„Das Christentum ist jeden Augenblick noch möglich.“ F. Nietzsche

 

 

 

Synapsen der Geschichte

Zwischen: „Seht ich mache alles neu“ und: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich“ liegt das revolutionäre Potential des Denkens in der Tradition der Schrift.

Ein Taubenschlag des Geistes, in dem sich seit jeher die besten Denker und Gedanken versammelten und in ihrem stummen Gespräch über die Jahrhunderte, im Augenblick ihrer Vergegenwärtigung, die sonst so relevanten Fragen plötzlich verschwanden: wer war orthodox, wer kommunistisch, wer dekonstruktivistisch, wer Künstler, Naturwissenschaftler, Rabbiner, Philosoph, Theologe oder auch nur Journalist.
Dass wir geistige Zwerge sind, ist gar nicht so schlimm, wenn wir uns bewusst werden, auf den Schultern welcher Riesen wir stehen können. ses

„Ich wollte dich nur auf einen anderen Gedanken bringen“ –

30. Juni 2019, 13. Sonntag im Jahreskreis C

Das sagt Merlin in dem gleichnamigen Stück von Tankred Dorst zu König Artus.

Der erweist sich als resistent, aber es gab oft Versuche, die Zeitgenossen auf andere Gedanken zu bringen. So in der Mitte des 19. Jahrhunderts der spätere Kardinal John Henry Newman. Es war die Hochzeit Darwins und der sogenannten Religionsgeschichte, die in der Bibel und im Christentum nichts Eigenes mehr sehen konnten –­ alles sei übernommen aus den Religionen der Umwelt. Dazu Newman, souverän und unängstlich: Es mag ja sein, dass die Engel eine Erfindung Babylons sind, für uns ist nur wichtig, dass sie in Bethlehem gesungen haben.
1905 formulierte der protestantische Exeget Julius von Wellhausen seine Erkenntnis: „Jesus war kein Christ, sondern ein Jude.“ Als hundert Jahre später eine italienische Donna erstmals damit konfrontiert wurden, war ihre spontane Reaktion: Jesus ja, vielleicht – Ma la Madonna no!
Im heutigen Evangelium fordert Jesus einen auf –­ er ist auf dem Weg nach Jerusalem und ahnt wohl, wie das für ihn enden wird –, sich ihm anzuschließen. Der ist bereit, will aber erst noch seinen Pietätspflichten nachkommen und seinen Vater begraben. Was muss er sich anhören? „Lass die Toten ihre Toten begraben.“ Es ist nicht überliefert, wie er sich entschieden hat; wir wissen nur, dass Jesus seinen Weg nach Jerusalem fortsetzte. ars

Lk 9,51-62

Es geschah aber: Als sich die Tage erfüllten, dass er hinweggenommen werden sollte, fasste Jesus den festen Entschluss, nach Jerusalem zu gehen. Und er schickte Boten vor sich her. Diese gingen und kamen in ein Dorf der Samariter und wollten eine Unterkunft für ihn besorgen. Aber man nahm ihn nicht auf, weil er auf dem Weg nach Jerusalem war. Als die Jünger Jakobus und Johannes das sahen, sagten sie: Herr, sollen wir sagen, dass Feuer vom Himmel fällt und sie verzehrt? Da wandte er sich um und wies sie zurecht. Und sie gingen in ein anderes Dorf.

Als sie auf dem Weg weiterzogen, sagte ein Mann zu Jesus: Ich will dir nachfolgen, wohin du auch gehst. Jesus antwortete ihm: Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann. Zu einem anderen sagte er: Folge mir nach! Der erwiderte: Lass mich zuerst weggehen und meinen Vater begraben! Jesus sagte zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes! Wieder ein anderer sagte: Ich will dir nachfolgen, Herr. Zuvor aber lass mich Abschied nehmen von denen, die in meinem Hause sind. Jesus erwiderte ihm: Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.

