Meier Meier

von G. K. Chesterton

Von allen vorstellbaren Formen der Aufgeklärtheit ist die des sogenannten „inneren Lichtes“ die schlimmste.

Von allen schrecklichen Religionen ist die schrecklichste der Kult um den „Gott im Innern“. Dass Meier den Gott in seinem eigenen Innern anbeten soll, läuft letztlich darauf hinaus, dass Meier Meier anbetet.
Aus: Gilbert Keith Chesterton, Orthodoxie (1908)

Abgründiges Gemüt

von B. Strauß

Nietzsches Hass auf den Antisemitismus: ‚er ist einer der krankhaftesten Auswüchse der so absurden, so unberechtigten reichsdeutschen Selbstanglotzung‘. Bundesdeutsche Selbstanglotzung kennen wir inzwischen auch zur Genüge und wissen, dass diese umso eitler wird, je kritischer es um die wirtschaftliche Prosperität bestellt ist und dass infolgedessen auch die feindseligen Regungen gegen die zuvielen Fremden im Land wieder zunehmen.

Wenn man die plötzliche Hassbelebung bemerkt, die bei den sehr Jungen nicht seltener ist als bei den älteren, erprobten Rassisten, könnte man den Eindruck gewinnen, als habe das deutsche Gemütsleben seit langer Zeit im Wesentlichen aus einer Lücke bestanden; nichts vom bunten Allerlei, das hineintraf, konnte diese erfüllen, nichts regte sich; erst wenn der Fremdenhass hineintrifft, spürt man sofort: Passt! Das Gefühl fühlt wieder, etwas Zentrales ist ihm wieder zu Eigen. Es ist jedenfalls nicht mehr die Stunde, in der wir getrost darauf vertrauen dürften, dass eine liberale Demokratie mit ihrem simplen Rand/Mitte-Denken auch mit den parapolitischen und negativsten Bedürfnissen eines Volkes auf Dauer fertig würde.
Aus: Botho Strauß, Paare, Passanten (1981)

Eingedenk der Zukunft

von W. Benjamin

Bekanntlich war es den Juden untersagt, der Zukunft nachzuforschen. Die Thora und das Gebet unterweisen sie dagegen im Eingedenken. Dieses entzauberte ihnen die Zukunft, der die verfallen sind, die sich bei den Wahrsagern Auskunft holen.

Den Juden wurde die Zukunft aber darum doch nicht zur homogenen und leeren Zeit. Denn in ihr war jede Sekunde die kleine Pforte, durch die der Messias treten konnte.

Aus: Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte (1943)

„Glaube“ nicht gefragt

von A. Einstein

So ist das Judentum keine transzendente Religion; es hat nur mit dem von uns erlebten, gewissermaßen greifbaren Leben zu tun und mit nichts anderem. Es scheint mir daher fraglich, ob es eine „Religion“ im geläufigen Sinn des Wortes genannt werden kann, zumal eben vom Juden kein „Glaube“ verlangt wird, sondern Heiligung des Lebens im überpersönlichen Sinn.

Wenn man das Judentum der Propheten und das Christentum, wie es Jesus Christus gelehrt hat, von allen Zutaten der Späteren, insbesondere der Priester, loslöst, so bleibt eine Lehre übrig, die die Menschheit von allen sozialen Krankheiten zu heilen imstande wäre.

Aus: Albert Einstein, Mein Weltbild (1934)

Woran Reformen scheitern

von K. Jaspers

Die Besten der Zeitgenossen des Cusanus forderten die Reform der Kirche an Haupt und Gliedern, wie auch die Reichsreform. Beauftragt mit der Reform der Kirche in Rom selber, scheiterte er völlig, weil auch Papst und Kardinäle nicht daran dachten, Reformen, die ihr eigenes Tun und ihre Stellung betrafen, anzunehmen.

