„Das Christentum ist jeden Augenblick noch möglich.“ F. Nietzsche

 

 

 

Hedvig Fornander

„Die Erde ist nicht ganz ohne dieses Stück Himmel“

Foto: Hedvig Fornander (1937–1989)

 

Anlässlich ihrer Firmung am 1. Mai 1981 durch Kardinal Johannes Joachim Degenhardt in Paderborn beschrieb Hedvig Fornander, Musikerin und Lyrikerin, ihren bisherigen Weg. Seit 1962 gehörte sie als Gründungsmitglied zu der Gruppe, aus der 1968 die Katholische Integrierte Gemeinde herausgewachsen ist.

 

In Schweden geboren, lernte ich das Christentum in der dortigen evangelisch-lutherischen Kirche kennen. Doch da meine Eltern immer mehr den Glauben verloren und ich beim Heranwachsen nirgendwo einen Ort fand, wo ich glauben konnte, wurde die Frage nach dem Glauben für mich zu einem quälenden Problem. Ich habe eine lange Zeit die Welt als ganz ‘autonom’ erlebt, aber ich konnte mich nicht darauf ‘ausruhen’. Ich sah überall Spuren von etwas, was doch Wirklichkeit haben und auch mich verpflichten müsse, aber eine undurchdringliche Mauer machte die Erfahrung dieser Wirklichkeit und meine Antwort darauf unmöglich.

Mit zweiundzwanzig Jahren, nach einem angefangenen Sprach- und später Musikstudium, kam ich nach Deutschland. Warum? Deutschland war für mich das Land der Musik und das Land, wo Martin Luther geboren ist. Hier nahm ich, getrieben von der Wurzellosigkeit in jeder Hinsicht, das Suchen auf und lernte – es war 1962 – in München den damaligen ‘Goergen-Kreis’ kennen, aus dem später die Katholische Integrierte Gemeinde hervorgegangen ist. Hier fand ich zum ersten Mal einen Ort, wo auch ich den Glauben lernen konnte. 1966 bin ich zum katholischen Glauben konvertiert, im Jahr darauf vollendete ich mein Musikstudium.

Hier in München hatte ich nun meine ‘neue Familie’ und meine Heimat gefunden, d. h ich habe die Kirche gefunden, den Ort, der für mich eine unbekannte Insel, eine verschlossene Pforte war, wie sie es für die meisten Menschen in meinem Heimatland vielleicht überhaupt ist.

Wieweit diese Entfremdung in meinem Heimatland schon Realität ist, ging mir bei meiner Reise dorthin im Herbst vor anderthalb Jahren nochmals deutlich auf, als ich Stockholm besuchte. Ich ging durch die Straßen nicht weit vom Hauptbahnhof. In der Fußgängerzone hatte eine Frau Posten bezogen. Aufgetakelt, schon älter, mit knallroten Haaren, sang sie zur Begleitung einer elektronischen Orgel, die sie selbst spielte, auf eine schwedisch-amerikanische Art Lieder von dem süßen Jesus und den Himmelspforten aus Edelstein dröhnend in den Lautsprecher. Die Leute schlenderten vorbei – und waren vielleicht nicht einmal verletzt von der erniedrigenden Hässlichkeit des Auftritts, von der Verramschung des Namens Christi. Weil – so kommt es mir vor – wo der Glaube nicht mehr als Wirklichkeit erlebt wird, wo die ‘Welt’ sich selbst regiert, auch das Gefühl immer mehr dafür verschwindet, dass es etwas Schutzbedürftiges ist, dass so etwas wie eine höchste Schönheit existiert.

Heute weiß ich um die Wirklichkeit der Kirche und wie der Glaube von Person zu Person lebendig weitergegeben wird. Ich habe lernen dürfen, was Tradition ist. Dass es heute für mich eine ‘Gemeinschaft der Glaubenden’ gibt, ein ganzes Volk, das ich mit meinem Stolz und meiner Liebe lebendig umfassen kann und wo sich die Bedeutung des Wortes ‘Glauben’ in etwas ganz Handgreifliches verwandelt, ist für mich das ganz Unfassbare.

 

 

Ein Gedicht von Hedvig Fornander

 

Ohne Freude,
mit Sorge begrüßt die Welt dich,
vorrückende Zeit.

