„Das Christentum ist jeden Augenblick noch möglich.“ F. Nietzsche

 

 

 

Von wem lernen?

22. September 2019, 24. Sonntag im Jahreskreis C

Die knapp zwei Jahre, in denen Jesus mit den Zwölf unterwegs in Israel umherging, waren eine Art wanderndes Lehrhaus; er versuchte ihnen zu vermitteln, was es mit der Nähe der Basileia Gottes auf sich hat, für sie und überhaupt.

Er sagt ihnen: Sorgt euch nicht – schaut auf die Vögel. Denkt nicht, was ich jetzt in Israel initiiere, ist eine glamouröse Erfolgsgesichte: seht der Frau zu, die ein bisschen Sauerteig unter viel Mehl mengt; es dauert, bis daraus Teig für Brot wird. Der Same des Senfkorns ist winzig, aber es wird daraus ein Baum werden. Im heutigen Evangelium gibt er eine weitere Lektion: Lernt von den Zockern. In seiner ziemlich prekären Lage – Veruntreuung, drohender Jobentzug ­und mit der Aussicht auf eine unsichere Altersversorgung – sucht ein Verwalter den Befreiungsschlag. Er wird dafür gelobt. Vielleicht haben die Zwölf erstaunte Gesichter gemacht und geahnt: In der Lage der Bedrängnis, in der Jesus lebt, später sie selbst, sind waghalsig Kluge eine Gnade, die nur erbeten werden kann. ars

Lk 16,1-13

Jesus sprach aber auch zu den Jüngern: Ein reicher Mann hatte einen Verwalter. Diesen beschuldigte man bei ihm, er verschleudere sein Vermögen. Darauf ließ er ihn rufen und sagte zu ihm: Was höre ich über dich? Leg Rechenschaft ab über deine Verwaltung! Denn du kannst nicht länger mein Verwalter sein. Da überlegte der Verwalter: Was soll ich jetzt tun, da mein Herr mir die Verwaltung entzieht? Zu schwerer Arbeit tauge ich nicht und zu betteln schäme ich mich. Ich weiß, was ich tun werde, damit mich die Leute in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich als Verwalter abgesetzt bin.

Und er ließ die Schuldner seines Herrn, einen nach dem anderen, zu sich kommen und fragte den ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? Er antwortete: Hundert Fass Öl. Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich schnell hin und schreib fünfzig! Dann fragte er einen andern: Wie viel bist du schuldig? Der antwortete: Hundert Sack Weizen. Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig! Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte, und sagte: Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes. Ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es zu Ende geht! Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen, und wer bei den kleinsten Dingen Unrecht tut, der tut es auch bei den großen. Wenn ihr nun im Umgang mit dem ungerechten Mammon nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das wahre Gut anvertrauen? Und wenn ihr im Umgang mit dem fremden Gut nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das Eure geben? Kein Sklave kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

Von Worten und Christen

Ein Hirtenbrief mag voller Wahrheit sein, eine Predigt erträglich. Letzten Endes beeindruckt das niemanden. Und wenn die Christen selbst die Weisheit des lieben Gottes besäßen, keinen Hund könnten sie damit hinter dem Ofen hervorlocken, wenn das, was sie sagen, nicht auch zu sehen ist.

Darum ist das Schlimmste, was der Kirche widerfahren kann, nicht nur eine Irrlehre, sondern das Fehlen des evangeliumsgemäßen Lebens. Die schlimmste Ketzerei ist es zu behaupten, die Wahrheit zu kennen, aber sie dann nicht zu tun. Was soll man von einer solchen Wahrheit halten, die es nur in Büchern gibt?

 

Günther Krasnitzky (1939–1987), zitiert in: Gerhard Lohfink, Rudolf Pesch, Ludwig Weimer (Hrsg.), Die Feier des Sonntags A

Finden macht das Suchen leichter

15. September 2019, 24. Sonntag im Jahreskreis C

Da wird uns einiges zugemutet. Das Evangelium dieses Sonntags ist einer der längsten Lesetexte des ganzen Kirchenjahres. Mindestens sieben Minuten wird der Vortragende brauchen, wenn er nicht lieber auf eine Kurzform zurückgreift. Alle drei Kurzgeschichten Jesu greifen das Thema „Suchen und Finden“ auf.

