„Das Christentum ist jeden Augenblick noch möglich.“ F. Nietzsche

 

 

 

Der Sabbat als feierliches Zusammenleben

von V. Flusser

Der Sinn des Lebens wird im feierlichen Zusammenleben ersichtlich, aber dieses feierliche Zusammenleben selbst ist von Regeln geordnet, die an sich vollkommen sinnlos erscheinen.

Das ist das Wesen der jüdischen Riten. Wo nämlich eine Gesellschaft nicht von scheinbar sinnlosen Regeln geordnet ist, wo diese Regeln vernünftig, effizient oder zweckhaft sind, dort ist die Gesellschaft nicht feierlich, und das Leben in ihr ist sinnlos. Riten müssen an sich sinnlos sein, um zu einer Feierlichkeit zu führen, in der sich der Sinn des Lebens ereignet. So sind die jüdischen Regeln das direkte Gegenteil der heidnischen: da sie sinnlos sind, sind sie antimagisch. Und jeder Versuch, diese Riten erklären zu wollen (sie etwa ethisch machen zu wollen), ist heidnisch. Samstags nicht Auto zu fahren, ist sinnlos, und zu sagen, dass es gut für die Verdauung ist, ist heidnisch. Aber weil es sinnlos ist, heiligt es den Sabbat. Zweifellos, nicht Auto zu fahren ist ein Opfer. Aber nicht ein düsteres, heidnisches Opfer, bei dem etwas aufgegeben wird, um etwas anderes zu erlangen, sondern es ist ein heiteres Opfer zum Ruhm des ganz Anderen.

 

Aus: Vilém Flusser, Jude sein (1995)

Wer ist er?

5. April 2020, Palmsonntag im Jahreskreis A

Aufmerksamen Lesern und Hörern fällt ein Detail auf, das Matthäus in seiner Erzählung vom Einzug Jesu in Jerusalem betont: Jesus reitet auf einer Eselin und einem Fohlen, also auf zwei Tieren?

Manche Ausleger rätselten, ob der Evangelist eine poetische Doppelung aus dem Prophetentext, den er zitiert, zu wörtlich genommen habe. Der Grund ist aber wohl ein anderer. Matthäus beschreibt die Geschichte Jesu durchgängig von der heiligen Schrift Israels her. Mit der Eselin und ihrem Fohlen greift er auf den Segen Jakobs über seinen Sohn Juda zurück: „Er bindet seinen Esel an den Weinstock an, an die Rebe das Junge seiner Eselin“ (Gen 49,11). Ein paradiesisches Bild, denn kein Bauer bindet seinen Esel und dessen Fohlen an einen Weinstock, da die Tiere naturgemäß naschen würden. Das Bild bedeutet: Aus Juda erwartete man den Messias. Und das rettende Kommen dieses Gesalbten Gottes beginnt jetzt in seinem Volk. hak

Mt 21,1-11

Als sie sich Jerusalem näherten und nach Betfage am Ölberg kamen, schickte Jesus zwei Jünger aus und sagte zu ihnen: Geht in das Dorf, das vor euch liegt; dort werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Fohlen bei ihr. Bindet sie los und bringt sie zu mir! Und wenn euch jemand zur Rede stellt, dann sagt: Der Herr braucht sie, er lässt sie aber bald zurückbringen. Das ist geschehen, damit sich erfüllte, was durch den Propheten gesagt worden ist: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist sanftmütig und er reitet auf einer Eselin und auf einem Fohlen, dem Jungen eines Lasttiers. Die Jünger gingen und taten, wie Jesus ihnen aufgetragen hatte. Sie brachten die Eselin und das Fohlen, legten ihre Kleider auf sie und er setzte sich darauf. Viele Menschen breiteten ihre Kleider auf dem Weg aus, andere schnitten Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Leute aber, die vor ihm hergingen und die ihm nachfolgten, riefen: Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe! Als er in Jerusalem einzog, erbebte die ganze Stadt und man fragte: Wer ist dieser? Die Leute sagten: Das ist der Prophet Jesus von Nazaret in Galiläa.

Die Suche im Chaos

von V. Flusser

Identität und Differenz können nicht getrennt in Frage gestellt werden. Es gibt ursprüngliche, chaotische Situationen, in denen alle Unterschiede verschwinden.

In solchen Situationen sucht man das Fremde, das Unheimliche, den Sündenbock, um einen Unterschied setzen zu können. Diese Suche macht jede Anomalie dienstbar: hinken, Haarfarbe, fremde Sprache. Haben wir einmal den Unterschied gesetzt, so können wir uns identifizieren.
Das Christentum weist die dialogische Funktion der Identifikation auf: Wir identifizieren uns immer als die Fremden des Fremden. Das Fremde ist nicht ein „Es“, ein Objekt, das sich von uns unterscheidet und darum erlaubt, dass wir uns identifizieren. Sondern das Fremde ist ein „Du“, das uns mit „du“ anspricht und dadurch erlaubt, dass wir uns selbst „ich“ nennen können. Das Christentum ersetzt die Verfolgung durch den Dialog, den Hass durch Liebe.

 

Aus: Vilém Flusser, Jude sein (1995)

Wo der Geist hinweht

29. März 2020, Fünfter Sonntag der Fastenzeit, Lesejahr A

In der Alltagssprache ist das Wort „Geist“ äußerst schillernd. Es reicht vom weißen Gespenst über intellektuell Geistreiches bis zu etwas vage Spürbarem. Dementsprechend wird er auch im gängigen kirchlichen Kontext häufig als etwas Bewegliches, Nicht-Greifbares, letztlich Ortloses angesehen.

Der alttestamentliche Prophet Ezechiel denkt ganz anders. Wenn er seinem Volk zuspricht, dass Gott seinen Geist in sie einhauchen wird, dann meint er damit die Heimkehr der Versprengten in ihr Land. Der Geist wird also dann wirksam, wenn die Glaubenden aufbrechen und sich in ihrem Land sammeln lassen. Gott belebt sein Volk nicht irgendwo, sondern an einem bestimmten Ort. Das gilt auch für Christen. Der Geist Gottes kann unter ihnen wirksam werden, wenn sie aus der Vereinzelung aufbrechen und sich als Volk Gottes sammeln lassen. ruk

Ez 37,12b-14

So spricht Gott, der Herr: Ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf. Ich bringe euch zurück in das Land Israel. Wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufhole, dann werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin. Ich hauche euch meinen Geist ein, dann werdet ihr lebendig, und ich bringe euch wieder in euer Land. Dann werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin. Ich habe gesprochen, und ich führe es aus – Spruch des Herrn.

Selbst-Wende

von Benedikt XVI.

Umkehren ist nicht ein Bemühen um Selbstverwirklichung, denn der Mensch ist nicht der »Architekt« seines eigenen ewigen Schicksals. 

Wir haben uns nicht selbst gemacht. Deshalb ist die Selbstverwirklichung ein Widerspruch und für uns auch zu wenig. Wir haben eine höhere Bestimmung. Wir könnten sagen, daß die Umkehr gerade darin besteht, sich nicht als »Schöpfer« seiner selbst zu betrachten und so die Wahrheit zu entdecken, denn wir sind nicht die Urheber von uns selbst.

 

Benedikt XVI., Generalaudienz vom 21. Februar 21, 2007; den vollen Text der Ansprache finden Sie hier.

Wissen – Glauben – Fakten

22. März 2020, Vierter Sonntag der Fastenzeit, Lesejahr A

Wenn man die Heilung des blinden Mannes als Zauber oder magische Handlung versteht, begibt man sich auf eine falsche Spur – und bleibt so blind, wie Jesus es am Schluss der Geschichte indirekt von den Selbstgewissen sagt. Denn Sehen ist hier ein anderes Wort für Glauben.

