„Das Christentum ist jeden Augenblick noch möglich.“ F. Nietzsche

 

 

 

Zum 27. Januar

von H. Gryberg

Nur die Namen also waren mir geblieben. Ich trug sie in die Fragebögen ein und schrieb dazu, was ich von ihnen ungefähr wußte.

Jeschije, in der Verkleinerung Schije, von Jehoschua, das heißt Josue oder Jesus. Geburtsort und -datum unbekannt. Den grössten Teil seines Lebens verbrachte er im östlichen Masowien, auf einem Vorwerk in Nowa Wies. Er war über sechzig, als er in den Märtyrertod ging, ohne Widerstand, in der Überzeugung, gerade so erwarte es von ihm unser aller Vater. Ans unsichtbarbare Kreuz geschlagen durch unsichtbares Gas in einer mit Märtyrern überfüllten Kammer im September oder Oktober auf dem Golgotha namens Treblinka im denkwürdigen Jahr des Martyriums 1942 oder 5702/3.

Raschkje, von Raschi oder Rasche, Geburtsdatum unbekannt, aus Makowiec. Sie verbrachte die längste Zeit ihres gottesfürchtigen Lebens, das um die sechzig Jahre währte, mit Jeschije-Jesus in Nowa Wies, wenige Kilometer von Makowiec (die Entfernungen waren genauso gering wie in Galiläa und Judäa). Sie ging mit ihm durch alle Stationen des Leidensweges, den Viehwagen, die Gaskammer, sie waren unzertrennlich – im Leben, im Sterben und nach dem Tod –, und niemand nahm sie jemals vom Kreuz.

 

Aus: Henryk Gryberg, Kalifornisches Kaddisch (1993)

Die Geschichte vom Findelkind

Jeden Sonntag hören wir in der Messe Texte aus der Bibel. Sie lesen uns jedes Mal ganz gehörig die Leviten. Und wir gehen trotzdem gerne hin, hören trotzdem immer gerne und immer neu neugierig und wach den alten Texten zu. Warum ist das so?

Sie erzählen einen Sehnsuchtsort, der uns verschlossen ist, wir hören eine Sehnsuchtswelt, wo „Schloss und Riegel für“.

Der Sehnsuchtsort kam in die Welt, „als Israel zog aus Ägypten“. Die Leute um Mose wollten raus aus dem Fleischtöpfeland der Fron und der Unfreiheit, sie flohen in die Wüste, mit dem Traum ihres Erzvaters Jakob, und in 40 Jahren Wüstenexistenz schwitzen sie eine neue Lebensordnung aus, und Mose brachte diese auf Tafeln vom Berg des Herrn, vom Gott des Vaters Jakob. In der Torah, ihrem neuen Lebensprinzip, und in ihrem Leben, erwies sich Gott als Retter. Und Israel schwört: „Wir wollen es tun!“

Über tausend Jahre üben sie dieses Leben mit ihrem neuen Gott, der rettet, und eifert. Denn die Religionen buhlen, Israel wird schwach, liegt am Boden, reut, steht auf, schwört, buhlt weiter. Und dann bauen sie ihm einen Tempel, mit der Torah im Allerheiligsten, und mit Hochpriester.

Israel geht es schlecht. Fremdherrschaften wechseln die Fronmacht im Land. Während der Römerherrschaft steht einer der Söhne Israels auf: Reißt den Tempel ein, ich baue ihn in drei Tagen neu! „Er meinte aber den Tempel seines Leibes“, die Gemeinde seiner Nachfolge, den Rest Israel, der auf Gottes Wort im Fleisch ganz hört, dem ganzen Ganz des Lebens, dem ganzen Heute des Lebens, und dem ganzen Denkvermögen, und ganz aus lauter Freud. Die Evangelien erzählen uns diese Revolution aus Juden und Heiden. „Das Himmelreich ist mitten unter Euch.“

Es wächst die Kirche, wächst, wuchert, wird Tempel, wird die Weltreligion. Mit der Tempelkirchenreligion wächst in tausend Jahren und mehr auch ihre hochdifferenzierte Theologie, sie wächst auch mit einer Theologie vom Himmelreich, dem Sehnsuchtsort im Jenseits und unserem gottergebenen irdischen Jammertal.