In drei Anläufen wird es präsentiert. So wichtig war ihm dieses Motiv. Es war eine Erfahrung seines Volkes. Was man einmal gewonnen oder erkannt hat, kann auch wieder verloren gehen: Das Land, eine vernünftige Lebensweise, Gerechtigkeit, Freiheit. Die Suche, die Jesus beschreibt, ist nicht zu verwechseln mit einem Unterwegssein, das schon das Ziel sein soll. Der Hirte, die Frau, der Sohn können suchen, weil sie wissen: Es gibt die Herde, es gibt den Brautschatz, es gibt den Vater, zu dem man zurückfinden kann. Auch die Suchenden unserer Tage haben es leichter, wenn es schon etwas zu Finden gibt. Ihre Suche nicht ins Leere laufen zu lassen, ist Sache der Hörer dieser Geschichten. acb

Lk 15,1-32

Alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm, um ihn zu hören. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Dieser nimmt Sünder auf und isst mit ihnen.

Da erzählte er ihnen dieses Gleichnis und sagte: Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert, lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Wüste zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es voll Freude auf die Schultern, und wenn er nach Hause kommt, ruft er die Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir, denn ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war! Ich sage euch: Ebenso wird im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die keine Umkehr nötig haben.

Oder wenn eine Frau zehn Drachmen hat und eine davon verliert, zündet sie dann nicht eine Lampe an, fegt das Haus und sucht sorgfältig, bis sie die Drachme findet? Und wenn sie diese gefunden hat, ruft sie die Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt: Freut euch mit mir, denn ich habe die Drachme wiedergefunden, die ich verloren hatte! Ebenso, sage ich euch, herrscht bei den Engeln Gottes Freude über einen einzigen Sünder, der umkehrt.

Weiter sagte Jesus: Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht! Da teilte der Vater das Vermögen unter sie auf. Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen. Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er begann Not zu leiden. Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon. Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Brot im Überfluss, ich aber komme hier vor Hunger um. Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner! Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von Weitem kommen und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Da sagte der Sohn zu ihm: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein. Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand und zieht es ihm an, steckt einen Ring an seine Hand und gebt ihm Sandalen an die Füße! Bringt das Mastkalb her und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. Denn dieser, mein Sohn, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein Fest zu feiern. Sein älterer Sohn aber war auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz. Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle. Der Knecht antwortete ihm: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn gesund wiederbekommen hat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu. Doch er erwiderte seinem Vater: Siehe, so viele Jahre schon diene ich dir und nie habe ich dein Gebot übertreten; mir aber hast du nie einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte. Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet. Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber man muss doch ein Fest feiern und sich freuen; denn dieser, dein Bruder, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.

Euthanasie

Das süße Gift der NS-Ideologie vom lebensunwerten Leben durchzieht wieder die ethischen Diskurse. Und es verschont auch die frommen Kreise nicht. Sofern sie vom Christentum vor allem verstanden haben, dass es um die ganz persönliche ewige Seelen-Wellness geht, hat das Leben ein Wohlfühlbad zu sein.

Da kommt die alte pagane Einflüsterung recht, dass man auch jederzeit den Stöpsel ziehen kann, bevor man zu frösteln beginnt. Unser liberales Nachbarland Holland spiegelt die selbstverständlich gewordene Kultur des schönen Todes ungeschminkt wider. Das deutsche Ärzteblatt berichtet davon, dass man sich im Parlament der Niederlande Sorgen um einen leichten Rückgang der Euthanasiezahlen im Jahr 2018 machte. Die Zahlen der staatlichen „Regionalen Toetsingscommissies Euthanasie“ hatten gezeigt, dass 2018 erstmals seit 2006 ein Rückgang auf nur noch 6.126 getötete Menschen zu verzeichnen sei. Das sind immerhin 17 pro Tag. Holländische Medien vermuten, dass Ärzte offenbar öfter Anfragen von Personen mit Tötungswunsch ablehnen, nachdem zum ersten Mal ein Arzt deswegen strafrechtlich belangt wurde. Doch der Vorsitzende der staatlichen Kommission beruhigt: Er sehe keine Gefahr für einen Gesinnungswandel bei niederländischen Ärzten. Denn immerhin sei im ersten Quartal 2019 die Zahl der Fälle schon wieder um 9 % über die des ersten Quartals 2018 gestiegen. Sein Eindruck sei daher, die Sterbehilfe werde „ordnungsgemäß durchgeführt“. Beunruhigt war und ist offenbar auch niemand darüber, dass laut offizieller Statistik bereits im Jahr 2015 viele hundert, nämlich genau 431 demente Personen ohne ausdrücklichen Tötungswunsch getötet wurden. Dem offenen Umgang mit dem Thema in Holland verdanken wir die genauen Zahlen. Die Dunkelziffer ist bei uns sicherlich höher, wenn man bedenkt, wie weit verbreitet die wohlmeinende Ideologie vom nicht mehr lebenswerten Leben ist. anm, ses