Jünger und Pharisäer meinen, über die Zusammenhänge von Krankheit, Schuld und Heilung alles zu wissen. Der Geheilte hingegen weiß gar nichts, seine Eltern noch weniger. Er weiß nicht, wer seine Augen geöffnet hat – er vermutet, vielleicht ein Prophet. Er weiß nur die Fakten: er war blind und kann jetzt sehen, und wie äußerlich die Heilung vor sich ging. Aber nicht der Teig auf seinen Augen hat ihn sehend gemacht und auch nicht das Bad im Teich Schiloach, sondern einzig und allein das Vertrauen zur Person Jesu. Er hat vertrauend-gläubig getan, was Jesus ihm sagte. Und das ist so einfach, dass jeder Mensch es tun könnte – und so ohne, viel zu wissen heil werden könnte. bek

Joh 9,1-41

Jesus sah einen Mann, der seit seiner Geburt blind war. Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Oder haben seine Eltern gesündigt, so dass er blind geboren wurde? Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden. Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat; es kommt die Nacht, in der niemand mehr etwas tun kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Als er dies gesagt hatte, spuckte er auf die Erde; dann machte er mit dem Speichel einen Teig, strich ihn dem Blinden auf die Augen und sagte zu ihm: Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach! Schiloach heißt übersetzt: Der Gesandte. Der Mann ging fort und wusch sich. Und als er zurückkam, konnte er sehen. Die Nachbarn und andere, die ihn früher als Bettler gesehen hatten, sagten: Ist das nicht der Mann, der dasaß und bettelte? Einige sagten: Er ist es. Andere meinten: Nein, er sieht ihm nur ähnlich. Er selbst aber sagte: Ich bin es. Da fragten sie ihn: Wie sind deine Augen geöffnet worden? Er antwortete: Der Mann, der Jesus heißt, machte einen Teig, bestrich damit meine Augen und sagte zu mir: Geh zum Schiloach, und wasch dich! Ich ging hin, wusch mich und konnte wieder sehen. Sie fragten ihn: Wo ist er? Er sagte: Ich weiß es nicht. Da brachten sie den Mann, der blind gewesen war, zu den Pharisäern. Es war aber Sabbat an dem Tag, als Jesus den Teig gemacht und ihm die Augen geöffnet hatte. Auch die Pharisäer fragten ihn, wie er sehend geworden sei. Der Mann antwortete ihnen: Er legte mir einen Teig auf die Augen; dann wusch ich mich, und jetzt kann ich sehen. Einige der Pharisäer meinten: Dieser Mensch kann nicht von Gott sein, weil er den Sabbat nicht hält. Andere aber sagten: Wie kann ein Sünder solche Zeichen tun? So entstand eine Spaltung unter ihnen. Da fragten sie den Blinden noch einmal: Was sagst du selbst über ihn? Er hat doch deine Augen geöffnet. Der Mann antwortete: Er ist ein Prophet. Die Juden aber wollten nicht glauben, dass er blind gewesen und sehend geworden war. Daher riefen sie die Eltern des Geheilten und fragten sie: Ist das euer Sohn, von dem ihr behauptet, dass er blind geboren wurde? Wie kommt es, dass er jetzt sehen kann? Seine Eltern antworteten: Wir wissen, dass er unser Sohn ist und dass er blind geboren wurde. Wie es kommt, dass er jetzt sehen kann, das wissen wir nicht. Und wer seine Augen geöffnet hat, das wissen wir auch nicht. Fragt doch ihn selbst, er ist alt genug und kann selbst für sich sprechen. Das sagten seine Eltern, weil sie sich vor den Juden fürchteten; denn die Juden hatten schon beschlossen, jeden, der ihn als den Messias bekenne, aus der Synagoge auszustoßen. Deswegen sagten seine Eltern: Er ist alt genug, fragt doch ihn selbst. Da riefen die Pharisäer den Mann, der blind gewesen war, zum zweiten Mal und sagten zu ihm: Gib Gott die Ehre! Wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder ist. Er antwortete: Ob er ein Sünder ist, weiß ich nicht. Nur das eine weiß ich, dass ich blind war und jetzt sehen kann. Sie fragten ihn: Was hat er mit dir gemacht? Wie hat er deine Augen geöffnet? Er antwortete ihnen: Ich habe es euch bereits gesagt, aber ihr habt nicht gehört. Warum wollt ihr es noch einmal hören? Wollt auch ihr seine Jünger werden? Da beschimpften sie ihn: Du bist ein Jünger dieses Menschen; wir aber sind Jünger des Mose. Wir wissen, dass zu Mose Gott gesprochen hat; aber von dem da wissen wir nicht, woher er kommt. Der Mann antwortete ihnen: Darin liegt ja das Erstaunliche, dass ihr nicht wisst, woher er kommt; dabei hat er doch meine Augen geöffnet. Wir wissen, dass Gott einen Sünder nicht erhört; wer aber Gott fürchtet und seinen Willen tut, den erhört er. Noch nie hat man gehört, dass jemand die Augen eines Blindgeborenen geöffnet hat. Wenn dieser Mensch nicht von Gott wäre, dann hätte er gewiss nichts ausrichten können. Sie entgegneten ihm: Du bist ganz und gar in Sünden geboren, und du willst uns belehren? Und sie stießen ihn hinaus. Jesus hörte, dass sie ihn hinausgestoßen hatten, und als er ihn traf, sagte er zu ihm: Glaubst du an den Menschensohn? Der Mann antwortete: Wer ist das, Herr? Sag es mir, damit ich an ihn glaube. Jesus sagte zu ihm: Du siehst ihn vor dir; er, der mit dir redet, ist es. Er aber sagte: Ich glaube, Herr! Und er warf sich vor ihm nieder. Da sprach Jesus: Um zu richten, bin ich in diese Welt gekommen: damit die Blinden sehend und die Sehenden blind werden. Einige Pharisäer, die bei ihm waren, hörten dies. Und sie fragten ihn: Sind etwa auch wir blind? Jesus antwortete ihnen: Wenn ihr blind wärt, hättet ihr keine Sünde. Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.

Der erste Adressat

von L. Baeck

Wenn die Propheten in ihrem Worte vor allem und oft ausschließlich von Israel sprachen, so war es jedenfalls weise Beschränkung.

Sie wussten und fühlten es, dass die Religion erst hier begründet werden müsste, ehe sie der Welt verkündet und gebracht werden könnte. Es zeugt von der Kraft der Rede Jesu, nicht aber von einer Enge des Gesichtskreises, wenn er sein Wort nur an Israel ergehen lassen will und seinen Jüngern diesen Weg nur weist. Auch die Propheten sprechen von der Welt und ihrem Heile, aber sie sprechen zu Israel; nur die farblosen Epigonen fordern immer die ganze Menschheit zum Hören und Bewundern auf.

 

Aus: Leo Baeck (1873–1956), Das Wesen des Judentums (1905)

Durst

15. März 2020, Dritter Sonntag der Fastenzeit, Lesejahr A

Die Bücher Mose zeichnen ein ungeschöntes Bild von den Israeliten zwischen Ägypten und dem Gelobten Land. Wie ein Nicht-Wüsten-Volk in der Wüste sind sie ständig unbefriedigt, unzufrieden und gereizt. Diesmal haben sie Durst.

