„Das Christentum ist jeden Augenblick noch möglich.“ F. Nietzsche

 

 

 

Die Ruhe im Sturm

24. Juni 2018, 12. Sonntag im Jahreskreis B

Jesus spricht zum Volk einen ganzen Tag lang in Gleichnissen. Bevor Markus erzählt, dass Jesus am Abend ins Boot steigt, notiert er: „Seinen Jüngern aber erklärte er alles, wenn er mit ihnen allein war.“ Jetzt ist er mit ihnen alleine in einem Boot als ein Seesturm ausbricht.

Offenbar ist diese Geschichte eine Erklärung der erzählten Gleichnisse: Jesus verglich das Reich Gottes zuletzt mit der von selbst wachsenden Saat. Und jetzt, beim Seesturm, schläft er. Markus erwähnt sogar, dass er auf einem Kissen liegt. Der befürchtete Untergang des Bootes stört den ruhigen Schlaf des Meisters nicht, weil er weiß, die Saat wächst – ohne Aktivismus und Geschrei. Die Kombination von Boot, Jüngern und Jesus wird nicht untergehen. Diese Ruhe geht zuerst auf den See über – und nach Pfingsten auch auf die Jünger. tac

Mk 4,35-41

An jenem Tag, als es Abend geworden war, sagte Jesus zu seinen Jüngern: Wir wollen ans andere Ufer hinüberfahren. Sie schickten die Leute fort und fuhren mit ihm in dem Boot, in dem er saß, weg; einige andere Boote begleiteten ihn. Plötzlich erhob sich ein heftiger Wirbelsturm, und die Wellen schlugen in das Boot, so dass es sich mit Wasser zu füllen begann. Er aber lag hinten im Boot auf einem Kissen und schlief. Sie weckten ihn und riefen: Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen? Da stand er auf, drohte dem Wind und sagte zu dem See: Schweig, sei still! Und der Wind legte sich, und es trat völlige Stille ein. Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben? Da ergriff sie große Furcht, und sie sagten zueinander: Was ist das für ein Mensch, dass ihm sogar der Wind und der See gehorchen?

Zur Information

von N. Postman

Die Informationsschwemme führt auch zu einem wachsenden Gefühl von Ohnmacht. Die Nachrichtenmedien berichten uns über die Probleme im Nahen Osten, wir hören von der Zerstörung der Ozonschicht und der Vernichtung der Regenwälder. Wird nun von uns erwartet, dass wir selber etwas unternehmen?

Die meisten von uns können bei der Lösung solcher Probleme nicht aktiv werden, und so wächst bei den Menschen ein Gefühl der Passivität und Unfähigkeit, das unweigerlich in ein verstärktes Interesse an der eigenen Person mündet. Wenn man in der Welt nichts auszurichten vermag, kann man doch zumindest sich selbst verändern. Man kann abnehmen, man kann sich die Haare anders färben, man kann die Form der eigenen Nase oder die Größe der eigenen Brüste verändern. Daraus, dass man tausend Dinge kennt und weiß und nicht imstande ist, Einfluss auf sie zu nehmen, erwächst ein eigenartiger Egoismus. Schlimmer: Die meisten Menschen glauben immer noch, Information und immer mehr Information sei das, was die Menschen vor allem benötigten. Die Information bilde die Grundlage all unserer Bemühungen um die Lösung von Problemen. Aber unsere wirklich ernsten Probleme erwachsen nicht daraus, dass die Menschen über unzureichende Informationen verfügen. Wenn es zu einer Nuklearkatastrophe kommt, dann nicht wegen unzulänglicher Information. Wo Menschen verhungern, geschieht das nicht wegen unzureichender Information. Wenn Familien zerbrechen, wenn Kinder misshandelt werden, wenn zunehmende Kriminalität eine Stadt terrorisiert, wenn sich das Erziehungswesen als ohnmächtig erweist, so nicht wegen mangelnder Information, sondern weil wir kein zureichendes Bewusstsein davon entwickeln, was sinnvoll und bedeutsam ist.