Gerhard Szczesny

„... so anders“

Foto: Dr. Gerhard Szczesny (1918–2002) im Juli 1976

 

Mitte der 80er Jahre erschien an einem Wochenende die Süddeutsche Zeitung wegen Streiks nur als Notausgabe. Darin war eine längere Erklärung des Publizisten, bekannten Humanisten und Agnostikers Dr. Gerhard Szczesny zu seinem Austritt aus der SPD abgedruckt, der er lange angehört hatte. Aufgrund der besonderen Umstände fand dieser Schritt wenig Beachtung.
Das war dreißig Jahre vorher ganz anders. 1958­ in der Zeit der Restauration der Adenauer-Ära­ veröffentlichte er eine Streitschrift Die Zukunft des Unglaubens. Zeitgemäße Betrachtungen eines Nichtchristen. Er protestierte gegen die beengende und aufgezwungene Minoritätenrolle der Nichtchristen in einer christlich dominierten Gesellschaft, gegen die Monopol- und Machtansprüche des Christentums auf die Wahrheit: „Es erscheint uns unerträglich, dass sich in einer Zivilisation, die die Heimat wahrer geistiger Freiheit zu sein beansprucht, der Nichtchrist wie ein Dieb in der Nacht verhalten muss“ (Zukunft des Unglaubens). Scharfsichtig diagnostizierte er die unhaltbaren Monopol- und Machtansprüche des Christentums. Er verlor seine Stelle beim Bayrischen Rundfunk. Er begründete 1961 u.a. zusammen mit Fritz Bauer und Alexander Mitscherlich die „Humanistische Union“ und ein Jahr später seinen Verlag „Club Voltaire – Jahrbuch für kritische Aufklärung“. 1968 schrieb er das Vorwort zu Joachim Kahls Das Elend des Christentums oder Plädoyer – eine Humanität ohne Gott.

 

Im selben Jahr 1958, als er seine Position eines post-christlichen Agnostikers öffentlich machte, der auf dem Boden der Errungenschaften der Aufklärung einen Humanismus etablieren wollte, schrieb Joseph Ratzinger in der katholischen Zeitschrift Hochland: „Die Kirche deckt sich seit dem Mittelalter im Abendland mit der Welt“ – ein Zustand, den Sczszeny noch als alles beherrschend vorfand – „Heute ist diese Deckung nur noch Schein, der das wahre Wesen der Kirche und der Welt verdeckt“ (Die neuen Heiden und die Kirche). Diesen Schein kritisierte Szczesny, und darin stimmten sie beide überein. Welche Folgerung zog Joseph Ratzinger aus dieser Analyse? 1968 veröffentlichte er seine Vorlesungsreihe über das Apostolische Glaubensbekenntnis, die er in Tübingen vor Hörern aller Fakultäten gehalten hatte, unter dem Titel Einführung in das Christentum.

 

Anfang der 70er Jahre kam die Integrierte Gemeinde in Kontakt mit Gerhard Szczesny. Er war auf sie von Peter M. Bode hingewiesen worden; der hatte über eine Ausstellung der Gemeinde in München berichtet und am Ende Leute wie Gerhard Szczesny und Heinrich Böll aufgefordert, sich mit diesen offenbar ungewöhnlichen Katholiken auseinander zu setzen. Er nahm an. Nach der ersten Begegnung schrieb er: „Es war das erste Mal, dass ich mich in einer Gemeinschaft von Menschen, die sich ausdrücklich als Christen verstanden wissen wollen, wirklich wohl, d. h. unbefangen und normal gefühlt habe.“ Einmal bemerkte er: „Ich weiß, wie der Kaffee in kirchlichen Häusern schmeckt – bei euch ist alles so anders.“

 

1977 fassten einige Leute der Gemeinde – es war darunter eine ganze Reihe vor Gymnasiallehrern – den Entschluss, ein privates Gymnasium zu eröffnen. Sie suchten Ermutigung, weil das Kultusministerium von der Idee unter den damaligen Bedingungen in München nicht gerade begeistert war. Beide stimmten gerne und aus Überzeugung zu, sich im vorbereitenden Werbeprospekt nebeneinander als Freunde der Integrierten Gemeinde nennen zu lassen. Von diesen beiden so verschiedenen Personen inspiriert, formulierten die Leute der Gemeinde als Leitlinie des Schulprojekts und der Gemeinde: „Zwei Traditionen haben sich in der Integrierten Gemeinde zu einer Lebensform verknüpft, die sich gegenseitig auszuschließen scheinen: die christliche Tradition und die neuzeitliche Religions- und Gesellschaftskritik.“

