„Das Christentum ist jeden Augenblick noch möglich.“ F. Nietzsche

 

 

 

Was dir gefällt

24. Februar 2019, 7. Sonntag im Jahreskreis C

Die erste Lesung erzählt, wie David seinen Feind Saul verschont. In der Kombination mit Worten Jesu aus der sogenannten Feldrede wird das Thema Feindesliebe in den Vordergrund gerückt.

Das Gebot der Feindesliebe begegnet an vielen Stellen der Tora und Jesus schreibt daran fort, wenn er sagt: „Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin“. Aber keineswegs macht er das, wenn ihm der Diener des Hohenpriesters beim Prozess ins Gesicht schlägt. „Warum schlägst du mich?“, fragt er ihn. Die biblische Feindesliebe wird heute vielfach als Pazifismus verstanden. So naiv war auch die Kirche bisher nicht. Gerechter Krieg und Tyrannenmord wurden nie als Gegensätze zur gebotenen Feindesliebe gesehen. Das konnte sie auch von den Griechen lernen, die ihre Göttin Athene immer Helm-bewehrt darstellten als Bild der Weisheit. Das Tagesgebet nennt die Beter solche, „die immer über das Vernünftige nachdenken, das dir gefällt: semper rationabilia meditantes, quae tibi sunt placita“. Es ist eine Einladung. ars

Lk 6,27-38

Euch aber, die ihr zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen! Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch beschimpfen! Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd! Gib jedem, der dich bittet; und wenn dir jemand das Deine wegnimmt, verlang es nicht zurück! Und wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut auch ihr ihnen! Wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür? Denn auch die Sünder lieben die, von denen sie geliebt werden. Und wenn ihr denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank erwartet ihr dafür? Das tun auch die Sünder. Und wenn ihr denen Geld leiht, von denen ihr es zurückzubekommen hofft, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder leihen Sündern, um das Gleiche zurückzubekommen. Doch ihr sollt eure Feinde lieben und Gutes tun und leihen, wo ihr nichts zurückerhoffen könnt. Dann wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden! Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden! Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden! Gebt, dann wird auch euch gegeben werden! Ein gutes, volles, gehäuftes, überfließendes Maß wird man euch in den Schoß legen; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt, wird auch euch zugemessen werden.

Unterricht

v. H. Domin

Jeder der geht

belehrt uns ein wenig

über uns selber.

Kostbarster Unterricht

an den Sterbebetten.

Alle Spiegel so klar

wie ein See nach großem Regen,

ehe der dunstige Tag

die Bilder wieder verwischt.

 

Nur einmal sterben sie für uns,

nie wieder.

Was wüssten wir je

ohne sie?

Ohne die sicheren Waagen

auf die wir gelegt sind

wenn wir verlassen werden.

Diese Waagen, ohne die nichts

sein Gewicht hat.

 

Wir, deren Worte sich verfehlen,

wir vergessen es.

Und sie?

Sie können die Lehre

nicht wiederholen.

 

Dein Tod oder meiner

der nächste Unterricht:

So hell, so deutlich,

dass es gleich dunkel wird.

 

Aus: Hilde Domin (1909–2006), Nur eine Rose als Stütze (1959)

Theologie der Trockenheit oder Trockenschwimmen in der Zeitgeistwüste

17. Februar 2019, 6. Sonntag im Jahreskreis C

In meinem Postfach landet der neueste Werbeprospekt des katholischen Verlags. Er zählt mir „die aktuellen Themen der Theologie“ auf:

Klimawandel, Schöpfungsverantwortung, Postwachstumsökonomie, soziale Gerechtigkeit durch nachhaltiges Handeln. Auch schon der Prophet Jeremia, über 2600 Jahre vor uns, schreibt von Trockenheit, Ausbreitung der Wüste und Hitzewellen. Setzt das Gottesvolk nicht mehr ausschließlich auf Gott und seine Führung, ist es wie ein vertrockneter Wald. Macht es sein Überleben und Wachsen von diplomatischem Geschick abhängig und schwingt es sich bequem auf den Zeitgeist ein, lebt es wie auf sauren Böden. Vertraut es nur auf Ihn, bleiben seine Blätter grün. So gesehen, sind die neuen Verlagstitel vielleicht doch „die aktuellen Themen“. acb

