„Das Christentum ist jeden Augenblick noch möglich.“ F. Nietzsche

 

 

 

Wie ein aufgespannter Schirm

27. Mai 2018, Dreifaltigkeitssonntag B

Als das Volk Israel aus Ägypten aufbrach, ahnte es noch nichts von den Schwierigkeiten, die es danach zu überwinden galt. Im Rückblick viele Jahre später kommen alle zum Staunen, was das für ein Gott ist, der sie während der Wüstenwanderung geführt hat.

Auch nach Mose fanden sich immer wieder Zeitgenossen, die eine ähnliche Erfahrung machten: Sich von Gott führen lassen und dann erkennen, dass er in den entscheidenden Momenten wirksam war. Diese Geschichte ist wie ein aufgespannter Schirm und ihr Bogen reicht von Mose bis heute. Es wird der gleiche Gott gefeiert, der von Anfang an vorauszog. ruk

Dtn 4,32-34.39-40

Denn forsche doch einmal in früheren Zeiten nach, die vor dir gewesen sind, seit dem Tag, als Gott den Menschen auf der Erde erschuf; forsche nach vom einen Ende des Himmels bis zum andern Ende: Hat sich je etwas so Großes ereignet wie dieses und hat man je solches gehört? Hat je ein Volk mitten aus dem Feuer die donnernde Stimme eines Gottes reden gehört, wie du sie gehört hast, und ist am Leben geblieben? Oder hat je ein Gott es ebenso versucht, zu einem Volk zu kommen und es sich mitten aus einer anderen Nation herauszuholen unter Prüfungen, unter Zeichen, Wundern und Krieg, mit starker Hand und hoch erhobenem Arm und unter großen Schrecken, wie alles, was der HERR, euer Gott, in Ägypten mit euch getan hat, vor deinen Augen? Heute sollst du erkennen und zuinnerst begreifen: Der HERR ist der Gott im Himmel droben und auf der Erde unten, keiner sonst. Daher sollst du seine Gesetze und seine Gebote, auf die ich dich heute verpflichte, bewahren, damit es dir und später deinen Nachkommen gut geht und du lange lebst in dem Land, das der HERR, dein Gott, dir gibt für alle Zeit.

Israel

von L. Baeck

Wenn Israel sicher unter den Völkern wird wohnen können,

dann hat sich die verheißene Zeit erfüllt,

denn dann und daran wird es sich erwiesen haben,

dass der Glaube an Gott eine lebendige Wirklichkeit geworden ist.

Aus: Leo Baeck, Das Wesen des Judentums (1921)

Weltfrieden?

20. Mai 2018, Pfingstsonntag, B

„Parther, Meder und Elamiter …“ Und dann zählt die Apostelgeschichte noch weitere 13 Volksgruppen auf, die an Pfingsten in Jerusalem ein völkerübergreifendes Verstehen erleben konnten. Eine antike Form der United Nations? Für die Idee eines weltweiten Völkerverbundes im vorigen Jahrhundert brauchte es erst die Weltkriege.

Die Ursache für das Jerusalemer Verstehen ist eine andere. Eine Idee des Gottes Israels stand am Anfang und ließ es Wirklichkeit werden. Er blickte tiefer, kritischer auf die Geschichte als die Ideengeber der Vereinten Nationen und sah: Der Mensch kann weder sich selbst verstehen noch den Mitmenschen, solange er nicht erkennt, von wem er Leben und Vernunft-Geist hat. Und er suchte, fand und rief einige, die ihn verstanden und handelten: Abraham, Mose, Samuel, Ezechiel und viele andere. Ihrer Einsicht, ihrem Vertrauen und Mut verdanken sich Israel und die Kirche. Die Sache ist in einem Saal in Jerusalem mit ein paar Juden zum Ziel gekommen. Von hier ausgehend ist sogar mehr möglich als Nicht-Krieg: Friede. Sofern sich auch heute Einsichtige, Glaubende, Mutige finden lassen. bek

Apg 2,1-11

Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daher fährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. Sie waren fassungslos vor Staunen und sagten: Seht! Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören: Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadokien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Kyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten, Juden und Proselyten, Kreter und Araber – wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden.

Unbequemes

von N. G. Dávila

Wenn er sich der christlichen Tunika und der klassischen Toga entledigt, bleibt vom Europäer nichts übrig als ein bleichgesichtiger Barbar.