 

Doch aus der Angst geholt wurden wir
die wir leben in der Zeit der Wunder

 

 

Weitere Gedichte von Hedvig Fornander

 

 

Nicht das ist wichtig
dass du gesucht hast

oder dass du überhaupt nicht gesucht hast.

Anlass zum Zittern

ist das Gefundene.

 

So ist der Erdball nicht Erdball

sondern Fundstelle.

 

Zu beneiden sind nicht die Ölmilliardäre

sondern einzig die Hirten

 

 

* * *

 

 

Der Brief mit der unerhörten neuen Nachricht
kam in einem Umschlag ohne Adresse

 

die einen sagten

„wir sind nicht gemeint“

 

da machten wir den Brief auf

den niemand haben wollte

 

 

* * *                         

 

 

bei dem Zusammentreffen von Föhn
Stoßverkehr

Zahnschmerzen

ist nicht viel zu machen

 

bei dem Zusammentreffen von Petroleum

Eier
Sägemehl

gibts keinen Kuchen

 

Bei dem Zusammentreffen von dir, dir und mir

– wenig drin

wir aber wurden zusammengerufen

 

 

                

* * *

 

 

Was übrig blieb

wurde verwendet

alles was da war

nicht einmal das Beste

 

nun hieß es

Sauerteig

 

                

* * *

 

 

Zuerst kamen wir mit vollen Segeln daher

mit flatternden Fahnen, mit großem Gepäck –

Du ließest uns zusammenschrumpfen.

 

Vielleicht wird am Ende von jedem von uns

nur ein Korn übrig sein –

ein Weizenkorn

das in die Erde fällt.

 

Nicht so

21. Oktober 2018, 29. Sonntag im Jahreskreis B

Was im heutigen Evangelium verhandelt wird, könnte man mit „die Alternative“ übersetzen. Aber das geht eigentlich nicht, es gibt ja schon eine Partei, die das Wort für sich reklamiert, wenigstens für unser Land.

Dem Leser der Evangelien begegnen Jakobus und Johannes, die Zebedäussöhne, zusammen mit Petrus öfter als die drei, die Jesus bevorzugt, so wenn er auf den Berg der Verklärung steigt. Offenbar ist ihnen das zu Kopf gestiegen und sie melden vorsorglich ihre Wünsche auf die Ehrenplätze an, die sie aus ihrer Nähe zu Jesus ableiten. Sie täuschen sich. Alle Zwölf müssen umdenken. Sie haben nichts verstanden, auch wenn sie schon einige Zeit mit Jesus unterwegs waren. Erst später geht ihnen auf: Er hat das Fundament für ein anderes Leben gelegt. Eine Alternative für viele. ars

Mk 10,35-45

Da traten Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, zu Jesus und sagten: Meister, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst. Er antwortete: Was soll ich für euch tun? Sie sagten zu ihm: Lass in deiner Herrlichkeit einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen! Jesus erwiderte: Ihr wisst nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde? Sie antworteten: Wir können es. Da sagte Jesus zu ihnen: Ihr werdet den Kelch trinken, den ich trinke, und die Taufe empfangen, mit der ich getauft werde. Doch den Platz zu meiner Rechten und zu meiner Linken habe nicht ich zu vergeben; dort werden die sitzen, für die es bestimmt ist. Als die zehn anderen Jünger das hörten, wurden sie sehr ärgerlich über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus sie zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und ihre Großen ihre Macht gegen sie gebrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.

Zuversicht

Ein fröhliches Grillfest mit ehemaligen Kollegen über den Dächern von München. Mit dabei ist auch ein dreißigjähriger Syrer, der als Reinigungskraft in der Firma arbeitet und seit vier Jahren in Deutschland lebt.

Er erzählt stolz, dass er als aramäischer Christ die Sprache spricht, die Jesus damals gesprochen hat. Als der IS seiner Familie die Häuser und Geschäfte wegnahm, floh er aus Damaskus. Wir unterhalten uns über die Schwierigkeiten der Flüchtlinge, die verschiedenen religiösen Hintergründe und die politischen Probleme. Ich frage ihn nach seiner Meinung, wie es bei den vielen Herausforderungen weiter gehen könnte. Darauf er gelassen: „Weißt du, solange zwei oder drei in Seinem Namen beisammen sind, mache ich mir keine Sorgen.“ heg

Herausforderung

von J. Sacks

Sinn erwächst nicht aus Denksystemen, sondern aus Geschichten, und die jüdische Geschichte ist die ungewöhnlichste von allen.

