in Dachau zu versorgen und, wenn möglich, freizukaufen. Die Emigration in die Schweiz lehnte er ab.

Juden, die 1940 im Auffanglager in Berg am Laim zusammengetrieben waren, wollte Walther, damals zwölf, mit seinem Bruder eine Freude machen. Sie sammelten Laubfrösche und brachten sie ihnen. Zu Hause in der Garderobe hingen nebeneinander die HJ-Uniform seines Bruders Rudolf und seine Jacke mit dem Judenstern. Im Frühjahr 1945 sammelte Walther mit dem Bollerwagen befreite KZ-Häftlinge auf und brachte sie zur Mutter, die Ärztin war. Später wird er ein stadt- und polizeibekannter Fassadenkletterer, bricht in Villen ein, nimmt Pelzmäntel und andere nützliche Dinge mit, um sie an seine Clochards weiterzugeben. Einmal hinterlässt er einen Zettel: „Hier war ein sehr interessierter Mensch, der sich erlaubt hat, einen Keks zu nehmen.“ Zu seinem Gartenzimmer hatten Obdachlose tags und nachts Zutritt und fanden immer eine heiße Suppe und Brot. Er arbeitete als Buchbinder, Buchrestaurator, zuletzt begann er auf Drängen seiner Frau, die er kurz vor seinem Tod heiratete, eine Ausbildung zum Katecheten.

Mit 16 Jahren lässt er sich taufen, der Priester und Theologe Dr. Aloys Goergen, sein Religionslehrer, hatte ihn dazu angeregt. Später schließt er sich der Gruppe um Dr. Goergen an, als „Goergen-Kreis“ in München bekannt. Nach den Worten seines Bruders sah Walther hier erstmals „eine Chance zum Leben“, in einer Gruppe, „die auf eine fast jungfräuliche Reinheit in allem zielt. Sein Hass, Verachtung, Spott wandelten sich in Verehrung für das Christentum und speziell für Herrn Goergen.“ Aber sein Drang, alle und jeden auf die Probe zu stellen und zu unterscheiden, was an ihnen echt ist, ob ihr Leben mit ihren Worten – auch mit der schönsten Theologie – übereinstimmt, brachte ihm neue Enttäuschungen. Er starb mit 31 Jahren, Joseph Roth in manchem nicht unähnlich.

In die Gruppe brachte er Unerhörtes ein: die chassidischen Geschichten von Martin Buber, vor allem „Jesus war ein Jude und kein Christ.“ 1954, zehn Jahre, bevor vom Vaticanum II in Nostra Aetate das Verhältnis von Christentum und Judentum neu formuliert wurde, legte er eine Art Israel-zuerst-Manifest vor, beginnend mit dem Satz:
                „Da es Gott gefiel, sich vor den Juden zu zeigen,
                nicht aber vor Griechen, Römern oder einem anderen Volk …“
Seine kurze Anwesenheit war wie das Aufleuchten eines Kometen, der ein ‚Land‘ zum Vorschein brachte, das für viele eine terra incognita war: das Christentum als Lehre der Unterscheidung in der Schule Israels und des Alten Testamentes.

 

Lesen Sie hier den vollständigen Text von Walther Cohen.

Da sitz ich, aus München

Da sitz ich, aus München, in Bad Wörishofen, ein ungarisches Orchester spielt auf, im Kurpavillon.

Wunschkonzert: Franz v. Suppé, geboren in Dalmatien, Mozart, der Vater aus Augsburg, Boccerini, aus Lucca, Italien, aus Norwegen Edvard Grieg, Solveigs Lied, Jaques Offenbach, deutsch-französischer Komponist,  Franz Lehar, eigentlich ungarischer Herkunft, es geht um die Wolga, wo einer einsam steht. Und auf einmal summen alle mit „Hast du da oben vergessen auf mich“ – letzte metaphysische Sehnsucht? Nachsinnen über ein vielleicht versäumtes Leben? Aber jetzt wird’s fröhlich, jetzt singen alle, die zwischen 70 und 95, die aus dem Norden, Preußen hieß es früher, die aus dem Westen, Norden, Nordosten, ach, eine Schweizer Stimme, und da, Franzosen, nebenan hört man die Italiener im Eisgeschäft: „Wir sind vom k. und k. Infanterieregiment.“ Ich dachte, ich träume, da ist sie ja, die EU, aber halt nur auf der Kur, zur Reha, wegen schwerer Verrenkungen? An Kultur erinnert gerade noch das versucht-schöne Kleid in Gold der Solo-Geigerin, passend für einen Abend an der Scala in Mailand. Da und dort ging einer schon früher, wahrscheinlich war sein Wunsch schon gespielt worden. Dann kam auch noch einer hinzu und redete laut mit seiner Partnerin, wo noch der beste Platz für sie sei. Kur-iose Impression: Europa im Kur-Konzert. pez

Elfenbeauftragte

Mit Datum vom 6. August 2018 konnte man bei der Rheinischen Post online lesen: „Elfenbeauftragte will mit ‚energetischer Versiegelung‘ Unfälle auf A2 verhindern“.

