„Das Christentum ist jeden Augenblick noch möglich.“ F. Nietzsche

 

 

 

Die verflixte Sache mit dem Sehen

21. April 2019, Ostersonntag C

„Er sah und glaubte.“ Was ist daran Besonderes? Wenn ich ein Auto auf der Straße fahren sehe, was gibt es da noch zu glauben?

Und wenn ich in eine leere Grabhöhle schaue, wie der Sprinter Johannes, was gibt es da zu glauben? Dass sie leer ist, sieht er. Das hatte auch vor ihm schon Maria von Magdala gesehen und gesagt. Den neugeborenen Jesusknaben hätte man fotografieren können, wenn es denn technisch schon möglich gewesen wäre. Und den am Kreuz gestorbenen Jesus auch. Und was hätte man an Ostern auf die Platte bannen können? Die in alle Richtungen geflohenen Jünger, die – wenn auch zögernd und zaudernd wie die Emmausjünger – sich wieder in Jerusalem versammelten. Zunächst ängstlich, sie verriegelten die Türen des Saales. Dann aber ohne Angst: denn sie erfuhren, dass der getötete Jesus unsichtbar zwar, aber lebendig in ihrer Mitte war. Sie erlebten, sahen, was mit ihnen selbst geschah, und glaubten, dass dies der von Gott auferweckte Jesus an ihnen bewirkte. bek

Joh 20,1-9

Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war. Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem anderen Jünger, den Jesus liebte, und sagte zu ihnen: Sie haben den Herrn aus dem Grab weggenommen und wir wissen nicht, wohin sie ihn gelegt haben. Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grab; sie liefen beide zusammen, aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus, kam er als Erster ans Grab. Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen, ging jedoch nicht hinein. Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sah die Leinenbinden liegen und das Schweißtuch, das auf dem Haupt Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle. Da ging auch der andere Jünger, der als Erster an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte. Denn sie hatten noch nicht die Schrift verstanden, dass er von den Toten auferstehen müsse.

Was dem Tod standhält

von J. Ratzinger

Dem Menschen ist die Welt zu klein, auch dann immer noch, wenn er zum Mond oder vielleicht eines Tages zum Mars fliegen kann.

Er sehnt sich nach dem Anderen, dem Ganz-Anderen, das er sich selbst nicht geben kann. Dahinter steht die Sehnsucht nach der Überwindung des Todes. In allen ihren Festen haben die Menschen immer nach dem Leben gesucht, das größer ist als der Tod. Die Ermächtigung zur Freude, die der Mensch im Letzten sucht, nach der er irrend von einem Ort zum anderen tastet, die ist nur wahr, wenn sie der Todesfrage standhält. Eucharistie bedeutet, dass die Auferstehung des Herrn uns diese von niemand sonst zu gebende Ermächtigung schenkt. Sie hat den Tod des Herrn gekostet, und nur darum kann sie Gabe der Auferstehung sein.

 

Aus: Joseph Ratzinger, Das Fest des Glaubens (1985)

Ruhestörung

14. April 2019, Palmsonntag C

Bevor der König Israels ans Kreuz geschlagen wird, zieht er feierlich in seine Stadt ein. Er reitet, damit er als König erscheinen kann.

Allerdings auf einem Esel, damit er mit den Großen der Erde nicht verwechselt wird. Als er geboren wurde, besangen himmlische Chöre den Frieden auf Erden, jetzt besingen seine irdischen Jünger das Kommen des himmlischen Königs nach Jerusalem, der diesen Frieden bringt. Friedlich bleibt es allerdings nicht. Treffsicher erkennen die Frommen, dass der Messias die religiöse Ruhe stört. Das Bild der schreienden Steine hält fest: Gottes Treue ist stärker. tac

