„Die Unterwerfung“ am G20-Wochenende in Hamburg

Während Zehntausende Leinenbanner durch eine sirenendurchzogene Geisterstadt tragen, einige tausend vermummte Gestalten der Stadt gewaltsam ihren Aufstand aufzwingen, steht im Deutschen Schauspielhaus Hamburg eine schwarze Wand.

Ganz schwarz ist sie nicht, in der Mitte schimmert eine Auslassung, ein ausgehöhltes Kreuz. Francois, aus Houllebeques „Unterwerfung“, kommt vor die Wand gelaufen, unter das Kreuz. Mit der Zeit beginnt es sich zu drehen, Francois steigt hinein, in den Uhrzeiger, der sich wandelt, in eine Chaiselongue, in einen Betonmischer, in ein Hamsterrad. Es hält inne, Francois klettert hinaus aus seinem Sarg, er läuft auf und ab vor der Wand, er entledigt sich seiner Kleidung, er klettert wieder hinein, in das Schlüsselloch, immer wenn die Längsseite herabsinkt. Bald ist er entkräftet, er braucht einen Tisch, um sich wieder hinauf hieven zu können, ein Zuschauer springt ihm zur Seite. Am Ende bricht das Kreuz weg, die Wand hebt sich vor einem gänzlich schwarzen Raum, Francois, weiß bekleidet, erleuchtet, formt Glaubenslaute einer fremden Sprache. “Es wäre die Chance auf ein zweites Leben. Ich hätte nichts zu bereuen.” Nach dem Theaterstück, am Bahnhof, treffen sich alle, die Leinenbanner, die Aufstanderzwinger, die Theatereuphoriker und die Zurseitespringer, und zwängen sich in den Sonderzug. saw

Ehe für … Freiwillige?

Viel ist schon geschrieben worden zur „Ehe für alle“ seit dem Blitz-Beschluss des Bundestages – von zornigen Katholiken, die den Staat auffordern, dann doch gleich die zivilrechtliche Ehe ganz abzuschaffen, wenn er sie nicht mehr unter seinen besonderen Schutz stellen wolle wie Art. 6 des Grundgesetzes es vorschreibt, über atheistische Biologen, die den Politikern Unkenntnis der biologischen Voraussetzungen bescheinigen, bis hin zu erstaunten Alt-Kommunisten, die sich nur wundern über so viel Spießigkeit und sich fragen, warum denn ausgerechnet Schwule und Lesben jetzt unbedingt dieses reaktionäre Zwangsinstrument auf sich angewandt wissen wollen.

Wäre das nicht ein idealer Zeitpunkt für die Kirche, sich an ein Alleinstellungsmerkmal zu erinnern, das dem Staat gar keine Konkurrenz machen will: die Ehe als Sakrament? Die Sache hat nur einen Haken: sie ist nicht für alle – sondern nur für die, die wissen, was das ist und es mit allen Folgen unbedingt wollen. mah

Ein Bischof setzt ein Zeichen

Am 2. Juni 2017 veröffentlichte Pax Christi eine Presseerklärung: „Pax Christi International für Beendigung der Besatzung Palästinas“ anlässlich des 50. Jahrestages des Sechstagekriegs.

Die in der Erklärung aufgelisteten Schuldzuweisungen bedienen die bekannten israelfeindlichen Stereotype. Schon zuvor war auf einer Veranstaltung von Pax Christi Österreich mit dem palästinensischen Botschafter Salah Abdel Shafi die Schriftstellerin und Vertreterin der Israelitischen Kultusgemeinde Linz, Anna Mitgutsch, sowie zwei weitere Mitglieder der IKG beschimpft worden. Den Bericht darüber und die Presseerklärung von Pax Christi vom 2. Juni nahm der Diözesanbischof Manfred Scheuer zum Anlass, ein Zeichen zu setzen. Er teile die Sorgen der jüdischen Gemeinden über einen wachsenden Antisemitismus in Europa, so Scheuer in seinem Statement vom 7. Juni 2017: „Aufgrund der jüngsten Erklärungen von Pax Christi Österreich sowie der Ereignisse im Zusammenhang mit der Veranstaltung am 26. Mai 2017, die ich aus der KirchenZeitung am 7. Juni 2017 mitbekommen habe, erkläre ich mit Wirkung vom 07. Juni 2017 meinen Rücktritt als Präsident von Pax Christi Österreich.“ anm

