„Das Christentum ist jeden Augenblick noch möglich.“ F. Nietzsche

 

 

 

Stellungnahme

Eigentlich handelt es sich um eine innerkirchliche Angelegenheit, aber auf Drängen von Freunden und Ratgebern soll nachfolgend nun doch zu einer Sache Stellung genommen werden, die sich derzeit in einer Diözese im südlichen Deutschland ereignet und gegen die örtliche Katholische Integrierte Gemeinde gerichtet ist:

Personen aus der dortigen Amtskirche haben völlig haltlose Anschuldigungen, unwahre Behauptungen und faktenfreie Vorurteile gegen die örtliche Katholische Integrierte Gemeinde zusammen gesammelt und als eigene Meinung und Ansicht in einem internen sog. ‚Zwischenbericht‘ zusammengestellt, der ihr letztlich ihre Katholizität absprechen will.
Nach der Fertigstellung dieses ‚Zwischenberichtes‘ Anfang Oktober 2019 wurde dieser der örtlichen Katholischen Integrierten Gemeinde zugestellt und nachweislich zeitgleich rechtswidrig an völlig unbeteiligte Dritte weitergegeben, worüber er dann auch seinen Weg in die Presse und in die sozialen Netzwerke fand und dort verbreitet wurde und wird.
Sinn und Zweck dieses gegen vielfältige Rechtsgrundsätze verstoßenden Vorgehens war und ist allein, eine massive Rufschädigung der örtlichen Katholischen Integrierten Gemeinde und die bewusste und gewollte Verhinderung ihrer Arbeit dort herbeizuführen.
Die Katholische Integrierte Gemeinde befindet sich insoweit in bester Gesellschaft, als auch andere Initiativen katholischer Gläubiger, die frei und unabhängig von den Strukturen der dortigen Amtskirche und deren Finanzmitteln entstanden sind und arbeiten, Vergleichbares erleben mussten.
Diese Kampagne führte nun aber auch dazu, dass aus aller Welt hunderte von Anschreiben eintrafen, die die Verbundenheit und Solidarität mit der Arbeit der Katholischen Integrierten Gemeinden ausdrückten und genau das Gegenteil dessen beschreiben und bezeugen, was in diesem ‚Zwischenbericht‘ wahrheitswidrig unterstellt wird.
Auch dadurch dankbar ermutigt werden die Katholischen Integrierten Gemeinden in enger Anbindung an die Gesamtkirche gemäß ihren Statuten ihre Arbeit weiterführen. kig

Zur Situation in München

Am 19. November 2019 sendete Radio Horeb ein Gespräch von Ralf Oppmann, Studioleiter München, mit Prof. Dr. Achim Buckenmaier.

In der Anmoderation des Interviews hieß es:

„Die Katholische Integrierte Gemeinde ist mittlerweile nicht nur in verschiedenen deutschen Diözesen aktiv, sondern in mehreren Ländern weltweit vertreten. Nun geriet die Münchener Katholische Integrierte Gemeinde in den letzten Wochen mit verschiedenen Vorwürfen gegen sie in die Schlagzeilen. Prof. Dr. Achim Buckenmaier ist Direktor des Lehrstuhls für die Theologie des Volkes Gottes an der Päpstlichen Lateranuniversität in Rom und Berater der Glaubenskongregation und des Päpstlichen Rates zur Förderung der Neuevangelisierung. Als Mitglied der Gemeinschaft der Priester im Dienst an Integrierten Gemeinden stand er Ralf Oppmann zu den erhobenen Vorwürfen Rede und Antwort.“

Hören Sie hier die wesentlichen Ausschnitte aus dem Gespräch:

Wende der Existenz

von J. Ratzinger

Glauben bedeutet die Entscheidung dafür, dass im Innersten der menschlichen Existenz ein Punkt ist, der nicht aus dem Sichtbaren und Greifbaren gespeist und getragen werden kann, sondern an das nicht zu Sehende stößt, so dass es ihm berührbar wird und sich als eine Notwendigkeit für seine Existenz erweist.