Lk 19,28-40

Jesus zog voran und ging nach Jerusalem hinauf. Und es geschah: Er kam in die Nähe von Betfage und Betanien, an den Berg, der Ölberg heißt, da schickte er zwei seiner Jünger aus und sagte: Geht in das Dorf, das vor uns liegt! Wenn ihr hineinkommt, werdet ihr dort ein Fohlen angebunden finden, auf dem noch nie ein Mensch gesessen hat. Bindet es los und bringt es her! Und wenn euch jemand fragt: Warum bindet ihr es los?, dann antwortet: Der Herr braucht es. Die Ausgesandten machten sich auf den Weg und fanden alles so, wie er es ihnen gesagt hatte. Als sie das Fohlen losbanden, sagten die Leute, denen es gehörte: Warum bindet ihr das Fohlen los? Sie antworteten: Weil der Herr es braucht. Dann führten sie es zu Jesus, legten ihre Kleider auf das Fohlen und halfen Jesus hinauf. Während er dahinritt, breiteten die Jünger ihre Kleider auf dem Weg aus. Als er sich schon dem Abhang des Ölbergs näherte, begann die Schar der Jünger freudig und mit lauter Stimme Gott zu loben wegen all der Machttaten, die sie gesehen hatten. Sie riefen: Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn. Im Himmel Friede und Ehre in der Höhe! Da riefen ihm einige Pharisäer aus der Menge zu: Meister, weise deine Jünger zurecht! Er erwiderte: Ich sage euch: Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien.

Die Worte

 

Die Worte

wurden wegen Betrugs angeklagt

 

Eine geringe Anzahl

erhielt untergeordnete Anstellungen

als Zuträger und Laufburschen

 

„ab heute

muss es im Leben geschehen“

 

Hedvig Fornander

Vom irdischen Schoß Christi

von J. Roth

Also begann ich, die Juden zu besuchen. Und ich sah vor allem, dass man sie deshalb als ein ganz besonderes Volk betrachtete, weil in ihrem Schoß zuerst der Gedanke geboren ward, dass die Völker der Erde, der ganzen Erde, gleiche Kinder Gottes seien.

Eben weil sie zuerst gesagt hatten, alle Menschen aller Völker seien die gleichen Kinder Gottes, sagte man jetzt, sie, die Juden, hielten sich für besondere Kinder Gottes. Denn also ist es in dieser Welt, in der der Antichrist vorläufig herrscht: dass die Menschen, die da sagen, sie wollten das Gute, des Schlechten bezichtigt werden. Die alten Juden sagten, sie seien das von Gott auserwählte Volk. Aber zu welchem Zweck sagten sie es? Zu dem Zweck, den Erlöser zu gebären, den Jesus Christus. Der Hochmut der Juden war also in Wahrheit eine Demut. Sie waren nicht nur in der Tat auserwählt, weil – wie wir ja wissen – aus dem Schoße der Juden der Erlöser der Welt kam, sondern auch, weil sie den einzigen Sohn der Menschen hervorgebracht haben, auf den stolz zu sein kein Hochmut ist. Sie gebaren nicht nur den Erlöser: sie leugneten ihn auch. Sie waren wirklich das auserwählte Volk Gottes. Sie sind doppelt auserwählt: und zwar nicht nur deshalb, weil sie ihre Herzen verstockten. Sie sind also, die Juden, doppelt auserwählt: erstens, weil sie Jesus Christus hervorgebracht haben; zweitens, weil sie ihn verleugnet haben. Durch ihre Tugend wie durch ihre Sünde haben sie die Erlösung der Welt vorbereitet. Deshalb ist, wer an Jesus Christus glaubt und die Juden, seinen irdischen Schoss, hasst, verachtet oder auch nur geringschätzt, der Bruder des Antichrist. Die Heiden ehren selbst noch alle jene Orte, an denen sich ihre Heiligen und Propheten in ihren menschlichen Schwächen gezeigt haben. Wer über die Juden gering denkt, der denkt auch über Jesus Christus gering. Wer ein Christ ist, der achtet die Juden. Wenn nämlich die Juden auserwählt waren, den irdischen Tod Jesu Christi herbeizuführen, so haben sie dadurch den Bund Gottes mit Abraham bestätigt, den Bund, mit dem die Erlösung dieser Welt begonnen hatte. Und wenn Gott die Juden auserwählt hat, Jesum Christum nicht nur hervorzubringen, sondern auch ihn zu verleugnen, so geschah es deshalb; weil Er selbst die Kinder Israels mit Blindheit schlug. Und Er selbst ist es auch, der sie ferner schlagen darf, Er allein. Wer die Juden hasst, ist ein Heide und kein Christ. Wer überhaupt hassen kann, und sei es, wen immer, ist ein Heide und nicht ein Christ. Und wer glaubt, er sei nur deshalb ein Christ, weil er nicht ein Jude sei, der ist doppelt und dreifach ein Heide. Ausgestoßen sei er aus der Gemeinschaft der Christen! Und stößt ihn die Kirche nicht aus, so stößt Gott selbst ihn aus.

