Keine Büttenrede in der Bundesversammlung

Es war ernst und alles andere als eine Büttenrede in der Bundesversammlung, als Norbert Lammert mahnte, der politische Diskurs dürfe den Konsens in der Geschichtsdeutung der NS-Zeit nicht infrage stellen.

Die Anspielung auf Höckes Rede vom Holocaustmahnmal als „Denkmal der Schande“ war immerhin so deutlich, dass sich unter den Zuhörern der FDP-Vorsitzende Lindner spontan umwandte, um die AFD-Vorsitzende Petry anzuschauen, die direkt hinter ihm saß. Schon am Tag darauf las man in der Zeitung von einem Parteiausschlussverfahren gegen Höcke. Die unmittelbare Wirkung dieser politischen Szene im Februar enthielt Momente der Selbsterkenntnis und Kritikfähigkeit, für die der Kaiser den Hofnarr und die Gesellschaft den Fasching hat. ses

Bundesversammlung im Fasching

Wenn die Bundesversammlung zur Faschingszeit den Präsidenten wählt, wird die Reichstagskuppel für eine heitere Sternstunde zum Zirkuszelt.

Die Kameras, die in den Faschingssitzungen in den Reihen der Zuhörer nach den Politikern Ausschau halten, suchen in der Bundesversammlung nach den Gesichtern aus dem Showbiz: ein gealterter Schlagersänger, die Schauspielschönheit, der Fußballtrainer, der Komiker oder die Drag-Queen. Olivia Jones ragt schon durch Aussehen und schiere Größe aus der Versammlung der Anzugträger heraus. Die Drag Queen sitzt natürlich nicht in Zivil da, als Oliver Knöbel, sondern als der professionelle Paradiesvogel, der sie ist. Das muss so sein. Schließlich kommt Lady Gaga auch nicht als Stephanie Germanotta in den Palast der Königin von England, sondern als die ‚Queen of Pop‘, auf Augenhöhe. Wenn die Parteien zur Wahl des Bundespräsidenten stimmberechtigte Nichtpolitiker in die Bundesversammlung holen, dann spiegeln sie dem Volk, was sie für die erweiterte politische Repräsentanz der Herzen halten. Das macht den Präsidenten noch nicht zum Karnevalsprinzen. Aber ein klein wenig vom karnevalesken Flitter der ‚Stars in der Manege‘ rieselt auch auf sein Amt. ses

Gefällt nicht

Der erste Versuch, ein Sakko online zu kaufen bei einem renommierten Portal, eine gute Marke: Das Paket kommt, das Sakko passt, am Revers als Zugabe ein Anstecker aus Metall – ein Totenkopf.

Warum ein Totenkopf? Der Retourengrund auf dem Rücksendeschein: „Artikel gefällt nicht“. Zu ergänzen war: Nur ein Sakko bestellt. hak

Vor lauter Bäumen…

Aus einem kirchlichen Flyer zur Verwendung der Kirchensteuer:

Die Kirche „betreibt eine nachhaltige und naturschonende Bewirtschaftung der Wälder ... auch für die Tiere wird immer wieder bewusst Platz gelassen … Wenn etwa ein Baum vom Sturm geknickt ist, dann wird der Stamm oft erst in einigen Metern Höhe abgesägt … dann kommt der Specht … allmählich auch Wildbienen, Eichhörnchen, Fledermäuse …“

Jesus, so bei Markus geschrieben: Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen. luw

Weihnachtsmotto

„Mach‘s wie Gott: Werde Mensch!“ – witziges, aber sinnloses Wortspiel von jemandem, der offenbar nicht weiß, dass wir nicht Gott sind.

 „Abraham, der erste, der verkündet, dass Gott Gott ist und dass es deshalb die Aufgabe des Menschen ist, menschlich zu sein.“ (Elie Wiesel, Überlebender der Shoa)

Al Naqba – die Katastrophe?

Zur Vorgeschichte der „Katastrophe“, der „Naqba“, wie Araber sie nennen – der Gründung des Staates Israel – gehört die Einwanderung von mehreren hunderttausend Juden aus Europa in den Jahrzehnten davor. Wie er über diese Zeit denke, wird ein israelischer Araber gefragt.