Wenn es nur um das Wasser ginge, wäre Ägypten ein wahrlich besserer Ort. Aber dem Volk hat mehr gefehlt. Es gibt auch eine tiefere Sehnsucht als die nach Getränk und Nahrung: Nämlich nach dem Wort, das von Gott kommt. Nicht zufällig ist der Felsen, aus dem das Wasser fließt, am Horeb. Es ist der Berg, auf dem Mose die lebensnotwendigen Worte bekommen wird. Auch der Stab wird benötigt, der bei der Befreiung geholfen hat. Die Befreiung entscheidet sich an der Frage: „Ist der Herr in unserer Mitte oder nicht?“ tac

Ex 17,3-7

Das Volk dürstete nach Wasser und murrte gegen Mose. Sie sagten: Warum hast du uns überhaupt aus Ägypten hierher geführt? Um uns, unsere Söhne und unser Vieh verdursten zu lassen? Mose schrie zum Herrn: Was soll ich mit diesem Volk anfangen? Es fehlt nur wenig, und sie steinigen mich. Der Herr antwortete Mose: Geh am Volk vorbei, und nimm einige von den Ältesten Israels mit; nimm auch den Stab in die Hand, mit dem du auf den Nil geschlagen hast, und geh! Dort drüben auf dem Felsen am Horeb werde ich vor dir stehen. Dann schlag an den Felsen! Es wird Wasser herauskommen, und das Volk kann trinken. Das tat Mose vor den Augen der Ältesten Israels. Den Ort nannte er Massa und Meriba, Probe und Streit, weil die Israeliten Streit begonnen und den Herrn auf die Probe gestellt hatten, indem sie sagten: Ist der Herr in unserer Mitte oder nicht?

Verzweifeln verboten

von E. Fackenheim

Es ist uns geboten, erstens als Juden zu überleben, sonst geht das jüdische Volk unter.

Uns ist zweitens geboten, in unseren eigenen Eingeweiden und Knochen der Märtyrer des Holocaust zu gedenken, sonst geht ihr Gedenken unter.

Uns ist drittens verboten, Gott zu verleugnen oder an ihm zu verzweifeln, so viel wir auch mit ihm oder mit dem Glauben an ihn zu kämpfen haben, sonst geht das Judentum unter.

Schließlich ist uns verboten, an der Welt als dem Ort, der das Reich Gottes werden soll, zu verzweifeln, sonst helfen wir mit, sie zu einem bedeutungslosen Ort zu machen, wo Gott tot oder irrelevant ist und alles erlaubt ist.

 

Emil Fackenheim (1916–2003, jüdischer Religionsphilosoph und Reform-Rabbiner), übersetzt aus: To Mend the World. Foundation of Future Jewish Thought (1994)

Reminiscere – Denk an deine Erbarmungen

8. März 2020, Zweiter Sonntag der Fastenzeit, Lesejahr A

Den Namen für diesen Zweiten Sonntag der Fastenzeit haben auch die protestantischen Kirchen nach der Reformationszeit beibehalten. Meist ist es so, dass der Gott Israels redet:

In der ersten Lesung zu Abraham „Zieh aus“. Und im Evangelium zu den dreien auf dem Berg der Verklärung „Auf ihn sollt ihr hören“. Anders ist es im Eröffnungsvers aus Psalm 25. Der Gott Israels wird angegangen. Er soll sich erinnern an das, was er früher getan hat, und auch jetzt wieder so handeln. Auf das Unterscheidende des biblischen Gottesbegriffs hat Joseph Ratzinger oft hingewiesen: Es ist seine Ansprechbarkeit; er hört, er kann angerufen werden. Wie ist diese Wechselseitigkeit zu verstehen? Ein früher Mönch, als Sklave geboren, Abbas Mios, sagte es im vierten Jahrhundert so: „Gehorsam steht für Gehorsam. Wenn einer Gott gehorcht, gehorcht Gott auch ihm.“ ars

Ps 25,6.2.22

Denk an deine Erbarmungen, Herr, und an die Taten deiner Huld, denn sie bestehen seit Ewigkeit.

Lass unsere Feinde nicht triumphieren!

Befreie uns, Gott Israels, aus all unseren Nöten.

atrophia – Auszehrung

von O. Marquard

Denn die Menschen: das sind ihre Geschichten. Geschichten aber muss man erzählen. Das tun die Geisteswissenschaften:

sie kompensieren Modernisierungsschäden, indem sie erzählen; und je mehr versachlicht wird, desto mehr – kompensatorisch – muss erzählt werden: sonst sterben die Menschen an narrativer Atrophie. Je moderner die moderne Welt wird, desto unvermeidlicher werden die Geisteswissenschaften, nämlich als erzählende Wissenschaften.

 

Aus: Odo Marquard, Über die Unvermeidlichkeit der Geisteswissenschaften. Vortrag vor der Westdeutschen Rektorenkonferenz; in: Apologie des Zufälligen (1986)

Der Augenblick

von S. Kierkegaard

Es kam für mich ein Augenblick, da ich, selig überwältigt, zu mir selbst sagen durfte: ich habe das Höchste verstanden.

Wahrlich, das ist nicht vielen in jeder Generation vergönnt. Aber beinahe im selben Augenblick stürzte etwas Neues auf mich ein: Das Höchste ist ja nicht, das höchste verstehen, sondern es tun.

 

Aus: Sören Kierkegaard, Tagebuch X 4A, 1852

„… dass wir Fortschritte machen im Verstehen des Arcanums Christi …

1. März 2020, Erster Sonntag der Fastenzeit, Lesejahr A

… und dass wir die richtigen Konsequenzen daraus ziehen.“ Darum bittet die Kirche an diesem Ersten Fastensonntag. Und beschreibt so das Programm für die kommenden vierzig Tage bis Ostern. 

Die Lesungen konzentrieren sich weniger auf die Konsequenzen. Sie umkreisen das Arcanum, das Geheimnis Christi: Dem ersten Menschen, Adam, gegenüber ist er in die Position des neuen, letzten Adam erhoben. Aber nicht einfach so. Er wird versucht, ihm wird der Prozess gemacht. Er wird einen gefährlichen Weg geführt, bis aus dem ‚alten Adam‘ der neue Mensch werden kann. Was die Ersten im Paradiesgarten erreichen wollten: Sein wie Gott, wird dem Letzten zuteil – durch seinen Gehorsam. ars

Röm 5,12-19

Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod, und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten. Sünde war schon vor dem Gesetz in der Welt, aber Sünde wird nicht angerechnet, wo es kein Gesetz gibt; dennoch herrschte der Tod von Adam bis Mose auch über die, welche nicht wie Adam durch Übertreten eines Gebots gesündigt hatten; Adam aber ist die Gestalt, die auf den Kommenden hinweist. Doch anders als mit der Übertretung verhält es sich mit der Gnade; sind durch die Übertretung des einen die vielen dem Tod anheim gefallen, so ist erst recht die Gnade Gottes und die Gabe, die durch die Gnadentat des einen Menschen Jesus Christus bewirkt worden ist, den vielen reichlich zuteil geworden. Anders als mit dem, was durch den einen Sünder verursacht wurde, verhält es sich mit dieser Gabe: Das Gericht führt wegen der Übertretung des einen zur Verurteilung, die Gnade führt aus vielen Übertretungen zur Gerechtsprechung. Ist durch die Übertretung des einen der Tod zur Herrschaft gekommen, durch diesen einen, so werden erst recht alle, denen die Gnade und die Gabe der Gerechtigkeit reichlich zuteil wurde, leben und herrschen durch den einen, Jesus Christus. Wie es also durch die Übertretung eines einzigen für alle Menschen zur Verurteilung kam, so wird es auch durch die gerechte Tat eines einzigen für alle Menschen zur Gerechtsprechung kommen, die Leben gibt. Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden.

Schöner scheinen

von J. Ratzinger

Es liegt im Wesen des Mediums, dass es das Aufregende und das Spannende bevorzugt und dass damit die alltäglichen Dinge, die die Welt zusammenhalten, kaum in Erscheinung treten können. Damit werden die Gewichte zwischen dem Wesentlichen und Unwesentlichen verschoben.

