„Das Christentum ist jeden Augenblick noch möglich.“ F. Nietzsche

 

 

 

Der Augenblick

von S. Kierkegaard

Es kam für mich ein Augenblick, da ich, selig überwältigt, zu mir selbst sagen durfte: ich habe das Höchste verstanden.

Wahrlich, das ist nicht vielen in jeder Generation vergönnt. Aber beinahe im selben Augenblick stürzte etwas Neues auf mich ein: Das Höchste ist ja nicht, das höchste verstehen, sondern es tun.

 

Aus: Sören Kierkegaard, Tagebuch X 4A, 1852

„… dass wir Fortschritte machen im Verstehen des Arcanums Christi …

1. März 2020, Erster Sonntag der Fastenzeit, Lesejahr A

… und dass wir die richtigen Konsequenzen daraus ziehen.“ Darum bittet die Kirche an diesem Ersten Fastensonntag. Und beschreibt so das Programm für die kommenden vierzig Tage bis Ostern. 

Die Lesungen konzentrieren sich weniger auf die Konsequenzen. Sie umkreisen das Arcanum, das Geheimnis Christi: Dem ersten Menschen, Adam, gegenüber ist er in die Position des neuen, letzten Adam erhoben. Aber nicht einfach so. Er wird versucht, ihm wird der Prozess gemacht. Er wird einen gefährlichen Weg geführt, bis aus dem ‚alten Adam‘ der neue Mensch werden kann. Was die Ersten im Paradiesgarten erreichen wollten: Sein wie Gott, wird dem Letzten zuteil – durch seinen Gehorsam. ars

Röm 5,12-19

Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod, und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten. Sünde war schon vor dem Gesetz in der Welt, aber Sünde wird nicht angerechnet, wo es kein Gesetz gibt; dennoch herrschte der Tod von Adam bis Mose auch über die, welche nicht wie Adam durch Übertreten eines Gebots gesündigt hatten; Adam aber ist die Gestalt, die auf den Kommenden hinweist. Doch anders als mit der Übertretung verhält es sich mit der Gnade; sind durch die Übertretung des einen die vielen dem Tod anheim gefallen, so ist erst recht die Gnade Gottes und die Gabe, die durch die Gnadentat des einen Menschen Jesus Christus bewirkt worden ist, den vielen reichlich zuteil geworden. Anders als mit dem, was durch den einen Sünder verursacht wurde, verhält es sich mit dieser Gabe: Das Gericht führt wegen der Übertretung des einen zur Verurteilung, die Gnade führt aus vielen Übertretungen zur Gerechtsprechung. Ist durch die Übertretung des einen der Tod zur Herrschaft gekommen, durch diesen einen, so werden erst recht alle, denen die Gnade und die Gabe der Gerechtigkeit reichlich zuteil wurde, leben und herrschen durch den einen, Jesus Christus. Wie es also durch die Übertretung eines einzigen für alle Menschen zur Verurteilung kam, so wird es auch durch die gerechte Tat eines einzigen für alle Menschen zur Gerechtsprechung kommen, die Leben gibt. Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden.

Schöner scheinen

von J. Ratzinger

Es liegt im Wesen des Mediums, dass es das Aufregende und das Spannende bevorzugt und dass damit die alltäglichen Dinge, die die Welt zusammenhalten, kaum in Erscheinung treten können. Damit werden die Gewichte zwischen dem Wesentlichen und Unwesentlichen verschoben.

Die Menschen sind ja selbst beim Ereignis nicht dabei, aber sie sehen den Bericht über das Ereignis, der notwendigerweise schon eine Interpretation und Auswahl des Ereignisses ist. Am Schluss wird der Bericht wichtiger als das Faktum selbst, das heißt wir fangen an, immer mehr vom Schein zu leben und von der Erscheinung, und damit auch für die Erscheinung zu produzieren. Auch Politiker und Kirchenleute sind in Gefahr, dass sie sich nicht mehr fragen, was ist das eigentlich Richtige, sondern: Was wird ankommen? Wie wird es berichtet werden? Wie wird es angenommen werden? Das heißt, man handelt gar nicht mehr für die Wirklichkeit und nach den Maßstäben, die einem dafür das Gewissen vorgäbe, sondern für die Erscheinung die man machen will. Diese Knechtschaft, in die Menschen des öffentlichen Lebens, Politiker wie Kirchenmänner sehr leicht geraten können, wäre verhängnisvoll: Wenn man nicht mehr nach dem handelt, was eigentlich als gut erkennbar ist, sondern nach der Frage, was erscheint gut, wie erscheine ich, und somit zum Knecht seiner eigenen Erscheinung wird.

 

Joseph Ratzinger im Gespräch mit August Everding (1998), transkribiert aus: https://www.youtube.com/watch?v=G7RH0ZyqCZQ

Alles euer

23. Februar 2020, 7. Sonntag im Jahreskreis A

Wie kann der überweltliche Gott in der Welt einen Ort haben, wo er wohnt? Judentum und Christentum haben auf ihrem Weg erfahren, dass Gott in der Mitte seines Volkes wohnen will und zugleich der Heilige bleibt. Wie lässt sich von daher das Verhältnis der christlichen Gemeinde zur Welt und ihren Maßstäben beschreiben?

Diese Frage der Gemeinde in Korinth beantwortet Paulus überraschend: Alles ist euer. Und er zählt verschiedenes auf: die Welt, das Leben sowie den Tod. Als Grund und Grenze solcher Freiheit beschreibt der Jude Paulus eine Bindung, in die alles hineingestellt werden kann: Alles gehört euch, ihr aber gehört Christus, und Christus gehört Gott. hak

1 Kor 3,16-23

Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wer den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben. Denn Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr. Keiner täusche sich selbst. Wenn einer unter euch meint, er sei weise in dieser Welt, dann werde er töricht, um weise zu werden. Denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott. In der Schrift steht nämlich: Er fängt die Weisen in ihrer eigenen List. Und an einer anderen Stelle: Der Herr kennt die Gedanken der Weisen; er weiß, sie sind nichtig. Daher soll sich niemand eines Menschen rühmen. Denn alles gehört euch; Paulus, Apollos, Kephas, Welt, Leben, Tod, Gegenwart und Zukunft: alles gehört euch; ihr aber gehört Christus, und Christus gehört Gott.

Anmerkungen zum Verständnis der Gegenwart

von G. Steiner

Kunst, intellektuelles Streben, die Entwicklung der Naturwissenschaften und viele andere Zweige der Gelehrsamkeit – sie gediehen, sowohl im örtlichen als auch im zeitlichen Sinn, auf engstem Raum mit dem Massaker und den Todeslagern. Struktur und Bedeutung solcher Nachbarschaft sind es, denen wir unser Augenmerk zuwenden müssen. Hitlers höhnische Bemerkung „das Gewissen ist eine jüdische Erfindung“ gibt uns einen Schlüssel an die Hand.

