„Das Christentum ist jeden Augenblick noch möglich.“ F. Nietzsche

 

 

 

Einheit von Jenseits und Diesseits

von L. Baeck

Das Judentum hat seine Freiheit von dem Zwiespalt, den die verschiedenen Begriffe von Gott bringen. Dem Widerstreit zwischen Transzendenz und Immanenz fehlt hier der Boden. Die Frömmigkeit lebt hier in der Paradoxie, in der Polarität, mit all ihrer Spannung und Geschlossenheit.  

Für sie gibt es kein Diesseits ohne das Jenseits und kein Jenseits, das nicht sein Diesseits hätte, keine kommende Welt ohne diese Welt und keine Menschenwelt ohne das, was über sie hinausreicht. Alles Diesseits ist im Jenseits verwurzelt, und alles Jenseits verlangt im Menschen sein Diesseits. Das Unendliche tritt im Endlichen hervor, und alles Endliche soll sein Unendliches erweisen. Des Menschen Leben führt von Gott zum Menschen und vom Menschen zu Gott.

 

Aus: Leo Baeck, Geheimnis und Gebot, in: Der Leuchter – Weltanschauung und Lebensgestaltung (1921/1922)

Er geht euch voraus nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen.

26. Januar 2020, 3. Sonntag im Jahreskreis A

Das sagt der Engel zu den Frauen, die zum Grab Jesu kommen und verzweifelt sind, weil sie es leer finden. Dorthin verweist sie auch Jesus. Das leere Grab und die Angabe „Galiläa“ wurden immer als dunkel empfunden und waren Anlass zu allerlei Spekulationen.

Matthäus erzählt schon für den Beginn des Auftretens Jesu: Er zog sich nach Galiläa zurück. Seine Herkunft aus dem „Galiläa der Heiden“, aus Nazaret, blieb an ihm haften bis zur Inschrift am Kreuz (JNRJ). Bewohnt von den Stämmen Sebulon und Naftali, war Galiläa schon 732 v. Chr. von den Assyrern erobert und mit Heiden besiedelt worden. „Kann von dort etwas Gutes kommen?“ Diese „Schmach“ war auch zweihundert Jahre später noch Jesaja präsent. Aber Jesaja öffnet ein Fenster in die Zukunft und Matthäus macht es weit auf: In Galiläa erscheint ein Licht. Die Wiederbelebung der verlorenen Stämme beginnt mit der Sammlung der Zwölf. Nach Joseph Ratzinger ist das Neue am Neuen Testament die Person Jesu und die Figur der Zwölf. ars

Mt 4,12-23

Als Jesus hörte, dass man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, zog er sich nach Galiläa zurück. Er verließ Nazaret, um in Kafarnaum zu wohnen, das am See liegt, im Gebiet von Sebulon und Naftali. Denn es sollte sich erfüllen, was durch den Propheten Jesaja gesagt worden ist: Das Land Sebulon und das Land Naftali, die Straße am Meer, das Gebiet jenseits des Jordan, das heidnische Galiläa: das Volk, das im Dunkel lebte, hat ein helles Licht gesehen; denen, die im Schattenreich des Todes wohnten, ist ein Licht erschienen. Von da an begann Jesus zu verkünden: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe. Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er zwei Brüder, Simon, genannt Petrus, und seinen Bruder Andreas; sie warfen ihre Netze in den See, denn sie waren Fischer. Da sagte er zu ihnen: Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm. Als er weiterging, sah er zwei andere Brüder, Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes; sie waren mit ihrem Vater Zebedäus im Boot und richteten ihre Netze her. Er rief sie, und sogleich verließen sie das Boot und ihren Vater und folgten Jesus. Er zog in ganz Galiläa umher, lehrte in den Synagogen, verkündete das Evangelium vom Reich und heilte im Volk alle Krankheiten und Leiden.

Ruhe als Renaissance

von L. Baeck

Die ganze Liebe des „Gesetzes“ hat hegend und pflegend einem gegolten, dem Sabbat. Er gibt, als der Tag der Ruhe, dem Leben sein Gleichgewicht, seinen Rhythmus; er trägt die Woche. Ruhe ist ein ganz anderes als Rast, als Arbeitsunterbrechung, ein ganz anderes als Nichtarbeiten.

Die bloße Rast gehört wesentlich in das Physische, in das Irdische und Alltägliche. Die Ruhe ist ein wesentlich Religiöses, sie ist in der Atmosphäre des Göttlichen, sie führt zum Geheimnis hin, zu dem Grunde, von dem auch alles Gebot kommt. Sie ist das Wiederschaffende und Versöhnende, die Erholung, in der die Seele sich zurückholt, das Atemholen der Seele – das Sabbatliche des Lebens. Der Sabbat ist das Bild des Messianischen, er spricht von der Schöpfung und der Zukunft, er ist das große Symbol, wie die Bibel sagt: „ein Zeichen zwischen Gott und Israel“, oder wie ein Wort des Talmud sagt: „das Gleichnis der Ewigkeit“. In ihm hat das Leben den großen Widerspruch gegen das Ende, die stete Renaissance.

 

Aus: Leo Baeck, Geheimnis und Gebot, in: Der Leuchter – Weltanschauung und Lebensgestaltung (1921/1922)

Das Geheimnis des Knechtes

19. Januar 2020, 2. Sonntag im Jahreskreis A

Knechte gibt es heute nur noch in den etwas zu bunten Heimatfilmen vergangener Jahrzehnte: Sie bevölkern Alpentäler oder einsame Almen und schuften als abhängige Arbeiter unter der Knute ihrer launischen Bauern. Mit diesen verschrobenen Figuren hat der „Knecht Gottes“, dessen Gestalt mehrfach im Buch des Propheten Jesaja erscheint, wenig gemeinsam.