Warum der Mensch bisweilen in Versuchung gerät

von F. Rosenzweig

Eine rabbinische Legende fabuliert von einem Fluss in fernem Lande, der so fromm sei, dass er am Sabbat sein Fließen einstelle.

Aber Gott tut solche Zeichen nicht. Es graut ihm offenbar vor dem unausbleiblichen Erfolg: dass dann grade die Unfreisten, die Ängstlichen und Kümmerlichen die „Frömmsten“ sein würden. Und Gott will offenbar nur die Freien zu den Seinen. Um so zwischen den Freien und den Knechtseelen zu scheiden, genügt aber kaum die Unsichtbarkeit seines Waltens; denn die Ängstlichen sind ängstlich genug, um im Zweifel sich lieber auf die Seite zu schlagen, zu der zu halten „in jedem Falle“ nicht schadet und möglichweise – mit 50 Prozent Wahrschein­lichkeit – sogar nützt. Gott muss also, um die Geister zu scheiden, nicht bloß nicht nützen, sondern geradezu schaden. Und es bleibt ihm gar nichts übrig: er muss den Menschen versuchen; er muss ihm nicht bloß sein Walten verbergen, nein er muss ihn darüber täuschen; er muss es dem Menschen schwer, ja unmöglich machen, es zu sehen, auf dass dieser Gelegenheit habe, ihm wahrhaft, also in Freiheit, zu glauben und vertrauen. Der Mensch muss also wissen, dass er bisweilen versucht wird um seiner Freiheit willen.

 

Aus: Franz Rosenzweig (1886–1929), Der Stern der Erlösung (1921)

Abraham 2.0

23. Juni 2019, 12. Sonntag im Jahreskreis C

Was der Gemeindegründer und Briefautor Paulus an ein paar christliche Gemeinden in Anatolien schreibt, erzählt nichts weniger als einen Umsturz:

die völlige Überwindung der drei für unüberbrückbar gehaltenen tiefen sozialen Spaltungen der Antike, in Juden und Nichtjuden, Männer und Frauen, freie Menschen und Sklaven. Paulus skizziert dabei keine Utopie. Das neue Miteinander findet nicht irgendwo und irgendwann statt, sondern ist Realität geworden in den Gemeinden der Jünger des Juden Jesus von Nazareth. Es ist heute leicht, das Wort des Paulus multikulturell, gendergerecht oder klassenkämpferisch zu lesen. Aber hier geht es um etwas Anderes. Nicht die strategische Aufhebung der Unterschiede bringt die neue Erfahrung hervor. Vielmehr ist es das „Christus-Gehören“, das Sich-Einklinken in die Geschichte und das Wissen des jüdischen Volkes, das das Gewicht der Differenzen aufhebt und die alten Schranken wegräumt. Es ist ein qualitativer Sprung innerhalb des Volkes, das mit Abraham begann und Gott als Labor für eine neue Gesellschaft dient. acb

Gal 3,26-29

Ihr alle seid durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus. Wenn ihr aber Christus gehört, dann seid ihr Abrahams Nachkommen, Erben gemäß der Verheißung.

Wohnungssuche

16. Juni 2019, Dreifaltigkeitssonntag C

Von der ersten Zeile an entfaltet die Bibel in immer neuen Bildern die Erfahrung, dass der jenseitige Gott unserem Diesseits in schöpferischer Zuneigung verbunden ist.