Am tiefsten hassen wir jene, die uns ein Ziel vor Augen halten, ein Ideal, eine visionäre Verheißung, also etwas, das wir niemals erreichen können, ob wir auch unsre Muskeln bis zum Zerreißen angespannt haben. Schon zum Greifen nah, entschlüpft solches Ziel wieder und wieder den gekrümmten Fingern, doch es bleibt – und das ist das Entscheidende – weiterhin zutiefst begehrenswert für uns, und wir können es niemals verwerfen, weil wir seinen überragenden Wert im vollen Ausmaß erkannt haben.

In der Metaphorik der Theologie – und weshalb sollte man sich für deren Gebrauch innerhalb eines kulturkritischen Essays zu entschuldigen haben – lässt sich sagen, dass der Massenmord einem zweiten Sündenfall gleichkommt. Wir können ihn interpretieren als ein freiwilliges Verlassen des Gartens Eden und als einen programmatischen Versuch, diesen Garten hinter uns zu verbrennen: auf dass die Erinnerung nicht weiterhin fortfahre, alle barbarische Gesundheit mit entkräftenden Träumen oder gar Reuegedanken zu verseuchen.

 

Aus: George Steiner (1929–2020) In Blaubarts Burg. Anmerkungen zur Neubestimmung der Kultur (1971)

Gebote zur Freiheit

16. Februar 2020, 6. Sonntag im Jahreskreis A

Die Weisheitslehrer Israels wussten, dass dem Menschen eine unglaubliche Freiheit in die Hand gelegt ist: „Der Mensch hat Leben und Tod vor sich. Was er begehrt, wird ihm zuteil.“ Das eigene Schicksal hat wesentlich mit dieser Grundentscheidung zu tun.

Die Größe Gottes spiegelt sich in dieser Freiheit des Menschen. Bei ihrer Verwirklichung bleibt der Mensch aber zu allem fähig. Deswegen sind Erfahrungen, die vor unserem eigenen Leben gemacht wurden, unschätzbar. Sie helfen, diese Freiheit so zu verwirklichen, dass sie fruchtbar wird für viele. Damit nicht jeder Mensch und jede Generation die gleichen Fehler wiederholen muss, wurden diese Erfahrungen im Laufe von Jahrhunderten gesammelt in einer Vielzahl von Geboten und Verboten. Wir kennen davon in der Regel nur noch die zehn bekanntesten. Diese wollen die Freiheit des Menschen nicht einschränken, sondern zu ihrem Ziel führen. ruk

Sir 15,15-20

Gott gab den Menschen seine Gebote und Vorschriften. Wenn du willst, kannst du das Gebot halten; Gottes Willen zu tun ist Treue. Feuer und Wasser sind vor dich hingestellt; streck deine Hände aus nach dem, was dir gefällt. Der Mensch hat Leben und Tod vor sich; was er begehrt, wird ihm zuteil. Überreich ist die Weisheit des Herrn; stark und mächtig ist er und sieht alles. Die Augen Gottes schauen auf das Tun des Menschen, er kennt alle seine Taten. Keinem gebietet er zu sündigen, und die Betrüger unterstützt er nicht.

Kirchlicher Fortschritt – aus den „Hymnen an die Kirche“

von G. v. le Fort

Sie tönen aus der Ferne wie Posaunen, aber wenn sie nahe kommen, tragen sie nur Schellen.

Sie drängen sich hervor mit Fahnen und Wimpeln, aber wenn der Wind aufsteht, zerflattert ihr Gepränge.

Höret, ihr Lauten und Vermessnen, ihr Wetterflücht‘gen des Geistes und ihr Kinder eurer Willkür:

Wir sind verdurstet bei euren Quellen, wir sind verhungert bei eurer Speise,

wir sind blind geworden bei euren Lampen!

Ihr seid wie eine Strasse, die nie ankommt, ihr seid wie lauter kleine Schritte um euch selber!

Ihr seid wie ein treibendes Gewässer, immer ist in eurem Munde euer eignes Rauschen!

Ihr seid heute eurer Wahrheit Wiege, und morgen seid ihr auch ihr Grab!

 

Aus: Gertrud von le Fort, Hymnen an die Kirche (1924)

War das alles?

Zunächst einmal vorneweg: Ich bin kein Filmkritiker und lese auch keine Filmkritiken. Ich bin allgemein ein sparsamer und kein sehr ernsthafter Filmeschauer, meistens oberflächliches Zeug. Was Filme, Filmkunst, und die Kunst Filme zu deuten anbelangt, bin ich keine Leuchte, bestenfalls ein Glühwürmchen.

So saß ich also ganz unbedarft in der Premiere des neuen Terrence Malick-Films „Ein verborgendes Leben“. Er dreht sich um die reale Geschichte des Bauern Franz Jägerstätter, der zur Zeit des Nationalsozialismus in Österreich lebte. Ein Bauer, der 1943 in Berlin als „Wehrkraftzersetzer“ hingerichtet wurde, nachdem er den Dienst an der Waffe verweigert hatte.

Es beginnt mit dem vollkommenen harmonischen Leben der Familie Jägerstätter. Ein sich liebendes junges Ehepaar, drei fröhliche Kinder, die Arbeit auf den Feldern in den Bergen, im Hintergrund das Hochgebirge.

Dann ziehen buchstäblich dunkle Wolken auf. Das Dorf wendet sich geschlossen den Nazis zu. Die ersten werden eingezogen. Jägerstätter steht zusehends vor der Entscheidung: Mitmachen oder nicht? Er entscheidet sich dagegen. Von da an nimmt das Unheil seinen Lauf. Die Familie wird im Dorf geächtet. Der Druck wächst. Jägerstätter hält an seiner Überzeugung fest. Bis kurz vor seinem Tod hätte er sich anders entscheiden können. Er hat es nicht getan.

 

Haltung zeigen für eine bessere Welt

Diese Geschichte wird über drei Stunden hinweg erzählt. Sichtlich darauf abzielend den Zuschauer in die Rolle des kleinen österreichischen Bauers zu versetzen. Es drängt sich die Frage auf: Ist es das wert gewesen? Am Ausgang des Krieges hat diese Entscheidung nichts geändert. Trotzdem hat er seiner Familie den eigenen Tod zugemutet. Wofür ist Franz Jägerstätter eigentlich gestorben? Im Abspann des Films wird eine Antwort gegeben:

wenn die Welt immer besser wird, so ist das zum Teil auf Taten ohne historischen Rang zurückzuführen; und dass es um den Leser und mich nicht so schlecht steht, wie es sein könnte, das verdanken wir zur Hälfte den Menschen, die voll gläubigen Vertrauens ein Leben im Verborgenen geführt haben und in Gräbern ruhen, die kein Mensch kennt.“

Bezogen auf heute könnte man das übersetzen: Zivilcourage üben, Haltung zeigen, Aufstehen gegen rechts, das ist die Lehre dieses Films. Wenn es nur genügend Franz Jägerstätter gibt, wird die Welt eine bessere werden.

 

Historische Nebensächlichkeiten

Man kann, während man seinen wundgesessenen Hintern aus dem Kinostuhl hievt und sich benommen auf den Heimweg macht, ein solches Fazit ziehen. Doch schon beim Durchwanken des Kinofoyers wird einem flau im Magen, wenn man sich der Kurzsichtigkeit einer solchen Binsenweisheit bewusst wird.