Jer 17,5-8

So spricht der Herr: Verflucht der Mann, der auf Menschen vertraut, auf schwaches Fleisch sich stützt, und dessen Herz sich abwendet vom Herrn. Er ist wie ein kahler Strauch in der Steppe, der nie einen Regen kommen sieht; er bleibt auf dürrem Wüstenboden, im salzigen Land, wo niemand wohnt. Gesegnet der Mann, der auf den Herrn sich verlässt und dessen Hoffnung der Herr ist. Er ist wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist und am Bach seine Wurzeln ausstreckt: Er hat nichts zu fürchten, wenn Hitze kommt; seine Blätter bleiben grün; auch in einem trockenen Jahr ist er ohne Sorge, unablässig bringt er seine Früchte.

Kirchliches Projektmanagement

Die Kirche müsse sich „neu erfinden“, lautet ein Ratschlag von prominenter Seite, eine Aufforderung angesichts der Turbulenzen.

Ich kann darauf nur sagen: Nein, die Kirche muss sich nicht neu erfinden, die Kirche kann sich gar nicht neu erfinden, weil sie sich auch schon „alt“ nicht selbst erfunden hat. Die Kirche ist keine Erfindung der Menschen, sondern das Projekt Gottes, das er – auch wegen unserer Sündhaftigkeit – begonnen hat und trotz dieser durchträgt durch die Zeiten!

 

Bischof Rudolf Voderholzer am 27. Januar 2019 im Regensburger Dom

Das Flehen von Zehn

von H. Gryberg

Als sie fort waren, schlug ich das Gebetbuch auf und versuchte ein Gebet herzusagen, aber es kam nichts heraus. Zehn mussten es sein.

Die Stimme von Zehn, das Flehen von Zehn, die Eintracht von Zehn, denn es ging in der Hauptsache darum, dass die, die da beteten, sich einander erbarmten. Aber mindestens zehn müssen es sein, damit uns die Andacht der Worte vereint, das gegenseitige Verstehen, damit wir die Gemeinsamkeit unseres Schicksals fühlen, unserer Schwäche, unserer Hinfälligkeit – unserer Einsamkeit.

 

Aus: Henryk Gryberg, Kalifornisches Kaddisch (1993)

Wo ist denn hier …

das meist etwas schöner gestaltete Kästchen, der Tabernakel, mit dem roten Licht, das die Kirchen immer etwas belebt erscheinen lässt? So frage ich mich, als ich eine Kirche in Süd-Bayern betrete.

Neugierig lese ich aus einer aufgelegten Beschreibung: „Wer erstmals in diese Kirche kommt und nach dem Tabernakel sucht, braucht eine Weile, bis er oder sie diesen entdeckt. Und manchmal braucht es Menschen, die einen darauf aufmerksam machen: Der Tabernakel wird von der Taube gehalten, die über dem Altar schwebt.“ „Diese Suche“, heißt es weiter, „mag auch ein Sinnbild sein: Wo ist ‚das Innerste‘ in uns selbst, von wo wir Stärke und Halt finden? Auch das ist nicht leicht zu finden. Auch da braucht es Zeit und manchmal Menschen, die einen auf der Suche unterstützen.“

So wie ich in der Kirche das Kästchen suche, so soll ich mein Innerstes nach „Stärke und Halt“ durchsuchen. Da frage ich in mich hinein: Wie finden wir wieder Vergleiche, die den Kern treffen, eine Sprache, die die Nüchternheit des jüdisch-christlichen Glaubens vermittelt? pez

Unverhoffter Augenblick

Der andere sieht etwas anderes als ich.

Schaue ich mich an, sehe ich ,von innen nach außen‘,

kann nicht absehen von mir.

Der andere schaut mich von außen nach innen an,

sieht, was ist und was war.

Und was mich Jahre bedrückt hat,
wo ich immer noch dachte „hätte ich doch“,
„wäre ich doch“ heißt dann:
Es war die notwendige Reibungsfläche,
an der alle Möglichkeiten des Heute sich entzünden konnten.

