Säkulare Rationalität und Glaube

von Benedikt XVI.

Es geht um folgende zentrale Frage: Wo finden wir die ethische Grundlage für politische Entscheidungen? Die katholische Lehrtradition sagt, daß die objektiven Normen für rechtes Handeln der Vernunft zugänglich sind, ohne daß dazu ein Rückgriff auf die Inhalte der Offenbarung nötig wäre.

Dementsprechend besteht die Rolle der Religion in der politischen Debatte nicht so sehr darin, diese Normen zu liefern, als ob sie von Nichtgläubigen nicht erkannt werden könnten. Noch weniger geht es darum, konkrete politische Lösungen vorzuschlagen, was gänzlich außerhalb der Kompetenz der Religion liegt. Es geht vielmehr darum, auf der Suche nach objektiven moralischen Prinzipien zur Reinigung und zur Erhellung der Vernunftanstrengung beizutragen. Diese „korrigierende“ Rolle der Religion gegenüber der Vernunft ist nicht immer willkommen, unter anderem weil entstellte Formen der Religion wie Sektierertum und Fundamentalismus sich selbst als Ursachen schwerer gesellschaftlicher Probleme erweisen können. Diese Verzerrungen der Religion treten ihrerseits dann auf, wenn der reinigenden und strukturierenden Rolle der Vernunft im Bereich der Religion zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Es ist also ein Prozeß in beide Richtungen.

Aus: Ansprache von Papst Benedikt XVI., London, Westminster Hall, 17. September 2010

https://w2.vatican.va/content/benedict-xvi/de/speeches/2010/september/documents/hf_ben-xvi_spe_20100917_societa-civile.html

 

So wird man ein Mensch, ein Christ

von D. Bonhoeffer

Später erfuhr ich und ich erfahre es bis zur Stunde, dass man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben lernt.

Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen – sei es einen Heiligen oder einen bekehrten Sünder oder einen Kirchenmann (eine sogenannte priesterliche Gestalt!), einen Gerechten oder Ungerechten, einen Kranken oder einen Gesunden – und dies nenne ich Diesseitigkeit, nämlich in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Misserfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten leben –, dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern das Leiden Gottes in der Welt ernst, dann wacht man mit Christus in Gethsemane, und ich denke, das ist Glaube, das ist »Metanoia«; und so wird man ein Mensch, ein Christ (vgl. Jerem. 45!). Wie sollte man bei Erfolgen übermütig oder an Misserfolgen irre werden, wenn man im diesseitigen Leben Gottes Leiden mitleidet?

21. Juli 1944, am Tag nach dem fehlgeschlagenen Attentat auf Hitler

Aus: Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung (1951)

Kein Samstag ohne Sonntag und umgekehrt

von G. Steiner

Es gibt einen besonderen Tag in der Geschichte des Westens, von dem weder historische Aufzeichnung noch Mythos oder Bibel Bericht geben. Es ist ein Samstag. Und er ist zum längsten aller Tage geworden.

Wir wissen von jenem Karfreitag, der der Christenheit als der des Kreuzes gilt. Doch der Nichtchrist, der Atheist weiß von ihm ebenso. Das heißt, dass er von der Ungerechtigkeit weiß, von dem unendlichen Leiden, vom Verfall, von dem brutalen Rätsel des Endens, aus denen in so breitem Maße nicht nur die historischen Dimensionen der Conditio humana bestehen, sondern auch das alltägliche Gewebe unseres persönlichen Lebens. Wir wissen unauslöschlich vom Schmerz, vom Versagen der Liebe, von der Einsamkeit, welche unsere Geschichte und unser privates Geschick sind.

Wir wissen auch vom Sonntag. Für den Christen bedeutet dieser Tag eine Ahnung, sowohl voller Gewissheit wie Gefährdung, sowohl evident wie jenseits des Verstehens, von Auferstehung, von einer Gerechtigkeit und einer Liebe, die den Tod überwunden haben. Wenn wir Nichtchristen oder Ungläubige sind, wissen wir von jenem Sonntag in analogen Begriffen. Die Züge jenes Sonntags tragen den Namen der Hoffnung.

Die erkennenden Wahrnehmungen und Gestaltungen im Spiel metaphysischer Vorstellung, im Gedicht und in der Musik, die von Schmerz und Hoffnung sagen, vom Fleisch, das nach Asche schmeckt, und vom Geist, der den Geruch des Feuers hat, sind immer des Samstags. Philosophisches Denken, poetisches Schaffen sind Samstagskinder. Sie sind einer Unendlichkeit des Wartens und Erwartens entsprungen. Gäbe es sie nicht, wie könnten wir ausharren?

