„Das Christentum ist jeden Augenblick noch möglich.“ F. Nietzsche

 

 

 

Fragment zur Heiligen Schrift

von P. Handke

Seiner Form, seinem Rhythmus, seinem Tonfall nach: ein Buch aus der Nacht der Zeiten. Das trifft zu, und zugleich kann der Leser unserer Tage, der von heute, in der Bibel, Buch für Buch, seine eigene Geschichte lesen, wie in keinem anderen Buch:

er kann sie da entdecken, dann sie verstehen, dann sich ihr stellen. Der Leser ist der tragikomische Held aller der biblischen Geschichten; nicht bloß der Geschichten, sondern auch der Liebesgedichte, wie im Hohenlied, und der Hilferufe, wie immer wieder in den Psalmen. Du, Leser, hast den ersten Farbenaugenblick gelebt in Eden, und du wirst jene schwarzen und schwärzeren letzten Momente erleben, dein Mund voll Essig (und Ärgerem), wo du aufschreien wirst mit der Frage, warum dein sozusagen allmächtiger Vater dich verlassen hat. Deswegen ist die Bibel für den Leser ein entsetzliches, gefährliches Buch: er ist gezwungen, zu sehen, wie es, in der Tiefe, mit ihm steht, dem Sterblichen. Verlorener Sohn, der sich in Sicherheit fühlt, weil ihm der Vater für einmal verziehen hat – ihm sogar ein Fest bereitet hat. Aber danach, auf dem Kreuz, wo ist er, mein Vater und sein versprochenes Fest? Die Bibel kann in ihrem Leser das äußerste Grauen erwecken: ah, dieser Verrückte, der sich für Gott hält, unsterblich; dieser Wehleidige, welcher in den Bedrängnissen sich vor seinen Widersachern brüstet mit der Allmacht seines Vaters, und dass der ihm gleich zu Hilfe kommen wird; dieser sogenannte Gottessohn, der krepiert unter Geheul wie ein herrenloser Hund – das alles, das bin ich selber, ich, der das liest. Du, der heutigen Tages die Bibel liest: Achtung, Todesgefahr! Oder Lebensgefahr? Beseelende Gefahr? Begeisternde Gefahr, seit jener Nacht der Zeiten? Heilsame Gefahr? Heilsgefahr?

 

Aus: Peter Handke, Langsam im Schatten (1992)

Hilflos?

20. Oktober 2019, 29. Sonntag im Jahreskreis C

Das Wesen, dem nicht zu helfen ist, so nennt der Philosoph Volker Gerhardt in seinem neuen Buch den Menschen. Der Mensch wird sich ständig selbst zum Problem und er scheitert an sich. Kann er um Hilfe bitten? Wen?

Die biblischen Erfahrungen weisen in eine Richtung: nicht Götter, nicht Sterne, nicht Natur, sondern Gott. Aber wie kommt die Hilfe? Einer reicht nicht, sie zu vermitteln. Der Mensch ist kooperationsfähig und dazu auch herausgefordert. Durch Kooperation unter Einbeziehung erforderlicher Hilfsmittel, und sei es ein sehr schwerer Steinblock zum Sitzen, kann der wirken, von dem der Psalm sagt: Unsere Hilfe ist von Ihm her. hak

Ex 17,8-13

Und Amalek kam und suchte in Refidim den Kampf mit Israel. Da sagte Mose zu Josua: Wähl uns Männer aus und zieh in den Kampf gegen Amalek! Ich selbst werde mich morgen mit dem Gottesstab in meiner Hand auf den Gipfel des Hügels stellen. Josua tat, was ihm Mose aufgetragen hatte, und kämpfte gegen Amalek, während Mose, Aaron und Hur auf den Gipfel des Hügels stiegen. Solange Mose seine Hand erhoben hielt, war Israel stärker; sooft er aber die Hand sinken ließ, war Amalek stärker. Als dem Mose die Hände schwer wurden, holten sie einen Steinbrocken, schoben den unter ihn und er setzte sich darauf. Aaron und Hur stützten seine Arme, der eine rechts, der andere links, sodass seine Hände erhoben blieben, bis die Sonne unterging. So schwächte Josua Amalek und sein Heer mit scharfem Schwert.

Prosaisches Priestertum

von L. Baeck

Gedankenlosigkeit ist die eigentliche Gottlosigkeit, die Heimatlosigkeit der Seele. Vor ihr, vor dieser Geheimnislosigkeit und Gebotlosigkeit, will das Gesetz bewahren; es will aller Oberfläche immer wieder ihr Symbolisches, aller Prosa ihr Gleichnis geben. Jeder Mensch soll zum Priester seines Lebens gemacht werden.

Daher die Fülle dieser Bräuche, dieser Einrichtungen und Ordnungen, von denen alles umgezogen wird, „wenn du in deinem Hause sitzest und wenn du auf deinem Wege gehest, wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst“, bis hin zu der weiten Prosa des Essens und Trinkens. Im Judentum ist der Versuch gemacht worden, dem Leben seinen Stil dadurch zu schaffen, dass die Religion in jeden Alltag und in den ganzen Alltag hineingestellt wird. Alles erhält sein Gottesdienstliches.

 

Aus: Leo Baeck, Geheimnis und Gebot, in: Der Leuchter – Weltanschauung und Lebensgestaltung (1921/1922)

485 Jahre nach dem Brexit

Es ist eine makrohistorische Sensation, dass nach knapp einem halben Jahrtausend der Trennung Englands von der römischen Kirche ein Thronfolger des englischen Königshauses, Prinz Charles, die katholische Heiligsprechung seines Landmanns in Rom ehrt: John Henry Newman.

Immerhin ist Newman seit einem halben Jahrtausend der erste Heilige Englands, der nicht auch das Martyrium erlitten hat. Und zum Martyrium katholischer Heiliger hat das englische Königshaus über die Jahrhunderte keinen unerheblichen Beitrag geleistet.