Der andere sieht mehr als ich.

anm

Serotonin

Man kann es sich in seinem Oberstübchen einrichten wie man möchte. Das geht heute noch besser als früher. Man kann da oben Traumwelten errichten, oder Albtraumwelten, je nach persönlicher Präferenz.

Wenn man groß sein möchte und über allem stehen, dann wird man auf Bergspitzen stehen und auf alles hinabblicken. Wenn man klein sein möchte und verloren, werden sich Untiefen um einen herum auftun, die keinen Boden haben. Wenn man in die Zukunft oder in die Vergangenheit hineinruft, wird ein Echo zurückrufen, das entweder hoffnungsvoll oder verzweifelt ist, ganz wie man möchte. Wenn man allen anderen die Schuld an allem geben möchte, werden alle Anzeichen dafürsprechen. Wenn man sich selbst an allem die Schuld geben will, wird es nicht anders sein. Man kann träumen was man möchte, solange man möchte. Das ist im Ganzen ziemlich angenehm.

Dann veröffentlicht Michel Houellebecq ein neues Buch. „Serotonin“ heißt es diesmal. Und es weht auf einmal ein eisiger Wind. Houellebecq interessiert sich nicht für Traumwelten in Oberstübchen. Er entrümpelt das Oberstübchen, schmeißt die Traumwelten hinaus. Es ist danach ein sehr kahles Oberstübchen. Und wenn man meint es sei überstanden, weist einem Houellebecq die Türe und schmeißt einen selbst aus seinem eigenen Oberstübchen hinaus. Man schlägt dann irgendwo auf. Es ist ein sehr harter Aufschlag. Es könnte sein, dass es die Wirklichkeit ist, in der man aufgeschlagen ist. Es könnte sein, dass es Houellebecq nur darum geht, um das was er Tag für Tag an sich und allen anderen beobachtet: Eine erbärmliche, niederschmetternde, scheinbar aussichtslose Wirklichkeit. Die Sehnsucht nach dem eigenen Oberstübchen wird dann groß. Dort wieder hochzuklettern, zu den eigenen Traumwelten, das wäre naheliegend. saw

Zum christlichen Europa

von J. Ratzinger

Dieses dem Namen nach christliche Europa ist seit rund vierhundert Jahren zur Geburtsstätte eines neuen Heidentums geworden, das im Herzen der Kirche selbst unaufhaltsam wächst und sie von innen her auszuhöhlen droht.

Das Erscheinungsbild der Kirche der Neuzeit ist wesentlich davon bestimmt, dass sie auf eine ganz neue Weise Kirche der Heiden geworden ist und noch immer mehr wird: nicht mehr wie einst Kirche aus den Heiden, die zu Christen geworden sind, sondern Kirche von Heiden, die sich noch Christen nennen, aber in Wahrheit zu Heiden wurden. Das Heidentum sitzt heute in der Kirche selbst. Es wird der Kirche auf die Dauer nicht erspart bleiben, Stück um Stück von dem Schein ihrer Deckung mit der Welt abbauen zu müssen und wieder das zu werden, was sie ist: Gemeinschaft der Glaubenden. Tatsächlich wird ihre missionarische Kraft durch solche äußere Verluste nur wachsen können: Nur wenn sie aufhört, eine billige Selbstverständlichkeit zu sein, nur wenn sie anfängt, sich selbst wieder als das darzustellen, was sie ist, wird sie das Ohr der neuen Heiden mit ihrer Botschaft wieder zu erreichen vermögen.

 

Aus: Joseph Ratzinger, Die neuen Heiden und die Kirche (1958)

Zum 27. Januar

von H. Gryberg

Nur die Namen also waren mir geblieben. Ich trug sie in die Fragebögen ein und schrieb dazu, was ich von ihnen ungefähr wußte.

Jeschije, in der Verkleinerung Schije, von Jehoschua, das heißt Josue oder Jesus. Geburtsort und -datum unbekannt. Den grössten Teil seines Lebens verbrachte er im östlichen Masowien, auf einem Vorwerk in Nowa Wies. Er war über sechzig, als er in den Märtyrertod ging, ohne Widerstand, in der Überzeugung, gerade so erwarte es von ihm unser aller Vater. Ans unsichtbarbare Kreuz geschlagen durch unsichtbares Gas in einer mit Märtyrern überfüllten Kammer im September oder Oktober auf dem Golgotha namens Treblinka im denkwürdigen Jahr des Martyriums 1942 oder 5702/3.

