„Das Christentum ist jeden Augenblick noch möglich.“ F. Nietzsche

 

 

 

Beim Barte des Feministen!

Das Gerüst des Innsbrucker Doms ziert derzeit eine 56 Quadratmeter große politische Botschaft: „Solange Gott einen Bart hat, bin ich Feminist“. Den Spruch am Dom zu St. Jakob wählte eine Innsbrucker Künstlerin zusammen mit dem Bischof und dem Generalvikar aus.

Der Jude und Philosoph Baruch Spinoza erkannte und schrieb, dass Gott, wenn er Gott ist, überhaupt in keinem Fall von Worten nach menschlichen Maßstäben zu beschreiben ist. Wir Menschen haben menschliche Vorstellungen, daher könne jeder Begriff nur eine nicht zutreffende Vorstellung von Gottes unendlicher Größe und Andersheit geben. Freilich hat ein Jude überhaupt kein Bild von Gott erlaubt und selbst seinen Namen nicht genannt. Diese Aufklärung wird schon Mose zugesprochen. luw

Das Zeitfenster

19. August 2018, 20. Sonntag im Jahreskreis B

Lebensmittel haben ein Ablaufdatum. Auch die Zeit, seinem Leben eine Ausrichtung zu geben, ist begrenzt.

Alles liegt daran, das Gehörte so zu verinnerlichen, als wäre es ein Lebens-Mittel. Denn die sonntäglichen Schriftlesungen werden vorgelesen, um ihre Wirksamkeit zu entfalten, den Mitfeiernden an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit eine neue Ausrichtung zu geben: Die kurze verfügbare Lebenszeit öffnet sich etwas Größerem. ruk

Eph 5,15-20

Achtet also sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht wie Toren, sondern wie Kluge! Nutzt die Zeit, denn die Tage sind böse. Darum seid nicht unverständig, sondern begreift, was der Wille des Herrn ist! Berauscht euch nicht mit Wein – das macht zügellos –, sondern lasst euch vom Geist erfüllen! Lasst in eurer Mitte Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder erklingen, singt und jubelt aus vollem Herzen dem Herrn! Sagt Gott, dem Vater, jederzeit Dank für alles im Namen unseres Herrn Jesus Christus!

Religionslos-weltlich

von D. Bonhoeffer

Die zu beantwortenden Fragen wären doch: was bedeutete eine Kirche, eine Gemeinde, eine Predigt, eine Liturgie, ein christliches Leben in einer religionslosen Welt?

Wie sprechen wir von Gott – ohne Religion, das heißt eben ohne die zeitbedingten Voraussetzungen der Metaphysik, der Innerlichkeit etc. etc.? Wie sprechen – oder vielleicht kann man eben nicht einmal mehr davon ‚sprechen‘ wie bisher – wir ‚weltlich‘ von ‚Gott‘, wie sind wir ‚religionslos-weltlich‘ Christen, wie sind wir Herausgerufene, ohne uns religiös als Bevorzugte zu verstehen, sondern vielmehr als ganz zur Welt Gehörige? Christus ist dann nicht mehr Gegenstand der Religion, sondern etwas ganz anderes, wirklich Herr der Welt.

 

Aus: Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung. Briefe aus der Haft (1944)

Das Ich und der Andere

12. August 2018, 19. Sonntag im Jahreskreis B

Was ist das Innerste der Gebote? Diese Frage wurde schon in biblischer Zeit gestellt und erörtert. Die Lesung aus dem Brief an die Gemeinde in Ephesus beschreibt es mit den Worten: „Ahmt Gott nach“.

Das Ureigene Gottes aber, das dann nachzuahmen wäre, ist sein Ausgerichtetsein auf ein Gegenüber. Auf eines, das nicht er selbst, sondern eben ganz anders ist. Das war seine Triebfeder, wenn man das so sagen kann, den Kosmos zu schaffen, die Welt, den Menschen. Die Materie ist das ganz Andere als er, der purer Geist ist. Wegen dieser Andersheit ist sie seine Freude – die Welt mit uns Menschen. Diesen Gott nach­zuahmen hieße dann für uns, ausgerichtet zu sein auf das unserem Ich Andere, Fremde. Genauer, an der Andersheit des Nächsten nicht Anstoß zu nehmen und sie abzutun, sondern sie als Ursache unserer Freude zu begreifen. bek

Eph 4,30 – 5,2

Beleidigt nicht den Heiligen Geist Gottes, dessen Siegel ihr tragt für den Tag der Erlösung. Jede Art von Bitterkeit, Wut, Zorn, Geschrei und Lästerung und alles Böse verbannt aus eurer Mitte! Seid gütig zueinander, seid barmherzig, vergebt einander, weil auch Gott euch durch Christus vergeben hat. Ahmt Gott nach als seine geliebten Kinder, und liebt einander, weil auch Christus uns geliebt und sich für uns hingegeben hat als Gabe und als Opfer, das Gott gefällt.