 

Es gibt keine Dummheiten, die der moderne Mensch nicht imstande wäre zu glauben, sofern er damit nur dem Glauben an Christus ausweicht.

 

Der größte Irrtum besteht nicht in der These vom toten Gott, sondern im Glauben, daß der Teufel tot sei.

 

Man braucht am Atheisten nicht zu verzweifeln, solange er nicht den Menschen vergöttert.

 

Die gefährlichste Idee ist nicht die falsche, sondern die halb richtige.

 

Die modernen Theologien sind zumeist Verrenkungen von Theologen, die sich selbst ihren Unglauben nicht eingestehen wollen.

 

Der progressive Christ macht seinen Gegnern schöne Augen, damit ihm sein Glaube verziehen werde.

 

Der moderne Kleriker vergißt in seinem apostolischen Eifer, daß man die Kampfesweise der Zeit anzupassen hat, nicht aber die Botschaft.

 

Aus: Nicolás Gómez Dávila, Scholien (2006)

Annemarie Berkenheier

Und dann klönen wir die ganze Ewigkeit.

Dr. Annemarie Berkenheier (1919–2010), Foto Oktober 2008

 

Auffällige Indizien für ihre Herkunft aus großbürgerlich-katholischem Milieu waren Möbel von Ausmaßen, die in keine normale Wohnung gepasst hätten; eine metergroße barocke Skulptur der Frau aus der Apokalypse; speziell: das Porträt ihres Vaters, eines in München auch als Armenarzt bekannten Mediziners – bärtig und ernst aus dem schweren Rahmen blickend, das sie in ihre erste Praxis in die Schillerstraße nahe am Hauptbahnhof mitnahm. Dort setzte sie die von ihrem Vater gelernte Behandlung von Bruchleiden fort: ohne Operation. Viele Patienten kamen deswegen zu ihr, vor allem aus dem ländlichen Raum. Manche übernachteten bei ihr, bezahlten in Naturalien. Einer überließ ihr ein Auto, das nicht fuhr, was sie nicht merkte, weil sie nie einen Führerschein besaß.

Eine bewusste und treue Mitgeherin seit der ersten Stunde. Sie nahm in ihre Praxis junge Ärzte auf und führte sie mit ihnen als Gemeinschaftspraxis weiter. Großtaten von ihr sind nicht bekannt, außer dass sie morgens einen gesunden Schlaf hatte. Ihre letzten Jahre verbrachte sie in Urfeld am Walchensee, zusammen mit ihrer Freundin Helene von Ungern-Sternberg. Von einem Nachtgespräch mit ihr erzählte sie später:

 

Eines Abends, als ich mit Helene in ihrem Zimmer vor dem Schlafengehen saß, da kamen wir auf die Zukunft und auch auf das Sterben zu sprechen. Und Helene sagte: Weißt du, Ich habe schon ein bisschen Angst vor dem Sterben; ich denke mir: Wenn ich alles verantworten soll und muss, was ich getan habe, dann weiß ich nicht … Ich habe nicht immer alles so gemacht, wie ich es machen sollte. Ich weiß nicht, was ich dann sagen und denken soll.
Und dann habe ich gesagt: Weißt du, ich denke auch an den Tod. Aber ich denke dann immer an die ewige Stadt, die vom Himmel kommt, geschmückt wie eine Braut. Wenn Gott die ewige Stadt erbaut, dann wird er am Ende der Tage da sitzen und sich einen riesigen Berg von Steinen ansehen, alle die Menschen, die dazu gehören; und dann wird er die Steine erst einmal sortieren. Er sucht sich die Edelsteine, die Halbedelsteine, dann auch solche, die leichte Kratzer haben, Spuren von Beschädigungen. Er sagt sich: Das macht nichts, die kann man einbauen. Dann sucht er sich die anderen, die vielleicht mehr beschädigt sind und sagt sich: Es gibt so viele Stellen in meiner Stadt, wo man nicht alles sehen kann, da passen sie auch noch hin und sind schön und leuchten. Und dann wird er sich die Marmorblöcke heraussuchen, die schönen, gemaserten und solche, die kleine Fehler haben, dann die Ziegelsteine, alles wird er sortieren. Und wenn er fertig ist, wird er einen großen Haufen von Steinen haben. Er wird sich sagen: Schade drum, es sind zwar lebendige Steine, aber ich muss sie wegwerfen. Auf einmal fällt ihm ein: Ich muss noch das Fundament machen; eine Stadt, wie ich sie baue, braucht ein starkes, kräftiges Fundament. Gut, wird er sagen, dass ich die Steine noch habe, die kommen alle ins Fundament, und dann gebe ich viel Mörtel dazu, das bindet sie aneinander, dass keiner allein ist. Das gibt ein starkes Fundament, und darauf baue ich meine Stadt.
Als ich von den Steinen und dem Sortieren erzählte, saß Helene mit großen, ängstlichen Augen da; als ich zu dem Fundament kam, blitzten ihre Augen und sie sagte: Ja, da hast du Recht; fürs Fundament reicht´s. Und wenn ich dann mal im Fundament sitze, werde ich rufen: Annemarie, bist du auch da? Und dann sagst du: Ja, ich bin auch da und sitze im Fundament, ganz nahe bei dir. Und dann klönen wir die ganze Ewigkeit.