Reform als bloß äußere Änderung der Institutionen kann nicht gelingen. Denn Reform setzt die innere Umkehr der an ihr Beteiligten voraus, den Ernst eines im Entschluss entspringenden neuen Lebens. Cusanus wollte die Reformen, kannte aber nicht deren Bedingung in dem ursprünglichen Wandel des Selbstseins der Menschen, die sie verwirklichen.

Aus: Karl Jaspers, Nikolaus Cusanus (1964)

Zeitvertreib

von K. H. Haag

Aus der Verkürzung der Arbeitszeit entsteht unmittelbar nur ein Leerraum.

Zu seiner Ausfüllung durch höhere Tätigkeit enthält weder er selbst noch die verbleibende Arbeit ein Motiv. Daher mussten Wissenschaft und Kunst und Philosophie zu Medien bloßen Zeitvertreibs herabsinken, als sie die Aura einer Beschäftigung mit Göttlichem verloren.

Aus: Karl Heinz Haag, Der Fortschritt in der Philosophie (1983)

Zeit und Zeichen

von W. Percy

Das alte moderne Zeitalter ist vorüber. Wir leben sowohl in einem postmodernen als auch in einem nachchristlichen Zeitalter. Das gegenwärtige Zeitalter ist wahnsinnig. Es ist besessen von einem Gefühl der Ortlosigkeit, einem Verlust an persönlicher Identität, einem Wechsel zwischen Sentimentalität und Wut, was man bei einem einzelnen Patienten als Wahnsinn bezeichnen könnte. Ich würde es das Zeitalter des Theoretiker-Konsumenten nennen.

Alle Bewohner dieses Zeitalters neigen dazu, das eine oder das andere oder beides zu sein. Ein solcher Zeitgenosse kann so frustriert, gelangweilt und wütend werden, dass er zur Gewalt greift, Gewalt gegen sich oder gegen andere. Oder ein solcher Zeitgenosse entdeckt möglicherweise, dass er offen ist für eine Suche nach Zeichen, nach irgendeinem anderen Zeichen als dem Theoretisieren oder Konsumieren.

Es gibt im postmodernen Zeitalter nur zwei Zeichen, die von der Theorie nicht erfasst werden können. Das eine ist das eigene Selbst. Das andere Zeichen in der Welt sind die Juden, ihre Geschichte, ihr Jetzt- und Hiersein. Für das Selbst gibt es nichts anderes zu tun, als sich als Pilger auf den Weg in die Wüste zu machen und nach einem Zeichen zu suchen. In dieser Wüste aus Theorie und Konsum bleibt nur ein Zeichen übrig, die Juden. Mit „den Juden“ meine ich nicht nur Israel, sondern die weltweite ecclesia, die von einem von ihnen, dem Mensch gewordenen Gott, einem Juden, begründet wurde.
Aus: Walker Percy, Ach, Sie sind katholisch? Essays zu einer Weise die Welt zu sehen (1999)

Säkulare Rationalität und Glaube

von Benedikt XVI.

Es geht um folgende zentrale Frage: Wo finden wir die ethische Grundlage für politische Entscheidungen? Die katholische Lehrtradition sagt, daß die objektiven Normen für rechtes Handeln der Vernunft zugänglich sind, ohne daß dazu ein Rückgriff auf die Inhalte der Offenbarung nötig wäre.

Dementsprechend besteht die Rolle der Religion in der politischen Debatte nicht so sehr darin, diese Normen zu liefern, als ob sie von Nichtgläubigen nicht erkannt werden könnten. Noch weniger geht es darum, konkrete politische Lösungen vorzuschlagen, was gänzlich außerhalb der Kompetenz der Religion liegt. Es geht vielmehr darum, auf der Suche nach objektiven moralischen Prinzipien zur Reinigung und zur Erhellung der Vernunftanstrengung beizutragen. Diese „korrigierende“ Rolle der Religion gegenüber der Vernunft ist nicht immer willkommen, unter anderem weil entstellte Formen der Religion wie Sektierertum und Fundamentalismus sich selbst als Ursachen schwerer gesellschaftlicher Probleme erweisen können. Diese Verzerrungen der Religion treten ihrerseits dann auf, wenn der reinigenden und strukturierenden Rolle der Vernunft im Bereich der Religion zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Es ist also ein Prozeß in beide Richtungen.

