„Das Christentum ist jeden Augenblick noch möglich.“ F. Nietzsche

 

 

 

Klimax des Unmöglichen

Glaubst du ans Paradies?

Ja.

Warum?

Weil ich daran glauben will.

Mit ähnlich weltanschaulichen Interviewausschnitten beginnt der neue kontroverse Film “Climax” des argentinischen Skandalregisseurs Gaspard Noé, in dem eine Gruppe junger Leute die Hauptrolle spielen, denen Tanzen alles im Leben bedeutet. Wenn sie nach ihrer letzten gemeinsamen Probe zusammen ausgelassen feiern und tanzen, jeder für sich allein, im Wechsel umringt von den anderen, kommt ein Phänomen zum Ausdruck, dass der Regisseur in der gesellschaftlichen Entwicklung seit Einführung der Pille beobachtet hat: „Wie Leute ermutigt wurden, Lust zu empfinden und nicht mehr von anderen abhängig zu sein. Aber eben auch, wie Leute immer einsamer werden. Sie sind nicht mehr Teil einer Gruppe, sondern konkurrieren mit dem Rest der Welt.“ Ohne jeden Halt mündet die Feier der Tänzer, denen ein Unbekannter LSD in ihr Getränk gemischt hat, ins Chaos. Jede Form von Angst und Unsicherheit der Einzelnen wird um ein Vielfaches potenziert zu gegenseitiger Brutalität. In Großbuchstaben schließt der Film mit den Worten „Leben ist kollektive Unmöglichkeit“. Das Undenkbare denkbar, was wäre das Leben als kollektive Möglichkeit? heg

Interview

Die Katholische Integrierte Gemeinde

Am 27. August 2018 sendete Radio Horeb ein Interview mit Dr. Peter Zitta, Mitglied der Katholischen Integrierten Gemeinde und ihrer Priestergemeinschaft. Das Interview wurde am 7.8.2019 erneut gesendet.

Hören Sie hier zwei Ausschnitte.

Teil I: „Was ist die Katholische Integrierte Gemeinde?“
Teil II: „Was hat Sie an der Integrierten Gemeinde angesprochen?“

»…Eine entscheidende Wende im jüdisch-katholischen Dialog«

Dieser Satz steht auf der Banderole des Buches „Ebrei e Cristiani“, denn der Beitrag von Papst em. Benedikt in der Zeitschrift Communio im vergange­nen Jahr hat das jüdisch-christliche Gespräch unerwartet beflügelt.

Die Präsentation des Buches erfolgte bei einem Evento am 16. Mai 2019, ausgerichtet vom Lehrstuhl für die „Theologie des Volkes Gottes“, an der Päpstlichen Lateran-Universität in Rom. Es sprachen Rabbiner Arie Folger, Erzbischof Georg Gänswein, der Präfekt des Päpstlichen Hauses und Sekretär von Benedikt XVI., und Elio Guerriero, der Herausgeber des Buches.

Theologica Nr. 7 macht die Vorträge der Begegnung zugänglich.

Näheres zum Inhalt und Hinweise zur Bestellung finden Sie hier.

Zusammenwirken

25. August 2019, 21. Sonntag im Jahreskreis, C

Die Messfeier beginnt wie ein Musikstück immer mit einer Ouvertüre: Worum geht es hier, was ist das Thema? Wer trifft aufeinander?

Genauso an diesem Sonntag mit den Anfangsversen von Psalm 86. Da ist die ganze Volk-Gottes-Geschichte zusammengefasst. Da sind nicht zwei Partner die Aug in Aug gegenüberstehen. Da ist ein Hilfsbedürftiger, der um das Ohr des Stärkeren bittet: Den ganzen Tag rufe ich zu Dir. Wer diese grundsätzliche Proportion verfehlt, verfehlt den Gott der Juden und Christen und ebenso seine Geschöpfe. Erst wo das ins Kalkül gezogen wird, erscheint das Rettende: „Gott, unser Herr, du verbindest alle, die an Dich glauben, zum gemeinsamen Streben.“ Dies bezeichnet präzise die unbändige Kraft, mit der alle christlichen Gemeinschaften der Welt – und insbesondere Europa – ihren Stempel aufgedrückt haben. bek

Eröffnungsvers und Tagesgebet

 

Ps 86,1-3
Wende dein Ohr mir zu, erhöre mich, Herr,
hilf deinem Knecht, der dir vertraut, sei mir gnädig, o Herr.
Den ganzen Tag rufe ich zu dir.