Die Götter kehren zurück in anderen, gewaltigen Diesseitssehnsuchtsorten. Die kommunistische Heilsreligion breitet sich brutal in der halben Welt aus, über Deutschland spannt sich das braune Himmelszelt, und in diesem Reich war „das Heil der Juden“ dem Heil Hitler unerträglich. Die Welt erlebt den unvorstellbaren Genozid am Gottesvolk, inmitten der Christenheit.

Heute, „als alles war aus für immer“, heute leben wir in einem materialen, kapitalen, globalen Saus und Braus, süchtig nach Sehnsuchtsorten, mit dem kleinen Lüstchen für den Tag, und dem kleinen Lüstchen für die Nacht. Wir wollen tanzen, in einer maßlosen Sehnsuchtsortgenusswelt, und wir tanzen auf einem Vulkan. Denn unsere exakte Wissenschaftswelt weist uns die Folgen solchen Tanztreibens. Einen Augenblick materialer, kapitaler globaler Brüderlichkeit? Ein möglicher solidarer Blick über den Zylinderrand unseres Treibens hinaus? Uns geht es im Erdenrund wie kleinen Bakterien in einer runden Petrischale in einer Supernährlösung. Die Bakterien gedeihen darin prächtig, vermehren sich, vermehren sich immer weiter, bis die ganze Schale gefüllt ist. Macht Euch die Petrischale untertan! Dann ist die Nährlösung alle, und alle Bakterien gehen ein. So läuft das, auch bei großen Tieren. Leere Kirchen, leere Welt. Woher kann Hilfe kommen? Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn! Herr? Adresse unbekannt? rus

Das allein Genügende

20. Januar 2019, 2. Sonntag im Jahreskreis C

Panem & circenses – Brot und Spiele – hieß in der Antike eine Methode, um das Volk ruhig zu stellen, oder bei Wahlen sich Stimmen zu sichern.

Bei einer Brotvermehrung droht auch Jesus diese Atmosphäre, als das Volk ihn zum König machen will, nachdem es satt geworden ist. In Kana passiert keine Bestechung, sondern ein „Zeichen“. Jesus will nicht die Grundbedürfnisse des Menschen befriedigen, sondern ihn in seinem ganzen Menschsein erlösen. Und dazu braucht es – gleich am Anfang – den Überfluss des Festes – und zwar einer Hochzeit. Denn wie Joseph Ratzinger weiß: „Nur der Liebende kann die Torheit einer Liebe begreifen, für die Verschwendung Gesetz, der Überfluss das allein Genügende ist.“ tac

Joh 2,1-11

Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt und die Mutter Jesu war dabei. Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen. Als der Wein ausging, sagte die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus erwiderte ihr: Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter sagte zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut! Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge, wie es der Reinigungssitte der Juden entsprach; jeder fasste ungefähr hundert Liter. Jesus sagte zu den Dienern: Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis zum Rand. Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt und bringt es dem, der für das Festmahl verantwortlich ist! Sie brachten es ihm. Dieser kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wusste nicht, woher der Wein kam; die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es. Da ließ er den Bräutigam rufen und sagte zu ihm: Jeder setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste zu viel getrunken haben, den weniger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt aufbewahrt. So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit und seine Jünger glaubten an ihn.

Leise

Mit Grüßen aus einem verschneiten Berghäuschen nach Bautagen in Urfeld am Walchensee

 

Leise rieselt der Schnee,

still und starr – „Moment!“

es brodelt und wogt der See,

weihnachtlich? Lichter, Schmuck – ja.

Sonst altes, graues Gemäuer – unwirtlich.

 

In den Herzen ... – ja, was eigentlich?

 

Unscheinbar, unspektakulär profan

wie bei den Hirten auf den Feldern – Verwandlung.

Wand, für Schrank, für Lampe, für Nadelstich,

kehrt Leben ein – in Haus und Herz.

hat

Wahrnehmungsvermögen

von N. G. Dávila

Der Glaube ist nicht irrationale Zustimmung zu einer Behauptung; er ist Wahrnehmung einer besonderen Ordnung der Wirklichkeit.