 

Bevor ihr letzter Wunsch in Erfüllung ging, wollte sie noch mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Wladiwostok fahren. Ein Prozess zur Seligsprechung ist nicht eingeleitet. ars

Der zwölfte Mann

13. Mai 2018, 7. Sonntag der Osterzeit B

Die Lücke des Judas muss geschlossen werden, damit die Vollzahl der Zeugen wiederhergestellt wird. Mit Ostern ist nicht bloß eine Einsicht entstanden, die man einfach durch kluge Reden vermitteln könnte, sondern etwas, das durch das Leben bezeugt und beglaubigt werden muss.

Aus dem Mit-Sein und Mit-Leben mit Jesus entsteht ein Amt. Hier beginnt aber keineswegs ein Abfall vom ursprünglichen Leben zu starren Amtsstrukturen, ganz im Gegenteil: Bei der Auswahl der Kandidaten ist das Kriterium, dass sie „die ganze Zeit mit uns zusammen waren, als Jesus, der Herr, bei uns ein und aus ging“. Sie müssen jeden Schritt, den Jesus mit den Zwölf gegangen ist, mitgegangen sein. Dieses „mit uns zusammen“ schafft die Kontinuität mit der Zeit Jesu. Das Amt ist Mit-Leben und dieses Mit-Leben ist das Amt. tac

Apg 1,15-17.20a.c-26

In jenen Tagen erhob sich Petrus im Kreis der Brüder – etwa hundertzwanzig waren zusammengekommen – und sagte: Brüder! Es musste sich das Schriftwort erfüllen, das der Heilige Geist durch den Mund Davids im Voraus über Judas gesprochen hat. Judas wurde zum Anführer derer, die Jesus gefangen nahmen. Er wurde zu uns gezählt und hatte Anteil am gleichen Dienst. Denn es steht im Buch der Psalmen: Sein Amt soll ein anderer erhalten! Einer von den Männern, die die ganze Zeit mit uns zusammen waren, als Jesus, der Herr, bei uns ein und aus ging, angefangen von der Taufe durch Johannes bis zu dem Tag, an dem er von uns ging und in den Himmel aufgenommen wurde, – einer von diesen muss nun zusammen mit uns Zeuge seiner Auferstehung sein. Und sie stellten zwei Männer auf: Josef, genannt Barsabbas, mit dem Beinamen Justus, und Matthias. Dann beteten sie: Herr, du kennst die Herzen aller; zeige, wen von diesen beiden du erwählt hast, diesen Dienst und dieses Apostelamt zu übernehmen. Denn Judas hat es verlassen und ist an den Ort gegangen, der ihm bestimmt war. Dann gaben sie ihnen Lose; das Los fiel auf Matthias, und er wurde den elf Aposteln zugerechnet.

Neuer alter Name

von E. Guerriero

Die Namenswahl überraschte viele Kardinäle, die gewettet hätten, dass Ratzinger den Namen „Johannes Paul III.“ gewählt hätte, um die Kontinuität zu seinem Vorgänger zu betonen. Doch der neue Papst antwortete auf die im Ritual vorgesehene Frage fest entschlossen: „Benedikt“.

