„Das Christentum ist jeden Augenblick noch möglich.“ F. Nietzsche

 

 

 

Zeitgeistig – 1930

von K. Tucholsky

Was an der Haltung beider Landeskirchen auffällt, ist ihre heraushängende Zunge. Atemlos jappend laufen sie hinter der Zeit her, auf dass ihnen niemand entwische. „Wir auch, wir auch!“, nicht mehr, wie vor Jahrhunderten: „Wir.“

Sozialismus? Wir auch. Jugendbewegung? Wir auch. Sport? Wir auch. Diese Kirchen schaffen nichts, sie wandeln das von andern Geschaffene, das bei andern Entwickelte in Elemente um, die ihnen nutzbar sein können. Die Kirche hat nachgegeben; sie hat sich nicht gewandelt, sie ist gewandelt worden.

 

Aus: Kurt Tucholsky, Braut- und Sport-Unterricht (1930)

Aus Erfahrung geronnen

von J. Ratzinger

Zum Akt des Glaubens gehört von seiner Grundstruktur her die Einfügung in die Kirche, das Gemeinsame des miteinander Verbindenden und Verbindlichen.

In die Glaubens­gemeinschaft eintreten heißt in die Lebensgemeinschaft eintreten und umgekehrt. Der Realitätsgehalt der Kirche reicht über das literarisch Fixierbare hinaus. Zwar kann, was sie glaubt und lebt, im Buch bezeugt werden und wird es auch. Aber es geht damit nicht im Buch auf, sondern das Buch bleibt selbst nur in seiner Funktion, wenn es auf die Gemeinschaft verweist, in der das Wort seinen Lebensraum hat. Diese Lebensgemeinschaft ist nicht durch historische Auslegung ersetzbar oder überholbar; sie geht in ihrer inneren Rangordnung dem Buch voraus. Das Wort des Glaubens setzt von sich aus die Gemeinschaft voraus, die es lebt, die sich daran bindet und es selbst in seiner Verbindlichkeit für den Menschen festhält. In dem Maß, in dem Offenbarung einen Überhang über Literatur hat, hat sie auch einen Überhang über die Grenze der bloßen Wissenschaftlichkeit der historischen Vernunft hinaus.

 

Aus: Joseph Ratzinger, Theologische Prinzipienlehre (1982)

Das Bauprinzip des himmlischen Jerusalem

26. Mai 2019, Sechster Sonntag der Osterzeit C

Die Stadt aus dem Himmel ist eine Vision der „einen, heiligen, katholischen und apostolischen“ Kirche in ihrer vollendeten Gestalt. Ihre tiefe, unzertrennliche Verwobenheit mit Israel gehört zu ihrem Wesen:

Sie heißt Jerusalem, und die Zwölferzahl erscheint als Prinzip ihres Bauplans. Seltsam ist nur, dass „die Namen der zwölf Stämme der Söhne Israels“ an den Toren, während „die zwölf Namen der zwölf Apostel des Lammes“ auf den Grundsteinen geschrieben stehen. Umgekehrt wäre es vielleicht logischer: Israel als Fundament und darüber die Apostel. Das Bauprinzip der Vision deutet an, dass der Zugang zur Kirche weiterhin und ausschließlich die Geschichte Israels bleibt. tac

Offb 21,10-23

Da entrückte er mich im Geist auf einen großen, hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem, wie sie von Gott her aus dem Himmel herabkam, erfüllt von der Herrlichkeit Gottes. Sie glänzte wie ein kostbarer Edelstein, wie ein kristallklarer Jaspis. Die Stadt hat eine große und hohe Mauer mit zwölf Toren und zwölf Engeln darauf. Auf die Tore sind Namen geschrieben: die Namen der zwölf Stämme der Söhne Israels. Im Osten hat die Stadt drei Tore und im Norden drei Tore und im Süden drei Tore und im Westen drei Tore. Die Mauer der Stadt hat zwölf Grundsteine; auf ihnen stehen die zwölf Namen der zwölf Apostel des Lammes. Und der Engel, der zu mir sprach, hatte einen goldenen Messstab, um die Stadt, ihre Tore und ihre Mauer zu messen. Die Stadt war viereckig angelegt und ebenso lang wie breit. Er maß die Stadt mit dem Messstab; ihre Länge, Breite und Höhe sind gleich: zwölftausend Stadien. Und er maß ihre Mauer; sie ist hundertvierundvierzig Ellen hoch nach Menschenmaß, das der Engel benutzt hatte. Ihre Mauer ist aus Jaspis gebaut und die Stadt ist aus reinem Gold, wie aus reinem Glas. Die Grundsteine der Stadtmauer sind mit edlen Steinen aller Art geschmückt; der erste Grundstein ist ein Jaspis, der zweite ein Saphir, der dritte ein Chalzedon, der vierte ein Smaragd, der fünfte ein Sardonyx, der sechste ein Sardion, der siebte ein Chrysolith, der achte ein Beryll, der neunte ein Topas, der zehnte ein Chrysopras, der elfte ein Hyazinth, der zwölfte ein Amethyst. Die zwölf Tore sind zwölf Perlen; jedes der Tore besteht aus einer einzigen Perle. Die Straße der Stadt ist aus reinem Gold, wie aus klarem Glas. Einen Tempel sah ich nicht in der Stadt. Denn der Herr, ihr Gott, der Herrscher über die ganze Schöpfung, ist ihr Tempel, er und das Lamm. Die Stadt braucht weder Sonne noch Mond, die ihr leuchten. Denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie und ihre Leuchte ist das Lamm.