 

Tagesgebet

Gott, unser Herr, du verbindest alle, die an dich glauben, zum gemeinsamen Streben. Gib, dass wir lieben, was du befiehlst, und ersehnen, was du uns verheißen hast, damit in der Unbeständigkeit dieses Lebens unsere Herzen dort verankert seien, wo die wahren Freuden sind.

Was an der Welt nicht in Ordnung ist

von F. Ebner

Selbsterkenntnis ist Erkenntnis der Diskrepanz von Idee und Wirklichkeit in sich selbst, aber noch lange nicht Erkenntnis der Sünde. Denn in dieser handelt es sich nicht um diese Diskrepanz.

In der Selbsterkenntnis misst sich der Mensch nach einem menschlichen Maßstab, denn die Idee ist etwas Menschliches. In der Erkenntnis der Sünde sieht er seine Daseins- und Lebenswirklichkeit der Jesu gegenübergestellt und also an einem göttlichen Maßstab gemessen.

Je mehr sich die Erkenntnis, von der Oberfläche des Mathematischen hinweg vertieft, desto mehr wird sie zum Wissen darum, dass keineswegs alles in dieser Welt und diesem Leben in Ordnung ist, zum Wissen, ums verlorene Paradies; aber wahrlich nur zum Wissen des draußen vor den verschlossenen Toren Stehenden – Erkennende sind immer outsider des Lebens. Und gerade in dieser Vertiefung fordert sie ihre letzte Wendung: vom Objektiven, das auch im Wissen ums verlorene Paradies noch ist, zum Subjektiven, worin erkannt wird, warum das Paradies verlorenging. Der Erkennende steht wie Moses auf dem Berge und sieht das Land der Verheißung vor sich – aber der Eintritt ist ihm verwehrt. Erlösen aus seiner Icheinsamkeit kann den Menschen nur die Liebe und das Wort.

 

Aus: Ferdinand Ebner, Das Wort und die geistigen Realitäten (1919)

Die Wolke vergrößern

18. August 2019, 20. Sonntag Jahreskreis C

Die Wolke der Zeugen, von der der Hebräerbrief spricht, sind nicht die zahlreichen Christus-Nachfolger der Kirchengeschichte,

sondern die zahlreichen Christus-Vorgänger der Geschichte Israels, von denen vor unserer Lesung einige aufgezählt werden. Sie liefern ausreichend Anschauung und Motivation, dass sich auch die ermatteten Christen in den Wettkampf des Glaubens stürzen können. Das Ziel, das dabei vor Augen liegt, ist nicht ihr Triumph auf der Weltbühne, sondern die Vergrößerung der Wolke der Zeugen. tac

Hebr 12,1-4

Darum wollen auch wir, die wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, alle Last und die Sünde abwerfen, die uns so leicht umstrickt. Lasst uns mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der vor uns liegt, und dabei auf Jesus blicken, den Urheber und Vollender des Glaubens; er hat angesichts der vor ihm liegenden Freude das Kreuz auf sich genommen, ohne auf die Schande zu achten, und sich zur Rechten von Gottes Thron gesetzt. Richtet also eure Aufmerksamkeit auf den, der solche Anfeindung von Seiten der Sünder gegen sich erduldet hat, damit ihr nicht ermattet und mutlos werdet! Ihr habt im Kampf gegen die Sünde noch nicht bis aufs Blut Widerstand geleistet.

Jahrmarkt der Wunder

von W. Szymborska

 

Ein Alltagswunder:

dass es so viele Alltagswunder gibt.

 

Ein gewöhnliches Wunder:

das Bellen unsichtbarer Hunde in einer stillen Nacht.

 

Ein Wunder von vielen:

eine kleine und flüchtige Wolke,

aber sie kann den großen und harten Mond verschwinden lassen.

 

Mehrere Wunder in einem:

eine Erle, die sich im Wasser spiegelt,

und dass sie von links nach rechts gewendet ist

und dass sie mit der Krone nach unten wächst

und überhaupt nicht bis auf den Grund reicht,

obwohl das Wasser seicht ist.

 

Ein Wunder an der Tagesordnung:

recht schwache und milde Winde, doch in der Sturmzeit böig.

 

Ein erstbestes Wunder:

Kühe sind Kühe.