Dort bleibt die Gestalt des Knechtes Gottes im Dunkeln. Ist eine historische Figur gemeint, ein einzelner, oder vielleicht das Gottesvolk als Ganzes? Für die zweite Interpretation spricht, dass es um einen Auftrag „für die Völker“ geht: ein Licht sein, das die Richtung zeigt. Israel als Volk ist dieser Knecht in der Welt, im Dienstverhältnis Gottes. Seine Arbeit? Darstellen, wie Gott diese Welt will. Wie Friede unter den Menschen möglich wird. Was eine gerechte Gesellschaft ist. Sein Arbeitsvertrag? Der Bund. Seine Strategie? Das Leben bis in die kleinsten Details von den Geboten Gottes prägen lassen. acb

Jes 49,3.5-6

Der Herr sagte zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, an dem ich meine Herrlichkeit zeigen will. Jetzt hat der Herr gesprochen, der mich schon im Mutterleib zu seinem Knecht gemacht hat, damit ich Jakob zu ihm heimführe und Israel bei ihm versammle. So wurde ich in den Augen des Herrn geehrt, und mein Gott war meine Stärke. Und er sagte: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht für die Völker, damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht.

Wer versteht Jesus wirklich?

von L. Baeck

Jesus und sein Evangelium können ganz nur aus dem jüdischen Denken und Fühlen heraus, vielleicht ganz darum nur von einem Juden verstanden werden, ähnlich wie seine Worte in ihrem ganzen Inhalt und Klang gehört werden, nur wenn man sie in die Sprache, in der er sprach, zurückführt.

Ein Gebot, das ganz erfüllt wäre, wäre eine Menschensatzung nur. Gottesgebot ist ein Gebot, das zur Zukunft hinausführt, das seine Sendung, wie die Bibel sagt, „von Geschlecht zu Geschlecht“ hat. Es hat seine Verheißung, sein Leben, welches Leben wird, es hat sein Messianisches. Alle Schöpfung hat ihre Zukunft, wie ein altes jüdisches Gleichnis sagt: „In der Schöpfung der Welt schon lag die Idee vom Messias.“

 

Aus: Leo Baeck, Geheimnis und Gebot, in: Der Leuchter – Weltanschauung und Lebensgestaltung (1921/1922)

Von der Sehnsucht der Inseln

12. Januar 2020, Taufe des Herrn im Lesejahr A

Beim Fest der Taufe Jesu geht es um Israel. Gottes Gefallen an seinem Knecht erneuert die Berufung Israels. Das Bild des Gottesknechtes, auf den Gott seinen Geist legt, hat Jesaja gut 500 Jahre vorher poetisch beschrieben.

Es verdichtet, was Gott mit dem Volk vorhat: Israel ist nicht für sich selber da: Auf sein Gesetz warten die Inseln. Das Volk des Bundes ist dazu bestimmt, Licht für die Völker zu sein. Darum heißt es, dass der Gottesknecht den glimmenden Docht nicht auslöscht, sondern neu entfacht. hak

Jes 42,1-4.6-7

So spricht Gott, der Herr: Seht, das ist mein Knecht, den ich stütze; das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er bringt den Völkern das Recht. Er schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Straße erschallen. Das geknickte Rohr zerbricht er nicht, und den glimmenden Docht löscht er nicht aus; ja, er bringt wirklich das Recht. Er wird nicht müde und bricht nicht zusammen, bis er auf der Erde das Recht begründet hat. Auf sein Gesetz warten die Inseln. Ich, der Herr, habe dich aus Gerechtigkeit gerufen, ich fasse dich an der Hand. Ich habe dich geschaffen und dazu bestimmt, der Bund für mein Volk und das Licht für die Völker zu sein: blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und alle, die im Dunkel sitzen, aus ihrer Haft zu befreien.

Gedanken aus dem Zellhaufen

 

Die zoologische Theologie kommt: Keine Religion habe die absolute Wahrheit, das Ebenbild Gottes ist nur ein Zellhaufen.

 

Wäre Adam mit einem der Tiere als Gehilfin zufrieden gewesen, – die Weltgeschichte wäre sofort da gelandet, wo sie heute angekommen ist.

 

Der historische Jesus wurde den Heiden ausgeliefert; der Christus des Glaubens den Gelehrten.

 

Freiheit ist, dass ich mir schaden darf. Erlösung ist, dass ich so lebe, dass der andere sich nicht schaden will.

 

Der Glaube ist immer der Dank eines Entronnenen.

luw

In Jerusalem

5. Januar 2020, 2. Sonntag nach Weihnachten im Lesejahr A

Die Weisheitslehrer Israels wussten, dass es sich lohnt, das Leben in Übereinstimmung mit der von Gott her vorausgedachten Berufung zu gestalten, mithilfe der Weisheit. Diese ist aber nicht immer und überall zu finden, sondern an einem bestimmten Ort.