 

Zwischen Skeptizismus und Glauben bestehen gewisse Übereinstimmungen: beide unterminieren die menschliche Anmaßung.

 

Eine Gesellschaft ist säkularisiert, wenn sie das Bewusstsein ihrer Abhängigkeit verloren hat.

 

Aus: Nicolás Gómez Dávila (1913–1994), Aufzeichnungen des Besiegten (1994)

Anspruch und Wirklichkeit

von J. Sacks

Die Juden haben gelernt, die Welt ganz anders zu sehen. Das Buch Genesis, das erste Buch Mose, beginnt mit Gott, der den Menschen „nach Seinem Bild und Gleichnis“ erschafft.

Dieser Satz ist uns dermaßen vertraut geworden, dass wir vergessen, wie paradox er im Grunde ist – für die Hebräische Bibel hat Gott kein Bild oder Gleichnis. Doch in der folgenden Erzählung wird schnell klar, was die Menschen mit Gott gemein haben: Freiheit und Verantwortung. Das wirft ein schwieriges theologisches Dilemma auf. Wie können wir die großen Hoffnungen, die Gott in die Menschheit setzt, mit der schäbigen und dünnen Akte unserer Moralgeschichte in Einklang bringen? Die Antwort lautet: Vergebung. Gott schrieb Vergebung in das Drehbuch. Er gibt uns immer eine zweite Chance, und dann noch eine und noch eine. Alles, was wir tun müssen, ist, unser Unrecht anzuerkennen, um Entschuldigung zu bitten, wiedergutzumachen und zu beschließen, uns zu bessern – und Gott vergibt. Wir können an den höchsten Ansprüchen festhalten, wenn wir zur gleichen Zeit unsere verborgensten Schwächen ehrlich zugeben.

 

Aus: Jonathan Sacks, Vom Schicksal zum Glauben, Jüdische Allgemeine, 9. September 2018

Fortissimo-piano

13. Januar 2019, Fest der Taufe Jesu

Alle vier Evangelisten sind damit konfrontiert, dass Jesus sich wie viele seiner jüdischen Zeitgenossen der Bußtaufe des Propheten Johannes unterzogen hat.

Wenn Lukas von der Taufe Jesu erzählt, schiebt er Johannes gleichsam in die Hinterbühne und zieht alle Register, um zu sagen, wer dieser Täufling in Wahrheit ist: Der Himmel tut sich auf, der Geist schwebt auf ihn und die Stimme aus dem Off erklärt ihn zum Sohn, dem geliebten, erwählten. In der Apostelgeschichte sagt Petrus es verhaltener, aber nicht weniger deutlich: Er ist das Wort an Israel, der Kyrios, Gott ist mit ihm. Zusammengefasst: Jesus wird proklamiert als der Repräsentant Gottes. Kurz vor Weihnachten schrieb ein protestantischer Theologe in der FAZ: „Das ist die Krise, um die es geht: Gott kann in der Welt nicht mehr verlässlich ‚repräsentiert‘ werden.“ Der Täufer soll zu den Leuten gesagt haben: „Mitten unter euch ist einer, den ihr nicht kennt.“ ars

Lk 3,15-16.21-22

Das Volk voll Erwartung, und alle überlegten im Herzen, ob Johannes nicht vielleicht selbst der Messias sei. Doch Johannes gab ihnen allen zur Antwort: Ich taufe euch mit Wasser. Es kommt aber einer, der stärker ist als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Riemen der Sandalen zu lösen. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. Es geschah aber, dass sich zusammen mit dem ganzen Volk auch Jesus taufen ließ. Und während er betete, öffnete sich der Himmel und der Heilige Geist kam sichtbar in Gestalt einer Taube auf ihn herab und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden.

Nicht Mission, sondern Dialog

von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI.

