Der Lümmel, das Volk

Voller Neid und Bewunderung macht sich die Phantasie durch den Eurotunnel auf den Weg zur Insel jenseits des Ärmelkanals.

Was dort die gewählten Regierenden ihrem stolzen Volk, in dem niemand einen Personalausweis besitzt, zutrauen! Wie deren offenes Yes oder No das europäische Projekt aufwirbelt!

Referendum ist grammatikalisch ein Gerundium. Es drückt eine Notwenigkeit aus, hier: sich zu vergewissern beim Souverän.

Wie anders bei uns. Schon seit Jahren keine Opposition, was heißt: alternativlos. Dem Souverän wird bestenfalls zugetraut, dass er seinen Müll in den richtigen Tonnen deponiert. Im Grundgesetz ist ein Referendum wie in England nicht vorgesehen. Das Misstrauen gegenüber dem Lümmel, dem Volk, ist grenzenlos. Möglicherweise zu Recht. „Du bist die Aufgabe. Kein Schüler weit und breit.“ (F. Kafka) ars

Handzeichen

1508 – 2016…

 

Theologie auf Expansionskurs?

In einer Sendung über Jane Goodall wurde sie zitiert mit dem Satz:

„Der Tag, an dem mich die Gorillas als einen der ihren anerkannt haben, war der schönste Tag in meinem Leben.“

Eben las ich von der Existenz eines Instituts an einer philosophisch-theologischen Hochschule, dessen Schirmherrin Jane Goodall ist. Es nennt sich „Institut für Theologische Zoologie“. anm

Gespräch mit einer jungen Muslima (aus dem Italienischen)

Sie ist schön, gebräunte, samtige Haut, Ende zwanzig. Der Kopf ist in einen Schleier aus Naturseide gehüllt.

Nur die Schuhe, Walking-Schuhe, verraten die Vertrautheit mit abendländischer Kleidung. Die dunklen, tiefen Augen sprechen von einem anderen Leben, das ihren italienischen Zeitgenossinnen hier unbekannt ist. Seit acht Jahren ist sie verheiratet. Er lebt seit 14 Jahren in Italien, wo er inzwischen einen eigenen Handwerksbetrieb gegründet hat. Sie haben zwei Kinder und es werden weitere kommen. Sie sehnt sich nach dem Studium, das sie mit 19 wegen der Heirat aufgehört hat, sie hat gerne studiert. Aber jetzt, mit der Familie, hätte sie keine Zeit dafür.

Sie ist zur katholischen Beratungsstelle gekommen, weil sie sich Sorgen um den Sohn macht. Im Urlaub waren sie in ihrer Heimat, und als sie zurückkamen, wurde das Kind zunehmend unruhig. Sie sagt, das Kind sei wie gespalten zwischen Italien und ihrem Heimatland. Dann korrigiert sie: „Ich bin wie gespalten, wir Eltern sind gespalten“. Sie würde am liebsten nach Hause zurück, aber der Mann will nicht. Er hat sich so sehr in diesem fremden Land bemüht, jetzt hat er einen eigenen handwerklichen Betrieb und kann die Familie anständig unterhalten. In seinem Land hätte er das alles nicht. Dort müsste er das Risiko eingehen, von vorne anzufangen. Für ihn kommt das nicht in Frage.

Sie kämpft mit den Tränen. In ihrem Heimatland würde die Familie die Sicherheit verlieren – in Italien wird sie die Kinder verlieren. Regelmäßig besucht sie die Moschee, nimmt an einem Kurs teil, um die Sprache des Koran lesen und besser verstehen zu können. Sie betet fünf Mal am Tag und achtet den Ramadan. „Wenn ich bete, habe ich die Kinder in der Nähe, damit sie es auch lernen“.

Was beunruhigt sie so? „Ich habe Angst wegen der Kinder,“ sagt sie. Als unwissende Abendländerin lenke ich das Gespräch auf den IS und die aktuelle große Sorge in der islamischen Welt. Ihr Blick verfinstert sich, sie senkt die schönen Augen: „Ja, das ist ein großes Problem,“ sagt sie, schaut aber schnell wieder hoch und ihre klare Stimme sagt: „Mein Problem ist ein anderes. Der Sinn meines Lebens ist, dass ich Kinder erziehe, die als Erwachsene in Gottes Nähe leben wollen. Dann wird ihr Leben ein gutes Leben. Das ist alles, was ich will. Aber in Italien ist es schwierig, den Kindern den Glauben und die Nähe Gottes zu vermitteln. Unsere Kinder verlieren sich hier. Ich würde mich in Italien gut fühlen, wenn die Italiener Christen wären, aber sie sind es nicht. Die Italiener sind gar nichts. Und meine Kinder hier aufwachsen zu sehen, macht mir Angst.“