Solche Haltung ist freilich nur zu erreichen durch das, was die Sprache der Bibel 'Umkehr', 'Bekehrung' nennt. Das natürliche Schwergewicht des Menschen treibt ihn zum Sichtbaren, zu dem, was er in die Hand nehmen und als sein eigen greifen kann. Er muss sich innerlich herumwenden, um zu sehen, wie sehr er sein Eigentliches versäumt, indem er sich solchermaßen von seinem natürlichen Schwergewicht ziehen lässt. Er muss sich herumwenden, um zu erkennen, wie blind er ist, wenn er nur dem traut, was seine Augen sehen. Ohne diese Wende der Existenz, ohne die Durchkreuzung des natürlichen Schwergewichts gibt es keinen Glauben. Ja, der Glaube ist die Be-kehrung, in der der Mensch entdeckt, dass er einer Illusion folgt, wenn er sich dem Greifbaren allein verschreibt. Dies ist zugleich, der tiefste Grund, warum Glaube nicht demonstrierbar ist: Er ist eine Wende des Seins, und nur wer sich wendet, empfängt ihn. Und weil unser Schwergewicht nicht aufhört, uns in eine andere Richtung zu weisen, deshalb bleibt er als Wende täglich neu, und nur in einer lebenslangen Bekehrung können wir innewerden, was es heißt, zu sagen: Ich glaube.

Aus: Joseph Ratzinger, Einführung in das Christentum (1968)

Harmlos?

8. Dezember 2019, 2. Adventssonntag im Lesejahr A

Zu lange wurde der „liebe Gott“ nur noch in Kinderzimmern und an Esstischen genannt, dass es nicht verwunderte, als ihn der moderne Mensch als harmlos entsorgte.

Hört man die kraftvolle Sprache des Jesaja, dann merkt man, dass die Urerfahrung Israels eine ganz andere war. Nicht ein Volk hat sich Ihn ausgedacht, vielmehr: Er ersann Israel. Wo sich eine Gesellschaft auf seine Gebote einlässt – der Prophet nennt es „Gottesfurcht“ –, da kann sie die Heilung der tiefsten sozialen und individuellen Wunden erleben. Parteilichkeit, Unrecht, Armut, Konkurrenzkampf und alles zerfressender Neid werden machtlos. Einige nahmen dieses Experiment auf sich. Die Propheten beschrieben es in Bildern und Fabeln: Wolf und Lamm. Löwe und Kalb. Schlange und Kind. Es ist eine Vision und eine Erfahrung von Wirklichkeit zugleich, immer am Rande des Scheiterns. Aber weil Sein Name nicht „lieber Gott“ ist, sondern „Gerechtigkeit“ und „Treue“, wuchs ein Volk. Seine Wirkungen dauern fort. acb

Jes 11,1-10

Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht. Der Geist des Herrn lässt sich nieder auf ihm: der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht. Er erfüllt ihn mit dem Geist der Gottesfurcht. Er richtet nicht nach dem Augenschein, und nicht nur nach dem Hörensagen entscheidet er, sondern er richtet die Hilflosen gerecht und entscheidet für die Armen des Landes, wie es recht ist. Er schlägt den Gewalttätigen mit dem Stock seines Wortes und tötet den Schuldigen mit dem Hauch seines Mundes. Gerechtigkeit ist der Gürtel um seine Hüften, Treue der Gürtel um seinen Leib. Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Knabe kann sie hüten. Kuh und Bärin freunden sich an, ihre Jungen liegen beieinander. Der Löwe frisst Stroh wie das Rind. Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter, das Kind streckt seine Hand in die Höhle der Schlange. Man tut nichts Böses mehr und begeht kein Verbrechen auf meinem ganzen heiligen Berg; denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des Herrn, so wie das Meer mit Wasser gefüllt ist. An jenem Tag wird es der Spross aus der Wurzel Isais sein, der dasteht als Zeichen für die Nationen; die Völker suchen ihn auf; sein Wohnsitz ist prächtig.

Alle Jahre wieder

Kürzlich musste meine Tochter in einer Prüfung im katholischen Religionsunterricht die Frage beantworten, unter welchen Umständen Jesus heute auf die Welt kommen würde.

Ich vermutete, dass eine Geburt in einem Flüchtlingslager suggeriert wurde mit späterem erfolgreichem Auftreten als Anwalt der Entrechteten und Enterbten. Wie anderen Schülern, die einigermaßen regelmäßig den Gottesdienst besuchen, fehlte meiner Tochter für eine ausführliche Antwort die Fantasie, die Note fiel schlecht aus und auch ich wusste es nicht besser. Vielleicht hätte ich den Lehrer einfach fragen sollen, was er meinte. Jedenfalls verfolgte mich die Frage. Später kam mir die Geschichte vom Auftreten Jesu vor dem Großinquisitor in den Sinn, wie sie von Dostojewski erzählt wird: Jesus tritt überraschend im Sevilla des 15. Jahrhunderts auf, zu Zeiten der Inquisition. Er wird erkannt und der Großinquisitor setzt ihn fest. In einer langen Rede erklärt er Jesus, wieso dessen abermaliges Kommen das Wirken der Kirche stört. fls

Was soll das Theater? – Mit Videoclip

Man könnte meinen, das Theater sei überflüssig geworden: Wieso die Bequemlichkeit der eigenen vier Wände eintauschen gegen einen harten Stuhl, eingezwickt im Theaterpublikum?