Im Hinblick auf die Wiederannäherung der Insel an den Kontinent ist die Kirchengeschichte der politischen ein halbes Jahrtausend-Stückchen voraus, wie schon in der Geschichte der Trennung. ses

Laien

von J. H. Newman

Ich wünsche mir Laien,

nicht arrogant, nicht vorlaut, nicht streitsüchtig, sondern Menschen, die ihre Religion kennen, die sich auf sie einlassen, die ihren eigenen Standpunkt kennen, die wissen, woran sie festhalten und was sie unterlassen, die ihr Glaubensbekenntnis so gut kennen, daß sie darüber Rechenschaft ablegen können, die über so viel geschichtliches Wissen verfügen, daß sie ihre Religion zu verteidigen wissen.

 

Aus: John Henry Newman, Reden über die Position von Katholiken in England, 1872

Das heilsame Eintauchen

13. Oktober 2019, 28. Sonntag im Jahreskreis C

Man stelle sich vor, ein syrischer General würde heute laut sagen: „Jetzt weiß ich, dass es nirgends auf der Welt einen Gott gibt außer in Israel.“ Er würde dafür Kopf und Kragen riskieren.

Zu biblischen Zeiten wird es kaum anders gewesen sein. Der syrische General ist krank. Wegen einer kleinen Bemerkung seines jüdischen Hausmädchens geht er einen weiten Weg, der ihn bis zum Jordan führt. Trotz enttäuschter Erwartungen vertraut er dem Propheten und taucht in diesen Fluss ein – und damit tief in die Geschichte Israels. Es ist genau dieses Vertrauen, das ihm neuen Boden unter die Füße gibt. Dafür steht die Erde, die er nach Hause mitnimmt. Das Eintauchen in die Geschichte Israels ist heilsam. ruk

2 Kön 5,1-19a

Naaman, der Feldherr des Königs von Aram, galt viel bei seinem Herrn und war angesehen; denn durch ihn hatte der HERR den Aramäern den Sieg verliehen. Der Mann war tapfer, aber an Aussatz erkrankt. Nun hatten die Aramäer bei einem Streifzug ein junges Mädchen aus dem Land Israel verschleppt. Es war in den Dienst der Frau Naamans gekommen. Es sagte zu seiner Herrin: Wäre mein Herr doch bei dem Propheten in Samaria! Er würde seinen Aussatz heilen. Naaman ging zu seinem Herrn und meldete ihm: Das und das hat das Mädchen aus Israel gesagt. Der König von Aram antwortete: So geh doch hin; ich werde dir ein Schreiben an den König von Israel mitgeben.

Naaman machte sich auf den Weg. Er nahm zehn Talente Silber, sechstausend Schekel Gold und zehn Festkleider mit und überbrachte dem König von Israel das Schreiben. Es hatte folgenden Inhalt: Wenn jetzt dieser Brief zu dir gelangt, so wisse: Ich habe meinen Knecht Naaman zu dir geschickt, damit du seinen Aussatz heilst. Als der König von Israel den Brief gelesen hatte, zerriss er seine Kleider und rief: Bin ich denn ein Gott, der töten und zum Leben erwecken kann? Er schickt einen Mann zu mir, damit ich ihn von seinem Aussatz heile. Merkt doch und seht, dass er nur Streit mit mir sucht! Als der Gottesmann Elischa hörte, der König von Israel habe seine Kleider zerrissen, ließ er ihm sagen: Warum hast du deine Kleider zerrissen? Naaman soll zu mir kommen; dann wird er erfahren, dass es in Israel einen Propheten gibt.

So kam Naaman mit seinen Pferden und Wagen und hielt vor dem Haus Elischas. Dieser schickte einen Boten zu ihm hinaus und ließ ihm sagen: Geh und wasch dich siebenmal im Jordan! Dann wird dein Leib wieder gesund und du wirst rein. Doch Naaman wurde zornig. Er ging weg und sagte: Ich dachte, er würde herauskommen, vor mich hintreten, den Namen des HERRN, seines Gottes, anrufen, seine Hand über die kranke Stelle bewegen und so den Aussatz heilen. Sind nicht der Abana und der Parpar, die Flüsse von Damaskus, besser als alle Gewässer Israels? Kann ich nicht dort mich waschen, um rein zu werden? Voll Zorn wandte er sich ab und ging weg. Doch seine Diener traten an ihn heran und redeten ihm zu: Wenn der Prophet etwas Schweres von dir verlangt hätte, würdest du es tun; wie viel mehr jetzt, da er zu dir nur gesagt hat: Wasch dich und du wirst rein. So ging er also zum Jordan hinab und tauchte siebenmal unter, wie ihm der Gottesmann befohlen hatte. Da wurde sein Leib gesund wie der Leib eines Kindes und er war rein.

Nun kehrte er mit seinem ganzen Gefolge zum Gottesmann zurück, trat vor ihn hin und sagte: Jetzt weiß ich, dass es nirgends auf der Erde einen Gott gibt außer in Israel. So nimm jetzt von deinem Knecht ein Dankgeschenk an! Elischa antwortete: So wahr der HERR lebt, in dessen Dienst ich stehe: Ich nehme nichts an. Auch als Naaman ihn dringend bat, es zu nehmen, lehnte er ab. Darauf sagte Naaman: Wenn es also nicht sein kann, dann gebe man deinem Knecht so viel Erde, wie zwei Maultiere tragen können; denn dein Knecht wird keinem andern Gott mehr Brand- und Schlachtopfer darbringen als dem HERRN allein. Nur dies möge der HERR deinem Knecht verzeihen: Wenn mein Herr zur Anbetung in den Tempel Rimmons geht, stützt er sich dort auf meinen Arm. Ich muss mich dann im Tempel Rimmons niederwerfen, wenn er sich dort niederwirft. Dann möge das der HERR deinem Knecht verzeihen. Elischa antwortete: Geh in Frieden!