Nach Ansicht des neuen Papstes hatte das benediktinische Mönchtum mit seiner Ausgewogenheit zwischen Vernunft und Glaube, zwischen Recht und Liebe, Europa nicht nur feste Wurzeln gegeben, sondern ein Modell geboten, aus dem der Humanismus, die Demokratie sowie die Harmonie von Kunst und Musik hervorgegangen sind.
Papst Benedikt war kein naiver Nostalgiker und auch kein Träumer, der sich Illusionen machte, die Bedingungen wiederherstellen zu können, die zu jener Geistesströmung geführt hatten. Er wollte aber durch sein Leben jenes Gleichgewicht zwischen Vernunft und Glauben, das am Ursprung dessen stand, was die Kultur und das Denken Europas so einzigartig gemacht hatte, den Menschen erneut vor Augen führen. Das 20. Jahrhundert hatte bereits zur Genüge bewiesen, dass Europa, wenn es diesen Weg verließ, seine Strahlkraft in der Welt einbüßte. Es gab keinen Grund, nicht mit Liebe und Achtung auf die eigene Geschichte, auf die eigenen christlichen Wurzeln zu schauen – nicht um expansionistische Ziele zu verfolgen, sondern um das alte Gleichgewicht wiederzufinden, das am Ursprung von Erkenntnis und Lebensweisheit steht.

Aus: Elio Guerriero, Benedikt XVI. – Die Biografie (2018)        

Der Kornelius-Effekt

6. Mai 2018, 6. Sonntag der Osterzeit B

Das Pfingstfest am fünfzigsten Tag, wie Lukas es beschreibt, war ein Jerusalemer und ein jüdisches Ereignis: Mit Juden beginnt die Neusammlung Israels.

Diesen Sonntag wird von einem anderen Pfingsten erzählt, nicht in Jerusalem, sondern in Caesarea am Meer. Der es erlebt, ist nicht ein Jude, sondern ein römischer Offizier der dortigen Garnison mit seiner Familie, gottesfürchtige Heiden. Die Geschichte und wie es dazu kommt, ist neben der Passionsgeschichte die längste Einzelperikope des Neuen Testamentes. Wer sie ungekürzt liest, dem kommt entgegen, welche Ungeheuerlichkeit Lukas sagen will: Die Juden und Heiden trennende Mauer ist beseitigt. Um dies als schon geschehen klar zu machen, tritt gleichsam der ganze Himmel in Aktion, um den erkenntnis-resistenten Petrus von Jerusalem nach Caesarea zu bewegen. Kornelius ist der Anlass, ihm die Augen für die universale Dimension von Pfingsten zu öffnen. ars

Apg 10,1 – 11,18

In Cäsarea lebte ein Mann namens Kornelius, Hauptmann in der sogenannten Italischen Kohorte; er lebte mit seinem ganzen Haus fromm und gottesfürchtig, gab dem Volk reichlich Almosen und betete beständig zu Gott. Er sah um die neunte Tagesstunde in einer Vision deutlich, wie ein Engel Gottes bei ihm eintrat und zu ihm sagte: Kornelius! Kornelius blickte ihn an und fragte erschrocken: Was ist, Herr? Er sagte zu ihm: Deine Gebete und Almosen sind zu Gott gelangt und er hat ihrer gedacht. Schick jetzt einige Männer nach Joppe und lass einen gewissen Simon herbeiholen, der den Beinamen Petrus hat. Er ist zu Gast bei einem Gerber namens Simon, der ein Haus am Meer hat. Als der Engel, der mit ihm sprach, weggegangen war, rief Kornelius zwei seiner Haussklaven und einen frommen Soldaten von denen, die ihm treu ergeben waren. Er erzählte ihnen alles und schickte sie nach Joppe.

 