 

Aus: Joseph Roth, Der Antichrist (1934) 

Judica

7. April 2019, Fünfter Fastensonntag C

Der Anfang des Eröffnungspsalms gibt diesem 5. Fastensonntag seinen Namen: Judica „Verschaff mir Recht“. Er verweist in die Sphäre des Rechts und der gerechten Urteilsfindung.

Eher assoziativ liefert er eine Brücke zu der Erzählung „Jesus und die Ehebrecherin“. In der prophetischen Tradition ist oft von Ehebruch die Rede. Es ist ein anderes Wort für das fragile, immer gefährdete, aber intime Verhältnis Israels zu seinem Gott. Dieser Bezug ist auch hier vorausgesetzt. Wie Jesus reagiert, kommentiert Augustinus so: „Die Sünderin soll bestraft werden, aber nicht von Sündern“ (Puniatur peccatrix, sed non a peccatoribus). Gegenwärtig heben überall die Leute Steine auf, um sie auf die Kirche und die vielen Sündigen darin zu werfen. 1971 schrieb Gertraud Wallbrecher an einen befreundeten Franziskaner: „Es ist unser Anliegen, dass man die Kirche nur kritisieren darf, wenn man gleichzeitig das Leben für ihre Erneuerung einsetzt.“ ars

Joh 8,1-11

Jesus ging zum Ölberg. Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es. Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du? Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand. Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!

Zum Leben in Gemeinschaft

 

Der Apfelbaum wills dem Birnbaum abgucken

 

die Kartoffelstaude schielt auf die Wassermelone

 

aber was machen wir mit einer Melonenschwemme?

 

verdankt doch unsere Küche ihren Ruhm

unseren schmackhaften Kartoffelgerichten.

 

Hedvig Fornander

Perspektive

31. März 2019, Vierter Fastensonntag C

Es kommt auf die Perspektive an. Deswegen spielt das Evangelium dieses Sonntags mit Verwandtschaftsbezeichnungen und Lebensbeschreibungen.

Den Ausreißer legen Vater und Knecht dem Älteren, Daheimgebliebenen als „deinen Bruder“ ans Herz. Der aber lässt sie abblitzen. Für ihn ist der gescheiterte Lebemann nur noch „dein Sohn“. Distanzierter geht es nicht. Auch der Knecht stellt nüchtern fest, dass der Verlorene wieder heil und gesund heimgekommen ist. Der Vater aber nennt ihn tot und wieder lebendig geworden. Die kleine Novelle ist eine Lektion über das Leben in Gemeinschaft. Es kommt auf die Perspektive an, auf den Ort, von dem ich schaue: Bleibe ich auf Distanz zur gemeinsamen Geschichte, weil sie voller Fehler und Versagen ist, dann wird alles fremd und fern, selbst der Nächste. Weiß ich mich selber als einen, der nicht taugt und doch gebraucht ist, wird aus „deinem Sohn“ wieder „mein Bruder“. acb

Lk 15,1-3.11-32

Alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm, um ihn zu hören.

Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Dieser nimmt Sünder auf und isst mit ihnen.

Da erzählte er ihnen dieses Gleichnis und sagte:

Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht! Da teilte der Vater das Vermögen unter sie auf. Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen. Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er begann Not zu leiden. Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon. Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Brot im Überfluss, ich aber komme hier vor Hunger um. Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner! Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von Weitem kommen und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Da sagte der Sohn zu ihm: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein. Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand und zieht es ihm an, steckt einen Ring an seine Hand und gebt ihm Sandalen an die Füße! Bringt das Mastkalb her und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. Denn dieser, mein Sohn, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein Fest zu feiern. Sein älterer Sohn aber war auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz. Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle. Der Knecht antwortete ihm: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn gesund wiederbekommen hat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu. Doch er erwiderte seinem Vater: Siehe, so viele Jahre schon diene ich dir und nie habe ich dein Gebot übertreten; mir aber hast du nie einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte. Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet. Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber man muss doch ein Fest feiern und sich freuen; denn dieser, dein Bruder, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.