 

Bei der Trauerfeier für Gerhard Szczesny auf dem Grünwalder Friedhof – die Angehörigen hatten die Gemeinde gebeten sie zu gestalten – sagte Gertraud Wallbrecher: „Gerhard Szczesny war für uns ein Lehrer, weil er uns unaufhaltsam herausgefordert hat, das zu sein, was wir immer sein wollten: eine Gemeinde, die sich so verhält und miteinander umgeht wie diejenigen, die einmal vor 1900 Jahren das Neue Testament geschrieben haben.“

 

Leitungsfragen

8. September 2019, 23. Sonntag im Jahreskreis C

Wonach können wir uns ausrichten? Wer kann uns leiten? Ähnlich fragen alle Gesellschaften nach den Voraussetzungen für das Herrschen, Leiten, Richten.

Im Gebet Salomos um Weisheit wird in Israels Königsbüchern eine überraschende Antwort formuliert. Der Dreh- und Angelpunkt ist, zu begreifen „was der Herr will“. Das Paradox der biblischen Antwort ist aber auch das Eingeständnis, dass es dem Menschen in den Unwägbarkeiten des Lebens, in seiner strukturellen Begrenztheit prinzipiell unmöglich ist – und dass er dabei dennoch den Anspruch aufrecht erhält, zu verstehen, dass er lernt und bereit ist, Weisheit und Geist Gottes als Geschenk zu empfangen. Durch sie kann er Vernunft lernen: was Gott gefällt. Das qualifiziert für den Auftrag. In der Geschichte Israels wurde entdeckt, erprobt und erfahren, was nicht mehr und nicht weniger ist als der im Paradoxon frei gehaltene Rettungsweg. hak

Weish 9,13-19

Welcher Mensch kann Gottes Plan erkennen oder wer begreift, was der Herr will? Unsicher sind die Überlegungen der Sterblichen und einfältig unsere Gedanken; denn ein vergänglicher Leib beschwert die Seele und das irdische Zelt belastet den um vieles besorgten Verstand. Wir erraten kaum, was auf der Erde vorgeht, und finden nur mit Mühe, was auf der Hand liegt; wer ergründet, was im Himmel ist? Wer hat je deinen Plan erkannt, wenn du ihm nicht Weisheit gegeben und deinen heiligen Geist aus der Höhe gesandt hast? So wurden die Pfade der Erdenbewohner gerade gemacht und die Menschen lernten, was dir gefällt; durch die Weisheit wurden sie gerettet.

Mehr als Kalorien

Seit je lösen Menschen Konflikte beim Essen. Das gemeinsame Mahl vermag, was ein Gespräch allein oft nicht erreicht: Vertrauen schaffen, Frieden stiften.

Heute ergründen Historiker und Soziologen, Kulturwissenschaftler und Psychologen die Kraft des gemeinsamen Essens. Sie werten Menüfolgen aus und erforschen den Einfluss auf die Diplomatie, unterziehen Esser psychologischen Tests und belauschen Familien am Abendbrottisch. Die Ergebnisse der Forscher zeigen, wie wichtig diese uralte Kulturtechnik ist – und wie bewahrenswert. „Wenn wir nicht zusammen essen, geht uns Sicherheit verloren und Geborgenheit“, sagt der Psychologe Marshall Duke. „Gemeinsames Essen ist das Rückgrat des menschlichen Miteinanders.“

 

Aus: DIE ZEIT, Nr. 32 vom 1. August 2019

Nachhaltig ungewöhnlich

1. September 2019, 22. Sonntag im Jahreskreis C

Bereits in der Antike gab es die unbändige Lust, Außergewöhnliches zu erleben. Damit war die Hoffnung verbunden, dass das Erschauern einen aus dem Alltag herausreißt und man sich den Göttern näher fühlt. Mit dieser Erwartung mussten sich auch die ersten Gemeinden der Christen auseinandersetzen.