Am folgenden Tag, als jene unterwegs waren und sich der Stadt näherten, stieg Petrus auf das Dach, um zu beten; es war um die sechste Stunde. Da wurde er hungrig und wollte essen. Während man etwas zubereitete, kam eine Verzückung über ihn. Er sah den Himmel offen und eine Art Gefäß herabkommen, das aussah wie ein großes Leinentuch, das, an den vier Ecken gehalten, auf die Erde heruntergelassen wurde. Darin waren alle möglichen Vierfüßler, Kriechtiere der Erde und Vögel des Himmels. Und eine Stimme rief ihm zu: Steh auf, Petrus, schlachte und iss! Petrus aber antwortete: Niemals, Herr! Noch nie habe ich etwas Unheiliges und Unreines gegessen. Da erging die Stimme ein zweites Mal an ihn: Was Gott für rein erklärt hat, nenne du nicht unrein! Das geschah dreimal und sogleich wurde das Gefäß in den Himmel hinaufgenommen. Petrus war noch ratlos und überlegte, was die Vision, die er gehabt hatte, wohl bedeutete; siehe, da standen die von Kornelius gesandten Männer, die sich zum Haus des Simon durchgefragt hatten, am Tor. Sie riefen und fragten, ob Simon mit dem Beinamen Petrus hier zu Gast sei. Während Petrus noch über die Vision nachdachte, sagte der Geist zu ihm: Siehe, da sind drei Männer und suchen dich. Steh auf, geh hinunter und zieh ohne Bedenken mit ihnen; denn ich habe sie geschickt. Petrus stieg zu den Männern hinab und sagte: Siehe, ich bin der, den ihr sucht. Aus welchem Grund seid ihr hier? Sie antworteten: Der Hauptmann Kornelius, ein gerechter und gottesfürchtiger Mann, der beim ganzen Volk der Juden in gutem Ruf steht, hat von einem heiligen Engel die Weisung erhalten, dich in sein Haus holen zu lassen und zu hören, was du ihm zu sagen hast.

 

Da ließ er sie eintreten und nahm sie gastlich auf. Tags darauf machte er sich mit ihnen auf den Weg und einige Brüder aus Joppe begleiteten ihn. Am folgenden Tag kamen sie nach Cäsarea. Kornelius erwartete sie schon und hatte seine Verwandten und seine nächsten Freunde zusammengerufen. Als nun Petrus ankam, ging ihm Kornelius entgegen und warf sich ihm ehrfürchtig zu Füßen. Petrus aber richtete ihn auf und sagte: Steh auf! Auch ich bin nur ein Mensch. Während er sich mit ihm unterhielt, ging er hinein und fand dort viele Menschen versammelt. Da sagte er zu ihnen: Ihr wisst, dass es einem Juden nicht erlaubt ist, mit einem Nichtjuden zu verkehren oder sein Haus zu betreten; mir aber hat Gott gezeigt, dass man keinen Menschen unheilig oder unrein nennen darf. Darum bin ich auch ohne Widerspruch gekommen, als nach mir geschickt wurde. Nun frage ich: Warum habt ihr mich holen lassen? Da sagte Kornelius: Vor vier Tagen um diese Zeit war ich zum Gebet der neunten Stunde in meinem Haus; siehe, da stand ein Mann in einem leuchtenden Gewand vor mir und sagte: Kornelius, dein Gebet wurde erhört und deiner Almosen wurde vor Gott gedacht. Schick jemanden nach Joppe und lass Simon, der den Beinamen Petrus hat, holen; er ist Gast im Haus des Gerbers Simon am Meer. Sofort habe ich nach dir geschickt und es ist gut, dass du gekommen bist. Jetzt sind wir alle hier vor Gott zugegen, um all das anzuhören, was dir vom Herrn aufgetragen worden ist. Da begann Petrus zu reden und sagte: Wahrhaftig, jetzt begreife ich, dass Gott nicht auf die Person sieht, sondern dass ihm in jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist. Er hat das Wort den Israeliten gesandt, indem er den Frieden verkündete durch Jesus Christus: Dieser ist der Herr aller. Ihr wisst, was im ganzen Land der Juden geschehen ist, angefangen in Galiläa, nach der Taufe, die Johannes verkündet hat: wie Gott Jesus von Nazaret gesalbt hat mit dem Heiligen Geist und mit Kraft, wie dieser umherzog, Gutes tat und alle heilte, die in der Gewalt des Teufels waren; denn Gott war mit ihm. Und wir sind Zeugen für alles, was er im Land der Juden und in Jerusalem getan hat. Ihn haben sie an den Pfahl gehängt und getötet. Gott aber hat ihn am dritten Tag auferweckt und hat ihn erscheinen lassen, zwar nicht dem ganzen Volk, wohl aber den von Gott vorherbestimmten Zeugen: uns, die wir mit ihm nach seiner Auferstehung von den Toten gegessen und getrunken haben. Und er hat uns geboten, dem Volk zu verkünden und zu bezeugen: Dieser ist der von Gott eingesetzte Richter der Lebenden und der Toten. Von ihm bezeugen alle Propheten, dass jeder, der an ihn glaubt, durch seinen Namen die Vergebung der Sünden empfängt. Noch während Petrus dies sagte, kam der Heilige Geist auf alle herab, die das Wort hörten. Die gläubig gewordenen Juden, die mit Petrus gekommen waren, konnten es nicht fassen, dass auch auf die Heiden die Gabe des Heiligen Geistes ausgegossen wurde. Denn sie hörten sie in Zungen reden und Gott preisen. Petrus aber sagte: Kann jemand denen das Wasser zur Taufe verweigern, die ebenso wie wir den Heiligen Geist empfangen haben? Und er ordnete an, sie im Namen Jesu Christi zu taufen. Danach baten sie ihn, einige Tage zu bleiben.