Das Buch der Sprichwörter findet dafür das Bild der personifizierten Weisheit. Sie ist schon im Anfang bei Gott wie ein Kind, spielt vor ihm und ist seine Freude. Zugleich spielt sie auf der Erde und es ist ihre Freude, bei den Menschen zu sein. So verkörpert die Weisheit das innere Woraufhin der Schöpfung: Gott will bei den Menschen sein, er will eine Geschichte mit ihnen. Darum gibt er von sich, was ihn freut, schenkt Maß und Ordnung, seine Weisheit. Im Lauf dieser Geschichte nimmt dann die ewige Weisheit Gottes, der Logos, bei den Menschen Wohnung, in Nazareth. hak

Spr 8,22-31

Der HERR hat mich geschaffen als Anfang seines Weges, vor seinen Werken in der Urzeit; in frühester Zeit wurde ich gebildet, am Anfang, beim Ursprung der Erde. Als die Urmeere noch nicht waren, wurde ich geboren, als es die Quellen noch nicht gab, die wasserreichen. Ehe die Berge eingesenkt wurden, vor den Hügeln wurde ich geboren. Noch hatte er die Erde nicht gemacht und die Fluren und alle Schollen des Festlands. Als er den Himmel baute, war ich dabei, als er den Erdkreis abmaß über den Wassern, als er droben die Wolken befestigte und Quellen strömen ließ aus dem Urmeer, als er dem Meer sein Gesetz gab und die Wasser nicht seinen Befehl übertreten durften, als er die Fundamente der Erde abmaß, da war ich als geliebtes Kind bei ihm. Ich war seine Freude Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit. Ich spielte auf seinem Erdenrund und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein.

Weckmittel von 1983/84

Ein ‚wanderndes Gottesvolk?‘ – Ja, ein aus der Kirche auswanderndes Volk.

 

Unser Konkordat gibt beiden Seiten die Freiheit: dem Staat die Freiheit,
die Kirche einzuspannen, und der Kirche die Freiheit, vom Evangelium auszuspannen.

 

Die Kirchen werden aus Schwäche eines Tages konfusionieren. Einzige Hoffnung auf die Ökumene.

 

Man schüttelt sich auf die Aufforderung hin „Gebt einander ein Zeichen des Friedens“ gegenseitig freundlich ab.

 

Die Sonntagspredigt ist ein kostenloser Abenteuerurlaub: Wie der durch den Wildbach des Evangeliums steuert, ohne jemanden und sich zu verletzen!

 

Heute fehlen in der Kirche hierzulande von den Wundern der Apostelgeschichte die zwei: wir sind weder einmütig noch freimütig. Hingegen ist ein neues Wunder aufgetreten: Dennoch hat sie überlebt.

 

Tsgna heißt der Gott unserer Zeit. Er verkehrt alles. Deshalb ist sein Name von hinten nach vorn geschrieben.

 

Wer nichts macht, macht auch etwas falsch: alles.

 

Die Aphorismen sind einseitig, übertrieben, und überschlagen das Gute in der Christenheit? Richtig, was sollen sie denn sonst sein als ärgerliche Weckmittel?

luw

Am gleichen Ort

9. Juni 2019, Pfingstsonntag C

In vielen Pfarreien ist es mühsam für Pfingsten einen Chor zusammenzustellen, weil fast alle ins Grüne fahren. Wie anders klingt der Bericht aus der Apostelgeschichte.

Da kommen die Vielen zum Wochenfest nach Jerusalem zusammen. Sie feiern, dass das Volk Israel die „Weisung“ bekommen hat, die Anleitung für ein gutes Leben. Heute können wir staunen, dass es diese Mitte immer noch gibt. Die Freude darüber führt zusammen. Zentripetal statt zentrifugal würde die Physik diese Bewegung nennen. Die Apostelgeschichte nennt den Bezugspunkt „Gottes große Taten“. ruk

Apg 2,1-11

Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. Sie waren fassungslos vor Staunen und sagten: Seht! Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören: Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadokien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Kyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten, Juden und Proselyten, Kreter und Araber - wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden.

Reform und Erneuerung

von W. Dirks

Einer der bezeichnendsten Unterschiede zwischen der echten Erneuerung und dem Reformertum. Der Reformer stellt Forderungen an andere, vor allem an Autoritäten;

man hört aus seinen eifervollen Argumentationen immer leise das Ultimatum heraus: wenn ihr die Kirche nicht endlich nach meinen Vorschlägen in Ordnung bringt, werdet ihr am Ende einmal auf mich verzichten müssen!