Sie sagt uns, dass Gott uns zu Seinen Partnern im Schöpfungswerk machen wollte, wir aber haben Ihn immer wieder enttäuscht. Doch Er gibt nie auf. Er verzeiht uns immer wieder. Für das Judentum ist das wahre religiöse Geheimnis nicht unser Glaube an Gott, sondern der Glaube Gottes an uns. Das ist keine tröstliche Fiktion, wie Atheisten und Skeptiker manchmal behaupten, sondern das genaue Gegenteil. Das Judentum ist der Appell Gottes an die menschliche Verantwortung, eine Welt zu erschaffen, die ein würdiges Zuhause für Seine Anwesenheit ist.

 

Aus: Jonathan Sacks, Vom Schicksal zum Glauben, Jüdische Allgemeine, 9. September 2018

Interview

Die Katholische Integrierte Gemeinde

Am 27. August 2018 sendete Radio Horeb ein Interview mit Dr. Peter Zitta, Mitglied der Katholischen Integrierten Gemeinde und ihrer Priestergemeinschaft.

Hören Sie hier einen Ausschnitt.

Aus dem Interview mit Dr. Peter Zitta

Mühen des Anfangs

Wie sehr Mose von vorn anfangen und ihnen das Früheste beibringen musste, das merkt man den notdürftigen Vorschriften an, mit denen er daran herumzuwerken, zu meißeln und zu sprengen begann – nicht zu ihrem Behagen; der Klotz ist nicht auf des Meisters Seite, sondern gegen ihn, und gleich das Früheste, was zu seiner Formung geschieht, kommt ihm am allerunnatürlichsten vor.

Immer war Mose unter ihnen, bald hier, bald da, bald in diesem und bald in jenem Dorflager, schüttelte die Fäuste an breiten Handgelenken und rüttelte, mäkelte, krittelte und regelte an ihrem Dasein, rügte, richtete und säuberte daran herum, indem er die Unsichtbarkeit Gottes dabei zum Prüfstein nahm, JHWH‘s, der sie aus Ägypten geführt hatte, um sie sich zum Volk zu nehmen.

 

Aus: Thomas Mann, Das Gesetz (Stockholm 1944)

Sternstunde

von Ch. Noll

Von Anfang an haben mich immer die Beziehungen der KIG zu Joseph Ratzinger interessiert, weil wir über die Jahre seine theologischen Bemühungen einer Aussöhnung, einer Wieder-Annäherung von Juden und Christentum verfolgt haben. Er ist, glaube ich, auf diesem Gebiet der radikalste Theologe, von dem ich überhaupt jemals gehört habe.

Er ist auch derjenige, der sich in der gesamten Papstgeschichte am weitesten vorgewagt hat bis zur Änderung des Katholischen Katechismus. Die gesamte Entwicklung seit Nostra Aetate haben wir mit großem Interesse miterlebt – z. T. aus den Quellen, teils auch persönlich in Rom in den Jahren, als wir dort lebten – und daran viel Anteil genommen. Ich gehöre zu den Leuten, die die Wahl Benedikts XVI. als große Sensation, als eine Sternstunde in einer ansonsten eher trübsinnigen Zeit empfunden haben. Ich bin nicht der einzige Jude, der das so gesehen hat. Die Wahl von Kardinal Ratzinger zum Papst wurde in Israel durchweg sehr positiv gesehen, auch vom Jüdischen Weltkongress. Man hatte das über Jahre miterlebt, wie weit seine Versuche gegangen waren, innerhalb der Kirche, auch im fundamentalen Schrifttum der Kirche, Judenhass für immer undenkbar zu machen.

 

Aus: Chaim Noll, Mein Judesein (HEUTE, 6/2008)

Eine Hilfe, die man nicht übersehen sollte.

Anmerkungen zur Diskussion um den Beitrag Joseph Ratzingers/Papst Benedikt XVI. „Gnade und Berufung ohne Reue“.

Nach der Welle reflexartiger Kritik, die über Joseph Ratzingers „Anmerkungen zu einem Traktat De Iudaeis“ hereingebrochen ist, fragt man sich, warum Kardinal Koch den emeritierten Papst Benedikt XVI. bewogen hat, diese Skizze zu publizieren. Der Kardinal hat – zurecht – den provokativen Zündstoff erkannt, der in diesem Beitrag liegt. ...