Denn eines fällt an dem Film auf: Das spezifische Unrecht der Nationalsozialisten und des Holocausts wird keineswegs thematisiert. Der Film hätte genauso gut vor dem Hintergrund eines anderen diktatorischen Regimes spielen können, das bestimmte Volksgruppen unterdrückt und seine Nachbarstaaten überfällt. Jägerstätter würde dann einen anderen Namen tragen, aber vor die gleiche Gewissensfrage gestellt werden: Darf ich aufgrund eines Militärbefehls unschuldige Menschen töten? Und der Film würde genau den gleichen Gang gehen.

Das ist für sich genommen eigentlich nichts Schlechtes. Trotzdem halte ich es für bedenkenswert, dass ein Film, der in der Nazizeit spielt und die Geschichte eines real existierenden Menschen erzählt, die damals ebenso reale Wirklichkeit des Nationalsozialismus und des Holocausts ausklammert.

 

Der Holocaust als Variable

In meiner Generation, deren Großeltern allenfalls diese Zeit noch miterlebt haben, rücken die Verbrechen von damals in weite Ferne. Man lernt in der Schule die Zahlen auswendig: sechs Millionen tote Juden, fünfundsiebzig Millionen Kriegstote insgesamt. Das sind erschreckende Zahlen. Man lernt auch, wie es historisch dazu gekommen ist. Ein Verständnis für die zersetzende Wirkung dieser Unrechtsherrschaft jenseits von ermordeten Menschen, zerstörten Städten und politischen Folgen, lernt man dort nicht.

Was dieser Film bewusst oder unbewusst zum Ausdruck bringt, liegt daher gar nicht so fern: Der Holocaust wird zu einer bloßen Variablen. Er unterscheidet sich von anderen Massenermordungen nur noch durch die besonders hohe Zahl der Opfer und das besonders systematische Vorgehen der Vollstrecker. Er hat dann nicht mehr eine fundamental andere Qualität, sondern reiht sich nahtlos ein in eine lange Geschichte von Verbrechen, von denen allen man sagen kann, dass diese gegen die – wie auch immer verstandene – Menschlichkeit begangen wurden.

 

Gedankenloses Gedenken

Es ist vielleicht ein Zufall, dass dieser Film nur ein paar Tage nach den Gedenkfeiern zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz in die deutschen Kinos gekommen ist. Man wurde einmal mehr nicht müde zu sagen „Nie wieder!“. Die verschleißenden Beteuerungen, wie schlimm doch alles war und wie wichtig es sei daraus Lehren zu ziehen, geben keine Antwort auf die Frage, was denn nun genau nie wieder geschehen soll.

Worin liegt die tiefere Bedeutung der nationalsozialistischen Massenmorde? Mussten gerade die Juden zum ersten Ziel der Vernichtungsmaschinerie werden, oder war das ein Zufall? Ist es nur eine Ironie des Schicksals, dass dieser Massenwahn gerade im Zentrum Europas ausgebrochen ist, mit seiner Geschichte voller großer Philosophen, Theologen, Dichter, Künstler und Forscher? Wurde Europas geistiges Fundament damals in Stücke geschlagen, oder nicht? Wenn man annimmt, Jägerstätter habe recht gehandelt, indem er seinem Gewissen folgte: Woran müssen sich Gewissensentscheidungen heute messen lassen, oder ist sich das Gewissen selbst Maßstab genug?

Anstatt wirklich drängende Fragen zu stellen, die auch im Handeln des Franz Jägerstätter zu Tage treten, lädt der Film ein zu einem salonphilosophischen Gedankenspiel: Wie hätte sich der Zuschauer in der gleichen Situation verhalten? Das ist ein müder und viel zu lang erzählter Witz ohne Pointe.

Niemand kann es sich ernsthaft ausmalen, wie es ist in einer solchen Situation zu stecken.

 

Und am Ende die Erkenntnis

Franz Jägerstätters Leidensweg wird bis hin zum Schafott ununterbrochen in einer aufdringlichen Nähe dargestellt. Eine oberflächliche Nähe. Wer weiß schon, was letztlich seine Beweggründe waren? Auch quälend lange Kameraeinstellungen im Gefängnis und eine emotional aufwühlende Abschiedsszene bringen hier keinen Erkenntnisgewinn.

Am Ende bleibt nur der Nervenkitzel, während man ihn wartend im Gefängnishof sieht. Im Hintergrund hört man das Fallen der Klinge, die den Kopf des Letzten vor ihm abtrennt. Einmal noch gegruselt und dann die einsetzende Gewissheit: „Haltung zeigen!“ darauf kommt es an.

Inzwischen bin ich zu Hause angekommen und mir ist schlecht. Ich bin – wie gesagt – kein Filmkenner. Vielleicht will der Film etwas ganz anderes. Vielleicht habe ich die künstlerische Intention verkannt. Aber eines ist sicher: Drei Stunden hätte es nicht gebraucht, um der bahnbrechenden Erkenntnis Raum zu verschaffen, wie wichtig es doch sei Gutes zu tun. saw

Synodale Weggabelung

Nur eine Prise Salz?

9. Februar 2020, 5. Sonntag im Jahreskreis A

Matthäus schreibt am Ende seines Evangeliums vom Auftrag Jesu zu allen Völkern zu gehen. Aber was heißt das genau und wie soll man sich das vorstellen? Wie soll eine winzige Schar etwas Weltbewegendes leisten?

Es kommt nicht auf die Zahl an, nicht auf eine ausgeklügelte Strategie oder Struktur. Nein, im Bild gesprochen kommt es nur auf das Eine an: die Prise Salz. Sie ist nur eine winzige Zutat im Gesamten der Suppe. Die alles verändernde Größe bleibt immer Minderheit im Ganzen der Welt. Worin also liegt der wirksame Effekt des unscheinbar Kleinen für das große Ganze? Im Bild Jesu gesprochen: dass das Salz nicht schal wird! Auf die Lage unserer Kirche bezogen: Nicht organisatorische, strukturbezogene Überlegungen können ihre Reform einleiten, sondern dass einige wieder beherzt „salzig“ leben. bek

Mt 5,13-16

Jesus sprach zu seinen Jüngern: Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr; es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten. Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf dem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Einzeldemo

Glaube ist nicht demonstrierbar, schrieb Joseph Ratzinger einmal. Was geschieht, wenn der amerikanische Regisseur Terrence Malick mit seinem neuen Film “A Hidden Life” dennoch den Versuch unternimmt zu zeigen, wie ein einfacher katholischer Bauer seinem Gewissen folgt und dafür von den Nazis umgebracht wird?