Aus: Neil Postman, Wir informieren uns zu Tode (DIE ZEIT, 2.10.1992)

Christopher Mwoleka

Die Frage nach der Form christlichen Lebens

 „Come to Africa!“

Foto: Bischof Christopher Mwoleka 1978 im Gemeindezentrum der KIG: „Come to Africa!“

 

Christopher Mwoleka, 1927–2002, Bischof der Diözese Rulenge, Tansania, 1969–1996

 

„Jahrhundertelang war das Leben der Christen geteilt zwischen dieser Welt und der kommenden Welt nach dem Tod. Jetzt ist die Zeit gekommen, das eine einzige Leben zu leben, das Neue Leben des Menschen in Christus, das jetzt beginnt und nach dem Tod weitergeht; wir beginnen das ewige Leben hier und jetzt.“
„Jahrhundertelang stand das Salz neben dem Teller. Jetzt ist die Zeit gekommen, das Salz auf den Teller zu streuen, damit das Gericht Geschmack bekommt.“

Als Christopher Mwoleka Anfang der 70er Jahre solche programmatischen Thesen verbreitete – von zehn ähnlichen sind hier nur zwei zitiert –, war er in Tansania und darüber hinaus bekannt als der „barfüßige Bischof“ und als „Ujamaa-Bischof“ – viel bewundert und auch belächelt. In der rhetorischen Zuspitzung „jahrhundertelang – jetzt“ ist eine Spannung abgebildet, die seine Biographie bestimmte, sie charakterisierte auch das politische Umfeld seines Landes, das gerade erst (1961) unter dem katholisch sozialisierten Präsidenten Julius Nyerere die Unabhängigkeit erreicht hatte.

In jenen Jahren stand der Marxismus/Sozialismus hoch im Kurs und war unangefochten. Es begannen die Pilgerfahrten – auch deutscher Theologen – nach Südamerika zu den Basisgemeinden, nach Nicaragua; Che Guevara, Mao und Ho Chi Minh waren weltweit verehrte Ikonen. Noch die Männer des „Prager Frühlings“ (1968) erstrebten einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“. Erst 1974, als Alexander Solschenizyns Archipel Gulag publik wurde, setzte langsam eine kritische Wertung ein.

Julius Nyerere war ganz auf der Höhe der Zeit, als er drei Jahre nach dem Zusammenschluss von Tanganjika und Sansibar zur Vereinigten Republik Tansania in der Arusha Deklaration (1967) eine Art afrikanischen, auch christlich inspirierten Sozialismus auf der Basis afrikanischer Traditionen (Gemeinschaft) als Weg zum Aufbau eines Staatswesens (building of the nation) festschrieb: Ujamaa. Den über hundert Stämmen mit ihren je eigenen Sprachen verordnete er Kiswahili als gemeinsame Sprache, suchte den herkömmlichen Tribalismus zu entschärfen; es gelang ihm eine Befriedung des Landes. Lateinamerikanische Missionare waren ihm lieber als europäische. Dom Helder Camaras Manifest Gospel and Revolution ließ er verbreiten.
Christopher Mwoleka, seit 1969 Bischof von Rulenge, sah in der Ujamaa-Idee eine ideelle und praktische Anknüpfung (christian ideas realized by tanzanian way: work together, live together). Als Bischof arbeitete er regelmäßig in dem Ujamaa-Dorf Nyabihanga mit, ging barfuß aufs Feld und teilte das Leben der Dorfbewohner.

„Ujamaa-Bischof“ und „barfüßiger Bischof“ ist nur die halbe Wahrheit. Personen, die mit ihm nach Nyabihanga gingen, berichteten, er habe noch einen anderen Namen für dieses Ujamaa-Dorf: Rivo Torto, der Name für einen verlassenen Schuppen in der Ebene nahe Assisi, wo Franziskus und seine Gefährten zuerst Unterschlupf fanden. Ujamaa war für ihn Antrieb, über den sozialistischen Ansatz hinaus die Frage nach dem genuinen Fundament und der Form christlichen Lebens wach zu halten. Franz von Assisi bot einen Anhalt, auch die Theologie. Oft wiederholte er: God´s nature is sharing. Er war wesentlich daran beteiligt, das pastorale Konzept der Small Christian Communities zu entwickeln, das heute in Tansania als Unterteilung der Pfarreien in allen Diözesen verwirklicht ist. Mit diesem Erfahrungs- und Frage-Horizont traf er 1977 auf die Katholische Integrierte Gemeinde. Die Begegnung führte zu einer gemeinsamen Geschichte, schließlich zu einer Catholic Integrated Community in Tansania – ein Ort mehr, in seinem Geist über die Grenzen der Kontinente und Kulturen hinweg um die Gestalt des Christlichen zu ringen und sich darin gegenseitig zu ermutigen. ars

Petersschiffchen

Es gibt im Mittelmeer eine leuchtend blaue Quallen-Art, die an der Wasseroberfläche treibt und mit einer kleinen nach oben gerichteten silbrigen Haut segelt. Da sie keine andere Fortbewegungsmöglichkeit hat, als sich vom Wind treiben zu lassen, wird sie bei entsprechenden Windverhältnissen massenhaft an den Strand gespült, wo sie dann vertrocknet.