Auch die Mahnung dessen, der der Erneuerung dient, kann ernst und beschwörend sein, aber sie richtet sich eigentlich und hauptsächlich an ihn selbst; anderen gegenüber ist sie nicht eine Forderung, sondern ein Appell. Seine Hoffnung geht weder auf die anderen noch auf die eigene Kraft, sondern auf den Geist Gottes, der der Geist der Erneuerung ist. Von ihm erwartet er sie, nicht von den Menschen, ihren Einrichtungen und Methoden; ihm offenzustehen, sieht er als seinen eigentlichen Beitrag an. Ungeduldig harrt und betet er, denn das Himmelreich leidet Gewalt. Aber tiefer als seine Ungeduld ist seine Geduld, da er die Sache Gottes nicht an die eigene Leistung und damit an die eigene Lebensdauer geknüpft sieht.

 

Walter Dirks, Die geistige Aufgabe des deutschen Katholizismus, in: Frankfurter Hefte (Nr. 2, Mai 1946, 1. Jahrgang)

„Ebrei e cristiani“

Begegnung an der Lateran-Universität

Am 16. Mai 2019 stellte der „Lehrstuhl für die Theologie des Volkes Gottes“ an der Päpstlichen Lateran-Universität in Rom vor vielen interessierten Zuhörern die italienische Übersetzung der Korrespondenz zwischen Benedikt XVI. und dem Wiener Oberrabbiner Arie Folger vor.

Die Veranstaltung wurde von Prof. Achim Buckenmaier, dem Direktor des Lehrstuhls, moderiert. Vorgestellt wurde das Buch vom Wiener Oberrabbiner Arie Folger, von Erzbischof Georg Gänswein, dem Präfekten des Päpstlichen Hauses und Sekretär von Benedikt XVI., von Elio Guerriero, dem Herausgeber des Buches, und vom Direktor des L‘Osservatore Romano, Andrea Monda.

Weitere Informationen und Fotos finden Sie auf der Homepage des Lehrstuhls www.popolodidio.org.

Zeitgeistig – 1930

von K. Tucholsky

Was an der Haltung beider Landeskirchen auffällt, ist ihre heraushängende Zunge. Atemlos jappend laufen sie hinter der Zeit her, auf dass ihnen niemand entwische. „Wir auch, wir auch!“, nicht mehr, wie vor Jahrhunderten: „Wir.“

Sozialismus? Wir auch. Jugendbewegung? Wir auch. Sport? Wir auch. Diese Kirchen schaffen nichts, sie wandeln das von andern Geschaffene, das bei andern Entwickelte in Elemente um, die ihnen nutzbar sein können. Die Kirche hat nachgegeben; sie hat sich nicht gewandelt, sie ist gewandelt worden.

 

Aus: Kurt Tucholsky, Braut- und Sport-Unterricht (1930)

Aus Erfahrung geronnen

von J. Ratzinger

Zum Akt des Glaubens gehört von seiner Grundstruktur her die Einfügung in die Kirche, das Gemeinsame des miteinander Verbindenden und Verbindlichen.

In die Glaubens­gemeinschaft eintreten heißt in die Lebensgemeinschaft eintreten und umgekehrt. Der Realitätsgehalt der Kirche reicht über das literarisch Fixierbare hinaus. Zwar kann, was sie glaubt und lebt, im Buch bezeugt werden und wird es auch. Aber es geht damit nicht im Buch auf, sondern das Buch bleibt selbst nur in seiner Funktion, wenn es auf die Gemeinschaft verweist, in der das Wort seinen Lebensraum hat. Diese Lebensgemeinschaft ist nicht durch historische Auslegung ersetzbar oder überholbar; sie geht in ihrer inneren Rangordnung dem Buch voraus. Das Wort des Glaubens setzt von sich aus die Gemeinschaft voraus, die es lebt, die sich daran bindet und es selbst in seiner Verbindlichkeit für den Menschen festhält. In dem Maß, in dem Offenbarung einen Überhang über Literatur hat, hat sie auch einen Überhang über die Grenze der bloßen Wissenschaftlichkeit der historischen Vernunft hinaus.

