Alexander Freiherr von Branca
Ansprache von Gerd Block
bei der Beerdigung von Alexander Freiherr von Branca
am 2. April 2011


Liebe Carla, liebe Familie, sehr geehrter Herr Kardinal,
sehr verehrte Trauergäste,

Wir alle wissen um Alexander von Brancas Formulierungsgabe, sei es im mündlichen Vortrag, sei es in dem, was er geschrieben hat. Daher wird es mir nicht gelingen, über ihn in auch nur annähernd adäquaten Worten zu sprechen.
Als Teil seiner größeren Familie und zugleich als Mitglied der Katholischen Integrierten Gemeinde war ich mit ihm immer wieder im persönlichen Gespräch. Es mögen mir seine eigenen Worte helfen, über ihn als gläubigen Menschen zu reden. Sein autobiografisches Buch „Facetten eines Lebens“, das er seiner Familie und zugleich der Katholischen Integrierten Gemeinde gewidmet hat, ist ein Dokument der Zeitgeschichte, wie es im Klappentext heißt, aber auch ein Dokument zutiefst persönlicher Ansichten und Einsichten. Zugleich berührt er darin die großen Themen der Menschen, natürlich auf dem Feld der Architektur aber auch der Politik, der Kunst, der Philosophie, der menschlichen Beziehungen und nicht zuletzt der Beziehung des Menschen zu Gott.
Nach der Lektüre dieses Buches dankte ihm in einem Brief der damalige Kardinal Ratzinger, römischer Präfekt der Glaubenskongregation, für das engagierte, mutige Zeugnis seines Christseins und seiner Katholizität in der heutigen Zeit.

Er scheute sich nicht, seinen Weg als den Weg eines Suchenden und eines im Suchen Reifenden in den verschiedenen Lebensaltern vom noch unmündigen Knaben bis ins hohe Alter von etwa 80 Jahren zu beschreiben. Immer wieder scheint aber auch eine erstaunliche Sicherheit aus den vorsichtig tastenden Worten und Gedanken hervor.
So schreibt er angesichts des Todes seiner ersten Frau: „Dieses Leben-Wollen, dieses Leben-Dürfen, wer dankt schon dafür. Dass dieses Leben seinen Sinn darin erfährt, dass es eben Weg ist, ein Ziel hat – in jedem Moment, über den Moment hinaus – dass wir gerufen sind zu gehen und diesen Ruf niemals vergessen oder verdrängen.“

In dieser Zeit erwog er auch den Gedanken, den Architektenberuf aufzugeben und einen geistlichen Beruf zu ergreifen, um (Zitat): „seine Erfahrung von Gott ... den Menschen zuzusprechen.“
Dazu, ich zitiere: „Wichtiger als Architektur war mir das Miteinander der Menschen, das sich so oft in den jungen Jahren meines Lebens zu einem schrecklichen Gegeneinander entwickelte.“
Und weiter: „Das Herausgehobensein, das Israel auf seinem Weg durch die Jahrhunderte bewiesen hat – (das Herausgehobensein) nicht in ein idealisiertes Weltbild, sondern in die Härte des Alltags -, bleibt ein ewiges Zeichen. Ist dieser Weg auch in Zeiten unter Blut und Tränen gegangen, so blieb und bleibt doch die Verheißung, im Dienst des Allerhöchsten zu stehen.“
Dieser „Allerhöchste“ war für Alexander von Branca nicht ein anonymer Weltgeist, sondern, wie wir hörten, der höchst personale Gott Israels, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und somit auch der Gott der Christen. Seine eigene Familiengeschichte half ihm, schon bald nach dem Holocaust, die abendländische Geschichte als jüdisch-christliche Tradition zu begreifen.

Man mag es Zufall nennen – in seinen Augen war es keiner -, dass sich der Weg dieses Glaubenden und Suchenden mit dem der entstehenden Integrierten Gemeinde traf und sich bis ans Ende verband. Über die Zeit des Anfangs schreibt er: „Diese Gruppe junger Menschen, die mit dem Glauben wirklich Ernst machen wollte, war sehr überzeugend. Es waren Menschen aus den verschiedensten Bereichen des Lebens, das Ganze von Anfang an von der offiziellen Kirche mit Argwohn betrachtet, was ja bei dem jugendlichen Impetus dieser Gruppe nicht ganz unverständlich war.“

Über die Jahre gab es für Alexander von Branca genug Gelegenheiten, mit dem ganzen Mut, den er besaß, gegen diesen Argwohn, auch gegen Anfeindungen, die Stimme zu erheben, oft allein, gegen vielfaches Vorurteil, gegen Neid und Verleumdungen.
Weiter schreibt er: „Ich verdanke dieser Gemeinschaft wesentliche und wichtige Impulse meines Lebens.“

Aber auch wir in der Integrierten Gemeinde verdanken Alexander von Branca viel, der unser Bewusstsein dafür schärfte, dass alles Lebendige und so auch der Glaube eine ihm angemessene Form besitzt.
In Vorträgen und vielen Gesprächen versuchte er, dieses Zusammen von Glaube und Form zu vermitteln. Er wollte stets, ebenso wie den Bauten, so auch den Dingen des alltäglichen Lebens eine Form geben und konnte dabei aus dem Reichtum der abendländischen Formentraditionen schöpfen.

Ab 1953 baute er mit und für diese Gemeinschaft ein Festhaus am Walchensee. Er legte mit Hand an und entwarf ein Bauwerk, das sakral und profan zugleich war, so wie es bei dem Propheten Sacharja [2.14,20] heißt: „An jenem Tag wird auf den Pferdeschellen stehen: Dem Herrn heilig. Die Kochtöpfe [im Haus des Herrn] werden gebraucht wie die Opferschalen vor dem Altar.“
Das muss dem Verfasser des Nachrufs auf ihn in der FAZ bewusst gewesen sein, wenn er seine Würdigung zusammenfasste in dem Titel „Überall ist Kirche.“ Diesem Anspruch suchte Alexander von Branca gerecht zu werden. Diesen Anspruch gibt er an uns weiter.
 
 
 
Weitere Texte zu A. v. Branca
 
Alexander von Branca mit Joseph Schele und Werner Hägele bei den Bauarbeiten für den Günter-Stöhr-Hof in Wolfesing bei München,1966










 
Pfingsten 1969 in Urfeld – mit Pilar Casedemont und Maria Jaklitsch









 
"Sehschule" - Alexander von Branca lehrt den Unterschied zwischen schönem und "falschem" Design









 
Am 1. Mai 1979 beim Tag der Offenen Tür in der Herzog-Heinrich-Straße 18 im Gespräch mit Kardinal Joseph Ratzinger (damals Erzbischof von München) und Traudl Wallbrecher









 
1984 bei einem Theologentreffen in Colle Romito mit Norbert Lohfink SJ, Arnold Stötzel, Gerhard Lohfink und ganz rechts Rudolf Pesch