Der primäre Skandal und die sekundären, selbstverschuldeten

Eines aber kann auf jeden Fall gesagt werden: Eine Weltzuwendung der Kirche, die ihre Abwendung vom Kreuz darstellen würde, könnte nicht zu einer Erneuerung der Kirche, sondern nur zu ihrem Ende führen. Der Sinn der Weltzuwendung der Kirche kann nicht sein, den Skandal des Kreuzes aufzuheben, sondern allein der, ihn in seiner ganzen Blöße wieder zugänglich zu machen, indem alle sekundären Skandale weggeräumt werden, die sich dazwischengeschaltet haben und leider oft genug die Torheit der Liebe Gottes mit der Torheit der Eigenliebe der Menschen verdecken.

Der christliche Glaube ist für den Menschen aller Zeiten ein Skandal. Dass der ewige Gott sich um uns Menschen annimmt und uns kennt, dass der Unfassbare in dem Menschen Jesus fassbar geworden, dass der Unsterbliche am Kreuz gelitten hat, dass uns Sterblichen Auferstehung und ewiges Leben verheißen ist: das zu glauben, ist für den Menschen eine aufregende Zumutung. Diesen christlichen Skandal hat das Konzil nicht aufheben können und wollen. Aber er ist in der Geschichte oft genug überdeckt worden von dem sekundären Skandal der Verkündiger des Glaubens. Sekundärer, selbstgemachter und so schuldhafter Skandal ist es, wenn unter dem Vorwand, die Rechte Gottes zu verteidigen, nur eine bestimmte gesellschaftliche Situation und die in ihr gewonnenen Machtpositionen verteidigt werden. Sekundärer, selbstgemachter und so schuldhafter Skandal ist es, wenn unter dem Vorwand, die Unabänderlichkeit des Glaubens zu schützen, nur die eigene Gestrigkeit verteidigt wird: nicht der Glaube selbst, der längst vor jenem Gestern und seinen Formen war, sondern die Form, die er sich einmal aus dem berechtigten Versuch heraus verschafft hat, in seiner Zeit zeitgemäß zu sein, die aber nun gestrig geworden ist und keinerlei Ewigkeitsanspruch erheben darf. Sekundärer, selbstgemachter und so schuldhafter Skandal ist es auch, wenn unter dem Vorwand, die Ganzheit der Wahrheit zu sichern, Schulmeinungen verewigt werden, die sich einer Zeit als selbstverständlich aufgedrängt haben, aber längst der Revision und der neuen Rückfrage auf die eigentliche Forderung des Ursprünglichen bedürfen.

Aus: Joseph Ratzinger, Der Katholizismus nach dem Konzil, Vortrag beim 81. Katholikentag in Bamberg 1966, Herder-Korrespondenz Jg. 20, Heft 1 (1966)

Notizen von einem, der sie gesehen hat

„Leben heißt sich wandeln und vollkommen sein heißt, sich oft gewandelt haben.“

John Henry Kardinal Newman, An Essay on the Development of Christian Doctrine (1845)

 

„Lebendige Bewegungen gehen nicht von Komitees aus.“

John Henry Kardinal Newman, Apologia pro Vita Sua (1864)

 

„Die Lehre des Urchristentums ist nach allen Richtungen hin für uns erforscht und die ursprünglichen Prinzipien des Evangeliums und der Kirche sind mit unermüdlichem Fleiß ans Licht gebracht worden. Doch etwas fehlt noch. Dies in eine Tat umsetzen zu können: eine lebendige Kirche aus Fleisch und Blut, mit einer Stimme, mit klarer Gestalt, Beweglichkeit, Tatkraft.“

John Henry Kardinal Newman, Apologia pro Vita Sua (1864)

Wo wir glauben sie zu kennen, sind wir mit der Kirche fertig

Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen.

Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertigwerden; weil wir sie lieben, solange wir sie lieben.

Unsere Meinung, dass wir das andere kennen, ist das Ende der Liebe, jedes Mal, aber Ursache und Wirkung liegen vielleicht anders, als wir anzunehmen versucht sind – nicht weil wir das andere kennen, geht unsere Liebe zu Ende, sondern umgekehrt: weil unsere Liebe zu Ende geht, weil ihre Kraft sich erschöpft hat, darum ist der Mensch fertig für uns. Er muss es sein. Wir können nicht mehr! Wir künden ihm die Bereitschaft auf, weitere Verwandlungen einzugehen. Wir verweigern ihm den Anspruch alles Lebendigen, das unfassbar bleibt, und zugleich sind wir verwundert und enttäuscht, dass unser Verhältnis nicht mehr lebendig sei.
„Du bist nicht“, sagt der Enttäuschte oder die Enttäuschte: „wofür ich Dich gehalten habe.“ Und wofür hat man sich denn gehalten? Für ein Geheimnis, das der Mensch ja immerhin ist, ein erregendes Rätsel, das auszuhalten wir müde geworden sind. Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose, der Verrat.