 

Aus: Joseph Ratzinger, Theologische Prinzipienlehre (1982)

Anfangen

von Papst Franziskus

Papst Franziskus warnte vor der Versuchung, die Kirche „aufräumen“ zu wollen. „Das würde bedeuten, die Dinge zu zähmen, die Jugendlichen zu zähmen, das Herz der Menschen zu zähmen“.

Es gehe heute nicht darum, „aufzuräumen“, sagte der Papst. „Wir sind heute dazu gerufen, das Ungleichgewicht zu ertragen. Wir können nichts Gutes, Evangeliengemäßes tun, wenn wir Angst vor dem Ungleichgewicht haben.“ Das Evangelium selbst sei „eine unausgeglichene Lehre“, so der Papst: „Nehmt nur die Seligpreisungen her, sie verdienen den Nobelpreis für Unausgeglichenheit“.

Franziskus verdeutlichte seinen Gedankengang am Beispiel eines hoch funktionell ausgestatteten Bistums, in dem geordnet in Büros viele Spezialisten an Problemen arbeiteten. Die betreffende Diözese, Franziskus nannte ihren Namen nicht, habe „mehr Angestellte als der Vatikan“, aber sie entferne sich „jeden Tag weiter von Jesus Christus, weil sie die Harmonie zum Kult erhebt, die Harmonie der funktionalistischen Weltlichkeit. Wir sind in diesen Fällen in die Diktatur des Funktionalismus gefallen“. Das Problem dabei ist aus der Sicht des Papstes, dass das Evangelium dabei „zur Weisheit, zur Lehre“ werde, aber nicht zur Verkündigung. Eine Abkehr von der Verkündigung zeige sich auch im Erfinden von „Synoden und Gegensynoden“, das seien Versuche, Dinge „aufzuräumen“. Bei wirklichen Synoden brauche es den Heiligen Geist. „Der Heilige Geist gibt dem Tisch einen Fußtritt, wirft ihn um und fängt von vorne an.“

Franziskus rief die Priester, Ordensleute und Laien auch zum Überwinden von Eigeninteressen auf. Der gute Hirte im Evangelium, der das eine verlorene Schaf sucht, habe nur ein einziges Interesse: dass keines verloren geht. „Wir sind oft besessen vom Gedanken an die wenigen Schafe, die noch im Gehege sind. Und viele geben es auf, Hirten für Schafe zu sein, und werden Friseure exquisiter Schafe.“

 

Aus den Worten von Papst Franziskus an Priester, Ordensleute und Laien des Bistums Rom, am 9. Mai 2019 in der Lateranbasilika (Vatican News)

 

 

Zur Ökologie des Menschen

von Benedikt XVI.

Die Bedeutung der Ökologie ist inzwischen unbestritten. Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten.

Ich möchte aber nachdrücklich einen Punkt noch ansprechen, der nach wie vor weitgehend ausgeklammert wird: Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muß und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.

 

Aus der Rede von Papst Benedikt XVI. am 22. September 2011 im Deutschen Bundestag in Berlin; den vollen Wortlaut der Rede finden Sie hier.