 

Lesen Sie hier die den vollständigen Text der Stellungnahme des Lehrstuhls für die Theologie des Volkes Gottes.

Walther Cohen

„Da es Gott gefiel, sich vor den Juden zu zeigen ...“

Foto: Walther Cohen (1928–1959)

 

Der Rabbiner Leo Baeck veröffentlichte 1905 eine Schrift „Das Wesen des Judentums“ – eine Antwort auf „Das Wesen des Christentums“ (1901) des damals prominentesten protestantischen Theologen Adolf von Harnack; darin schrieb er: „So sollte der Jude als Jude sein: der große Nonkonformist in der Geschichte“ (292).

Dass der Vater von Walther Cohen Leo Baeck gelesen hatte, ist unwahrscheinlich. Auf seinem Schreibtisch im großbürgerlichen Haus stand eine Totenmaske von Goethe neben einer Statue von Voltaire. Rudolf, Walthers jüngerem Bruder, der die Bibel lesen wollte, empfahl der Vater die Ilias. Durch den Nachnamen Cohen war die Familie positioniert, auch wenn sie vom Schlimmsten bewahrt wurde. Der Vater war Halbjude, wie man damals sagte, und verheiratet mit einer Quäkerin; 1933 schloss er sich den Quäkern an, um mit ihrem effektiven Netzwerk Häftlinge in Dachau zu versorgen und, wenn möglich, freizukaufen. Die Emigration in die Schweiz lehnte er ab.

Juden, die 1940 im Auffanglager in Berg am Laim zusammengetrieben waren, wollte Walther, damals zwölf, mit seinem Bruder eine Freude machen. Sie sammelten Laubfrösche und brachten sie ihnen. Zu Hause in der Garderobe hingen nebeneinander die HJ-Uniform seines Bruders Rudolf und seine Jacke mit dem Judenstern. Im Frühjahr 1945 sammelte Walther mit dem Bollerwagen befreite KZ-Häftlinge auf und brachte sie zur Mutter, die Ärztin war. Später wird er ein stadt- und polizeibekannter Fassadenkletterer, bricht in Villen ein, nimmt Pelzmäntel und andere nützliche Dinge mit, um sie an seine Clochards weiterzugeben. Einmal hinterlässt er einen Zettel: „Hier war ein sehr interessierter Mensch, der sich erlaubt hat, einen Keks zu nehmen.“ Zu seinem Gartenzimmer hatten Obdachlose tags und nachts Zutritt und fanden immer eine heiße Suppe und Brot. Er arbeitete als Buchbinder, Buchrestaurator, zuletzt begann er auf Drängen seiner Frau, die er kurz vor seinem Tod heiratete, eine Ausbildung zum Katecheten.

Mit 16 Jahren lässt er sich taufen, der Priester und Theologe Dr. Aloys Goergen, sein Religionslehrer, hatte ihn dazu angeregt. Später schließt er sich der Gruppe um Dr. Goergen an, als „Goergen-Kreis“ in München bekannt. Nach den Worten seines Bruders sah Walther hier erstmals „eine Chance zum Leben“, in einer Gruppe, „die auf eine fast jungfräuliche Reinheit in allem zielt. Sein Hass, Verachtung, Spott wandelten sich in Verehrung für das Christentum und speziell für Herrn Goergen.“ Aber sein Drang, alle und jeden auf die Probe zu stellen und zu unterscheiden, was an ihnen echt ist, ob ihr Leben mit ihren Worten – auch mit der schönsten Theologie – übereinstimmt, brachte ihm neue Enttäuschungen. Er starb mit 31 Jahren, Joseph Roth in manchem nicht unähnlich.

In die Gruppe brachte er Unerhörtes ein: die chassidischen Geschichten von Martin Buber, vor allem „Jesus war ein Jude und kein Christ.“ 1954, zehn Jahre, bevor vom Vaticanum II in Nostra Aetate das Verhältnis von Christentum und Judentum neu formuliert wurde, legte er eine Art Israel-zuerst-Manifest vor, beginnend mit dem Satz:
                „Da es Gott gefiel, sich vor den Juden zu zeigen,
                nicht aber vor Griechen, Römern oder einem anderen Volk …“
Seine kurze Anwesenheit war wie das Aufleuchten eines Kometen, der ein ‚Land‘ zum Vorschein brachte, das für viele eine terra incognita war: das Christentum als Lehre der Unterscheidung in der Schule Israels und des Alten Testamentes.