Warum sich auf eine Vorführung einlassen, wenn hinter den heimischen Bildschirmen tausende warten? Wozu überhaupt noch „Bretter, die die Welt bedeuten“, wenn Heerscharen an Denkern und Forschern über Jahrtausende hinweg ein kaum überschaubares Wissen angehäuft haben? Weiß man denn nicht spätestens heute, was nun die Welt bedeutet? Allen, die solchen Bedenken folgend des Theaterganges nicht mehr bedürfen: Glückwunsch, eine Mühsal weniger! Allen anderen sei Folgendes empfohlen: Der Prolog eines Theaterabends aus dem Sommer 2019 im Park des Günter-Stöhr-Gymnasiums – unter Mitwirkung vieler aus dem Umfeld der Schule und der Integrierten Gemeinde. Jederzeit anschaubar, ganz bequem, ganz bildschirmtauglich, wann immer, wo immer, ganz wie man möchte. saw

Videoclip „Prolog zum Sommernachtstraum“

Schon jetzt

1. Dezember 2019, 1. Adventssonntag im Lesejahr A

Bei zwei Propheten, bei Jesaja und Micha, ist eine großartige Vision überliefert. Die Völker werden sich aufmachen nach Zion, weil sie die Wege von Israels Gott kennenlernen wollen. Aber wie beginnt dieser Strom der Völker?

Von Appellen an Assur oder Syrien wird nichts berichtet. Denn nicht die Völker müssen zunächst etwas tun. Vielmehr beginnt die Zeit der Pflugscharen und Winzermesser mit einigen vom Haus Jakob. Sie entschließen sich aufzubrechen und den ersten Schritt selbst zu tun: Sie wollen gemeinsam ihre Wege nach der Weisung Gottes gehen, und zwar „schon jetzt“, wie Micha verdeutlicht. hak

Jes 2,1-5

Das Wort, das Jesaja, der Sohn des Amoz, in einer Vision über Juda und Jerusalem gehört hat: Am Ende der Tage wird es geschehen, der Berg mit dem Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen alle Völker. Viele Nationen machen sich auf den Weg. Sie sagen: Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs. Er zeige uns seine Wege, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn von Zion kommt die Weisung des Herrn, aus Jerusalem sein Wort. Er spricht Recht im Streit der Völker, er weist viele Nationen zurecht. Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht mehr für den Krieg. Ihr vom Haus Jakob, kommt, wir wollen unsere Wege gehen im Licht des Herrn.

Krönung des Lebens

24. November 2019, Christkönigssonntag C

Schon den Vorsokratikern ist der Vorwurf gegen die Religion bekannt: Die Menschen machen sich genau die Bilder vom Göttlichen, die ihnen entsprechen: Wenn Hunde Götter hätten, dann hätten sie die Gestalt von Hunden. Auch die biblische Aufklärung entlarvt diese Schwäche des Religiösen und geht einen anderen Weg.

Das Bild von Christus als König ist deswegen nicht als religiöse Spiegelung menschlicher Vorstellungen zu sehen. Im Gegensatz zu einem weltlichen König sitzt Jesus auf keinem Thron und regiert kein Staatswesen. Die Krönung seines Lebens ist es, den unteren Weg zu gehen. Bis heute ist er deswegen als Gekreuzigter dargestellt. In der Widersprüchlichkeit von Kreuz und Thron zeigt die Bibel ein Ebenbild des Unsichtbaren in dieser Welt. Es kann von allen, die es anschauen, nachgeahmt werden. ruk

Kol 1,12-20

Dankt dem Vater mit Freude! Er hat euch fähig gemacht, Anteil zu haben am Los der Heiligen, die im Licht sind. Er hat uns der Macht der Finsternis entrissen und aufgenommen in das Reich seines geliebten Sohnes. Durch ihn haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden. Er ist Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin erschaffen. Er ist vor aller Schöpfung und in ihm hat alles Bestand. Er ist das Haupt, der Leib aber ist die Kirche. Er ist der Ursprung, der Erstgeborene der Toten; so hat er in allem den Vorrang. Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen, um durch ihn alles auf ihn hin zu versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen, der Frieden gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut.

»…Eine entscheidende Wende im jüdisch-katholischen Dialog«

Dieser Satz steht auf der Banderole des Buches „Ebrei e Cristiani“, denn der Beitrag von Papst em. Benedikt in der Zeitschrift Communio im vergange­nen Jahr hat das jüdisch-christliche Gespräch unerwartet beflügelt.

