„Das Christentum ist jeden Augenblick noch möglich.“ F. Nietzsche

 

 

 

Theologica Nr. 6: Das neu belebte jüdisch-christliche Gespräch

Papst em. Benedikt XVI. lud mit einem Artikel in der Zeitschrift „Communio“ (4/2018) zu einem vertieften Nachdenken über Juden und Christen ein. Sein Beitrag stieß auf Zustimmung und Unverständnis, bis hin zu grotesken Unterstellungen.

Seine unter dem Titel „Gnade und Berufung ohne Reue. Anmerkungen zum Traktat De Iudaeis‘“ veröffentlichten Gedanken lösten aber auch einen weiterführenden Dialog zwischen Juden und Christen aus.

Die in Theologica Nr. 6 veröffentlichen Aufsätze und Beiträge von Theologen aus der Katholischen Integrierten Gemeinde greifen einige Aspekte dieses neuen Gesprächs auf und führen es weiter.

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Alle Achtung

von F. Nietzsche

Im jüdischen „Alten Testament“, dem Buche von der göttlichen Gerechtigkeit, gibt es Menschen, Dinge und Reden in einem so großen Stile, dass das griechische und indische Schrifttum ihm nichts zur Seite zu stellen hat. Man steht mit Schrecken und Ehrfurcht vor diesen ungeheuren Überbleibseln dessen, was der Mensch einmal war.

 

Alle Achtung vor dem Alten Testament! In ihm finde ich große Menschen, eine heroische Landschaft und Etwas vom Allerseltensten auf Erden, die unvergleichliche Naivität des starken Herzens; mehr noch, ich finde ein Volk.

 

Aus: Friedrich Nietzsche (1844–1900), Jenseits von Gut und Böse 3 (1886) und aus: Zur Genealogie der Moral 3 (1887)

Kein Widerspruch

16. Dezember 2018, 3. Adventssonntag Lesejahr C

Das Nebeneinander von Jubel und Gerichtsandrohung entspricht der Realität des Gottesvolkes seit Jahrhunderten. Ständiges Abirren und Zuwiderhandeln den Wünschen Gottes – und genau da hinein spricht Gott seine Heils- und Gerichtsworte. Warum?

Weil der Mensch und auch das Gottesvolk frei sind, diesen oder jenen Weg zu gehen. Beides aber, Heils- und Gerichtsworte sind eigentlich Lockrufe. Gott möchte durch beides bewegen, ihm zu folgen. Dazu kann auch die Erinnerung daran hilfreich sein, was die Folgen sind und wie es einem ergeht, ohne Gottes vernünftige Weisung. Das Gericht, so muss man die alte Sprache verstehen, zieht man nämlich selbst auf sich, es sind die Folgen eigenen Tuns. Wer den Menschen, sich selbst, und die Geschichte des Volkes Gottes einigermaßen nüchtern betrachtet, der weiß, dass beides nahe bei einander liegt: die Freude an Gott und die Gleichgültigkeit ihm gegenüber. Dennoch sind wir dem nicht ausgeliefert, wie Zefanja sagt: „Der Herr hat das Urteil gegen dich aufgehoben.“ bek

Zef 3,14-17

Juble, Tochter Zion! Jauchze, Israel! Freu dich, und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem! Der Herr hat das Urteil gegen dich aufgehoben und deine Feinde zur Umkehr gezwungen. Der König Israels, der Herr, ist in deiner Mitte; du hast kein Unheil mehr zu fürchten. An jenem Tag wird man zu Jerusalem sagen: Fürchte dich nicht, Zion! Lass die Hände nicht sinken! Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der Rettung bringt. Er freut sich und jubelt über dich, er erneuert seine Liebe zu dir, er jubelt über dich und frohlockt, wie man frohlockt an einem Festtag.

Die Wissenschaft von Gott

von F. Rosenzweig

Kind: „Es gibt‘n aber doch“.

Was sagt die Mutter? Sie glaubt nur, was sie sehen kann.

Was sagt das Kind? Es gibt‘n aber doch. 

Was sagen wir?

Wir geben beiden recht, der Mutter wie dem Kind. Auch der Mutter?

Das Kind hat wohl recht mit seinem Glauben, aber die Mutter hat auch recht mit ihrem Unglauben. Wenn wir es nicht fertig bringen, sie Gott sehen zu machen, so dürfen wir jenes „doch“ des Kindes nicht bejahen.