Homo sum

von F. Hölderlin

Die Besten unter den Deutschen meinen meist noch immer, wenn nur erst die Welt hübsch symmetrisch wäre, so wäre alles geschehen.

 

Ich glaube nämlich, dass sich die gewöhnlichsten Tugenden und Mängel der Deutschen auf eine ziemlich bornierte Häuslichkeit reduzieren.

 

Der Horizont der Menschen erweitert sich, und mit dem täglichen Blick in die Welt entsteht und wächst auch das Interesse für die Welt. So wächst überhaupt die Kraft und Regsamkeit der Menschen in eben dem Grade, in welchem sich der Kreis des Lebens erweitert, worin sie mitwirkend und mitleidend sich fühlen.

 

Vor allen Dingen wollen wir das große Wort, das homo sum, nihil humani a me alienum puto [„Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches, denk ich, ist mir fremd“, ein geflügeltes Wort bei Terenz, Cicero, Seneca, Augustinus] mit aller Liebe und allem Ernste aufnehmen; es soll uns nicht leichtsinnig, es soll uns nur wahr gegen uns selbst, und hellsehend und duldsam gegen die Welt machen.

 

Aus: Friedrich Hölderlin (1770–1843), Sämtliche Werke und Briefe (1921)

Theologica Nr. 5

Elio Guerriero, Benedikt XVI. – Die Biografie. Eine Buchvorstellung

Im September 2016 ist in Italien eine von Elio Guerriero verfasste Biografie von Papst Benedikt XVI. erschienen mit dem Titel Servitore di Dio e dell´umanità. La biografia di Benedetto XVI. Das Buch löste nicht nur beim Gewürdigten Freude und Zustimmung aus, es fand auch landesweit ein starkes Echo.

Auch der Lehrstuhl für die Theologie des Volkes Gottes an der Lateran-Universität in Rom konnte den Autor im Frühjahr 2017 für eine Seminarveranstaltung gewinnen. Bei uns in Deutschland ist das Interesse an dieser Biografie bislang überschaubar; Frankfurter Allgemeine Zeitung und Die Welt veröffentlichten zwar wohlmeinende Rezensionen, die Resonanz insgesamt blieb eher verhalten. Den Freunden und Gästen der Katholischen Integrierten Gemeinde, die Elio Guerriero bei einer festlichen Soirée erlebten und hörten, konnte er vermitteln, welcher Zeitgenossenschaft sie gewürdigt sind.

 

Theologica Nr. 5 · Elio Guerriero, Benedikt XVI. – Die Biografie. Eine Buchvorstellung

‚Spricht‘ Gott?

von L. Weimer

Im Interview-Buch Joseph Ratzingers „Gott und die Welt“ heißt es an einer Stelle: „Die Sprache Gottes ist leise. Aber er gibt uns vielerlei Winke.“ (S. 14) Was meint der Theologe Ratzinger damit?

Eigentlich ‚spricht‘ Gott nicht, er zeigt dem aufmerkenden Menschen aber etwas durch Ereignisse, er spricht zum Herzen und bewegt das Gewissen von Menschen. In dieser Weise handelte Gott am Menschen und in der Geschichte. Die wachen und begabten Gläubigen verstanden sich darauf, sein Handeln so zu artikulieren, dass es sich zu einer mitteilbaren Anrede formte. Das Entscheidende war mithin, Gottes Wollen herauszuhören, das Verstehen seiner Gedanken, seines helfenden Rates, seiner Weisung. Die Sammlung der in weit über tausend Jahren erhorchten Reden Gottes haben wir in der Bibel vor uns. Die Kirche hat dies zum Kanon, d.h. zum bleibend gültigen Richtmaß für alles erklärt, was in den weiteren 2000 Jahren an Erfahrungen hinzugekommen ist.

