Wie geht es morgen weiter?

Yuval Noah Hararis „Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen“ ist kostbar aufgemacht wie eine Bibel für voll säkularisierte Techno-Religiöse und weiß nicht ganz: Dürfen wir mehr Freude am Gewinn durch den Datenaustausch haben oder muss die Furcht größer sein, dass die Menschheit bald einmal eine ausgestorbene Tierart sein wird. Die Schere werde sich öffnen zwischen optimierten Übermenschen und nutzlosen Massen.

Harari reduziert alles auf Forschungsergebnisse und kurze Sätze. Emotionen und Intelligenz sind lediglich biologische Algorithmen, sie lösen die Sinnsuche ab: Du sollst dich von den Daten bestimmen lassen. Der Datenaustausch ist die Rettung. Wir brauchen nur auf die Algorithmen zu hören. Google ist das Gewissen der Welt.
Vielleicht werde die Kunst der letzte freie Ort des Menschen sein? Aber die Computer würden auch sie erobern. Orwells Dystopie von ‚Big Brother is watching you‘ habe die falsche Gefahr an die Wand gemalt. Was geschehen werde, sei die Auflösung des Individuums von innen heraus. Aber ist das so schlimm? Das Individuum gehört doch wie Willensfreiheit und Seele zur bloßen Fantasie der alten religiösen Frühstufe: „Die Realität wird ein Mischmasch aus biochemischen und elektronischen Algorithmen sein, ohne klare Grenzen und ohne individuelle Knotenpunkte“ (466).
Was lehrt dieses Buch, mit Goldlettern im Gewand einer neuen Bibel? Science Fiction? Unterhaltung? Natürlich muss heute niemand zu einem Gott beten um Essen und Gesundheit. Aber wenn jeder Homo sein eigener Deus ist, dann werden andere Menschen hungrig und krank bleiben. Die Hoffnung auf Forschungslabore, Algorithmen und den Datenstrom eignet sich nicht als Messiasglaube.
Wenn man 1976 in Haifa geboren wurde, in Oxford promoviert hat und an der Hebrew University Weltgeschichte lehren darf – kann unbemerkt bleiben, dass die Bibel im Original nicht Religion ist, sondern Aufklärung? luw

Kennen Indien-Kenner Indien?

Als ich kürzlich nach Indien reiste, war ich auf Anregung so mancher Indienkenner mit einer ganzen Tüte voller kleiner Spielsachen und Süßigkeiten für die vielen bettelnden Kinder, die einen überall umringen, sobald man aus dem Auto steigt, bepackt.

Ich habe mich umsonst damit abgeschleppt, denn ich war nicht irgendwo in Indien, sondern in Kerala, dem indischen Bundesstaat mit dem größten Anteil an Christen. Kerala ist der Bundesstaat mit der höchsten Alphabetisierungsrate, der geringsten Arbeitslosigkeit, der geringsten Obdachlosigkeit, der höchsten Gleichstellung der Frau. Bettler sah ich einige vor den Kirchen. Aber auch nicht mehr als bei uns. Zufall? Oder die Auswirkung von 2000 Jahren Christentum in einem Land, in dem es als ein unstatthaftes Eingreifen in die hinduistisch-göttliche Ordnung gilt, dem Armen, der im Schmutz liegt, aufzuhelfen? Zum Glück besuchten wir ein von Steyler Missionaren geführtes Waisenhaus, wo unsere kleinen Mitbringsel den Kindern doch etwas Freude bereiteten. bes

Sterbehilfe – unverhoffte Chance für den Organspenden-Pool

Im Jahr 2016 starben allein in den Niederlanden 6.091 Menschen durch aktive Sterbehilfe, berichtet das medizinische Fachjournal JAMA. Eine Gruppe von niederländischen und belgischen Ärzten stellt folgende Rechnung auf:

Im Jahr 2015 hätten 1.288 Belgier auf ein Spenderorgan gewartet, 2.023 Belgier starben nach Euthanasie. Nach Schätzungen hätte man bei mindestens 10 Prozent (204 Personen) zumindest ein Organ explantieren können. Wenn beispielsweise 400 Belgier nach aktiver Sterbehilfe ihre Nieren spenden würden, würde sich die Zahl der vorhandenen Nieren verdoppeln. Man könnte weiterrechnen: Was fehlt noch an Organen? Wer ist Euthanasie-willig? anm

Die Misere des deutsch-katholischen Antijudaismus

Die Mail einer Bekannten in Israel eröffnet mir die israelische Innenansicht auf die diplomatische Panne des deutschen Außenministers Gabriel in Israel, der ein Treffen mit der NGO „Breaking the Silence“ einem Termin mit dem Ministerpräsidenten vorzieht.