Die Menschen sind ja selbst beim Ereignis nicht dabei, aber sie sehen den Bericht über das Ereignis, der notwendigerweise schon eine Interpretation und Auswahl des Ereignisses ist. Am Schluss wird der Bericht wichtiger als das Faktum selbst, das heißt wir fangen an, immer mehr vom Schein zu leben und von der Erscheinung, und damit auch für die Erscheinung zu produzieren. Auch Politiker und Kirchenleute sind in Gefahr, dass sie sich nicht mehr fragen, was ist das eigentlich Richtige, sondern: Was wird ankommen? Wie wird es berichtet werden? Wie wird es angenommen werden? Das heißt, man handelt gar nicht mehr für die Wirklichkeit und nach den Maßstäben, die einem dafür das Gewissen vorgäbe, sondern für die Erscheinung die man machen will. Diese Knechtschaft, in die Menschen des öffentlichen Lebens, Politiker wie Kirchenmänner sehr leicht geraten können, wäre verhängnisvoll: Wenn man nicht mehr nach dem handelt, was eigentlich als gut erkennbar ist, sondern nach der Frage, was erscheint gut, wie erscheine ich, und somit zum Knecht seiner eigenen Erscheinung wird.

 

Joseph Ratzinger im Gespräch mit August Everding (1998), transkribiert aus: https://www.youtube.com/watch?v=G7RH0ZyqCZQ

Anmerkungen zum Verständnis der Gegenwart

von G. Steiner

Kunst, intellektuelles Streben, die Entwicklung der Naturwissenschaften und viele andere Zweige der Gelehrsamkeit – sie gediehen, sowohl im örtlichen als auch im zeitlichen Sinn, auf engstem Raum mit dem Massaker und den Todeslagern. Struktur und Bedeutung solcher Nachbarschaft sind es, denen wir unser Augenmerk zuwenden müssen. Hitlers höhnische Bemerkung „das Gewissen ist eine jüdische Erfindung“ gibt uns einen Schlüssel an die Hand.

Am tiefsten hassen wir jene, die uns ein Ziel vor Augen halten, ein Ideal, eine visionäre Verheißung, also etwas, das wir niemals erreichen können, ob wir auch unsre Muskeln bis zum Zerreißen angespannt haben. Schon zum Greifen nah, entschlüpft solches Ziel wieder und wieder den gekrümmten Fingern, doch es bleibt – und das ist das Entscheidende – weiterhin zutiefst begehrenswert für uns, und wir können es niemals verwerfen, weil wir seinen überragenden Wert im vollen Ausmaß erkannt haben.

In der Metaphorik der Theologie – und weshalb sollte man sich für deren Gebrauch innerhalb eines kulturkritischen Essays zu entschuldigen haben – lässt sich sagen, dass der Massenmord einem zweiten Sündenfall gleichkommt. Wir können ihn interpretieren als ein freiwilliges Verlassen des Gartens Eden und als einen programmatischen Versuch, diesen Garten hinter uns zu verbrennen: auf dass die Erinnerung nicht weiterhin fortfahre, alle barbarische Gesundheit mit entkräftenden Träumen oder gar Reuegedanken zu verseuchen.

 

Aus: George Steiner (1929–2020) In Blaubarts Burg. Anmerkungen zur Neubestimmung der Kultur (1971)

Kirchlicher Fortschritt – aus den „Hymnen an die Kirche“

von G. v. le Fort

Sie tönen aus der Ferne wie Posaunen, aber wenn sie nahe kommen, tragen sie nur Schellen.

Sie drängen sich hervor mit Fahnen und Wimpeln, aber wenn der Wind aufsteht, zerflattert ihr Gepränge.

Höret, ihr Lauten und Vermessnen, ihr Wetterflücht‘gen des Geistes und ihr Kinder eurer Willkür:

Wir sind verdurstet bei euren Quellen, wir sind verhungert bei eurer Speise,

wir sind blind geworden bei euren Lampen!

Ihr seid wie eine Strasse, die nie ankommt, ihr seid wie lauter kleine Schritte um euch selber!

Ihr seid wie ein treibendes Gewässer, immer ist in eurem Munde euer eignes Rauschen!

Ihr seid heute eurer Wahrheit Wiege, und morgen seid ihr auch ihr Grab!

 

Aus: Gertrud von le Fort, Hymnen an die Kirche, 1924

War das alles?

Zunächst einmal vorneweg: Ich bin kein Filmkritiker und lese auch keine Filmkritiken. Ich bin allgemein ein sparsamer und kein sehr ernsthafter Filmeschauer, meistens oberflächliches Zeug. Was Filme, Filmkunst, und die Kunst Filme zu deuten anbelangt, bin ich keine Leuchte, bestenfalls ein Glühwürmchen.

So saß ich also ganz unbedarft in der Premiere des neuen Terrence Malick-Films „Ein verborgendes Leben“. Er dreht sich um die reale Geschichte des Bauern Franz Jägerstätter, der zur Zeit des Nationalsozialismus in Österreich lebte. Ein Bauer, der 1943 in Berlin als „Wehrkraftzersetzer“ hingerichtet wurde, nachdem er den Dienst an der Waffe verweigert hatte.

Es beginnt mit dem vollkommenen harmonischen Leben der Familie Jägerstätter. Ein sich liebendes junges Ehepaar, drei fröhliche Kinder, die Arbeit auf den Feldern in den Bergen, im Hintergrund das Hochgebirge.

Dann ziehen buchstäblich dunkle Wolken auf. Das Dorf wendet sich geschlossen den Nazis zu. Die ersten werden eingezogen. Jägerstätter steht zusehends vor der Entscheidung: Mitmachen oder nicht? Er entscheidet sich dagegen. Von da an nimmt das Unheil seinen Lauf. Die Familie wird im Dorf geächtet. Der Druck wächst. Jägerstätter hält an seiner Überzeugung fest. Bis kurz vor seinem Tod hätte er sich anders entscheiden können. Er hat es nicht getan.

 

Haltung zeigen für eine bessere Welt

Diese Geschichte wird über drei Stunden hinweg erzählt. Sichtlich darauf abzielend den Zuschauer in die Rolle des kleinen österreichischen Bauers zu versetzen. Es drängt sich die Frage auf: Ist es das wert gewesen? Am Ausgang des Krieges hat diese Entscheidung nichts geändert. Trotzdem hat er seiner Familie den eigenen Tod zugemutet. Wofür ist Franz Jägerstätter eigentlich gestorben? Im Abspann des Films wird eine Antwort gegeben:

wenn die Welt immer besser wird, so ist das zum Teil auf Taten ohne historischen Rang zurückzuführen; und dass es um den Leser und mich nicht so schlecht steht, wie es sein könnte, das verdanken wir zur Hälfte den Menschen, die voll gläubigen Vertrauens ein Leben im Verborgenen geführt haben und in Gräbern ruhen, die kein Mensch kennt.“

Bezogen auf heute könnte man das übersetzen: Zivilcourage üben, Haltung zeigen, Aufstehen gegen rechts, das ist die Lehre dieses Films. Wenn es nur genügend Franz Jägerstätter gibt, wird die Welt eine bessere werden.

 

Historische Nebensächlichkeiten

Man kann, während man seinen wundgesessenen Hintern aus dem Kinostuhl hievt und sich benommen auf den Heimweg macht, ein solches Fazit ziehen. Doch schon beim Durchwanken des Kinofoyers wird einem flau im Magen, wenn man sich der Kurzsichtigkeit einer solchen Binsenweisheit bewusst wird.