In der gesammelten Weisheit des Volkes Israel, also in Jerusalem ist sie zugänglich geworden. Deswegen müssen die drei Weisen auch zuerst nach Jerusalem gehen, um den Weg zum Messias zu finden. Deswegen ist auch das Leben Jesu untrennbar mit dieser Stadt verbunden: von dort bezog er seine eigene Weisheit und dort hat er sie endgültig bezeugt. ruk

Sir 24,1-2.8-12

Die Weisheit lobt sich selbst, und inmitten ihres Volkes rühmt sie sich. In der Versammlung des Höchsten öffnet sie ihren Mund und in Gegenwart seiner Macht rühmt sie sich: Der Schöpfer des Alls gebot mir, der mich schuf, ließ mein Zelt einen Ruheplatz finden. Er sagte: In Jakob schlag dein Zelt auf und in Israel sei dein Erbteil! Vor der Ewigkeit, von Anfang an, hat er mich erschaffen und bis in Ewigkeit vergehe ich nicht. Im heiligen Zelt diente ich vor ihm, so wurde ich auf dem Zion fest eingesetzt. In der Stadt, die er ebenso geliebt hat, ließ er mich Ruhe finden, in Jerusalem ist mein Machtbereich, ich schlug Wurzeln in einem ruhmreichen Volk, im Anteil des Herrn, seines Erbteils.

Stellungnahme

Eigentlich handelt es sich um eine innerkirchliche Angelegenheit, aber auf Drängen von Freunden und Ratgebern soll nachfolgend nun doch zu einer Sache Stellung genommen werden, die sich derzeit in einer Diözese im südlichen Deutschland ereignet und gegen die örtliche Katholische Integrierte Gemeinde gerichtet ist:

Personen aus der dortigen Amtskirche haben völlig haltlose Anschuldigungen, unwahre Behauptungen und faktenfreie Vorurteile gegen die örtliche Katholische Integrierte Gemeinde zusammen gesammelt und als eigene Meinung und Ansicht in einem internen sog. ‚Zwischenbericht‘ zusammengestellt, der ihr letztlich ihre Katholizität absprechen will.
Nach der Fertigstellung dieses ‚Zwischenberichtes‘ Anfang Oktober 2019 wurde dieser der örtlichen Katholischen Integrierten Gemeinde zugestellt und nachweislich zeitgleich rechtswidrig an völlig unbeteiligte Dritte weitergegeben, worüber er dann auch seinen Weg in die Presse und in die sozialen Netzwerke fand und dort verbreitet wurde und wird.
Sinn und Zweck dieses gegen vielfältige Rechtsgrundsätze verstoßenden Vorgehens war und ist allein, eine massive Rufschädigung der örtlichen Katholischen Integrierten Gemeinde und die bewusste und gewollte Verhinderung ihrer Arbeit dort herbeizuführen.
Die Katholische Integrierte Gemeinde befindet sich insoweit in bester Gesellschaft, als auch andere Initiativen katholischer Gläubiger, die frei und unabhängig von den Strukturen der dortigen Amtskirche und deren Finanzmitteln entstanden sind und arbeiten, Vergleichbares erleben mussten.
Diese Kampagne führte nun aber auch dazu, dass aus aller Welt hunderte von Anschreiben eintrafen, die die Verbundenheit und Solidarität mit der Arbeit der Katholischen Integrierten Gemeinden ausdrückten und genau das Gegenteil dessen beschreiben und bezeugen, was in diesem ‚Zwischenbericht‘ wahrheitswidrig unterstellt wird.
Auch dadurch dankbar ermutigt werden die Katholischen Integrierten Gemeinden in enger Anbindung an die Gesamtkirche gemäß ihren Statuten ihre Arbeit weiterführen. kig

Zur Situation in München

Am 19. November 2019 sendete Radio Horeb ein Gespräch von Ralf Oppmann, Studioleiter München, mit Prof. Dr. Achim Buckenmaier.

In der Anmoderation des Interviews hieß es:

„Die Katholische Integrierte Gemeinde ist mittlerweile nicht nur in verschiedenen deutschen Diözesen aktiv, sondern in mehreren Ländern weltweit vertreten. Nun geriet die Münchener Katholische Integrierte Gemeinde in den letzten Wochen mit verschiedenen Vorwürfen gegen sie in die Schlagzeilen. Prof. Dr. Achim Buckenmaier ist Direktor des Lehrstuhls für die Theologie des Volkes Gottes an der Päpstlichen Lateranuniversität in Rom und Berater der Glaubenskongregation und des Päpstlichen Rates zur Förderung der Neuevangelisierung. Als Mitglied der Gemeinschaft der Priester im Dienst an Integrierten Gemeinden stand er Ralf Oppmann zu den erhobenen Vorwürfen Rede und Antwort.“

Hören Sie hier die wesentlichen Ausschnitte aus dem Gespräch:

Gedanken aus der Hängematte

Die Bibelausleger konstatieren zwischen den Erwartungen der jüdischen Propheten und der Wirklichkeit im Christentum einen „Verheißungsüberschuss“. Sie finden tolle Wörter. Aber sie umgehen durch Unterlassung die Frage, an wem es liegt, ob an Gottes oder an unserer Faulheit.

 

Heute werden alle Aussagen und Lösungen aus der Vergangenheit relativiert: Sie seien alle zeitbedingt und subjektiv, – als könne der menschgewordene Affe erst seit 2019 seinen Verstand benutzen und erst durch Greta seine Verantwortung ernstnehmen.

 

Wir entdecken, wie Menschenverächter, die Selbst- und Ruhmsucht in und hinter den Taten unserer Zeitgenossen. Auch Jesus hat die Menschen durchschaut und ihre Herzen gelesen. Aber er hat sie trotzdem geliebt.