Menschen zu erleben, die versuchen, die Welt miteinander nach der Weisung Gottes zu gestalten, ist vergleichsweise unspektakulär. Aber es ist bedeutend nachhaltiger. Und jeder kann jederzeit mittun. Hinweise, wie das gelingen kann, fallen nicht in Finsternis und Sturmwind vom Himmel, sondern wurden jahrhundertelang erprobt und gesammelt. Der Hebräerbrief macht ihre Weisheit an einem Ort fest: Zion. Wer daran teilhat, Woche für Woche in einer „festlichen Versammlung“, darf sich glücklich schätzen. ruk

Hebr 12,18-19.22-24a

Ihr seid nicht zu einem sichtbaren, lodernden Feuer hinzugetreten, zu dunklen Wolken, zu Finsternis und Sturmwind, zum Klang der Posaunen und zum Schall der Worte, bei denen die Hörer flehten, diese Stimme solle nicht weiter zu ihnen reden. Ihr seid vielmehr zum Berg Zion hinzugetreten, zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, zu Tausenden von Engeln, zu einer festlichen Versammlung und zur Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind, und zu Gott, dem Richter aller, und zu den Geistern der schon vollendeten Gerechten, zum Mittler eines neuen Bundes, Jesus.

Klimax des Unmöglichen

Glaubst du ans Paradies?

Ja.

Warum?

Weil ich daran glauben will.

Mit ähnlich weltanschaulichen Interviewausschnitten beginnt der neue kontroverse Film „Climax“ des argentinischen Skandalregisseurs Gaspar Noé, in dem eine Gruppe junger Leute die Hauptrolle spielen, denen Tanzen alles im Leben bedeutet. Wenn sie nach ihrer letzten gemeinsamen Probe zusammen ausgelassen feiern und tanzen, jeder für sich allein, im Wechsel umringt von den anderen, kommt ein Phänomen zum Ausdruck, dass der Regisseur in der gesellschaftlichen Entwicklung seit Einführung der Pille beobachtet hat: „Wie Leute ermutigt wurden, Lust zu empfinden und nicht mehr von anderen abhängig zu sein. Aber eben auch, wie Leute immer einsamer werden. Sie sind nicht mehr Teil einer Gruppe, sondern konkurrieren mit dem Rest der Welt.“ Ohne jeden Halt mündet die Feier der Tänzer, denen ein Unbekannter LSD in ihr Getränk gemischt hat, ins Chaos. Jede Form von Angst und Unsicherheit der Einzelnen wird um ein Vielfaches potenziert zu gegenseitiger Brutalität. In Großbuchstaben schließt der Film mit den Worten „Leben ist kollektive Unmöglichkeit“. Das Undenkbare denkbar, was wäre das Leben als kollektive Möglichkeit? heg

Interview

Die Katholische Integrierte Gemeinde

Am 27. August 2018 sendete Radio Horeb ein Interview mit Dr. Peter Zitta, Mitglied der Katholischen Integrierten Gemeinde und ihrer Priestergemeinschaft. Das Interview wurde am 7.8.2019 erneut gesendet.

Hören Sie hier zwei Ausschnitte.

Teil I: „Was ist die Katholische Integrierte Gemeinde?“
Teil II: „Was hat Sie an der Integrierten Gemeinde angesprochen?“

»…Eine entscheidende Wende im jüdisch-katholischen Dialog«

Dieser Satz steht auf der Banderole des Buches „Ebrei e Cristiani“, denn der Beitrag von Papst em. Benedikt in der Zeitschrift Communio im vergange­nen Jahr hat das jüdisch-christliche Gespräch unerwartet beflügelt.

Die Präsentation des Buches erfolgte bei einem Evento am 16. Mai 2019, ausgerichtet vom Lehrstuhl für die „Theologie des Volkes Gottes“, an der Päpstlichen Lateran-Universität in Rom. Es sprachen Rabbiner Arie Folger, Erzbischof Georg Gänswein, der Präfekt des Päpstlichen Hauses und Sekretär von Benedikt XVI., und Elio Guerriero, der Herausgeber des Buches.

Theologica Nr. 7 macht die Vorträge der Begegnung zugänglich.

Näheres zum Inhalt und Hinweise zur Bestellung finden Sie hier.

Was an der Welt nicht in Ordnung ist

von F. Ebner

Selbsterkenntnis ist Erkenntnis der Diskrepanz von Idee und Wirklichkeit in sich selbst, aber noch lange nicht Erkenntnis der Sünde. Denn in dieser handelt es sich nicht um diese Diskrepanz.

