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Von der gleichen Vision inspiriert
Michael Winter zu dem Buch "30 Jahre Wegbegleitung"
Noch ein Papstbuch? Bald sind es zwei Jahre, dass Joseph Ratzinger zum Nachfolger von Papst Johannes Paul II. gewählt wurde. Und angesichts der Flut von Artikeln, Kleinschriften, Büchern und opulenten Bildbänden, die seitdem allein hierzulande über ihn veröffentlicht wurden, ist eigentlich davon auszugehen, dass längst alle Facetten des "deutschen Papstes“ ausgeleuchtet sind. Und das buchstäblich: bis in seine Gesichtszüge hinein. Was an Neuem soll da ein weiteres Papstbuch bringen, das jetzt in dem kleinen Verlag Urfeld in Bad Tölz erschienen ist? Zumal auch dieser Band ganz schön gewichtig daherkommt – mit vielen Fotos eben, aber auch einigen Texten.
Zum Gefühl des Überdrusses mag bei dem einen oder anderen Beobachter auch noch ein Hauch Misstrauen kommen:
30 Jahre Wegbegleitung lautet der Titel des Buches aus dem Verlag Urfeld. Und weiter: "Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. und die Katholische Integrierte Gemeinde.“ Handelt es sich dabei vielleicht um den Versuch einer kirchlichen Gruppierung, den Papst sozusagen zu vereinnahmen?
Kein Zweifel, dass es sowohl Einzelne als auch Gemeinschaften und Initiativen in der Kirche gibt, die sich ganz bewusst in die Nähe des Papstes rücken, um damit ihre eigene Bedeutung zu unterstreichen. Man müsste sich wundern, wenn es anders wäre. Aber wer trotz aller dieser Bedenken und Einwände dieses neue ‘Papstbuch’ aufschlägt und unvoreingenommen mit dem Lesen beginnt, wird bald feststellen, dass der Titel die Sache tatsächlich trifft: 30 Jahre Wegbegleitung. Denn die Katholische Integrierte Gemeinde musste sich nach der Papstwahl eigentlich nur ihre eigene Geschichte von den 60er Jahren bis heute vor Augen führen, um zu entdecken, dass diese Geschichte ohne die Nähe zur Person des jetzigen Papstes kaum denkbar wäre. Es war der Regensburger Theologieprofessor Joseph Ratzinger, der diese Gemeinde bereits in den 70er Jahren in München besuchte, mit ihr Gottesdienst feierte und sie in ihrem Anliegen bestärkte: in der modernen, säkularisierten Gesellschaft das Evangelium so zu leben, dass auch Fernstehende wieder einen Zugang zum Glauben der Kirche finden können.
Dieses Zeichen der Anerkennung und Solidarität durch den renommierten Theologen Joseph Ratzinger war damals umso bemerkenswerter, als andere die Nähe zur Integrierten Gemeinde scheuten oder sie sogar als außerhalb der Kirche stehend betrachteten. Und das hing wiederum mit dem anstößig-radikalen Anspruch der Gruppe zusammen: Die Integrierte Gemeinde sieht bis heute in dem alle Lebensbereiche umfassenden Miteinander der neutestamentlichen Gemeinden das bleibend gültige Maß für eine christliche Lebenspraxis.
Dieser ersten Begegnung sollten viele weitere folgen – auch und gerade nachdem der Regensburger Professor zum Erzbischof von München und Freising ernannt worden war. Als solcher trug Joseph Ratzinger entscheidend zur vorläufigen und später endgültigen kirchlichen Anerkennung der Integrierten Gemeinde bei. Und auch als Kardinal und Präfekt der römischen Glaubenskongregation nahm er sich Zeit für regelmäßige Treffen und theologische Gespräche mit Vertretern der Gemeinde.
Nicht zuletzt ermutigte er sie zum Aufbau einer Akademie für die Theologie des Volkes Gottes, die schließlich 2003 feierlich eröffnet wurde – unweit von Rom, in der Villa Cavalletti, einem ehemaligen Anwesen des Jesuitenordens, das die Gemeinde einige Jahre zuvor erworben hatte.
Die innere Nähe des Kardinals zur Integrierten Gemeinde zeigt sich auch darin, dass er auch seinen Sommerurlaub dreimal dort verbrachte – in einem Gemeindezentrum in Wolfesing bei München, zusammen mit seinem Bruder Georg Ratzinger.
All diese Begegnungen sind in dem von den Theologen Ludwig Weimer und Arnold Stötzel sowie von Traudl Wallbrecher, der Begründerin der Integrierten Gemeinde, herausgegebenen Buch beschrieben und dargestellt – mit einer Vielzahl interessanter Bilder sowie mit Ansprachen und Predigten Joseph Ratzingers, die in keinem anderen Papstbuch zu finden sind. Somit füllt der Band aus dem Verlag Urfeld eben doch eine Leerstelle und zeigt eine wichtige Facette der Person des Papstes, die bislang so nicht ausgeleuchtet wurde: Denn die ‘Wegbegleitung’ der Integrierten Gemeinde ist ganz offensichtlich kein beiläufiger Akzent im Werdegang Joseph Ratzingers, sondern eine Beziehung, die der Professor, Bischof, Kardinal und auch der Papst ganz bewusst gesucht und aufrechterhalten hat.
Bleibt die spannende Frage, warum ausgerechnet die Integrierte Gemeinde, die eher zu den kleineren und unbekannteren Gemeinschaften innerhalb der katholischen Kirche gehört, zu einem ‘Augapfel’ des heutigen Papstes wurde. Etwas vereinfacht lässt sich aufgrund der Texte und Bilder des Buches sagen: Joseph Ratzinger und die Gruppe von Menschen, aus der in den 60er Jahren die Integrierte Gemeinde wurde, waren ganz unabhängig voneinander von der gleichen ‘Vision’ einer erneuerten Kirche umgetrieben. Es ist die biblische Vision des Volkes Gottes, das sich immer neu sammeln lässt, um nach dem Willen Gottes zu fragen und ihn zu tun. Von Abraham bis heute. Als Zeichen und Werkzeug Gottes für die Welt.
Joseph Ratzinger prophezeite bereits 1958 in einem Artikel für die Zeitschrift Hochland, dass es der Kirche nicht erspart bleiben würde, "Stück für Stück von dem Schein ihrer Deckung mit der Welt abbauen zu müssen und wieder das zu werden, was sie ist: Gemeinschaft der Glaubenden“.
Genau das war es, was die Integrierte Gemeinde wollte und zu ihrem Erstaunen in dem entdeckte, was der Theologieprofessor Joseph Ratzinger schrieb und sagte. Und er selbst war damals wohl nicht weniger erstaunt darüber, dass es ganz in seiner Nähe eine Gemeinschaft von Menschen gab, die das, was er theologisch formulierte, in eine konkrete Lebenspraxis umsetzte.
Michael Winter arbeitet als Redakteur beim Konradsblatt, der Kirchenzeitung der Erzdiözese Freiburg i. Br.
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 1976 in Wolfesing bei München bei seinem ersten Besuch
 1989 im Campo Santo mit Peter Zitta und Traudl Wallbrecher
 1995 in Villa Cavalletti bei Rom mit Joseph Schele und Traudl Wallbrecher
 1996 in Rom bei der Trauung von Tobias und Friederike Wallbrecher
 1997 mit Traudl Wallbrecher und seinem Bruder Georg
 1999 in der Villa Cavalletti mit Amnon Shapira, Traudl Wallbrecher und Kardinal J.J. Degenhardt
 2006 in Rom bei einer Privataudienz der Gesamtleitung der K.I.G.
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