Die Präsentation des Buches erfolgte bei einem Evento am 16. Mai 2019, ausgerichtet vom Lehrstuhl für die „Theologie des Volkes Gottes“, an der Päpstlichen Lateran-Universität in Rom. Es sprachen Rabbiner Arie Folger, Erzbischof Georg Gänswein, der Präfekt des Päpstlichen Hauses und Sekretär von Benedikt XVI., und Elio Guerriero, der Herausgeber des Buches.

Theologica Nr. 7 macht die Vorträge der Begegnung zugänglich, jetzt auch in Englisch und in Italienisch erhältlich.

Näheres zum Inhalt und Hinweise zur Bestellung finden Sie hier.

In Gemeinschaft leben – Briefe an das Oratorium

von J. H. Newman

Überlegen wir, was das Wort „Gemeinschaft“ impliziert. In Gemeinschaft leben heißt nicht einfach, sich in einem Haus befinden. Denn dann würden ja die Gäste in einem Hotel eine Gemeinschaft bilden.

Auch bedeutet es nicht, gemeinsame Verpflegung und Unterkunft zu haben. Sonst wäre eine Pension auch eine Gemeinschaft. Priester, die in einem Priesterhaus oder Pfarrhaus leben und alle ihr eigenes Zimmer haben, wohl einen gemeinsamen Tisch und gemeinsame Pflichten in Kirche und Pfarrei, leben deshalb noch nicht in Gemeinschaft. In Gemeinschaft leben heißt einen Leib bilden, und zwar so, dass man als einer handelt und als einer behandelt wird. Ein Oratorium (Name der Gemeinschaft, über die Newman nachdenkt) ist ein Einzelwesen (individuality). Es hat einen Willen und ein Handeln, und in diesem Sinn ist es eine Gemeinschaft. Aber es ist klar, dass eine solche Gemeinschaft des Wollens, Denkens, Meinens und Verhaltens nur zustande kommen kann durch beträchtliche Zugeständnisse an eigenem Urteil von seiten jedes einzelnen der so Verbundenen. Es ist mithin keine Übereinstimmung des Zufalls oder der Natur, sondern eine des übernatürlichen Zieles.
Es ist nicht jedermanns Gabe, mit anderen zusammenzuleben. Nicht jede heiligmäßige Seele und nicht jeder gute Weltpriester kann in Gemeinschaft leben. Vielleicht können dies nur sehr wenige Menschen.

 

Aus: John Henry Kardinal Newman, Briefe an das Oratorium über die Berufung zum Oratorium des hl. Philipp Neri (1856)

Bildverlust und Beschreibungslust

von L. Weimer

Platons Höhlengleichnis kritisierte die Verwechslung der Dinge, die unsere Sinne wahrnehmen, mit der Wirklichkeit: Wir seien in unserer Höhle gefesselt und sähen nicht das echte Leben, sondern nur dessen Schatten an der Wand.

Peter Handke bemerkte das Rätsel so: „Für viele heißt nur das Wirklichkeit, was nicht in Ordnung ist“ (Das Gewicht der Welt, Journal 1977). Er beschrieb unablässig den universalen Bildverlust, den modernen: das Vergessen und Vertauschen der Maßstäbe, Überflutung statt Anschauen. Die Dinge und Traditionen sprächen dadurch nicht mehr. Ihm ging es um eine Rettung und er nannte sie in „Der Bildverlust“ eine „Weltbestandsschleppe, über die ganze Erde streifend.“ Die Sprache der Welt-Bilder ist mehr als eine Moralreligion, sie ist die Antwort der Schöpfung auf die Frage, was uns retten kann. „Auch Theologie ist physisch“, sagte Handke einmal in einem Interview.

 

Aus: https://zettelsraum.blogspot.com/2019/10/peter-handkes-beschreibungslust.html

Cave canem – Vorsicht bissig!

Die unverzichtbare Wachheit vor dem Feind, die sich in der katholischen Kirche konsequent auch nach Innen richtet, trifft manchmal die Richtigen falsch und manchmal die Falschen richtig. Der am 13. Oktober 2019 heiliggesprochene John Henry Newman wurde von wohlmeinenden Dienern der katholischen Sache für hoch gefährlich gehalten.