Der Atheismus kann gar nicht ernst genug genommen werden. Natur- und Geistvergötterung führen nur auf Holzwege. Gott ist nichts andres, auch nicht der Sinn von etwas anderm, Gott ist Gott oder – nichts. Nur am Abgrund des Atheismus müssen wir das Fliegen lernen. Weshalb aber muss Gottes Dasein so zweifelhaft sein? Weil es Ursprung alles anderen Daseins sein muss. Wir fühlen, dass jedenfalls Gottes Dasein auf einer anderen Ebene liegen muss als unser, als der Welt Dasein.
Wir wollen nur glauben, was wir sehen können. Aber die äußeren Augen mit denen wir die Welt, das innere Auge mit dem wir die Menschen sehen, sie beide tragen nicht in die Ferne Gottes.

Mit welchem Auge mögen wir ihn sehen?

Doch mit dem äußeren, antwortet der Pantheist … 

Doch mit dem inneren, antwortet der Spiritualist ...

Nur wenn wir beide, äußeres wie inneres Auge zudrücken, –  meint der Mystiker.

Aber wen sieht der Pantheist? Immer doch nur wieder die Natur. 

Und wen sieht der Spiritualist? Immer doch nur wieder den Geist.

Und was sieht der Mystiker? Immer doch nur wieder – das Nichts.

Was bleibt also für ein Organ? Keins, wenn wir wirklich bloß aus Sinnen und Geist zusammengesetzt wären? Aber – Sinne und Geist eint die Seele. Gibt es ein Organ dieses ganzen geeinigten Menschen? Ja. Das Leben.

 

Aus: Franz Rosenzweig (1886–1929), Zweistromland, Gesammelte Schriften Bd. III (1984)

Lehrgang des Advent

9. Dezember 2018, 2. Adventssonntag Lesejahr C

Eine Straße muss gebaut werden. Von allen Himmelsrichtungen nach Jerusalem.

Laut Baruch ist Gott der Bauherr: er spricht, und die Hindernisse geben den Weg frei. Bei anderen Propheten überträgt Gott diese Bauaufgabe den Menschen: „Baut dem Herrn den Weg, ebnet ihm die Straße“. Das ist kein Widerspruch – Gott baut und die sich sammeln lassen, bauen für Ihn. Das ist der große Lehrgang des Advent: Jeden Handgriff, den Gott tut, müssen wir tun, und jeden Handgriff, den wir im Vertrauen auf Gott tun, tut er. tac

Bar 5,1-9

Leg ab, Jerusalem, das Kleid deiner Trauer und deines Elends und bekleide dich mit dem Schmuck der Herrlichkeit, die Gott dir für immer verleiht! Leg den Mantel der göttlichen Gerechtigkeit an; setz dir die Krone der Herrlichkeit des Ewigen aufs Haupt! Denn Gott will deinen Glanz dem ganzen Erdkreis unter dem Himmel zeigen. Gott gibt dir für immer den Namen: Friede der Gerechtigkeit und Herrlichkeit der Gottesfurcht. Steh auf, Jerusalem, und steig auf die Höhe! Schau nach Osten und sieh deine Kinder: Vom Untergang der Sonne bis zum Aufgang hat das Wort des Heiligen sie gesammelt. Sie freuen sich, dass Gott an sie gedacht hat. Denn zu Fuß zogen sie fort von dir, weggetrieben von Feinden; Gott aber bringt sie heim zu dir, ehrenvoll getragen wie in einer königlichen Sänfte. Denn Gott hat befohlen: Senken sollen sich alle hohen Berge und die ewigen Hügel und heben sollen sich die Täler zu ebenem Land, sodass Israel unter der Herrlichkeit Gottes sicher dahinziehen kann. Wälder und duftende Bäume aller Art spenden Israel Schatten auf Gottes Geheiß. Denn Gott führt Israel heim in Freude, im Licht seiner Herrlichkeit; Erbarmen und Gerechtigkeit kommen von ihm.

Woher – wohin?

Früher einmal gab es ein gelebtes Christentum.

Ein so starkes, dass wir davon heute immer noch leben.

 

Wir sind weit fortgeschritten. Fort geschritten von was?

luw

Wieder vor Christi Geburt?

2. Dezember 2018, 1. Adventssonntag Lesejahr C

Das Neue Jahr 2019 wird wieder mit viel Erwartung und Feuerwerk begrüßt werden. Um den Anfang des neuen Kirchenjahres ist es vergleichsweise still. Wird da jemand erwartet?