 

Ein zweites, nicht geringeres:

dieser und kein anderer Garten

in diesem und keinem anderen Obstkern.

 

Ein Wunder ohne schwarzen Frack und Zylinder:

ausschwärmende weiße Tauben.

 

Ein Wunder, denn was sonst:

die Sonne ging heute um drei Uhr vierzehn auf

und sie wird untergehen null Uhr eins. .

 

Ein Wunder, das nicht so verwundert, wie es sollte:

die Hand hat zwar weniger Finger als sechs,

dafür mehr als vier.

 

Ein Wunder, so weit man schauen kann:

die allgegenwärtige Welt.

 

Ein beiläufiges Wunder, beiläufig wie alles:

was undenkbar ist – ist denkbar.

 

Aus: Wisława Szymborska (1923–2012), Hundert Freuden (1996)

Etwas darüber hinaus?

11. August 2019, 19. Sonntag im Jahreskreis C

Schon die griechischen Philosophen wollten sich nicht damit abfinden, dass die Zeitgenossen sich damit zufrieden geben, nur zu leben, zu überleben, sich zu reproduzieren, vor dem Fernseher zu sitzen und ihre wohl verdiente Pension auf Mallorca zu verzehren.

Aber Hand aufs Herz: Was wird dem Bestwilligen sowohl von den Vertretern der politischen Parteien und der Kirchen angeboten? Lauter gute Ratschläge, Ermahnungen, Drohungen im Fall von Unfolgsamkeit: nicht fliegen, Rad fahren, kein Fleisch essen, Bienen retten, Klima retten – Strategien zum (angeblich) bloßen Überleben. Da hat es das Evangelium schwer mit der Mahnung: Verschafft euch einen Schatz im Himmel. Diese Himmelwärts-Geste begegnet auch in der zweiten Lesung: Die Väter des Glaubens seien unterwegs gewesen nach der himmlischen Heimat: Sie sahen sie vor sich, von ferne, aber zeigen damit, dass sie eine Heimat suchen. Warum sonst haben sie ihr Land verlassen? ars

Hebr 11,1-2.8-12

Glaube aber ist: Grundlage dessen, was man erhofft, ein Zutagetreten von Tatsachen, die man nicht sieht. Aufgrund dieses Glaubens haben die Alten ein gutes Zeugnis erhalten. Aufgrund des Glaubens gehorchte Abraham dem Ruf, wegzuziehen in ein Land, das er zum Erbe erhalten sollte; und er zog weg, ohne zu wissen, wohin er kommen würde. Aufgrund des Glaubens siedelte er im verheißenen Land wie in der Fremde und wohnte mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung, in Zelten; denn er erwartete die Stadt mit den festen Grundmauern, die Gott selbst geplant und gebaut hat. Aufgrund des Glaubens empfing selbst Sara, die unfruchtbar war, die Kraft, trotz ihres Alters noch Mutter zu werden; denn sie hielt den für treu, der die Verheißung gegeben hatte. So stammen denn auch von einem einzigen Menschen, dessen Kraft bereits erstorben war, viele ab: zahlreich wie die Sterne am Himmel und der Sand am Meeresstrand, den man nicht zählen kann.

An das pilgernde Volk Gottes in Deutschland

von Papst Franziskus

„Ohne neues Leben und echten, vom Evangelium inspirierten Geist, ohne Treue der Kirche gegenüber ihrer eigenen Berufung wird jegliche neue Struktur in kurzer Zeit verderben“ (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 26).