Kardinalfrage

von J. H. Newman

Es gibt keine Zeit, in welcher die Kirche so viele unwahre Glieder hatte, d. h. so viele Menschen, die sich als ihre Glieder erklären, wiewohl sie doch wenig oder nichts über den wirklichen Sinn dieser Gliedschaft kennen, und innerhalb ihrer Mauern bleiben, aus Gründen, die weder religiös noch richtig sind.

Um eine hierhergehörige Frage zu stellen: Was meint ihr, wie viele Verteidiger von Christi heiliger Kirche unter uns übrigbleiben, wenn es sich herausstellte, dass ihre Sache nicht die Sache der Ordnung sei, wie es heute der Fall ist, sondern die Sache der Unruhe und Störung der Ordnung, wie es war, als Christus kam und die Apostel predigten?

 

Aus: Kardinal John Henry Newman, Predigt in St. Mary in Oxford (31. Mai 1840)

Wenn der Mensch über seinen Tag hinausblickt ...

von L. Baeck

In zwiefacher seelischer Erfahrung wird dem Menschen der Sinn seines Lebens lebendig, in der Erfahrung vom Geheimnis und in der vom Gebot. Man kann sie auch nennen das Wissen um das, was wirklich ist, und um das, was verwirklicht werden soll.

Wenn der Mensch zu seinem Leben hingelangen will, wenn er nach der Bedeutung seines und alles Lebens hinhorcht, wenn unter der Oberfläche das Wirkliche ihm nahetritt, so erlebt er immer das Geheimnis; er erfährt, dass er geworden ist, er erfährt, um das Verborgene und das Bergende seines Daseins, um das, was ihn und alles umfasst und umfängt, er erfährt, mit dem alten Gleichnis im „Segen des Moses“ zu sprechen, um „die Arme der Ewigkeit“. Und wenn der Mensch über den Tag hinausblickt, wenn er seinem Leben eine Richtung geben, es zu einem Ziele hinführen will, wenn er so das bestimmende, das Deutliche seine Lebens erfasst, so wird es immer zum Gebote, zur Aufgabe, zu dem, was er verwirklichen soll. Der Grund des Lebens ist das Lebensgeheimnis, der Weg des Lebens ist das Lebensoffenbare.

 

Aus: Leo Baeck, Geheimnis und Gebot, in: Der Leuchter – Weltanschauung und Lebensgestaltung (1921/1922)

Ein ungeklärter Begriff

6. Oktober 2019, 27. Sonntag im Jahreskreis C

Glaube kann alles Mögliche heißen: vermuten, für wahr halten, eine unbestimmte Meinung usw. Das Evangelium gibt auch keine Definition, sondern nur Beispiele.

Als die Jünger sich fragen, ob ihr Glaube wohl ausreicht, antwortet Ihnen Jesus zuerst mit dem rätselhaften Vergleich von Glaube und Senfkorn, und liefert dann ein sehr sprechendes Bild aus der damaligen Lebenswelt. Dabei geht es um ein selbstverständliches Tun, nicht um ein Meinen oder Sinnieren. Denn nur theoretisch kann man vom Glauben nichts erfassen. bek

Lk 17,5-10

Die Apostel baten den Herrn: Stärke unseren Glauben! Der Herr erwiderte: Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Entwurzle dich und verpflanz dich ins Meer! und er würde euch gehorchen. Wenn einer von euch einen Knecht hat, der pflügt oder das Vieh hütet, wird er etwa zu ihm, wenn er vom Feld kommt, sagen: Komm gleich her und begib dich zu Tisch? Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Mach mir etwas zu essen, gürte dich und bediene mich, bis ich gegessen und getrunken habe; danach kannst auch du essen und trinken. Bedankt er sich etwa bei dem Knecht, weil er getan hat, was ihm befohlen wurde? So soll es auch bei euch sein: Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Knechte; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan.

Die Begegnung von Juden und Christen

von M. Maier

Jede Begegnung, die nicht nur rein sachlich und zweckgebunden verläuft, sondern eine Brücke des Verstehens zwischen zwei Menschen schlägt, ist ein Wunder. 

Ein solches Wunder ist es auch, wenn Juden und Christen einander begegnen, auf dem Hintergrund einer langen, komplizierten und oft leidvollen Geschichte! Wir können diese Begegnung nicht erwarten oder verlangen, wir können sie eigentlich nur ersehnen und erbitten. Was wir aber tun können und auch sollten, ist, uns selbst darauf vorbereiten, damit der andere uns im entscheidenden Moment bereit und ihm zugewandt vorfindet.

 

Link zum Vortrag Die Begegnung von Juden und Christen im Licht der Heiligen Schriften – Teil 1 von Michael Maier: https://www.popolodidio.org/die-begegnung-von-juden-und-christen

Der Party-Crasher

29. September 2019, 26. Sonntag im Jahreskreis C

Die Drohworte des Propheten Amos „Weh den Sorglosen“ passen gut in das Endzeit-Bauchgefühl unserer Zeit. Aber Amos prangert nicht systemische Fehler in Israel an und er ruft nicht zur antikapitalistischen Klima-Revolution auf.

Er kündigt die Verbannung des Gottesvolkes an, da in der allgemeinen Hochstimmung vor den Augen des Propheten der Untergang schon passiert: Israel versinkt in der Masse der Völker. Dass die Verbannung letztlich doch nicht das Ende Israels bedeutet, verdankt das Volk einzig der Gnade Gottes und der Umkehr der Wenigen. tac

Am 6,1a.4-7

Weh den Sorglosen auf dem Zion und den Selbstsicheren auf dem Berg von Samaria. Ihr liegt auf Betten aus Elfenbein und faulenzt auf euren Polstern. Zum Essen holt ihr euch Lämmer aus der Herde und Mastkälber aus dem Stall. Ihr grölt zum Klang der Harfe, ihr wollt Musikinstrumente erfinden wie David. Ihr trinkt den Wein aus Opferschalen, ihr salbt euch mit feinsten Ölen, aber über den Untergang Josefs sorgt ihr euch nicht. Darum müssen sie jetzt in die Verbannung, allen Verbannten voran. Das Fest der Faulenzer ist vorbei.