 

luw

Mein Sohn

29. Dezember 2019, Fest der Heiligen Familie im Lesejahr A

In der frühen, nach-neutestamentlichen Zeit wurde gezielt das Gerücht verbreitet, Jesus aus Nazareth sei das Kind aus der Liaison eines römischen Legionärs mit einem jüdischen Mädchen namens Mirjam.

Auch sein Aufenthalt in Ägypten, wie Matthäus im heutigen Evangelium erzählt, wurde entsprechend denunziert: Dort habe sich Jesus die Magie und Zauberkünste der ägyptischen Priester zu Eigen gemacht, um mit ihrem Wissen seine Zeitgenossen mit seinen übermenschlichen Fähigkeiten zu überrumpeln. Was ist das mit dem Sohn, von dem Matthäus im Blick auf Jesus sagt: „Aus Ägypten rief ich meinen Sohn“? Das war zuerst ein Wort des Propheten Hosea (11,1), und der meinte das Volk Israel. Im Credo bekennen wir aber von Jesus Christus: „Er ist vom Himmel herabgestiegen.“ Wie geht das alles zusammen: „Mein Sohn“ im Singular (Jesus) und im Plural (das Volk)? Der Sohn einer Familie in Nazareth und der Sohn Gottes aus dem Himmel? – Die Heilige Familie muss keine Idylle gewesen sein. ars

Mt 2,13-15.19-23

Als die Sterndeuter wieder gegangen waren, erschien dem Josef im Traum ein Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten. Da stand Josef in der Nacht auf und floh mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten. Dort blieb er bis zum Tod des Herodes. Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen. Als Herodes gestorben war, erschien dem Josef in Ägypten ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und zieh in das Land Israel; denn die Leute, die dem Kind nach dem Leben getrachtet haben, sind tot. Da stand er auf und zog mit dem Kind und dessen Mutter in das Land Israel. Als er aber hörte, dass in Judäa Archelaus an Stelle seines Vaters Herodes regierte, fürchtete er sich, dorthin zu gehen. Und weil er im Traum einen Befehl erhalten hatte, zog er in das Gebiet von Galiläa und ließ sich in einer Stadt namens Nazaret nieder. Denn es sollte sich erfüllen, was durch die Propheten gesagt worden ist: Er wird Nazoräer genannt werden.

Das Findelkind

Seit wir zweibeinig sind und raus aus dem dickichten Urwald, seit wir in der Savanne die weiten Horizonte erkunden, und nachts der Sternenhimmel uns offensteht, seit wir uns selbst bewusst wurden und unsere Toten in der Savannenerde begraben, wahrscheinlich schon früh in unserer Sapiensgeschichte möchten wir nach dem Tod nicht tot sein.

So haben wir uns schon sehr früh Religion, und Götter, und einen Jenseitsort, eine ewig schöne Heimat nach unserem oft kurzen, mühseligen, gewaltbegleiteten Leben gesucht. Das Jenseits wurde unser Trost, Priester traten auf und übernahmen den Dienst an der Wegweisung zum ewigen Leben.

Ein Winzling auf der Erde, Israel, steigt aus diesem Religionszirkus aus. Der Himmel staunt. Gott gewinnt Israel lieb, er will bei den Menschen wohnen. „Er steigt herab.“ Israel empfängt die Tora. Sie macht die Erde zum Paradies, Menschen werden Nächste.

Über tausend Jahre übt Israel das Leben in der Tora. Und über tausend Jahre murrt Israel: „Es ist zu schwer.“ „Wir wollen sein wie alle Völker.“ Und sie bauen ihrem Gott die schönste aller Wohnungen, den Tempel.

Gottes Volk lebt in Gefangenschaft, in Besatzung. Israel betet, schreit, hofft einen Messias, der befreit.

Ja, und noch einmal steigt Gott herab, wird Mensch, wird Jude. Das Israel der Zwölf kommt. „Flamme auf Flamme … auf jeden einzelnen von ihnen.“ Gottes Geist steigt herab, bleibt bei den Zwölf.

Die Kirche wächst, wird groß, bringt Frucht, wird mächtig. Die Christenmacht erobert die Welt der Religionen. Priester übernehmen die Wegweisung zum ewigen Leben. So haben wir wie früher Jenseits-Religion.

Die Jahrhunderte der europäischen Aufklärung klären dann auch unsere Christenreligion. Wir sind wieder Gott los geworden. Die Rede von Gott ist tot. Stumm, taub, blind überlebt sie die Ermordung von Gottes Diesseitsvolk der Juden nicht.

„Alles war aus für immer.“

Die Testamente liegen noch am Boden. Und die moderne Bibelwissenschaft hilft. Man hört neue Rede vom Gottesvolk säkularer Gemeinden: „Mädchen, ich sage dir, steh auf.“ rus

In Nacht und Dunkel …

Ende November 2019 wurde im Stadtrat von Triest eine öffentliche Debatte darüber geführt, ob man der verdienten jüdischen Holocaust-Überlebenden Liliana Segre, zugleich „Senatorin auf Lebenszeit“ in Rom, die Ehrenbürgerschaft zuerkennen soll. Ein Abgeordneter sprach sich energisch dagegen aus, denn „die Segre hat gesagt, dass Jesus Jude war und da fühle ich mich als Katholik beleidigt.“ Jesus sei doch der Sohn Gottes, fügte er hinzu.