Anfangen

von Papst Franziskus

Papst Franziskus warnte vor der Versuchung, die Kirche „aufräumen“ zu wollen. „Das würde bedeuten, die Dinge zu zähmen, die Jugendlichen zu zähmen, das Herz der Menschen zu zähmen“.

Es gehe heute nicht darum, „aufzuräumen“, sagte der Papst. „Wir sind heute dazu gerufen, das Ungleichgewicht zu ertragen. Wir können nichts Gutes, Evangeliengemäßes tun, wenn wir Angst vor dem Ungleichgewicht haben.“ Das Evangelium selbst sei „eine unausgeglichene Lehre“, so der Papst: „Nehmt nur die Seligpreisungen her, sie verdienen den Nobelpreis für Unausgeglichenheit“.

Franziskus verdeutlichte seinen Gedankengang am Beispiel eines hoch funktionell ausgestatteten Bistums, in dem geordnet in Büros viele Spezialisten an Problemen arbeiteten. Die betreffende Diözese, Franziskus nannte ihren Namen nicht, habe „mehr Angestellte als der Vatikan“, aber sie entferne sich „jeden Tag weiter von Jesus Christus, weil sie die Harmonie zum Kult erhebt, die Harmonie der funktionalistischen Weltlichkeit. Wir sind in diesen Fällen in die Diktatur des Funktionalismus gefallen“. Das Problem dabei ist aus der Sicht des Papstes, dass das Evangelium dabei „zur Weisheit, zur Lehre“ werde, aber nicht zur Verkündigung. Eine Abkehr von der Verkündigung zeige sich auch im Erfinden von „Synoden und Gegensynoden“, das seien Versuche, Dinge „aufzuräumen“. Bei wirklichen Synoden brauche es den Heiligen Geist. „Der Heilige Geist gibt dem Tisch einen Fußtritt, wirft ihn um und fängt von vorne an.“

Franziskus rief die Priester, Ordensleute und Laien auch zum Überwinden von Eigeninteressen auf. Der gute Hirte im Evangelium, der das eine verlorene Schaf sucht, habe nur ein einziges Interesse: dass keines verloren geht. „Wir sind oft besessen vom Gedanken an die wenigen Schafe, die noch im Gehege sind. Und viele geben es auf, Hirten für Schafe zu sein, und werden Friseure exquisiter Schafe.“

 

Aus den Worten von Papst Franziskus an Priester, Ordensleute und Laien des Bistums Rom, am 9. Mai 2019 in der Lateranbasilika (Vatican News)

 

 

Neuheit – Altheit

19. Mai 2019, Fünfter Sonntag der Osterzeit C

Von dem Kirchenvater Irenäus von Lyon aus dem 2. Jahrhundert ist das Wort überliefert: „Christus brachte alle Neuheit.“

Besieht man daraufhin die Texte des heutigen Sonntags, begegnet der Gedanke des Neuen gleich dreimal. In der 2. Lesung aus der Apokalypse: „Neu mache ich alles.“ Im Evangelium: „Ein neues Gebot gebe ich euch.“ Und dann im Schlussgebet als Bitte: „Mache, dass dein Volk zur Neuheit des Lebens übergehe (transire) aus der vetustas (oldness)“ – ein adäquates Wort für vetustas gibt es im Deutschen nicht. Vor achtzig Jahren präsentierte Karl Prümm seine Beobachtungen zum frühen Christentum in der antiken Welt unter dem Titel „Christentum als Neuheitserlebnis“: Erst diese Neuheit ließ alles Bisherige, Sonstige alt aussehen. Das Problem ist: Wenn diese Neuheit kraftlos und unansehnlich wird, verschwindet das Andere nicht, nur heißt es jetzt Normalität. Der Transit von A nach B ist keine Autobahn, sondern ein schmaler Pfad, immerhin staufrei. ars

Offb 21,1-5a

Ich, Johannes, sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr. Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu.