Wer dieses Phänomen nicht kennt, denkt beim Anblick eines dadurch blau gefärbten Strandes erst mal an Verschmutzung durch Plastikmüll. In einer Zeit, in der man solche Assoziationen noch nicht hatte und die kleine Naturkatastrophe einfach nur wunderbar erschien, bekam die Segelqualle den Namen „Petersschiffchen“. Aber den Namensgebern damals muss bewusst gewesen sein, dass das menschliche Schifflein Petri einen Vorteil hat: Es muss nicht schicksalhaft stranden und vertrocknen; dieses Schifflein kann gegen den Wind kreuzen. ses

Israel

von L. Baeck

Wenn Israel sicher unter den Völkern wird wohnen können,

dann hat sich die verheißene Zeit erfüllt,

denn dann und daran wird es sich erwiesen haben,

dass der Glaube an Gott eine lebendige Wirklichkeit geworden ist.

Aus: Leo Baeck, Das Wesen des Judentums (1921)

Unbequemes

von N. G. Dávila

Wenn er sich der christlichen Tunika und der klassischen Toga entledigt, bleibt vom Europäer nichts übrig als ein bleichgesichtiger Barbar.

 

Es gibt keine Dummheiten, die der moderne Mensch nicht imstande wäre zu glauben, sofern er damit nur dem Glauben an Christus ausweicht.

 

Der größte Irrtum besteht nicht in der These vom toten Gott, sondern im Glauben, daß der Teufel tot sei.

 

Man braucht am Atheisten nicht zu verzweifeln, solange er nicht den Menschen vergöttert.

 

Die gefährlichste Idee ist nicht die falsche, sondern die halb richtige.

 

Die modernen Theologien sind zumeist Verrenkungen von Theologen, die sich selbst ihren Unglauben nicht eingestehen wollen.

 

Der progressive Christ macht seinen Gegnern schöne Augen, damit ihm sein Glaube verziehen werde.

 

Der moderne Kleriker vergißt in seinem apostolischen Eifer, daß man die Kampfesweise der Zeit anzupassen hat, nicht aber die Botschaft.

 

Aus: Nicolás Gómez Dávila, Scholien (2006)

Annemarie Berkenheier

Und dann klönen wir die ganze Ewigkeit.

Dr. Annemarie Berkenheier (1919–2010), Foto Oktober 2008

 

Auffällige Indizien für ihre Herkunft aus großbürgerlich-katholischem Milieu waren Möbel von Ausmaßen, die in keine normale Wohnung gepasst hätten; eine metergroße barocke Skulptur der Frau aus der Apokalypse; speziell: das Porträt ihres Vaters, eines in München auch als Armenarzt bekannten Mediziners – bärtig und ernst aus dem schweren Rahmen blickend, das sie in ihre erste Praxis in die Schillerstraße nahe am Hauptbahnhof mitnahm. Dort setzte sie die von ihrem Vater gelernte Behandlung von Bruchleiden fort: ohne Operation. Viele Patienten kamen deswegen zu ihr, vor allem aus dem ländlichen Raum. Manche übernachteten bei ihr, bezahlten in Naturalien. Einer überließ ihr ein Auto, das nicht fuhr, was sie nicht merkte, weil sie nie einen Führerschein besaß.

Eine bewusste und treue Mitgeherin seit der ersten Stunde. Sie nahm in ihre Praxis junge Ärzte auf und führte sie mit ihnen als Gemeinschaftspraxis weiter. Großtaten von ihr sind nicht bekannt, außer dass sie morgens einen gesunden Schlaf hatte. Ihre letzten Jahre verbrachte sie in Urfeld am Walchensee, zusammen mit ihrer Freundin Helene von Ungern-Sternberg. Von einem Nachtgespräch mit ihr erzählte sie später:

 