Aus: Ansprache von Papst Benedikt XVI., London, Westminster Hall, 17. September 2010

https://w2.vatican.va/content/benedict-xvi/de/speeches/2010/september/documents/hf_ben-xvi_spe_20100917_societa-civile.html

 

So wird man ein Mensch, ein Christ

von D. Bonhoeffer

Später erfuhr ich und ich erfahre es bis zur Stunde, dass man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben lernt.

Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen – sei es einen Heiligen oder einen bekehrten Sünder oder einen Kirchenmann (eine sogenannte priesterliche Gestalt!), einen Gerechten oder Ungerechten, einen Kranken oder einen Gesunden – und dies nenne ich Diesseitigkeit, nämlich in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Misserfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten leben –, dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern das Leiden Gottes in der Welt ernst, dann wacht man mit Christus in Gethsemane, und ich denke, das ist Glaube, das ist »Metanoia«; und so wird man ein Mensch, ein Christ (vgl. Jerem. 45!). Wie sollte man bei Erfolgen übermütig oder an Misserfolgen irre werden, wenn man im diesseitigen Leben Gottes Leiden mitleidet?

21. Juli 1944, am Tag nach dem fehlgeschlagenen Attentat auf Hitler

Aus: Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung (1951)

Kein Samstag ohne Sonntag und umgekehrt

von G. Steiner

Es gibt einen besonderen Tag in der Geschichte des Westens, von dem weder historische Aufzeichnung noch Mythos oder Bibel Bericht geben. Es ist ein Samstag. Und er ist zum längsten aller Tage geworden.

Wir wissen von jenem Karfreitag, der der Christenheit als der des Kreuzes gilt. Doch der Nichtchrist, der Atheist weiß von ihm ebenso. Das heißt, dass er von der Ungerechtigkeit weiß, von dem unendlichen Leiden, vom Verfall, von dem brutalen Rätsel des Endens, aus denen in so breitem Maße nicht nur die historischen Dimensionen der Conditio humana bestehen, sondern auch das alltägliche Gewebe unseres persönlichen Lebens. Wir wissen unauslöschlich vom Schmerz, vom Versagen der Liebe, von der Einsamkeit, welche unsere Geschichte und unser privates Geschick sind.

Wir wissen auch vom Sonntag. Für den Christen bedeutet dieser Tag eine Ahnung, sowohl voller Gewissheit wie Gefährdung, sowohl evident wie jenseits des Verstehens, von Auferstehung, von einer Gerechtigkeit und einer Liebe, die den Tod überwunden haben. Wenn wir Nichtchristen oder Ungläubige sind, wissen wir von jenem Sonntag in analogen Begriffen. Die Züge jenes Sonntags tragen den Namen der Hoffnung.

Die erkennenden Wahrnehmungen und Gestaltungen im Spiel metaphysischer Vorstellung, im Gedicht und in der Musik, die von Schmerz und Hoffnung sagen, vom Fleisch, das nach Asche schmeckt, und vom Geist, der den Geruch des Feuers hat, sind immer des Samstags. Philosophisches Denken, poetisches Schaffen sind Samstagskinder. Sie sind einer Unendlichkeit des Wartens und Erwartens entsprungen. Gäbe es sie nicht, wie könnten wir ausharren?

George Steiner (jüdischer Schriftsteller, Philosoph und Kulturkritiker), aus: Von realer Gegenwart (1989)

Benedikt XVI., an einem Karsamstag geboren, feierte in diesem Jahr am Ostersonntag seinen 90. Geburtstag.

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