Zur Ökologie des Menschen

von Benedikt XVI.

Die Bedeutung der Ökologie ist inzwischen unbestritten. Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten.

Ich möchte aber nachdrücklich einen Punkt noch ansprechen, der nach wie vor weitgehend ausgeklammert wird: Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muß und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.

 

Aus der Rede von Papst Benedikt XVI. am 22. September 2011 im Deutschen Bundestag in Berlin; den vollen Wortlaut der Rede finden Sie hier.

Der Auftrag

12. Mai 2019, Vierter Sonntag der Osterzeit C

Im Jahr 47 machen sich Paulus, Barnabas und weitere Begleiter zu einer Reise auf, die sie in die jüdischen Gemeinden Zyperns und Kleinasiens führt und ein ganzes Jahr dauert.

In Antiochien in Pisidien, einer aufstrebenden römischen Veteranenkolonie, erzählen sie während des Sabbatgottesdienstes in der Synagoge die Geschichte Jesu. In deren Licht deuten sie die gesamte jüdische Geschichte. Das weckt Interesse und Begeisterung. Am darauffolgenden Sabbat, an dem es innerhalb der Synagoge zur Auseinandersetzung um diese Deutung kommt, fällt das Wort: „... dann wenden wir uns jetzt an die Heiden.“ Paulus zieht aus der Ablehnung in Antiochien also eine weitreichende Konsequenz. Aber er verlässt das Judentum nicht. So argumentiert er mit zwei Worten des Propheten Jesaja, die er nach Art eines Rabbi kombiniert: „Ich habe dich zum Licht für die Völker gemacht.“ Und: „Bis an das Ende der Erde sollst du das Heil sein.“ Er schafft keine neue Religionsgemeinschaft, sondern will den Auftrag, den Israel für die Welt hat, verwirklichen. Und er nimmt einfach, wie schon Jesus, diejenigen, die sich dafür gewinnen lassen. Uns als Heiden zum Glück. acb

Apg 13,14.43b-52

Sie selbst wanderten von Perge weiter und kamen nach Antiochia in Pisidien. Dort gingen sie am Sabbat in die Synagoge und setzten sich. Es schlossen sich viele Juden und fromme Proselyten Paulus und Barnabas an. Diese redeten mit ihnen und ermahnten sie, der Gnade Gottes treu zu bleiben.

Am folgenden Sabbat versammelte sich fast die ganze Stadt, um das Wort des Herrn zu hören. Als die Juden die Scharen sahen, wurden sie eifersüchtig, widersprachen den Worten des Paulus und stießen Lästerungen aus. Paulus und Barnabas aber erklärten freimütig: Euch musste das Wort Gottes zuerst verkündet werden. Da ihr es aber zurückstoßt und euch des ewigen Lebens unwürdig zeigt, wenden wir uns jetzt an die Heiden. Denn so hat uns der Herr aufgetragen: Ich habe dich zum Licht für die Völker gemacht, bis an das Ende der Erde sollst du das Heil sein. Als die Heiden das hörten, freuten sie sich und priesen das Wort des Herrn; und alle wurden gläubig, die für das ewige Leben bestimmt waren.

Das Wort des Herrn aber verbreitete sich in der ganzen Gegend. Die Juden jedoch hetzten die vornehmen gottesfürchtigen Frauen und die Ersten der Stadt auf, veranlassten eine Verfolgung gegen Paulus und Barnabas und vertrieben sie aus ihrem Gebiet. Diese aber schüttelten gegen sie den Staub von ihren Füßen und zogen nach Ikonion. Und die Jünger waren voll Freude und erfüllt vom Heiligen Geist.