Raschkje, von Raschi oder Rasche, Geburtsdatum unbekannt, aus Makowiec. Sie verbrachte die längste Zeit ihres gottesfürchtigen Lebens, das um die sechzig Jahre währte, mit Jeschije-Jesus in Nowa Wies, wenige Kilometer von Makowiec (die Entfernungen waren genauso gering wie in Galiläa und Judäa). Sie ging mit ihm durch alle Stationen des Leidensweges, den Viehwagen, die Gaskammer, sie waren unzertrennlich – im Leben, im Sterben und nach dem Tod –, und niemand nahm sie jemals vom Kreuz.

 

Aus: Henryk Gryberg, Kalifornisches Kaddisch (1993)

Unpassend

von N. G. Dávila

Die Kirche hat nicht das Christentum der Welt anzupassen, sie hat nicht einmal die Welt dem Christentum anzupassen; sie muss vielmehr in der Welt eine Gegenwelt bewahren.

 

Vom Christentum bleibt nichts übrig, wenn der Christ sich anstrengt, der Welt nicht töricht zu erscheinen.

 

Wenn sie an eine Wahrheit glaubt, hört die große Menge auf, eine große Menge zu sein.

 

Aus: Nicolás Gómez Dávila (1913–1994), Aufzeichnungen des Besiegten (1994)

Die Geschichte vom Findelkind

Jeden Sonntag hören wir in der Messe Texte aus der Bibel. Sie lesen uns jedes Mal ganz gehörig die Leviten. Und wir gehen trotzdem gerne hin, hören trotzdem immer gerne und immer neu neugierig und wach den alten Texten zu. Warum ist das so?

Sie erzählen einen Sehnsuchtsort, der uns verschlossen ist, wir hören eine Sehnsuchtswelt, wo „Schloss und Riegel für“.

Der Sehnsuchtsort kam in die Welt, „als Israel zog aus Ägypten“. Die Leute um Mose wollten raus aus dem Fleischtöpfeland der Fron und der Unfreiheit, sie flohen in die Wüste, mit dem Traum ihres Erzvaters Jakob, und in 40 Jahren Wüstenexistenz schwitzen sie eine neue Lebensordnung aus, und Mose brachte diese auf Tafeln vom Berg des Herrn, vom Gott des Vaters Jakob. In der Torah, ihrem neuen Lebensprinzip, und in ihrem Leben, erwies sich Gott als Retter. Und Israel schwört: „Wir wollen es tun!“

Über tausend Jahre üben sie dieses Leben mit ihrem neuen Gott, der rettet, und eifert. Denn die Religionen buhlen, Israel wird schwach, liegt am Boden, reut, steht auf, schwört, buhlt weiter. Und dann bauen sie ihm einen Tempel, mit der Torah im Allerheiligsten, und mit Hochpriester.

Israel geht es schlecht. Fremdherrschaften wechseln die Fronmacht im Land. Während der Römerherrschaft steht einer der Söhne Israels auf: Reißt den Tempel ein, ich baue ihn in drei Tagen neu! „Er meinte aber den Tempel seines Leibes“, die Gemeinde seiner Nachfolge, den Rest Israel, der auf Gottes Wort im Fleisch ganz hört, dem ganzen Ganz des Lebens, dem ganzen Heute des Lebens, und dem ganzen Denkvermögen, und ganz aus lauter Freud. Die Evangelien erzählen uns diese Revolution aus Juden und Heiden. „Das Himmelreich ist mitten unter Euch.“

Es wächst die Kirche, wächst, wuchert, wird Tempel, wird die Weltreligion. Mit der Tempelkirchenreligion wächst in tausend Jahren und mehr auch ihre hochdifferenzierte Theologie, sie wächst auch mit einer Theologie vom Himmelreich, dem Sehnsuchtsort im Jenseits und unserem gottergebenen irdischen Jammertal.