 

Die Apostel und die Brüder in Judäa hörten, dass auch die Heiden das Wort Gottes angenommen hatten. Als nun Petrus nach Jerusalem hinaufkam, hielten ihm die gläubig gewordenen Juden vor: Du bist bei Unbeschnittenen eingekehrt und hast mit ihnen gegessen. Da begann Petrus, ihnen der Reihe nach zu berichten: Ich war in der Stadt Joppe und betete; da hatte ich in einer Verzückung eine Vision: Eine Art Gefäß, das aussah wie ein großes Leinentuch, das, an den vier Ecken gehalten, auf die Erde heruntergelassen wurde, senkte sich aus dem Himmel und es kam bis zu mir herab. Als ich genauer hinschaute, sah und betrachtete ich darin die Vierfüßler der Erde, die wilden Tiere, die Kriechtiere und die Vögel des Himmels. Ich hörte auch eine Stimme, die zu mir sagte: Steh auf, Petrus, schlachte und iss! Ich antwortete: Niemals, Herr! Noch nie ist etwas Unheiliges oder Unreines in meinen Mund gekommen. Doch zum zweiten Mal kam eine Stimme vom Himmel; sie sagte: Was Gott für rein erklärt hat, nenne du nicht unrein! Das geschah dreimal, dann wurde alles wieder in den Himmel hinaufgezogen. Und siehe, gleich darauf standen drei Männer vor dem Haus, in dem wir wohnten; sie waren aus Cäsarea zu mir geschickt worden. Der Geist aber sagte mir, ich solle ohne Bedenken mit ihnen gehen. Auch diese sechs Brüder zogen mit mir und wir kamen in das Haus jenes Mannes. Er erzählte uns, wie er in seinem Haus den Engel stehen sah, der zu ihm sagte: Schick jemanden nach Joppe und lass Simon, der Petrus genannt wird, holen! Er wird dir Worte sagen, durch die du mit deinem ganzen Haus gerettet werden wirst. Als ich zu reden begann, kam der Heilige Geist auf sie herab, wie am Anfang auf uns. Da erinnerte ich mich an das Wort des Herrn: Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber werdet mit dem Heiligen Geist getauft werden. Wenn nun Gott ihnen die gleiche Gabe verliehen hat wie uns, als wir zum Glauben an Jesus Christus, den Herrn, gekommen sind: Wer bin ich, dass ich Gott hindern könnte?

Kardinalfrage

von J. H. Newman

Es gibt keine Zeit, in welcher die Kirche so viele unwahre Glieder hatte, d. h. so viele Menschen, die sich als ihre Glieder erklären, wiewohl sie doch wenig oder nichts über den wirklichen Sinn dieser Gliedschaft kennen, und innerhalb ihrer Mauern bleiben, aus Gründen, die weder religiös noch richtig sind.

Um eine hierhergehörige Frage zu stellen: Was meint ihr, wie viele Verteidiger von Christi heiliger Kirche unter uns übrigbleiben, wenn es sich herausstellte, dass ihre Sache nicht die Sache der Ordnung sei, wie es heute der Fall ist, sondern die Sache der Unruhe und Störung der Ordnung, wie es war, als Christus kam und die Apostel predigten?

Aus: Kardinal John Henry Newman, Predigt in St. Mary in Oxford (31. Mai 1840)

Von der Freiheit des Seins

von J. Ratzinger

Ein schönes Wort von Mahatma Gandhi: Im Meer leben die Fische, und sie schweigen. Die Tiere auf der Erde schreien; die Vögel aber, deren Lebensraum der Himmel ist – sie singen.

