Das Urteil der anderen

von E. Cardenal

Die Diktatoren werden mit der Zeit alle verrückt, denn wenn man nicht die Kontrolle durch das Urteil der anderen hat, weiß man nicht, woran man sich halten soll.

Wenn alle um einen her lügen, kann man die Wahrheit nicht mehr unterscheiden. Deshalb werden sie auch immer exzentrischer.
Aus: Ernesto Cardenal, Verlorenes Leben (1998)

Identität

von I. B. Singer

„Nie hat es auf der Welt ein Volk gegeben, das sein Land verlassen musste und sich dann nicht nach einiger Zeit assimiliert hätte. Wenn Menschen ins Exil gehen oder auch wenn sie einfach auswandern, passen sie sich in der Regel nach ein oder zwei Generationen an ihre neue Umgebung an. Millionen von Deutschen sind in dieses Land ausgewandert, und alle sind ‚echte‘ Amerikaner geworden.

Die Juden dagegen sind seit zweitausend Jahren im Exil, haben in Hunderten von Ländern gelebt und viele Sprachen gesprochen, und doch haben sie ihre alte Sprache, das Hebräische beibehalten. Sie hielten am Aramäischen und später am Jiddischen und an ihren Büchern fest, und sie gaben ihren Glauben nicht auf. Und heute, nach zweitausend Jahren, kehren sie nach Israel zurück. Das ist in der Geschichte der Menschheit etwas so Einmaliges, dass niemand es für möglich halten würde, wenn es nicht geschehen wäre.“

Aus: Isaac B. Singer, Ich bin ein Leser, Gespräche mit  R. Burgin (1980)

Lebensgrundlage

von W. Wenders

Ich habe nicht das geringste Problem mit den Zehn Geboten, im Gegenteil: Ich finde es über alle Maßen erstaunlich, geradezu unfassbar, wie relevant und lebendig sie geblieben sind. Um uns nicht zu sehr an ihnen zu stoßen, dürfen wir auch folgendes bedenken: 

Übersetzungen aus dem Althebräischen weisen darauf hin, dass man die Zeitform der Verben nicht nur im Sinne des „Du sollst“ – „Du sollst nicht“ verstehen muss, sondern dass man sie auch als Futurum verstehen kann, nämlich als „Du wirst nicht ...“, und schon stehen diese Gebote in anderem Licht da. 

Im Klartext steht dann da nämlich: Wenn du mich als deinen Gott und Schöpfer begreifst, Mensch, dann wirst du mich ehren. Dann wirst du nicht lügen. Dann wirst du nicht töten ... usw. Easy. Und absolut einsichtig. Ein Mensch, der sich vor seinem Schöpfer verneigt und sich von ihm liebevoll be(ob)achtet weiß, braucht in der Tat keine Gebote, sondern erkennt, wie von selbst, die Folgen dieser Beziehung.

Ich sehe in den Zehn Geboten nicht die Spielregeln, die uns Gottes Rote Karte einbringen, wenn wir ihnen nicht folgen, sondern sein Versprechen, uns beizustehen, wenn wir ihn als Schöpfer und Herrn anerkennen. 

Wer meint, dass das eine unzeitgemäße Haltung ist im Zeitalter des Internets, der Genmanipulation, des Globalismus, der hat wahrscheinlich ein Gottvertrauen noch nicht im Entferntesten ins Auge gefasst und traut deswegen entweder nur sich selbst oder den Erfindungen des menschlichen Geistes, was meines Erachtens so ziemlich auf dasselbe herauskommt.

Wer die Welt sucht, findet auch nur die Welt. Wer Gott sucht, WIRD ihn finden. Im Grunde sagen die Zehn Gebote nichts anderes: Wer Gott sucht, dessen Leben geschieht in ebendiesen Bahnen, die hier zehnfach definiert werden. Auch noch 3500 Jahre später geben diese Zehn Gebote – „Angebote“ bin ich versucht zu sagen – sowohl eine Grundregel für das Gemeinschaftsleben ab als auch eine Grundlage für ein Leben, das man mit gutem Gewissen vor Gott und vor sich selbst führen kann.

Aus: Stern, Ausgabe Nr. 52, (2001), Beitrag von Wim Wenders nach dem 11. September 2001. Wenders wollte Priester werden, dann Chirurg und schließlich Maler. Am Ende siegte seine Liebe zum Kino und er wurde Regisseur.

Notwendig

von A. Delp SJ

Die Leistung des Heiligen: eminente Rühmung Gottes, ist sachlich übereinstimmend mit der echten Ordnung der Dinge. Es ist heute eine Verbindung beider Tüchtigkeiten: der eigentlichen Religiosität und der eigentlichen, sachlichen Weltkundigkeit, erwünscht, ja notwendig.

Damit ist gesagt, dass ich die sogenannten ‚rein religiösen‘ Bemühungen um den Menschen heute für unfruchtbar halte, da sie den Menschen nicht in der Fülle seiner Not treffen, sondern, obwohl sie von der Mitte reden, doch an der Peripherie bleiben.

Aus: Alfred Delp SJ, Gesammelte Schriften Band 4: Aus dem Gefängnis (1982)

Heilige Nacht

von E. Mühsam (*1878 – ermordet 1934)

Geboren ward zu Betlehem

ein Kindlein aus dem Stamme Sem,

Und ist es auch schon lange her,

seit’s in der Krippe lag,

so freun sich doch die Menschen sehr

bis auf den heutigen Tag.

Minister und Agrarier,

Bourgeois und Proletarier –

es feiert jeder Arier

zu gleicher Zeit und überall

die Christgeburt im Rindviehstall.