Denn eines fällt an dem Film auf: Das spezifische Unrecht der Nationalsozialisten und des Holocausts wird keineswegs thematisiert. Der Film hätte genauso gut vor dem Hintergrund eines anderen diktatorischen Regimes spielen können, das bestimmte Volksgruppen unterdrückt und seine Nachbarstaaten überfällt. Jägerstätter würde dann einen anderen Namen tragen, aber vor die gleiche Gewissensfrage gestellt werden: Darf ich aufgrund eines Militärbefehls unschuldige Menschen töten? Und der Film würde genau den gleichen Gang gehen.

Das ist für sich genommen eigentlich nichts Schlechtes. Trotzdem halte ich es für bedenkenswert, dass ein Film, der in der Nazizeit spielt und die Geschichte eines real existierenden Menschen erzählt, die damals ebenso reale Wirklichkeit des Nationalsozialismus und des Holocausts ausklammert.

 

Der Holocaust als Variable

In meiner Generation, deren Großeltern allenfalls diese Zeit noch miterlebt haben, rücken die Verbrechen von damals in weite Ferne. Man lernt in der Schule die Zahlen auswendig: sechs Millionen tote Juden, fünfundsiebzig Millionen Kriegstote insgesamt. Das sind erschreckende Zahlen. Man lernt auch, wie es historisch dazu gekommen ist. Ein Verständnis für die zersetzende Wirkung dieser Unrechtsherrschaft jenseits von ermordeten Menschen, zerstörten Städten und politischen Folgen, lernt man dort nicht.

Was dieser Film bewusst oder unbewusst zum Ausdruck bringt, liegt daher gar nicht so fern: Der Holocaust wird zu einer bloßen Variablen. Er unterscheidet sich von anderen Massenermordungen nur noch durch die besonders hohe Zahl der Opfer und das besonders systematische Vorgehen der Vollstrecker. Er hat dann nicht mehr eine fundamental andere Qualität, sondern reiht sich nahtlos ein in eine lange Geschichte von Verbrechen, von denen allen man sagen kann, dass diese gegen die – wie auch immer verstandene – Menschlichkeit begangen wurden.

 

Gedankenloses Gedenken

Es ist vielleicht ein Zufall, dass dieser Film nur ein paar Tage nach den Gedenkfeiern zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz in die deutschen Kinos gekommen ist. Man wurde einmal mehr nicht müde zu sagen „Nie wieder!“. Die verschleißenden Beteuerungen, wie schlimm doch alles war und wie wichtig es sei daraus Lehren zu ziehen, geben keine Antwort auf die Frage, was denn nun genau nie wieder geschehen soll.

Worin liegt die tiefere Bedeutung der nationalsozialistischen Massenmorde? Mussten gerade die Juden zum ersten Ziel der Vernichtungsmaschinerie werden, oder war das ein Zufall? Ist es nur eine Ironie des Schicksals, dass dieser Massenwahn gerade im Zentrum Europas ausgebrochen ist, mit seiner Geschichte voller großer Philosophen, Theologen, Dichter, Künstler und Forscher? Wurde Europas geistiges Fundament damals in Stücke geschlagen, oder nicht? Wenn man annimmt, Jägerstätter habe recht gehandelt, indem er seinem Gewissen folgte: Woran müssen sich Gewissensentscheidungen heute messen lassen, oder ist sich das Gewissen selbst Maßstab genug?

Anstatt wirklich drängende Fragen zu stellen, die auch im Handeln des Franz Jägerstätter zu Tage treten, lädt der Film ein zu einem salonphilosophischen Gedankenspiel: Wie hätte sich der Zuschauer in der gleichen Situation verhalten? Das ist ein müder und viel zu lang erzählter Witz ohne Pointe.

Niemand kann es sich ernsthaft ausmalen, wie es ist in einer solchen Situation zu stecken.

 

Und am Ende die Erkenntnis

Franz Jägerstätters Leidensweg wird bis hin zum Schafott ununterbrochen in einer aufdringlichen Nähe dargestellt. Eine oberflächliche Nähe. Wer weiß schon, was letztlich seine Beweggründe waren? Auch quälend lange Kameraeinstellungen im Gefängnis und eine emotional aufwühlende Abschiedsszene bringen hier keinen Erkenntnisgewinn.

Am Ende bleibt nur der Nervenkitzel, während man ihn wartend im Gefängnishof sieht. Im Hintergrund hört man das Fallen der Klinge, die den Kopf des Letzten vor ihm abtrennt. Einmal noch gegruselt und dann die einsetzende Gewissheit: „Haltung zeigen!“ darauf kommt es an.

Inzwischen bin ich zu Hause angekommen und mir ist schlecht. Ich bin – wie gesagt – kein Filmkenner. Vielleicht will der Film etwas ganz anderes. Vielleicht habe ich die künstlerische Intention verkannt. Aber eines ist sicher: Drei Stunden hätte es nicht gebraucht, um der bahnbrechenden Erkenntnis Raum zu verschaffen, wie wichtig es doch sei Gutes zu tun. saw

Synodale Weggabelung

Einzeldemo

Glaube ist nicht demonstrierbar, schrieb Joseph Ratzinger einmal. Was geschieht, wenn der amerikanische Regisseur Terrence Malick mit seinem neuen Film “A Hidden Life” dennoch den Versuch unternimmt zu zeigen, wie ein einfacher katholischer Bauer seinem Gewissen folgt und dafür von den Nazis umgebracht wird?

Beim Restaurieren der Fresken der Dorfkirche sagt ein Handwerker zu diesem Bauern: „Wir erzeugen nur Bewunderer, aber keine Nachfolger. Die Menschen wollen nicht um die Wahrheit ringen, daher ignorieren sie sie. Ich male ihren angenehmen Christus, mit einem Heiligenschein auf seinem Kopf. Wie kann ich zeigen, was ich nicht gelebt habe?“ Es kommt einem wie ins Heute übersetzt vor, wenn die Leiterin des „Kompetenzzentrums für Demokratie und Menschenwürde der Erzdiözese München“ in ihrer Einführung vor dem Kinopublikum als Essenz des Films Zivilcourage anmahnt. Mit diesem Schalldämpfer bleibt der Bauer Franz Jägerstätter, den Papst Benedikt 2007 selig gesprochen hat, damals wie heute ein stummer Einzelkämpfer. Für ein wohlfeiles Lippenbekenntnis gegen Rassismus und für Toleranz braucht es nicht die Kirche. Mir wird klarer: Die Wende des Seins, wie Ratzinger den Glauben nennt, ist kaum alleine möglich. heg

Mauern in Köpfen

Wenn ein deutscher Bischof in den Nahen Osten reist und ihm angesichts der Schutzmauer zwischen palästinensischen und israelischen Gebieten ein Vergleich mit der Berliner Mauer einfällt und dazu gleich der missionarische Gedanke, man habe in Deutschland Erfahrung mit dem Überwinden von Mauern, dann wirft das Fragen auf.