Fragment zur Heiligen Schrift

von P. Handke

Seiner Form, seinem Rhythmus, seinem Tonfall nach: ein Buch aus der Nacht der Zeiten. Das trifft zu, und zugleich kann der Leser unserer Tage, der von heute, in der Bibel, Buch für Buch, seine eigene Geschichte lesen, wie in keinem anderen Buch:

er kann sie da entdecken, dann sie verstehen, dann sich ihr stellen. Der Leser ist der tragikomische Held aller der biblischen Geschichten; nicht bloß der Geschichten, sondern auch der Liebesgedichte, wie im Hohenlied, und der Hilferufe, wie immer wieder in den Psalmen. Du, Leser, hast den ersten Farbenaugenblick gelebt in Eden, und du wirst jene schwarzen und schwärzeren letzten Momente erleben, dein Mund voll Essig (und Ärgerem), wo du aufschreien wirst mit der Frage, warum dein sozusagen allmächtiger Vater dich verlassen hat. Deswegen ist die Bibel für den Leser ein entsetzliches, gefährliches Buch: er ist gezwungen, zu sehen, wie es, in der Tiefe, mit ihm steht, dem Sterblichen. Verlorener Sohn, der sich in Sicherheit fühlt, weil ihm der Vater für einmal verziehen hat – ihm sogar ein Fest bereitet hat. Aber danach, auf dem Kreuz, wo ist er, mein Vater und sein versprochenes Fest? Die Bibel kann in ihrem Leser das äußerste Grauen erwecken: ah, dieser Verrückte, der sich für Gott hält, unsterblich; dieser Wehleidige, welcher in den Bedrängnissen sich vor seinen Widersachern brüstet mit der Allmacht seines Vaters, und dass der ihm gleich zu Hilfe kommen wird; dieser sogenannte Gottessohn, der krepiert unter Geheul wie ein herrenloser Hund – das alles, das bin ich selber, ich, der das liest. Du, der heutigen Tages die Bibel liest: Achtung, Todesgefahr! Oder Lebensgefahr? Beseelende Gefahr? Begeisternde Gefahr, seit jener Nacht der Zeiten? Heilsame Gefahr? Heilsgefahr?

 

Aus: Peter Handke, Langsam im Schatten (1992)

Irgendwo tagt …

eine kirchliche Versammlung. Sie beginnt, sachrichtig, nicht mit einem Parteiprogramm, sondern einem Gottesdienst. Erstaunlich, aber es ist noch immer so:

Es gibt Menschen, die hoffen auf die Kirche. Sie ist ja immer freie Initiative, schon von ihrem Ursprung her. Und dass die drinnen sich anstecken lassen von dieser Hoffnung – sammeln sich auch draußen Leute und fordern: Neues Licht in der Kirche. Und um die Forderung an die drinnen zu unterstreichen, zünden sie ihre Taschenlampen an. Diese Diskrepanz, zwischen der Hoffnung und der realen Verwirklichung, kann jedenfalls nur von uns selbst überbrückt werden. Heißt es doch „Ihr seid das Licht der Welt“. Jedenfalls steht es so in der Bibel. pez

Vom Tod ohne Übertreibung

von W. Szymborska

 

Wer behauptet, der Tod sei allmächtig,
ist lebendiger Beweis dagegen.

 

Es gibt kein solches Leben,
das nicht wenigstens für einen Augenblick
unsterblich wäre.

 

Der Tod
kommt immer um diesen einen Augenblick zu spät.

Umsonst rüttelt er am Griff
der unsichtbaren Tür.

 

Er kann, was jemand erreicht hat,
nicht rückgängig machen.

 

Aus: Wisława Szymborska 1923–2012, Vom Tod ohne Übertreibung, in: Auf Wiedersehen. Bis morgen, Gedichte (1998)

Chaim Seeligmann

„Freie Antwort auf gegebene Situationen“

Foto: Dr. Chaim Seeligmann (1912–2009) im Kibbuz Givat Brenner (1987)

 

Das offenbare Zerbrechen des sozialistischen Modells in der Sowjetunion reflektierte der Zeithistoriker und Hitler-Biograph Joachim Fest (1926–2006) als Der zerstörte Traum. Vom Ende des utopischen Zeitalters, zugespitzt in der Aussage, „dass ein Leben ohne Utopie zum Preis der Modernität gehört“. Zum 90. Geburtstag von Chaim Seeligmann erschienen seine autobiographischen und kibbuzgeschichtlichen Notizen unter dem Titel Es war nicht nur ein Traum. War er einer der letzten Utopisten?