Beim Restaurieren der Fresken der Dorfkirche sagt ein Handwerker zu diesem Bauern: „Wir erzeugen nur Bewunderer, aber keine Nachfolger. Die Menschen wollen nicht um die Wahrheit ringen, daher ignorieren sie sie. Ich male ihren angenehmen Christus, mit einem Heiligenschein auf seinem Kopf. Wie kann ich zeigen, was ich nicht gelebt habe?“ Es kommt einem wie ins Heute übersetzt vor, wenn die Leiterin des „Kompetenzzentrums für Demokratie und Menschenwürde der Erzdiözese München“ in ihrer Einführung vor dem Kinopublikum als Essenz des Films Zivilcourage anmahnt. Mit diesem Schalldämpfer bleibt der Bauer Franz Jägerstätter, den Papst Benedikt 2007 selig gesprochen hat, damals wie heute ein stummer Einzelkämpfer. Für ein wohlfeiles Lippenbekenntnis gegen Rassismus und für Toleranz braucht es nicht die Kirche. Mir wird klarer: Die Wende des Seins, wie Ratzinger den Glauben nennt, ist kaum alleine möglich. heg

Mauern in Köpfen

Wenn ein deutscher Bischof in den Nahen Osten reist und ihm angesichts der Schutzmauer zwischen palästinensischen und israelischen Gebieten ein Vergleich mit der Berliner Mauer einfällt und dazu gleich der missionarische Gedanke, man habe in Deutschland Erfahrung mit dem Überwinden von Mauern, dann wirft das Fragen auf.

Wie kommt man als deutscher Bischof zu einem solchen Hochgefühl moralischer Überlegenheit? Wie geschichtsvergessen und politisch blind darf ein deutscher Bischof sein? Man erwartet ja von Bischöfen, dass sie Theologie studiert haben und nicht Geschichte oder Politik. Darf es einem studierten Kirchenmann aus Deutschland denn noch verborgen bleiben, dass der Satz „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!“ nicht in die Moraltheologie gehört, sondern in die Geschichte und dort in die dunkleren Kapitel. Auch die Berliner Mauer gehört zu den dunkleren Kapiteln unserer Geschichte. Wer die Berliner Mauer mit der israelischen Schutzmauer vergleicht, hat historisch und politisch keine Ahnung, wovon er redet: Die Berliner Mauer trennte eine Nation mit einer Sprache und einer gemeinsamen Geschichte. Die israelische Schutzmauer ist damit nicht zu vergleichen. Palästinenser, die in Israel Anschläge verüben wollen, sind so ideologisch verblendet, dass sie das Existenzrecht Israels nicht akzeptieren wollen, wie übrigens ein Großteil der arabischen Welt, gegen den sich Israel genauso schützen muss. Diese Schutzmauer ist nicht schön, sie ist vielleicht sogar eine Kriegswaffe, aber eine sehr friedliche. Denn sie hat den palästinensischen Terror in Israel weitgehend beendet und damit Leben gerettet. Wenn es um Deutschland geht, ist viel von der Mauer in den Köpfen die Rede. Vielleicht wäre ein erster Schritt die Abrüstung im Hochgefühl der moralischen Überlegenheit. Das war es doch, was die Ostdeutschen an uns „Besserwessis“ so gefressen hatten. ses

Ein Leserbrief aus Rom an eine große deutsche Tageszeitung

Mit Gewinn und Vergnügen lese ich in dieser Zeitung die Sportseiten, die Wirtschaftsnachrichten, die Sparte Technik und Motor. Allein das, was ich in Kommentaren, aber auch ‚Berichten‘ über die katholische Kirche lese, vergällt mir jede Freude an der Lektüre und nicht nur das: es ramponiert mein Vertrauen in einen seriösen Journalismus. Der Feldzug, der innerkirchlich gegen den emeritierten Papst geführt wird, findet hier seinen propagandistischen Lautsprecher.

Er hat nicht nur wenig mit der Wahrheit zu tun, sondern unterscheidet sich auch von der Sicht vieler wacherer Geister weltweit, Katholiken wie Nichtkatholiken, und ist vielleicht eine Art kleindeutsche Quittung für die Unbestechlichkeit und Weitsicht Ratzingers seit über 60 Jahren. Die Fakten sprechen eine andere Sprache als diese Kampagnen, ob es um den effektiven Beitrag Joseph Ratzingers seit den 90er Jahren als Kardinal und Papst gegen die Verbrechen sexuellen Missbrauchs oder um die Gestaltung seines ‚Ruhestandes‘ bis heute in absolut intellektueller Wachheit und im Gehorsam gegenüber dem amtierenden Papst geht. Sicher merkt man, dass im Zeitalter rasanter Kommunikation etliche Fallstricke lauern und schnell Pannen produziert werden. Aber hier scheint das Motto zu herrschen: Don’t touch me with the facts. Nicht der Geist der Kirchenspaltung, sondern jener persönlicher Abrechnungen der Autoren mit der eigenen Kirche wird immer neu aus der Flasche entlassen. Auch wenn die einen Benedikt reflexartig in die Pfanne hauen und andere ihn unter dem Deckmantel der Verehrung vor ihren Karren spannen wollen, bleibt diese Konstellation eines amtierenden Papstes und eines Papa emeritus, mit allen Brüchen und Schwächen, ein präzedenzloser Glücksfall für die Kirche.

 

Prof. Dr. Achim Buckenmaier, Rom

Erwünscht und befürchtet

2. Februar 2020, Darstellung des Herrn

Mit dem Fest „Darstellung des Herrn“ tritt die Liturgie noch einmal für einen Augenblick in die Advents- und Weihnachtzeit zurück, in die sichere Erwartung und anfängliche Erfüllung. Der Prophet Maleachi kennt die Spannung, die mit der Ankündigung von Gottes Kommen einhergeht: Dass wir Ihn suchen und herbeiwünschen, zugleich aber die Frage stellen: Wer erträgt den Tag, an dem er kommt?

Dennoch ist die Sicherheit seines Kommens unerschütterlich, denn es gibt den Ort, wohin er kommen kann: sein Tempel, Juda und Jerusalem – und es gibt eine Zeit, die als Maß gilt: die Tage der Vorzeit, die längst vergangenen Jahre. So hat die versprochene Reinigung wie durch Feuer und Lauge bereits erfüllte Rahmenbedingungen und eine klare Ausrichtung auf das Opfer, das richtig ist; d.h. auf die ständige Beziehung zwischen dem Gottesdienst und einem Leben in Gerechtigkeit. tac

Mal 3,1–4

So spricht Gott, der Herr: Seht, ich sende meinen Boten; er soll den Weg für mich bahnen.

Dann kommt plötzlich zu seinem Tempel der Herr, den ihr sucht, und der Bote des Bundes, den ihr herbeiwünscht. Seht, er kommt!, spricht der Herr der Heerscharen. Doch wer erträgt den Tag, an dem er kommt? Wer kann bestehen, wenn er erscheint? Denn er ist wie das Feuer des Schmelzers und wie die Lauge der Walker. Er setzt sich, um das Silber zu schmelzen und zu reinigen: Er reinigt die Söhne Levis, er läutert sie wie Gold und Silber. Dann werden sie dem Herrn die richtigen Opfer darbringen. Und dem Herrn wird das Opfer Judas und Jerusalems angenehm sein wie in den Tagen der Vorzeit, wie in längst vergangenen Jahren.