In Gemeinschaft leben – Briefe an das Oratorium

von J. H. Newman

Überlegen wir, was das Wort „Gemeinschaft“ impliziert. In Gemeinschaft leben heißt nicht einfach, sich in einem Haus befinden. Denn dann würden ja die Gäste in einem Hotel eine Gemeinschaft bilden.

Auch bedeutet es nicht, gemeinsame Verpflegung und Unterkunft zu haben. Sonst wäre eine Pension auch eine Gemeinschaft. Priester, die in einem Priesterhaus oder Pfarrhaus leben und alle ihr eigenes Zimmer haben, wohl einen gemeinsamen Tisch und gemeinsame Pflichten in Kirche und Pfarrei, leben deshalb noch nicht in Gemeinschaft. In Gemeinschaft leben heißt einen Leib bilden, und zwar so, dass man als einer handelt und als einer behandelt wird. Ein Oratorium (Name der Gemeinschaft, über die Newman nachdenkt) ist ein Einzelwesen (individuality). Es hat einen Willen und ein Handeln, und in diesem Sinn ist es eine Gemeinschaft. Aber es ist klar, dass eine solche Gemeinschaft des Wollens, Denkens, Meinens und Verhaltens nur zustande kommen kann durch beträchtliche Zugeständnisse an eigenem Urteil von seiten jedes einzelnen der so Verbundenen. Es ist mithin keine Übereinstimmung des Zufalls oder der Natur, sondern eine des übernatürlichen Zieles.
Es ist nicht jedermanns Gabe, mit anderen zusammenzuleben. Nicht jede heiligmäßige Seele und nicht jeder gute Weltpriester kann in Gemeinschaft leben. Vielleicht können dies nur sehr wenige Menschen.

 

Aus: John Henry Kardinal Newman, Briefe an das Oratorium über die Berufung zum Oratorium des hl. Philipp Neri (1856)

Von wem lernen?

22. September 2019, 25. Sonntag im Jahreskreis C

Die knapp zwei Jahre, in denen Jesus mit den Zwölf unterwegs in Israel umherging, waren eine Art wanderndes Lehrhaus; er versuchte ihnen zu vermitteln, was es mit der Nähe der Basileia Gottes auf sich hat, für sie und überhaupt.

Er sagt ihnen: Sorgt euch nicht – schaut auf die Vögel. Denkt nicht, was ich jetzt in Israel initiiere, ist eine glamouröse Erfolgsgesichte: seht der Frau zu, die ein bisschen Sauerteig unter viel Mehl mengt; es dauert, bis daraus Teig für Brot wird. Der Same des Senfkorns ist winzig, aber es wird daraus ein Baum werden. Im heutigen Evangelium gibt er eine weitere Lektion: Lernt von den Zockern. In seiner ziemlich prekären Lage – Veruntreuung, drohender Jobentzug ­und mit der Aussicht auf eine unsichere Altersversorgung – sucht ein Verwalter den Befreiungsschlag. Er wird dafür gelobt. Vielleicht haben die Zwölf erstaunte Gesichter gemacht und geahnt: In der Lage der Bedrängnis, in der Jesus lebt, später sie selbst, sind waghalsig Kluge eine Gnade, die nur erbeten werden kann. ars

Lk 16,1-13

Jesus sprach aber auch zu den Jüngern: Ein reicher Mann hatte einen Verwalter. Diesen beschuldigte man bei ihm, er verschleudere sein Vermögen. Darauf ließ er ihn rufen und sagte zu ihm: Was höre ich über dich? Leg Rechenschaft ab über deine Verwaltung! Denn du kannst nicht länger mein Verwalter sein. Da überlegte der Verwalter: Was soll ich jetzt tun, da mein Herr mir die Verwaltung entzieht? Zu schwerer Arbeit tauge ich nicht und zu betteln schäme ich mich. Ich weiß, was ich tun werde, damit mich die Leute in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich als Verwalter abgesetzt bin.

Und er ließ die Schuldner seines Herrn, einen nach dem anderen, zu sich kommen und fragte den ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? Er antwortete: Hundert Fass Öl. Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich schnell hin und schreib fünfzig! Dann fragte er einen andern: Wie viel bist du schuldig? Der antwortete: Hundert Sack Weizen. Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig! Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte, und sagte: Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes. Ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es zu Ende geht! Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen, und wer bei den kleinsten Dingen Unrecht tut, der tut es auch bei den großen. Wenn ihr nun im Umgang mit dem ungerechten Mammon nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das wahre Gut anvertrauen? Und wenn ihr im Umgang mit dem fremden Gut nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das Eure geben? Kein Sklave kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

Von Worten und Christen

von G. Krasnitzky

Ein Hirtenbrief mag voller Wahrheit sein, eine Predigt erträglich. Letzten Endes beeindruckt das niemanden. Und wenn die Christen selbst die Weisheit des lieben Gottes besäßen, keinen Hund könnten sie damit hinter dem Ofen hervorlocken, wenn das, was sie sagen, nicht auch zu sehen ist.

Darum ist das Schlimmste, was der Kirche widerfahren kann, nicht nur eine Irrlehre, sondern das Fehlen des evangeliumsgemäßen Lebens. Die schlimmste Ketzerei ist es zu behaupten, die Wahrheit zu kennen, aber sie dann nicht zu tun. Was soll man von einer solchen Wahrheit halten, die es nur in Büchern gibt?