Monsignore Talbot, der Sekretär von Papst Pius IX., warnte Kardinal Manning, den Erzbischof von Westminster, in einem Brief: „Dr. Newman ist der gefährlichste Mann in England.“ Vielleicht hat Talbot noch mehr an Bedrohung gespürt als die geistige Unabhängigkeit Newmans. Die aktuelle Heiligsprechung hat Newman einigermaßen rehabilitiert, doch die Einschätzung des päpstlichen Sekretärs adelt ihn bis heute. Wer Newman ernst nimmt, versteht die Sorge des Sekretärs, wenn Newman beispielsweise sagt, dass der Glaube „nicht die Sache der Ordnung sei, sondern die Sache der Unruhe und Störung der Ordnung, wie es war, als Christus kam und die Apostel predigten“. ses

Fragment zur Heiligen Schrift

von P. Handke

Seiner Form, seinem Rhythmus, seinem Tonfall nach: ein Buch aus der Nacht der Zeiten. Das trifft zu, und zugleich kann der Leser unserer Tage, der von heute, in der Bibel, Buch für Buch, seine eigene Geschichte lesen, wie in keinem anderen Buch:

er kann sie da entdecken, dann sie verstehen, dann sich ihr stellen. Der Leser ist der tragikomische Held aller der biblischen Geschichten; nicht bloß der Geschichten, sondern auch der Liebesgedichte, wie im Hohenlied, und der Hilferufe, wie immer wieder in den Psalmen. Du, Leser, hast den ersten Farbenaugenblick gelebt in Eden, und du wirst jene schwarzen und schwärzeren letzten Momente erleben, dein Mund voll Essig (und Ärgerem), wo du aufschreien wirst mit der Frage, warum dein sozusagen allmächtiger Vater dich verlassen hat. Deswegen ist die Bibel für den Leser ein entsetzliches, gefährliches Buch: er ist gezwungen, zu sehen, wie es, in der Tiefe, mit ihm steht, dem Sterblichen. Verlorener Sohn, der sich in Sicherheit fühlt, weil ihm der Vater für einmal verziehen hat – ihm sogar ein Fest bereitet hat. Aber danach, auf dem Kreuz, wo ist er, mein Vater und sein versprochenes Fest? Die Bibel kann in ihrem Leser das äußerste Grauen erwecken: ah, dieser Verrückte, der sich für Gott hält, unsterblich; dieser Wehleidige, welcher in den Bedrängnissen sich vor seinen Widersachern brüstet mit der Allmacht seines Vaters, und dass der ihm gleich zu Hilfe kommen wird; dieser sogenannte Gottessohn, der krepiert unter Geheul wie ein herrenloser Hund – das alles, das bin ich selber, ich, der das liest. Du, der heutigen Tages die Bibel liest: Achtung, Todesgefahr! Oder Lebensgefahr? Beseelende Gefahr? Begeisternde Gefahr, seit jener Nacht der Zeiten? Heilsame Gefahr? Heilsgefahr?

 

Aus: Peter Handke, Langsam im Schatten (1992)

Prosaisches Priestertum

von L. Baeck

Gedankenlosigkeit ist die eigentliche Gottlosigkeit, die Heimatlosigkeit der Seele. Vor ihr, vor dieser Geheimnislosigkeit und Gebotlosigkeit, will das Gesetz bewahren; es will aller Oberfläche immer wieder ihr Symbolisches, aller Prosa ihr Gleichnis geben. Jeder Mensch soll zum Priester seines Lebens gemacht werden.

Daher die Fülle dieser Bräuche, dieser Einrichtungen und Ordnungen, von denen alles umgezogen wird, „wenn du in deinem Hause sitzest und wenn du auf deinem Wege gehest, wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst“, bis hin zu der weiten Prosa des Essens und Trinkens. Im Judentum ist der Versuch gemacht worden, dem Leben seinen Stil dadurch zu schaffen, dass die Religion in jeden Alltag und in den ganzen Alltag hineingestellt wird. Alles erhält sein Gottesdienstliches.

 

Aus: Leo Baeck, Geheimnis und Gebot, in: Der Leuchter – Weltanschauung und Lebensgestaltung (1921/1922)

485 Jahre nach dem Brexit

Es ist eine makrohistorische Sensation, dass nach knapp einem halben Jahrtausend der Trennung Englands von der römischen Kirche ein Thronfolger des englischen Königshauses, Prinz Charles, die katholische Heiligsprechung seines Landmanns in Rom ehrt: John Henry Newman.

Immerhin ist Newman seit einem halben Jahrtausend der erste Heilige Englands, der nicht auch das Martyrium erlitten hat. Und zum Martyrium katholischer Heiliger hat das englische Königshaus über die Jahrhunderte keinen unerheblichen Beitrag geleistet.