George Steiner (jüdischer Schriftsteller, Philosoph und Kulturkritiker), aus: Von realer Gegenwart (1989)

Benedikt XVI., an einem Karsamstag geboren, feierte in diesem Jahr am Ostersonntag seinen 90. Geburtstag.

Das Urteil der anderen

von E. Cardenal

Die Diktatoren werden mit der Zeit alle verrückt, denn wenn man nicht die Kontrolle durch das Urteil der anderen hat, weiß man nicht, woran man sich halten soll.

Wenn alle um einen her lügen, kann man die Wahrheit nicht mehr unterscheiden. Deshalb werden sie auch immer exzentrischer.
Aus: Ernesto Cardenal, Verlorenes Leben (1998)

Identität

von I. B. Singer

„Nie hat es auf der Welt ein Volk gegeben, das sein Land verlassen musste und sich dann nicht nach einiger Zeit assimiliert hätte. Wenn Menschen ins Exil gehen oder auch wenn sie einfach auswandern, passen sie sich in der Regel nach ein oder zwei Generationen an ihre neue Umgebung an. Millionen von Deutschen sind in dieses Land ausgewandert, und alle sind ‚echte‘ Amerikaner geworden.

Die Juden dagegen sind seit zweitausend Jahren im Exil, haben in Hunderten von Ländern gelebt und viele Sprachen gesprochen, und doch haben sie ihre alte Sprache, das Hebräische beibehalten. Sie hielten am Aramäischen und später am Jiddischen und an ihren Büchern fest, und sie gaben ihren Glauben nicht auf. Und heute, nach zweitausend Jahren, kehren sie nach Israel zurück. Das ist in der Geschichte der Menschheit etwas so Einmaliges, dass niemand es für möglich halten würde, wenn es nicht geschehen wäre.“

Aus: Isaac B. Singer, Ich bin ein Leser, Gespräche mit  R. Burgin (1980)

Lebensgrundlage

von W. Wenders

Ich habe nicht das geringste Problem mit den Zehn Geboten, im Gegenteil: Ich finde es über alle Maßen erstaunlich, geradezu unfassbar, wie relevant und lebendig sie geblieben sind. Um uns nicht zu sehr an ihnen zu stoßen, dürfen wir auch folgendes bedenken: 

Übersetzungen aus dem Althebräischen weisen darauf hin, dass man die Zeitform der Verben nicht nur im Sinne des „Du sollst“ – „Du sollst nicht“ verstehen muss, sondern dass man sie auch als Futurum verstehen kann, nämlich als „Du wirst nicht ...“, und schon stehen diese Gebote in anderem Licht da. 

Im Klartext steht dann da nämlich: Wenn du mich als deinen Gott und Schöpfer begreifst, Mensch, dann wirst du mich ehren. Dann wirst du nicht lügen. Dann wirst du nicht töten ... usw. Easy. Und absolut einsichtig. Ein Mensch, der sich vor seinem Schöpfer verneigt und sich von ihm liebevoll be(ob)achtet weiß, braucht in der Tat keine Gebote, sondern erkennt, wie von selbst, die Folgen dieser Beziehung.

Ich sehe in den Zehn Geboten nicht die Spielregeln, die uns Gottes Rote Karte einbringen, wenn wir ihnen nicht folgen, sondern sein Versprechen, uns beizustehen, wenn wir ihn als Schöpfer und Herrn anerkennen. 

Wer meint, dass das eine unzeitgemäße Haltung ist im Zeitalter des Internets, der Genmanipulation, des Globalismus, der hat wahrscheinlich ein Gottvertrauen noch nicht im Entferntesten ins Auge gefasst und traut deswegen entweder nur sich selbst oder den Erfindungen des menschlichen Geistes, was meines Erachtens so ziemlich auf dasselbe herauskommt.

Wer die Welt sucht, findet auch nur die Welt. Wer Gott sucht, WIRD ihn finden. Im Grunde sagen die Zehn Gebote nichts anderes: Wer Gott sucht, dessen Leben geschieht in ebendiesen Bahnen, die hier zehnfach definiert werden. Auch noch 3500 Jahre später geben diese Zehn Gebote – „Angebote“ bin ich versucht zu sagen – sowohl eine Grundregel für das Gemeinschaftsleben ab als auch eine Grundlage für ein Leben, das man mit gutem Gewissen vor Gott und vor sich selbst führen kann.