 

Günther Krasnitzky (1939–1987), zitiert in: Gerhard Lohfink, Rudolf Pesch, Ludwig Weimer (Hrsg.), Die Feier des Sonntags A

Finden macht das Suchen leichter

15. September 2019, 24. Sonntag im Jahreskreis C

Da wird uns einiges zugemutet. Das Evangelium dieses Sonntags ist einer der längsten Lesetexte des ganzen Kirchenjahres. Mindestens sieben Minuten wird der Vortragende brauchen, wenn er nicht lieber auf eine Kurzform zurückgreift. Alle drei Kurzgeschichten Jesu greifen das Thema „Suchen und Finden“ auf.

In drei Anläufen wird es präsentiert. So wichtig war ihm dieses Motiv. Es war eine Erfahrung seines Volkes. Was man einmal gewonnen oder erkannt hat, kann auch wieder verloren gehen: Das Land, eine vernünftige Lebensweise, Gerechtigkeit, Freiheit. Die Suche, die Jesus beschreibt, ist nicht zu verwechseln mit einem Unterwegssein, das schon das Ziel sein soll. Der Hirte, die Frau, der Sohn können suchen, weil sie wissen: Es gibt die Herde, es gibt den Brautschatz, es gibt den Vater, zu dem man zurückfinden kann. Auch die Suchenden unserer Tage haben es leichter, wenn es schon etwas zu Finden gibt. Ihre Suche nicht ins Leere laufen zu lassen, ist Sache der Hörer dieser Geschichten. acb

Lk 15,1-32

Alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm, um ihn zu hören. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Dieser nimmt Sünder auf und isst mit ihnen.

Da erzählte er ihnen dieses Gleichnis und sagte: Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert, lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Wüste zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es voll Freude auf die Schultern, und wenn er nach Hause kommt, ruft er die Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir, denn ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war! Ich sage euch: Ebenso wird im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die keine Umkehr nötig haben.

Oder wenn eine Frau zehn Drachmen hat und eine davon verliert, zündet sie dann nicht eine Lampe an, fegt das Haus und sucht sorgfältig, bis sie die Drachme findet? Und wenn sie diese gefunden hat, ruft sie die Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt: Freut euch mit mir, denn ich habe die Drachme wiedergefunden, die ich verloren hatte! Ebenso, sage ich euch, herrscht bei den Engeln Gottes Freude über einen einzigen Sünder, der umkehrt.

Weiter sagte Jesus: Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht! Da teilte der Vater das Vermögen unter sie auf. Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen. Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er begann Not zu leiden. Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon. Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Brot im Überfluss, ich aber komme hier vor Hunger um. Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner! Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von Weitem kommen und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Da sagte der Sohn zu ihm: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein. Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand und zieht es ihm an, steckt einen Ring an seine Hand und gebt ihm Sandalen an die Füße! Bringt das Mastkalb her und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. Denn dieser, mein Sohn, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein Fest zu feiern. Sein älterer Sohn aber war auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz. Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle. Der Knecht antwortete ihm: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn gesund wiederbekommen hat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu. Doch er erwiderte seinem Vater: Siehe, so viele Jahre schon diene ich dir und nie habe ich dein Gebot übertreten; mir aber hast du nie einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte. Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet. Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber man muss doch ein Fest feiern und sich freuen; denn dieser, dein Bruder, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.

Euthanasie

Das süße Gift der NS-Ideologie vom lebensunwerten Leben durchzieht wieder die ethischen Diskurse. Und es verschont auch die frommen Kreise nicht. Sofern sie vom Christentum vor allem verstanden haben, dass es um die ganz persönliche ewige Seelen-Wellness geht, hat das Leben ein Wohlfühlbad zu sein.

Da kommt die alte pagane Einflüsterung recht, dass man auch jederzeit den Stöpsel ziehen kann, bevor man zu frösteln beginnt. Unser liberales Nachbarland Holland spiegelt die selbstverständlich gewordene Kultur des schönen Todes ungeschminkt wider. Das deutsche Ärzteblatt berichtet davon, dass man sich im Parlament der Niederlande Sorgen um einen leichten Rückgang der Euthanasiezahlen im Jahr 2018 machte. Die Zahlen der staatlichen „Regionalen Toetsingscommissies Euthanasie“ hatten gezeigt, dass 2018 erstmals seit 2006 ein Rückgang auf nur noch 6.126 getötete Menschen zu verzeichnen sei. Das sind immerhin 17 pro Tag. Holländische Medien vermuten, dass Ärzte offenbar öfter Anfragen von Personen mit Tötungswunsch ablehnen, nachdem zum ersten Mal ein Arzt deswegen strafrechtlich belangt wurde. Doch der Vorsitzende der staatlichen Kommission beruhigt: Er sehe keine Gefahr für einen Gesinnungswandel bei niederländischen Ärzten. Denn immerhin sei im ersten Quartal 2019 die Zahl der Fälle schon wieder um 9 % über die des ersten Quartals 2018 gestiegen. Sein Eindruck sei daher, die Sterbehilfe werde „ordnungsgemäß durchgeführt“. Beunruhigt war und ist offenbar auch niemand darüber, dass laut offizieller Statistik bereits im Jahr 2015 viele hundert, nämlich genau 431 demente Personen ohne ausdrücklichen Tötungswunsch getötet wurden. Dem offenen Umgang mit dem Thema in Holland verdanken wir die genauen Zahlen. Die Dunkelziffer ist bei uns sicherlich höher, wenn man bedenkt, wie weit verbreitet die wohlmeinende Ideologie vom nicht mehr lebenswerten Leben ist. anm, ses

Gerhard Szczesny

„... so anders“

Foto: Dr. Gerhard Szczesny (1918–2002) im Juli 1976

 

