Wir sind Papst?

19. Februar 2017, 7. Sonntag im Jahreskreis A

Das Buch Levitikus zeigt: Die Nächstenliebe ist nicht erst ein neutestamentlicher Gedanke, sondern tief verwurzelt in den Geboten Israels. Was bedeutet aber dieses „lieben wie dich selbst“?

Das Maß damals, das „Selbst“, war die Solidarität der Sippe. Einen Rest solcher Sippensolidarität erkennen wir, wenn „Wir“ auf einmal „Papst“ sind. Und diese Solidarität, die der eigenen Sippe zugewendet wird, soll schon ein halbes Jahrtausend vor der Zeitenwende in Israel allen gelten, sogar demjenigen, der der eigenen Verwandtschaft als Feind gilt. Die Feindesliebe bei Levitikus setzt den ins Unrecht, der sich rächt und nachträgt. hak

Lev 19,1-2.17-18

Der Herr sprach zu Mose: Rede zur ganzen Gemeinde der Israeliten, und sag zu ihnen: Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig. Du sollst in deinem Herzen keinen Hass gegen deinen Bruder tragen. Weise deinen Stammesgenossen zurecht, so wirst du seinetwegen keine Schuld auf dich laden. An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der Herr.

Weltenwende

12. Februar 2017, 6. Sonntag im Jahreskreis A

Die technischen Fertigkeiten des Menschen haben sich über Jahrtausende entwickelt. Ebenso seine Sprache. Ebenso seine Religion. Worin sie anfangs bestand?

Durch allerhand Opfer und Riten die Götter gnädig zu stimmen, bei Laune zu halten. Geschah ein Unglück, schlug eine Seuche zu, hieß es unisono: „Die Götter hungern!“ Aber dann geschah, einem weltweiten Paukenschlag gleich, plötzlich eine radikale Wende, in Israel: Lass deine Opferei, meide den Altar – geh zuerst und suche den, mit dem du in Fehde liegst, und mache mit ihm Frieden. „Dann komm und opfere deine Gabe.“ So radikal, dass nicht einmal von Interesse ist, wer denn an der Fehde schuld ist. Nichts gegen die Gabe, aber erst aus der Kritik üblicher religiöser Vorstellungen entstand in Israel ein ganz neuer Blick auf das, was Glaube wahr macht. bek

Mt 5,23-24

Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gebe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe.

Himmelslicht

5. Februar 2017, 5. Sonntag im Jahreskreis A

„Salz der Erde“, „Licht der Welt“, „Stadt auf dem Berg“ – mit diesen und ähnlichen Bildern definiert Jesus die Identität der Jünger. Nicht das „Du sollst“ des ethischen Imperativs empfiehlt er seinen Zuhörern.

Er setzt Fakten: „Ihr seid“. Es geht ihm nicht um das „Du“, den sozial engagierten Einzelnen. Er sagt „Ihr“. Dieses „Ihr“ realisiert sich heute als Gemeinde. Wonach sie sich ausrichtet, entscheidet über ihre Wirkung. Würze und Ausstrahlung sind zwar verheißen, aber nicht selbstverständlich. mim

Mt 5,13-16

Jesus sprach zu seinen Jüngern: Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr; es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten. Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf dem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Demut? Armut?

29. Januar 2017, 4. Sonntag im Jahreskreis A

Die Demütigen und Armen bei Zefanja sind keine lasche Gruppe von ängstlichen Minderbemittelten und Unentschlossenen, die mangels Besserem nach Gott Ausschau halten. Es sind vielmehr jene hartgesottenen Realisten, die auf der Suche nach Gerechtigkeit nur Gottes Maß anerkennen.

Demütiger Realismus lässt sich durch das ständige Hinter-dem-Maß-Zurückbleiben nicht entmutigen. Und arm im Sinne des Propheten ist, wer sich hartnäckig mit nichts weniger begnügt als mit dem von Gott vorgesehenen Reichtum des Glaubens. Die Tugend der Bescheidenheit ist hierfür kein Synonym, sondern geradezu der Gegensatz. tac

Zef 2,3; 3,12-13

Sucht den Herrn, ihr Gedemütigten im Land, die ihr nach dem Recht des Herrn lebt. Sucht Gerechtigkeit, sucht Demut! Vielleicht bleibt ihr geborgen am Tag des Zornes des Herrn. Ich lasse in deiner Mitte übrig ein demütiges und armes Volk, das seine Zuflucht sucht beim Namen des Herrn. Der Rest von Israel wird kein Unrecht mehr tun und wird nicht mehr lügen, in ihrem Mund findet man kein unwahres Wort mehr. Ja, sie gehen friedlich auf die Weide, und niemand schreckt sie auf, wenn sie ruhen.