Mission in allen Völkern und Kulturen ist der Auftrag, den Christus den Seinigen hinterlassen hat. Es geht dabei darum, den Menschen den „unbekannten Gott“ (Apg 17,23) bekanntzumachen. Der Mensch hat ein Recht, Gott kennenzulernen, weil nur, wer Gott kennt, das Menschsein recht leben kann. Deswegen ist der Missionsauftrag universal – mit einer Ausnahme:

Eine Mission der Juden war einfach deshalb nicht vorgesehen und nicht nötig, weil sie allein unter allen Völkern den „unbekannten Gott“ kannten. Für Israel galt und gilt daher nicht Mission, sondern der Dialog darüber, ob Jesus von Nazareth „der Sohn Gottes, der Logos“ ist, auf den gemäß den an sein Volk ergangenen Verheißungen Israel und, ohne es zu wissen, die Menschheit wartet. Diesen Dialog neu aufzunehmen, ist der Auftrag, den uns diese Stunde stellt.

 

Aus: Joseph Ratzinger/Benedikt XVI., Nicht Mission, sondern Dialog, Herder Korrespondenz 12/2018

Was für ein Stern!

6. Januar 2019, Epiphanie

Die Frage, was der Stern von Bethlehem war, füllt ganze Bibliotheken. Halluzination? Der Halleysche Komet? Oder vielleicht doch eine seltene Konjunktion von Jupiter und Saturn?

Die Antwort findet man nicht im Sternenstaub des Himmels, sondern im Staub der Erde. Es war die kleine Gruppe aus Ägypten entflohener Sklavenarbeiter gewesen, die den wahren Gott erkannten; er wurde ihnen zum Leitstern. Und so ging durch die Existenz des jüdischen Volkes auch den anderen Völkern das Licht der Torah auf, ein „Stern, der aus Jakob aufgeht“. Dieses neue Licht zu finden, ist den Weisen, den Suchenden aus den Völkern Orientierung genug: „Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt.“ acb

Mt 2,1-12

Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem in Judäa geboren worden war, siehe, da kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen. Als König Herodes das hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem. Er ließ alle Hohepriester und Schriftgelehrten des Volkes zusammenkommen und erkundigte sich bei ihnen, wo der Christus geboren werden solle. Sie antworteten ihm: in Betlehem in Judäa; denn so steht es geschrieben bei dem Propheten: Du, Betlehem im Gebiet von Juda, bist keineswegs die unbedeutendste unter den führenden Städten von Juda; denn aus dir wird ein Fürst hervorgehen, der Hirt meines Volkes Israel. Danach rief Herodes die Sterndeuter heimlich zu sich und ließ sich von ihnen genau sagen, wann der Stern erschienen war. Dann schickte er sie nach Betlehem und sagte: Geht und forscht sorgfältig nach dem Kind; und wenn ihr es gefunden habt, berichtet mir, damit auch ich hingehe und ihm huldige! Nach diesen Worten des Königs machten sie sich auf den Weg. Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen. Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt. Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar. Weil ihnen aber im Traum geboten wurde, nicht zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem anderen Weg heim in ihr Land.

Neujahrswunsch

Wenn der Mensch ein Tier wäre, würde alles besser und einfacher.

Besser würde es, weil Tiere keine Kriege führen. Weil Tiere kein Unrecht tun. Weil Tiere insbesondere nicht die Umwelt schädigen – mit Ausnahme vielleicht des Borkenkäfers, aber der ist halt ein schwarzes Schaf. Einfacher würde alles, weil ein Tierleben so ideal, so schlicht und klar ist. Ein Tier muss nicht im Voraus planen. Es muss sich nicht seiner Triebe schämen. Es stellt sich auch keine Fragen über Sinn und Unsinn der Welt und was diese nun eigentlich im Innersten zusammenhält. Im Grund spricht alles dafür, dass der Mensch aufhören sollte Mensch zu sein und tunlichst beginnen Tier zu sein. Dass dazu Gegenansichten existieren, braucht uns Europäer nicht weiter zu bekümmern. Das Judentum zum Beispiel gibt es in Europa fast nicht mehr. Es fällt daher leicht dessen Ansichten zu ignorieren. Überhaupt stünde eine Auseinandersetzung mit einem solchen Weltbild in unauflösbarem Widerspruch zu dem angestrebten harmonischen, klaren, schlichten, ideal-instinktiven Lebenswandel. Aus diesem Grund verbietet sich die Auseinandersetzung. Stattdessen sollten wir uns alle zum neuen Jahr ein Tier aussuchen (vorzugsweise ein pflanzenfressendes), uns dessen Lebenswandel aneignen und in diesem Sinne den Rest unserer Tage dahinwandeln. Ganz harmonisch, ganz schlicht, ganz klar. Die Welt würde ein besserer Ort sein und ich habe mich schon entschieden: Das Nilpferd soll es sein. saw