Im Hinblick auf die Wiederannäherung der Insel an den Kontinent ist die Kirchengeschichte der politischen ein halbes Jahrtausend-Stückchen voraus, wie schon in der Geschichte der Trennung. ses

Kardinalfrage

von J. H. Newman

Es gibt keine Zeit, in welcher die Kirche so viele unwahre Glieder hatte, d. h. so viele Menschen, die sich als ihre Glieder erklären, wiewohl sie doch wenig oder nichts über den wirklichen Sinn dieser Gliedschaft kennen, und innerhalb ihrer Mauern bleiben, aus Gründen, die weder religiös noch richtig sind.

Um eine hierhergehörige Frage zu stellen: Was meint ihr, wie viele Verteidiger von Christi heiliger Kirche unter uns übrigbleiben, wenn es sich herausstellte, dass ihre Sache nicht die Sache der Ordnung sei, wie es heute der Fall ist, sondern die Sache der Unruhe und Störung der Ordnung, wie es war, als Christus kam und die Apostel predigten?

 

Aus: Kardinal John Henry Newman, Predigt in St. Mary in Oxford (31. Mai 1840)

Wenn der Mensch über seinen Tag hinausblickt ...

von L. Baeck

In zwiefacher seelischer Erfahrung wird dem Menschen der Sinn seines Lebens lebendig, in der Erfahrung vom Geheimnis und in der vom Gebot. Man kann sie auch nennen das Wissen um das, was wirklich ist, und um das, was verwirklicht werden soll.

Wenn der Mensch zu seinem Leben hingelangen will, wenn er nach der Bedeutung seines und alles Lebens hinhorcht, wenn unter der Oberfläche das Wirkliche ihm nahetritt, so erlebt er immer das Geheimnis; er erfährt, dass er geworden ist, er erfährt, um das Verborgene und das Bergende seines Daseins, um das, was ihn und alles umfasst und umfängt, er erfährt, mit dem alten Gleichnis im „Segen des Moses“ zu sprechen, um „die Arme der Ewigkeit“. Und wenn der Mensch über den Tag hinausblickt, wenn er seinem Leben eine Richtung geben, es zu einem Ziele hinführen will, wenn er so das bestimmende, das Deutliche seines Lebens erfasst, so wird es immer zum Gebote, zur Aufgabe, zu dem, was er verwirklichen soll. Der Grund des Lebens ist das Lebensgeheimnis, der Weg des Lebens ist das Lebensoffenbare.

 

Aus: Leo Baeck, Geheimnis und Gebot, in: Der Leuchter – Weltanschauung und Lebensgestaltung (1921/1922)

Von Worten und Christen

von G. Krasnitzky

Ein Hirtenbrief mag voller Wahrheit sein, eine Predigt erträglich. Letzten Endes beeindruckt das niemanden. Und wenn die Christen selbst die Weisheit des lieben Gottes besäßen, keinen Hund könnten sie damit hinter dem Ofen hervorlocken, wenn das, was sie sagen, nicht auch zu sehen ist.

Darum ist das Schlimmste, was der Kirche widerfahren kann, nicht nur eine Irrlehre, sondern das Fehlen des evangeliumsgemäßen Lebens. Die schlimmste Ketzerei ist es zu behaupten, die Wahrheit zu kennen, aber sie dann nicht zu tun. Was soll man von einer solchen Wahrheit halten, die es nur in Büchern gibt?

 

Günther Krasnitzky (1939–1987), zitiert in: Gerhard Lohfink, Rudolf Pesch, Ludwig Weimer (Hrsg.), Die Feier des Sonntags A

Euthanasie

Das süße Gift der NS-Ideologie vom lebensunwerten Leben durchzieht wieder die ethischen Diskurse. Und es verschont auch die frommen Kreise nicht. Sofern sie vom Christentum vor allem verstanden haben, dass es um die ganz persönliche ewige Seelen-Wellness geht, hat das Leben ein Wohlfühlbad zu sein.

