Vielleicht ist es das, was der Herr uns durch diesen Tod nahebringen will: die Lebensform der Kirche ist die Gemeinde des Neuen Testaments. Sie ist das Land, das uns heute offen steht, das wir morgen erst finden müssen, das wir gestern bewohnten.

So hat Günther Krasnitzky, Pfarrer, Maler, Kunsterzieher, der 1987 tödlich verunglückt ist, diese heilsgeschichtliche Dynamik beschrieben.

„Heute steht uns das Land offen,
das wir morgen erst finden müssen,
das wir gestern bewohnten.“

Schaut man auf das Land, „das wir gestern bewohnten“,
so scheinen die gut 40 Jahre seit 1968 der Zeit der Wüsten-
wanderung Israels zu ähneln: Die Lagerplätze wurden mal hier aufgeschlagen, dann wurde dort etwas aufgebaut, man zog von einem Ort zum anderen, denn es gab wenige Personen und viele Aufgaben. Es war wie ein Wohnen in Zelten – immer auf der Hut vor Nachstellungen und oft im Kampf gegen Anfeindungen von außen. Zugleich die unablässige Suche danach, wie Sonntag und Werktag, Glaube und Leben wieder verbunden werden könnten.

Mit den vielfältigen Erfahrungen, mit den Schwierigkeiten, der Ablehnung, den inneren Spannungen, dem „Rangstreit der Jünger“, den Spaltungen, mit den Paulus in Korinth auch kämpfen musste, reifte die Vorstellung von Kirche, von Gemeinde. Immer klarer wurde und wird, dass Kirche ganz Welt ist, dass auch die Gemeinde ganz gesellschaftliche Realität ist. Darum ist sie auch mit allen Problemen der Gesellschaft neu beschäftigt, die heute andere sind als nach den großen Katastrophen, als die Anfänger, Traudl Wallbrecher, ihr Mann Herbert und der spätere Kardinal Johannes Joachim Degenhardt sich fragten, wie denn eine erneuerte Gestalt der Kirche aussehen könnte. Und sie wagten Neues.

Vielleicht könnte man sagen, dass nach der Zeit des Exodus in das verheißene Land in den letzten Jahren eine andere Phase begonnen hat: die Besiedlung des Landes. Es ist die alte und neue Herausforderung für die nachwachsende „Besiedlungs-generation“: Land erwerben, Häuser bauen, Kinder erziehen, Alte begleiten – ein Leben ganz weltlich und ganz gottgehörig.

Heute steht uns das Land offen … – wer will darin wohnen und es mitgestalten? Wer bricht heute noch einmal auf und betrachtet „Gemeinde“ „Gottesvolk“ und „Gottesherrschaft“ nicht nur als literarisch-theologische Begriffe?

Kirche ist Welt – das will auch die Graphik darstellen, die wir hier vor dem Altar sehen – ein Stück Erde unter der Herrschaft des Himmels – nach den Gesetzen der irdischen Realität zu gestalten, vernünftig – und zugleich aus dem Glauben.
 
 
 
Frau Traudl Wallbrecher zwischen Maria Jaklitsch (links) und Tochter Mechthild Wallbracher (rechts)