Beitrag zur Statistik

von Wisława Szymborska

 

Auf hundert Menschen

 

zweiundfünfzig,
die alles besser wissen,

 

dem fast ganzen Rest
ist jeder Schritt vage,

 

Hilfsbereite,
wenn’s nicht zu lange dauert,
gar neunundvierzig,

 

beständig Gute,
weil sie’s nicht anders können,
vier, na sagen wir fünf,

 

die zur Bewunderung ohne Neid neigen,
achtzehn,

 

die durch die Jugend, die vergängliche,
Irregeführten
plus minus sechzig,

 

die keine Scherze dulden,
vierundvierzig,

 

die ständig in Angst leben
vor jemand oder vor etwas,
siebenundsiebzig,

 

die das Talent haben, glücklich zu sein,
kaum mehr als zwanzig, höchstens,

 

die einzeln harmlos sind
und in der Masse verwildern,
über die Hälfte, sicher,

 

Grausame,
von den Umständen dazu gezwungen,
das sollte man lieber nicht wissen,
nicht einmal annäherungsweise,

 

die nach dem Schaden klug sind,
nicht viel mehr
als die vor dem Schaden klug sind,

 

die sich vom Leben nichts als Gegenstände nehmen,
dreißig,
obwohl ich mich gerne irren würde,

 

Gebrochene, Leidgeprüfte,
ohne ein Licht im Dunkel,
dreiundachtzig,
früher oder später,

 

Gerechte
recht viel, denn fünfunddreißig,

 

sollte es die Mühe des Verstehens kosten,
drei,

 

Bemitleidenswerte
neunundneunzig,

 

Sterbliche
hundert auf hundert.
Eine Zahl, die sich vorerst nicht ändert.

 

Aus: Wisława Szymborska 1923–2012, Der Augenblick (2005)

Theologica Nr. 6: Das neu belebte jüdisch-christliche Gespräch

Papst em. Benedikt XVI. lud mit einem Artikel in der Zeitschrift „Communio“ (4/2018) zu einem vertieften Nachdenken über Juden und Christen ein. Sein Beitrag stieß auf Zustimmung und Unverständnis, bis hin zu grotesken Unterstellungen.

Seine unter dem Titel „Gnade und Berufung ohne Reue. Anmerkungen zum Traktat De Iudaeis‘“ veröffentlichten Gedanken lösten aber auch einen weiterführenden Dialog zwischen Juden und Christen aus.

Die in Theologica Nr. 6 veröffentlichen Aufsätze und Beiträge von Theologen aus der Katholischen Integrierten Gemeinde greifen einige Aspekte dieses neuen Gesprächs auf und führen es weiter.

Bestellmöglichkeit und weitere Ausgaben von Theologica

Alle Achtung

von F. Nietzsche

Im jüdischen „Alten Testament“, dem Buche von der göttlichen Gerechtigkeit, gibt es Menschen, Dinge und Reden in einem so großen Stile, dass das griechische und indische Schrifttum ihm nichts zur Seite zu stellen hat. Man steht mit Schrecken und Ehrfurcht vor diesen ungeheuren Überbleibseln dessen, was der Mensch einmal war.

 

Alle Achtung vor dem Alten Testament! In ihm finde ich große Menschen, eine heroische Landschaft und Etwas vom Allerseltensten auf Erden, die unvergleichliche Naivität des starken Herzens; mehr noch, ich finde ein Volk.

 

Aus: Friedrich Nietzsche (1844–1900), Jenseits von Gut und Böse 3 (1886) und aus: Zur Genealogie der Moral 3 (1887)

Die Wissenschaft von Gott

von F. Rosenzweig

Kind: „Es gibt‘n aber doch“.

Was sagt die Mutter? Sie glaubt nur, was sie sehen kann.

Was sagt das Kind? Es gibt‘n aber doch. 

Was sagen wir?