Da kommt die alte pagane Einflüsterung recht, dass man auch jederzeit den Stöpsel ziehen kann, bevor man zu frösteln beginnt. Unser liberales Nachbarland Holland spiegelt die selbstverständlich gewordene Kultur des schönen Todes ungeschminkt wider. Das deutsche Ärzteblatt berichtet davon, dass man sich im Parlament der Niederlande Sorgen um einen leichten Rückgang der Euthanasiezahlen im Jahr 2018 machte. Die Zahlen der staatlichen „Regionalen Toetsingscommissies Euthanasie“ hatten gezeigt, dass 2018 erstmals seit 2006 ein Rückgang auf nur noch 6.126 getötete Menschen zu verzeichnen sei. Das sind immerhin 17 pro Tag. Holländische Medien vermuten, dass Ärzte offenbar öfter Anfragen von Personen mit Tötungswunsch ablehnen, nachdem zum ersten Mal ein Arzt deswegen strafrechtlich belangt wurde. Doch der Vorsitzende der staatlichen Kommission beruhigt: Er sehe keine Gefahr für einen Gesinnungswandel bei niederländischen Ärzten. Denn immerhin sei im ersten Quartal 2019 die Zahl der Fälle schon wieder um 9 % über die des ersten Quartals 2018 gestiegen. Sein Eindruck sei daher, die Sterbehilfe werde „ordnungsgemäß durchgeführt“. Beunruhigt war und ist offenbar auch niemand darüber, dass laut offizieller Statistik bereits im Jahr 2015 viele hundert, nämlich genau 431 demente Personen ohne ausdrücklichen Tötungswunsch getötet wurden. Dem offenen Umgang mit dem Thema in Holland verdanken wir die genauen Zahlen. Die Dunkelziffer ist bei uns sicherlich höher, wenn man bedenkt, wie weit verbreitet die wohlmeinende Ideologie vom nicht mehr lebenswerten Leben ist. anm, ses

Gerhard Szczesny

„... so anders“

Foto: Dr. Gerhard Szczesny (1918–2002) im Juli 1976

 

Mitte der 80er Jahre erschien an einem Wochenende die Süddeutsche Zeitung wegen Streiks nur als Notausgabe. Darin war eine längere Erklärung des Publizisten, bekannten Humanisten und Agnostikers Dr. Gerhard Szczesny zu seinem Austritt aus der SPD abgedruckt, der er lange angehört hatte. Aufgrund der besonderen Umstände fand dieser Schritt wenig Beachtung.
Das war dreißig Jahre vorher ganz anders. 1958­ in der Zeit der Restauration der Adenauer-Ära­ veröffentlichte er eine Streitschrift Die Zukunft des Unglaubens. Zeitgemäße Betrachtungen eines Nichtchristen. Er protestierte gegen die beengende und aufgezwungene Minoritätenrolle der Nichtchristen in einer christlich dominierten Gesellschaft, gegen die Monopol- und Machtansprüche des Christentums auf die Wahrheit: „Es erscheint uns unerträglich, dass sich in einer Zivilisation, die die Heimat wahrer geistiger Freiheit zu sein beansprucht, der Nichtchrist wie ein Dieb in der Nacht verhalten muss“ (Zukunft des Unglaubens). Scharfsichtig diagnostizierte er die unhaltbaren Monopol- und Machtansprüche des Christentums. Er verlor seine Stelle beim Bayrischen Rundfunk. Er begründete 1961 u.a. zusammen mit Fritz Bauer und Alexander Mitscherlich die „Humanistische Union“ und ein Jahr später seinen Verlag „Club Voltaire – Jahrbuch für kritische Aufklärung“. 1968 schrieb er das Vorwort zu Joachim Kahls Das Elend des Christentums oder Plädoyer – eine Humanität ohne Gott.

 

Im selben Jahr 1958, als er seine Position eines post-christlichen Agnostikers öffentlich machte, der auf dem Boden der Errungenschaften der Aufklärung einen Humanismus etablieren wollte, schrieb Joseph Ratzinger in der katholischen Zeitschrift Hochland: „Die Kirche deckt sich seit dem Mittelalter im Abendland mit der Welt“ – ein Zustand, den Sczszeny noch als alles beherrschend vorfand – „Heute ist diese Deckung nur noch Schein, der das wahre Wesen der Kirche und der Welt verdeckt“ (Die neuen Heiden und die Kirche). Diesen Schein kritisierte Szczesny, und darin stimmten sie beide überein. Welche Folgerung zog Joseph Ratzinger aus dieser Analyse? 1968 veröffentlichte er seine Vorlesungsreihe über das Apostolische Glaubensbekenntnis, die er in Tübingen vor Hörern aller Fakultäten gehalten hatte, unter dem Titel Einführung in das Christentum.