In der Selbsterkenntnis misst sich der Mensch nach einem menschlichen Maßstab, denn die Idee ist etwas Menschliches. In der Erkenntnis der Sünde sieht er seine Daseins- und Lebenswirklichkeit der Jesu gegenübergestellt und also an einem göttlichen Maßstab gemessen.

Je mehr sich die Erkenntnis, von der Oberfläche des Mathematischen hinweg vertieft, desto mehr wird sie zum Wissen darum, dass keineswegs alles in dieser Welt und diesem Leben in Ordnung ist, zum Wissen, ums verlorene Paradies; aber wahrlich nur zum Wissen des draußen vor den verschlossenen Toren Stehenden – Erkennende sind immer outsider des Lebens. Und gerade in dieser Vertiefung fordert sie ihre letzte Wendung: vom Objektiven, das auch im Wissen ums verlorene Paradies noch ist, zum Subjektiven, worin erkannt wird, warum das Paradies verlorenging. Der Erkennende steht wie Moses auf dem Berge und sieht das Land der Verheißung vor sich – aber der Eintritt ist ihm verwehrt. Erlösen aus seiner Icheinsamkeit kann den Menschen nur die Liebe und das Wort.

 

Aus: Ferdinand Ebner, Das Wort und die geistigen Realitäten (1919)

Jahrmarkt der Wunder

von W. Szymborska

 

Ein Alltagswunder:

dass es so viele Alltagswunder gibt.

 

Ein gewöhnliches Wunder:

das Bellen unsichtbarer Hunde in einer stillen Nacht.

 

Ein Wunder von vielen:

eine kleine und flüchtige Wolke,

aber sie kann den großen und harten Mond verschwinden lassen.

 

Mehrere Wunder in einem:

eine Erle, die sich im Wasser spiegelt,

und dass sie von links nach rechts gewendet ist

und dass sie mit der Krone nach unten wächst

und überhaupt nicht bis auf den Grund reicht,

obwohl das Wasser seicht ist.

 

Ein Wunder an der Tagesordnung:

recht schwache und milde Winde, doch in der Sturmzeit böig.

 

Ein erstbestes Wunder:

Kühe sind Kühe.

 

Ein zweites, nicht geringeres:

dieser und kein anderer Garten

in diesem und keinem anderen Obstkern.

 

Ein Wunder ohne schwarzen Frack und Zylinder:

ausschwärmende weiße Tauben.

 

Ein Wunder, denn was sonst:

die Sonne ging heute um drei Uhr vierzehn auf

und sie wird untergehen null Uhr eins. .

 

Ein Wunder, das nicht so verwundert, wie es sollte:

die Hand hat zwar weniger Finger als sechs,

dafür mehr als vier.

 

Ein Wunder, so weit man schauen kann:

die allgegenwärtige Welt.

 

Ein beiläufiges Wunder, beiläufig wie alles:

was undenkbar ist – ist denkbar.

 

Aus: Wisława Szymborska (1923–2012), Hundert Freuden (1996)

An das pilgernde Volk Gottes in Deutschland

von Papst Franziskus

„Ohne neues Leben und echten, vom Evangelium inspirierten Geist, ohne Treue der Kirche gegenüber ihrer eigenen Berufung wird jegliche neue Struktur in kurzer Zeit verderben“ (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 26).

Deshalb kann der bevorstehende Wandlungsprozess nicht ausschließlich reagierend auf äußere Fakten und Notwendigkeiten antworten, wie es zum Beispiel der starke Rückgang der Geburtenzahl und die Überalterung der Gemeinden sind, die nicht erlauben, einen normalen Generationenwechsel ins Auge zu fassen. Objektive und gültige Ursachen würden jedoch, werden sie isoliert vom Geheimnis der Kirche betrachtet, eine lediglich reaktive Haltung – sowohl positiv wie negativ – begünstigen und anregen. Ein wahrer Wandlungs­prozess beantwortet, stellt aber zugleich auch Anforderungen, die unserem Christ-Sein und der ureigenen Dynamik der Evangelisie­rung der Kirche entspringen; ein solcher Prozess verlangt eine pastorale Bekehrung. Wir werden aufgefordert, eine Haltung einzunehmen, die darauf abzielt, das Evangelium zu leben und transparent zu machen, indem sie mit „dem grauen Prag­matismus des täglichen Lebens der Kirche bricht, in dem anscheinend alles normal abläuft, aber in Wirklichkeit der Glaube nachlässt und ins Schäbige absinkt“ (Evangelii gaudium, 83). Pastorale Bekehrung ruft uns in Erinnerung, dass die Evangelisierung unser Leit­kriterium schlechthin sein muss. Die so gelebte Evangelisierung ist keine Taktik kirchlicher Neupositionierung in der Welt heute, oder kein Akt der Eroberung, der Dominanz oder territorialen Erweiterung; sie ist keine „Retusche“, die die Kirche an den Zeitgeist anpasst, sie aber ihre Origina­lität und ihre prophetische Sendung verlieren lässt. Auch bedeutet Evangelisierung nicht den Versuch, Gewohnheiten und Praktiken zurück­zugewinnen, die in anderen kulturellen Zusammenhängen einen Sinn ergaben. Nein, die Evangeli­sierung ist ein Weg der Jüngerschaft in Antwort auf die Liebe zu Dem, der uns zuerst geliebt hat (vgl. 1 Joh 4,19).