Seine Mutter, antwortet er, heute fünfundneunzig Jahre alt, habe diese Zeit miterlebt. Sie sagt dazu: „Die Juden sind kluge Menschen. Sie brachten Technologie ins Land, landwirtschaftliche Neuerungen, belebten die Wirtschaft. Bevor sie kamen, hatten wir keinen Strom, kein fließendes Wasser, keine Straßen. Es gab nichts, gar nichts. Palästina war ein armes Land. Unsere Schuhe haben wir uns aus alten Autoreifen gemacht. Die Juden haben dieses Land verwandelt – heute ist es ein Garten Eden.“ mas

Zwei-Staaten-Lösung?

Gefragt, in welchem Staat er nach der Zweistaatenlösung lieber leben würde, antwortet ein palästinensischer Araber in Israel:

Selbst wenn er König von Jordanien werden könnte, wolle er in jedem Fall hier in Israel leben, wo er frei sagen kann was er denkt. Mit Nachdruck fügt er hinzu: Hundert Prozent der israelischen Araber denken so, auch wenn nicht alle den Mut haben es zu sagen. Wir wollen das testen und wiederholen die Frage leicht abgewandelt gegenüber unserem palästinensischen Taxifahrer: ob es wohl einmal zwei Staaten geben werde? Nein auf keinen Fall – das stünde schon Koran auch in der Tora und in der Bibel. Es dürfe nur ein Land geben. Und das müsste muslimisch sein. ses

Sich in der Szene auskennen

Wie es zugeht, wenn ein Paar katholisch heiraten will und, Gott oder wem sonst sei gedankt, gerade noch ein ehemaliger Messdiener bei einem solchem „Event“ in der Kirchenbank sitzt.

Die ganze Hochzeitsgesellschaft ist froh um den einen, der vormachen kann, wann man steht, sitzt, kniet oder „Amen“ sagt, berichtet die FAS, 9. Oktober 2016. Der humorvolle Vorschlag jenes einen – beste Erinnerung an vergangene Glanzzeiten der Satire, als sie uns noch lehrte, den Realitäten ins Auge zu sehen – wie er sich künftig gewinnbringend vermarkten könnte, sei wiedergegeben: „Rent a Catholic. Halleluja statt Hossa. Sie wollen es katholisch krachen lassen? Prayback statt Playback – ich bin Ihr Animateur fürs Atmosphärische, der allerbeste für religiöse Feste. Biete: profunde Kenntnisse kirchlicher Rituale, Vorbildfunktion, buchbar für Hochzeit, Kinderkommunion, Taufe, Beerdigung. Portfolio erweiterbar für evangelische Interessenten.“ Frage an seine Freunde: „Wetten, ich würde gebucht?“ Davon waren alle überzeugt. pez

Die Bestimmung des Menschen

17. September 2016: Das 183. Oktoberfest ist in München eröffnet worden. Wegen der Terrorgefahr ist das größte Volksfest der Welt in diesem Jahr durch einen Zaun gesichert.

Vom Journalisten befragt antwortet ein gut gelaunter Herr in Lederhosen, den Maßkrug schwenkend, mit Entschiedenheit: „Es gibt keinen Grund zur Angst. Es gibt nur einen Grund zum Feiern“. Dann folgt eine anthropologische Feststellung: „Der Mensch“, sagt er nachdrücklich, „ist dazu bestimmt zu feiern.“. Und er weist auf die Mitfeiernden im Bierzelt: „Das ist der Beweis.“ mas

Aus einem Bericht über eine Frankreichreise, August 2016

Am Portal der gotischen Kathedrale in Metz steht sie noch, die gebeugte Frau mit dem zerbrochenen Stab und der Binde vor den Augen – unbemerkt, vergessen. Wer wird sie aufrichten, nachdem das Unbegreifliche geschah?

Ist es leichter, ist es schwerer als die Lebensform der alten Orden neu zu errichten? Diese Frage ist bedeutungslos. Von Bedeutung ist nur, dass die Binde von den Augen genommen wird, aber nicht etwa von der Figur der Synagoge, sondern die vom Angesicht der Kirche. Damit sie in ihrem Gegenüber die erste und einzige Liebe Gottes erkennt. bek

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