Wie kommt man als deutscher Bischof zu einem solchen Hochgefühl moralischer Überlegenheit? Wie geschichtsvergessen und politisch blind darf ein deutscher Bischof sein? Man erwartet ja von Bischöfen, dass sie Theologie studiert haben und nicht Geschichte oder Politik. Darf es einem studierten Kirchenmann aus Deutschland denn noch verborgen bleiben, dass der Satz „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!“ nicht in die Moraltheologie gehört, sondern in die Geschichte und dort in die dunkleren Kapitel. Auch die Berliner Mauer gehört zu den dunkleren Kapiteln unserer Geschichte. Wer die Berliner Mauer mit der israelischen Schutzmauer vergleicht, hat historisch und politisch keine Ahnung, wovon er redet: Die Berliner Mauer trennte eine Nation mit einer Sprache und einer gemeinsamen Geschichte. Die israelische Schutzmauer ist damit nicht zu vergleichen. Palästinenser, die in Israel Anschläge verüben wollen, sind so ideologisch verblendet, dass sie das Existenzrecht Israels nicht akzeptieren wollen, wie übrigens ein Großteil der arabischen Welt, gegen den sich Israel genauso schützen muss. Diese Schutzmauer ist nicht schön, sie ist vielleicht sogar eine Kriegswaffe, aber eine sehr friedliche. Denn sie hat den palästinensischen Terror in Israel weitgehend beendet und damit Leben gerettet. Wenn es um Deutschland geht, ist viel von der Mauer in den Köpfen die Rede. Vielleicht wäre ein erster Schritt die Abrüstung im Hochgefühl der moralischen Überlegenheit. Das war es doch, was die Ostdeutschen an uns „Besserwessis“ so gefressen hatten. ses

Ein Leserbrief aus Rom an eine große deutsche Tageszeitung

Mit Gewinn und Vergnügen lese ich in dieser Zeitung die Sportseiten, die Wirtschaftsnachrichten, die Sparte Technik und Motor. Allein das, was ich in Kommentaren, aber auch ‚Berichten‘ über die katholische Kirche lese, vergällt mir jede Freude an der Lektüre und nicht nur das: es ramponiert mein Vertrauen in einen seriösen Journalismus. Der Feldzug, der innerkirchlich gegen den emeritierten Papst geführt wird, findet hier seinen propagandistischen Lautsprecher.

Er hat nicht nur wenig mit der Wahrheit zu tun, sondern unterscheidet sich auch von der Sicht vieler wacherer Geister weltweit, Katholiken wie Nichtkatholiken, und ist vielleicht eine Art kleindeutsche Quittung für die Unbestechlichkeit und Weitsicht Ratzingers seit über 60 Jahren. Die Fakten sprechen eine andere Sprache als diese Kampagnen, ob es um den effektiven Beitrag Joseph Ratzingers seit den 90er Jahren als Kardinal und Papst gegen die Verbrechen sexuellen Missbrauchs oder um die Gestaltung seines ‚Ruhestandes‘ bis heute in absolut intellektueller Wachheit und im Gehorsam gegenüber dem amtierenden Papst geht. Sicher merkt man, dass im Zeitalter rasanter Kommunikation etliche Fallstricke lauern und schnell Pannen produziert werden. Aber hier scheint das Motto zu herrschen: Don’t touch me with the facts. Nicht der Geist der Kirchenspaltung, sondern jener persönlicher Abrechnungen der Autoren mit der eigenen Kirche wird immer neu aus der Flasche entlassen. Auch wenn die einen Benedikt reflexartig in die Pfanne hauen und andere ihn unter dem Deckmantel der Verehrung vor ihren Karren spannen wollen, bleibt diese Konstellation eines amtierenden Papstes und eines Papa emeritus, mit allen Brüchen und Schwächen, ein präzedenzloser Glücksfall für die Kirche.

 

Prof. Dr. Achim Buckenmaier, Rom

Einheit von Jenseits und Diesseits

von L. Baeck

Das Judentum hat seine Freiheit von dem Zwiespalt, den die verschiedenen Begriffe von Gott bringen. Dem Widerstreit zwischen Transzendenz und Immanenz fehlt hier der Boden. Die Frömmigkeit lebt hier in der Paradoxie, in der Polarität, mit all ihrer Spannung und Geschlossenheit.  

Für sie gibt es kein Diesseits ohne das Jenseits und kein Jenseits, das nicht sein Diesseits hätte, keine kommende Welt ohne diese Welt und keine Menschenwelt ohne das, was über sie hinausreicht. Alles Diesseits ist im Jenseits verwurzelt, und alles Jenseits verlangt im Menschen sein Diesseits. Das Unendliche tritt im Endlichen hervor, und alles Endliche soll sein Unendliches erweisen. Des Menschen Leben führt von Gott zum Menschen und vom Menschen zu Gott.

 

Aus: Leo Baeck, Geheimnis und Gebot, in: Der Leuchter – Weltanschauung und Lebensgestaltung (1921/1922)

Gedanken aus dem Zellhaufen

 

Die zoologische Theologie kommt: Keine Religion habe die absolute Wahrheit, das Ebenbild Gottes ist nur ein Zellhaufen.

 

Wäre Adam mit einem der Tiere als Gehilfin zufrieden gewesen, – die Weltgeschichte wäre sofort da gelandet, wo sie heute angekommen ist.

 

Der historische Jesus wurde den Heiden ausgeliefert; der Christus des Glaubens den Gelehrten.

 

Freiheit ist, dass ich mir schaden darf. Erlösung ist, dass ich so lebe, dass der andere sich nicht schaden will.

 

Der Glaube ist immer der Dank eines Entronnenen.

luw

Stellungnahme

Eigentlich handelt es sich um eine innerkirchliche Angelegenheit, aber auf Drängen von Freunden und Ratgebern soll nachfolgend nun doch zu einer Sache Stellung genommen werden, die sich derzeit in einer Diözese im südlichen Deutschland ereignet und gegen die örtliche Katholische Integrierte Gemeinde gerichtet ist:

Personen aus der dortigen Amtskirche haben völlig haltlose Anschuldigungen, unwahre Behauptungen und faktenfreie Vorurteile gegen die örtliche Katholische Integrierte Gemeinde zusammen gesammelt und als eigene Meinung und Ansicht in einem internen sog. ‚Zwischenbericht‘ zusammengestellt, der ihr letztlich ihre Katholizität absprechen will.
Nach der Fertigstellung dieses ‚Zwischenberichtes‘ Anfang Oktober 2019 wurde dieser der örtlichen Katholischen Integrierten Gemeinde zugestellt und nachweislich zeitgleich rechtswidrig an völlig unbeteiligte Dritte weitergegeben, worüber er dann auch seinen Weg in die Presse und in die sozialen Netzwerke fand und dort verbreitet wurde und wird.
Sinn und Zweck dieses gegen vielfältige Rechtsgrundsätze verstoßenden Vorgehens war und ist allein, eine massive Rufschädigung der örtlichen Katholischen Integrierten Gemeinde und die bewusste und gewollte Verhinderung ihrer Arbeit dort herbeizuführen.
Die Katholische Integrierte Gemeinde befindet sich insoweit in bester Gesellschaft, als auch andere Initiativen katholischer Gläubiger, die frei und unabhängig von den Strukturen der dortigen Amtskirche und deren Finanzmitteln entstanden sind und arbeiten, Vergleichbares erleben mussten.
Diese Kampagne führte nun aber auch dazu, dass aus aller Welt hunderte von Anschreiben eintrafen, die die Verbundenheit und Solidarität mit der Arbeit der Katholischen Integrierten Gemeinden ausdrückten und genau das Gegenteil dessen beschreiben und bezeugen, was in diesem ‚Zwischenbericht‘ wahrheitswidrig unterstellt wird.
Auch dadurch dankbar ermutigt werden die Katholischen Integrierten Gemeinden in enger Anbindung an die Gesamtkirche gemäß ihren Statuten ihre Arbeit weiterführen. kig

Zur Situation in München

Am 19. November 2019 sendete Radio Horeb ein Gespräch von Ralf Oppmann, Studioleiter München, mit Prof. Dr. Achim Buckenmaier.