Soll der rote Teppich ausgerollt werden für einen „gerechten Spross“, von dem Jeremia spricht, oder für den Menschensohn, der auf einer Wolke kommen soll? Sind wir vielleicht zurückversetzt in den Wartesaal, in die Zeit vor der Ankunft Christi? Advent bedeutet nicht künftiges Ankommen, sondern Gegenwärtigkeit. Benedikt XVI. hat daran erinnert: Das oder der Erwartete ist schon Gegenwart z. B. in den großen Heiligen. Paulus sagt es so: „Ihr habt von uns gelernt, wie ihr leben müsst, um Gott zu gefallen.“ Dann ist Adventus medius, nicht im Futur und nicht im Präteritum, sondern im Präsens. ars

1 Thess 3,12 – 4,2

Euch aber lasse der Herr wachsen und reich werden in der Liebe zueinander und zu allen, wie auch wir euch lieben, damit eure Herzen gestärkt werden und ihr ohne Tadel seid, geheiligt vor Gott, unserem Vater, bei der Ankunft Jesu, unseres Herrn, mit allen seinen Heiligen. Im Übrigen, Brüder und Schwestern, bitten und ermahnen wir euch im Namen Jesu, des Herrn: Ihr habt von uns gelernt, wie ihr leben müsst, um Gott zu gefallen, und ihr lebt auch so; werdet darin noch vollkommener! Ihr wisst ja, welche Ermahnungen wir euch im Auftrag Jesu, des Herrn, gegeben haben.

Noble Zurückhaltung

„Die Kirchen treten dafür ein, dass …“ 

– andere etwas tun.

 

„Warten auf Gott“, die vornehmste Art der Unterlassung des Guten.

 

Das Sich-auf-Gott-Verlassen, oft ein Verlassen Gottes.

luw

 

Sicherheitsabstand

Die Bibel konnte zum Bestseller werden,
weil man eine Methode fand, sie zu
lesen und auszulegen, ohne sie zu tun.

Richtig: Der Amtsträger muss zurücktreten
hinter der Sache. Als Zeuge stellt er sie dar,
nicht her. – Aber heute treten sie so weit
zurück, dass die Sache allein steht. luw

Wie bitte?

Nach zweitausend Jahren: Auf allen Bergen

Gipfelkreuze, aber in den Tälern keine

österlichen Gemeinden?

 

* * *

 

Gilt nach zwei Jahrtausenden seit der Fleischwerdung des Wortes:

Das Fleisch ist wieder Wort geworden?

luw

Hedvig Fornander

„Die Erde ist nicht ganz ohne dieses Stück Himmel“

Foto: Hedvig Fornander (1937–1989)

 

Anlässlich ihrer Firmung am 1. Mai 1981 durch Kardinal Johannes Joachim Degenhardt in Paderborn beschrieb Hedvig Fornander, Musikerin und Lyrikerin, ihren bisherigen Weg. Seit 1962 gehörte sie als Gründungsmitglied zu der Gruppe, aus der 1968 die Katholische Integrierte Gemeinde herausgewachsen ist.

 

In Schweden geboren, lernte ich das Christentum in der dortigen evangelisch-lutherischen Kirche kennen. Doch da meine Eltern immer mehr den Glauben verloren und ich beim Heranwachsen nirgendwo einen Ort fand, wo ich glauben konnte, wurde die Frage nach dem Glauben für mich zu einem quälenden Problem. Ich habe eine lange Zeit die Welt als ganz ‘autonom’ erlebt, aber ich konnte mich nicht darauf ‘ausruhen’. Ich sah überall Spuren von etwas, was doch Wirklichkeit haben und auch mich verpflichten müsse, aber eine undurchdringliche Mauer machte die Erfahrung dieser Wirklichkeit und meine Antwort darauf unmöglich.

Mit zweiundzwanzig Jahren, nach einem angefangenen Sprach- und später Musikstudium, kam ich nach Deutschland. Warum? Deutschland war für mich das Land der Musik und das Land, wo Martin Luther geboren ist. Hier nahm ich, getrieben von der Wurzellosigkeit in jeder Hinsicht, das Suchen auf und lernte – es war 1962 – in München den damaligen ‘Goergen-Kreis’ kennen, aus dem später die Katholische Integrierte Gemeinde hervorgegangen ist. Hier fand ich zum ersten Mal einen Ort, wo auch ich den Glauben lernen konnte. 1966 bin ich zum katholischen Glauben konvertiert, im Jahr darauf vollendete ich mein Musikstudium.

Hier in München hatte ich nun meine ‘neue Familie’ und meine Heimat gefunden, d. h ich habe die Kirche gefunden, den Ort, der für mich eine unbekannte Insel, eine verschlossene Pforte war, wie sie es für die meisten Menschen in meinem Heimatland vielleicht überhaupt ist.