Einheit von Jenseits und Diesseits

von L. Baeck

Das Judentum hat seine Freiheit von dem Zwiespalt, den die verschiedenen Begriffe von Gott bringen. Dem Widerstreit zwischen Transzendenz und Immanenz fehlt hier der Boden. Die Frömmigkeit lebt hier in der Paradoxie, in der Polarität, mit all ihrer Spannung und Geschlossenheit.  

Für sie gibt es kein Diesseits ohne das Jenseits und kein Jenseits, das nicht sein Diesseits hätte, keine kommende Welt ohne diese Welt und keine Menschenwelt ohne das, was über sie hinausreicht. Alles Diesseits ist im Jenseits verwurzelt, und alles Jenseits verlangt im Menschen sein Diesseits. Das Unendliche tritt im Endlichen hervor, und alles Endliche soll sein Unendliches erweisen. Des Menschen Leben führt von Gott zum Menschen und vom Menschen zu Gott.

 

Aus: Leo Baeck, Geheimnis und Gebot, in: Der Leuchter – Weltanschauung und Lebensgestaltung (1921/1922)

Er geht euch voraus nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen.

26. Januar 2020, 3. Sonntag im Jahreskreis A

Das sagt der Engel zu den Frauen, die zum Grab Jesu kommen und verzweifelt sind, weil sie es leer finden. Dorthin verweist sie auch Jesus. Das leere Grab und die Angabe „Galiläa“ wurden immer als dunkel empfunden und waren Anlass zu allerlei Spekulationen.

Matthäus erzählt schon für den Beginn des Auftretens Jesu: Er zog sich nach Galiläa zurück. Seine Herkunft aus dem „Galiläa der Heiden“, aus Nazaret, blieb an ihm haften bis zur Inschrift am Kreuz (JNRJ). Bewohnt von den Stämmen Sebulon und Naftali, war Galiläa schon 732 v. Chr. von den Assyrern erobert und mit Heiden besiedelt worden. „Kann von dort etwas Gutes kommen?“ Diese „Schmach“ war auch zweihundert Jahre später noch Jesaja präsent. Aber Jesaja öffnet ein Fenster in die Zukunft und Matthäus macht es weit auf: In Galiläa erscheint ein Licht. Die Wiederbelebung der verlorenen Stämme beginnt mit der Sammlung der Zwölf. Nach Joseph Ratzinger ist das Neue am Neuen Testament die Person Jesu und die Figur der Zwölf. ars

Mt 4,12-23

Als Jesus hörte, dass man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, zog er sich nach Galiläa zurück. Er verließ Nazaret, um in Kafarnaum zu wohnen, das am See liegt, im Gebiet von Sebulon und Naftali. Denn es sollte sich erfüllen, was durch den Propheten Jesaja gesagt worden ist: Das Land Sebulon und das Land Naftali, die Straße am Meer, das Gebiet jenseits des Jordan, das heidnische Galiläa: das Volk, das im Dunkel lebte, hat ein helles Licht gesehen; denen, die im Schattenreich des Todes wohnten, ist ein Licht erschienen. Von da an begann Jesus zu verkünden: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe. Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er zwei Brüder, Simon, genannt Petrus, und seinen Bruder Andreas; sie warfen ihre Netze in den See, denn sie waren Fischer. Da sagte er zu ihnen: Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm. Als er weiterging, sah er zwei andere Brüder, Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes; sie waren mit ihrem Vater Zebedäus im Boot und richteten ihre Netze her. Er rief sie, und sogleich verließen sie das Boot und ihren Vater und folgten Jesus. Er zog in ganz Galiläa umher, lehrte in den Synagogen, verkündete das Evangelium vom Reich und heilte im Volk alle Krankheiten und Leiden.

Ruhe als Renaissance

von L. Baeck

Die ganze Liebe des „Gesetzes“ hat hegend und pflegend einem gegolten, dem Sabbat. Er gibt, als der Tag der Ruhe, dem Leben sein Gleichgewicht, seinen Rhythmus; er trägt die Woche. Ruhe ist ein ganz anderes als Rast, als Arbeitsunterbrechung, ein ganz anderes als Nichtarbeiten.

Die bloße Rast gehört wesentlich in das Physische, in das Irdische und Alltägliche. Die Ruhe ist ein wesentlich Religiöses, sie ist in der Atmosphäre des Göttlichen, sie führt zum Geheimnis hin, zu dem Grunde, von dem auch alles Gebot kommt. Sie ist das Wiederschaffende und Versöhnende, die Erholung, in der die Seele sich zurückholt, das Atemholen der Seele – das Sabbatliche des Lebens. Der Sabbat ist das Bild des Messianischen, er spricht von der Schöpfung und der Zukunft, er ist das große Symbol, wie die Bibel sagt: „ein Zeichen zwischen Gott und Israel“, oder wie ein Wort des Talmud sagt: „das Gleichnis der Ewigkeit“. In ihm hat das Leben den großen Widerspruch gegen das Ende, die stete Renaissance.

 

Aus: Leo Baeck, Geheimnis und Gebot, in: Der Leuchter – Weltanschauung und Lebensgestaltung (1921/1922)

Gedanken aus dem Zellhaufen

 

Die zoologische Theologie kommt: Keine Religion habe die absolute Wahrheit, das Ebenbild Gottes ist nur ein Zellhaufen.

 

Wäre Adam mit einem der Tiere als Gehilfin zufrieden gewesen, – die Weltgeschichte wäre sofort da gelandet, wo sie heute angekommen ist.

 

Der historische Jesus wurde den Heiden ausgeliefert; der Christus des Glaubens den Gelehrten.

 

Freiheit ist, dass ich mir schaden darf. Erlösung ist, dass ich so lebe, dass der andere sich nicht schaden will.

 

Der Glaube ist immer der Dank eines Entronnenen.

luw

Stellungnahme

Eigentlich handelt es sich um eine innerkirchliche Angelegenheit, aber auf Drängen von Freunden und Ratgebern soll nachfolgend nun doch zu einer Sache Stellung genommen werden, die sich derzeit in einer Diözese im südlichen Deutschland ereignet und gegen die örtliche Katholische Integrierte Gemeinde gerichtet ist:

Personen aus der dortigen Amtskirche haben völlig haltlose Anschuldigungen, unwahre Behauptungen und faktenfreie Vorurteile gegen die örtliche Katholische Integrierte Gemeinde zusammen gesammelt und als eigene Meinung und Ansicht in einem internen sog. ‚Zwischenbericht‘ zusammengestellt, der ihr letztlich ihre Katholizität absprechen will.
Nach der Fertigstellung dieses ‚Zwischenberichtes‘ Anfang Oktober 2019 wurde dieser der örtlichen Katholischen Integrierten Gemeinde zugestellt und nachweislich zeitgleich rechtswidrig an völlig unbeteiligte Dritte weitergegeben, worüber er dann auch seinen Weg in die Presse und in die sozialen Netzwerke fand und dort verbreitet wurde und wird.
Sinn und Zweck dieses gegen vielfältige Rechtsgrundsätze verstoßenden Vorgehens war und ist allein, eine massive Rufschädigung der örtlichen Katholischen Integrierten Gemeinde und die bewusste und gewollte Verhinderung ihrer Arbeit dort herbeizuführen.
Die Katholische Integrierte Gemeinde befindet sich insoweit in bester Gesellschaft, als auch andere Initiativen katholischer Gläubiger, die frei und unabhängig von den Strukturen der dortigen Amtskirche und deren Finanzmitteln entstanden sind und arbeiten, Vergleichbares erleben mussten.
Diese Kampagne führte nun aber auch dazu, dass aus aller Welt hunderte von Anschreiben eintrafen, die die Verbundenheit und Solidarität mit der Arbeit der Katholischen Integrierten Gemeinden ausdrückten und genau das Gegenteil dessen beschreiben und bezeugen, was in diesem ‚Zwischenbericht‘ wahrheitswidrig unterstellt wird.
Auch dadurch dankbar ermutigt werden die Katholischen Integrierten Gemeinden in enger Anbindung an die Gesamtkirche gemäß ihren Statuten ihre Arbeit weiterführen. kig