Die Götter kehren zurück in anderen, gewaltigen Diesseitssehnsuchtsorten. Die kommunistische Heilsreligion breitet sich brutal in der halben Welt aus, über Deutschland spannt sich das braune Himmelszelt, und in diesem Reich war „das Heil der Juden“ dem Heil Hitler unerträglich. Die Welt erlebt den unvorstellbaren Genozid am Gottesvolk, inmitten der Christenheit.

Heute, „als alles war aus für immer“, heute leben wir in einem materialen, kapitalen, globalen Saus und Braus, süchtig nach Sehnsuchtsorten, mit dem kleinen Lüstchen für den Tag, und dem kleinen Lüstchen für die Nacht. Wir wollen tanzen, in einer maßlosen Sehnsuchtsortgenusswelt, und wir tanzen auf einem Vulkan. Denn unsere exakte Wissenschaftswelt weist uns die Folgen solchen Tanztreibens. Einen Augenblick materialer, kapitaler globaler Brüderlichkeit? Ein möglicher solidarer Blick über den Zylinderrand unseres Treibens hinaus? Uns geht es im Erdenrund wie kleinen Bakterien in einer runden Petrischale in einer Supernährlösung. Die Bakterien gedeihen darin prächtig, vermehren sich, vermehren sich immer weiter, bis die ganze Schale gefüllt ist. „Macht Euch die Petrischale untertan!“ Dann ist die Nährlösung alle, und alle Bakterien gehen ein. So läuft das, auch bei großen Tieren. Leere Kirchen, leere Welt. Woher kann Hilfe kommen? Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn! Herr? Adresse unbekannt? rus

Leise

Mit Grüßen aus einem verschneiten Berghäuschen nach Bautagen in Urfeld am Walchensee

 

Leise rieselt der Schnee,

still und starr – „Moment!“

es brodelt und wogt der See,

weihnachtlich? Lichter, Schmuck – ja.

Sonst altes, graues Gemäuer – unwirtlich.

 

In den Herzen ... – ja, was eigentlich?

 

Unscheinbar, unspektakulär profan

wie bei den Hirten auf den Feldern – Verwandlung.

Wand, für Schrank, für Lampe, für Nadelstich,

kehrt Leben ein – in Haus und Herz.

hat

Wahrnehmungsvermögen

von N. G. Dávila

Der Glaube ist nicht irrationale Zustimmung zu einer Behauptung; er ist Wahrnehmung einer besonderen Ordnung der Wirklichkeit.

 

Zwischen Skeptizismus und Glauben bestehen gewisse Übereinstimmungen: beide unterminieren die menschliche Anmaßung.

 

Eine Gesellschaft ist säkularisiert, wenn sie das Bewusstsein ihrer Abhängigkeit verloren hat.

 

Aus: Nicolás Gómez Dávila (1913–1994), Aufzeichnungen des Besiegten (1994)

Anspruch und Wirklichkeit

Die Juden haben gelernt, die Welt ganz anders zu sehen. Das Buch Genesis, das erste Buch Mose, beginnt mit Gott, der den Menschen „nach Seinem Bild und Gleichnis“ erschafft.

Dieser Satz ist uns dermaßen vertraut geworden, dass wir vergessen, wie paradox er im Grunde ist – für die Hebräische Bibel hat Gott kein Bild oder Gleichnis. Doch in der folgenden Erzählung wird schnell klar, was die Menschen mit Gott gemein haben: Freiheit und Verantwortung. Das wirft ein schwieriges theologisches Dilemma auf. Wie können wir die großen Hoffnungen, die Gott in die Menschheit setzt, mit der schäbigen und dünnen Akte unserer Moralgeschichte in Einklang bringen? Die Antwort lautet: Vergebung. Gott schrieb Vergebung in das Drehbuch. Er gibt uns immer eine zweite Chance, und dann noch eine und noch eine. Alles, was wir tun müssen, ist, unser Unrecht anzuerkennen, um Entschuldigung zu bitten, wiedergutzumachen und zu beschließen, uns zu bessern – und Gott vergibt. Wir können an den höchsten Ansprüchen festhalten, wenn wir zur gleichen Zeit unsere verborgensten Schwächen ehrlich zugeben.

 

Aus: Jonathan Sacks, Vom Schicksal zum Glauben, Jüdische Allgemeine, 9. September 2018

Neujahrswunsch

Wenn der Mensch ein Tier wäre, würde alles besser und einfacher.