Aus: Ludwig Weimer, „Und Gott war das Wort.“ Wie können wir ihn heute hören? Die Antwort Joseph Ratzingers, in: Theologica Nr. 2 (2016)

 

Gertraud Wallbrecher

„Die Dinge Gottes verdienen Eile.“

Gertraud Wallbrecher (1923–2016) mit Papst Benedikt XVI., 23. Februar 2006 (Fotografia Felici)

 

„Gott tut nichts als fügen“, war ein Lieblingssatz von Johannes Joachim Degenhardt, was so viel heißt wie: Er will nicht selbst in den Lauf der Dinge eingreifen; er schafft Konstellationen; es öffnen sich Zeitfenster; es ergeben sich Vorlagen, die darauf warten, als Steilvorlagen erkannt und genutzt zu werden. Einen ähnlichen Gedanken entfaltete der jüdische Philosoph Hans Jonas in seiner Rede zum „Gottesbegriff nach Auschwitz“: Gott begibt sich der Macht der Einmischung in die Dinge der Welt; er antwortet darauf nicht „mit starker Hand und ausgestrecktem Arm“, sondern „mit dem eindringlich-stummen Werben seines unerfüllten Zieles“.

Johannes Joachim Degenhardt war 1949 Trauzeuge bei der Eheschließung seines Jugendfreundes Dr. Herbert Wallbrecher mit Gertraud Weiß; später wurde er Erzbischof von Paderborn, 1978 war er der Bischof, der zusammen mit Kardinal Joseph Ratzinger die Integrierte Gemeinde kirchlich anerkannte.

Im Frühjahr 1968 wurde über die Intergierte Gemeinde, die sich wesentlich der Initiative von Herbert und Gertraud Wallbrecher verdankt, erstmals in der KNA, dem katholischen Nachrichten-Organ, berichtet unter dem Titel „Avantgarde oder Sekte?“. Was sich da in den zwanzig Jahren seit Kriegsende und der Katastrophe der Shoah entwickelt hatte, war nicht so leicht einzuordnen. Als Anfang der 70er Jahre der Humanist und Agnostiker Gerhard Szczesny näher mit der Gemeinde in Berührung kam und sich daraus ein freundschaftliches Interesse entwickelte, stellte er nach der ersten Begegnung erstaunt fest: „Es war das erste Mal, dass ich mich in einer Gemeinschaft von Menschen, die sich ausdrücklich als Christen verstanden wissen wollen, wirklich wohl, d. h. unbefangen und normal gefunden habe.“ Bei einer späteren Gelegenheit sagte er: „Bei euch ist alles so anders: Ich kann mir nicht vorstellen, dass die katholische Kirche euch als einen Teil von sich selbst anerkennen kann.“ In demselben Sinne äußerten sich die jüdischen Freunde, religiöse und säkulare Kibbuzniks, mit denen die Gemeinde seit Mitte der 80er Jahre und dann im Rahmen des Urfelder Kreises einen regen Austausch pflegte.

 

Das Jahr 1985 markiert eine Zäsur. Das Anliegen von Gertraud Wallbrecher kam in der Mitte der Kirche an: Zu Pfingsten reiste erstmals eine größere Gruppe der Gemeinde nach Rom. Anlass war die Erhebung von Erzbischof Friedrich Wetter zum Kardinal, dem Nachfolger Kardinal Ratzingers in München; vorausgegangen war die Berufung von Joseph Ratzinger 1981 nach Rom; das Pfingstfest dort 1985 war für alle wie das Ankommen in ‚Rom‘. Hedvig Fornander, konvertierte Protestantin aus Schweden und wort- und bildgewaltige Poetin der Gemeinde, präzisierte die bei vielen Gemeindeleuten eher diffuse Bewusstseinslage in ihrem Brief an die ewige Stadt so:

„Wir suchen die Mitte und das Herz der Welt,
die Anbindung an das Verbindliche, die Norm,
das Unerlässliche, was nicht von uns selbst ist,
die größere Gemeinschaft,
das Notwendige außerhalb unseres Befindens.“

 