Zwischen 13 und 15 Jahren

„Ein Knigge-Kurs, ein Besuch der KZ Gedenkstätte in Dachau, ein Erste-Hilfe-Kurs, ein Thementag Suchtprävention, ein Waldspaziergang mit Greenpeace, ein Ausflug in den Klettergarten mit Cocktailkurs … für Jungen und Mädchen zwischen 13 und 15 Jahren“, lese ich und denke: Klingt gut. Lauter vernünftige Dinge, um Jugendlichen eine erste Orientierung in unserer komplizierten Welt zu geben … Das klingt nach katholischer Jugendarbeit. Vielleicht Firmvorbereitung?

Dann lese ich weiter: „… um sich mit humanistischen Werten auseinanderzusetzen … Jugendweihe …“ Oh! Gar nicht so weit gefehlt. Allerdings: knapp daneben ist auch vorbei. Wo bleibt der Unterschied? mas

Unverwüstlich – das religiöse Bedürfnis

Die ARD zeigt unter dem Titel „Land ohne Glauben“ was bleibt. Die Dokumentation verbreitet, indem sie die neue Nutzung denkmalgeschützter Kirchen in Ostdeutschland mit Lesenächten für Kinder, Café- oder Restaurantbetrieb darstellt, in der traurigen Untergangsstimmung jenseits des Konfessionellen den Optimismus sozialer Aktivitäten. Dann wird ein erstaunliches Neubau-Projekt vorgestellt, das die Unverwüstlichkeit religiöser Bedürfnisse dokumentiert:

Ein Paar, Eventmanager im Hochzeits-Geschäft, baut eine neue Kirche, die ganz so aussehen soll wie eine Kirche, aber keine sein darf. Sie hat fast alles von einer Kirche, nur keine religiösen Symbole, um niemands religiöse Gefühle zu verletzten oder besser um alle zu befriedigen. Denn der Neubau dient nur dem irgendwie-religiösen Bedürfnis beim Heiraten. Gefragt, warum eine der leerstehenden Kirche nicht denselben Zweck erfüllen könnte, gibt die All-Inclusive-Event-Managerin zu bedenken, dass um die alten Kirchen herum Friedhöfe liegen. Da muss in der neuen Wohlfühl-Religion nichts näher erklärt werden: wer will schon beim Heiraten an den Tod erinnert werden. Auch das „Glaubensbekenntnis“ ihres Partners dürfte als ziemlich allgemeingültig gelten: woran er glaube? – an seine eigene Vitalität. Die Dokumentation zeigt im Verdunsten des Christlichen nicht die religiöse Wüstenei, sondern einen Wohlfühl-Sumpf, der das uralte religiöse Geschäft neu zum Blühen bringt und dabei auch kuriose Blüten treibt. ses

Volk des Buches

Ein antikes Grab im Kidron-Tal, der Fremdenführer übersetzt: „Hier ruhen der Priester Ben Hezir und seine Söhne. Gold ist in diesem Grab nicht zu finden. Niemand wage es, die Ruhe der Toten zu stören.“ Er erklärt, die Inschrift, in althebräischen Lettern, richte sich an Grabräuber:

„In Israel konnten bereits vor 2700 Jahren die Grabräuber – Ganoven, Diebe, der Abschaum der Gesellschaft – lesen und schreiben. Wir sind das Volk des Buches.“ mas

Objektivität?

Nachdem die öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten ARTE und WDR eine von ihnen finanzierte Dokumentation über den Antisemitismus nicht zeigen wollten, wurde sie auf der Website der BILD für 24 Stunden ausgestrahlt und steht mittlerweile auf YouTube: „Auserwählt und ausgegrenzt“. Die Reaktionen verdeutlichen, wie deutsch man das Thema begraben kann:

Bemängelt wird vorwiegend eine fehlende Objektivität, die gezeigten Beiträge seien zu einseitig, pro-israelisch und polemisch. Dieser Forderung entsprechend müsste in jeder Dokumentation über die Bürgerrechtsbewegung auch die Position des Ku-Klux-Klan gewürdigt werden, in einer Sendung über die Probleme der Pressefreiheit müssten auch die Sorgen des Diktators ernst genommen werden und so fort. Dass ein objektiver Bericht über den Antisemitismus nicht möglich ist, scheint unbegreiflich. heg

Wie geht es morgen weiter?