Deshalb kann der bevorstehende Wandlungsprozess nicht ausschließlich reagierend auf äußere Fakten und Notwendigkeiten antworten, wie es zum Beispiel der starke Rückgang der Geburtenzahl und die Überalterung der Gemeinden sind, die nicht erlauben, einen normalen Generationenwechsel ins Auge zu fassen. Objektive und gültige Ursachen würden jedoch, werden sie isoliert vom Geheimnis der Kirche betrachtet, eine lediglich reaktive Haltung – sowohl positiv wie negativ – begünstigen und anregen. Ein wahrer Wandlungs­prozess beantwortet, stellt aber zugleich auch Anforderungen, die unserem Christ-Sein und der ureigenen Dynamik der Evangelisie­rung der Kirche entspringen; ein solcher Prozess verlangt eine pastorale Bekehrung. Wir werden aufgefordert, eine Haltung einzunehmen, die darauf abzielt, das Evangelium zu leben und transparent zu machen, indem sie mit „dem grauen Prag­matismus des täglichen Lebens der Kirche bricht, in dem anscheinend alles normal abläuft, aber in Wirklichkeit der Glaube nachlässt und ins Schäbige absinkt“ (Evangelii gaudium, 83). Pastorale Bekehrung ruft uns in Erinnerung, dass die Evangelisierung unser Leit­kriterium schlechthin sein muss. Die so gelebte Evangelisierung ist keine Taktik kirchlicher Neupositionierung in der Welt heute, oder kein Akt der Eroberung, der Dominanz oder territorialen Erweiterung; sie ist keine „Retusche“, die die Kirche an den Zeitgeist anpasst, sie aber ihre Origina­lität und ihre prophetische Sendung verlieren lässt. Auch bedeutet Evangelisierung nicht den Versuch, Gewohnheiten und Praktiken zurück­zugewinnen, die in anderen kulturellen Zusammenhängen einen Sinn ergaben. Nein, die Evangeli­sierung ist ein Weg der Jüngerschaft in Antwort auf die Liebe zu Dem, der uns zuerst geliebt hat (vgl. 1 Joh 4,19).

Ich möchte euch zur Seite stehen und euch begleiten in der Gewissheit, dass, wenn der Herr uns für würdig hält, diese Stunde zu leben, Er das nicht getan hat, um uns angesichts der Herausforderungen zu beschämen oder zu lähmen. Vielmehr will er, dass Sein Wort einmal mehr unser Herz herausfordert und entzündet, wie Er es bei euren Vätern getan hat, damit eure Söhne und Töchter Visionen und eure Alten wieder prophetische Träume empfangen (vgl. Joel 3,1).

 

Aus dem Schreiben von Papst Franziskus an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland, 29. Juni 2019

Hier finden Sie das vollständige Dokument.

Wege aus der Bedrängnis

von S. Almekias-Siegl

Die klassische jüdische Reaktion auf Katastrophen ist Lebenserneuerung. Es gehört zur Wesensart des Volkes Israel, das Andenken an seine Erfolgs- wie seine Leidensgeschichte zu bewahren, um daraus Hoffnung für die Zukunft zu entwickeln.

Man könnte zugespitzt sagen: Israels Zurückdenken bringt es nach vorne. Erinnerung ist der Schlüssel für die Zukunft des Volkes Israel. Wie die Erprobung stattfand, so wird auch die Erlösung geschehen. Die vergangenen Katastrophen haben die jüdische Gemeinschaft zweifellos niedergeschmettert, aber auf paradoxe Weise auch gestärkt. Diese innere jüdische Bewegung und Dynamik bringt eine russische Volkserzählung gut zum Ausdruck:

Als Napoleon bei seinem Feldzug gegen Russland durch ein kleines jüdisches Schtetl zog, äußerte er den Wunsch, die Synagoge von innen zu sehen. Zufällig war dieser Tag der 9. Aw, und die Juden saßen in der Finsternis auf dem Boden, in Wehklagen und Gebet. Als man Napoleon erklärt hatte, dass der Grund ihrer Klage die Verwüstung des Tempels war, fragte er: „Wann ist das passiert?“ „Vor 2000 Jahren“, sagte man ihm. Als er das hörte, erklärte der Kaiser: „Ein Volk, das in der Lage ist, 2000 Jahre lang die Erinnerung an sein Land zu bewahren, wird sicher den Weg zur Heimkehr dorthin finden.“

Aber vergessen wir an dieser Stelle eines nicht: Es handelt sich hierbei um keinen Automatismus. Das Fasten und Gedenken des Vorherigen allein genügt nicht. Denn Hass und Unfrieden haben zum Verlust des Tempels geführt. Das Fasten muss von einem alltäglichen Umgang der Kinder Israels in der Wahrheit und im Frieden miteinander begleitet sein, wenn es denn tatsächlich zu einem Wandel von traurigen zu erneuerten fröhlichen Tagen kommen soll.