Aus: Max Frisch, Tagebuch 19461949

Die verlorene Ganzheit wiederfinden

Die ‚soziale Krankheit‘ Antisemitismus ist auch eine zutiefst christliche Krankheit. Im tiefsten stellt sich diese antisemitische Krankheit als Leiden der Christen am metaphysischen und moralischen Anspruch der christlichen Religion selbst dar. Der christliche Antisemitismus ist das Krebsgeschwür am Körper des Christentums, das die Grundlage zerstört, die es hervorgebracht hat.

Das Christentum muss diese verhängnisvolle Spaltung überwinden. Das kann aber nur dann gelingen, wenn es den abgespaltenen jüdischen Anteil nicht weiter verdrängt, sondern ihn reintegriert. Diesen Prozess einzuleiten, ist eine gleichermaßen theologische, wie pastorale und spirituelle Aufgabe. Ihr Ziel muss sein, den Juden Jesus – die ‚Weisheit Israels‘ – für das Christentum wieder zu entdecken und in das christliche Credo zu integrieren. Darin besteht die Perspektive eines Christentums ‚nach Auschwitz‘. Und darin liegt auch die Chance, die Schatten zu erlösen, die das Christentum verdunkeln.

Das wird der christlichen Religion in der säkularen und post-säkularen Welt zwar zu keinem durchschlagenden Erfolg verhelfen, aber es würde dazu beitragen, ihre verlorene Ganzheit, Glaubwürdigkeit und Würde wiederzufinden …

Aus: Maximilian Gottschlich, Unerlöste Schatten. Die Christen und der neue Antisemitismus (2015)

Es dreht sich keiner mehr um nach ihr

Katholischerseits ist eine neue Bibelübersetzung erschienen, mit neuem Register: 62 Seiten schöne neue Wörter. Vergeblich blättere ich und suche „Einmütigkeit“ … „Versammlung“ … „Nachfolge“ … „Jüngerschaft“.

Gerade so etwas hätte mich interessiert. Es ist, als hätte „Miss Universum“ all ihren Schmuck verloren, ihre Besonderheit. Zeigt also das Verlorene, wonach zu suchen wäre? pez

Gesegnet

Unwillig blickt der Mensch der Mehrheit auf den Störer seiner behaglichen Ruhe, und seiner natürlichen Neigung entspricht es nur, wenn er ihn steinigt.

Wehe aber dem Leibe Christi, wenn das seinen Alltagsgliedern gelingt! Es ist der Segen der Kirche, dass immer wieder selbständige, hochstrebende Geister das stagnierende Leben ihrer Alltagskinder aufreizen und aufrütteln.
Aus: Erich Przywara, Frühe religiöse Schriften (1917)

Dem Fußball gleich?

Über den ersten Präsidenten des FC Bayern, Kurt Landauer, schreibt eine hebräischsprachige Zeitschrift: „Landauer gab dem Club seinen besonderen Charakter; er machte ihn international, er stellte ausländische Ma’aminim an und organisierte den Kauf des Anwesens in der Säbenerstraße.“

„Ma’aminim?“, fragt sich der übersetzende Leser – „Was ist das? Eine Ableitung von ‚Emuna‘ – Glaube? ‚Emun‘  – Vertrauen? – ‚Leha’amin‘ – Glauben? Wen hat Kurt Landauer also angestellt? Ausländische Vertrauende? Treue Anhänger des Clubs vielleicht? Das Wörterbuch hilft weiter: „leha’amin“ – „glauben“ – „le’emon“ – „aufziehen, erziehen“ – „le’amen“ – „lehren, trainieren, ausbilden“ – „lehit’amen“ – „üben, trainieren“. Aha, da haben wir’s: Er hat ausländische Trainer angestellt, wie es später die anderen auch machten. … – „Omanut“ – „Kunst“ – „Umanut“ – „Handwerk“. Ein und dieselbe Wortwurzel. Die ungeahnte Bedeutungsvielfalt verführt zu etymologischen Gedankenspielen: Heißt das: Der Fußballspieler ein säkular Glaubender? Oder: Glaube ein Mannschaftssport? Und: Glauben heißt einfach am Ball bleiben? Oder viel schlichter: Der Glaubende ist ein immer Lernender? mas

Sonntag, Gänserich, Flügel

Stell dir vor, die Gänse hätten auch ihren Gottesdienst. Jeden Sonntag kämen sie zusammen, und ein Gänserich predigte.