Dem Meer ist das Schweigen, der Erde das Schreien und dem Himmel das Singen zu Eigen. Der Mensch aber hat Anteil an allen dreien: Er trägt die Tiefe des Meeres, die Last der Erde und die Höhe des Himmels in sich, und deswegen gehören ihm auch alle drei Eigenschaften zu: das Schweigen, das Schreien und das Singen.
Heute – so möchte ich hinzufügen – sehen wir, wie dem transzendenzlosen Menschen nur das Geschrei übrig bleibt, weil er nur noch Erde sein will und auch den Himmel und die Tiefe des Meeres zu seiner Erde zu machen versucht. Die rechte Liturgie, die Liturgie der Gemeinschaft der Heiligen, gibt ihm seine Ganzheit zurück. Sie lehrt ihn wieder das Schweigen und das Singen, indem sie ihm die Tiefe des Meeres auftut und indem sie ihn fliegen lehrt, das Sein des Engels. Rechte Liturgie singt mit den Engeln. Sie schweigt mit der wartenden Tiefe des Alls. Und so erlöst sie die Erde.

Aus: Joseph Ratzinger, Das Welt- und Menschbild der Liturgie und sein Ausdruck in der Kirchenmusik (1985)

Annahme

von S. Kierkegaard

Erhält man ein Paket, so löst man die Hülle, um zum Inhalt zu gelangen. Das Christentum war eine Gabe von Gott.

Aber, anstatt die Gabe entgegenzunehmen, hat die Christenheit sich vorgenommen, diese einzuwickeln; jede Generation hat außen einen neuen Umschlag um die anderen herumgemacht – und auf diese Weise meinte man, dem Christentum näher und näher zu kommen.

Man lebt dahin, glückselig gemacht durch die Vorstellung, dass Gott den Abstand von achtzehnhundert Jahren entfernt ist und dass die Nähe Gottes eine historische Frage bleibt.

Aus: Sören Kierkegaard, Tagebuch XI 2A, Christentum und Christenheit (1854)

Ostern

von R. Kunze

Die glocken läuteten,

als überschlügen sie sich vor freude

über das leere grab

 

Darüber, daß einmal

etwas so tröstliches gelang,

 

und daß das staunen währt

seit zweitausend jahren

 

Doch obwohl die glocken

so heftig gegen die mitternacht hämmerten –

nichts an finsternis sprang ab

 

Aus: Reiner Kunze, eines jeden einziges leben. gedichte (1986)

Was weh tut

„Mein Kampf“ im Münchner Volkstheater. Der junge Hitler wird in Wien zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom fürsorglichen Schlomo Herzl im Männerwohnheim unter die Fittiche genommen.

Erschreckend ist nicht, dass man in George Taboris Stück lacht. Erschreckend sind nicht die Anspielungen wie der glühende Ofen im anfänglich dunklen Szenenbild. Erschreckend ist zu sehen, wie machtlos vernünftige, zivilisierte Menschlichkeit und sogar gläubige Wahrheitssuche gegenüber Dummheit und Verfälschung der Wirklichkeit sein können. Zumindest wenn sie einsam sind.

Tabori endet mit einem Witz: Zwei Schächer hängen am Kreuz. Fragt der eine den andern: „Tut’s weh?“ – „Nur wenn ich lache.“ jup

Die Kirche sucht …

nach einer neuen Sprache. Zum Beispiel in einem aktuellen Konferenzprogramm:

„Spielarten diskursiver Repräsentierung des Absoluten“

„Entgrenzung des Sinns – zur auto-dekonstruktiven Dynamik im Christentum und (Nicht-)Repräsentierbarkeit des Absoluten“

„Zeigendes Sprechen. Perspektiven eines reflexiven Umgangs der Kunstgeschichte mit dem Absoluten“

„Konkreativität und ‚Analogical Imagination‘ – die Produktion von Wirklichkeit in Kunst und Theologie“

„Negativität und Transgression. Zur Produktivität des Unverfügbaren“

“Wittgenstein and the Mystical: Can Nonsense Make Sense?”

“Theologische Reflexion und narrativer Sinn. Zur Kritik der religiösen Lebensform“

Liebe miss universum, hinter solchen akademischen Nebeln verschwindest Du. Und wenn sich die Nebel einmal heben sollten – ob Du dann noch zu finden bist? pez