 

Anfang der 70er Jahre kam die Integrierte Gemeinde in Kontakt mit Gerhard Szczesny. Er war auf sie von Peter M. Bode hingewiesen worden; der hatte über eine Ausstellung der Gemeinde in München berichtet und am Ende Leute wie Gerhard Szczesny und Heinrich Böll aufgefordert, sich mit diesen offenbar ungewöhnlichen Katholiken auseinander zu setzen. Er nahm an. Nach der ersten Begegnung schrieb er: „Es war das erste Mal, dass ich mich in einer Gemeinschaft von Menschen, die sich ausdrücklich als Christen verstanden wissen wollen, wirklich wohl, d. h. unbefangen und normal gefühlt habe.“ Einmal bemerkte er: „Ich weiß, wie der Kaffee in kirchlichen Häusern schmeckt – bei euch ist alles so anders.“

 

1977 fassten einige Leute der Gemeinde – es war darunter eine ganze Reihe von Gymnasiallehrern – den Entschluss, ein privates Gymnasium zu eröffnen. Sie suchten Ermutigung, weil das Kultusministerium von der Idee unter den damaligen Bedingungen in München nicht gerade begeistert war. Beide stimmten gerne und aus Überzeugung zu, sich im vorbereitenden Werbeprospekt nebeneinander als Freunde der Integrierten Gemeinde nennen zu lassen. Von diesen beiden so verschiedenen Personen inspiriert, formulierten die Leute der Gemeinde als Leitlinie des Schulprojekts und der Gemeinde: „Zwei Traditionen haben sich in der Integrierten Gemeinde zu einer Lebensform verknüpft, die sich gegenseitig auszuschließen scheinen: die christliche Tradition und die neuzeitliche Religions- und Gesellschaftskritik.“

 

Bei der Trauerfeier für Gerhard Szczesny auf dem Grünwalder Friedhof – die Angehörigen hatten die Gemeinde gebeten sie zu gestalten – sagte Gertraud Wallbrecher: „Gerhard Szczesny war für uns ein Lehrer, weil er uns unaufhaltsam herausgefordert hat, das zu sein, was wir immer sein wollten: eine Gemeinde, die sich so verhält und miteinander umgeht wie diejenigen, die einmal vor 1900 Jahren das Neue Testament geschrieben haben.“

 

Interview

Die Katholische Integrierte Gemeinde

Am 27. August 2018 sendete Radio Horeb ein Interview mit Dr. Peter Zitta, Mitglied der Katholischen Integrierten Gemeinde und ihrer Priestergemeinschaft. Das Interview wurde am 7.8.2019 erneut gesendet.

Hören Sie hier zwei Ausschnitte.

Teil I: „Was ist die Katholische Integrierte Gemeinde?“
Teil II: „Was hat Sie an der Integrierten Gemeinde angesprochen?“

Wege aus der Bedrängnis

von S. Almekias-Siegl

Die klassische jüdische Reaktion auf Katastrophen ist Lebenserneuerung. Es gehört zur Wesensart des Volkes Israel, das Andenken an seine Erfolgs- wie seine Leidensgeschichte zu bewahren, um daraus Hoffnung für die Zukunft zu entwickeln.

Man könnte zugespitzt sagen: Israels Zurückdenken bringt es nach vorne. Erinnerung ist der Schlüssel für die Zukunft des Volkes Israel. Wie die Erprobung stattfand, so wird auch die Erlösung geschehen. Die vergangenen Katastrophen haben die jüdische Gemeinschaft zweifellos niedergeschmettert, aber auf paradoxe Weise auch gestärkt. Diese innere jüdische Bewegung und Dynamik bringt eine russische Volkserzählung gut zum Ausdruck:

Als Napoleon bei seinem Feldzug gegen Russland durch ein kleines jüdisches Schtetl zog, äußerte er den Wunsch, die Synagoge von innen zu sehen. Zufällig war dieser Tag der 9. Aw, und die Juden saßen in der Finsternis auf dem Boden, in Wehklagen und Gebet. Als man Napoleon erklärt hatte, dass der Grund ihrer Klage die Verwüstung des Tempels war, fragte er: „Wann ist das passiert?“ „Vor 2000 Jahren“, sagte man ihm. Als er das hörte, erklärte der Kaiser: „Ein Volk, das in der Lage ist, 2000 Jahre lang die Erinnerung an sein Land zu bewahren, wird sicher den Weg zur Heimkehr dorthin finden.“

Aber vergessen wir an dieser Stelle eines nicht: Es handelt sich hierbei um keinen Automatismus. Das Fasten und Gedenken des Vorherigen allein genügt nicht. Denn Hass und Unfrieden haben zum Verlust des Tempels geführt. Das Fasten muss von einem alltäglichen Umgang der Kinder Israels in der Wahrheit und im Frieden miteinander begleitet sein, wenn es denn tatsächlich zu einem Wandel von traurigen zu erneuerten fröhlichen Tagen kommen soll.

 

Aus: Jüdische Allgemeine, 18.07.2019, Artikel von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl

https://www.juedische-allgemeine.de/religion/wege-aus-der-bedraengnis/