Weihnachten ist nicht die richtige Zeit, beleidigt zu sein. Vielleicht sickert dann die Erkenntnis des Paulus mit all ihren Konsequenzen durch, dass Gott seinen Sohn sandte, „geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt“ (Gal 4,4). ruk

Begabung zur Freiheit

„Die moderne Gesellschaft ist eine abstrakte Gesellschaft, die dauernd von uns verlangt vernünftig zu handeln“. Das geht auf Kosten emotionaler Urbedürfnisse. Doch das ist der Preis für die Humanität.

Was Karl Marx kategorisch bestreitet, verteidigt Karl Popper mit Leidenschaft: Politik ist möglich. Das Verfahren kann nur die endlose Kette von trial and error, von Versuch und Fehler und erneutem Versuch sein. Er hatte – auch seiner jüdischen Herkunft wegen – ein überwaches Gespür für die gefährlichen politischen Tendenzen der Zeit. Schon 1927, sechs Jahre vor Hitlers erfolgreichem Griff nach der Macht, ist er überzeugt, „dass die demokratischen Bastionen in Mitteleuropa fallen werden und dass ein totalitäres Deutschland einen neuen Weltkrieg beginnen wird.“ Eine glasklare Einsicht. Drei Jahre vor seinem Tod beendete Karl Popper seinen Vortrag über „Freiheit und intellektuelle Verantwortung“ mit diesen Worten: „Wir müssen kritisch tastend, ähnlich wie es Käfer tun, in aller Bescheidenheit die objektive Wahrheit suchen. Wir dürfen nicht länger die allwissenden Propheten zu spielen versuchen. Aber das heißt: Wir müssen uns ändern.“

 

Aus: DIE WELT vom 17. September 2019, Thomas Schmid, Der Mensch hat die Begabung zur Freiheit, zum 25. Todestag von Karl Popper

Wie antijüdisch ist der Koran?

Dr. Rudolf Kutschera, Lehrstuhl für die Theologie des Volkes Gottes an der Päpstlichen Lateranuniversität, beginnt mit zwei aktuellen Schlaglichtern und untersucht, in welcher Weise der real existierende muslimische Antijudaismus auch mit dem zentralen Text des Islam, dem Koran, zu tun hat.

Lesen Sie den Beitrag „Antijudaismus im Koran?“ auf der Homepage des Lehrstuhls www.popolodidio.org unter „Theologie im Gespräch“ und klicken Sie hier.

Wende der Existenz

von J. Ratzinger

Glauben bedeutet die Entscheidung dafür, dass im Innersten der menschlichen Existenz ein Punkt ist, der nicht aus dem Sichtbaren und Greifbaren gespeist und getragen werden kann, sondern an das nicht zu Sehende stößt, so dass es ihm berührbar wird und sich als eine Notwendigkeit für seine Existenz erweist.

Solche Haltung ist freilich nur zu erreichen durch das, was die Sprache der Bibel 'Umkehr', 'Bekehrung' nennt. Das natürliche Schwergewicht des Menschen treibt ihn zum Sichtbaren, zu dem, was er in die Hand nehmen und als sein eigen greifen kann. Er muss sich innerlich herumwenden, um zu sehen, wie sehr er sein Eigentliches versäumt, indem er sich solchermaßen von seinem natürlichen Schwergewicht ziehen lässt. Er muss sich herumwenden, um zu erkennen, wie blind er ist, wenn er nur dem traut, was seine Augen sehen. Ohne diese Wende der Existenz, ohne die Durchkreuzung des natürlichen Schwergewichts gibt es keinen Glauben. Ja, der Glaube ist die Be-kehrung, in der der Mensch entdeckt, dass er einer Illusion folgt, wenn er sich dem Greifbaren allein verschreibt. Dies ist zugleich, der tiefste Grund, warum Glaube nicht demonstrierbar ist: Er ist eine Wende des Seins, und nur wer sich wendet, empfängt ihn. Und weil unser Schwergewicht nicht aufhört, uns in eine andere Richtung zu weisen, deshalb bleibt er als Wende täglich neu, und nur in einer lebenslangen Bekehrung können wir innewerden, was es heißt, zu sagen: Ich glaube.

 

Aus: Joseph Ratzinger, Einführung in das Christentum (1968)

Alle Jahre wieder

Kürzlich musste meine Tochter in einer Prüfung im katholischen Religionsunterricht die Frage beantworten, unter welchen Umständen Jesus heute auf die Welt kommen würde.

Ich vermutete, dass eine Geburt in einem Flüchtlingslager suggeriert wurde mit späterem erfolgreichem Auftreten als Anwalt der Entrechteten und Enterbten. Wie anderen Schülern, die einigermaßen regelmäßig den Gottesdienst besuchen, fehlte meiner Tochter für eine ausführliche Antwort die Fantasie, die Note fiel schlecht aus und auch ich wusste es nicht besser. Vielleicht hätte ich den Lehrer einfach fragen sollen, was er meinte. Jedenfalls verfolgte mich die Frage. Später kam mir die Geschichte vom Auftreten Jesu vor dem Großinquisitor in den Sinn, wie sie von Dostojewski erzählt wird: Jesus tritt überraschend im Sevilla des 15. Jahrhunderts auf, zu Zeiten der Inquisition. Er wird erkannt und der Großinquisitor setzt ihn fest. In einer langen Rede erklärt er Jesus, wieso dessen abermaliges Kommen das Wirken der Kirche stört. fls

Was soll das Theater? – Mit Videoclip

Man könnte meinen, das Theater sei überflüssig geworden: Wieso die Bequemlichkeit der eigenen vier Wände eintauschen gegen einen harten Stuhl, eingezwickt im Theaterpublikum?