Eines Abends, als ich mit Helene in ihrem Zimmer vor dem Schlafengehen saß, da kamen wir auf die Zukunft und auch auf das Sterben zu sprechen. Und Helene sagte: Weißt du, Ich habe schon ein bisschen Angst vor dem Sterben; ich denke mir: Wenn ich alles verantworten soll und muss, was ich getan habe, dann weiß ich nicht … Ich habe nicht immer alles so gemacht, wie ich es machen sollte. Ich weiß nicht, was ich dann sagen und denken soll.
Und dann habe ich gesagt: Weißt du, ich denke auch an den Tod. Aber ich denke dann immer an die ewige Stadt, die vom Himmel kommt, geschmückt wie eine Braut. Wenn Gott die ewige Stadt erbaut, dann wird er am Ende der Tage da sitzen und sich einen riesigen Berg von Steinen ansehen, alle die Menschen, die dazu gehören; und dann wird er die Steine erst einmal sortieren. Er sucht sich die Edelsteine, die Halbedelsteine, dann auch solche, die leichte Kratzer haben, Spuren von Beschädigungen. Er sagt sich: Das macht nichts, die kann man einbauen. Dann sucht er sich die anderen, die vielleicht mehr beschädigt sind und sagt sich: Es gibt so viele Stellen in meiner Stadt, wo man nicht alles sehen kann, da passen sie auch noch hin und sind schön und leuchten. Und dann wird er sich die Marmorblöcke heraussuchen, die schönen, gemaserten und solche, die kleine Fehler haben, dann die Ziegelsteine, alles wird er sortieren. Und wenn er fertig ist, wird er einen großen Haufen von Steinen haben. Er wird sich sagen: Schade drum, es sind zwar lebendige Steine, aber ich muss sie wegwerfen. Auf einmal fällt ihm ein: Ich muss noch das Fundament machen; eine Stadt, wie ich sie baue, braucht ein starkes, kräftiges Fundament. Gut, wird er sagen, dass ich die Steine noch habe, die kommen alle ins Fundament, und dann gebe ich viel Mörtel dazu, das bindet sie aneinander, dass keiner allein ist. Das gibt ein starkes Fundament, und darauf baue ich meine Stadt.
Als ich von den Steinen und dem Sortieren erzählte, saß Helene mit großen, ängstlichen Augen da; als ich zu dem Fundament kam, blitzten ihre Augen und sie sagte: Ja, da hast du Recht; fürs Fundament reicht´s. Und wenn ich dann mal im Fundament sitze, werde ich rufen: Annemarie, bist du auch da? Und dann sagst du: Ja, ich bin auch da und sitze im Fundament, ganz nahe bei dir. Und dann klönen wir die ganze Ewigkeit.

 

Bevor ihr letzter Wunsch in Erfüllung ging, wollte sie noch mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Wladiwostok fahren. Ein Prozess zur Seligsprechung ist nicht eingeleitet. ars

Neuer alter Name

von E. Guerriero

Die Namenswahl überraschte viele Kardinäle, die gewettet hätten, dass Ratzinger den Namen „Johannes Paul III.“ gewählt hätte, um die Kontinuität zu seinem Vorgänger zu betonen. Doch der neue Papst antwortete auf die im Ritual vorgesehene Frage fest entschlossen: „Benedikt“.

Nach Ansicht des neuen Papstes hatte das benediktinische Mönchtum mit seiner Ausgewogenheit zwischen Vernunft und Glaube, zwischen Recht und Liebe, Europa nicht nur feste Wurzeln gegeben, sondern ein Modell geboten, aus dem der Humanismus, die Demokratie sowie die Harmonie von Kunst und Musik hervorgegangen sind.
Papst Benedikt war kein naiver Nostalgiker und auch kein Träumer, der sich Illusionen machte, die Bedingungen wiederherstellen zu können, die zu jener Geistesströmung geführt hatten. Er wollte aber durch sein Leben jenes Gleichgewicht zwischen Vernunft und Glauben, das am Ursprung dessen stand, was die Kultur und das Denken Europas so einzigartig gemacht hatte, den Menschen erneut vor Augen führen. Das 20. Jahrhundert hatte bereits zur Genüge bewiesen, dass Europa, wenn es diesen Weg verließ, seine Strahlkraft in der Welt einbüßte. Es gab keinen Grund, nicht mit Liebe und Achtung auf die eigene Geschichte, auf die eigenen christlichen Wurzeln zu schauen – nicht um expansionistische Ziele zu verfolgen, sondern um das alte Gleichgewicht wiederzufinden, das am Ursprung von Erkenntnis und Lebensweisheit steht.

Aus: Elio Guerriero, Benedikt XVI. – Die Biografie (2018)