Die NGO wird in der israelischen Öffentlichkeit als linksradikale Agitation wahrgenommen: Sie denunziert die israelische Armee als Kriegsverbrecher und wird dafür vom Ausland finanziert, vor allem aus der EU und aus Deutschland. Das mit der Finanzierung macht mich neugierig. Ich hatte einiges erwartet, aber das Ergebnis der kurzen Recherche nach den deutschen Finanziers ist erstaunlich. Der größte Geldgeber im Geschäftsjahr 2016 ist MISEREOR, das katholische Hilfswerk gegen den Hunger in der Welt. Da wird mir übel vor so viel Selbstgerechtigkeit. Besoffen vom Gefühl einer politischen Sendung werden hier Spendengelder zweckentfremdet. Wieso sammelt MISEREOR in den Kirchenbänken für eine politische Einmischung in einem anderen Land? Es ist gerade so, als hätten wir in Deutschland einen Moscheeverein dabei erwischt, wie er eine zweifelhafte deutsche NGO finanziert, deren Ziel es ist, die Soldaten der Bundeswehr bei einem Auslandseinsatz als Vergewaltiger zu denunzieren. ses

Ehe und Familie – museumsreif?

Gezeichnet von einem Leser...

    

Anfang der Weisheit

Botho Strauß veröffentlichte vor Ostern unter dem Titel „Reform der Intelligenz“ einen Artikel in der ZEIT, der den denkfaulen „Ideenkitsch“ des Zeitgeistes als „Flachrelief aus Gedankenpolyester“ geißelt. Es geht ihm in seinem Artikel jedoch nicht nur darum, über die „befleckte Unempfänglichkeit“ des ideologischen Denkens zu spotten, sondern auch um „Auswege aus dem Niedergang des Denkens“ aufzuzeigen:

„Im Zynismus steckt ja eine enorme Kraft, die restlos mit sich zufrieden ist. Die Selbstzufriedenheitsschubkraft also gilt es zu nutzen und im Handumdrehen in königliche Demut, in Staunen, Entdecken und Bewundern zu transformieren. Ein starker Transformator muss man sein. Das wäre der Anfang.“ Das ist seine Version der Einsicht in die Gottesfurcht als Anfang der Weisheit. ses

Kletterleichte Herzenssachen

Ein christliches Jugendzentrum wirbt für das Projekt „Herzenssache – Das Spiel des Lebens“: gemeinsam in der Gruppe als eine fiktive Person durch einen Geburtskanal klettern; Parcours-Stationen passieren wie Taufe, Grundschule, Erstkommunion, Firmung, Schulabschluss.

Da wird geklettert, überlegt, gehüpft, gefragt, balanciert … mit jugendlichen Spielleitern über eine Stunde überlegen: wie Entscheidungen fällen, wie Christsein leben; als Abschlussgeschenk ein Lebkuchenherz mit einem Bibelsatz.
Eine einzige Stelle gibt es in der Bibel über den 12-jährigen Jesus. Sein Training: Er saß unter den Schriftgelehrten und ließ nicht locker, um Antworten zu bekommen. Darüber – Herzenssache – habe er sogar seine Familie vergessen, die schon weitergezogen war. pez

Jerusalem

Die Grabeskirche und den dortigen Touristenrummel wollen wir umgehen. So bitten wir unseren israelischen Guide, einen Politikwissenschaftler, uns in das jüdische Viertel zu führen und uns von der Geschichte dieses Ortes, vor allem im 20. Jahrhundert, zu erzählen. Energisch lehnt er ab.

Wir gehen in die Grabeskirche, sagt er und führt uns dorthin. Seine Erklärung: Ihr werdet Jerusalem nicht verstehen, wenn ihr nicht versteht: Diese Stadt ist errichtet auf dem Berg Moria, dem Berg der Bindung Isaaks an den Glauben Abrahams, und dem Berg Golgota. mas

Neue Frömmigkeit

In Wien wirbt ein Fitness-Studio mit einem großen Transparent:

„Wir haben den Tempel. Ihr bringt die Opfer.“ dio

Alles so schön grün hier!