Ein Kommentar zur Lage des Christentums in Deutschland

von H. Heine

Das Christentum – und das ist sein schönstes Verdienst – hat jene brutale germanische Kampflust einigermaßen besänftigt, konnte sie jedoch nicht zerstören,

und wenn einst der zähmende Talisman, das Kreuz, zerbricht, dann rasselt wieder empor die Wildheit der alten Kämpfer, die unsinnige Berserkerwut, wovon die nordischen Dichter so viel singen und sagen. Jener Talisman ist morsch, und kommen wird der Tag, wo er kläglich zusammenbricht; die alten steinernen Götter erheben sich dann aus dem verschollenen Schutt, und reiben sich den tausendjährigen Staub aus den Augen, und Thor mit dem Riesenhammer springt endlich empor und zerschlägt die gotischen Dome. … wenn Ihr es einst krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat, so wißt, der deutsche Donner hat endlich sein Ziel erreicht. … Es wird ein Stück aufgeführt werden in Deutschland, wogegen die französische Revolution nur wie eine harmlose Idylle erscheinen möchte.

 

Aus: Heinrich Heine, Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland (1835)

Zeitnot in Hülle und Fülle

In einer entwicklungsgeschichtlich lächerlich kurzen aber hoch dynamischen Zeitspanne von nicht einmal zehn Generationen ist es uns gelungen, unsere Lebenszeit nahezu zu verdoppeln und die Arbeitszeit weit unter ein Viertel zu drücken.

Trotzdem steigt die Zahl der Zeitgenossen in Zeitnot. Vielleicht liegt es daran, dass wir im Dienst an gesteigerter Effizienz unsere freie Zeit je mit höchsten Ansprüchen in alle Richtungen fragmentiert haben in Zeit für die Familie, für Freunde, für Bildung, für Gesundheit, Kultur, Sport und vieles mehr. Von einem offenbar wirklich viel zu viel beschäftigten Menschen hörte ich, sein Coach habe ihm einen genialen Tipp gegeben und es gehe ihm viel besser, seit er „das konsequent durchzieht: jeden siebten Tag Pause!“ ses

Die Worte

 

Die Worte

wurden wegen Betrugs angeklagt

 

Eine geringe Anzahl

erhielt untergeordnete Anstellungen

als Zuträger und Laufburschen

 

„ab heute

muss es im Leben geschehen“

 

Hedvig Fornander

Vom irdischen Schoß Christi

von J. Roth

Also begann ich, die Juden zu besuchen. Und ich sah vor allem, dass man sie deshalb als ein ganz besonderes Volk betrachtete, weil in ihrem Schoß zuerst der Gedanke geboren ward, dass die Völker der Erde, der ganzen Erde, gleiche Kinder Gottes seien.

Eben weil sie zuerst gesagt hatten, alle Menschen aller Völker seien die gleichen Kinder Gottes, sagte man jetzt, sie, die Juden, hielten sich für besondere Kinder Gottes. Denn also ist es in dieser Welt, in der der Antichrist vorläufig herrscht: dass die Menschen, die da sagen, sie wollten das Gute, des Schlechten bezichtigt werden. Die alten Juden sagten, sie seien das von Gott auserwählte Volk. Aber zu welchem Zweck sagten sie es? Zu dem Zweck, den Erlöser zu gebären, den Jesus Christus. Der Hochmut der Juden war also in Wahrheit eine Demut. Sie waren nicht nur in der Tat auserwählt, weil – wie wir ja wissen – aus dem Schoße der Juden der Erlöser der Welt kam, sondern auch, weil sie den einzigen Sohn der Menschen hervorgebracht haben, auf den stolz zu sein kein Hochmut ist. Sie gebaren nicht nur den Erlöser: sie leugneten ihn auch. Sie waren wirklich das auserwählte Volk Gottes. Sie sind doppelt auserwählt: und zwar nicht nur deshalb, weil sie ihre Herzen verstockten. Sie sind also, die Juden, doppelt auserwählt: erstens, weil sie Jesus Christus hervorgebracht haben; zweitens, weil sie ihn verleugnet haben. Durch ihre Tugend wie durch ihre Sünde haben sie die Erlösung der Welt vorbereitet. Deshalb ist, wer an Jesus Christus glaubt und die Juden, seinen irdischen Schoss, hasst, verachtet oder auch nur geringschätzt, der Bruder des Antichrist. Die Heiden ehren selbst noch alle jene Orte, an denen sich ihre Heiligen und Propheten in ihren menschlichen Schwächen gezeigt haben. Wer über die Juden gering denkt, der denkt auch über Jesus Christus gering. Wer ein Christ ist, der achtet die Juden. Wenn nämlich die Juden auserwählt waren, den irdischen Tod Jesu Christi herbeizuführen, so haben sie dadurch den Bund Gottes mit Abraham bestätigt, den Bund, mit dem die Erlösung dieser Welt begonnen hatte. Und wenn Gott die Juden auserwählt hat, Jesum Christum nicht nur hervorzubringen, sondern auch ihn zu verleugnen, so geschah es deshalb; weil Er selbst die Kinder Israels mit Blindheit schlug. Und Er selbst ist es auch, der sie ferner schlagen darf, Er allein. Wer die Juden hasst, ist ein Heide und kein Christ. Wer überhaupt hassen kann, und sei es, wen immer, ist ein Heide und nicht ein Christ. Und wer glaubt, er sei nur deshalb ein Christ, weil er nicht ein Jude sei, der ist doppelt und dreifach ein Heide. Ausgestoßen sei er aus der Gemeinschaft der Christen! Und stößt ihn die Kirche nicht aus, so stößt Gott selbst ihn aus.