Die Elfenbeauftragte, unklar blieb von wem beauftragt, war mit einer Tierkommunikatorin auf der A2 tätig.  Auf der Autobahn hätten sie sofort „sehr traurige Energien“ gespürt. „In einigen Fällen waren es aufgebrachte Naturwesen, die rebellierten und sich ihr Stück Natur zurückholen wollten.“ Wildschweine verursachten viele Unfälle, weil ihnen ihr Revier genommen worden sei, „Halbstarke, die auf Krawall gebürstet sind“.

Was bedeutet es in diesem Kontext, wenn Geistliche Autos, Motorräder, Hunde und anderes segnen? Wie sollen kritische Zeitgenossen das unterscheiden können? anm

Verwendet

Mit Grüßen aus einem Berghäuschen nach Bautagen in Urfeld am Walchensee

 

Verwendet

 

der Schraubendreher dreht

der Pinsel streicht

die Schere und die Sense schneiden

der Rechen recht

 

schau hin – was entsteht

 

heller, weiter Raum

sanft sich schmiegende Wiesen 

zwischen smaragdgrün und grau

ankommen und verweilen

 

der Schraubendreher dreht

der Pinsel streicht

der Bauplan lange erdacht

von Meisterhand 

 

menschen

glücklich verwendet 

zum

Umbau

drehen der Schrauben

mähen der Wiesen

rechen von Heu

hat

Beim Barte des Feministen!

Das Gerüst des Innsbrucker Doms ziert derzeit eine 56 Quadratmeter große politische Botschaft: „Solange Gott einen Bart hat, bin ich Feminist“. Den Spruch am Dom zu St. Jakob wählte eine Innsbrucker Künstlerin zusammen mit dem Bischof und dem Generalvikar aus.

Der Jude und Philosoph Baruch Spinoza erkannte und schrieb, dass Gott, wenn er Gott ist, überhaupt in keinem Fall von Worten nach menschlichen Maßstäben zu beschreiben ist. Wir Menschen haben menschliche Vorstellungen, daher könne jeder Begriff nur eine nicht zutreffende Vorstellung von Gottes unendlicher Größe und Andersheit geben. Freilich hat ein Jude überhaupt kein Bild von Gott erlaubt und selbst seinen Namen nicht genannt. Diese Aufklärung wird schon Mose zugesprochen. luw

Religionslos-weltlich

von D. Bonhoeffer

Die zu beantwortenden Fragen wären doch: was bedeutete eine Kirche, eine Gemeinde, eine Predigt, eine Liturgie, ein christliches Leben in einer religionslosen Welt?

Wie sprechen wir von Gott – ohne Religion, das heißt eben ohne die zeitbedingten Voraussetzungen der Metaphysik, der Innerlichkeit etc. etc.? Wie sprechen – oder vielleicht kann man eben nicht einmal mehr davon ‚sprechen‘ wie bisher – wir ‚weltlich‘ von ‚Gott‘, wie sind wir ‚religionslos-weltlich‘ Christen, wie sind wir Herausgerufene, ohne uns religiös als Bevorzugte zu verstehen, sondern vielmehr als ganz zur Welt Gehörige? Christus ist dann nicht mehr Gegenstand der Religion, sondern etwas ganz anderes, wirklich Herr der Welt.

 

Aus: Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung. Briefe aus der Haft (1944)

Theologica Nr. 5

Elio Guerriero, Benedikt XVI. – Die Biografie. Eine Buchvorstellung

Im September 2016 ist in Italien eine von Elio Guerriero verfasste Biografie von Papst Benedikt XVI. erschienen mit dem Titel Servitore di Dio e dell´umanità. La biografia di Benedetto XVI. Das Buch löste nicht nur beim Gewürdigten Freude und Zustimmung aus, es fand auch landesweit ein starkes Echo.