Ein Kommentar zur Lage des Christentums in Deutschland

von H. Heine

Das Christentum – und das ist sein schönstes Verdienst – hat jene brutale germanische Kampflust einigermaßen besänftigt, konnte sie jedoch nicht zerstören,

und wenn einst der zähmende Talisman, das Kreuz, zerbricht, dann rasselt wieder empor die Wildheit der alten Kämpfer, die unsinnige Berserkerwut, wovon die nordischen Dichter so viel singen und sagen. Jener Talisman ist morsch, und kommen wird der Tag, wo er kläglich zusammenbricht; die alten steinernen Götter erheben sich dann aus dem verschollenen Schutt, und reiben sich den tausendjährigen Staub aus den Augen, und Thor mit dem Riesenhammer springt endlich empor und zerschlägt die gotischen Dome. … wenn Ihr es einst krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat, so wißt, der deutsche Donner hat endlich sein Ziel erreicht. … Es wird ein Stück aufgeführt werden in Deutschland, wogegen die französische Revolution nur wie eine harmlose Idylle erscheinen möchte.

 

Aus: Heinrich Heine, Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland (1835)

Zeitnot in Hülle und Fülle

In einer entwicklungsgeschichtlich lächerlich kurzen aber hoch dynamischen Zeitspanne von nicht einmal zehn Generationen ist es uns gelungen, unsere Lebenszeit nahezu zu verdoppeln und die Arbeitszeit weit unter ein Viertel zu drücken.

Trotzdem steigt die Zahl der Zeitgenossen in Zeitnot. Vielleicht liegt es daran, dass wir im Dienst an gesteigerter Effizienz unsere freie Zeit je mit höchsten Ansprüchen in alle Richtungen fragmentiert haben in Zeit für die Familie, für Freunde, für Bildung, für Gesundheit, Kultur, Sport und vieles mehr. Von einem offenbar wirklich viel zu viel beschäftigten Menschen hörte ich, sein Coach habe ihm einen genialen Tipp gegeben und es gehe ihm viel besser, seit er „das konsequent durchzieht: jeden siebten Tag Pause!“ ses

Die Worte

 

Die Worte

wurden wegen Betrugs angeklagt

 

Eine geringe Anzahl

erhielt untergeordnete Anstellungen

als Zuträger und Laufburschen

 

„ab heute

muss es im Leben geschehen“

 

Hedvig Fornander

Zum Leben in Gemeinschaft

 

Der Apfelbaum wills dem Birnbaum abgucken

 

die Kartoffelstaude schielt auf die Wassermelone

 

aber was machen wir mit einer Melonenschwemme?

 

verdankt doch unsere Küche ihren Ruhm

unseren schmackhaften Kartoffelgerichten.

 

Hedvig Fornander

Chaim Seeligmann

„Freie Antwort auf gegebene Situationen“

Foto: Dr. Chaim Seeligmann (1912–2009) im Kibbuz Givat Brenner (1987)

 

Das offenbare Zerbrechen des sozialistischen Modells in der Sowjetunion reflektierte der Zeithistoriker und Hitler-Biograph Joachim Fest (1926–2006) als Der zerstörte Traum. Vom Ende des utopischen Zeitalters, zugespitzt in der Aussage, „dass ein Leben ohne Utopie zum Preis der Modernität gehört“. Zum 90. Geburtstag von Chaim Seeligmann erschienen seine autobiographischen und kibbuzgeschichtlichen Notizen unter dem Titel Es war nicht nur ein Traum. War er einer der letzten Utopisten?

 

Als er 2009 in seinem Kibbuz Givat Brenner starb, wurde sein Tod von der deutschen Presse nicht wahrgenommen. Zum ersten Todestag widmete ihm haGalil.com. Jüdisches Leben online einen Nachruf: und schilderte seine ungewöhnliche ‚Karriere‘ vom reichen Sohn zum Kibbuznik: 1912 in Karlsruhe als Heinz Alfred geboren, Sohn einer assimilierten Bankiersfamilie, schloss er sich als 15-jähriger Gymnasiast der zionistisch orientierten Jugendbewegung Kadima an. Mit 23 Jahren verließ er Nazi-Deutschland und fuhr mit einem Schiff namens Galiläa nach Palästina, wo er sich dem Kibbuz Givat Brenner anschloss. Seine Eltern hat er nie wiedergesehen.