Start-up

22. Januar 2017, 3. Sonntag im Jahreskreis A

Warum wählt der Handwerker aus Nazareth als seine ersten Mitarbeiter Fischer?

Vielleicht, weil sie gerade da waren? Vielleicht auch, weil Fischer gewohnt sind, gemeinsam zu arbeiten, gelernt haben wach zu sein, und wissen, was Ausdauer bedeutet: Jeden Tag  beginnt das Geschäft neu. Als gläubige Juden erwarten sie außerdem das Kommen der neuen Welt Gottes. Und sie sind Realisten genug, um zu wissen, dass dafür ihre Mitarbeit gefragt ist. Aber wo und wie? Das wird ihnen klar, als sie die Worte hören, mit denen Jesus sie zu sich ruft. Sie lassen sich sammeln, um zu sammeln – mit dem Sachverstand derer, die wissen, worauf es ankommt. hak

Mt 4,12-23

Als Jesus hörte, dass man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, zog er sich nach Galiläa zurück. Er verließ Nazaret, um in Kafarnaum zu wohnen, das am See liegt, im Gebiet von Sebulon und Naftali. Denn es sollte sich erfüllen, was durch den Propheten Jesaja gesagt worden ist: Das Land Sebulon und das Land Naftali, die Straße am Meer, das Gebiet jenseits des Jordan, das heidnische Galiläa: das Volk, das im Dunkel lebte, hat ein helles Licht gesehen; denen, die im Schattenreich des Todes wohnten, ist ein Licht erschienen.
Von da an begann Jesus zu verkünden: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe. Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er zwei Brüder, Simon, genannt Petrus, und seinen Bruder Andreas; sie warfen ihre Netze in den See, denn sie waren Fischer. Da sagte er zu ihnen: Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm. Als er weiterging, sah er zwei andere Brüder, Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes; sie waren mit ihrem Vater Zebedäus im Boot und richteten ihre Netze her. Er rief sie, und sogleich verließen sie das Boot und ihren Vater und folgten Jesus. Er zog in ganz Galiläa umher, lehrte in den Synagogen, verkündete das Evangelium vom Reich und heilte im Volk alle Krankheiten und Leiden.

Größenverhältnisse

15. Januar 2017, 2. Sonntag im Jahreskreis A

Der Horizont ist groß und der Held der Geschichte eher klein – die Aufgabe global und der Empfänger des Auftrags fast ganz allein.

Das sind die Größenverhältnisse, in denen die Lesung aus dem Propheten Jesaja die Aufgabe Israels sieht. Die Person, die Jesaja „Knecht“ nennt, repräsentiert das Gottesvolk Israel. Als kleines gesammeltes Volk soll Israel „Licht der Völker“ sein. Eine winzige Gruppe, ein unbedeutendes Volk war es bereits zur Zeit der antiken Weltreiche. Doch es erfuhr eine universale Wirkung, weil es immer wieder als Gottes Volk lebte, sich zurechtweisen, sich reformieren ließ, bis heute. Der Prophet weiß auch, dass es dazu im Volk Gottes „Knechte“ geben muss, deren Dienen und Demut die Keimzelle für die Erneuerung und das Gelingen des Ganzen bilden. Auch diese Größenverhältnisse gelten bis heute. acb

Jes 49,3.5-6

Der Herr sagte zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, an dem ich meine Herrlichkeit zeigen will. Jetzt hat der Herr gesprochen, der mich schon im Mutterleib zu seinem Knecht gemacht hat, damit ich Jakob zu ihm heimführe und Israel bei ihm versammle. So wurde ich in den Augen des Herrn geehrt, und mein Gott war meine Stärke. Und er sagte: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht für die Völker, damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht.

„ja, was denn nun?“

8. Januar 2017, Fest der Taufe des Herrn Lesejahr A

Jesus von Nazareth – kaum ein Mensch unter der Sonne hat so viele Fragen auf sich gezogen. Ist er Mensch? Ist er Gott? Ist er beides? Aber wie?

Auch das Evangelium von seiner Taufe versucht eine Antwort. Nicht akademisch-abstrakt, sondern anschaulich erzählend: Jesus am Jordan in einer Warteschlange von Bußwilligen – zusammen mit „Hinz und Kunz“ aus seinem Volk Israel. Es war ihm mit der Muttermilch eingegeben – zum Judesein bedarf es der Umkehr zur Gerechtigkeit, die Gott meint, d. h. „richtiges“ Menschsein vor Gott und dem Nächsten, gemäß der Bibel.