Auch der Lehrstuhl für die Theologie des Volkes Gottes an der Lateran-Universität in Rom konnte den Autor im Frühjahr 2017 für eine Seminarveranstaltung gewinnen. Bei uns in Deutschland ist das Interesse an dieser Biografie bislang überschaubar; Frankfurter Allgemeine Zeitung und Die Welt veröffentlichten zwar wohlmeinende Rezensionen, die Resonanz insgesamt blieb eher verhalten. Den Freunden und Gästen der Katholischen Integrierten Gemeinde, die Elio Guerriero bei einer festlichen Soirée erlebten und hörten, konnte er vermitteln, welcher Zeitgenossenschaft sie gewürdigt sind.

 

Theologica Nr. 5 · Elio Guerriero, Benedikt XVI. – Die Biografie. Eine Buchvorstellung

‚Spricht‘ Gott?

von L. Weimer

Im Interview-Buch Joseph Ratzingers „Gott und die Welt“ heißt es an einer Stelle: „Die Sprache Gottes ist leise. Aber er gibt uns vielerlei Winke.“ (S. 14) Was meint der Theologe Ratzinger damit?

Eigentlich ‚spricht‘ Gott nicht, er zeigt dem aufmerkenden Menschen aber etwas durch Ereignisse, er spricht zum Herzen und bewegt das Gewissen von Menschen. In dieser Weise handelte Gott am Menschen und in der Geschichte. Die wachen und begabten Gläubigen verstanden sich darauf, sein Handeln so zu artikulieren, dass es sich zu einer mitteilbaren Anrede formte. Das Entscheidende war mithin, Gottes Wollen herauszuhören, das Verstehen seiner Gedanken, seines helfenden Rates, seiner Weisung. Die Sammlung der in weit über tausend Jahren erhorchten Reden Gottes haben wir in der Bibel vor uns. Die Kirche hat dies zum Kanon, d.h. zum bleibend gültigen Richtmaß für alles erklärt, was in den weiteren 2000 Jahren an Erfahrungen hinzugekommen ist.

 

Aus: Ludwig Weimer, „Und Gott war das Wort.“ Wie können wir ihn heute hören? Die Antwort Joseph Ratzingers, in: Theologica Nr. 2 (2016)

 

Gertraud Wallbrecher

„Die Dinge Gottes verdienen Eile.“

Gertraud Wallbrecher (1923–2016) mit Papst Benedikt XVI., 23. Februar 2006 (Fotografia Felici)

 

„Gott tut nichts als fügen“, war ein Lieblingssatz von Johannes Joachim Degenhardt, was so viel heißt wie: Er will nicht selbst in den Lauf der Dinge eingreifen; er schafft Konstellationen; es öffnen sich Zeitfenster; es ergeben sich Vorlagen, die darauf warten, als Steilvorlagen erkannt und genutzt zu werden. Einen ähnlichen Gedanken entfaltete der jüdische Philosoph Hans Jonas in seiner Rede zum „Gottesbegriff nach Auschwitz“: Gott begibt sich der Macht der Einmischung in die Dinge der Welt; er antwortet darauf nicht „mit starker Hand und ausgestrecktem Arm“, sondern „mit dem eindringlich-stummen Werben seines unerfüllten Zieles“.

Johannes Joachim Degenhardt war 1949 Trauzeuge bei der Eheschließung seines Jugendfreundes Dr. Herbert Wallbrecher mit Gertraud Weiß; später wurde er Erzbischof von Paderborn, 1978 war er der Bischof, der zusammen mit Kardinal Joseph Ratzinger die Integrierte Gemeinde kirchlich anerkannte.

Im Frühjahr 1968 wurde über die Intergierte Gemeinde, die sich wesentlich der Initiative von Herbert und Gertraud Wallbrecher verdankt, erstmals in der KNA, dem katholischen Nachrichten-Organ, berichtet unter dem Titel „Avantgarde oder Sekte?“. Was sich da in den zwanzig Jahren seit Kriegsende und der Katastrophe der Shoah entwickelt hatte, war nicht so leicht einzuordnen. Als Anfang der 70er Jahre der Humanist und Agnostiker Gerhard Szczesny näher mit der Gemeinde in Berührung kam und sich daraus ein freundschaftliches Interesse entwickelte, stellte er nach der ersten Begegnung erstaunt fest: „Es war das erste Mal, dass ich mich in einer Gemeinschaft von Menschen, die sich ausdrücklich als Christen verstanden wissen wollen, wirklich wohl, d. h. unbefangen und normal gefunden habe.“ Bei einer späteren Gelegenheit sagte er: „Bei euch ist alles so anders: Ich kann mir nicht vorstellen, dass die katholische Kirche euch als einen Teil von sich selbst anerkennen kann.“ In demselben Sinne äußerten sich die jüdischen Freunde, religiöse und säkulare Kibbuzniks, mit denen die Gemeinde seit Mitte der 80er Jahre und dann im Rahmen des Urfelder Kreises einen regen Austausch pflegte.