Zur Situation in München

Am 19. November 2019 sendete Radio Horeb ein Gespräch von Ralf Oppmann, Studioleiter München, mit Prof. Dr. Achim Buckenmaier.

In der Anmoderation des Interviews hieß es:

„Die Katholische Integrierte Gemeinde ist mittlerweile nicht nur in verschiedenen deutschen Diözesen aktiv, sondern in mehreren Ländern weltweit vertreten. Nun geriet die Münchener Katholische Integrierte Gemeinde in den letzten Wochen mit verschiedenen Vorwürfen gegen sie in die Schlagzeilen. Prof. Dr. Achim Buckenmaier ist Direktor des Lehrstuhls für die Theologie des Volkes Gottes an der Päpstlichen Lateranuniversität in Rom und Berater der Glaubenskongregation und des Päpstlichen Rates zur Förderung der Neuevangelisierung. Als Mitglied der Gemeinschaft der Priester im Dienst an Integrierten Gemeinden stand er Ralf Oppmann zu den erhobenen Vorwürfen Rede und Antwort.“

Hören Sie hier die wesentlichen Ausschnitte aus dem Gespräch:

Gedanken aus der Hängematte

Die Bibelausleger konstatieren zwischen den Erwartungen der jüdischen Propheten und der Wirklichkeit im Christentum einen „Verheißungsüberschuss“. Sie finden tolle Wörter. Aber sie umgehen durch Unterlassung die Frage, an wem es liegt, ob an Gottes oder an unserer Faulheit.

 

Heute werden alle Aussagen und Lösungen aus der Vergangenheit relativiert: Sie seien alle zeitbedingt und subjektiv, – als könne der menschgewordene Affe erst seit 2019 seinen Verstand benutzen und erst durch Greta seine Verantwortung ernstnehmen.

 

Wir entdecken, wie Menschenverächter, die Selbst- und Ruhmsucht in und hinter den Taten unserer Zeitgenossen. Auch Jesus hat die Menschen durchschaut und ihre Herzen gelesen. Aber er hat sie trotzdem geliebt.

 

luw

Das Findelkind

Seit wir zweibeinig sind und raus aus dem dickichten Urwald, seit wir in der Savanne die weiten Horizonte erkunden, und nachts der Sternenhimmel uns offensteht, seit wir uns selbst bewusst wurden und unsere Toten in der Savannenerde begraben, wahrscheinlich schon früh in unserer Sapiensgeschichte möchten wir nach dem Tod nicht tot sein.

So haben wir uns schon sehr früh Religion, und Götter, und einen Jenseitsort, eine ewig schöne Heimat nach unserem oft kurzen, mühseligen, gewaltbegleiteten Leben gesucht. Das Jenseits wurde unser Trost, Priester traten auf und übernahmen den Dienst an der Wegweisung zum ewigen Leben.

Ein Winzling auf der Erde, Israel, steigt aus diesem Religionszirkus aus. Der Himmel staunt. Gott gewinnt Israel lieb, er will bei den Menschen wohnen. „Er steigt herab.“ Israel empfängt die Tora. Sie macht die Erde zum Paradies, Menschen werden Nächste.

Über tausend Jahre übt Israel das Leben in der Tora. Und über tausend Jahre murrt Israel: „Es ist zu schwer.“ „Wir wollen sein wie alle Völker.“ Und sie bauen ihrem Gott die schönste aller Wohnungen, den Tempel.

Gottes Volk lebt in Gefangenschaft, in Besatzung. Israel betet, schreit, hofft einen Messias, der befreit.

Ja, und noch einmal steigt Gott herab, wird Mensch, wird Jude. Das Israel der Zwölf kommt. „Flamme auf Flamme … auf jeden einzelnen von ihnen.“ Gottes Geist steigt herab, bleibt bei den Zwölf.

Die Kirche wächst, wird groß, bringt Frucht, wird mächtig. Die Christenmacht erobert die Welt der Religionen. Priester übernehmen die Wegweisung zum ewigen Leben. So haben wir wie früher Jenseits-Religion.

Die Jahrhunderte der europäischen Aufklärung klären dann auch unsere Christenreligion. Wir sind wieder Gott los geworden. Die Rede von Gott ist tot. Stumm, taub, blind überlebt sie die Ermordung von Gottes Diesseitsvolk der Juden nicht.

„Alles war aus für immer.“

Die Testamente liegen noch am Boden. Und die moderne Bibelwissenschaft hilft. Man hört neue Rede vom Gottesvolk säkularer Gemeinden: „Mädchen, ich sage dir, steh auf.“ rus

In Nacht und Dunkel …

Ende November 2019 wurde im Stadtrat von Triest eine öffentliche Debatte darüber geführt, ob man der verdienten jüdischen Holocaust-Überlebenden Liliana Segre, zugleich „Senatorin auf Lebenszeit“ in Rom, die Ehrenbürgerschaft zuerkennen soll. Ein Abgeordneter sprach sich energisch dagegen aus, denn „die Segre hat gesagt, dass Jesus Jude war und da fühle ich mich als Katholik beleidigt.“ Jesus sei doch der Sohn Gottes, fügte er hinzu.

Weihnachten ist nicht die richtige Zeit, beleidigt zu sein. Vielleicht sickert dann die Erkenntnis des Paulus mit all ihren Konsequenzen durch, dass Gott seinen Sohn sandte, „geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt“ (Gal 4,4). ruk

Wie antijüdisch ist der Koran?

Dr. Rudolf Kutschera, Lehrstuhl für die Theologie des Volkes Gottes an der Päpstlichen Lateranuniversität, beginnt mit zwei aktuellen Schlaglichtern und untersucht, in welcher Weise der real existierende muslimische Antijudaismus auch mit dem zentralen Text des Islam, dem Koran, zu tun hat.

Lesen Sie den Beitrag „Antijudaismus im Koran?“ auf der Homepage des Lehrstuhls www.popolodidio.org unter „Theologie im Gespräch“ und klicken Sie hier.

Wende der Existenz

von J. Ratzinger

Glauben bedeutet die Entscheidung dafür, dass im Innersten der menschlichen Existenz ein Punkt ist, der nicht aus dem Sichtbaren und Greifbaren gespeist und getragen werden kann, sondern an das nicht zu Sehende stößt, so dass es ihm berührbar wird und sich als eine Notwendigkeit für seine Existenz erweist.