Wer aber hier bekehrt werden muss, ist der Täufer selbst, Johannes. Denn dieser findet die Taufe Jesu skandalös. Bedarf denn der Gottessohn der Umkehr? Mit der ganzen späteren Christenheit muss er lernen: Dieser Taufbewerber ist in allem ein gesetzestreuer Jude. Und gerade als solcher steht er im Gefallen Gottes. Als sein Sohn. bek

Mt 3,13-17

Jesus kam von Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen. Johannes aber wollte es nicht zulassen und sagte zu ihm: Ich müsste von dir getauft werden, und du kommst zu mir? Jesus antwortete ihm: Lass es nur zu! Denn nur so können wir die Gerechtigkeit, die Gott fordert, ganz erfüllen. Da gab Johannes nach. Kaum war Jesus getauft und aus dem Wasser gestiegen, da öffnete sich der Himmel, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe.

Der achte Tag

1. Januar 2017, Oktavtag von Weihnachten

Von allem, was die Evangelien über Geburt und Kindheit Jesu berichten, ist die Beschneidung das einzige historisch gesicherte Ereignis.

Seit Abraham gibt es eine ununterbrochene Kette von Vätern, die ihren Sohn auf diese Weise in das Volk Gottes aufnehmen. Deshalb ist das Weihnachtsfest erst am Oktavtag vollendet.

Die Kirche hat den Beschneidungstag zum Hochfest der Gottesmutter Maria erklärt und sagt damit dasselbe. Denn Jude ist, wer von einer jüdischen Mutter geboren wurde. So wird doppelt festgehalten: Es genügte nicht, dass Jesus geboren wurde, er musste in den Bund Gottes mit Israel aufgenommen sein, um die Geschichte Israels zu erfüllen. mim

Lk 2,16-21

In jener Zeit eilten die Hirten nach Betlehem und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag. Als sie es sahen, erzählten sie, was ihnen über dieses Kind gesagt worden war. Und alle, die es hörten, staunten über die Worte der Hirten. Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach. Die Hirten kehrten zurück, rühmten Gott und priesen ihn für das, was sie gehört und gesehen hatten; denn alles war so gewesen, wie es ihnen gesagt worden war. Das Zeugnis des Simeon und der Hanna über Jesus: Als acht Tage vorüber waren und das Kind beschnitten werden sollte, gab man ihm den Namen Jesus, den der Engel genannt hatte, noch ehe das Kind im Schoß seiner Mutter empfangen wurde.

Die Form der Anwesenheit

25. Dezember 2016, Weihnachten Lesejahr A

Der Gott ebenbürtige Logos hat zwei große Auftritte: Im Anfang bei der Schöpfung als Weisheit – alles ist durch ihn geworden. 

Der zweite Akt ist sein Kommen in die Welt als Wort. Er braucht jedoch mehrere Anläufe, denn die Finsternis will das Licht nicht erfassen. Die ihn aber aufnahmen, sind die Kinder Gottes, das Volk Israel. Unter ihnen vollzieht der Logos noch einen letzten Schritt der Annäherung: Das Wort wird Fleisch, ein Jude. Auch das sehen nicht alle. Nur das ‚Wir‘, dem Johannes eine Stimme verleiht, erkennt in ihm die Herrlichkeit Gottes. Der Logos ist also drin in der Welt. Im ‚Wir‘ der Kinder Gottes ist er allen Menschen zugänglich. tac

Joh 1,1-18

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst. Es trat ein Mensch auf, der von Gott gesandt war; sein Name war Johannes. Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen. Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht. Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. Johannes legte Zeugnis für ihn ab und rief: Dieser war es, über den ich gesagt habe: Er, der nach mir kommt, ist mir voraus, weil er vor mir war. Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade. Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus. Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.

Risiko Vertrauen

18. Dezember 2016, 4. Adventssontag Lesejahr A

Manche Medienwissenschaftler sind überzeugt: In unserer medien-dominierten und -moderierten Gesellschaft gehört das Risiko des Scheiterns immer weniger zum Handeln. 

Risiko wird ausgeblendet. Das hat auch zur Folge, dass kaum jemand mehr Verantwortung übernehmen mag. Wenn es aber kein Wagnis gibt, braucht man keinen Mut. Risiko und Vertrauen sind keine Gegensätze, sie sind zwei Seiten derselben Medaille. Dafür steht heute Josef, der Sohn Davids, als solcher ausgewiesen durch einen langen Stammbaum. Ohne Worte, im konkreten Tun, übernimmt er entschlossen Verantwortung für den messianischen Spross. Er riskiert es, dem Wort des Boten zu trauen. Er wird schon ‚gerecht‘ genannt, weil er seine Frau nicht bloßstellen wollte. Wieviel mehr ist er es durch sein Vertrauen und Risiko? hak

Mt 1,18-24

Mit der Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete – durch das Wirken des Heiligen Geistes. Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen. Während er noch darüber nachdachte, erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen. Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn wird sie gebären, und man wird ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott ist mit uns. Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.

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