 

Aus: Joseph Roth, Der Antichrist (1934) 

Zum Leben in Gemeinschaft

 

Der Apfelbaum wills dem Birnbaum abgucken

 

die Kartoffelstaude schielt auf die Wassermelone

 

aber was machen wir mit einer Melonenschwemme?

 

verdankt doch unsere Küche ihren Ruhm

unseren schmackhaften Kartoffelgerichten.

 

Hedvig Fornander

Fragment zur Heiligen Schrift

von P. Handke

Seiner Form, seinem Rhythmus, seinem Tonfall nach: ein Buch aus der Nacht der Zeiten. Das trifft zu, und zugleich kann der Leser unserer Tage, der von heute, in der Bibel, Buch für Buch, seine eigene Geschichte lesen, wie in keinem anderen Buch:

er kann sie da entdecken, dann sie verstehen, dann sich ihr stellen. Der Leser ist der tragikomische Held aller der biblischen Geschichten; nicht bloß der Geschichten, sondern auch der Liebesgedichte, wie im Hohenlied, und der Hilferufe, wie immer wieder in den Psalmen. Du, Leser, hast den ersten Farbenaugenblick gelebt in Eden, und du wirst jene schwarzen und schwärzeren letzten Momente erleben, dein Mund voll Essig (und Ärgerem), wo du aufschreien wirst mit der Frage, warum dein sozusagen allmächtiger Vater dich verlassen hat. Deswegen ist die Bibel für den Leser ein entsetzliches, gefährliches Buch: er ist gezwungen, zu sehen, wie es, in der Tiefe, mit ihm steht, dem Sterblichen. Verlorener Sohn, der sich in Sicherheit fühlt, weil ihm der Vater für einmal verziehen hat – ihm sogar ein Fest bereitet hat. Aber danach, auf dem Kreuz, wo ist er, mein Vater und sein versprochenes Fest? Die Bibel kann in ihrem Leser das äußerste Grauen erwecken: ah, dieser Verrückte, der sich für Gott hält, unsterblich; dieser Wehleidige, welcher in den Bedrängnissen sich vor seinen Widersachern brüstet mit der Allmacht seines Vaters, und dass der ihm gleich zu Hilfe kommen wird; dieser sogenannte Gottessohn, der krepiert unter Geheul wie ein herrenloser Hund – das alles, das bin ich selber, ich, der das liest. Du, der heutigen Tages die Bibel liest: Achtung, Todesgefahr! Oder Lebensgefahr? Beseelende Gefahr? Begeisternde Gefahr, seit jener Nacht der Zeiten? Heilsame Gefahr? Heilsgefahr?

 

Aus: Peter Handke, Langsam im Schatten (1992)

Chaim Seeligmann

„Freie Antwort auf gegebene Situationen“

Foto: Dr. Chaim Seeligmann (1912–2009) im Kibbuz Givat Brenner (1987)

 

Das offenbare Zerbrechen des sozialistischen Modells in der Sowjetunion reflektierte der Zeithistoriker und Hitler-Biograph Joachim Fest (1926–2006) als Der zerstörte Traum. Vom Ende des utopischen Zeitalters, zugespitzt in der Aussage, „dass ein Leben ohne Utopie zum Preis der Modernität gehört“. Zum 90. Geburtstag von Chaim Seeligmann erschienen seine autobiographischen und kibbuzgeschichtlichen Notizen unter dem Titel Es war nicht nur ein Traum. War er einer der letzten Utopisten?