Besser würde es, weil Tiere keine Kriege führen. Weil Tiere kein Unrecht tun. Weil Tiere insbesondere nicht die Umwelt schädigen – mit Ausnahme vielleicht des Borkenkäfers, aber der ist halt ein schwarzes Schaf. Einfacher würde alles, weil ein Tierleben so ideal, so schlicht und klar ist. Ein Tier muss nicht im Voraus planen. Es muss sich nicht seiner Triebe schämen. Es stellt sich auch keine Fragen über Sinn und Unsinn der Welt und was diese nun eigentlich im Innersten zusammenhält. Im Grund spricht alles dafür, dass der Mensch aufhören sollte Mensch zu sein und tunlichst beginnen Tier zu sein. Dass dazu Gegenansichten existieren, braucht uns Europäer nicht weiter zu bekümmern. Das Judentum zum Beispiel gibt es in Europa fast nicht mehr. Es fällt daher leicht dessen Ansichten zu ignorieren. Überhaupt stünde eine Auseinandersetzung mit einem solchen Weltbild in unauflösbarem Widerspruch zu dem angestrebten harmonischen, klaren, schlichten, ideal-instinktiven Lebenswandel. Aus diesem Grund verbietet sich die Auseinandersetzung. Stattdessen sollten wir uns alle zum neuen Jahr ein Tier aussuchen (vorzugsweise ein pflanzenfressendes), uns dessen Lebenswandel aneignen und in diesem Sinne den Rest unserer Tage dahinwandeln. Ganz harmonisch, ganz schlicht, ganz klar. Die Welt würde ein besserer Ort sein und ich habe mich schon entschieden: Das Nilpferd soll es sein. saw

Theologica Nr. 6: Das neu belebte jüdisch-christliche Gespräch

Papst em. Benedikt XVI. lud mit einem Artikel in der Zeitschrift „Communio“ (4/2018) zu einem vertieften Nachdenken über Juden und Christen ein. Sein Beitrag stieß auf Zustimmung und Unverständnis, bis hin zu grotesken Unterstellungen.

Seine unter dem Titel „Gnade und Berufung ohne Reue. Anmerkungen zum Traktat De Iudaeis‘“ veröffentlichten Gedanken lösten aber auch einen weiterführenden Dialog zwischen Juden und Christen aus.

Die in Theologica Nr. 6 veröffentlichen Aufsätze und Beiträge von Theologen aus der Katholischen Integrierten Gemeinde greifen einige Aspekte dieses neuen Gesprächs auf und führen es weiter.

Bestellmöglichkeit und weitere Ausgaben von Theologica

Hedvig Fornander

„Die Erde ist nicht ganz ohne dieses Stück Himmel“

Foto: Hedvig Fornander (1937–1989)

 

Anlässlich ihrer Firmung am 1. Mai 1981 durch Kardinal Johannes Joachim Degenhardt in Paderborn beschrieb Hedvig Fornander, Musikerin und Lyrikerin, ihren bisherigen Weg. Seit 1962 gehörte sie als Gründungsmitglied zu der Gruppe, aus der 1968 die Katholische Integrierte Gemeinde herausgewachsen ist.

 

In Schweden geboren, lernte ich das Christentum in der dortigen evangelisch-lutherischen Kirche kennen. Doch da meine Eltern immer mehr den Glauben verloren und ich beim Heranwachsen nirgendwo einen Ort fand, wo ich glauben konnte, wurde die Frage nach dem Glauben für mich zu einem quälenden Problem. Ich habe eine lange Zeit die Welt als ganz ‘autonom’ erlebt, aber ich konnte mich nicht darauf ‘ausruhen’. Ich sah überall Spuren von etwas, was doch Wirklichkeit haben und auch mich verpflichten müsse, aber eine undurchdringliche Mauer machte die Erfahrung dieser Wirklichkeit und meine Antwort darauf unmöglich.