Wie ein Reisemagazin interreligiös in Richtung Eden rudert und dabei heil um die Klippe Jerusalem kommt.

Wenn ein intellektuell anspruchsvolles Medium wie DIE ZEIT mit einem Papst-Interview überrascht, dann erörtert sie im Reiseteil auch gleich die Frage, wo der Garten Eden zu suchen sei und lädt zum Gespräch über das Paradies einen Imam, eine Pastorin und einen Rabbi ein.   

Das kleine interreligiöse Seminar über die Heilshorizonte  in Judentum, Christentum und Islam ist erfreulich aufschlussreich, wenn man ein wenig zwischen den Zeilen liest. Jude und Christin äußern sich wenig konkret, aber diesseitig. Der Imam spricht ausschließlich vom Jenseits, dafür aber sehr konkret. Das muslimische Paradies kommt erst nach der „Vernichtung von allem“, dafür ist es großartig: „Es hat zum Beispiel hundert Stufen, zwischen zwei Stufen liegen tausend Jahre. Und es ist von einem Baum die Rede, von dessen Schatten läuft man 40 Jahre bis zum Stamm. Da braucht man schon ein ewiges Leben, um das alles zu sehen.“  Die Pastorin zeigt sich von den großen Zahlen des Imam unbeeindruckt und hat nichts besseres zu tun, als nach den 72 Jungfrauen zu fragen: „Was habe ich als Frau davon?“ Die Antwort des Imam, im Paradies seien auch die Männer Jungfrauen, beantwortet nicht direkt die Frage der Pastorin, klingt aber genderpolitisch korrekt. Skeptisch ist der Rabbi: „Wir Juden sehen uns als eine Gemeinschaft, private Paradiese sind da nicht vorgesehen.“

Bestimmt haben die Zahlen der muslimischen Mystik etwas zu bedeuten. Wenn man die Stufen und den Weg im Schatten zusammenzählt, sind es 50.040 Jahre, im Verhältnis zur Ewigkeit noch nicht einmal das akademische Viertelstündchen. Vielleicht ist das Paradies der Muslime doch etwas näher als sie meinen. Nur das mit der „Vernichtung von allem“, die dem vorausgehen muss, klingt irgendwie beunruhigend.

Die Redakteure der ZEIT wollen es weniger spekulativ und fragen die drei nach einem konkreten Ort, einem persönlichen Garten Eden. Da schwärmt der Imam vom Geschmack eines saftigen Granatapfels in der Trockenheit von Damaskus, während der Rabbi  von Jerusalem erzählt, wo er studiert hat und seine ersten beiden Kinder geboren wurden. Das Paradies der Pastorin liegt „in Mecklenburg oder irgendwo an der Ostseeküste“, da empfindet sie die „ganz große Resonanz“.  

Beim Reizwort Jerusalem müssen die ZEIT-Redakteure korrekterweise einhaken und festhalten, dass die Stadt allen drei Religionen heilig ist. Auch Imam und Pastorin sollen sich zu Jerusalem äußern.  Darauf herrscht „kurzes Schweigen, aber man hört die Synapsen rattern.“  Die Pastorin schaut auf ihr Wasserglas, der Imam lässt seinen Kaffee weiter kalt werden. „Beide sind Profis im interreligiösen Dialog. Sie wissen wie man heiße Eisen aus dem Feuer kriegt.“ Die Spannung löst sich, weil der Iman noch nie in Jerusalem war und die Pastorin angesichts heiliger Stätten „nicht auf Kommando ergriffen sein“ mag. Versöhnlich wird das Gespräch, als der Rabbi meint, dass die Paradiesvorstellungen nicht zufällig aus der Wüste kamen, sie sind „Ausdruck eines existenziellen Mangels“. Das gefällt dem Imam, weil es erklärt, warum das Paradies immer grün ist. Seine Gäste aus der Türkei bekommen in Deutschland „vor lauter Staunen den Mund nicht zu. So viel Grün!“ 

Am Ende des Gesprächs ist für den Imam Zeit zu beten. Die Pastorin versucht vergeblich einen Andachtsraum zu vermitteln: die Gedächtniskirche sei immerhin „optisch sehr zurückhaltend“. Aus praktischen Gründen geht der Imam aber lieber zum Rabbi nach Hause: Vor dem Gebet muss er sich waschen. ses

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