Yuval Noah Hararis „Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen“ ist kostbar aufgemacht wie eine Bibel für voll säkularisierte Techno-Religiöse und weiß nicht ganz: Dürfen wir mehr Freude am Gewinn durch den Datenaustausch haben oder muss die Furcht größer sein, dass die Menschheit bald einmal eine ausgestorbene Tierart sein wird. Die Schere werde sich öffnen zwischen optimierten Übermenschen und nutzlosen Massen.

Harari reduziert alles auf Forschungsergebnisse und kurze Sätze. Emotionen und Intelligenz sind lediglich biologische Algorithmen, sie lösen die Sinnsuche ab: Du sollst dich von den Daten bestimmen lassen. Der Datenaustausch ist die Rettung. Wir brauchen nur auf die Algorithmen zu hören. Google ist das Gewissen der Welt.
Vielleicht werde die Kunst der letzte freie Ort des Menschen sein? Aber die Computer würden auch sie erobern. Orwells Dystopie von ‚Big Brother is watching you‘ habe die falsche Gefahr an die Wand gemalt. Was geschehen werde, sei die Auflösung des Individuums von innen heraus. Aber ist das so schlimm? Das Individuum gehört doch wie Willensfreiheit und Seele zur bloßen Fantasie der alten religiösen Frühstufe: „Die Realität wird ein Mischmasch aus biochemischen und elektronischen Algorithmen sein, ohne klare Grenzen und ohne individuelle Knotenpunkte“ (466).
Was lehrt dieses Buch, mit Goldlettern im Gewand einer neuen Bibel? Science Fiction? Unterhaltung? Natürlich muss heute niemand zu einem Gott beten um Essen und Gesundheit. Aber wenn jeder Homo sein eigener Deus ist, dann werden andere Menschen hungrig und krank bleiben. Die Hoffnung auf Forschungslabore, Algorithmen und den Datenstrom eignet sich nicht als Messiasglaube.
Wenn man 1976 in Haifa geboren wurde, in Oxford promoviert hat und an der Hebrew University Weltgeschichte lehren darf – kann unbemerkt bleiben, dass die Bibel im Original nicht Religion ist, sondern Aufklärung? luw

Kennen Indien-Kenner Indien?

Als ich kürzlich nach Indien reiste, war ich auf Anregung so mancher Indienkenner mit einer ganzen Tüte voller kleiner Spielsachen und Süßigkeiten für die vielen bettelnden Kinder, die einen überall umringen, sobald man aus dem Auto steigt, bepackt.

Ich habe mich umsonst damit abgeschleppt, denn ich war nicht irgendwo in Indien, sondern in Kerala, dem indischen Bundesstaat mit dem größten Anteil an Christen. Kerala ist der Bundesstaat mit der höchsten Alphabetisierungsrate, der geringsten Arbeitslosigkeit, der geringsten Obdachlosigkeit, der höchsten Gleichstellung der Frau. Bettler sah ich einige vor den Kirchen. Aber auch nicht mehr als bei uns. Zufall? Oder die Auswirkung von 2000 Jahren Christentum in einem Land, in dem es als ein unstatthaftes Eingreifen in die hinduistisch-göttliche Ordnung gilt, dem Armen, der im Schmutz liegt, aufzuhelfen? Zum Glück besuchten wir ein von Steyler Missionaren geführtes Waisenhaus, wo unsere kleinen Mitbringsel den Kindern doch etwas Freude bereiteten. bes

Sterbehilfe – unverhoffte Chance für den Organspenden-Pool

Im Jahr 2016 starben allein in den Niederlanden 6.091 Menschen durch aktive Sterbehilfe, berichtet das medizinische Fachjournal JAMA. Eine Gruppe von niederländischen und belgischen Ärzten stellt folgende Rechnung auf:

Im Jahr 2015 hätten 1.288 Belgier auf ein Spenderorgan gewartet, 2.023 Belgier starben nach Euthanasie. Nach Schätzungen hätte man bei mindestens 10 Prozent (204 Personen) zumindest ein Organ explantieren können. Wenn beispielsweise 400 Belgier nach aktiver Sterbehilfe ihre Nieren spenden würden, würde sich die Zahl der vorhandenen Nieren verdoppeln. Man könnte weiterrechnen: Was fehlt noch an Organen? Wer ist Euthanasie-willig? anm

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