Mitte der 80er Jahre erschien an einem Wochenende die Süddeutsche Zeitung wegen Streiks nur als Notausgabe. Darin war eine längere Erklärung des Publizisten, bekannten Humanisten und Agnostikers Dr. Gerhard Szczesny zu seinem Austritt aus der SPD abgedruckt, der er lange angehört hatte. Aufgrund der besonderen Umstände fand dieser Schritt wenig Beachtung.
Das war dreißig Jahre vorher ganz anders. 1958­ in der Zeit der Restauration der Adenauer-Ära­ veröffentlichte er eine Streitschrift Die Zukunft des Unglaubens. Zeitgemäße Betrachtungen eines Nichtchristen. Er protestierte gegen die beengende und aufgezwungene Minoritätenrolle der Nichtchristen in einer christlich dominierten Gesellschaft, gegen die Monopol- und Machtansprüche des Christentums auf die Wahrheit: „Es erscheint uns unerträglich, dass sich in einer Zivilisation, die die Heimat wahrer geistiger Freiheit zu sein beansprucht, der Nichtchrist wie ein Dieb in der Nacht verhalten muss“ (Zukunft des Unglaubens). Scharfsichtig diagnostizierte er die unhaltbaren Monopol- und Machtansprüche des Christentums. Er verlor seine Stelle beim Bayrischen Rundfunk. Er begründete 1961 u.a. zusammen mit Fritz Bauer und Alexander Mitscherlich die „Humanistische Union“ und ein Jahr später seinen Verlag „Club Voltaire – Jahrbuch für kritische Aufklärung“. 1968 schrieb er das Vorwort zu Joachim Kahls Das Elend des Christentums oder Plädoyer – eine Humanität ohne Gott.

 

Im selben Jahr 1958, als er seine Position eines post-christlichen Agnostikers öffentlich machte, der auf dem Boden der Errungenschaften der Aufklärung einen Humanismus etablieren wollte, schrieb Joseph Ratzinger in der katholischen Zeitschrift Hochland: „Die Kirche deckt sich seit dem Mittelalter im Abendland mit der Welt“ – ein Zustand, den Sczszeny noch als alles beherrschend vorfand – „Heute ist diese Deckung nur noch Schein, der das wahre Wesen der Kirche und der Welt verdeckt“ (Die neuen Heiden und die Kirche). Diesen Schein kritisierte Szczesny, und darin stimmten sie beide überein. Welche Folgerung zog Joseph Ratzinger aus dieser Analyse? 1968 veröffentlichte er seine Vorlesungsreihe über das Apostolische Glaubensbekenntnis, die er in Tübingen vor Hörern aller Fakultäten gehalten hatte, unter dem Titel Einführung in das Christentum.

 

Anfang der 70er Jahre kam die Integrierte Gemeinde in Kontakt mit Gerhard Szczesny. Er war auf sie von Peter M. Bode hingewiesen worden; der hatte über eine Ausstellung der Gemeinde in München berichtet und am Ende Leute wie Gerhard Szczesny und Heinrich Böll aufgefordert, sich mit diesen offenbar ungewöhnlichen Katholiken auseinander zu setzen. Er nahm an. Nach der ersten Begegnung schrieb er: „Es war das erste Mal, dass ich mich in einer Gemeinschaft von Menschen, die sich ausdrücklich als Christen verstanden wissen wollen, wirklich wohl, d. h. unbefangen und normal gefühlt habe.“ Einmal bemerkte er: „Ich weiß, wie der Kaffee in kirchlichen Häusern schmeckt – bei euch ist alles so anders.“

 

1977 fassten einige Leute der Gemeinde – es war darunter eine ganze Reihe vor Gymnasiallehrern – den Entschluss, ein privates Gymnasium zu eröffnen. Sie suchten Ermutigung, weil das Kultusministerium von der Idee unter den damaligen Bedingungen in München nicht gerade begeistert war. Beide stimmten gerne und aus Überzeugung zu, sich im vorbereitenden Werbeprospekt nebeneinander als Freunde der Integrierten Gemeinde nennen zu lassen. Von diesen beiden so verschiedenen Personen inspiriert, formulierten die Leute der Gemeinde als Leitlinie des Schulprojekts und der Gemeinde: „Zwei Traditionen haben sich in der Integrierten Gemeinde zu einer Lebensform verknüpft, die sich gegenseitig auszuschließen scheinen: die christliche Tradition und die neuzeitliche Religions- und Gesellschaftskritik.“

 

Bei der Trauerfeier für Gerhard Szczesny auf dem Grünwalder Friedhof – die Angehörigen hatten die Gemeinde gebeten sie zu gestalten – sagte Gertraud Wallbrecher: „Gerhard Szczesny war für uns ein Lehrer, weil er uns unaufhaltsam herausgefordert hat, das zu sein, was wir immer sein wollten: eine Gemeinde, die sich so verhält und miteinander umgeht wie diejenigen, die einmal vor 1900 Jahren das Neue Testament geschrieben haben.“

 

Mehr als Kalorien

Seit je lösen Menschen Konflikte beim Essen. Das gemeinsame Mahl vermag, was ein Gespräch allein oft nicht erreicht: Vertrauen schaffen, Frieden stiften.

Heute ergründen Historiker und Soziologen, Kulturwissenschaftler und Psychologen die Kraft des gemeinsamen Essens. Sie werten Menüfolgen aus und erforschen den Einfluss auf die Diplomatie, unterziehen Esser psychologischen Tests und belauschen Familien am Abendbrottisch. Die Ergebnisse der Forscher zeigen, wie wichtig diese uralte Kulturtechnik ist – und wie bewahrenswert. „Wenn wir nicht zusammen essen, geht uns Sicherheit verloren und Geborgenheit“, sagt der Psychologe Marshall Duke. „Gemeinsames Essen ist das Rückgrat des menschlichen Miteinanders.“

 

Aus: DIE ZEIT, Nr. 32 vom 1. August 2019

Klimax des Unmöglichen

Glaubst du ans Paradies?