Anlässlich der endgültigen kirchlichen Anerkennung, die Kardinal Friedrich Wetter einige Monate später in einem Gottesdienst in Rom in St. Paul vor den Mauern aussprach, drückte Joseph Ratzinger seine Freude darüber aus, „dass Ihnen die Integration in die Kirche aller Orte und aller Zeiten nun so sichtbar geschenkt ist.“ Gertraud Wallbrecher sagte dazu, als sie einige Monate später von ihrer zweiten Israel-Reise zurückkam: „Wir haben das Fest in Rom gefeiert als Feier der Anerkennung des Willens Gottes. Wir sind jetzt nach der Realität dieser Anerkennung gefragt und darauf gestoßen worden, dass es um das eine, einzige Gottesvolk geht. Ich habe bei diesem Besuch in Israel die leidvolle Geschichte der Juden bis zum Holocaust als unsere Geschichte erlebt. Es ist furchtbar, wenn das nur die Geschichte der Juden ist und nicht auch der Christen.“

„Gott tut nichts als fügen“ und er hört nicht auf, „eindringlich-stumm um sein unerfülltes Ziel zu werben“; vielleicht hat manchmal der Himmel doch ein Einsehen.

 

Zu ihrem 80. Geburtstag schrieb Kardinal Joseph Ratzinger, rückblickend auf die turbulente Geschichte, an Gertraud Wallbrecher:

„Sie haben in der schwierigen Zeit des Dritten Reiches den Weg des Glaubens gesucht und nach dem Krieg erkannt, dass neue Wege nötig waren, um auf die Herausforderungen zu antworten, die aus unserer Welt auf den Glauben zukommen. So ist langsam in mancherlei Leiden, Brüchen und Umbrüchen die Integrierte Gemeinde gewachsen, in der Sie mit Ihren Weggefährten eine zukunftsfähige Form christlicher und kirchlicher Existenz zu verwirklichen versuchen. … Als das Wesentliche an Ihrem Mühen sehe ich es an, dass Sie immer an der Katholizität als entscheidender Grundbedingung für das Wesen der Gemeinde festgehalten und damit immer auch die Einordnung in die bischöfliche Verfasstheit der Kirche als unverzichtbar erkannt haben. Dafür möchte ich Ihnen heute ausdrücklich danken.“

Wie sagte Papst Benedikt XVI. in der Ansprache am Fest Mariä Himmelfahrt in Castel Gandolfo, 2011:
„Die Dinge Gottes verdienen Eile. Mehr noch: Die einzigen Dinge auf der Welt, die Eile verdienen, sind jene Gottes, weil sie dringend für unser Leben sind.“

Die letzten Jahre der durch Alter und Krankheit bedingten „abwesenden Anwesenheit“ von Gertraud Wallbrecher waren eine Einladung an alle, die das Privileg ihrer Zeitgenossenschaft hatten, sich des Vermächtnisses zu vergewissern und seinem eindringlich-stummen Werben demütig, klug, beherzt und mit großer Zuversicht zu antworten.

 

Lesen Sie mehr in Theologica 3: ‚Teologa‘ del popolo di Dio. Gertraud Wallbrecher (1923–2016)

Die Welt und die Maske

Die Gesichtszüge einer Frau, die im öffentlichen Raum eingeschlafen war, erschienen im milden Abendlicht plötzlich wunderschön. Aber es war nicht das Licht.

Der Unterkiefer war nicht mehr vorgeschoben, die vielen widerstrebenden Gefühle um die Mundpartie verschwunden, der allzu gezwungen forsche Blick geschlossen. Die ganze Anspannung, der Welt eine Grimasse schneiden zu müssen, hatte für einen paradiesischen Moment nachgelassen.

Der Schlaf, ein letztes Refugium vor der Multi-Perspektivität der Torschuss-Szenen im Leben des selbstoptimierten Individuums – spendet Ruhe selbst im Standort des Betrachters. ses

Zur Information

von N. Postman

Die Informationsschwemme führt auch zu einem wachsenden Gefühl von Ohnmacht. Die Nachrichtenmedien berichten uns über die Probleme im Nahen Osten, wir hören von der Zerstörung der Ozonschicht und der Vernichtung der Regenwälder. Wird nun von uns erwartet, dass wir selber etwas unternehmen?