 

Als er 2009 in seinem Kibbuz Givat Brenner starb, wurde sein Tod von der deutschen Presse nicht wahrgenommen. Zum ersten Todestag widmete ihm haGalil.com. Jüdisches Leben online einen Nachruf: und schilderte seine ungewöhnliche ‚Karriere‘ vom reichen Sohn zum Kibbuznik: 1912 in Karlsruhe als Heinz Alfred geboren, Sohn einer assimilierten Bankiersfamilie, schloss er sich als 15-jähriger Gymnasiast der zionistisch orientierten Jugendbewegung Kadima an. Mit 23 Jahren verließ er Nazi-Deutschland und fuhr mit einem Schiff namens Galiläa nach Palästina, wo er sich dem Kibbuz Givat Brenner anschloss. Seine Eltern hat er nie wiedergesehen.

 

Was hat ihn veranlasst, „alles zu verkaufen und zu verlassen“, seine Bücher, sein Eigentum, seine persönlichen Lebensträume? Manès Sperber (1905–1984), sein jüdischer Zeitgenosse, hat es einmal so gesagt: „Ich bin nie einer Idee begegnet, die mich so überwältigt hat und die Wahl meines Weges so beeinflusst hat wie der Idee, dass diese Welt nicht so bleiben kann, wie sie ist, dass sie ganz anders werden kann und es werden wird.“ Das war auch die alles bestimmende Idee für Chaim Seeligmann. Den Realisierungsort fand er im Kibbuz, nach Sperber „die einzige Gemeinschaftsform, die in diesem Jahrhundert des pseudo-kommunistischen Despotismus die Idee des Sozialismus mit der Praxis der Lebensgemeinschaft vereint hat. Der Kibbuz erbringt den klaren Beweis, dass man, ohne an Gott und an den von ihm gesandten Messias zu glauben, gemäß den fundamentalen Lebensregeln des prophetischen Judentums sich zu einem dauernden Bunde vereinigen kann, in dem niemand ein Objekt der anderen ist, sondern stets der Gefährte aller bleibt“ (Mein Jude-Sein 42.44).

Er nahm wie alle askenasischen und sephardischen Juden, die ins Land kamen, einen neuen Namen an: Chaim. Das kennen wir auch. Wenn ein Kardinal Papst wird, heißt er Johannes XXIII. Wenn einer ins Kloster geht, hört er auf Bruder Rafael oder Schwester Marta. Änderte er seine Identität? Er erklärte sich bereit, eine Aufgabe zu übernehmen. Chaim Seeligmann verstand sich wie die meisten Zionisten als säkular. Dabei ist er ganz nahe bei dem Selbstverständnis orthodoxer Rabbiner, die erst jüngst den überkommenen Auftrag Gottes an Israel darin sehen, eine gerechte Gesellschaft aufzubauen mit den Worten von Emmanuel Levinas: „das Land zu heiligen“.

 

Im Jahr 1985 kam er in Kontakt mit der Katholischen Integriertenn Gemeinde und es entwickelte sich eine respektvolle Freundschaft. Von der für beide Seiten unerwarteten Begegnung und wachsenden Verbindung nur zwei Details:

Einmal formulierte er vor Jugendlichen aus der KIG: „Ich kann ganze Kompendien voll Ideen verfassen, so viel Sie wollen. Von Hegel und von Schopenhauer, von Nietzsche und von Marx und auch von unseren jüdischen Denkern. Aber die Frage ist: Wie und in welcher Weise kann man gewisse Ideen verwirklichen und ihnen Gestalt geben? Das ist nicht einfach, es hängt von Menschen ab, die bereit sind, sich mit einer bestimmten Idee zu identifizieren. Identifizierung ist keine theoretische, sondern eine praktische Sache.“