Ja.

Warum?

Weil ich daran glauben will.

Mit ähnlich weltanschaulichen Interviewausschnitten beginnt der neue kontroverse Film „Climax“ des argentinischen Skandalregisseurs Gaspar Noé, in dem eine Gruppe junger Leute die Hauptrolle spielen, denen Tanzen alles im Leben bedeutet. Wenn sie nach ihrer letzten gemeinsamen Probe zusammen ausgelassen feiern und tanzen, jeder für sich allein, im Wechsel umringt von den anderen, kommt ein Phänomen zum Ausdruck, dass der Regisseur in der gesellschaftlichen Entwicklung seit Einführung der Pille beobachtet hat: „Wie Leute ermutigt wurden, Lust zu empfinden und nicht mehr von anderen abhängig zu sein. Aber eben auch, wie Leute immer einsamer werden. Sie sind nicht mehr Teil einer Gruppe, sondern konkurrieren mit dem Rest der Welt.“ Ohne jeden Halt mündet die Feier der Tänzer, denen ein Unbekannter LSD in ihr Getränk gemischt hat, ins Chaos. Jede Form von Angst und Unsicherheit der Einzelnen wird um ein Vielfaches potenziert zu gegenseitiger Brutalität. In Großbuchstaben schließt der Film mit den Worten „Leben ist kollektive Unmöglichkeit“. Das Undenkbare denkbar, was wäre das Leben als kollektive Möglichkeit? heg

Interview

Die Katholische Integrierte Gemeinde

Am 27. August 2018 sendete Radio Horeb ein Interview mit Dr. Peter Zitta, Mitglied der Katholischen Integrierten Gemeinde und ihrer Priestergemeinschaft. Das Interview wurde am 7.8.2019 erneut gesendet.

Hören Sie hier zwei Ausschnitte.

Teil I: „Was ist die Katholische Integrierte Gemeinde?“
Teil II: „Was hat Sie an der Integrierten Gemeinde angesprochen?“

»…Eine entscheidende Wende im jüdisch-katholischen Dialog«

Dieser Satz steht auf der Banderole des Buches „Ebrei e Cristiani“, denn der Beitrag von Papst em. Benedikt in der Zeitschrift Communio im vergange­nen Jahr hat das jüdisch-christliche Gespräch unerwartet beflügelt.

Die Präsentation des Buches erfolgte bei einem Evento am 16. Mai 2019, ausgerichtet vom Lehrstuhl für die „Theologie des Volkes Gottes“, an der Päpstlichen Lateran-Universität in Rom. Es sprachen Rabbiner Arie Folger, Erzbischof Georg Gänswein, der Präfekt des Päpstlichen Hauses und Sekretär von Benedikt XVI., und Elio Guerriero, der Herausgeber des Buches.

Theologica Nr. 7 macht die Vorträge der Begegnung zugänglich.

Näheres zum Inhalt und Hinweise zur Bestellung finden Sie hier.

Was an der Welt nicht in Ordnung ist

von F. Ebner

Selbsterkenntnis ist Erkenntnis der Diskrepanz von Idee und Wirklichkeit in sich selbst, aber noch lange nicht Erkenntnis der Sünde. Denn in dieser handelt es sich nicht um diese Diskrepanz.

In der Selbsterkenntnis misst sich der Mensch nach einem menschlichen Maßstab, denn die Idee ist etwas Menschliches. In der Erkenntnis der Sünde sieht er seine Daseins- und Lebenswirklichkeit der Jesu gegenübergestellt und also an einem göttlichen Maßstab gemessen.

Je mehr sich die Erkenntnis, von der Oberfläche des Mathematischen hinweg vertieft, desto mehr wird sie zum Wissen darum, dass keineswegs alles in dieser Welt und diesem Leben in Ordnung ist, zum Wissen, ums verlorene Paradies; aber wahrlich nur zum Wissen des draußen vor den verschlossenen Toren Stehenden – Erkennende sind immer outsider des Lebens. Und gerade in dieser Vertiefung fordert sie ihre letzte Wendung: vom Objektiven, das auch im Wissen ums verlorene Paradies noch ist, zum Subjektiven, worin erkannt wird, warum das Paradies verlorenging. Der Erkennende steht wie Moses auf dem Berge und sieht das Land der Verheißung vor sich – aber der Eintritt ist ihm verwehrt. Erlösen aus seiner Icheinsamkeit kann den Menschen nur die Liebe und das Wort.

 

Aus: Ferdinand Ebner, Das Wort und die geistigen Realitäten (1919)

Jahrmarkt der Wunder

von W. Szymborska

 

Ein Alltagswunder:

dass es so viele Alltagswunder gibt.

 

Ein gewöhnliches Wunder:

das Bellen unsichtbarer Hunde in einer stillen Nacht.

 

Ein Wunder von vielen:

eine kleine und flüchtige Wolke,

aber sie kann den großen und harten Mond verschwinden lassen.

 

Mehrere Wunder in einem:

eine Erle, die sich im Wasser spiegelt,

und dass sie von links nach rechts gewendet ist

und dass sie mit der Krone nach unten wächst

und überhaupt nicht bis auf den Grund reicht,

obwohl das Wasser seicht ist.

 

Ein Wunder an der Tagesordnung:

recht schwache und milde Winde, doch in der Sturmzeit böig.

 

Ein erstbestes Wunder:

Kühe sind Kühe.

 

Ein zweites, nicht geringeres:

dieser und kein anderer Garten

in diesem und keinem anderen Obstkern.

 

Ein Wunder ohne schwarzen Frack und Zylinder:

ausschwärmende weiße Tauben.

 

Ein Wunder, denn was sonst:

die Sonne ging heute um drei Uhr vierzehn auf

und sie wird untergehen null Uhr eins. .