Warum sich auf eine Vorführung einlassen, wenn hinter den heimischen Bildschirmen tausende warten? Wozu überhaupt noch „Bretter, die die Welt bedeuten“, wenn Heerscharen an Denkern und Forschern über Jahrtausende hinweg ein kaum überschaubares Wissen angehäuft haben? Weiß man denn nicht spätestens heute, was nun die Welt bedeutet? Allen, die solchen Bedenken folgend des Theaterganges nicht mehr bedürfen: Glückwunsch, eine Mühsal weniger! Allen anderen sei Folgendes empfohlen: Der Prolog eines Theaterabends aus dem Sommer 2019 im Park des Günter-Stöhr-Gymnasiums – unter Mitwirkung vieler aus dem Umfeld der Schule und der Integrierten Gemeinde. Jederzeit anschaubar, ganz bequem, ganz bildschirmtauglich, wann immer, wo immer, ganz wie man möchte. saw

Videoclip „Prolog zum Sommernachtstraum“

»…Eine entscheidende Wende im jüdisch-katholischen Dialog«

Dieser Satz steht auf der Banderole des Buches „Ebrei e Cristiani“, denn der Beitrag von Papst em. Benedikt in der Zeitschrift Communio im vergange­nen Jahr hat das jüdisch-christliche Gespräch unerwartet beflügelt.

Die Präsentation des Buches erfolgte bei einem Evento am 16. Mai 2019, ausgerichtet vom Lehrstuhl für die „Theologie des Volkes Gottes“, an der Päpstlichen Lateran-Universität in Rom. Es sprachen Rabbiner Arie Folger, Erzbischof Georg Gänswein, der Präfekt des Päpstlichen Hauses und Sekretär von Benedikt XVI., und Elio Guerriero, der Herausgeber des Buches.

Theologica Nr. 7 macht die Vorträge der Begegnung zugänglich, jetzt auch in Englisch und in Italienisch erhältlich.

Näheres zum Inhalt und Hinweise zur Bestellung finden Sie hier.

In Gemeinschaft leben – Briefe an das Oratorium

von J. H. Newman

Überlegen wir, was das Wort „Gemeinschaft“ impliziert. In Gemeinschaft leben heißt nicht einfach, sich in einem Haus befinden. Denn dann würden ja die Gäste in einem Hotel eine Gemeinschaft bilden.

Auch bedeutet es nicht, gemeinsame Verpflegung und Unterkunft zu haben. Sonst wäre eine Pension auch eine Gemeinschaft. Priester, die in einem Priesterhaus oder Pfarrhaus leben und alle ihr eigenes Zimmer haben, wohl einen gemeinsamen Tisch und gemeinsame Pflichten in Kirche und Pfarrei, leben deshalb noch nicht in Gemeinschaft. In Gemeinschaft leben heißt einen Leib bilden, und zwar so, dass man als einer handelt und als einer behandelt wird. Ein Oratorium (Name der Gemeinschaft, über die Newman nachdenkt) ist ein Einzelwesen (individuality). Es hat einen Willen und ein Handeln, und in diesem Sinn ist es eine Gemeinschaft. Aber es ist klar, dass eine solche Gemeinschaft des Wollens, Denkens, Meinens und Verhaltens nur zustande kommen kann durch beträchtliche Zugeständnisse an eigenem Urteil von seiten jedes einzelnen der so Verbundenen. Es ist mithin keine Übereinstimmung des Zufalls oder der Natur, sondern eine des übernatürlichen Zieles.
Es ist nicht jedermanns Gabe, mit anderen zusammenzuleben. Nicht jede heiligmäßige Seele und nicht jeder gute Weltpriester kann in Gemeinschaft leben. Vielleicht können dies nur sehr wenige Menschen.

 

Aus: John Henry Kardinal Newman, Briefe an das Oratorium über die Berufung zum Oratorium des hl. Philipp Neri (1856)

Cave canem – Vorsicht bissig!

Die unverzichtbare Wachheit vor dem Feind, die sich in der katholischen Kirche konsequent auch nach Innen richtet, trifft manchmal die Richtigen falsch und manchmal die Falschen richtig. Der am 13. Oktober 2019 heiliggesprochene John Henry Newman wurde von wohlmeinenden Dienern der katholischen Sache für hoch gefährlich gehalten.

Monsignore Talbot, der Sekretär von Papst Pius IX., warnte Kardinal Manning, den Erzbischof von Westminster, in einem Brief: „Dr. Newman ist der gefährlichste Mann in England.“ Vielleicht hat Talbot noch mehr an Bedrohung gespürt als die geistige Unabhängigkeit Newmans. Die aktuelle Heiligsprechung hat Newman einigermaßen rehabilitiert, doch die Einschätzung des päpstlichen Sekretärs adelt ihn bis heute. Wer Newman ernst nimmt, versteht die Sorge des Sekretärs, wenn Newman beispielsweise sagt, dass der Glaube „nicht die Sache der Ordnung sei, sondern die Sache der Unruhe und Störung der Ordnung, wie es war, als Christus kam und die Apostel predigten“. ses