In der Anmoderation des Interviews hieß es:

„Die Katholische Integrierte Gemeinde ist mittlerweile nicht nur in verschiedenen deutschen Diözesen aktiv, sondern in mehreren Ländern weltweit vertreten. Nun geriet die Münchener Katholische Integrierte Gemeinde in den letzten Wochen mit verschiedenen Vorwürfen gegen sie in die Schlagzeilen. Prof. Dr. Achim Buckenmaier ist Direktor des Lehrstuhls für die Theologie des Volkes Gottes an der Päpstlichen Lateranuniversität in Rom und Berater der Glaubenskongregation und des Päpstlichen Rates zur Förderung der Neuevangelisierung. Als Mitglied der Gemeinschaft der Priester im Dienst an Integrierten Gemeinden stand er Ralf Oppmann zu den erhobenen Vorwürfen Rede und Antwort.“

Hören Sie hier die wesentlichen Ausschnitte aus dem Gespräch:

Gedanken aus der Hängematte

Die Bibelausleger konstatieren zwischen den Erwartungen der jüdischen Propheten und der Wirklichkeit im Christentum einen „Verheißungsüberschuss“. Sie finden tolle Wörter. Aber sie umgehen durch Unterlassung die Frage, an wem es liegt, ob an Gottes oder an unserer Faulheit.

 

Heute werden alle Aussagen und Lösungen aus der Vergangenheit relativiert: Sie seien alle zeitbedingt und subjektiv, – als könne der menschgewordene Affe erst seit 2019 seinen Verstand benutzen und erst durch Greta seine Verantwortung ernstnehmen.

 

Wir entdecken, wie Menschenverächter, die Selbst- und Ruhmsucht in und hinter den Taten unserer Zeitgenossen. Auch Jesus hat die Menschen durchschaut und ihre Herzen gelesen. Aber er hat sie trotzdem geliebt.

 

luw

Das Findelkind

Seit wir zweibeinig sind und raus aus dem dickichten Urwald, seit wir in der Savanne die weiten Horizonte erkunden, und nachts der Sternenhimmel uns offensteht, seit wir uns selbst bewusst wurden und unsere Toten in der Savannenerde begraben, wahrscheinlich schon früh in unserer Sapiensgeschichte möchten wir nach dem Tod nicht tot sein.

So haben wir uns schon sehr früh Religion, und Götter, und einen Jenseitsort, eine ewig schöne Heimat nach unserem oft kurzen, mühseligen, gewaltbegleiteten Leben gesucht. Das Jenseits wurde unser Trost, Priester traten auf und übernahmen den Dienst an der Wegweisung zum ewigen Leben.

Ein Winzling auf der Erde, Israel, steigt aus diesem Religionszirkus aus. Der Himmel staunt. Gott gewinnt Israel lieb, er will bei den Menschen wohnen. „Er steigt herab.“ Israel empfängt die Tora. Sie macht die Erde zum Paradies, Menschen werden Nächste.

Über tausend Jahre übt Israel das Leben in der Tora. Und über tausend Jahre murrt Israel: „Es ist zu schwer.“ „Wir wollen sein wie alle Völker.“ Und sie bauen ihrem Gott die schönste aller Wohnungen, den Tempel.

Gottes Volk lebt in Gefangenschaft, in Besatzung. Israel betet, schreit, hofft einen Messias, der befreit.

Ja, und noch einmal steigt Gott herab, wird Mensch, wird Jude. Das Israel der Zwölf kommt. „Flamme auf Flamme … auf jeden einzelnen von ihnen.“ Gottes Geist steigt herab, bleibt bei den Zwölf.

Die Kirche wächst, wird groß, bringt Frucht, wird mächtig. Die Christenmacht erobert die Welt der Religionen. Priester übernehmen die Wegweisung zum ewigen Leben. So haben wir wie früher Jenseits-Religion.

Die Jahrhunderte der europäischen Aufklärung klären dann auch unsere Christenreligion. Wir sind wieder Gott los geworden. Die Rede von Gott ist tot. Stumm, taub, blind überlebt sie die Ermordung von Gottes Diesseitsvolk der Juden nicht.

„Alles war aus für immer.“

Die Testamente liegen noch am Boden. Und die moderne Bibelwissenschaft hilft. Man hört neue Rede vom Gottesvolk säkularer Gemeinden: „Mädchen, ich sage dir, steh auf.“ rus

Wie antijüdisch ist der Koran?

Dr. Rudolf Kutschera, Lehrstuhl für die Theologie des Volkes Gottes an der Päpstlichen Lateranuniversität, beginnt mit zwei aktuellen Schlaglichtern und untersucht, in welcher Weise der real existierende muslimische Antijudaismus auch mit dem zentralen Text des Islam, dem Koran, zu tun hat.

Lesen Sie den Beitrag „Antijudaismus im Koran?“ auf der Homepage des Lehrstuhls www.popolodidio.org unter „Theologie im Gespräch“ und klicken Sie hier.

Wende der Existenz

von J. Ratzinger

Glauben bedeutet die Entscheidung dafür, dass im Innersten der menschlichen Existenz ein Punkt ist, der nicht aus dem Sichtbaren und Greifbaren gespeist und getragen werden kann, sondern an das nicht zu Sehende stößt, so dass es ihm berührbar wird und sich als eine Notwendigkeit für seine Existenz erweist.

Solche Haltung ist freilich nur zu erreichen durch das, was die Sprache der Bibel 'Umkehr', 'Bekehrung' nennt. Das natürliche Schwergewicht des Menschen treibt ihn zum Sichtbaren, zu dem, was er in die Hand nehmen und als sein eigen greifen kann. Er muss sich innerlich herumwenden, um zu sehen, wie sehr er sein Eigentliches versäumt, indem er sich solchermaßen von seinem natürlichen Schwergewicht ziehen lässt. Er muss sich herumwenden, um zu erkennen, wie blind er ist, wenn er nur dem traut, was seine Augen sehen. Ohne diese Wende der Existenz, ohne die Durchkreuzung des natürlichen Schwergewichts gibt es keinen Glauben. Ja, der Glaube ist die Be-kehrung, in der der Mensch entdeckt, dass er einer Illusion folgt, wenn er sich dem Greifbaren allein verschreibt. Dies ist zugleich, der tiefste Grund, warum Glaube nicht demonstrierbar ist: Er ist eine Wende des Seins, und nur wer sich wendet, empfängt ihn. Und weil unser Schwergewicht nicht aufhört, uns in eine andere Richtung zu weisen, deshalb bleibt er als Wende täglich neu, und nur in einer lebenslangen Bekehrung können wir innewerden, was es heißt, zu sagen: Ich glaube.

 

Aus: Joseph Ratzinger, Einführung in das Christentum (1968)

Was soll das Theater? – Mit Videoclip

Man könnte meinen, das Theater sei überflüssig geworden: Wieso die Bequemlichkeit der eigenen vier Wände eintauschen gegen einen harten Stuhl, eingezwickt im Theaterpublikum?

Warum sich auf eine Vorführung einlassen, wenn hinter den heimischen Bildschirmen tausende warten? Wozu überhaupt noch „Bretter, die die Welt bedeuten“, wenn Heerscharen an Denkern und Forschern über Jahrtausende hinweg ein kaum überschaubares Wissen angehäuft haben? Weiß man denn nicht spätestens heute, was nun die Welt bedeutet? Allen, die solchen Bedenken folgend des Theaterganges nicht mehr bedürfen: Glückwunsch, eine Mühsal weniger! Allen anderen sei Folgendes empfohlen: Der Prolog eines Theaterabends aus dem Sommer 2019 im Park des Günter-Stöhr-Gymnasiums – unter Mitwirkung vieler aus dem Umfeld der Schule und der Integrierten Gemeinde. Jederzeit anschaubar, ganz bequem, ganz bildschirmtauglich, wann immer, wo immer, ganz wie man möchte. saw

Videoclip „Prolog zum Sommernachtstraum“

»…Eine entscheidende Wende im jüdisch-katholischen Dialog«

Dieser Satz steht auf der Banderole des Buches „Ebrei e Cristiani“, denn der Beitrag von Papst em. Benedikt in der Zeitschrift Communio im vergange­nen Jahr hat das jüdisch-christliche Gespräch unerwartet beflügelt.