Ich möchte euch zur Seite stehen und euch begleiten in der Gewissheit, dass, wenn der Herr uns für würdig hält, diese Stunde zu leben, Er das nicht getan hat, um uns angesichts der Herausforderungen zu beschämen oder zu lähmen. Vielmehr will er, dass Sein Wort einmal mehr unser Herz herausfordert und entzündet, wie Er es bei euren Vätern getan hat, damit eure Söhne und Töchter Visionen und eure Alten wieder prophetische Träume empfangen (vgl. Joel 3,1).

 

Aus dem Schreiben von Papst Franziskus an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland, 29. Juni 2019

Hier finden Sie das vollständige Dokument.

Wege aus der Bedrängnis

von S. Almekias-Siegl

Die klassische jüdische Reaktion auf Katastrophen ist Lebenserneuerung. Es gehört zur Wesensart des Volkes Israel, das Andenken an seine Erfolgs- wie seine Leidensgeschichte zu bewahren, um daraus Hoffnung für die Zukunft zu entwickeln.

Man könnte zugespitzt sagen: Israels Zurückdenken bringt es nach vorne. Erinnerung ist der Schlüssel für die Zukunft des Volkes Israel. Wie die Erprobung stattfand, so wird auch die Erlösung geschehen. Die vergangenen Katastrophen haben die jüdische Gemeinschaft zweifellos niedergeschmettert, aber auf paradoxe Weise auch gestärkt. Diese innere jüdische Bewegung und Dynamik bringt eine russische Volkserzählung gut zum Ausdruck:

Als Napoleon bei seinem Feldzug gegen Russland durch ein kleines jüdisches Schtetl zog, äußerte er den Wunsch, die Synagoge von innen zu sehen. Zufällig war dieser Tag der 9. Aw, und die Juden saßen in der Finsternis auf dem Boden, in Wehklagen und Gebet. Als man Napoleon erklärt hatte, dass der Grund ihrer Klage die Verwüstung des Tempels war, fragte er: „Wann ist das passiert?“ „Vor 2000 Jahren“, sagte man ihm. Als er das hörte, erklärte der Kaiser: „Ein Volk, das in der Lage ist, 2000 Jahre lang die Erinnerung an sein Land zu bewahren, wird sicher den Weg zur Heimkehr dorthin finden.“

Aber vergessen wir an dieser Stelle eines nicht: Es handelt sich hierbei um keinen Automatismus. Das Fasten und Gedenken des Vorherigen allein genügt nicht. Denn Hass und Unfrieden haben zum Verlust des Tempels geführt. Das Fasten muss von einem alltäglichen Umgang der Kinder Israels in der Wahrheit und im Frieden miteinander begleitet sein, wenn es denn tatsächlich zu einem Wandel von traurigen zu erneuerten fröhlichen Tagen kommen soll.

 

Aus: Jüdische Allgemeine, 18.07.2019, Artikel von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl

https://www.juedische-allgemeine.de/religion/wege-aus-der-bedraengnis/

Wo steht die Kirche?

von D. Bonhoeffer

Gott ist, soweit wir ihn überhaupt denken können, an einem Ort in Christus, in der Kirche. Rationalismus und Mystik vererbten uns die Ortlosigkeit Gottes. Seine Ortlosigkeit ist Ausdruck moderner Religiosität. Die neue Situation ist einerseits gekennzeichnet durch die Ortlosigkeit unserer Kirche.