Die meisten von uns können bei der Lösung solcher Probleme nicht aktiv werden, und so wächst bei den Menschen ein Gefühl der Passivität und Unfähigkeit, das unweigerlich in ein verstärktes Interesse an der eigenen Person mündet. Wenn man in der Welt nichts auszurichten vermag, kann man doch zumindest sich selbst verändern. Man kann abnehmen, man kann sich die Haare anders färben, man kann die Form der eigenen Nase oder die Größe der eigenen Brüste verändern. Daraus, dass man tausend Dinge kennt und weiß und nicht imstande ist, Einfluss auf sie zu nehmen, erwächst ein eigenartiger Egoismus. Schlimmer: Die meisten Menschen glauben immer noch, Information und immer mehr Information sei das, was die Menschen vor allem benötigten. Die Information bilde die Grundlage all unserer Bemühungen um die Lösung von Problemen. Aber unsere wirklich ernsten Probleme erwachsen nicht daraus, dass die Menschen über unzureichende Informationen verfügen. Wenn es zu einer Nuklearkatastrophe kommt, dann nicht wegen unzulänglicher Information. Wo Menschen verhungern, geschieht das nicht wegen unzureichender Information. Wenn Familien zerbrechen, wenn Kinder misshandelt werden, wenn zunehmende Kriminalität eine Stadt terrorisiert, wenn sich das Erziehungswesen als ohnmächtig erweist, so nicht wegen mangelnder Information, sondern weil wir kein zureichendes Bewusstsein davon entwickeln, was sinnvoll und bedeutsam ist.

Aus: Neil Postman, Wir informieren uns zu Tode (DIE ZEIT, 2.10.1992)

Christopher Mwoleka

Die Frage nach der Form christlichen Lebens

 „Come to Africa!“

Foto: Bischof Christopher Mwoleka 1978 im Gemeindezentrum der KIG: „Come to Africa!“

 

Christopher Mwoleka, 1927–2002, Bischof der Diözese Rulenge, Tansania, 1969–1996

 

„Jahrhundertelang war das Leben der Christen geteilt zwischen dieser Welt und der kommenden Welt nach dem Tod. Jetzt ist die Zeit gekommen, das eine einzige Leben zu leben, das Neue Leben des Menschen in Christus, das jetzt beginnt und nach dem Tod weitergeht; wir beginnen das ewige Leben hier und jetzt.“
„Jahrhundertelang stand das Salz neben dem Teller. Jetzt ist die Zeit gekommen, das Salz auf den Teller zu streuen, damit das Gericht Geschmack bekommt.“

Als Christopher Mwoleka Anfang der 70er Jahre solche programmatischen Thesen verbreitete – von zehn ähnlichen sind hier nur zwei zitiert –, war er in Tansania und darüber hinaus bekannt als der „barfüßige Bischof“ und als „Ujamaa-Bischof“ – viel bewundert und auch belächelt. In der rhetorischen Zuspitzung „jahrhundertelang – jetzt“ ist eine Spannung abgebildet, die seine Biographie bestimmte, sie charakterisierte auch das politische Umfeld seines Landes, das gerade erst (1961) unter dem katholisch sozialisierten Präsidenten Julius Nyerere die Unabhängigkeit erreicht hatte.

In jenen Jahren stand der Marxismus/Sozialismus hoch im Kurs und war unangefochten. Es begannen die Pilgerfahrten – auch deutscher Theologen – nach Südamerika zu den Basisgemeinden, nach Nicaragua; Che Guevara, Mao und Ho Chi Minh waren weltweit verehrte Ikonen. Noch die Männer des „Prager Frühlings“ (1968) erstrebten einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“. Erst 1974, als Alexander Solschenizyns Archipel Gulag publik wurde, setzte langsam eine kritische Wertung ein.

Julius Nyerere war ganz auf der Höhe der Zeit, als er drei Jahre nach dem Zusammenschluss von Tanganjika und Sansibar zur Vereinigten Republik Tansania in der Arusha Deklaration (1967) eine Art afrikanischen, auch christlich inspirierten Sozialismus auf der Basis afrikanischer Traditionen (Gemeinschaft) als Weg zum Aufbau eines Staatswesens (building of the nation) festschrieb: Ujamaa. Den über hundert Stämmen mit ihren je eigenen Sprachen verordnete er Kiswahili als gemeinsame Sprache, suchte den herkömmlichen Tribalismus zu entschärfen; es gelang ihm eine Befriedung des Landes. Lateinamerikanische Missionare waren ihm lieber als europäische. Dom Helder Camaras Manifest Gospel and Revolution ließ er verbreiten.
Christopher Mwoleka, seit 1969 Bischof von Rulenge, sah in der Ujamaa-Idee eine ideelle und praktische Anknüpfung (christian ideas realized by tanzanian way: work together, live together). Als Bischof arbeitete er regelmäßig in dem Ujamaa-Dorf Nyabihanga mit, ging barfuß aufs Feld und teilte das Leben der Dorfbewohner.