Wieweit diese Entfremdung in meinem Heimatland schon Realität ist, ging mir bei meiner Reise dorthin im Herbst vor anderthalb Jahren nochmals deutlich auf, als ich Stockholm besuchte. Ich ging durch die Straßen nicht weit vom Hauptbahnhof. In der Fußgängerzone hatte eine Frau Posten bezogen. Aufgetakelt, schon älter, mit knallroten Haaren, sang sie zur Begleitung einer elektronischen Orgel, die sie selbst spielte, auf eine schwedisch-amerikanische Art Lieder von dem süßen Jesus und den Himmelspforten aus Edelstein dröhnend in den Lautsprecher. Die Leute schlenderten vorbei – und waren vielleicht nicht einmal verletzt von der erniedrigenden Hässlichkeit des Auftritts, von der Verramschung des Namens Christi. Weil – so kommt es mir vor – wo der Glaube nicht mehr als Wirklichkeit erlebt wird, wo die ‘Welt’ sich selbst regiert, auch das Gefühl immer mehr dafür verschwindet, dass es etwas Schutzbedürftiges ist, dass so etwas wie eine höchste Schönheit existiert.

Heute weiß ich um die Wirklichkeit der Kirche und wie der Glaube von Person zu Person lebendig weitergegeben wird. Ich habe lernen dürfen, was Tradition ist. Dass es heute für mich eine ‘Gemeinschaft der Glaubenden’ gibt, ein ganzes Volk, das ich mit meinem Stolz und meiner Liebe lebendig umfassen kann und wo sich die Bedeutung des Wortes ‘Glauben’ in etwas ganz Handgreifliches verwandelt, ist für mich das ganz Unfassbare.

 

 

Ein Gedicht von Hedvig Fornander

 

Ohne Freude,
mit Sorge begrüßt die Welt dich,
vorrückende Zeit.

 

Doch aus der Angst geholt wurden wir
die wir leben in der Zeit der Wunder

 

 

Weitere Gedichte von Hedvig Fornander

 

 

Nicht das ist wichtig
dass du gesucht hast

oder dass du überhaupt nicht gesucht hast.

Anlass zum Zittern

ist das Gefundene.

 

So ist der Erdball nicht Erdball

sondern Fundstelle.

 

Zu beneiden sind nicht die Ölmilliardäre

sondern einzig die Hirten

 

 

* * *

 

 

Der Brief mit der unerhörten neuen Nachricht
kam in einem Umschlag ohne Adresse

 

die einen sagten

„wir sind nicht gemeint“

 

da machten wir den Brief auf

den niemand haben wollte

 

 

* * *                         

 

 

bei dem Zusammentreffen von Föhn
Stoßverkehr

Zahnschmerzen

ist nicht viel zu machen

 

bei dem Zusammentreffen von Petroleum

Eier
Sägemehl

gibts keinen Kuchen

 

Bei dem Zusammentreffen von dir, dir und mir

– wenig drin

wir aber wurden zusammengerufen

 

 

                

* * *

 

 

Was übrig blieb

wurde verwendet

alles was da war

nicht einmal das Beste

 

nun hieß es

Sauerteig

 

                

* * *

 

 

Zuerst kamen wir mit vollen Segeln daher

mit flatternden Fahnen, mit großem Gepäck –

Du ließest uns zusammenschrumpfen.

 

Vielleicht wird am Ende von jedem von uns

nur ein Korn übrig sein –

ein Weizenkorn

das in die Erde fällt.

 

Herausforderung

von J. Sacks

Sinn erwächst nicht aus Denksystemen, sondern aus Geschichten, und die jüdische Geschichte ist die ungewöhnlichste von allen.

Sie sagt uns, dass Gott uns zu Seinen Partnern im Schöpfungswerk machen wollte, wir aber haben Ihn immer wieder enttäuscht. Doch Er gibt nie auf. Er verzeiht uns immer wieder. Für das Judentum ist das wahre religiöse Geheimnis nicht unser Glaube an Gott, sondern der Glaube Gottes an uns. Das ist keine tröstliche Fiktion, wie Atheisten und Skeptiker manchmal behaupten, sondern das genaue Gegenteil. Das Judentum ist der Appell Gottes an die menschliche Verantwortung, eine Welt zu erschaffen, die ein würdiges Zuhause für Seine Anwesenheit ist.

 

Aus: Jonathan Sacks, Vom Schicksal zum Glauben, Jüdische Allgemeine, 9. September 2018