Wir geben beiden recht, der Mutter wie dem Kind. Auch der Mutter?

Das Kind hat wohl recht mit seinem Glauben, aber die Mutter hat auch recht mit ihrem Unglauben. Wenn wir es nicht fertig bringen, sie Gott sehen zu machen, so dürfen wir jenes „doch“ des Kindes nicht bejahen.

Der Atheismus kann gar nicht ernst genug genommen werden. Natur- und Geistvergötterung führen nur auf Holzwege. Gott ist nichts andres, auch nicht der Sinn von etwas anderm, Gott ist Gott oder – nichts. Nur am Abgrund des Atheismus müssen wir das Fliegen lernen. Weshalb aber muss Gottes Dasein so zweifelhaft sein? Weil es Ursprung alles anderen Daseins sein muss. Wir fühlen, dass jedenfalls Gottes Dasein auf einer anderen Ebene liegen muss als unser, als der Welt Dasein.
Wir wollen nur glauben, was wir sehen können. Aber die äußeren Augen mit denen wir die Welt, das innere Auge mit dem wir die Menschen sehen, sie beide tragen nicht in die Ferne Gottes.

Mit welchem Auge mögen wir ihn sehen?

Doch mit dem äußeren, antwortet der Pantheist … 

Doch mit dem inneren, antwortet der Spiritualist ...

Nur wenn wir beide, äußeres wie inneres Auge zudrücken, –  meint der Mystiker.

Aber wen sieht der Pantheist? Immer doch nur wieder die Natur. 

Und wen sieht der Spiritualist? Immer doch nur wieder den Geist.

Und was sieht der Mystiker? Immer doch nur wieder – das Nichts.

Was bleibt also für ein Organ? Keins, wenn wir wirklich bloß aus Sinnen und Geist zusammengesetzt wären? Aber – Sinne und Geist eint die Seele. Gibt es ein Organ dieses ganzen geeinigten Menschen? Ja. Das Leben.

 

Aus: Franz Rosenzweig (1886–1929), Zweistromland, Gesammelte Schriften Bd. III (1984)

Woher – wohin?

Früher einmal gab es ein gelebtes Christentum.

Ein so starkes, dass wir davon heute immer noch leben.

 

Wir sind weit fortgeschritten. Fort geschritten von was?

luw

Noble Zurückhaltung

„Die Kirchen treten dafür ein, dass …“ 

– andere etwas tun.

 

„Warten auf Gott“, die vornehmste Art der Unterlassung des Guten.

 

Das Sich-auf-Gott-Verlassen, oft ein Verlassen Gottes.

luw

 

Hedvig Fornander

„Die Erde ist nicht ganz ohne dieses Stück Himmel“

Foto: Hedvig Fornander (1937–1989)

 

Anlässlich ihrer Firmung am 1. Mai 1981 durch Kardinal Johannes Joachim Degenhardt in Paderborn beschrieb Hedvig Fornander, Musikerin und Lyrikerin, ihren bisherigen Weg. Seit 1962 gehörte sie als Gründungsmitglied zu der Gruppe, aus der 1968 die Katholische Integrierte Gemeinde herausgewachsen ist.

 

In Schweden geboren, lernte ich das Christentum in der dortigen evangelisch-lutherischen Kirche kennen. Doch da meine Eltern immer mehr den Glauben verloren und ich beim Heranwachsen nirgendwo einen Ort fand, wo ich glauben konnte, wurde die Frage nach dem Glauben für mich zu einem quälenden Problem. Ich habe eine lange Zeit die Welt als ganz ‘autonom’ erlebt, aber ich konnte mich nicht darauf ‘ausruhen’. Ich sah überall Spuren von etwas, was doch Wirklichkeit haben und auch mich verpflichten müsse, aber eine undurchdringliche Mauer machte die Erfahrung dieser Wirklichkeit und meine Antwort darauf unmöglich.