Aus: Stern, Ausgabe Nr. 52, (2001), Beitrag von Wim Wenders nach dem 11. September 2001. Wenders wollte Priester werden, dann Chirurg und schließlich Maler. Am Ende siegte seine Liebe zum Kino und er wurde Regisseur.

Notwendig

von A. Delp SJ

Die Leistung des Heiligen: eminente Rühmung Gottes, ist sachlich übereinstimmend mit der echten Ordnung der Dinge. Es ist heute eine Verbindung beider Tüchtigkeiten: der eigentlichen Religiosität und der eigentlichen, sachlichen Weltkundigkeit, erwünscht, ja notwendig.

Damit ist gesagt, dass ich die sogenannten ‚rein religiösen‘ Bemühungen um den Menschen heute für unfruchtbar halte, da sie den Menschen nicht in der Fülle seiner Not treffen, sondern, obwohl sie von der Mitte reden, doch an der Peripherie bleiben.

Aus: Alfred Delp SJ, Gesammelte Schriften Band 4: Aus dem Gefängnis (1982)

Heilige Nacht

von E. Mühsam (*1878 – ermordet 1934)

Geboren ward zu Betlehem

ein Kindlein aus dem Stamme Sem,

Und ist es auch schon lange her,

seit’s in der Krippe lag,

so freun sich doch die Menschen sehr

bis auf den heutigen Tag.

Minister und Agrarier,

Bourgeois und Proletarier –

es feiert jeder Arier

zu gleicher Zeit und überall

die Christgeburt im Rindviehstall.

(Das Volk allein, dem es geschah,

das feiert lieber Chanukah.)

Aus: Erich Mühsam, Gedichte. Prosa. Stücke – Ausgewählte Werke Band 1 (1978)

Wenn der Engel ruft

Am 1. November rezitierte die Schauspielerin Anne Bennent im Literaturmuseum in Wien eine längere Passage aus „Die größere Hoffnung“ von Ilse Aichinger:

„morgen wird heute. … Heute wird gestern… lasst es nicht zu! Fangt das Heute! Sorgt, dass Ihr bleibt! … Jetzt und in der Stunde unseres Absterbens. … Schmerzen bringen immer Nutzen. … Kommt und schenkt ihm (Gott) eure Sünden, weil ihr nichts anderes habt. … Auf dem Weg ins Heilige Land sind wir alle! – Wo liegt das heilige Land? – Überall dort, wo Hirten Schafe hüten und alles verlassen, wenn der Engel ruft.“

Das hatte die junge Autorin unmittelbar nach Kriegsende in Wien geschrieben. In der Ausgabe von 2007 endet Ilse Aichingers „Rede an die Jugend“ mit dem Appell, auf der „geduldigen, aber niemals einzuschläfernden Suche“ zu bleiben: „die Freude immer erhoffen, aber diese Hoffnung nie bestechlich werden lassen“. Am 11. November starb Ilse Aichinger in Wien. dio

Sehr ernst

von S. Kierkegaard

„Als Kind muss man Christ werden, das muss von der Kindheit auf empfangen werden“, das will heißen: Die Eltern wollen davon befreit sein, Christen zu werden; aber man will einen Deckmantel haben und deshalb dies: seine Kinder zu wahren Christen zu erziehen.

Es steht mit den Eltern im Verhältnis zu den Kindern ebenso wie mit den Pfarrern im Verhältnis zur Gemeinde. Die Pfarrer haben auch nicht gerade Lust, selber Christen zu werden – aber ihre Gemeinde, die soll zu wahren Christen werden. Der Witz liegt immer darin, den Ernst (selber Christ zu werden) wegzubekommen und stattdessen den tiefen Ernst (!) anzubringen, dass man andere zu Christen machen wolle.

Von Geschlecht zu Geschlecht ist die „Christenheit“ eine Gesellschaft von Nichtchristen, und die Formel, nach der das zugeht ist folgende: Der Einzelne will nicht selbst Christ sein, er übernimmt es aber, Kinder zu zeugen, die Christen werden sollen; und diese Kinder halten es wieder genauso. Gott sitzt als Narr im Himmel.

Aus: Søren Kierkegaard, Der Augenblick (1855)

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