Fragment zur Heiligen Schrift

von P. Handke

Seiner Form, seinem Rhythmus, seinem Tonfall nach: ein Buch aus der Nacht der Zeiten. Das trifft zu, und zugleich kann der Leser unserer Tage, der von heute, in der Bibel, Buch für Buch, seine eigene Geschichte lesen, wie in keinem anderen Buch:

er kann sie da entdecken, dann sie verstehen, dann sich ihr stellen. Der Leser ist der tragikomische Held aller der biblischen Geschichten; nicht bloß der Geschichten, sondern auch der Liebesgedichte, wie im Hohenlied, und der Hilferufe, wie immer wieder in den Psalmen. Du, Leser, hast den ersten Farbenaugenblick gelebt in Eden, und du wirst jene schwarzen und schwärzeren letzten Momente erleben, dein Mund voll Essig (und Ärgerem), wo du aufschreien wirst mit der Frage, warum dein sozusagen allmächtiger Vater dich verlassen hat. Deswegen ist die Bibel für den Leser ein entsetzliches, gefährliches Buch: er ist gezwungen, zu sehen, wie es, in der Tiefe, mit ihm steht, dem Sterblichen. Verlorener Sohn, der sich in Sicherheit fühlt, weil ihm der Vater für einmal verziehen hat – ihm sogar ein Fest bereitet hat. Aber danach, auf dem Kreuz, wo ist er, mein Vater und sein versprochenes Fest? Die Bibel kann in ihrem Leser das äußerste Grauen erwecken: ah, dieser Verrückte, der sich für Gott hält, unsterblich; dieser Wehleidige, welcher in den Bedrängnissen sich vor seinen Widersachern brüstet mit der Allmacht seines Vaters, und dass der ihm gleich zu Hilfe kommen wird; dieser sogenannte Gottessohn, der krepiert unter Geheul wie ein herrenloser Hund – das alles, das bin ich selber, ich, der das liest. Du, der heutigen Tages die Bibel liest: Achtung, Todesgefahr! Oder Lebensgefahr? Beseelende Gefahr? Begeisternde Gefahr, seit jener Nacht der Zeiten? Heilsame Gefahr? Heilsgefahr?

 

Aus: Peter Handke, Langsam im Schatten (1992)

Kardinalfrage

von J. H. Newman

Es gibt keine Zeit, in welcher die Kirche so viele unwahre Glieder hatte, d. h. so viele Menschen, die sich als ihre Glieder erklären, wiewohl sie doch wenig oder nichts über den wirklichen Sinn dieser Gliedschaft kennen, und innerhalb ihrer Mauern bleiben, aus Gründen, die weder religiös noch richtig sind.

Um eine hierhergehörige Frage zu stellen: Was meint ihr, wie viele Verteidiger von Christi heiliger Kirche unter uns übrigbleiben, wenn es sich herausstellte, dass ihre Sache nicht die Sache der Ordnung sei, wie es heute der Fall ist, sondern die Sache der Unruhe und Störung der Ordnung, wie es war, als Christus kam und die Apostel predigten?

 

Aus: Kardinal John Henry Newman, Predigt in St. Mary in Oxford (31. Mai 1840)

Von Worten und Christen

von G. Krasnitzky

Ein Hirtenbrief mag voller Wahrheit sein, eine Predigt erträglich. Letzten Endes beeindruckt das niemanden. Und wenn die Christen selbst die Weisheit des lieben Gottes besäßen, keinen Hund könnten sie damit hinter dem Ofen hervorlocken, wenn das, was sie sagen, nicht auch zu sehen ist.

Darum ist das Schlimmste, was der Kirche widerfahren kann, nicht nur eine Irrlehre, sondern das Fehlen des evangeliumsgemäßen Lebens. Die schlimmste Ketzerei ist es zu behaupten, die Wahrheit zu kennen, aber sie dann nicht zu tun. Was soll man von einer solchen Wahrheit halten, die es nur in Büchern gibt?

 

Günther Krasnitzky (1939–1987), zitiert in: Gerhard Lohfink, Rudolf Pesch, Ludwig Weimer (Hrsg.), Die Feier des Sonntags A

Euthanasie

Das süße Gift der NS-Ideologie vom lebensunwerten Leben durchzieht wieder die ethischen Diskurse. Und es verschont auch die frommen Kreise nicht. Sofern sie vom Christentum vor allem verstanden haben, dass es um die ganz persönliche ewige Seelen-Wellness geht, hat das Leben ein Wohlfühlbad zu sein.

Da kommt die alte pagane Einflüsterung recht, dass man auch jederzeit den Stöpsel ziehen kann, bevor man zu frösteln beginnt. Unser liberales Nachbarland Holland spiegelt die selbstverständlich gewordene Kultur des schönen Todes ungeschminkt wider. Das deutsche Ärzteblatt berichtet davon, dass man sich im Parlament der Niederlande Sorgen um einen leichten Rückgang der Euthanasiezahlen im Jahr 2018 machte. Die Zahlen der staatlichen „Regionalen Toetsingscommissies Euthanasie“ hatten gezeigt, dass 2018 erstmals seit 2006 ein Rückgang auf nur noch 6.126 getötete Menschen zu verzeichnen sei. Das sind immerhin 17 pro Tag. Holländische Medien vermuten, dass Ärzte offenbar öfter Anfragen von Personen mit Tötungswunsch ablehnen, nachdem zum ersten Mal ein Arzt deswegen strafrechtlich belangt wurde. Doch der Vorsitzende der staatlichen Kommission beruhigt: Er sehe keine Gefahr für einen Gesinnungswandel bei niederländischen Ärzten. Denn immerhin sei im ersten Quartal 2019 die Zahl der Fälle schon wieder um 9 % über die des ersten Quartals 2018 gestiegen. Sein Eindruck sei daher, die Sterbehilfe werde „ordnungsgemäß durchgeführt“. Beunruhigt war und ist offenbar auch niemand darüber, dass laut offizieller Statistik bereits im Jahr 2015 viele hundert, nämlich genau 431 demente Personen ohne ausdrücklichen Tötungswunsch getötet wurden. Dem offenen Umgang mit dem Thema in Holland verdanken wir die genauen Zahlen. Die Dunkelziffer ist bei uns sicherlich höher, wenn man bedenkt, wie weit verbreitet die wohlmeinende Ideologie vom nicht mehr lebenswerten Leben ist. anm, ses