 

Als er 2009 in seinem Kibbuz Givat Brenner starb, wurde sein Tod von der deutschen Presse nicht wahrgenommen. Zum ersten Todestag widmete ihm haGalil.com. Jüdisches Leben online einen Nachruf: und schilderte seine ungewöhnliche ‚Karriere‘ vom reichen Sohn zum Kibbuznik: 1912 in Karlsruhe als Heinz Alfred geboren, Sohn einer assimilierten Bankiersfamilie, schloss er sich als 15-jähriger Gymnasiast der zionistisch orientierten Jugendbewegung Kadima an. Mit 23 Jahren verließ er Nazi-Deutschland und fuhr mit einem Schiff namens Galiläa nach Palästina, wo er sich dem Kibbuz Givat Brenner anschloss. Seine Eltern hat er nie wiedergesehen.

 

Was hat ihn veranlasst, „alles zu verkaufen und zu verlassen“, seine Bücher, sein Eigentum, seine persönlichen Lebensträume? Manès Sperber (1905–1984), sein jüdischer Zeitgenosse, hat es einmal so gesagt: „Ich bin nie einer Idee begegnet, die mich so überwältigt hat und die Wahl meines Weges so beeinflusst hat wie der Idee, dass diese Welt nicht so bleiben kann, wie sie ist, dass sie ganz anders werden kann und es werden wird.“ Das war auch die alles bestimmende Idee für Chaim Seeligmann. Den Realisierungsort fand er im Kibbuz, nach Sperber „die einzige Gemeinschaftsform, die in diesem Jahrhundert des pseudo-kommunistischen Despotismus die Idee des Sozialismus mit der Praxis der Lebensgemeinschaft vereint hat. Der Kibbuz erbringt den klaren Beweis, dass man, ohne an Gott und an den von ihm gesandten Messias zu glauben, gemäß den fundamentalen Lebensregeln des prophetischen Judentums sich zu einem dauernden Bunde vereinigen kann, in dem niemand ein Objekt der anderen ist, sondern stets der Gefährte aller bleibt“ (Mein Jude-Sein 42.44).

Er nahm wie alle askenasischen und sephardischen Juden, die ins Land kamen, einen neuen Namen an: Chaim. Das kennen wir auch. Wenn ein Kardinal Papst wird, heißt er Johannes XXIII. Wenn einer ins Kloster geht, hört er auf Bruder Rafael oder Schwester Marta. Änderte er seine Identität? Er erklärte sich bereit, eine Aufgabe zu übernehmen. Chaim Seeligmann verstand sich wie die meisten Zionisten als säkular. Dabei ist er ganz nahe bei dem Selbstverständnis orthodoxer Rabbiner, die erst jüngst den überkommenen Auftrag Gottes an Israel darin sehen, eine gerechte Gesellschaft aufzubauen mit den Worten von Emmanuel Levinas: „das Land zu heiligen“.

 

Im Jahr 1985 kam er in Kontakt mit der Katholischen Integriertenn Gemeinde und es entwickelte sich eine respektvolle Freundschaft. Von der für beide Seiten unerwarteten Begegnung und wachsenden Verbindung nur zwei Details:

Einmal formulierte er vor Jugendlichen aus der KIG: „Ich kann ganze Kompendien voll Ideen verfassen, so viel Sie wollen. Von Hegel und von Schopenhauer, von Nietzsche und von Marx und auch von unseren jüdischen Denkern. Aber die Frage ist: Wie und in welcher Weise kann man gewisse Ideen verwirklichen und ihnen Gestalt geben? Das ist nicht einfach, es hängt von Menschen ab, die bereit sind, sich mit einer bestimmten Idee zu identifizieren. Identifizierung ist keine theoretische, sondern eine praktische Sache.“

1993 nahm er an einer Priesterweihe von Gemeindemitgliedern teil, die der damalige Kardinal Joseph Ratzinger in der Basilika in St. Paul vor den Mauern in Rom feierte. Bei der Vorstellung der Kandidaten hörte er sie entsprechend der Weiheliturgie sagen „Adsum“ – „Hier bin ich“. Beim anschließenden Festmahl ergriff er das Wort: „Dies brachte mir die Worte Abrahams aus dem 22. Kapitel bereschit (Genesis) – der Opferung seines Sohnes Isaak – in Erinnerung, wo geschrieben ist: Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: ‚Abraham!‘ Er antwortete: ‚Hier bin ich‘. Die Antwort aller, die gemeinsam tun und denken, ist: Hier bin ich – hier sind wir!“

Nach einer Talmud-Tradition sind es sechsunddreißig Gerechte, die die Welt zusammenhalten; vielleicht war er einer von ihnen.

 

Nachruf Chaim Seeligmann: haGalil.com. Jüdisches Leben online