Sie will überall sein und ist darum nirgends. Sie ist nie und nirgends ganz sie selbst. Sie existiert nur in Verkleidungen. Sie wurde zur Welt, ohne dass die Welt Kirche wurde. Auf der Flucht vor sich selbst ist die Kirche heute einer tiefen Verachtung verfallen. Sekten werden ernster genommen als die Kirche, weil sie an einem bestimmten Orte stehen. Nur mit einem bestimmten Ort lässt sich eine Sache beschreiben. Wesen und Anspruch gewinnen dadurch Eindeutigkeit. Wie die Kirche, so ist ihr Gottesbegriff ohne Anspruch und Ort, überall und nirgends. Die Kirche vertrug das Gefühl der Einsamkeit an ihrem spezifischen Ort nicht mehr. Sie hat den Maßstab für den Ort verloren. Die heutige Kirche ist weithin feiernde Christenheit. Damit steht sie an der Peripherie und nicht im Zentrum des Lebens. Sie möchte aber gern im Zentrum stehen und redet darum von der Peripherie aus beurteilend und verurteilend zu zentralen Fragen des Lebens. So macht sie sich verächtlich und verhasst. Was ist der eigentliche Ort der Kirche in der Christenheit? Die ganze Alltagswirklichkeit der Welt. Die ganze Alltagswirklichkeit muss aber so gesehen werden, wie sie unter Gottes Urteil zu stehen kommt. Kirche, Gemeinde ist dort, wo das Wort Gottes über die ganze Wirklichkeit vernommen, geglaubt und wo ihm gehorcht wird. Diese Kirche ist die Mitte der Welt.

 

Aus: Dietrich Bonhoeffer, Das Wesen der Kirche (Vorlesung Sommersemester 1932)

Die gute Meinung

von F. Ebner

Was dem Menschen am meisten im Wege steht, zum Glauben und durch ihn zur Erkenntnis und zur Vergebung der Sünde zu kommen, ist die gute Meinung, die er von sich selbst hat –

tatsächlich jener „Glaube an sich selbst“ der am Ende nichts anders ist als die wahre Pervertierung des Glaubens. Wenn Rousseau meinte, der Mensch sei von Natur aus gut, so ist das einfach falsch. Die Natur ist weder gut noch böse (und sie gibt auch in keiner Weise einen Maßstab für das Gute und Böse ab, nur für das Nützliche und Schädliche, Angenehme und Unangenehme).

Aber das ist richtig: Jeder hat „von Natur aus“ eine gute Meinung von sich, von der er um keinen Preis lassen will und die auch die Ursache ist für das keinem Menschen unbekannt bleibende Gefühl, dass das Leben, das er lebe, doch nicht das rechte sei. Denn andererseits neigt jeder, eben weil er von Natur aus jene gute Meinung von sich hat, auch dazu, im Widerspruch zu jenem Gefühl sein Leben als etwas zu leben, in dem alles durchaus recht und in Ordnung sei. Und wenn es einmal nicht recht stimmt, dann kommt natürlich die Unordnung von außen.

 

Aus: Ferdinand Ebner, Das Wort und die geistigen Realitäten (1919)

Warum der Mensch bisweilen in Versuchung gerät

von F. Rosenzweig

Eine rabbinische Legende fabuliert von einem Fluss in fernem Lande, der so fromm sei, dass er am Sabbat sein Fließen einstelle.

Aber Gott tut solche Zeichen nicht. Es graut ihm offenbar vor dem unausbleiblichen Erfolg: dass dann grade die Unfreisten, die Ängstlichen und Kümmerlichen die „Frömmsten“ sein würden. Und Gott will offenbar nur die Freien zu den Seinen. Um so zwischen den Freien und den Knechtseelen zu scheiden, genügt aber kaum die Unsichtbarkeit seines Waltens; denn die Ängstlichen sind ängstlich genug, um im Zweifel sich lieber auf die Seite zu schlagen, zu der zu halten „in jedem Falle“ nicht schadet und möglichweise – mit 50 Prozent Wahrschein­lichkeit – sogar nützt. Gott muss also, um die Geister zu scheiden, nicht bloß nicht nützen, sondern geradezu schaden. Und es bleibt ihm gar nichts übrig: er muss den Menschen versuchen; er muss ihm nicht bloß sein Walten verbergen, nein er muss ihn darüber täuschen; er muss es dem Menschen schwer, ja unmöglich machen, es zu sehen, auf dass dieser Gelegenheit habe, ihm wahrhaft, also in Freiheit, zu glauben und vertrauen. Der Mensch muss also wissen, dass er bisweilen versucht wird um seiner Freiheit willen.

 

Aus: Franz Rosenzweig (1886–1929), Der Stern der Erlösung (1921)