Jetzt senke ich den Blick. Was kann ich katholische Beraterin einer jungen moslemischen Mutter sagen, die befürchtet, dass ihre Kinder mitten in unserem Nichts die Nähe Gottes verlieren? Ich weiß nicht, was ich sagen soll, also umarme ich sie. cat/Übersetzung maz

Antike Kunst – leider nackt

Allenthalben Verwunderung und Empörung: Weil der iranische Präsident Rohani Rom besucht, wurden antike Statuen verhüllt, die Nackte zeigen.

Keiner will verantwortlich dafür sein: Der Kulturminister kritisiert die Entscheidung, der Regierungschef sei es auch nicht gewesen. Das Denkmalamt bestreitet, die Anordnung gegeben zu haben, vielmehr habe die Regierung Druck gemacht. Die aber – siehe oben – sagt, sie war es nicht.

Ist es so, wie es der iranische Präsident formulierte: Die Italiener seien „ein gastfreundliches Volk, das sich bemüht, ein angenehmes Klima für den Gast zu schaffen“? Oder nicht doch feiger vorauseilender Gehorsam? Ob dann die nächste gastfreundliche Geste die Verhüllung aller Kirchen und Kreuze sein wird, damit sich muslimische Gäste nicht provoziert fühlen? Man darf gespannt sein. anm

Kein trojanisches Pferd

Auch einen Tag nach dem Besuch des iranischen Präsidenten Rohani in Rom

konnte die sonst sehr gewiefte römische Korrespondentin der FAZ nicht herausfinden, von wem die Anweisung kam, die antiken Figuren – die schon einige ähnliche politische Figuren gesehen und überlebt haben und jetzt den Weg zur Pressekonferenz der Herren Rohani und Renzi im Kapitolinischen Museum säumten – hinter Kartons zu verstecken: „Wer hat die Venus verhüllt?“ (FAZ vom 28.1.2016)

Der die Anweisung gab, muss sich vertan haben. Er hätte handfeste Schreiner engagieren sollen. Die hätten die ‚Venus pudica‘ transportfähig für den Umzug nach Teheran gemacht. Und Präsident Renzi hätte davor Halt gemacht und seinem Kollegen ins Ohr geflüstert: „Das ist unsere Aufmerksamkeit für deine milliardenschweren Avancen.“ Alles nur Konjunktiv…

Im Indikativ bewegt sich der Mut zum Sich-Messen der unterschiedlichen Kulturen gegen Null. Wer hat hier wieder einmal kapituliert? ars

Guter Vorsatz

Wir werden auch 2016 ... 

Gefangen in der Staatsgläubigkeit – Es gibt nichts Gutes, außer der Staat tut es

Manches in der deutschen Diskussion um Zuckerbergs Ankündigung, den größten Teil seines Vermögens in wohltätige Stiftungen zu stecken, zeigt die deutsche Staatsgläubigkeit.

Die Entwicklungshilfe aus Steuermitteln der Bundesrepublik beträgt pro Jahr etwa das Siebenfache der von Zuckerberg angekündigten jährlichen Milliarde. Was mit diesem Geld gemacht wird? Das interessiert kaum jemanden. Aber private Wohltätigkeit erregt die Gemüter. ses

Richtig groß

Im Newsletter der Botschaft des Staates Israel wird festgehalten, dass Ministerpräsident Benjamin Netanyahu die jüngsten Aussagen von Donald Trump über Muslime ablehnt:

„Der Staat Israel respektiert alle Religionen und achtet strikt auf die Wahrung der Rechte aller seiner Bürger. Gleichzeitig kämpft Israel gegen den militanten Islam, der Muslime, Christen und Juden gleichermaßen zum Ziel hat und die gesamte Welt bedroht. Donald Trump hatte am Montag in einer Pressemitteilung ein vollständiges Einreiseverbot für Muslime in die USA gefordert.“ (Newsletter vom 10.12.15)

Der Ministerpräsident dieses kleinen jüdischen Staates also, der in seiner Existenz seit Jahrzehnten am stärksten vom militanten Islam bedroht ist, muss die Muslime vor einer Pauschalverdächtigung in Schutz nehmen gegenüber einem möglichen Präsidentschaftskandidaten des mächtigsten Staates der Welt. dio

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