(Das Volk allein, dem es geschah,

das feiert lieber Chanukah.)

Aus: Erich Mühsam, Gedichte. Prosa. Stücke – Ausgewählte Werke Band 1 (1978)

Wenn der Engel ruft

Am 1. November rezitierte die Schauspielerin Anne Bennent im Literaturmuseum in Wien eine längere Passage aus „Die größere Hoffnung“ von Ilse Aichinger:

„morgen wird heute. … Heute wird gestern… lasst es nicht zu! Fangt das Heute! Sorgt, dass Ihr bleibt! … Jetzt und in der Stunde unseres Absterbens. … Schmerzen bringen immer Nutzen. … Kommt und schenkt ihm (Gott) eure Sünden, weil ihr nichts anderes habt. … Auf dem Weg ins Heilige Land sind wir alle! – Wo liegt das heilige Land? – Überall dort, wo Hirten Schafe hüten und alles verlassen, wenn der Engel ruft.“

Das hatte die junge Autorin unmittelbar nach Kriegsende in Wien geschrieben. In der Ausgabe von 2007 endet Ilse Aichingers „Rede an die Jugend“ mit dem Appell, auf der „geduldigen, aber niemals einzuschläfernden Suche“ zu bleiben: „die Freude immer erhoffen, aber diese Hoffnung nie bestechlich werden lassen“. Am 11. November starb Ilse Aichinger in Wien. dio

Sehr ernst

von S. Kierkegaard

„Als Kind muss man Christ werden, das muss von der Kindheit auf empfangen werden“, das will heißen: Die Eltern wollen davon befreit sein, Christen zu werden; aber man will einen Deckmantel haben und deshalb dies: seine Kinder zu wahren Christen zu erziehen.

Es steht mit den Eltern im Verhältnis zu den Kindern ebenso wie mit den Pfarrern im Verhältnis zur Gemeinde. Die Pfarrer haben auch nicht gerade Lust, selber Christen zu werden – aber ihre Gemeinde, die soll zu wahren Christen werden. Der Witz liegt immer darin, den Ernst (selber Christ zu werden) wegzubekommen und stattdessen den tiefen Ernst (!) anzubringen, dass man andere zu Christen machen wolle.

Von Geschlecht zu Geschlecht ist die „Christenheit“ eine Gesellschaft von Nichtchristen, und die Formel, nach der das zugeht ist folgende: Der Einzelne will nicht selbst Christ sein, er übernimmt es aber, Kinder zu zeugen, die Christen werden sollen; und diese Kinder halten es wieder genauso. Gott sitzt als Narr im Himmel.

Aus: Søren Kierkegaard, Der Augenblick (1855)

Scheunengleichnis

von V. E. Frankl

Wie steht der durchschnittliche Mensch zur ‚Zeit‘? 

Er sieht nur das Stoppelfeld der Vergänglichkeit – aber er sieht nicht die vollen Scheunen der Vergangenheit. Er will, daß die Zeit stillestehe, auf daß nicht alles vergänglich sei; aber er gleicht darin einem Manne, der da wollte, daß eine Mäh- und Dreschmaschine stille steht und am Platz arbeitet und nicht im Fahren; denn während die Maschine übers Feld rollt, sieht er – mit Schaudern – immer nur das sich vergrößernde Stoppelfeld, aber nicht die gleichzeitig sich mehrende Menge des Korns im Innern der Maschine. 

So ist der Mensch geneigt, an den vergangenen Dingen nur zu sehen, daß sie nicht mehr da sind; aber er sieht nicht, in welche Speicher sie gekommen. Er sagt dann: sie sind vergangen, weil sie vergänglich sind – aber er sollte sagen, vergangen sind sie; denn ‚einmal‘ gezeitigt, sind sie ‚für immer‘ verewigt.

Aus: Victor E. Frankl, Ausgewählte Vorträge über Logotherapie (2. Auflage 1964)

Streit um das Erbe

von J.-M. Lustiger

Man findet in der patristischen Überlieferung auch Texte, die in einer so starken theologischen und geistlichen Kontinuität stehen, dass man heute nicht einmal mehr weiss, ob sie christlichen oder jüdischen Ursprungs sind.

Die traditionelle Polemik gegen die Synagoge war ein Streit um das Erbe, und nicht – wie der moderne Antisemitismus – eine Zurückweisung des Erbes.

Es ist falsch zu sagen, Israel habe den Messias nicht anerkannt, denn die Urkirche war eine jüdische Kirche.

Aus: Jean-Marie Kardinal Lustiger, Gotteswahl (1992)

Shimon Peres, gestorben am 28. September 2016

Ich bin überzeugt davon, dass es im Leben nicht entscheidend ist, was man ist, sondern was man tut.

Titel oder Ähnliches haben mich nie beeindruckt. Ich habe, glaube ich, zu einem recht frühen Zeitpunkt begriffen, dass man als öffentliche Person den Menschen zu dienen hat – und nicht zu herrschen. Ich finde, dienen ist besser als herrschen.

Mir wurde früh bewusst, dass wir nichts haben. Israel ist ein sehr armes Land. Klein, trocken, eher ein karges als ein gelobtes Land. Doch dann wurde mir klar, dass wir über einen großen Schatz verfügen – die Menschen.

Mein ganzes Leben lang habe ich versucht, anderen behilflich zu sein. Wenn ich anderen helfe, helfe ich mir selbst.

Bevor ich zu Bett gehe, notiere ich eine Liste aller Fehler, die ich im Laufe des Tages gemacht habe.

aus einem Interview der Bild-Zeitung vom 6. Juni 2013, kurz vor seinem 90. Geburtstag

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