Solche Haltung ist freilich nur zu erreichen durch das, was die Sprache der Bibel 'Umkehr', 'Bekehrung' nennt. Das natürliche Schwergewicht des Menschen treibt ihn zum Sichtbaren, zu dem, was er in die Hand nehmen und als sein eigen greifen kann. Er muss sich innerlich herumwenden, um zu sehen, wie sehr er sein Eigentliches versäumt, indem er sich solchermaßen von seinem natürlichen Schwergewicht ziehen lässt. Er muss sich herumwenden, um zu erkennen, wie blind er ist, wenn er nur dem traut, was seine Augen sehen. Ohne diese Wende der Existenz, ohne die Durchkreuzung des natürlichen Schwergewichts gibt es keinen Glauben. Ja, der Glaube ist die Be-kehrung, in der der Mensch entdeckt, dass er einer Illusion folgt, wenn er sich dem Greifbaren allein verschreibt. Dies ist zugleich, der tiefste Grund, warum Glaube nicht demonstrierbar ist: Er ist eine Wende des Seins, und nur wer sich wendet, empfängt ihn. Und weil unser Schwergewicht nicht aufhört, uns in eine andere Richtung zu weisen, deshalb bleibt er als Wende täglich neu, und nur in einer lebenslangen Bekehrung können wir innewerden, was es heißt, zu sagen: Ich glaube.

 

Aus: Joseph Ratzinger, Einführung in das Christentum (1968)

Was soll das Theater? – Mit Videoclip

Man könnte meinen, das Theater sei überflüssig geworden: Wieso die Bequemlichkeit der eigenen vier Wände eintauschen gegen einen harten Stuhl, eingezwickt im Theaterpublikum?

Warum sich auf eine Vorführung einlassen, wenn hinter den heimischen Bildschirmen tausende warten? Wozu überhaupt noch „Bretter, die die Welt bedeuten“, wenn Heerscharen an Denkern und Forschern über Jahrtausende hinweg ein kaum überschaubares Wissen angehäuft haben? Weiß man denn nicht spätestens heute, was nun die Welt bedeutet? Allen, die solchen Bedenken folgend des Theaterganges nicht mehr bedürfen: Glückwunsch, eine Mühsal weniger! Allen anderen sei Folgendes empfohlen: Der Prolog eines Theaterabends aus dem Sommer 2019 im Park des Günter-Stöhr-Gymnasiums – unter Mitwirkung vieler aus dem Umfeld der Schule und der Integrierten Gemeinde. Jederzeit anschaubar, ganz bequem, ganz bildschirmtauglich, wann immer, wo immer, ganz wie man möchte. saw

Videoclip „Prolog zum Sommernachtstraum“

»…Eine entscheidende Wende im jüdisch-katholischen Dialog«

Dieser Satz steht auf der Banderole des Buches „Ebrei e Cristiani“, denn der Beitrag von Papst em. Benedikt in der Zeitschrift Communio im vergange­nen Jahr hat das jüdisch-christliche Gespräch unerwartet beflügelt.

Die Präsentation des Buches erfolgte bei einem Evento am 16. Mai 2019, ausgerichtet vom Lehrstuhl für die „Theologie des Volkes Gottes“, an der Päpstlichen Lateran-Universität in Rom. Es sprachen Rabbiner Arie Folger, Erzbischof Georg Gänswein, der Präfekt des Päpstlichen Hauses und Sekretär von Benedikt XVI., und Elio Guerriero, der Herausgeber des Buches.

Theologica Nr. 7 macht die Vorträge der Begegnung zugänglich, jetzt auch in Englisch und in Italienisch erhältlich.

Näheres zum Inhalt und Hinweise zur Bestellung finden Sie hier.

In Gemeinschaft leben – Briefe an das Oratorium

von J. H. Newman

Überlegen wir, was das Wort „Gemeinschaft“ impliziert. In Gemeinschaft leben heißt nicht einfach, sich in einem Haus befinden. Denn dann würden ja die Gäste in einem Hotel eine Gemeinschaft bilden.

Auch bedeutet es nicht, gemeinsame Verpflegung und Unterkunft zu haben. Sonst wäre eine Pension auch eine Gemeinschaft. Priester, die in einem Priesterhaus oder Pfarrhaus leben und alle ihr eigenes Zimmer haben, wohl einen gemeinsamen Tisch und gemeinsame Pflichten in Kirche und Pfarrei, leben deshalb noch nicht in Gemeinschaft. In Gemeinschaft leben heißt einen Leib bilden, und zwar so, dass man als einer handelt und als einer behandelt wird. Ein Oratorium (Name der Gemeinschaft, über die Newman nachdenkt) ist ein Einzelwesen (individuality). Es hat einen Willen und ein Handeln, und in diesem Sinn ist es eine Gemeinschaft. Aber es ist klar, dass eine solche Gemeinschaft des Wollens, Denkens, Meinens und Verhaltens nur zustande kommen kann durch beträchtliche Zugeständnisse an eigenem Urteil von seiten jedes einzelnen der so Verbundenen. Es ist mithin keine Übereinstimmung des Zufalls oder der Natur, sondern eine des übernatürlichen Zieles.
Es ist nicht jedermanns Gabe, mit anderen zusammenzuleben. Nicht jede heiligmäßige Seele und nicht jeder gute Weltpriester kann in Gemeinschaft leben. Vielleicht können dies nur sehr wenige Menschen.

 

Aus: John Henry Kardinal Newman, Briefe an das Oratorium über die Berufung zum Oratorium des hl. Philipp Neri (1856)

Cave canem – Vorsicht bissig!

Die unverzichtbare Wachheit vor dem Feind, die sich in der katholischen Kirche konsequent auch nach Innen richtet, trifft manchmal die Richtigen falsch und manchmal die Falschen richtig. Der am 13. Oktober 2019 heiliggesprochene John Henry Newman wurde von wohlmeinenden Dienern der katholischen Sache für hoch gefährlich gehalten.