Mit zweiundzwanzig Jahren, nach einem angefangenen Sprach- und später Musikstudium, kam ich nach Deutschland. Warum? Deutschland war für mich das Land der Musik und das Land, wo Martin Luther geboren ist. Hier nahm ich, getrieben von der Wurzellosigkeit in jeder Hinsicht, das Suchen auf und lernte – es war 1962 – in München den damaligen ‘Goergen-Kreis’ kennen, aus dem später die Katholische Integrierte Gemeinde hervorgegangen ist. Hier fand ich zum ersten Mal einen Ort, wo auch ich den Glauben lernen konnte. 1966 bin ich zum katholischen Glauben konvertiert, im Jahr darauf vollendete ich mein Musikstudium.

Hier in München hatte ich nun meine ‘neue Familie’ und meine Heimat gefunden, d. h ich habe die Kirche gefunden, den Ort, der für mich eine unbekannte Insel, eine verschlossene Pforte war, wie sie es für die meisten Menschen in meinem Heimatland vielleicht überhaupt ist.

Wieweit diese Entfremdung in meinem Heimatland schon Realität ist, ging mir bei meiner Reise dorthin im Herbst vor anderthalb Jahren nochmals deutlich auf, als ich Stockholm besuchte. Ich ging durch die Straßen nicht weit vom Hauptbahnhof. In der Fußgängerzone hatte eine Frau Posten bezogen. Aufgetakelt, schon älter, mit knallroten Haaren, sang sie zur Begleitung einer elektronischen Orgel, die sie selbst spielte, auf eine schwedisch-amerikanische Art Lieder von dem süßen Jesus und den Himmelspforten aus Edelstein dröhnend in den Lautsprecher. Die Leute schlenderten vorbei – und waren vielleicht nicht einmal verletzt von der erniedrigenden Hässlichkeit des Auftritts, von der Verramschung des Namens Christi. Weil – so kommt es mir vor – wo der Glaube nicht mehr als Wirklichkeit erlebt wird, wo die ‘Welt’ sich selbst regiert, auch das Gefühl immer mehr dafür verschwindet, dass es etwas Schutzbedürftiges ist, dass so etwas wie eine höchste Schönheit existiert.

Heute weiß ich um die Wirklichkeit der Kirche und wie der Glaube von Person zu Person lebendig weitergegeben wird. Ich habe lernen dürfen, was Tradition ist. Dass es heute für mich eine ‘Gemeinschaft der Glaubenden’ gibt, ein ganzes Volk, das ich mit meinem Stolz und meiner Liebe lebendig umfassen kann und wo sich die Bedeutung des Wortes ‘Glauben’ in etwas ganz Handgreifliches verwandelt, ist für mich das ganz Unfassbare.

 

 

Ein Gedicht von Hedvig Fornander

 

Ohne Freude,
mit Sorge begrüßt die Welt dich,
vorrückende Zeit.

 

Doch aus der Angst geholt wurden wir
die wir leben in der Zeit der Wunder

 

 

Weitere Gedichte von Hedvig Fornander

 

 

Nicht das ist wichtig
dass du gesucht hast

oder dass du überhaupt nicht gesucht hast.

Anlass zum Zittern

ist das Gefundene.

 

So ist der Erdball nicht Erdball

sondern Fundstelle.

 

Zu beneiden sind nicht die Ölmilliardäre

sondern einzig die Hirten

 

 

* * *

 

 

Der Brief mit der unerhörten neuen Nachricht
kam in einem Umschlag ohne Adresse

 

die einen sagten

„wir sind nicht gemeint“

 

da machten wir den Brief auf

den niemand haben wollte

 

 

* * *                         

 

 

bei dem Zusammentreffen von Föhn
Stoßverkehr

Zahnschmerzen

ist nicht viel zu machen

 

bei dem Zusammentreffen von Petroleum

Eier
Sägemehl

gibts keinen Kuchen

 

Bei dem Zusammentreffen von dir, dir und mir

– wenig drin

wir aber wurden zusammengerufen

 

 

                

* * *

 

 

Was übrig blieb

wurde verwendet

alles was da war

nicht einmal das Beste

 

nun hieß es

Sauerteig

 

                

* * *

 

 

Zuerst kamen wir mit vollen Segeln daher

mit flatternden Fahnen, mit großem Gepäck –

Du ließest uns zusammenschrumpfen.

 

Vielleicht wird am Ende von jedem von uns

nur ein Korn übrig sein –

ein Weizenkorn

das in die Erde fällt.