Gerhard Szczesny

„... so anders“

Foto: Dr. Gerhard Szczesny (1918–2002) im Juli 1976

 

Mitte der 80er Jahre erschien an einem Wochenende die Süddeutsche Zeitung wegen Streiks nur als Notausgabe. Darin war eine längere Erklärung des Publizisten, bekannten Humanisten und Agnostikers Dr. Gerhard Szczesny zu seinem Austritt aus der SPD abgedruckt, der er lange angehört hatte. Aufgrund der besonderen Umstände fand dieser Schritt wenig Beachtung.
Das war dreißig Jahre vorher ganz anders. 1958­ in der Zeit der Restauration der Adenauer-Ära­ veröffentlichte er eine Streitschrift Die Zukunft des Unglaubens. Zeitgemäße Betrachtungen eines Nichtchristen. Er protestierte gegen die beengende und aufgezwungene Minoritätenrolle der Nichtchristen in einer christlich dominierten Gesellschaft, gegen die Monopol- und Machtansprüche des Christentums auf die Wahrheit: „Es erscheint uns unerträglich, dass sich in einer Zivilisation, die die Heimat wahrer geistiger Freiheit zu sein beansprucht, der Nichtchrist wie ein Dieb in der Nacht verhalten muss“ (Zukunft des Unglaubens). Scharfsichtig diagnostizierte er die unhaltbaren Monopol- und Machtansprüche des Christentums. Er verlor seine Stelle beim Bayrischen Rundfunk. Er begründete 1961 u.a. zusammen mit Fritz Bauer und Alexander Mitscherlich die „Humanistische Union“ und ein Jahr später seinen Verlag „Club Voltaire – Jahrbuch für kritische Aufklärung“. 1968 schrieb er das Vorwort zu Joachim Kahls Das Elend des Christentums oder Plädoyer – eine Humanität ohne Gott.

 

Im selben Jahr 1958, als er seine Position eines post-christlichen Agnostikers öffentlich machte, der auf dem Boden der Errungenschaften der Aufklärung einen Humanismus etablieren wollte, schrieb Joseph Ratzinger in der katholischen Zeitschrift Hochland: „Die Kirche deckt sich seit dem Mittelalter im Abendland mit der Welt“ – ein Zustand, den Sczszeny noch als alles beherrschend vorfand – „Heute ist diese Deckung nur noch Schein, der das wahre Wesen der Kirche und der Welt verdeckt“ (Die neuen Heiden und die Kirche). Diesen Schein kritisierte Szczesny, und darin stimmten sie beide überein. Welche Folgerung zog Joseph Ratzinger aus dieser Analyse? 1968 veröffentlichte er seine Vorlesungsreihe über das Apostolische Glaubensbekenntnis, die er in Tübingen vor Hörern aller Fakultäten gehalten hatte, unter dem Titel Einführung in das Christentum.

 

Anfang der 70er Jahre kam die Integrierte Gemeinde in Kontakt mit Gerhard Szczesny. Er war auf sie von Peter M. Bode hingewiesen worden; der hatte über eine Ausstellung der Gemeinde in München berichtet und am Ende Leute wie Gerhard Szczesny und Heinrich Böll aufgefordert, sich mit diesen offenbar ungewöhnlichen Katholiken auseinander zu setzen. Er nahm an. Nach der ersten Begegnung schrieb er: „Es war das erste Mal, dass ich mich in einer Gemeinschaft von Menschen, die sich ausdrücklich als Christen verstanden wissen wollen, wirklich wohl, d. h. unbefangen und normal gefühlt habe.“ Einmal bemerkte er: „Ich weiß, wie der Kaffee in kirchlichen Häusern schmeckt – bei euch ist alles so anders.“

 

1977 fassten einige Leute der Gemeinde – es war darunter eine ganze Reihe von Gymnasiallehrern – den Entschluss, ein privates Gymnasium zu eröffnen. Sie suchten Ermutigung, weil das Kultusministerium von der Idee unter den damaligen Bedingungen in München nicht gerade begeistert war. Beide stimmten gerne und aus Überzeugung zu, sich im vorbereitenden Werbeprospekt nebeneinander als Freunde der Integrierten Gemeinde nennen zu lassen. Von diesen beiden so verschiedenen Personen inspiriert, formulierten die Leute der Gemeinde als Leitlinie des Schulprojekts und der Gemeinde: „Zwei Traditionen haben sich in der Integrierten Gemeinde zu einer Lebensform verknüpft, die sich gegenseitig auszuschließen scheinen: die christliche Tradition und die neuzeitliche Religions- und Gesellschaftskritik.“

 

Bei der Trauerfeier für Gerhard Szczesny auf dem Grünwalder Friedhof – die Angehörigen hatten die Gemeinde gebeten sie zu gestalten – sagte Gertraud Wallbrecher: „Gerhard Szczesny war für uns ein Lehrer, weil er uns unaufhaltsam herausgefordert hat, das zu sein, was wir immer sein wollten: eine Gemeinde, die sich so verhält und miteinander umgeht wie diejenigen, die einmal vor 1900 Jahren das Neue Testament geschrieben haben.“