Monsignore Talbot, der Sekretär von Papst Pius IX., warnte Kardinal Manning, den Erzbischof von Westminster, in einem Brief: „Dr. Newman ist der gefährlichste Mann in England.“ Vielleicht hat Talbot noch mehr an Bedrohung gespürt als die geistige Unabhängigkeit Newmans. Die aktuelle Heiligsprechung hat Newman einigermaßen rehabilitiert, doch die Einschätzung des päpstlichen Sekretärs adelt ihn bis heute. Wer Newman ernst nimmt, versteht die Sorge des Sekretärs, wenn Newman beispielsweise sagt, dass der Glaube „nicht die Sache der Ordnung sei, sondern die Sache der Unruhe und Störung der Ordnung, wie es war, als Christus kam und die Apostel predigten“. ses

Fragment zur Heiligen Schrift

von P. Handke

Seiner Form, seinem Rhythmus, seinem Tonfall nach: ein Buch aus der Nacht der Zeiten. Das trifft zu, und zugleich kann der Leser unserer Tage, der von heute, in der Bibel, Buch für Buch, seine eigene Geschichte lesen, wie in keinem anderen Buch:

er kann sie da entdecken, dann sie verstehen, dann sich ihr stellen. Der Leser ist der tragikomische Held aller der biblischen Geschichten; nicht bloß der Geschichten, sondern auch der Liebesgedichte, wie im Hohenlied, und der Hilferufe, wie immer wieder in den Psalmen. Du, Leser, hast den ersten Farbenaugenblick gelebt in Eden, und du wirst jene schwarzen und schwärzeren letzten Momente erleben, dein Mund voll Essig (und Ärgerem), wo du aufschreien wirst mit der Frage, warum dein sozusagen allmächtiger Vater dich verlassen hat. Deswegen ist die Bibel für den Leser ein entsetzliches, gefährliches Buch: er ist gezwungen, zu sehen, wie es, in der Tiefe, mit ihm steht, dem Sterblichen. Verlorener Sohn, der sich in Sicherheit fühlt, weil ihm der Vater für einmal verziehen hat – ihm sogar ein Fest bereitet hat. Aber danach, auf dem Kreuz, wo ist er, mein Vater und sein versprochenes Fest? Die Bibel kann in ihrem Leser das äußerste Grauen erwecken: ah, dieser Verrückte, der sich für Gott hält, unsterblich; dieser Wehleidige, welcher in den Bedrängnissen sich vor seinen Widersachern brüstet mit der Allmacht seines Vaters, und dass der ihm gleich zu Hilfe kommen wird; dieser sogenannte Gottessohn, der krepiert unter Geheul wie ein herrenloser Hund – das alles, das bin ich selber, ich, der das liest. Du, der heutigen Tages die Bibel liest: Achtung, Todesgefahr! Oder Lebensgefahr? Beseelende Gefahr? Begeisternde Gefahr, seit jener Nacht der Zeiten? Heilsame Gefahr? Heilsgefahr?

 

Aus: Peter Handke, Langsam im Schatten (1992)

Gerhard Szczesny

„... so anders“

Foto: Dr. Gerhard Szczesny (1918–2002) im Juli 1976

 

Mitte der 80er Jahre erschien an einem Wochenende die Süddeutsche Zeitung wegen Streiks nur als Notausgabe. Darin war eine längere Erklärung des Publizisten, bekannten Humanisten und Agnostikers Dr. Gerhard Szczesny zu seinem Austritt aus der SPD abgedruckt, der er lange angehört hatte. Aufgrund der besonderen Umstände fand dieser Schritt wenig Beachtung.
Das war dreißig Jahre vorher ganz anders. 1958­ in der Zeit der Restauration der Adenauer-Ära­ veröffentlichte er eine Streitschrift Die Zukunft des Unglaubens. Zeitgemäße Betrachtungen eines Nichtchristen. Er protestierte gegen die beengende und aufgezwungene Minoritätenrolle der Nichtchristen in einer christlich dominierten Gesellschaft, gegen die Monopol- und Machtansprüche des Christentums auf die Wahrheit: „Es erscheint uns unerträglich, dass sich in einer Zivilisation, die die Heimat wahrer geistiger Freiheit zu sein beansprucht, der Nichtchrist wie ein Dieb in der Nacht verhalten muss“ (Zukunft des Unglaubens). Scharfsichtig diagnostizierte er die unhaltbaren Monopol- und Machtansprüche des Christentums. Er verlor seine Stelle beim Bayrischen Rundfunk. Er begründete 1961 u.a. zusammen mit Fritz Bauer und Alexander Mitscherlich die „Humanistische Union“ und ein Jahr später seinen Verlag „Club Voltaire – Jahrbuch für kritische Aufklärung“. 1968 schrieb er das Vorwort zu Joachim Kahls Das Elend des Christentums oder Plädoyer – eine Humanität ohne Gott.

 

Im selben Jahr 1958, als er seine Position eines post-christlichen Agnostikers öffentlich machte, der auf dem Boden der Errungenschaften der Aufklärung einen Humanismus etablieren wollte, schrieb Joseph Ratzinger in der katholischen Zeitschrift Hochland: „Die Kirche deckt sich seit dem Mittelalter im Abendland mit der Welt“ – ein Zustand, den Sczszeny noch als alles beherrschend vorfand – „Heute ist diese Deckung nur noch Schein, der das wahre Wesen der Kirche und der Welt verdeckt“ (Die neuen Heiden und die Kirche). Diesen Schein kritisierte Szczesny, und darin stimmten sie beide überein. Welche Folgerung zog Joseph Ratzinger aus dieser Analyse? 1968 veröffentlichte er seine Vorlesungsreihe über das Apostolische Glaubensbekenntnis, die er in Tübingen vor Hörern aller Fakultäten gehalten hatte, unter dem Titel Einführung in das Christentum.

 

Anfang der 70er Jahre kam die Integrierte Gemeinde in Kontakt mit Gerhard Szczesny. Er war auf sie von Peter M. Bode hingewiesen worden; der hatte über eine Ausstellung der Gemeinde in München berichtet und am Ende Leute wie Gerhard Szczesny und Heinrich Böll aufgefordert, sich mit diesen offenbar ungewöhnlichen Katholiken auseinander zu setzen. Er nahm an. Nach der ersten Begegnung schrieb er: „Es war das erste Mal, dass ich mich in einer Gemeinschaft von Menschen, die sich ausdrücklich als Christen verstanden wissen wollen, wirklich wohl, d. h. unbefangen und normal gefühlt habe.“ Einmal bemerkte er: „Ich weiß, wie der Kaffee in kirchlichen Häusern schmeckt – bei euch ist alles so anders.“

 

1977 fassten einige Leute der Gemeinde – es war darunter eine ganze Reihe von Gymnasiallehrern – den Entschluss, ein privates Gymnasium zu eröffnen. Sie suchten Ermutigung, weil das Kultusministerium von der Idee unter den damaligen Bedingungen in München nicht gerade begeistert war. Beide stimmten gerne und aus Überzeugung zu, sich im vorbereitenden Werbeprospekt nebeneinander als Freunde der Integrierten Gemeinde nennen zu lassen. Von diesen beiden so verschiedenen Personen inspiriert, formulierten die Leute der Gemeinde als Leitlinie des Schulprojekts und der Gemeinde: „Zwei Traditionen haben sich in der Integrierten Gemeinde zu einer Lebensform verknüpft, die sich gegenseitig auszuschließen scheinen: die christliche Tradition und die neuzeitliche Religions- und Gesellschaftskritik.“

 

Bei der Trauerfeier für Gerhard Szczesny auf dem Grünwalder Friedhof – die Angehörigen hatten die Gemeinde gebeten sie zu gestalten – sagte Gertraud Wallbrecher: „Gerhard Szczesny war für uns ein Lehrer, weil er uns unaufhaltsam herausgefordert hat, das zu sein, was wir immer sein wollten: eine Gemeinde, die sich so verhält und miteinander umgeht wie diejenigen, die einmal vor 1900 Jahren das Neue Testament geschrieben haben.“