 

Aus: Jüdische Allgemeine, 18.07.2019, Artikel von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl

https://www.juedische-allgemeine.de/religion/wege-aus-der-bedraengnis/

Wo steht die Kirche?

von D. Bonhoeffer

Gott ist, soweit wir ihn überhaupt denken können, an einem Ort in Christus, in der Kirche. Rationalismus und Mystik vererbten uns die Ortlosigkeit Gottes. Seine Ortlosigkeit ist Ausdruck moderner Religiosität. Die neue Situation ist einerseits gekennzeichnet durch die Ortlosigkeit unserer Kirche.

Sie will überall sein und ist darum nirgends. Sie ist nie und nirgends ganz sie selbst. Sie existiert nur in Verkleidungen. Sie wurde zur Welt, ohne dass die Welt Kirche wurde. Auf der Flucht vor sich selbst ist die Kirche heute einer tiefen Verachtung verfallen. Sekten werden ernster genommen als die Kirche, weil sie an einem bestimmten Orte stehen. Nur mit einem bestimmten Ort lässt sich eine Sache beschreiben. Wesen und Anspruch gewinnen dadurch Eindeutigkeit. Wie die Kirche, so ist ihr Gottesbegriff ohne Anspruch und Ort, überall und nirgends. Die Kirche vertrug das Gefühl der Einsamkeit an ihrem spezifischen Ort nicht mehr. Sie hat den Maßstab für den Ort verloren. Die heutige Kirche ist weithin feiernde Christenheit. Damit steht sie an der Peripherie und nicht im Zentrum des Lebens. Sie möchte aber gern im Zentrum stehen und redet darum von der Peripherie aus beurteilend und verurteilend zu zentralen Fragen des Lebens. So macht sie sich verächtlich und verhasst. Was ist der eigentliche Ort der Kirche in der Christenheit? Die ganze Alltagswirklichkeit der Welt. Die ganze Alltagswirklichkeit muss aber so gesehen werden, wie sie unter Gottes Urteil zu stehen kommt. Kirche, Gemeinde ist dort, wo das Wort Gottes über die ganze Wirklichkeit vernommen, geglaubt und wo ihm gehorcht wird. Diese Kirche ist die Mitte der Welt.

 

Aus: Dietrich Bonhoeffer, Das Wesen der Kirche (Vorlesung Sommersemester 1932)

Die gute Meinung

von F. Ebner

Was dem Menschen am meisten im Wege steht, zum Glauben und durch ihn zur Erkenntnis und zur Vergebung der Sünde zu kommen, ist die gute Meinung, die er von sich selbst hat –

tatsächlich jener „Glaube an sich selbst“ der am Ende nichts anders ist als die wahre Pervertierung des Glaubens. Wenn Rousseau meinte, der Mensch sei von Natur aus gut, so ist das einfach falsch. Die Natur ist weder gut noch böse (und sie gibt auch in keiner Weise einen Maßstab für das Gute und Böse ab, nur für das Nützliche und Schädliche, Angenehme und Unangenehme).

Aber das ist richtig: Jeder hat „von Natur aus“ eine gute Meinung von sich, von der er um keinen Preis lassen will und die auch die Ursache ist für das keinem Menschen unbekannt bleibende Gefühl, dass das Leben, das er lebe, doch nicht das rechte sei. Denn andererseits neigt jeder, eben weil er von Natur aus jene gute Meinung von sich hat, auch dazu, im Widerspruch zu jenem Gefühl sein Leben als etwas zu leben, in dem alles durchaus recht und in Ordnung sei. Und wenn es einmal nicht recht stimmt, dann kommt natürlich die Unordnung von außen.

 

Aus: Ferdinand Ebner, Das Wort und die geistigen Realitäten (1919)

Synapsen der Geschichte

Zwischen: „Seht ich mache alles neu“ und: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich“ liegt das revolutionäre Potential des Denkens in der Tradition der Schrift.

Ein Taubenschlag des Geistes, in dem sich seit jeher die besten Denker und Gedanken versammelten und in ihrem stummen Gespräch über die Jahrhunderte, im Augenblick ihrer Vergegenwärtigung, die sonst so relevanten Fragen plötzlich verschwanden: wer war orthodox, wer kommunistisch, wer dekonstruktivistisch, wer Künstler, Naturwissenschaftler, Rabbiner, Philosoph, Theologe oder auch nur Journalist.
Dass wir geistige Zwerge sind, ist gar nicht so schlimm, wenn wir uns bewusst werden, auf den Schultern welcher Riesen wir stehen können. ses

Warum der Mensch bisweilen in Versuchung gerät

von F. Rosenzweig

Eine rabbinische Legende fabuliert von einem Fluss in fernem Lande, der so fromm sei, dass er am Sabbat sein Fließen einstelle.