Die Präsentation des Buches erfolgte bei einem Evento am 16. Mai 2019, ausgerichtet vom Lehrstuhl für die „Theologie des Volkes Gottes“, an der Päpstlichen Lateran-Universität in Rom. Es sprachen Rabbiner Arie Folger, Erzbischof Georg Gänswein, der Präfekt des Päpstlichen Hauses und Sekretär von Benedikt XVI., und Elio Guerriero, der Herausgeber des Buches.

Theologica Nr. 7 macht die Vorträge der Begegnung zugänglich, jetzt auch in Englisch und in Italienisch erhältlich.

Näheres zum Inhalt und Hinweise zur Bestellung finden Sie hier.

In Gemeinschaft leben – Briefe an das Oratorium

von J. H. Newman

Überlegen wir, was das Wort „Gemeinschaft“ impliziert. In Gemeinschaft leben heißt nicht einfach, sich in einem Haus befinden. Denn dann würden ja die Gäste in einem Hotel eine Gemeinschaft bilden.

Auch bedeutet es nicht, gemeinsame Verpflegung und Unterkunft zu haben. Sonst wäre eine Pension auch eine Gemeinschaft. Priester, die in einem Priesterhaus oder Pfarrhaus leben und alle ihr eigenes Zimmer haben, wohl einen gemeinsamen Tisch und gemeinsame Pflichten in Kirche und Pfarrei, leben deshalb noch nicht in Gemeinschaft. In Gemeinschaft leben heißt einen Leib bilden, und zwar so, dass man als einer handelt und als einer behandelt wird. Ein Oratorium (Name der Gemeinschaft, über die Newman nachdenkt) ist ein Einzelwesen (individuality). Es hat einen Willen und ein Handeln, und in diesem Sinn ist es eine Gemeinschaft. Aber es ist klar, dass eine solche Gemeinschaft des Wollens, Denkens, Meinens und Verhaltens nur zustande kommen kann durch beträchtliche Zugeständnisse an eigenem Urteil von seiten jedes einzelnen der so Verbundenen. Es ist mithin keine Übereinstimmung des Zufalls oder der Natur, sondern eine des übernatürlichen Zieles.
Es ist nicht jedermanns Gabe, mit anderen zusammenzuleben. Nicht jede heiligmäßige Seele und nicht jeder gute Weltpriester kann in Gemeinschaft leben. Vielleicht können dies nur sehr wenige Menschen.

 

Aus: John Henry Kardinal Newman, Briefe an das Oratorium über die Berufung zum Oratorium des hl. Philipp Neri (1856)

Gerhard Szczesny

„... so anders“

Foto: Dr. Gerhard Szczesny (1918–2002) im Juli 1976

 

Mitte der 80er Jahre erschien an einem Wochenende die Süddeutsche Zeitung wegen Streiks nur als Notausgabe. Darin war eine längere Erklärung des Publizisten, bekannten Humanisten und Agnostikers Dr. Gerhard Szczesny zu seinem Austritt aus der SPD abgedruckt, der er lange angehört hatte. Aufgrund der besonderen Umstände fand dieser Schritt wenig Beachtung.
Das war dreißig Jahre vorher ganz anders. 1958­ in der Zeit der Restauration der Adenauer-Ära­ veröffentlichte er eine Streitschrift Die Zukunft des Unglaubens. Zeitgemäße Betrachtungen eines Nichtchristen. Er protestierte gegen die beengende und aufgezwungene Minoritätenrolle der Nichtchristen in einer christlich dominierten Gesellschaft, gegen die Monopol- und Machtansprüche des Christentums auf die Wahrheit: „Es erscheint uns unerträglich, dass sich in einer Zivilisation, die die Heimat wahrer geistiger Freiheit zu sein beansprucht, der Nichtchrist wie ein Dieb in der Nacht verhalten muss“ (Zukunft des Unglaubens). Scharfsichtig diagnostizierte er die unhaltbaren Monopol- und Machtansprüche des Christentums. Er verlor seine Stelle beim Bayrischen Rundfunk. Er begründete 1961 u.a. zusammen mit Fritz Bauer und Alexander Mitscherlich die „Humanistische Union“ und ein Jahr später seinen Verlag „Club Voltaire – Jahrbuch für kritische Aufklärung“. 1968 schrieb er das Vorwort zu Joachim Kahls Das Elend des Christentums oder Plädoyer – eine Humanität ohne Gott.

 

Im selben Jahr 1958, als er seine Position eines post-christlichen Agnostikers öffentlich machte, der auf dem Boden der Errungenschaften der Aufklärung einen Humanismus etablieren wollte, schrieb Joseph Ratzinger in der katholischen Zeitschrift Hochland: „Die Kirche deckt sich seit dem Mittelalter im Abendland mit der Welt“ – ein Zustand, den Sczszeny noch als alles beherrschend vorfand – „Heute ist diese Deckung nur noch Schein, der das wahre Wesen der Kirche und der Welt verdeckt“ (Die neuen Heiden und die Kirche). Diesen Schein kritisierte Szczesny, und darin stimmten sie beide überein. Welche Folgerung zog Joseph Ratzinger aus dieser Analyse? 1968 veröffentlichte er seine Vorlesungsreihe über das Apostolische Glaubensbekenntnis, die er in Tübingen vor Hörern aller Fakultäten gehalten hatte, unter dem Titel Einführung in das Christentum.

 

Anfang der 70er Jahre kam die Integrierte Gemeinde in Kontakt mit Gerhard Szczesny. Er war auf sie von Peter M. Bode hingewiesen worden; der hatte über eine Ausstellung der Gemeinde in München berichtet und am Ende Leute wie Gerhard Szczesny und Heinrich Böll aufgefordert, sich mit diesen offenbar ungewöhnlichen Katholiken auseinander zu setzen. Er nahm an. Nach der ersten Begegnung schrieb er: „Es war das erste Mal, dass ich mich in einer Gemeinschaft von Menschen, die sich ausdrücklich als Christen verstanden wissen wollen, wirklich wohl, d. h. unbefangen und normal gefühlt habe.“ Einmal bemerkte er: „Ich weiß, wie der Kaffee in kirchlichen Häusern schmeckt – bei euch ist alles so anders.“

 

1977 fassten einige Leute der Gemeinde – es war darunter eine ganze Reihe von Gymnasiallehrern – den Entschluss, ein privates Gymnasium zu eröffnen. Sie suchten Ermutigung, weil das Kultusministerium von der Idee unter den damaligen Bedingungen in München nicht gerade begeistert war. Beide stimmten gerne und aus Überzeugung zu, sich im vorbereitenden Werbeprospekt nebeneinander als Freunde der Integrierten Gemeinde nennen zu lassen. Von diesen beiden so verschiedenen Personen inspiriert, formulierten die Leute der Gemeinde als Leitlinie des Schulprojekts und der Gemeinde: „Zwei Traditionen haben sich in der Integrierten Gemeinde zu einer Lebensform verknüpft, die sich gegenseitig auszuschließen scheinen: die christliche Tradition und die neuzeitliche Religions- und Gesellschaftskritik.“

 

Bei der Trauerfeier für Gerhard Szczesny auf dem Grünwalder Friedhof – die Angehörigen hatten die Gemeinde gebeten sie zu gestalten – sagte Gertraud Wallbrecher: „Gerhard Szczesny war für uns ein Lehrer, weil er uns unaufhaltsam herausgefordert hat, das zu sein, was wir immer sein wollten: eine Gemeinde, die sich so verhält und miteinander umgeht wie diejenigen, die einmal vor 1900 Jahren das Neue Testament geschrieben haben.“