„Ujamaa-Bischof“ und „barfüßiger Bischof“ ist nur die halbe Wahrheit. Personen, die mit ihm nach Nyabihanga gingen, berichteten, er habe noch einen anderen Namen für dieses Ujamaa-Dorf: Rivo Torto, der Name für einen verlassenen Schuppen in der Ebene nahe Assisi, wo Franziskus und seine Gefährten zuerst Unterschlupf fanden. Ujamaa war für ihn Antrieb, über den sozialistischen Ansatz hinaus die Frage nach dem genuinen Fundament und der Form christlichen Lebens wach zu halten. Franz von Assisi bot einen Anhalt, auch die Theologie. Oft wiederholte er: God´s nature is sharing. Er war wesentlich daran beteiligt, das pastorale Konzept der Small Christian Communities zu entwickeln, das heute in Tansania als Unterteilung der Pfarreien in allen Diözesen verwirklicht ist. Mit diesem Erfahrungs- und Frage-Horizont traf er 1977 auf die Katholische Integrierte Gemeinde. Die Begegnung führte zu einer gemeinsamen Geschichte, schließlich zu einer Catholic Integrated Community in Tansania – ein Ort mehr, in seinem Geist über die Grenzen der Kontinente und Kulturen hinweg um die Gestalt des Christlichen zu ringen und sich darin gegenseitig zu ermutigen.

Petersschiffchen

Es gibt im Mittelmeer eine leuchtend blaue Quallen-Art, die an der Wasseroberfläche treibt und mit einer kleinen nach oben gerichteten silbrigen Haut segelt. Da sie keine andere Fortbewegungsmöglichkeit hat, als sich vom Wind treiben zu lassen, wird sie bei entsprechenden Windverhältnissen massenhaft an den Strand gespült, wo sie dann vertrocknet.

Wer dieses Phänomen nicht kennt, denkt beim Anblick eines dadurch blau gefärbten Strandes erst mal an Verschmutzung durch Plastikmüll. In einer Zeit, in der man solche Assoziationen noch nicht hatte und die kleine Naturkatastrophe einfach nur wunderbar erschien, bekam die Segelqualle den Namen „Petersschiffchen“. Aber den Namensgebern damals muss bewusst gewesen sein, dass das menschliche Schifflein Petri einen Vorteil hat: Es muss nicht schicksalhaft stranden und vertrocknen; dieses Schifflein kann gegen den Wind kreuzen. ses

Israel

von L. Baeck

Wenn Israel sicher unter den Völkern wird wohnen können,

dann hat sich die verheißene Zeit erfüllt,

denn dann und daran wird es sich erwiesen haben,

dass der Glaube an Gott eine lebendige Wirklichkeit geworden ist.

Aus: Leo Baeck, Das Wesen des Judentums (1921)

Unbequemes

von N. G. Dávila

Wenn er sich der christlichen Tunika und der klassischen Toga entledigt, bleibt vom Europäer nichts übrig als ein bleichgesichtiger Barbar.

 

Es gibt keine Dummheiten, die der moderne Mensch nicht imstande wäre zu glauben, sofern er damit nur dem Glauben an Christus ausweicht.

 

Der größte Irrtum besteht nicht in der These vom toten Gott, sondern im Glauben, daß der Teufel tot sei.

 

Man braucht am Atheisten nicht zu verzweifeln, solange er nicht den Menschen vergöttert.

 

Die gefährlichste Idee ist nicht die falsche, sondern die halb richtige.

 

Die modernen Theologien sind zumeist Verrenkungen von Theologen, die sich selbst ihren Unglauben nicht eingestehen wollen.

 

Der progressive Christ macht seinen Gegnern schöne Augen, damit ihm sein Glaube verziehen werde.

 

Der moderne Kleriker vergißt in seinem apostolischen Eifer, daß man die Kampfesweise der Zeit anzupassen hat, nicht aber die Botschaft.

 

Aus: Nicolás Gómez Dávila, Scholien (2006)