Aber Gott tut solche Zeichen nicht. Es graut ihm offenbar vor dem unausbleiblichen Erfolg: dass dann grade die Unfreisten, die Ängstlichen und Kümmerlichen die „Frömmsten“ sein würden. Und Gott will offenbar nur die Freien zu den Seinen. Um so zwischen den Freien und den Knechtseelen zu scheiden, genügt aber kaum die Unsichtbarkeit seines Waltens; denn die Ängstlichen sind ängstlich genug, um im Zweifel sich lieber auf die Seite zu schlagen, zu der zu halten „in jedem Falle“ nicht schadet und möglichweise – mit 50 Prozent Wahrschein­lichkeit – sogar nützt. Gott muss also, um die Geister zu scheiden, nicht bloß nicht nützen, sondern geradezu schaden. Und es bleibt ihm gar nichts übrig: er muss den Menschen versuchen; er muss ihm nicht bloß sein Walten verbergen, nein er muss ihn darüber täuschen; er muss es dem Menschen schwer, ja unmöglich machen, es zu sehen, auf dass dieser Gelegenheit habe, ihm wahrhaft, also in Freiheit, zu glauben und vertrauen. Der Mensch muss also wissen, dass er bisweilen versucht wird um seiner Freiheit willen.

 

Aus: Franz Rosenzweig (1886–1929), Der Stern der Erlösung (1921)

Weckmittel von 1983/84

Ein ‚wanderndes Gottesvolk?‘ – Ja, ein aus der Kirche auswanderndes Volk.

 

Unser Konkordat gibt beiden Seiten die Freiheit: dem Staat die Freiheit,
die Kirche einzuspannen, und der Kirche die Freiheit, vom Evangelium auszuspannen.

 

Die Kirchen werden aus Schwäche eines Tages konfusionieren. Einzige Hoffnung auf die Ökumene.

 

Man schüttelt sich auf die Aufforderung hin „Gebt einander ein Zeichen des Friedens“ gegenseitig freundlich ab.

 

Die Sonntagspredigt ist ein kostenloser Abenteuerurlaub: Wie der durch den Wildbach des Evangeliums steuert, ohne jemanden und sich zu verletzen!

 

Heute fehlen in der Kirche hierzulande von den Wundern der Apostelgeschichte die zwei: wir sind weder einmütig noch freimütig. Hingegen ist ein neues Wunder aufgetreten: Dennoch hat sie überlebt.

 

Tsgna heißt der Gott unserer Zeit. Er verkehrt alles. Deshalb ist sein Name von hinten nach vorn geschrieben.

 

Wer nichts macht, macht auch etwas falsch: alles.

 

Die Aphorismen sind einseitig, übertrieben, und überschlagen das Gute in der Christenheit? Richtig, was sollen sie denn sonst sein als ärgerliche Weckmittel?

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Aus Erfahrung geronnen

von J. Ratzinger

Zum Akt des Glaubens gehört von seiner Grundstruktur her die Einfügung in die Kirche, das Gemeinsame des miteinander Verbindenden und Verbindlichen.

In die Glaubens­gemeinschaft eintreten heißt in die Lebensgemeinschaft eintreten und umgekehrt. Der Realitätsgehalt der Kirche reicht über das literarisch Fixierbare hinaus. Zwar kann, was sie glaubt und lebt, im Buch bezeugt werden und wird es auch. Aber es geht damit nicht im Buch auf, sondern das Buch bleibt selbst nur in seiner Funktion, wenn es auf die Gemeinschaft verweist, in der das Wort seinen Lebensraum hat. Diese Lebensgemeinschaft ist nicht durch historische Auslegung ersetzbar oder überholbar; sie geht in ihrer inneren Rangordnung dem Buch voraus. Das Wort des Glaubens setzt von sich aus die Gemeinschaft voraus, die es lebt, die sich daran bindet und es selbst in seiner Verbindlichkeit für den Menschen festhält. In dem Maß, in dem Offenbarung einen Überhang über Literatur hat, hat sie auch einen Überhang über die Grenze der bloßen Wissenschaftlichkeit der historischen Vernunft hinaus.

 

Aus: Joseph Ratzinger, Theologische Prinzipienlehre (1982)