 

Ein Wunder, das nicht so verwundert, wie es sollte:

die Hand hat zwar weniger Finger als sechs,

dafür mehr als vier.

 

Ein Wunder, so weit man schauen kann:

die allgegenwärtige Welt.

 

Ein beiläufiges Wunder, beiläufig wie alles:

was undenkbar ist – ist denkbar.

 

Aus: Wisława Szymborska (1923–2012), Hundert Freuden (1996)

An das pilgernde Volk Gottes in Deutschland

von Papst Franziskus

„Ohne neues Leben und echten, vom Evangelium inspirierten Geist, ohne Treue der Kirche gegenüber ihrer eigenen Berufung wird jegliche neue Struktur in kurzer Zeit verderben“ (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 26).

Deshalb kann der bevorstehende Wandlungsprozess nicht ausschließlich reagierend auf äußere Fakten und Notwendigkeiten antworten, wie es zum Beispiel der starke Rückgang der Geburtenzahl und die Überalterung der Gemeinden sind, die nicht erlauben, einen normalen Generationenwechsel ins Auge zu fassen. Objektive und gültige Ursachen würden jedoch, werden sie isoliert vom Geheimnis der Kirche betrachtet, eine lediglich reaktive Haltung – sowohl positiv wie negativ – begünstigen und anregen. Ein wahrer Wandlungs­prozess beantwortet, stellt aber zugleich auch Anforderungen, die unserem Christ-Sein und der ureigenen Dynamik der Evangelisie­rung der Kirche entspringen; ein solcher Prozess verlangt eine pastorale Bekehrung. Wir werden aufgefordert, eine Haltung einzunehmen, die darauf abzielt, das Evangelium zu leben und transparent zu machen, indem sie mit „dem grauen Prag­matismus des täglichen Lebens der Kirche bricht, in dem anscheinend alles normal abläuft, aber in Wirklichkeit der Glaube nachlässt und ins Schäbige absinkt“ (Evangelii gaudium, 83). Pastorale Bekehrung ruft uns in Erinnerung, dass die Evangelisierung unser Leit­kriterium schlechthin sein muss. Die so gelebte Evangelisierung ist keine Taktik kirchlicher Neupositionierung in der Welt heute, oder kein Akt der Eroberung, der Dominanz oder territorialen Erweiterung; sie ist keine „Retusche“, die die Kirche an den Zeitgeist anpasst, sie aber ihre Origina­lität und ihre prophetische Sendung verlieren lässt. Auch bedeutet Evangelisierung nicht den Versuch, Gewohnheiten und Praktiken zurück­zugewinnen, die in anderen kulturellen Zusammenhängen einen Sinn ergaben. Nein, die Evangeli­sierung ist ein Weg der Jüngerschaft in Antwort auf die Liebe zu Dem, der uns zuerst geliebt hat (vgl. 1 Joh 4,19).

Ich möchte euch zur Seite stehen und euch begleiten in der Gewissheit, dass, wenn der Herr uns für würdig hält, diese Stunde zu leben, Er das nicht getan hat, um uns angesichts der Herausforderungen zu beschämen oder zu lähmen. Vielmehr will er, dass Sein Wort einmal mehr unser Herz herausfordert und entzündet, wie Er es bei euren Vätern getan hat, damit eure Söhne und Töchter Visionen und eure Alten wieder prophetische Träume empfangen (vgl. Joel 3,1).

 

Aus dem Schreiben von Papst Franziskus an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland, 29. Juni 2019

Hier finden Sie das vollständige Dokument.

Wege aus der Bedrängnis

von S. Almekias-Siegl

Die klassische jüdische Reaktion auf Katastrophen ist Lebenserneuerung. Es gehört zur Wesensart des Volkes Israel, das Andenken an seine Erfolgs- wie seine Leidensgeschichte zu bewahren, um daraus Hoffnung für die Zukunft zu entwickeln.

Man könnte zugespitzt sagen: Israels Zurückdenken bringt es nach vorne. Erinnerung ist der Schlüssel für die Zukunft des Volkes Israel. Wie die Erprobung stattfand, so wird auch die Erlösung geschehen. Die vergangenen Katastrophen haben die jüdische Gemeinschaft zweifellos niedergeschmettert, aber auf paradoxe Weise auch gestärkt. Diese innere jüdische Bewegung und Dynamik bringt eine russische Volkserzählung gut zum Ausdruck:

Als Napoleon bei seinem Feldzug gegen Russland durch ein kleines jüdisches Schtetl zog, äußerte er den Wunsch, die Synagoge von innen zu sehen. Zufällig war dieser Tag der 9. Aw, und die Juden saßen in der Finsternis auf dem Boden, in Wehklagen und Gebet. Als man Napoleon erklärt hatte, dass der Grund ihrer Klage die Verwüstung des Tempels war, fragte er: „Wann ist das passiert?“ „Vor 2000 Jahren“, sagte man ihm. Als er das hörte, erklärte der Kaiser: „Ein Volk, das in der Lage ist, 2000 Jahre lang die Erinnerung an sein Land zu bewahren, wird sicher den Weg zur Heimkehr dorthin finden.“

Aber vergessen wir an dieser Stelle eines nicht: Es handelt sich hierbei um keinen Automatismus. Das Fasten und Gedenken des Vorherigen allein genügt nicht. Denn Hass und Unfrieden haben zum Verlust des Tempels geführt. Das Fasten muss von einem alltäglichen Umgang der Kinder Israels in der Wahrheit und im Frieden miteinander begleitet sein, wenn es denn tatsächlich zu einem Wandel von traurigen zu erneuerten fröhlichen Tagen kommen soll.

 

Aus: Jüdische Allgemeine, 18.07.2019, Artikel von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl

https://www.juedische-allgemeine.de/religion/wege-aus-der-bedraengnis/