 

Das Jahr 1985 markiert eine Zäsur. Das Anliegen von Gertraud Wallbrecher kam in der Mitte der Kirche an: Zu Pfingsten reiste erstmals eine größere Gruppe der Gemeinde nach Rom. Anlass war die Erhebung von Erzbischof Friedrich Wetter zum Kardinal, dem Nachfolger Kardinal Ratzingers in München; vorausgegangen war die Berufung von Joseph Ratzinger 1981 nach Rom; das Pfingstfest dort 1985 war für alle wie das Ankommen in ‚Rom‘. Hedvig Fornander, konvertierte Protestantin aus Schweden und wort- und bildgewaltige Poetin der Gemeinde, präzisierte die bei vielen Gemeindeleuten eher diffuse Bewusstseinslage in ihrem Brief an die ewige Stadt so:

„Wir suchen die Mitte und das Herz der Welt,
die Anbindung an das Verbindliche, die Norm,
das Unerlässliche, was nicht von uns selbst ist,
die größere Gemeinschaft,
das Notwendige außerhalb unseres Befindens.“

 

Anlässlich der endgültigen kirchlichen Anerkennung, die Kardinal Friedrich Wetter einige Monate später in einem Gottesdienst in Rom in St. Paul vor den Mauern aussprach, drückte Joseph Ratzinger seine Freude darüber aus, „dass Ihnen die Integration in die Kirche aller Orte und aller Zeiten nun so sichtbar geschenkt ist.“ Gertraud Wallbrecher sagte dazu, als sie einige Monate später von ihrer zweiten Israel-Reise zurückkam: „Wir haben das Fest in Rom gefeiert als Feier der Anerkennung des Willens Gottes. Wir sind jetzt nach der Realität dieser Anerkennung gefragt und darauf gestoßen worden, dass es um das eine, einzige Gottesvolk geht. Ich habe bei diesem Besuch in Israel die leidvolle Geschichte der Juden bis zum Holocaust als unsere Geschichte erlebt. Es ist furchtbar, wenn das nur die Geschichte der Juden ist und nicht auch der Christen.“

„Gott tut nichts als fügen“ und er hört nicht auf, „eindringlich-stumm um sein unerfülltes Ziel zu werben“; vielleicht hat manchmal der Himmel doch ein Einsehen.

 

Zu ihrem 80. Geburtstag schrieb Kardinal Joseph Ratzinger, rückblickend auf die turbulente Geschichte, an Gertraud Wallbrecher:

„Sie haben in der schwierigen Zeit des Dritten Reiches den Weg des Glaubens gesucht und nach dem Krieg erkannt, dass neue Wege nötig waren, um auf die Herausforderungen zu antworten, die aus unserer Welt auf den Glauben zukommen. So ist langsam in mancherlei Leiden, Brüchen und Umbrüchen die Integrierte Gemeinde gewachsen, in der Sie mit Ihren Weggefährten eine zukunftsfähige Form christlicher und kirchlicher Existenz zu verwirklichen versuchen. … Als das Wesentliche an Ihrem Mühen sehe ich es an, dass Sie immer an der Katholizität als entscheidender Grundbedingung für das Wesen der Gemeinde festgehalten und damit immer auch die Einordnung in die bischöfliche Verfasstheit der Kirche als unverzichtbar erkannt haben. Dafür möchte ich Ihnen heute ausdrücklich danken.“

Wie sagte Papst Benedikt XVI. in der Ansprache am Fest Mariä Himmelfahrt in Castel Gandolfo, 2011:
„Die Dinge Gottes verdienen Eile. Mehr noch: Die einzigen Dinge auf der Welt, die Eile verdienen, sind jene Gottes, weil sie dringend für unser Leben sind.“

Die letzten Jahre der durch Alter und Krankheit bedingten „abwesenden Anwesenheit“ von Gertraud Wallbrecher waren eine Einladung an alle, die das Privileg ihrer Zeitgenossenschaft hatten, sich des Vermächtnisses zu vergewissern und seinem eindringlich-stummen Werben demütig, klug, beherzt und mit großer Zuversicht zu antworten.

 

Lesen Sie mehr in Theologica 3: ‚Teologa‘ del popolo di Dio. Gertraud Wallbrecher (1923–2016)