Der wesentliche Inhalt der Predigt wäre: welch hohe Bestimmung die Gans habe, zu welch hohem Ziel der Schöpfer – und jedes Mal, da dies Wort genannt würde, knicksten alle Gänse und alle Gänseriche dienerten – die Gans bestimmt habe; mit Hilfe der Flügel könnten sie fortfliegen zu fernen Gegenden, seligen Gefilden. So jeden Sonntag. Und darauf trennte die Versammlung sich, jede watschelte heim zum eigenen Herd. Und dann wieder am nächsten Sonntag zum Gottesdienst und dann wieder heim – dabei bliebe es, sie gediehen und würden fett, drall und delikat – und dann würden sie zum Martinstag verspeist – dabei bliebe es. Denn während die Predigt am Sonntag so feierlich lautete, wussten die Gänse am Montag einander zu erzählen, wie es einer Gans ergangen sei, die Ernst habe machen wollen mit Hilfe der Flügel, die der Schöpfer ihr gegeben habe, bestimmt zu dem hohen Ziel, das ihr gesetzt sei, wie es ihr ergangen sei, welche Schrecknisse sie habe erdulden müssen. Auch fanden sich unter den Gänsen einige einzelne, die leidend aussahen, mager wurden. Von ihnen hieß es unter den Gänsen: da sieht man, wohin es führt, wenn man mit dem Fliegen-Wollen Ernst macht. Denn weil sie sich in ihrem stillen Sinn mit dem Gedanken, fliegen zu wollen, beschäftigen, deshalb werden sie mager, gedeihen nicht, haben Gottes Gnade nicht, wie wir sie haben und deshalb drall, fett und delikat werden, denn von Gottes Gnade wird man drall, fett, delikat. Und am nächsten Sonntag gingen sie dann wieder zum Gottesdienst, und der alte Gänserich predigte von dem hohen Ziel, wozu der Schöpfer (hier knicksten die Gänse, und die Gänseriche dienerten) die Gans bestimmt habe, wozu die Flügel bestimmt seien.

Aus: S. Kierkegaard, Tagebuch, 3.-12.12.1854 (1854)

Reformvorstellungen

Bei einer ökumenischen Veranstaltung zu Martin Luther ging der Bischof einer Alpendiözese mit gegenwärtigen Reformvorstellungen ins Gericht:

„Wer heute von Reform redet, fragt zuallererst: Wie kann durch eine Strukturreform möglichst viel Geld und Personal eingespart werden bei möglichst steigender Produktion und Output? Noch vor 40 bis 50 Jahren hingegen verstand man unter Reform: Du kannst etwas Neues in die Welt setzen, ein Projekt initiieren und bekommst dafür viel Geld und Personal.“

Im Unterschied dazu Hans Urs von Balthasar: „Reform geschieht nie durch Zusammenkleben zerbrochener Stücke. Sondern: ‚Aus Isais Stumpf sprosst ein Reis und ein Schössling dringt aus seinem Wurzelstock.‘“ mim

Der Christo-Effekt

Die „Floating Piers“ von Christo waren schon vor über vierzig Jahren geplant worden, noch zusammen mit seiner inzwischen verstorbenen Frau Jeanne-Claude.

Sie ermöglichten, umsichtig realisiert und frei finanziert, in diesem Sommer für sechzehn Tage kilometerweit auf goldorangen Stoffbahnen zu spazieren, über einen norditalienischen See, den Lago D`Iseo, und durch die alte Stadt auf seiner Insel. „Erstmals seit Menschen hier leben ist die Insel im See nicht nur mit dem Boot sondern auch zu Fuß erreichbar“ – so beschrieb der Künstler seine Projektidee. Die Spaziergänger zogen sich über dem Wasser die Schuhe aus und freuten sich über das Gefühl, unter den Füßen durch den Stoff und die Schwimmkörper die Wellenbewegung des Wassers zu spüren. Hier zeigte sich, welche alte Grundidee sich durch das Lebenswerk des Künstlers zieht: Die Verwandlung eines Ortes, die überrascht, ihn neu erfahrbar macht und würdigt. Mit Hilfe vieler wird der Ort zur Attraktion im ursprünglichen Wortsinn: anziehend. Deswegen machen sich viele auf, weil sie wissen, dass die Zeit um solcher Momente willen kostbar ist. ses

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