Mit zweiundzwanzig Jahren, nach einem angefangenen Sprach- und später Musikstudium, kam ich nach Deutschland. Warum? Deutschland war für mich das Land der Musik und das Land, wo Martin Luther geboren ist. Hier nahm ich, getrieben von der Wurzellosigkeit in jeder Hinsicht, das Suchen auf und lernte – es war 1962 – in München den damaligen ‘Goergen-Kreis’ kennen, aus dem später die Katholische Integrierte Gemeinde hervorgegangen ist. Hier fand ich zum ersten Mal einen Ort, wo auch ich den Glauben lernen konnte. 1966 bin ich zum katholischen Glauben konvertiert, im Jahr darauf vollendete ich mein Musikstudium.

Hier in München hatte ich nun meine ‘neue Familie’ und meine Heimat gefunden, d. h ich habe die Kirche gefunden, den Ort, der für mich eine unbekannte Insel, eine verschlossene Pforte war, wie sie es für die meisten Menschen in meinem Heimatland vielleicht überhaupt ist.

Wieweit diese Entfremdung in meinem Heimatland schon Realität ist, ging mir bei meiner Reise dorthin im Herbst vor anderthalb Jahren nochmals deutlich auf, als ich Stockholm besuchte. Ich ging durch die Straßen nicht weit vom Hauptbahnhof. In der Fußgängerzone hatte eine Frau Posten bezogen. Aufgetakelt, schon älter, mit knallroten Haaren, sang sie zur Begleitung einer elektronischen Orgel, die sie selbst spielte, auf eine schwedisch-amerikanische Art Lieder von dem süßen Jesus und den Himmelspforten aus Edelstein dröhnend in den Lautsprecher. Die Leute schlenderten vorbei – und waren vielleicht nicht einmal verletzt von der erniedrigenden Hässlichkeit des Auftritts, von der Verramschung des Namens Christi. Weil – so kommt es mir vor – wo der Glaube nicht mehr als Wirklichkeit erlebt wird, wo die ‘Welt’ sich selbst regiert, auch das Gefühl immer mehr dafür verschwindet, dass es etwas Schutzbedürftiges ist, dass so etwas wie eine höchste Schönheit existiert.

Heute weiß ich um die Wirklichkeit der Kirche und wie der Glaube von Person zu Person lebendig weitergegeben wird. Ich habe lernen dürfen, was Tradition ist. Dass es heute für mich eine ‘Gemeinschaft der Glaubenden’ gibt, ein ganzes Volk, das ich mit meinem Stolz und meiner Liebe lebendig umfassen kann und wo sich die Bedeutung des Wortes ‘Glauben’ in etwas ganz Handgreifliches verwandelt, ist für mich das ganz Unfassbare.

 

 

Ein Gedicht von Hedvig Fornander

 

Ohne Freude,
mit Sorge begrüßt die Welt dich,
vorrückende Zeit.

 

Doch aus der Angst geholt wurden wir
die wir leben in der Zeit der Wunder

 

 

Weitere Gedichte von Hedvig Fornander

 

 

Nicht das ist wichtig
dass du gesucht hast

oder dass du überhaupt nicht gesucht hast.

Anlass zum Zittern

ist das Gefundene.

 

So ist der Erdball nicht Erdball

sondern Fundstelle.

 

Zu beneiden sind nicht die Ölmilliardäre

sondern einzig die Hirten

 

 

* * *

 

 

Der Brief mit der unerhörten neuen Nachricht
kam in einem Umschlag ohne Adresse

 

die einen sagten

„wir sind nicht gemeint“

 

da machten wir den Brief auf

den niemand haben wollte

 

 

* * *                         

 

 

bei dem Zusammentreffen von Föhn
Stoßverkehr

Zahnschmerzen

ist nicht viel zu machen

 

bei dem Zusammentreffen von Petroleum

Eier
Sägemehl

gibts keinen Kuchen

 

Bei dem Zusammentreffen von dir, dir und mir

– wenig drin

wir aber wurden zusammengerufen

 

 

                

* * *

 

 

Was übrig blieb

wurde verwendet

alles was da war

nicht einmal das Beste

 

nun hieß es

Sauerteig

 

                

* * *

 

 

Zuerst kamen wir mit vollen Segeln daher

mit flatternden Fahnen, mit großem Gepäck –

Du ließest uns zusammenschrumpfen.

 

Vielleicht wird am Ende von jedem von uns

nur ein Korn übrig sein –

ein Weizenkorn

das in die Erde fällt.