1993 nahm er an einer Priesterweihe von Gemeindemitgliedern teil, die der damalige Kardinal Joseph Ratzinger in der Basilika in St. Paul vor den Mauern in Rom feierte. Bei der Vorstellung der Kandidaten hörte er sie entsprechend der Weiheliturgie sagen „Adsum“ – „Hier bin ich“. Beim anschließenden Festmahl ergriff er das Wort: „Dies brachte mir die Worte Abrahams aus dem 22. Kapitel bereschit (Genesis) – der Opferung seines Sohnes Isaak – in Erinnerung, wo geschrieben ist: Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: ‚Abraham!‘ Er antwortete: ‚Hier bin ich‘. Die Antwort aller, die gemeinsam tun und denken, ist: Hier bin ich – hier sind wir!“

Nach einer Talmud-Tradition sind es sechsunddreißig Gerechte, die die Welt zusammenhalten; vielleicht war er einer von ihnen.

 

Nachruf Chaim Seeligmann: haGalil.com. Jüdisches Leben online

 

 

Wer singt das Neue Lied

Israel sang es mit Mirjam

am Ufer des Roten Meeres am Rande der Wüste

Mose sang es am Berg Nebo

das Land sehend aber nicht betretend

David sang es vor der Bundeslade

peinlich tanzend

Daniel sang es mit seinen Freunden

im überheizten Feuerofen

 

Jesaja sang es

bei der Rückkehr der Entronnenen

Die Weisheitslehrer sangen es

in der Begegnung mit der Vernunft der Griechen

Die Makkabäer sangen es

angesichts des unversiegten Öls der Tempelleuchte

 

Zacharias der Verstummte sang es

Maria die reine von Gott besuchte sang es

Simeon der Greis sang es

 

Jesus sang es über die Kleinen und Armen die sahen

Paulus sang es über seinen Fund der Zukunft Israels

 

Die Wüstenväter sangen es

als sie den korrupten Städten den Rücken kehrten

Die Klöster des Benedikt sangen es

als sie die Urwälder und Sümpfe kultivierten

Franziskus sang es

als er alles zurückließ um Papst und Sultan zu bewegen

 

Es vagabundierte und verlieh seine Töne

den Aufklärern und Kirchenkritikern

Hat nicht Nietzsche seine Melodie gesucht

Hat nicht Marx seine Noten

verkehrt in der Hand gehalten

 

Warum wurden seine Strophen nach Luther zerspalten

Warum verließ seine Schönheit in der Moderne die Kirchen

Warum musste es als Totenlied in Auschwitz erklingen

Und warum unter Bergen von Konzepten und Papieren

fast ersterben

 

Wer singt heute das Neue Lied

das nicht nur klingt nicht nur stimmt

Das weitererzählt

 

tac

Unterricht

von H. Domin

 

Jeder der geht

belehrt uns ein wenig

über uns selber.

Kostbarster Unterricht

an den Sterbebetten.

Alle Spiegel so klar

wie ein See nach großem Regen,

ehe der dunstige Tag

die Bilder wieder verwischt.

 

Nur einmal sterben sie für uns,

nie wieder.

Was wüssten wir je

ohne sie?

Ohne die sicheren Waagen

auf die wir gelegt sind

wenn wir verlassen werden.

Diese Waagen, ohne die nichts

sein Gewicht hat.

 

Wir, deren Worte sich verfehlen,

wir vergessen es.

Und sie?

Sie können die Lehre

nicht wiederholen.

 

Dein Tod oder meiner

der nächste Unterricht:

So hell, so deutlich,

dass es gleich dunkel wird.

 

Aus: Hilde Domin (1909–2006), Nur eine Rose als Stütze (1959)

Unverhoffter Augenblick

Der andere sieht etwas anderes als ich.

Schaue ich mich an, sehe ich ,von innen nach außen‘,

kann nicht absehen von mir.

Der andere schaut mich von außen nach innen an,

sieht, was ist und was war.

Und was mich Jahre bedrückt hat,
wo ich immer noch dachte „hätte ich doch“,
„wäre ich doch“ heißt dann:
Es war die notwendige Reibungsfläche,
an der alle Möglichkeiten des Heute sich entzünden konnten.

Der andere sieht mehr als ich.

anm