 

Lesen Sie hier den vollständigen Text von Walther Cohen.

Elfenbeauftragte

Mit Datum vom 6. August 2018 konnte man bei der Rheinischen Post online lesen: „Elfenbeauftragte will mit ‚energetischer Versiegelung‘ Unfälle auf A2 verhindern“.

Die Elfenbeauftragte, unklar blieb von wem beauftragt, war mit einer Tierkommunikatorin auf der A2 tätig.  Auf der Autobahn hätten sie sofort „sehr traurige Energien“ gespürt. „In einigen Fällen waren es aufgebrachte Naturwesen, die rebellierten und sich ihr Stück Natur zurückholen wollten.“ Wildschweine verursachten viele Unfälle, weil ihnen ihr Revier genommen worden sei, „Halbstarke, die auf Krawall gebürstet sind“.

Was bedeutet es in diesem Kontext, wenn Geistliche Autos, Motorräder, Hunde und anderes segnen? Wie sollen kritische Zeitgenossen das unterscheiden können? anm

Verwendet

Mit Grüßen aus einem Berghäuschen nach Bautagen in Urfeld am Walchensee

 

Verwendet

 

der Schraubendreher dreht

der Pinsel streicht

die Schere und die Sense schneiden

der Rechen recht

 

schau hin – was entsteht

 

heller, weiter Raum

sanft sich schmiegende Wiesen 

zwischen smaragdgrün und grau

ankommen und verweilen

 

der Schraubendreher dreht

der Pinsel streicht

der Bauplan lange erdacht

von Meisterhand 

 

menschen

glücklich verwendet 

zum

Umbau

drehen der Schrauben

mähen der Wiesen

rechen von Heu

hat

Religionslos-weltlich

von D. Bonhoeffer

Die zu beantwortenden Fragen wären doch: was bedeutete eine Kirche, eine Gemeinde, eine Predigt, eine Liturgie, ein christliches Leben in einer religionslosen Welt?

Wie sprechen wir von Gott – ohne Religion, das heißt eben ohne die zeitbedingten Voraussetzungen der Metaphysik, der Innerlichkeit etc. etc.? Wie sprechen – oder vielleicht kann man eben nicht einmal mehr davon ‚sprechen‘ wie bisher – wir ‚weltlich‘ von ‚Gott‘, wie sind wir ‚religionslos-weltlich‘ Christen, wie sind wir Herausgerufene, ohne uns religiös als Bevorzugte zu verstehen, sondern vielmehr als ganz zur Welt Gehörige? Christus ist dann nicht mehr Gegenstand der Religion, sondern etwas ganz anderes, wirklich Herr der Welt.

 

Aus: Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung. Briefe aus der Haft (1944)

‚Spricht‘ Gott?

von L. Weimer

Im Interview-Buch Joseph Ratzingers „Gott und die Welt“ heißt es an einer Stelle: „Die Sprache Gottes ist leise. Aber er gibt uns vielerlei Winke.“ (S. 14) Was meint der Theologe Ratzinger damit?

Eigentlich ‚spricht‘ Gott nicht, er zeigt dem aufmerkenden Menschen aber etwas durch Ereignisse, er spricht zum Herzen und bewegt das Gewissen von Menschen. In dieser Weise handelte Gott am Menschen und in der Geschichte. Die wachen und begabten Gläubigen verstanden sich darauf, sein Handeln so zu artikulieren, dass es sich zu einer mitteilbaren Anrede formte. Das Entscheidende war mithin, Gottes Wollen herauszuhören, das Verstehen seiner Gedanken, seines helfenden Rates, seiner Weisung. Die Sammlung der in weit über tausend Jahren erhorchten Reden Gottes haben wir in der Bibel vor uns. Die Kirche hat dies zum Kanon, d.h. zum bleibend gültigen Richtmaß für alles erklärt, was in den weiteren 2000 Jahren an Erfahrungen hinzugekommen ist.

 

Aus: Ludwig Weimer, „Und Gott war das Wort.“ Wie können wir ihn heute hören? Die Antwort Joseph Ratzingers, in: Theologica Nr. 2 (2016)