 

Was hat ihn veranlasst, „alles zu verkaufen und zu verlassen“, seine Bücher, sein Eigentum, seine persönlichen Lebensträume? Manès Sperber (1905–1984), sein jüdischer Zeitgenosse, hat es einmal so gesagt: „Ich bin nie einer Idee begegnet, die mich so überwältigt hat und die Wahl meines Weges so beeinflusst hat wie der Idee, dass diese Welt nicht so bleiben kann, wie sie ist, dass sie ganz anders werden kann und es werden wird.“ Das war auch die alles bestimmende Idee für Chaim Seeligmann. Den Realisierungsort fand er im Kibbuz, nach Sperber „die einzige Gemeinschaftsform, die in diesem Jahrhundert des pseudo-kommunistischen Despotismus die Idee des Sozialismus mit der Praxis der Lebensgemeinschaft vereint hat. Der Kibbuz erbringt den klaren Beweis, dass man, ohne an Gott und an den von ihm gesandten Messias zu glauben, gemäß den fundamentalen Lebensregeln des prophetischen Judentums sich zu einem dauernden Bunde vereinigen kann, in dem niemand ein Objekt der anderen ist, sondern stets der Gefährte aller bleibt“ (Mein Jude-Sein 42.44).

Er nahm wie alle askenasischen und sephardischen Juden, die ins Land kamen, einen neuen Namen an: Chaim. Das kennen wir auch. Wenn ein Kardinal Papst wird, heißt er Johannes XXIII. Wenn einer ins Kloster geht, hört er auf Bruder Rafael oder Schwester Marta. Änderte er seine Identität? Er erklärte sich bereit, eine Aufgabe zu übernehmen. Chaim Seeligmann verstand sich wie die meisten Zionisten als säkular. Dabei ist er ganz nahe bei dem Selbstverständnis orthodoxer Rabbiner, die erst jüngst den überkommenen Auftrag Gottes an Israel darin sehen, eine gerechte Gesellschaft aufzubauen mit den Worten von Emmanuel Levinas: „das Land zu heiligen“.

 

Im Jahr 1985 kam er in Kontakt mit der Katholischen Integriertenn Gemeinde und es entwickelte sich eine respektvolle Freundschaft. Von der für beide Seiten unerwarteten Begegnung und wachsenden Verbindung nur zwei Details:

Einmal formulierte er vor Jugendlichen aus der KIG: „Ich kann ganze Kompendien voll Ideen verfassen, so viel Sie wollen. Von Hegel und von Schopenhauer, von Nietzsche und von Marx und auch von unseren jüdischen Denkern. Aber die Frage ist: Wie und in welcher Weise kann man gewisse Ideen verwirklichen und ihnen Gestalt geben? Das ist nicht einfach, es hängt von Menschen ab, die bereit sind, sich mit einer bestimmten Idee zu identifizieren. Identifizierung ist keine theoretische, sondern eine praktische Sache.“

1993 nahm er an einer Priesterweihe von Gemeindemitgliedern teil, die der damalige Kardinal Joseph Ratzinger in der Basilika in St. Paul vor den Mauern in Rom feierte. Bei der Vorstellung der Kandidaten hörte er sie entsprechend der Weiheliturgie sagen „Adsum“ – „Hier bin ich“. Beim anschließenden Festmahl ergriff er das Wort: „Dies brachte mir die Worte Abrahams aus dem 22. Kapitel bereschit (Genesis) – der Opferung seines Sohnes Isaak – in Erinnerung, wo geschrieben ist: Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: ‚Abraham!‘ Er antwortete: ‚Hier bin ich‘. Die Antwort aller, die gemeinsam tun und denken, ist: Hier bin ich – hier sind wir!“

Nach einer Talmud-Tradition sind es sechsunddreißig Gerechte, die die Welt zusammenhalten; vielleicht war er einer von ihnen.

 

Nachruf Chaim Seeligmann: haGalil.com. Jüdisches Leben online